Zlnterhaltungsblatl des"Vorwärts Nr. 16. Sonntag, den 22. Januar. 1905 (Nachdruck verbolcn) w Der Baum elfter. Roman von Felix Holländer. „Nur auf die paar erhöhten Momente kommt es an, in denen mau überhaupt erst fühlt, daß man vorhanden ist— daß man lebt. Alles andere ist schal und ohne Hnhalt. Und Sie— Sie fühlen wie ich. Auch Sie lieben den starken Trunk, der das Blut kreisen niacht. Und Sie besitzen," schloß Keßler mit Nachdruck,„den Wagemut, zu leben." „Ten Mut, unglücklich zu werden!" „Es gibt nur diesen Mut— mit ihm halt man sein Glück." „Man kann sein Glück nicht halten!" antwortete sie, und ein schwermütiger Glanz strahlte aus ihren Augen.„Wer sein Glück halten will, hat es schon verloren." „Liebes, liebes Fräulein, grübeln Sie nicht! Kraftlose Seelen grübeln, die andercm geben sich unbewußt der Lebens- freude hin. Unbewußtheit wünsche ich Ihnen— so viel Un- bewußtheit, um aus dem Lebensbecher mit vollen Zügen zu trinken." Sie lachte hell auf. „Ich wußte gar nicht, daß Sic so schwärmen können." „Jeder Künstler ist ein Phantast und Schwärmer. Wer nüchtern ist. lasse beide Hände von der Kunst. Können Sic es sich vorstellm, daß man als ein nüchterner Mensch in die ragende Höhe baut?" „Sie gefallen mir am besten, wenn Sie von Ihren Plänen sprechen," erwiderte sie statt aller Antwort.„Dann bekonunen Sie etwas Freies und Offenes, das Ihnen so gut zu Gesicht steht!" „Haben Sie denn etwas Falsches an mir bemerkt?" „Ich weiß nicht— aber inir kommt es zuweilen so vor, als ob zwei Seelen in Ihnen stritten. Tie eine ist rein und auf alles Große gerichtet— und die andere.. „Die andere?" .,... ist schwankend und voller Heimlichkeiten." Und ganz nachdenklich setzte sie hinzu:„Ich glaube. Sie sind ein Mensch, immer bereit, in Ltühnheit sich aufzuschwingen, und schwach und kraftlos, wenn er aus der Höhe fällt." Seine Miene verfinsterte sich. „Das haben Sie erkannt?" „Ich glaube, es erkannt zu haben." „So bewahren Sie mich vor dem Fall— Sic allein sind Cv imstande." „Wie vermag ich das?" „Glauben Sie an mich fest und unerschütterlich. Ihr Glaube wird mich emportragen. Und nun frage ich Sic noch einmal, ob Sie mir diesen Abend schenken wollen." „Ich will— ja, ich will!" fcsr drückte ihre Hand, daß sie leise aufschrie.... Vierzehntes Kapitel. G's war gegen vier Uhr nachmittags, als Steincrt keuchend und atemlos in Keßlers Zimmer trat. „Ich bringe die Kaufverträge," sagte er, indem er sich jede Begrüßung ersparte und sich, ohne den Hut abzunehmen, erschöpft auf einen Stuhl niederließ. Er reichte Keßler die Papiere, in die dieser keinen Blick tat. Er wog sie nur, als ob er sein Schicksal in den Händen hielt. Währenddessen wischte sich Steinert mit einem großen roten Tuch den Schweiß von der Stirn. Und da Keßler schweigend durch das Zimmer schritt, unterbrach er die Tlille mit den Worten:„Herr Baumeister, vitte»im einen Schluck Wasfer; ich glaube, ihn mir verdient zu haben." Keßler erwachte aus seinem Sinnen und maß mit einem sonderbaren Blick den kleinen Mann, der sich in diesen Tagen kranrpshaft abgehastet hatte und am Ende seiner Kräfte schien. Er sah aus wir einer der gehetzten Menschen, die ein ganzes Leben lang wie närrisch dem Glück nachgelaufen sind und von ihm zurückgestoßen-wurden, sobald sie es schon erhascht zu haben glaubten. Er kannte diese Leute. Sie glichen ab- getriebenem Wild, haten so etwas Erregtes und Gehetztes an sich, und es war eigentlich gefährlich, sich mit ihnen einzulassen. Sic waren unstet und sprachen fortwährend, sich selber über- stürzend, in der Angst, es könnte ihnen wieder etwas durch die Lappen gehen. � Mit dem Instinkt des mißtrauischen Menschen erriet Steinert bei diesem Blick, was in Keßler vorging. Er lachte ein wenig gezwungm auf. „Nein," sagte er,„Sie irren, ich habe mein Glück noch in zwölfter Stunde am äußersten Zipfel erfaßt. