Anterhallungsblatt des Dorivarts Nr. 17. Dienstag, den 24. Januar. 1905 (Nachdruck verboten.) 17] Der ßaumeirter» Roman von Felix Holländer. „Sie erinnern sich," wandte sich Kesiler wieder an Steinert, „daß ich Ihnen von der Sache erzählt habe." Dieser nickte, obwohl er keine Ahnung hatte, was Keßler meinte. „Ja, sehen Sie, mein lieber Herr Freitag, die Sache ist außerordentlich schwierig und inuß sehr delikat angefaßt werden. Das sagt auch Herr Steinert, der in Geschäften sehr ver- siert ist." Steinert horchte auf. Keßler imponierte ihm immer mehr. Er wußte gar nicht, um tvas es sich handelte, und der Mann da tat, als ob er in alles eingeweiht sei. Herr Freitag kaute nervös an seinem Bart. „Das weiß ich ja," sagte er leise,„darum habe ich ja gerade Sie gebeten." „Ich bin aber so furchtbar mit Geschäften überhäuft." „Das heißt mit anderen Worten— Sie wollen sich meiner Sache nicht annehmen— Sie wollen mich im Stiche lassen?" Herr Freitag erhob sich. Steinert mischte sich ins Gespräch. „Sie müssen das nicht so wörtlich auffassen," bemerkte er.„Sie müssen bedenken," fügte er wichtig hinzu,„daß Herr Baumeister soeben ein Terrain für achthunderttausend Mark gekauft hat, um ein Theater zu errichten... Bitte, überzeugen Sie sich selbst— hier sind die Verträge." „Das glaube ich ohne weiteres," entgegnete Freitag.„In meiner Sache stehen doch aber Millionen auf dem Spiele." Er nahm ganz unvermittelt Keßlers Hand. „Ich weiß nicht, wieso— aber ich habe mir nun einmal fest eingebildet, daß Sie der einzige Mensch sind, der mein Geld retten könnte. Bitte, enttäuschen Sie mich nicht, mein Herr." Steinert wurde ganz verwirrt von dem. was er hörte. Was hatte es mit diesem Herrn Freitag für eine Bewandtnis? War das ein Geistesgestörter, den der Baumeister nicht ernst nahm, oder kämpfte dieser Mann in der Tat um ein Ver- mögen? Er war in seinem Optimismus und in seiner Herzens- ongst geneigt, daß letztere anzunehmen. Er blickte gespannt in die hervorquellenden, wasserhellen Augen Freitags, als wollte er in ihnen lesen. Am Ende waren ans diesem sonderbaren Kunden die fünftausend Mark herauszuschlagen, die man so dringend brauchte. Hier stand vielleicht der Retter in der Not— nird der naive Keßler ahnte es nicht einmal. Ter Baumeister war überhaupt in seinen Augen ein großes Kind, der— eigensinnig und versessen aus seine künstlerischen Pläne, das Nächstliegende nicht erkennt. Mit einer Frechheit, über die er sich selbst wunderte, warf cr scheinbar unabsichtlich die Bemerkung hin: „Ich bin allerdings der Ansicht, daß der Herr Baumeister der einzige Vertreter für Ihre Sache ist, die ich übrigens keineswegs für verloren halte." „Sehen Sie— sehen Sie!" sagte Freitag iiiumphierend, und seine Augen glänzten, als ob er den Prozeß bereits ge Wonnen hätte. „Wenn wir nur nicht gerade jetzt mit unserem Baugcschäft in Anspruch genommen wären," nahm Steinert den Faden wieder auf. Und erklärend fügte er hinzu:„Ich bin nämlich der Generalbevollmächtigte und Vertreter des Herrn Bau Meisters." Herr Freitag verbeugte sich sehr tief. Die in pompösem Ton gemachte Mitteilung hatte ans ihn außerordentlich stark gewirkt. «So. so," murmelte er kaum hörbar.„Da muß man sich ja an Sie halten." „Allerdings," entgegnete Steinert. Keßler war über diese Unverschämtheit empört. Einen Moment beabsichtigte er, der ganzen Komödie ein Ende zu machen und diesen armen Narren aufzuklären. Aber Steinert, der Furcht hatte, daß seine Pläne durchkreuzt werden könnten, ließ ihn nicht zu Worte kommen. „Darf ich mir eine Frage erlauben?" sagte er verbindliche Herr Freitag nickte. „Ich kenne den Fall ja nur aus der Schilderung des Herrn Baumeisters. Würden Sie mir persönlich Einsicht ge» statten?" „Wenn es Sie interessiert, sofort. Darf ich Sie bitten, mir einen Augenblick in mein Zimmer zu folgen? Sie wissen ja wohl, daß ich der Zimmernachbar des Herrn Bau- meisters bin?" „Gewiß, das weiß ich," log Steinert. Keßler war an das Fenster getreten und klopfte im Takt an die Scheiben. Er tat, als ob ihm das Gespräch nichts an- ging. Er schien es auch zu überhören, daß Freitag und Steinert das Zimmer verließen. Er erinnerte sich plötzlich an jene nächtliche Unterredung, die er mit seinem Zimmernachbar ge- habt hatte, und an die verwegenen Hintergedanken, die da- mals in ihm aufgetaucht, aber sofort wieder zum Schweigen gebracht worden waren. Alles kam ihm in dieser Stundo so seltsam und verwickelt vor, daß er sich in diesen Wirrnissen kanm noch zurechtzufinden vermochte. Was konnte cr tun. Er war es ja gar nicht, der die Fäden in der Hand hielt. Er schob nicht, sondern wurde geschoben. Sein Schicksal rollte auf unsichtbaren Schienen— und er war ein willenloser Zu- schauer. Dunkel hatte er damals schon geahnt, daß Freitag in der Komödie seines Lebens eine Rolle spielen würde—• ebenso wie er davon überzeugt war. daß sich die Dinge ohne die Begegnung mit Grete Anders völlig anders gestaltet hätten. ... Und