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, ich lasse es nicht mehr los." „Selbswerständlich nicht," antwortete Keßler halb ent- schuldigend. Es war ihm unheimlich, daß dieser Mensch in seiner Seele lesen konnte. Etwas pathetisch fügte Steincrt hinzu: „Baumeister, ich steige und ich falle mit Ihnen!" „Man soll nie von seinem Falle reden," brach Keßler kurz ab.„Solche Vorstellungen sind häßlich lind lähmend. Wir steigen— und damit basta!" „Herr Baumeister, Sie sind ein Sonntagskind— sind unter einem guten Stern geboren— für Sie gibt es nur ein Steigen. Ich klammere mich an Sie fest." „Tun Sie das getrost, ich trage Sie mit cnrpor." „Wie mit der Laterne habe ich mein Lebtag einen Menschen mit Glück gesucht— ich wußte, daß ich ihn finden würde— dieses- Bewußtsein hat mich aufrecht erhalten— war mein Glück." Er seufzte tief auf. Keßler stieß wider seinen Willen ein lautes Gc- lächter aus. „Warum lachen Sic?" „Ach," envidertc er,„Sie sind eine zu komische Zwiebel! ... Nein, Sie brauchen nicht beleidigt zu sein. Adein Lachen hat nichts Kränkendes für Sie. Sie ahnen gar nicht, in wie froher Stimmung ich bin, und wie gut es mir tut, daß Sie so fesl und unerschütterlich an mich glauben." Steinert erhob sich auf einmal. Seine Haltung war wieder straff und seine Züge voller Energie. „Herr Baumeister, wir müssen jetzt von Geschäften reden." Und eine unförmige, silberne Uhr aus der Westentasche ziehend, fügte er hinzu:„Es ist keine Zeit zu verlieren. Also wir müssen innerhalb achtundvierzig Stunden fünftausend Mark für die Stempeltosten und was sonst druxn und dran hängt, aufbringen." „Ja. wie denn?" fragte Keßler entsetzt.„Soll etwa der slauf daran scheitern?" Keßler packte den kleinen Mann an den Schultern.„Menschenskiud, Ivo soll ich fünftausend Mark auftreiben!... Tie Geldgeschäste, dachte ich. würden von Ihnen erledigt:" „Gewiß, darin haben Sie vollkommen recht! Aber doch erst von dem Momente an. wo Sie wirklich der Besitzer von Grund und Boden sind. Ich muß doch eine Basis haben, um bei meinen kÄeldleuten in Aktion treten zu können... das müssen Sie doch einsehen!" Keßler entgegnete kalt: „Es scheint mir ganz belanglos, ob ich das einsehe oder nicht. Es konunt nur darauf an, die fünftausend Mark zu schaffen." „Selbswerständlich!". � Steinert war ganz eingeschüchtert von diesen, Tone. „Ich bin ja zu dem Zwecke heraufgekommen, um mit Ihnen zu beraten. Verlassen Sie sich darauf, die fünftausend Mark werden da sein! Sie dürfen nur nicht gleich so hitzig werden! Man muß sich doch aussprechen!" „Daran werde ich Sic nicht hindern." „Gut, so sagen Sie mir. ob Sie irgend einen kapital» kräftigen Freund oder Bekannten besitzen?" Keßler war wütend. „Sie sind ein Schafskopf!" sagte er gereizt,„dann brauchte ich Sie doch nicht!" Steinert ließ sich nicht aus der FasiMg bringen. „Das ist ein großer Irrtum," erwiderte er.„Es ist sehr schwer, für. sich selbst jemanden um Geld anzugehen, während man durch' eine Mittelsperson..." „Alsg, ich besitze keinen derartigen Bekannten," schnitt ihm Keßler schroff das Wort ab. „Doch Sie besitzen einen solchen Bekannten," fuhr Stemert unentwegt fort, indem er sich die Hände rieb.» „Und wer wäre das?..." »Der Staatsanwalt von Drcnlwitz* „Fch glaube, Sie sind von Sinnen!" Steinert lächelte demütig. Er schien an Aufrichtigkeiten gewöhnt. „Ich danke für das Kompliment, Herr Baumeister. Im übrigen war ich noch nie so klar. Es würde einen ausgezeich- neten Eindruck machen, wenn unser erster Geldgeber der Staats- anwalt v. Drenkwitz wäre. Ich wiederhole: einen ausgezeichneten Eindruck! Tas würde alle weiteren Operationen wesentlich erleichtern.... Im übrigen habe ich erfahren, daß es Herrn v. Drenkwitz ein Leichtes wäre, die Paar tausend Mark abzustoßen." „Abzustoßen?" „Nun ja-- das ist so ein technischer Ausdruck!" „Ich erkläre Ihnen also, daß Staatsanwalt v. Drenkwitz in dieser Sache vollständig ausscheidet." Steinert zog den Rücken krumm. „Schade... jamnrerschade!" sagte er mehr für sich. „Drenkwitz würde mich auch nie in einer Sache unter- stützen, die auf so schwachen Füßen steht." „Ja— was ist da zu tun?" „Wir werden ebei? die Kaufverträge nicht abschließen und unser Projekt fallen lassen müssen." „Herr Baumeister, das kann Ihr Ernst nicht sein." „Mein unerschütterlicher Ernst." „Es muß sich doch ein Ausweg finden lassen. Es muß ein Mensch da sein, der uns mit diesen'. Lumpengeld aus der Patsche.. Er kam nicht zu Ende. Auf der Schwelle ekschien Herr- Freitag, der schüchtern stehen blieb, als er den ihm fremden Steinert bemerkte. „Ich wollte nur fragen," sagte er zaudernd,«wie es mit meiner Sache steht." „Bitte, wollen Sie nicht nähertreten!" antwortete Keßler höflich.„Herr Steinert— Herr Freitag!" stellte er kurz vor. „Wenn ich störe," sagte Herr Freitag gemessen,„so würde ich ohne weiteres..." „Sie stören nicht im mindesten," erlviderte Keßler— „nehmen Sie nur Platz." Herr Freitag setzte sich steif und würdevoll. ? Ist ja von einer alten Bekannten." Er hatte einen scheuen Blick und schämte sich. Die Frau jedoch drückte sie ihm in die Hand. „Und wenn Tu wieder mal vorbeikommst--" „Komm ich'ran. Adje, Anne— war doch ganz anders früher." „Ganz anders, Johann. Nu adje!" Sie sah ihm nach, sie schürzte die Röcke von neuem, sie nahm die Schleife ab. Dann wollt' sie mir dem Abseifen der Fenster wieder beginnen. Schon hatte sie den Lappen eingetaucht und aus- gewunden, als sie ihn plötzlich wieder in den Eimer zurücksallen lieh, sich setzte und die nasien Hände vor's Gesicht schlug. Sie war so hart in eintöniger Arbeit und Plage geworden, sie hatte das freie Glück der Jugend und die jubelnde Lust ihrer Mädchen- tage so lange vergessen— da kam heut Johann Klatt an ihre Tür, wie ein Bote aus versunkenen Fernen. So saß sie, fast zusammengesunken, ein paar Minuten. „Heulereil" brummte sie dann und fuhr sich energisch mit dem Handrücken über die Augen. Und dann scheuerte sie, daß ihr die Arme weh taten.— Ter Scherenschleifer zog derweil mit seinem Hund, seinem Weib. seiner Karre weiter— der Waldschcnke zu. Mit gebeugtem Haupt war er aus der Tür getreten. Seine Alte hatte gemurrt, wo er so lange bleibe. Doch als sie die Stullen mit Zwetschgenmus sah, leuchteten ihre Augen auf. Und mit cinemmal hob auch ihr Mann den Kopf. Man trottete so hin, Jahre. Jahre, Jahre... immer dasselbe Einerlei,... immer stehen und schieisen. Und heut, da war's, als wär' etwas Helles. Sonniges durch die graue Oede gehuscht... etwas... etwas Wunderschönes. Und es war doch eigentlich gar