nun war dieser Herr Freitag Steinert geradezu in die Arme gelaufen— Steinert. dessen sindige Nase jeden Braten roch. Steinert, der so leicht niemanden locker ließ. Keßler begann sich selbst zu beruhigen. Ich bin doch daran ganz unschuldig— dachte er. Ich habe nichts getan, um die beiden zusammenzukuppelu. Es wäre doch töricht von mir, wenn ich mich zwischen sie stellen wollte. Ich lasse die Maschine laufen. Ich werde sie weder in Bewegung setzen, noch bremsen. Aber trotz aller dieser Selbstbeschwichtigungen klopfte sein Herz unruhig. Seine Neugier und Ungeduld wuchs von Minute zu Minute. Was für ein Resultat würde die Unter- redung der beiden haben? Er trat an die Tür, um zu horchen, er verstand jedoch kein Wort. Die Zeit des Wartens erschien ihm wie eine Ewigkeit. Wer weiß, ob der ihm jetzt nicht den Hals zuschnürt. Und ich stehe dabei und lasse es geschehen. Er suchte seine Gedanken abzulenken. Was würde ihm wohl der heutige Abend bescheren?„Grete Anders," flüsterte er vor sich hin. Ihr Name klang ihm wie eine reine, schlichte Melodie. Was ist mir eigentlich mehr wert � das Theater oder ihre Seele? fragte er sich. Er wußte sich keine Antwort. Aber daß sie nicht mehr von ihm loskam, fühlte er in tiefer Frende. Sie hat mir das Glück gebracht— sie allein! Er sah die enge Hofwohnung, er sah den alten Mann, der auf seinem Krankeulager Noten kritzelte— cr sah die rundliche kleine Frau, deren liebende Blicke an dem schönen Mädchen hingen. Und dann tauchte der Blumenladen vor ihm auf, in den Grete Anders so wunderbar hineinpaßte. Er schrak zusammen. Steinert und Freitag traten wieder ein. „Nun," fragte er trotz aller Selbstbeherrschung,„was haben Sie miteinander vereinbart?" „Wir sind zu einem Resultat gekommen," erwiderte Steinert, und seine Stimme schlug vor Erregung über.„Herr Freitag zahlt an Sie fünstausendfünfhundert Mark, die in die dritte Hypothek des Theaters eingetragen werden. Wir dagegen verpflichten uns, seine Sache zu führen und sofort mit den nötigen Recherchen zu beginnen. Obwohl Herrn Frei- tags Beteiligung nur eine kleine ist, rate ich dennoch, sie an- zunehmen.... Ich bin fest überzeugt, daß sein Prozeß ge� Wonnen werden muß. Es kommt also nur noch auf Sie an, Herr Baumeister, ob Sie Herrn Freitag mit dieser Summe beteiligen wollen." Keßler war eine kleine Weile sprachlos. Er blickte auf Herrn Freitag, der in abwartender, be- scheidener Haltung dastand, und von ihm auf Steinert. Und wider sein Wollen mußte er das sonderbare Lächeln auf Steinerts Miene erwidern. Und in diesem Lächeln beider lag eine Welt des Verstehens. Keßler wurde von einer tiefen Scham ergriffen. Er hatte sich unbewußt durch dieses Lächeln an Steinert verraten� sich ihm ausgeliefert. Und gleichzeitig empfand er, daß er sich auf einer schiefen Ebene bewegte. Er suchte sich zu beruhigen. Tue ich denn ein Unrecht? fragte er sich, und warum quäle ich mich mit Selbstvorwürfen? Ist das nicht ein Zeichen innerer Schwäche— und was kann mir geschehen, so lange ich nur das eine Ziel habe, nur mit rechtlichen Mitteln meinen Weg zu verfolgen? Ich werde diesem Steinert den Star stechen und ihn darüber nicht im Zweifel lassen, daß ich jeden Schleich- weg verabscheue— beruhigte er sich selber, �ch habe gelacht über die sonderbare Form dieses komischen Kauzes— über seine lächerliche Frage— über... „Sie können mich ruhig beteiligen," unterbrach Herr Freitag sein Grübeln;„ich will ja keine Geschäfte dabei machen," fügte er hinzu;„ich will, wie gesagt, nur, daß Sie meine Sache führen." «Keßler sah in das verstörte Gesicht des Sprechers, und die tiefliegenden, sorgenvollen Augen dieses Menschen rührten ihn. „Das ist ja alles ganz schön und gut," antwortete er, ...ich tveiß nur nicht recht, ob es Ihnen nicht recht sauer wird, eine solche Summe flüssig zu machen." „Ach, ich verstehe Sie, Sie wollen mich zurückweisen— ich verstehe Sie ganz genau, mein Herr." „Nein, das ist es nicht— Sie dürfen es mir glauben. Ich halte es aber für meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ein Theatcrbau imnierhin in das Gebiet der Spekulation fällt. Ich möchte nicht, daß Sie später, wenn etwa die Dinge schlecht ausgehen, mir und sich Vorwürfe machen. Auf solche Geschäfte können sich eigentlich nur reiche Leute einlassen." „Gut, Sie haben jetzt Ihre Pflicht erfüllt und mich ge- warnt. Ich nehme das oll»ntam. Im übrigen: Ich hoffe mit Ihrer Hülfe und Unterstützung bald über ein Vermögen zu verfügen— vielleicht über größere Summen, als die meisten Ihrer Aktionäre." lFortsetzmig folgt.) tNachdntck verboten.) Kohlengruben. Noch der Zohl der Unfälle gehört der Beruf der Bergarbeiter, Smrml derjenigen in den Kohlenbergwerken, zu den gefährlichsten, elbst wenn wir die sonstigen, durch die ständige Arbeit in den Gruben hervorgerufenen Gesundheitsstörungen zunächst nicht in Betracht ziehen. An allen Ecken und Enden lauern hier die Ge- fahren; sie werden hervorgerufen durch