nichts. „Mutter," sagte er,„hier hast Tu das Brot. Iß es auf und gib� auch dem Hektar was!" „Na und Du?" „Ich bin drinnen schon satt geworden. Einen Schnaps Hab' ich auch gekriegt. Ach was, immer feste.. Was meinst Du, Alte, wenn's sein muß, ziehn wir den Karren noch ein paar Meilen weiter!" Und lustig, ob auch mit halb heiserer Stimme, sang er: „Ich bin ein Scherenschleifer Und acht' den freien Stand, Schrum hcididi, schrum hcidada Wohl auf und ab im Land! Ach, Scherenschleifer, komm' er'rein, So spricht manch schönes Jungfräulcin,— Schrum hcididi, schrum Heidada, Was mag zu schleifen sein?" Fassungslos hatte sein Weib zugehört. „Mann!" rief sie—„was ist denn los mit Dir? Seit Jahr und Tag singt er nicht mehr und heut, bei fünf Groschen— nu soll doch ein Mensch sagen!" Aber der Scherenschleifer lachte laut:„Mir ist heut mal so singrig. �. Schrum hcididi, schrum hcidada— sing man ruhig mit, Mutter!" Und so geschah's. Vor ihnen lag das Abendrot und fiel durch die Baumwipfel auf den Weg, den sie singend, mit dem Hund und dem Karren, entlang zogen... zum Nachtquartier in der Wald- schenke.—_ Kleines feuilleton. -][t- Spatzen.(Nachdruck verboten.) Die Spatzen sind ge- schäftiger denn je, und welches Männchen das Glück hat, führt die Braut heim— in ein fremdes Nest. Doch ich will nicht lauter Graukittel im Garten und ani Hause haben; die sorglich hergerich- tctcn Schlupfwinkel sollen den Sängern dienen. Weil aber unsere Gedanken für Freund Spatz völlig zollfrei sind, so habe ich zwei zudringliche Kerle sechsmal aus dein Starkasten getrieben, und als sie noch nicht weichen wollten, ihnen eins auf den Pelz gebrannt. Da ist Frau Spätzin das Opfer geworden. Jsts auch recht, so einen kleinen Spitzbuben aus der sonnigen Heiterkeit zu vertreiben? Noch blicke und höre ich in den Frühlingsjubel, da kommt auch schon den Spatzenwitwcr mit einer neuen Madam abermals zu dem ihnen versagten Nest am Fenster geflogen. In knapp fünf Minuten Ver- lust, Trauer, Tröstung und neues Leben! Das ist empörend, und da nun einmal ein Spatzennest dicht am Fenster unangenehm werden kann, so wird auch der männliche Eindringling einen Denkzettel er- halten. Das Schrot— fliegt und eine Witwe flattert nach zwei Minuten langer Ehe davon. Nun ist's aber genug des gewaccjamen Einschreitens! Ich drehe mich abermals der Sonne zu. Da pcopuch ist auch schon ein neues Zwitschern am Fenster. Diesmal ist F r a u Spätzin bereits mit einem neuen Galan angezoddelt gekommen. Mein Nachbar schmaucht sein Pfeifchen am Gartenzaun und hört schmunzelnd diese Spatzengeschichte. „Was isch, Pappe," fragt sein Achtjähriger,„selle Sach tue nur die Spatzc— gell?" Der„Pappe" zwinkert mir zu, und die Acuglein glitzern vor verschmitzter Klugheit unter den Fettpolstern. „Pappe sag! Das mache doch nur selle Spatze?" forscht der wissensdurstige Sohn aufs neue. Da tut der Herr des Hauses noch einen tiefen Zug und sagt.;, „Nittemal, Albertlc, nittemal!'s isch noch ein Vogel da,' der selle Sach gelegentlich fertigbringt; aber sellen lernscht erst später kenne. Man heißt ihn: bomo sapiens. Weischt?"— wr. Schlamassel.— Schlcmihl.— In Berlin hört man oft daS Wort Schlamassel in irriger Weise auf Personen angewendet. Dies ist wahrscheinlich auf eine Verwechselung mit Schlemihl zurück- zuführen. Das Wort Schlamassel entstammt der jüdischen Gauner- spräche, sein zweiter Teil entspricht dem jüdischen Massal, Glucks- stern, das als Masel, Massel in der Gaunersprache ürnich ist. Ob der erste Teil das verneinende hebräische schello oder an das deutsche schlimm angelehnt ist, dürfte kann, zu entscheiden sein. Schello Massal würde also soviel wie Unglück heißen. In seinen nach Ort und Zeit verschiedenen Anwendungen findet mau für Schlamassel folgende Bedeutungen: böser, verdrießlicher oder schmutziger Handel, widrigen Zustand, Mißgeschick, arge Verwirrung, Gemengsel, Plunder, wider- liche und sogar schlammige Masse. Eine Reihe dieser angeführten Bedeutungen erklären sich aus der Beziehung, in die man das Wort zu Schlamm brachte. So kommt es in der Form von Schlamaster in der Bedeutung von sumpfigem, von Regen aufgeweichtem Boden vor. In den RcRnsarten, in denen man das Wort antrifft, wird es in allen drei Geschlechtern gebraucht, auch in der Mehrzahl, meistens aber wendet mau es wohl männlichen Geschlechtes an, wenigstens in Berlin. Aus der Gegend von Ulm bringt Wander in seinem Sprich- wörter-Lexikon: einen in a Schlamaß bringen, einem aus der Schlamaß heraushelfen. Ferner verzeichnet er: in die Schlamassel kommen. Daß die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß man auch an das deutsche„schlimm" gedacht haben kann, zeigt das jüdisch- deutsche Sprichwort: Wenn cn Schlimm-Massel kummt, so kummt es nit allan. Wenn das Unglück einmal kommt, so kommt es in vollem Zuge. Dem Worte Schlemihl begegnet man oft in der Volkssprache, ohne daß viel Uebles dabei gedacht wird, in der Bedeutung: Träumer, Schelm. Auch dieses Wort entstammt der jüdischen Gaunersprache rtnd bezeichnet einen Dümmling, einen ungeschickten Menschen, einen Pechvogel. Der bekannte Held des Chamissoschen Märchens, Peter Schlcmihl, der unbeholfene Träumer, der von vor- schuldctcm und unverschuldetem Mißgeschick verfolgt wird, trägt also einen sehr bezeichnenden Namen. Die jetzige Schreibung des Wortes stammt wahrscheinlich von Chamisso her. Denn in dem Sprichwort:„Wenn es noch so viele Schlemielim gibt, was hilft es mir?", sieht man eine andere Schreibung, und zwar ist die lang zu sprechende Endung„im" das Zeichen für die Mehrzahl im Hebräiscben. Die Verwechselung von Schlemihl und Schlamassel hat wahr» scheinlich ihren Grund darin, daß ein Schlemihl sich so oft im Schlamassel befindet und dann auch selbst beinahe zu einer wider» wältigen Sache, einem Schlamassel, wird.— Kunst. es. Lesser Ury, der bei Keller u. Reiner ausstellt, ist ein unglückseliges Temperament. Es zerrinnt ihm sein ganzes Malen. Etwas eigentümlich Passives ist in seiner Natur, etwas Auflösendes, Berschwimmendes. Es ist, als flüchtete er angstvoll vor den Dingen und ließe sich nicht die Ruhe, den Erscheinungen auf den Grund zu gehen. Man kann hier den Weg verfolgen, den Ury genonunen hat. Von den kleinen, stimmungsvollen Jnterieurszenen(im Cafe z. B.). die malerisch einfach und groß gesehen sind, von den gründlichen Arbeiten der früheren Zeit(einige Kinderbilder. Gruppen), die noch in der Mrklichkeit verbleiben und festhaften an dem Licht und an der Lust der Erde, löst er sich plötzlich los und will versuchen, seinen eigenen Weg zu gehen. Dieser Weg teilt sich in drei Linien, die miteinander Berührungspunkte haben. Auf dem einen Wege kommt er zu scharf und eindringlich rou- trasticrcnden Farbenflächen, zu dekorativen Landschaften. Abendsonne, gelbliches Himmelslicht, dunkle Wälder wie schlvere Massen ivirkend. tief unten ein leuchtender See oder ein heller, grüner Weg. Alles in markanten Linien