hereinbrechendes Gestein, durch Maschinen und Grubenwagen, durch herumfliegende Steinstücke beim Sprengen, durch Erstickung. Explosionen, Grubenbrände und schlagende Welter. Begünstigt wird die Entstehung von Ge- fahren durch die ungleichniätzige Beschaffenheit des Gebirges, das Fehlen des Tageslichtes, wie durch Austreten schädlicher Gase. Da die Verbindung mit der Oberfläche durch Schächte und Fahrkünste immer nur eine unvollkommene ist. so datz die Leute nicht wie an der Tagesoberfläche den Gefahren zu entfliehen vermögen, kommen in Bergwerken neben zahlreichen Einzelverletzungen auch Massenunfälle häusiger vor a!S in irgend einem anderen Berufe. Man mutz sich auch vergegenwärtigen, datz die beim Abbau, Grubenausbau, für Förderung, Fahrung und Wetterführung angewendeten Methoden grötztenteils noch primitiver Natur find; denn einmal sollen diese Einrichtungen nicht zu kompliziert sein und mit dem Fortschreiten der Arbeit leicht und schnell verändert werden können; dann aber vor allen Dingen auch nicht zu viel Geld kosten. Wenn eine Lagerstätte durch Schächte, Stollen und Ouerschläge zugänglich gemacht und durch weitere Grubenbaue vorgerichtet ist, so beginnt man mit dem Abbau. Das Gestein wird durch Hand- arbeit, durch Maschinen oder durch Sprengen von seinem natürlichen Lager gelöst, und das gewonnene Material in Karren lHunden) weiter befördert. Die durch den Abbau entstehenden Hohlräume werden mit taubem Gestein gefüllt. Der Grubenausbau hat daS Ein- stürzen von Schächten, Stollei» usw. zn verhindern; ungenügender, zu hastig betrtebener Ausbau gefährdet die Arbeiter in höchstem Grade. Der Grubenausbau erfolgt in sehr mannigfacher Weise, durch Zimmerung, Mauerung und Eisenausbau, das heißt die Wände sdas Liegende) und die Decke(das Hängende) werden durch Stützen, Streben, Ge- wölbe versteift. Die Förderung des gewonnenen Gutes besteht in der„Grubenförderung", d. h. im Transport des Materials aus den „Abbauen" nach dem Schachte und der„Schachtförderung". Die Grubenförderung erfolgt in mannigfachster Weise durch Karren, Körbe, Tonnen oder durch Wagen, die auf Schienen rollen und meist zu ganzen, von Pferden oder Maschinen gezogenen Zügen vereint werden. Die Abbaustellen find für diese Fahrzeuge nicht ohne weiteres zu- gänglich. Das Zufördern aus dem Abbau erfolgt durch sogenannte Bremsberge, das sind schiefe Ebenen, ans denen an einem Seil be- festigte gefüllte Förderkarren bergab laufen, indem sie gleichzeitig durch ihr Gewicht die am anderen Ende des Seiles befestigten leeren Karren hinauf ziehen. Vielfach erfolgt die Förderung des gclvonnenen Gutes nach den Förderstrecken auch durch sogenanntes„Rollen" oder Rollschächte. Es find dies gezimmerte Rinne» oder gemauerte Kanäle, durch welche das Material auf die Strecke oder auch dirett in die Förderkarren rollt. Die Schachtförderung geschieht grötztenteils durch sogenannte Göpel, die durch Pferde. durch Turbinen oder Dampf angetrieben werden. Bei diesen Einrichtungen besitzt der Schacht zwei Förderabteilungen, von denen die eine für das aufgehende, die andere für das niedergehende Fördergefätz bestimmt ist. Vielfach sind die mit Dampf betriebenen Auszüge so eingerichtet, datz sie sechs Karren auf einmal austtehmen können. Der Fahrstuhl wird so ein» grichtet, datz die Karren direkt von den Schienen in die entsprechende Abteilung des Fahrstuhls rollen. Die vom Wechsel der Jahrhunderte und der modernen Kultur wenig beeinflußte Sprache der Bergleute ist sehr malerisch. Wenn der Bergmann in die Grube steigt, so„fährt er an"; beim Verlassen der Grube„fährt er auS". Man versteht überhaupt im Berg- bau unter„Fahren" die Fortbewegung des Menschen, gleichgültig, ob dies durch die eigene Muskelkraft desselben oder durch Maschine geschieht. Der Bergmann«durchfährt" auch eine Strecke, wenn er dieselbe zu Fuß zurücklegt. Zum Anfahren dienen die Fahrten, das sind einfache Leitern, an denen der Bergmann abwärts steigt. In gewissen Entfernungen wird der Schacht durch sogenannte Bühnen in Geschosse zerlegt. Die Bühnen geben ihn, Gelegenheit ein wenig auszuruhen. Würde er nämlich die Fahrt in einein Zuge vollenden, so käme er derart erschöpft unten an, datz er unmöglich zu arbeiten vermöchte. Da nun aber das An- und Ausfahren auf diese Weise zu viel Zeit und Kraft in Anspruch nimnit, so erfolgt heute der Trausport der Mannschaft grötztenteils durch Anwendung von Maschineiikraft. Die Förderung geschieht dann am Seile mittels Göpel oder durch die„Fahrkünste", welche dem Bergmann gestatten, an beliebiger Stelle im Schacht die Fahrt zu beginnen oder zu unterbrechen. Diese Einrichttmg besteht im Prinzip aus zwei auf- und abgehenden Gestängen; zwei nebeneinander be- findliche Stangen sind in regelmäßigen Abständen mit Trittbrettern versehen und gehen abwechselnd ans und nieder. Der Arbeiter tritt von der Bühne auf das Trittbrett des ersten Gestänges, steigt mit diesem ein gewisses Stück abwärts. Witt dann aus