prägnant gegen einander gestellt, auf emdrmg- liche Wirkungen ausgehend. Der zweite Weg läßt ihn den Reizen der Farbe folgen. Er löst hier alle Konturen auf. Es fehlt jeder innere Halt. Es fehlt das Geripve. Die Farben— manchmal sind eS ganz auffallend ordinäre— hängen buchstäblich in der Luft. Bäume, die wie bunte Bindfäden auSiehen. Einmal erreicht er allerdings damit eine prächtige Wirkung: Birken vor einen, Tchneeberg, so leicht und farbig wie ein japanischer Holzschnitt, von hellstem Glanz. Man merkt wohl, wohin er strebt: illusorische, phantastische Wirkung. Drittens will llry Jdeenmalerci großen Stils. Es läßt sich nicht leugnen, in seinem Jeremias ist Größe. Größe der Naturstimnning in dem unendlichen Sternenhimmel, unter dem tief unten auf der Erde Jeremias kauernd licgr. Die meisten lvcrden bei Keffer Ury geneigt sein, einer rein persönlichen Entwickelung alles zur Last zu legen. DaS geht bei llry ganz leicht und ist das Nächstliegende. Zunehmende Schwäche des Sehvermögens, daher stark kontrastierende Farben einerseits, anderer- seit- zerfließende Haltlosigkeit, wo er die Farben auflöst. Die Dionuiuentalmalcrei bedeutet dann ein letztes Aufraffen, ein ge- zwungencS Zusammenpressen de- Willens, der zu Schöpfungen großen Stiles drängt, wobei das jüdische Temperament mitspricht und die Wege weist. Jedoch, das bliebe alles mir persönlich. Es erklärte nur die Tatsache. Uns aber mteresfiert die Person nur, wenn fie Träger einer allgememen Idee ist. wenn Zeitströmungen sich in thr konzentrieren. Dies möchte ich in, folgenden andeuten. Es ist bedauerlich, daß Lesser llry sich nicht mehr in Zucht »limmt. Denn trotz allein glaube ich, daß, so fremd seine Art auch ist, so viel schwächliches auch darin enthalten sein mag, dennoch ge- tvisse neue Werke aus ihr zu schöpfen sein werden. Nicht nur, daß eine sich so rückhaltlos bis zu Ende auswirkende Persönlichkeit— land- läufig wird man das mit.pathologisch' und.degeneriert' abtun und wohl auch von Defetten reden— psychologisch interessiert, da Ivir in unserer an Individualitäten so armen und an schablonenhaften Charatteren so reichen Zeit die Vorliebe für da?.Normale" notgedrungen verlieren müssen, ich glaube auch, daß hier malerisch ein neuer Drang zmn Durchbruch kommen will. ES steht die- in einer Linie mit den Ersahrungen, die ein ausinercksaincr Besucher der Kunst- salous machen konnte. Das ewige Wiederholen impresfioniftischer Motive reizt oft den Maler nicht mehr.(Ich spreche nicht meine Ansicht aus, ich referiere nur objektiv.) Die in, pressionistische Mal- weise läßt anscheinend Fähigkeiten lahmliegen, die tötig sein ivollen. Daher auch hier bei llry das Streben nach großzügiger, monu- mentaler Malerei. Jdeenmalerei, wenn man will. Daher auch die Borliebe für die dekorativ gcwertete Landschaft, in der große Flächen stark konttastieren. Daher auch das Zerfließen der Farbe, die Freude an den Farbenflecken als solchen, denen der zeichnerische Halt fehlt. ES scheint mir demnach richtig. eine abwartende Haltung einzu- nehuren. Was sich hier äußert, scheint mir nicht nur Ury persönlich und allein anzugehen. ES sind vielleicht Momente von allgemeiner Bedeutung. Vielleicht bringt sie llry zur Geltung. Vielleicht auch ist er nur zeitweiliges Mittel, es fehlt ihm die Kraft, und andere führen daS Werk fort. Jedenfalls scheinen eS mir zeitliche Strömungen, an deren Beginn wir hier stehen, und diese allgemeine Bedeutung möchte ich bei ilry herausheben.