das gegenüber- liegende Trittbrett des zweiten Gestänges, das sich jetzt gerade ab- wärts bewegt, wartet wieder den geeigneten Moment ab, um auf das erste Gestänge überzugehen, und so fort, bis der Mann schließ- lich die Arbeitsstrecke erreicht. Er legt in jeder Minute etwa zwanzig Meter zurück. Auch hier sind in gewissen Entfernungen Ruhebühnen angebracht; doch erfordert das An- und Ausfahren immer noch so viet Zeit und Kraftaufwand, datz cS nicht mehr als billig wäre, die hierfür aufgewendete Zeit den Bergleuten als volle Arbeitszeit an- zurechnen. Die in den Bergwerken befindliche Luft bezeichnet man als «Grubenwetter". Sollen die Wetter alembar bleiben, so ist eine beständige Lufterncuming durch Ventilation erforderlich. Die schäd- lichsten Bestandteile der Wetter bestehen in der Kohlensäure, dem Kohlenorydgas und dem Scbwefelwasserstoffgas. Schon fünf Prnzent Kohlensäure können dein Menschen verhängnisvoll werden. Als „schlagende Wetter" bezeichnet man das explosive Gemenge der Grubengase und der almospärischen Luft. Die schlagenden Wetter geben durch Entzündung an offenen Flammen oder infolge der durch die Sprengarbeit hervorgerufenen Hitze zu den heftigsten Explosionen Veranlassung. Auch der Kohlenstaub spielt bei diesen Explosionen eine höchst gefährliche, meist unterschätzte Rolle. Die sogenannten Staubexplosionen haben in der technischen Welt schon häufig Veranlassung zu eingehenden Untersuchungen über die Ursachen dieser folgenschweren Katastrophen gegeben. Solch' eine Erplosion ist nichts anderes als die Folge einer äußerst schnellen Verbrennung. Bekanntlich beansprucht ein Material, sobald eS durch Verbrennung zu GaS verwandelt wird, einen weit größeren Raum als zuvor. Es mutz also bei plötzlicher Umwandlung des Stoffes die Ausdehnung rapide eintreten und die Explosion mit großer Gewalt vor sich gehen. Ein Stäubchen in der Luft verlangt schon bedeutende Teinparatur- steigerungen, um chemische Verbindungen eingehen zu können; aber wenn kleine Teilchen eines entzündbaren Materials sich dicht bei einander befinden, so datz kein Atom verbrannt werden kann, ohne seine Hitze dem Rachbar mitzuteilen, so mutz natürlich ein Kohlen- bergwerk in wenigen Minuten in ein Flammenmeer verwandelt werden. Die Staubflamme wird dann mtt den schrecklichen Kohlen- gasen zusammenweffen und so die verheerende Gewalt des Aus- ruchs gewaltig verstärken. So gehen jährlich noch an 1000 Bergleute bei derartigen Katastrophen zugrunde. Die Bekämpfung der Grubenbrände»md die Rettung der Berg- leute ist mit den größten Schwierigkeiten verknüpft. Schon viele Tausende von Arbeitern haben bei Grubenbrändcn ihren Tod ge» funden. namentlich weil die Rettungsmannschaft in den vom Qualm und giftigen Gasen erfüllten Brandgaslen nicht vorzudringen ver- mochte. Grubenbrände können sowohl durch Entzündung der Zimmerung infolge unvorsichttger Benutzung des Geleuchts, wie auch durch Selbstentzündung der Lagerstätten hervorgerufen werden. Gewisie Kohlen besitzen, namentlich in zerkleinerten, Zustande, das Vermögen den Sauerstoff der Lust zu binden, worauf zunächst Erwärmung, dann Selbstentzündung eintritt. Haterst einmal eine derartige Entzündung in angebauten Felden, stattgefunden, dann teilt fich der Brand auch nicht an» gegriffenen Lagern mit. Alle Löschversuche find dann in der Regel erfolglos. In Planitz bei Zwickau und in Dudweiler in der baye» rischen Pfalz gibt eS z. B. große wertvolle, tief unter der Tages- overflache liegende Flötze, die schon seit Jahrhunderten brennen. Auch Zimmerungsbrände haben sich schon häufig als verhängnisvoll er- wiesen. Einem Zimmerungsbrand zu Pribram fielen z. B. im Mai 1892 319 Bergleute zum Opfer und einem gleichen Brande der „KleophaSgrube" bei Kattowitz im März 1896 100 Arbeiter. Verletzungen und tödliche Unfälle find in Bergwerken besonders häufig. So bildeten zum Beispiel in Preußen während eines Jahr- zehnts(1882—1892) die tödlichen Unfälle 23 Prozent aller Sterbefälle bei den Bergleuten, und der Steinkohlenbergbau wies die höchste Verunglückungsziffer auf. Brüche, Quetschungen und Ver- renkungen der verschredenften Knochen sind an der Tagesordnung. Die häufigsten Erkrankungen bei Bergleuten sind solche der Atmungs- organe, denn der Kohlenstaub wie die bedeutende Anhäufung von Kohlensäure üben einen ständigen Reiz auf die Schleimhäute der Lustwege aus. Die Häufigkeit der Luströhrenkatarrhe bei den Berg- leuien erklärt sich durch die sehr wechselnde Temperatur an den verschiedenen Orten unter Tage, wie durch die häufige Durchnässung der Kleidung.„Auf dem Boden solcher Katarrhe", sagt Dr. M. Calm, .gelingt es nun den eingeastneten Kohlemeilchen leicht, durch die aufgelockerte Schleimhaut hindurch in das Lungengewebe einzudringen; indem sie sich hier ablagern, führen sie den Zustand der sogenannten Kohlenlunge herbei. Die Lunge sieht dann vollkommen schwarz auS; es kommt infolge der ständigen Reizung der Kohlen- Partikel zur Entzündung und Verödung größerer Gebiete der Lunge." — Rheumastsmus, Asthma, Ischias, Hexenschuß, Augenzittern, wie auch die vielbesprochene hartnäckige Wurmkrankheit, welche meist von eingewanderten Leuten eingeschleppt wird, sind die bekanntesten BergmannSkrankheiten. Die Berufsarbeiten des Bergmanns sind also so außerordentlich schwere und die Gefahren, die sein Leben, seine Gesundheit, die Existenz seiner Familie bedrohen, so zahlreich, daß ihm in dem gegenwärtigen Kampfe um eine nur geringe Aufbesserung seiner Existenzbedingungen wahrlich kein Mensch von Gefühl Teilnahme und Sympathie versagen kann. Wir können nur wünschen, daß dieser ernste und schwere Kampf mit dem vollkommenen Siege der Bergarbeiter ende.—_ Fred H o o d. Kidnce fcinUeton. c. Wolkenmeere._ Seitdem Luke Howard zuerst die Phänomene der Wolkenbildung, wissenschaftlich zu erforschen begann und Goethe diese Versuche mit freundlichen Versen und lebhaftem Interesse be- gleitete, hat man bewundernd zu diesen stets wechselnden Formen- spielen aufgeschaut und diese komplizierten Erscheinungen der Atmosphäre immer genauer beobachtet. Ruskin hat in seiner „Königin der Lust" einen Hymnus auf die zarten Gewebe des Himmels gesungen und in Wollenmythen und Luftsagen die ge- staltcnde Phantasie früherer Völker erkannt, die schon in den Wolken Geister und Wesen suchten; der jüngst verstorbene Friedrich Ratzel hatte ebenfalls den Wolkenbildungen seine Beobachtung zugewandt und in Natur und Kunst ihren Reichtum an Konturen und Lage- rungen aufgesucht. Doch auch ini einzelnen haben die Geographen besondere Formen, in denen die Wolken auftreten, bestimmt, und unter diesen ist das Phänomen des Wolkenmecres eines der merk- würdigsten, die man bewundern kann. Die Möglichkeiten, solche Erscheinungen zu beobachten, sind nicht immer leicht zu erlangen. Man kann sie nur mit dem Ballon oder von dem Gipfel eines hohen Berges aus beobachten. Im Ballon kann man freilich nicht alle Tage in die Luft steigen, um das Heraufziehen der Erscheinung zu erwarten, auf dem Gipfel eines Berges aber kann man ruhig aus- harren, bis sich das Schauspiel in seiner ganzen unvergleichlichen Schönheit aufrollt. Die Gebirgsstationen bieten sich alle recht be- quem zu dieser Art von Beobachtungen dar, und unter ihnen erlaubt die Station Baregcs in der Pyrenäen am besten, das Phänomen zu betrachten. Im August vorigen Jahres hat Lucien Rudaux ein solches Wolkenmeer genau beobachtet und berichtet darüber in„La Nature". Bei sehr stürmischer Witterung bildeten sich in dem Tal, daL sich von dem Gipfel des Tourmalet bis nach Luz herabsenkt, mächtig« Wolkenmassen. Von der Höhe der Station(1236 Meter) sah man auf die kleine Stadt herab, deren Häuser in weite, wallende Mäntel eingehüllt schienen, die, wieder in Fetzen zerreißend, dann und wann wie gespenstische Phantome ein Dach oder eine Mauer hindurchscheinen ließen. Die Wolken weben in der Tiefe hin und her, steigen auf und nieder und füllen rasch das ganze Tal; bald ziehen sie dahin, im Winde verwehend und zerflatternd wie der leichte Rauch einer Zigarette, dann ballen sie sich zu dichtem Knäuel und fahren wieder jäh auseinander. Gestaltenlos, wesenlos schweben sie in steter Bctvegung. scheinen zu verschwinden, tauchen wieder auf und gaukeln in immer höhere Regionen. Tief unten im Tal von Luz braut sich unterdessen ein dichter, schloercr Nebel zu- sammen und strömt in dicken Massen hervor, sich immer weiter aus- breitend. Die dunkle Wand reckt sich dräuend empor, die helleren Schleierwölkchen tanzen leicht davor hin, dann mischen sich die hin- und Hersließenden Luftgebilde und erfüll?»'das ganze Tal mit einem tiefen, unruhig wogenden Meer. Dies Meer breitet sich mit rasender Schnelligkeit aus; es erfüllt auch die nebenan liegenden Täler, der Sturm jagt die Wolkenmassen wie in Wellen auf, reißt sie jäh auseinander, wirbelt sie zusammen und läßt sie wie eine zischende Gischt sich aufbäumen. Dann wieder wird es still und feierlich. Majestätisch und ruhig, wie weiße, weiche, breite Flügel steigen die Wolken auf, immer höher empor; endlos sich erstreckend in weiten Flächen breiten sie sich au» Da? Niveau dieses Meeres ist etwa 1800 bis 1900 Meter über dem Wasserspiegel. An demselben Tage. an dem Rudaux daL Wolkenmeer beobachtete, zog das Meer über das südliche Frankreich und bedeckte das ganze Land. Bon dem hohen Standpunkte aus erschien diese endlose Fläche, die in un- gewissen Formen und verschwebenden Linien sich ausdehnte, wie ein riesiger Ozean. Dieses Wolkenmeer blieb einen Teil der Nacht hindurch stehen; um Mitternacht fuhren Windstöße in die Massen hinein, wühlten sie auf, ein brausender Orkan brach los und zcr- streute alles in den ersten Stunden des nächsten Morgens. Von besonderer Schönheit waren die Wolken, als sie ruhig und glatt wie der Spiegel eines stillen Sees erschienen und dann, als sie vom Sturm aufgewühlt in zackigen Riffen und zerrissenen Formationen sich zusammenballten.