— Aus dem Ticrlebcu. — Zahme Rehe. Ter„Kölnischen Volkszeitung" wird von «ivem Forstmann geschrieben: Die Zähmung von Rehwild bis zu der Zutraulichkeit von der Art der Haustiere ist keine allzu schwierige Sache. Sie gelingt fast immer, wenn man das junge Reh e'wa i», Alter von einigen Tagen oder Wochen selbst mit der Flasche aufzieht. Das Aufziehen selbst ist ebenfalls sehr leicht, da die Tiere die Flasche nach ganz kurzen, Bemülien fast ausnahmslos gern annehmen und prächtig dabei gedeihen. Ich habe sehr viele vollständig zahme Rehe gesehen nnd auch wiederholt selbst solche aufgezogen und lange Zeit hindurch gchaltc,.. So wurde mir vor etlvo vier Jahren ein zwei bis drei Tage altes Kitzböckchen gebracht(aus dem freien Reviere). Dasselbe entwickelte sich, mit gewärmter Ziegenmilch ernährt, ganz vorzüglich, sprang seine» Pflegern behend auf den Schoß und lief frei im Hause und in, Garten umher. Schwieriger war es, den von mfl gehaltenen Jagdhund, welcher hauptsächlich zur Rehjagd gebraucht wird, auf einen freundschaftlichen Fuß mit dem Pflegling zu bringen. Der Hund zeigte sich zunächst sehr eifersüchtig auf den jungen, von der ganzen Familie gehätschelten neuen Zögling; er gewöhnte sich aber bald an das Böckchcn. Aus einem vornehmen Ignorieren des KitzchenS wurde bald ein freundschaftliches Verhältnis, nnd schon nach etlva zwei Monaten schliefen Hund nnd Reh in derselben Hütte und fraßen aus derselben Schüfiel. Der Hund warf sich sogar förmlich zum Beschützer seines neuen jungen Freundes aus. AI- »ämlich«inst ein fremder Hund in den Garten gedrungen war und das junge Reh bei der Kehle gepackt hatte, stürzte mein Jagdhund auf den Eindringling los und würgte ihn so heftig, daß ich nur durch scharfes Zuschlage» das Leben de- Fremdlings retten konute. Von dieser Zeit wurde das Tier noch zutraulicher gegen die Mensche» und verließ kaum die nächste Umgebung des Hauses. Im Hause lies es frei durch alle Zimmer; war es hungrig, so meldete es sich so lange durch Fiegen vor der Zimmertür, bis seine Pfleger ihm Nahrung brachten. Von niemand anders als den Mitgliedern der Familie ließ es sich anrühren.— In Kärnten habe ich in einem Dorfe der Perantwortl. Redakteur: Paul Büttner. Berlin.— Druck und Verlag: Saualpe eine zahme RehgeiS gekannt(ebenfalls mit der Flasche aufgezogen), die lange Jahre hindurch stets im Winter bei einem Kleinbauern auf dem Hofe sich aufhielt und an Zutranlichkeit von keinem Haustiere sich übertreffen ließ. Bei der ersten Schneeschmelze im Frühling verließ das Tier regelmäßig den Hof und brachte den Sommer in den nahegelegenen Forsten zu. Durch Halsband und ein kleines Glöckchen war es kenntlich gemacht. Diesem Reh bin ich, da- mal- als Forstmann in jenen Revieren tätig, zweimal vier bis fünf Kilometer von seinem Winteranfenthalt entfernt im Forste begegnet, ohne aber daß c- mich hätte näher kommen lassen. Dieses Reh hat zweimal im Spätherbst ein Kitz mit aus den Sommerferien gebracht, die aber nicht bei dem Hofe und der Mutter aushielten.