— Theater. Lessing-Theater.„Das gerettete Venedig." Schauspiel in b Akten von Hugo v. HofmannSthal.— Wie das vor ein paar Wochen zum ersten Male gespielte Drama „Der Graf von Charolais" ist„Das gerettete Venedig" nach einem alten englischen Original gearbeitet. Hofmaimsthal, der die innerste Eigenart seiner Begabung in einigen die Rätselhafttgkeit des Daseins wunderbar lviederspiegelnden Gedichten, in Dialogen, die mit schöpferischer Bildkraft das Wesen des poetischen Eindrucks schildern. und in der dunkelfarbige», schwermütig-sehnsuchtsvollen Szene„Der Tor und der Tod" offenbart hat, ist vor allem eine lyrische, den Klang leiser und seltener, bisher noch kaum belauschter Stimmungen nachschaffende Natur. Für das Unsichtbare, Vorschwebende findet er Worte, durch die es gleichsam greifbare Anschaulichkeit erhält, und diese Kraft des Malerischen betätigt sich auch da, wo er über die Grenzen seines eigensten Gebietes hinausstrebt. Das fällt sofort in seinen ersten dramattschen Versuchen, ebenso in seiner Nachdichtung der Sopbycleischen„Elektta" und in dem„geretteten Venedig" auf: Die Sprache, aber auch die Gruppierung der Szenen hat etwa? farbiges, merkwürdig Einprägsames für die Phantasie. Und die endenz zu malerischer Wirkung, verbunden mit den, Unvermögen, selbst einen größeren dramatischen Organismus" zu erzeugen, in dem sich zugleich jener Trieb Genüge tun könnte, mag ihn wie den anscheinend ihm wahlverwandten Beer- Hoffmann jetzt zu den alten Engländern gettieben haben. Da waren bunte und wechselvoll bewegte Schicksale und große Leidenschaften, die nach bildhaftem lyrisch-rhethorischen Ausdruck ver- langten. Da gab es Platz für malerischen Schmuck und Glanz der Rede. Das renovierte Genre ist zu fremdartig, weicht von der all- gemeinen Richumgslinie moderner Dramatik, die auf eine immer feinere Nuancierung der Charakteristik und geschlossenere Entwickelung der Handlung geht, zu sehr ab, als daß es mehr als eine unpopuläre Experinientterkunst sein könnte. Aber merkwürdig war es immerhin, daß.das Premierenpublikum, welches den Grafen Charolais mit demonstrativein Beifall aufnahm, sich zu der Hofmannsthalschen Dichlung weit kühler verhielt. Der Applaus hatte, besonders in der zweiten Hälfte, mit starkem Zischen zu kämpfen. Dabei ist die Sprache hier viel markanter, knapper, die Handlung und Psychologie unverhältnismäßig einheitlicher, darum auch spannender als in dem wortreichen, durch einen inneren Zwiespalt in der Mitte auseinandergerissenen Werke HoffmannS. Mag sein, daß Hosinanns» thal, so wie in seiner„Elettra" sich auch hier an das Original, ein Drama OttwayS aus dem Jahre 1682, eng angeschlossen hat, während Beer-Hoffmann ein älteres Stück Massingers, das ihm zum Vorwurf diente, wesentlich, in Grundzüge» umgestaltete, also mehr selbständige Erfindung bewies— für die Bühne fällt doch nur die Qualität des unmittelbar Dargebotenen selbst ins Gewicht. Das Schauspiel hat zu seinem historischen Hintergründe eine Verschwörung vom Jahre 1618, die das Venettanische Senatoren» regiment stürzen und die Stadt an Spanien ausliefern wollte, aber vor ihrem Ausbruche durch Verrat entdeckt wurde. Der Dichter ver- klärt keine der Parteien durch eine höhere Idee. Das steche Willkür» regiment der herrschenden Klique ist in dem Stücke scharf gezeichnet; aber nicht die Empörung über daS allgemeine Unrecht, persönliche Kränkungen. Rachsucht und Ehrgeiz erscheinen als das Treibende in den Verschwörern. Prachtvoll ist die Gestalt des Führers, des unerschrockenen, harten, starken Kapitäns Pierre, der mit fast schwärmerischer Freundschaft an dem schwachen Jaffier hängt, durch« geführt. Für die Entführung seiner einstigen Geliebten Aquilina, die undankbare schnöde Entlastung aus dem Dienst und die Gefängnishast, mit der man seine Selbsthülfe bestrafte, will er Rache nehmen. Jaffier wird von ihm mit hineingezogen in den Plan. Dieser junge Bursche, der eine schöne und seelenreine Senatoren» tochter heimlich gewonnen, haßt glühend ihren stolzen Vater, der dem Elend des jungen Paares jede Hülfe weigert und ihn selbst auf tteffte demütigte. Wenn der Aufruhr ausbricht, dann, hofft er. wird er dem Feinde ein Messer in die Kehle stoßen können. Als die Verschworenen an seiner Treue zweifeln, übergibt er ihnen die Gattin als Geißel. So darf er an der geheimen Ver» sammlung im Hause Aquilinas teilnehmen und wird von Pierre gesandt. um Waffen, unter Stroh im Boote versteckt. hineinzuschmuggeln in die Stadt. Er glaubt. daß Späher ihn gesehen haben, und diese erste Ahnung der Gefahr ent» mannt ihn. Schlotternd vor Angst verrät er serner Freunde An- schlag und ehrlos feige läßt er sich überreden, bei der Behörde den Denunzianten zu spielen. Auf diese Weise meint er fem Leben retten und Schonung erwirken zu können für Pierre. Aber vergebens bittet sein Weib den Vater, dessen Hag und Ver- achtung nur noch höher anschwillt, als er von dieser Judastat er- fährt. Von den Häschern, die ihn ertränken, sollen, wird Jaffier dem gefesselten Pierre gegenübergestellt. Der Kontrast des armen Schachers, der von dem Freunde kniefällig Verzeihung fleht, und des aufrechten, trotzigen Mannes, der vor dem Feigling instinktiv wie vor eklem Gewürm zurückweicht und reuelos, ein Freier, in den Tod geht, ist groß und wuchtig dargestellt— die letzte Szene und zugleich der Höhepunkt des Stückes. Sehr stimmungsvoll wirkt auch die Konlrastierung in der Figur der Aqniliua, die von Pierre dieselben Qualen verschmähter Liebe erdulden mufz, mit denen sie den hündisch ergebenen, lüsternen Senatorengreis, der durch sein Geld sie an sich lockte, peinigt. R i t t n e r war ein Pierre von cchtcin Schrot und Korn, man hätte keinen besseren denken können. Vorzüglich spielte auch Irene Triesch die edle Senatorentochter: eindrucksvoll wirkten Sauer und F o r e st in ihren Senalorenrollen. Nur Bassermann, der ? geniale Naturalist, vermochte als junger Jaffier, trotz virtuoser Dar- tellung der Todesangst, keine Illusionen zu erivecken. Die Dekorationen waren mit feinstem Kunstverstande der Stimmung angepatzt.— dt. Medizinisches. Irr. Die Vernachlässigung der Fingerwunden. Obwohl Finger und Zehen, Hand und Fuß denselben Bau aufweisen, kommen doch an Hand und Fingern unvergleichlich viel mehr Entzündungen vor, lvie anr Fuge, das kommt daher, daß letzterer durch den Stiefel geschützt ist, während Hand und Finger zahl- losen Verwundungen und Verletzungen ansjfesetzt find. Durch Vernachlässigung dieser kleinen Wunden entstehen dann die so häufigen eitrigen Fingerentzündungen, die man gewöhnlich als„Umlauf", bezeichnet. Das ist ein recht schmerzhafter Prozeß. Wird zeitig eingeschritten und der Eiter entleert, so kommt meist die Krankheit zum Stillstand. Sehr leicht werden dabei aber auch die Sehnen und Knochen in Mitleidenschaft gezogen. Die kleine, Nicht beachlere und vernachlässigte Wunde erzeug! sehr heftige Schmerzen und Fieber, die Anschwellung kann sich vom Finger über die Hand bis in den Vorderarm hinauf erstrecken, die Sehne kann brandig absterben und das Gelenk vereitern. Dann sind sehr ernste chirurgische Emgriffe nötig: Spaltung der Sehnenscheiden durch lange und tiefe Einschnitte, Operationen an Gelenken usw., und im günstigsten Falle bleibt dein Patienten ein steifes Gelenk oder ein steifer Finger zurück. Professor Riedel in Jena, der Direktor der dortigen chirurgischen Klinik, konnte in einem klinischen Vortrage mehrere derartige ver- nachlässigte Fingerverlctzungen vorstellen, er betonte, die Furcht des Publikums vor der Blutvergiftung müßte iinmer größer werden, denn nur bei frühzeitiger richtiger Behandlung kleinster Finger- wunden können zahllose Gelenk- und Sehneneitcrungen vermieden werden.— Aus dem Gebiete der Chemie. SS. Ramsay über das Radium. William Ramsay, der berühmte englische Phhsiker und Chemiker, hat sich über die Ergeb- nisse ausgesprochen, die bisher aus der chemischen Prüfung der Ver- änderungen des rätselhaften Elements hervorgegangen sind. Er führte mmühernd wör.lich aus: Das Werk hat erst begonnen, aber es führt zu einer bestimmten Annahme über die Konstimtion des Radium und ähnlicher Elemente. Sie geht dahin, daß die Atome von Elementen mit hohem Atomgewicht wie vom Radium, Uranium, Thorium und den etwas verdächtigen Elementen Polonium und Aktinium unbeständig sind: daß sie einer selbsttätigen Veränderung in andere Formen von Materie unter- liegen, die gleichfalls strahlend und lvieder unbeständig sind: und daß endlich Elemente entstehen, die infolge ihrer Nichtstrahlung in der Regel unmöglich zu erkennen sind, weil ihre winzige Menge die Anwendung eines der gewöhnliche» Prnfungsmittel aus- schließt. Der Nachweis von Helium indes, das verhältnismäßig leicht zu erkennen ist, verleiht dieser Hypothese eine starke Stütze. Die natürliche Frage, die sich nun von selbst ergibt, iit: gibt es noch andere Elemente, die einer ähnlichen Ver- änderuiig unterliegen? Ist es möglich, daß diese Veränderung so langsam vor sich geht, daß sie nicht entdeckt Iverden kann?— Professor I. I. Thomson hat versucht, diese Frage zu beantlvorten, und gesunden, daß viele gewöhnliche Elemente schwach strahlend sind. Die Antwort ist jedoch noch unvollständig, denil erstens ist das Radium in so enormem Betrage strahlend, daß die kleinste Spur eines seiner Salze in dem Salz eines andern Elements eine solche Strahlung erzeugen würde, und zweitens ist es nicht bewiesen, daß die Srrahluiigsfähigkeit eine stete Begleiterscheinung einer solchen Veränderung ist; schließlich kann der Vorgang so langsani statt- finden, daß er der Beobachtung entgeht. So wird beispielsweise ein Stück Kohle durch den Sauerstoff der Luft langsam verzehrt, das heißt in Kohlensäure übergeführt. Dieser Vorgang muß eine Steige- rung der Teinperatur hervorrufen, aber selbst das feinste Thermo- meter würde keinen Unterschied zwischen