— Medizinisches. lir. D i e Zunahme des Plattfußes. Der Plattfuß ist eine Krankheit, die vorwiegend im jugendlichen Alter in die Er- scheinung tritt; die Fußsohle hat dabei ihre natürliche Wölbung vcr- loren und ist abgeplattet. Das Leiden ist meist recht schmerzhaft. Neuerdings wollen nun manche Aerzte eine Zunahme des Plattfußes beobachtet haben und sie beschuldigen hierfür die Mode der spitzigen Stiefel. Auch der bekannte Orthopäde Prof. Müller in Stuttgart weist diese Möglichkeit nicht von der Hand. Da der spitze Stiefel die Fußspitze nach außen drückt, so könnte dies für die Entstehung de- Plattfußes wohl von Bedeutung sein. Nun muß man jedoch berück- sichtigen, daß man da- Leiden aber gerade häufig bei den arbeitenden Ständen antrifft, bei jugendlichen Fabrikarbeitern, Bäcker- und Kcllnerlchrlingeu, bei welchen das Tragen von spitzen Schuhen doch ivohl nicht die Regel ist. Von größerer Bedeutung dürfte das soziale Moment sein: Zu schwere und zu anhaltende Arbeit, namentlich im Stehen ausgeübt, bei jungen Leuten, bei welchen das Knochcnjystcm noch nicht widerstandsfähig genug ist, um Vcrbicgungen Widerstand zu leisten. Auch die Statistik bestätigt diese Tatsache, in Fabrikorten trifft man mehr als fünfmal so viel Plattjüßige wie in ländlichen Gegenden. Von dem Zeitpunkt an, wo die Kinder zur Arbeit in den Fabriken herangezogen werden, steigt die Zahl der Plattfüße sehr schnell. Die Behandlung besteht in dem Einlegen von Plattfußsohlen aus Nickelblech; die Sohlen sollen aber für jeden Patienten eigen- angefertigt werden.— Humoristisches. — Der zornige Knicker.„Hab' ich eine Wut in mir!... Hält' ich nur gleich'was r e ch t B i l l i g e S bei der Hand— kurz und klein tat' ich'S schlagen I"— — AuS dem Gerichts)' aal.„Sie sind beschuldigt, zmn Kläger gesagt zu haben:.Der Teufel soll Sie holen!"" „Gesagt Hab' ich es— es war aber nur ein„frommer Wunsch"!"— — U e b e r r a s ch n n g. Bräutigam(einige Tage vor der Hochzeit zu seiner Braut):„Das eine darf ich' Dir nicht vcr- schweigen: ich trinke ab und z» ein Glä-chen Bier sehr gerne nnd verschmähe auch gelegentlich ein Schnäpschen nicht!" Braut:„Na und Ich erst!"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Einen vernünftigen Paragraphen enthalten die Satzungen des Volks-Schiller- Preises:„Werke eines schon einmal mit einein Preise ausgezeichneten Schriftstellers bleiben von einer ferneren Preisverteilung ausgeschlossen."— — Die nächste Premiere im N e u c n T h c a t e r ist Shake- speares„S o in in e r n a ch t s t r a u m", der mit der vollständigen Musik von Mendelssohn zur Aufführung gelangt. Die Entwürfe zu den Kostümen stammen von Karl Walser.— —„T r a u m u l u ö" ist in- Russische übersetzt worden.— — Die Nachricht. Antoine werde das Odöon übernehme», ist falsch. Der Vertrag des bisherigen Direktors läuft noch bis 1909.— — In der städtischen Mädchenschule Nürnbergcrstr. 03 lvird Dr. T h. F l a t a u Mittwochs von 8— 9 Uhr abends(Beginn LS. Januar) über„Theorie d e r S t i m in b i l d n» g" sprechen, Der Besuch der Vorttäge ist unentgeltlich. Schriftliche Meldungen an die Direktion der Akademie für Sprech- und Vortragskunst in Rede und Gesaug: Berlin Vf., Lietzenburgcr- straße 14.— Emil Dtlil soll als Lehrer für die Unterrichtsanstalt de? B e r l i n e r K u n st g e w e r b e m u s e u m S gewonnen sein.— — Professor Abbe sollte fiir Zwecke der Wissenschaft eine Million hinterlassen haben. Dem lvird eifrig widersprochen und bemerkt, Abbe habe im Jahre 1889 sein ganzes Vermögen der Carl Zeiß-Stiftimg überantwortet und sich seitdem mit einem ganz bescheidenen Jahreseinkommen begnügt, welches keine Reichtümer zu sammeln gestattete.— — Int Jahre 1904 gab es in Deutschland 30 457 Aerzte.— — Im S i m p l o n- T n n n e l sind noch 109 Meter Gestein zu durchschlagen.— Vorwärts Buchdruckerci u.VerlagSanstalt Paul Singer L:Co., Berlin LVk-