der Temperatur des Kohlen- stnckes und der umgebenden Luft nachweisen, weil eben die Oxydation zu langsam erfolgt. Eine andere Frage entsteht aus dem Satz: Wenn man sieht, daß ein Element gleich dem Radium sich in andere Stoffe verwandelt, und daß sein Leben ein vergleichsweise kurzes ist, so muß es auch noch in der Bildung begriffen sein, anderenfalls würde sein Vorrat in etwa 2500 Jahren er» schöpft werden. Soddh hat nun versucht, ob Uraniumsalze, die sorg» sältig von Radium gereinigt sind, nach einer Reihe von Jahren neues Radium erzeugen können, aber das Ergebnis ist negativ aus- gefallen. Möglicherweise tragen noch andere Formen der Materie außer dem Uranium zur Entstehung von Radium bei, und weitere Experimente in dieser Richtung werden sehr willkommen sein. Schließlich scheinen die Versuche von Ramsay selbst über die Wirkung der sogenannten Beta-Strahlen, eines Teils der Radiumstrahlen, wichtige Ergebnisse zu verheißen. Wenn nämlich das Radium im Zustande der Veränderung einen verhältnismäßig un» geheuren Betrag von Energie von sich gibt, namentlich in Forin von Wärme, so ist es ein berechtigter Schluß, anzunehmen, daß auch die Atome gewöhnlicher Elemente, wenn sie zur Aufnahme von Energie bestimmt werden könnten, allmähliche Veränderungen ihres Aufbaues erleiden würden. Wenn, wie wahrscheinlich, die Wirkung der Beta-Strahlen, die selbst Träger starker Energie sind, auf eine Materie wie Glas darin besteht, wieder strahlungsfähige Atome von hohem Atomgewicht aufzubauen: und wenn man findet, daß die eigentümliche daraus entstehende Materie von dem Element abhängt, auf das die Beta-Strahlen fallen, indem sie ihin ihre Energie mitteilen— wenn diese Hypothesen recht behalten, dann ist die Umwandlung der Elemente in einander nicht länger ein bloßer Traum. Der Stein der Weisen wird dann ent- deckt sein, und es liegt nicht jenseits des Bereichs der Möglichkeit, daß es auch zu dem anderen Ziel der Forscher dunkler Zeitalter führt, zum Lebenselixier. Denn die Tätigkeit der lebenden Zellen ist auch abhängig von der Natur und Richtung der Energie, die sie erhalten. Und wer kann sagen, daß es unntöglich sein werde, darauf einen Einfluß zu üben, lveitn die Mittel, ihnen die Energie zu er- teilen, erforscht sein werden? Zu solchen Schlüssen kommt heute ein Mann, der in der Wissen- schaft als der Typus eines exakten Gelehrten gilt.— Humoristisches. — Kindermund. Fünfjährige:„Gelt, Mama, Tante Eulalia ist eine Zauberin?" „Wie kommst Du denn darauf?" „Weil sie sich ihre sämtlichen Zähne aus dem Munde nehmen kann."— Söhnchen eines ostelbischen Gutsbesitzers:„Muttchen, weißt Du, wie lieb ich Dich habe?" Mutter:„Ska, wie denn?" Söhnchen:„So dick, wie Vater ist."— — Pariert.„Von Euch Weibern," sagt Tolstoi,„stammt alles Uebel." „Sogar die Männer stammen von uns!"— l„Jugend.") Notizen. — Das Riesenhirn scheint unter den Theaterkritikern häufiger vorzukommen, als man glauben möchte. Die„Münchener Allgemeine Zeitung" stellt soeben fest, daß der Schauspielreferent der„Wiener M o rg enz e i tun g" ein Abschreiber ist. Aus den Referaten des Münchener Blattes hat der Gedächtnisstarke ganze Abschnitte unverfälscht in sein Geschreibsel über die Duse herein- geilommen.— — Der Schiller-Orden. Wenn der gcschäftsführende Ausschuß für die große Berliner Schiller-Fcier noch lange lveiter berät, kann was Schönes herauskommen. In der letzten Sitzung nahm er einen Autrag des Direktors Rafael Löwcnfeld an: allen denjenigen, die einen Beitrag, auch den geringsten, für die Feier zeichne», e i n e M ü n z e z u stiften.— Fehlt bloß noch einer, der den dazu gehörigen Bindfaden liefert.— — Im O p e r n h a u s e findet die Erstaufführung von Sommers Oper:„Rübezahl und der Sackpfeifer von 9t e i ß e" am 7. Februar statt.— —„Der Schnurrbart", eine neue Operette von Georg V e r ö. hat bei der Erstaufführung im Wiener Karl-Theater Beifall gefunden.— — Die National- Galerie hat angekauft:„Dachauerin mit ihrem Kinde" von W. Leibi,„Kreuzabnahme Christt" von A. B ö ck l i n,„Landschaft"(Ischl) von F. Waldmüller,„Die Schachpartte" von I. E. Hummel,„Sitzende junge Dame" von D. H i tz.— — Das Wachsen und Gedeihen des Germanischen Museums hat ein Steigen der Verwaltungskosten zur Folge, und da das Deutsche Reich, der Staat Bayern und die Stadt Nürnberg vor einigen Jahren die Deckung der Kosten übernommen haben, müssen sie nun ihre Zuschüsse erhöhen, vorerst lim 57 000 M. jährlich. Es geschieht das in dem bisherigen Verhältnisse, wonach % vom Reich, 2/9 von Bayern und'/a von Nürnberg getragen werden. Vom nächsten Jahre ab wird das Reich dem Museum jähr- lich rund 116 300, Bayern 38 700, Nürnberg 19 400 M. Zuschuß zahlen.— — Die bedeutendste englische Markensamm- l u n g ist die T a p l i n g- Sammlung. Sie zählt über 100 000 Marken, ihr Wert wird auf 2 Millionen Mark geschätzt.— � antwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei u.VerlacisaustaltPaul Singer LcCo., Berlin