Unterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 20. Freitag, den 27. Januar. 1905 (Nachdruck verboten.) 20] Der ßaumcirtcr. Noman von Felix Holländer. ..Wie ist das möglich?" entgegnete Grete fassungslos. „»Das ist doch gar nicht denkbar... Ich begreife das alles nicht." Ihre Stirn kräuselte sich, und ihre Miene wurde scheu und verwirrt. „Aha!" sagte er.„Ich weiß, worüber Du Dir den Kopf zerbrichst." Er lachte laut und fröhlich.„Das Rätsel ist bald gelöst. Ein Mensch, der hungert und im Wagen fährt— das meinst Du doch, nicht?" „Ja," antwortete sie tonlos. „Nun, siehst Du, wie ich Deine Gedanken errate. Und dennoch beruht alles, was ich Dir sage, auf reiner Wahrheit. Also höre: An jenem Abend hatte ich tatsächlich nur ein Paar Groschen in der Tasche. Da traf ich zufällig einen Freund, den ich jahrelang nicht gesehen hatte— einen ganz famosen Kerl. Ohne daß ich ihn mit einer Silbe darum gebeten hätte, drängte er mir mehrere hundert Mark auf. Als ich mich von ihm trennte— traf ich Dich vor der Apotheke. Am anderen Tage fuhr ich bereits per Wagen, und um ein Haar hätte ich nur sogar einen Diener genommen... es wäre mir gar nicht darauf angekonunen.— Kind, sieh mich nicht so erschreckt und großäugig an. Es hat alles seinen tiefen Sinn. Das Leben zwingt einem Komödien auf, und niau niuß seine Rolle, ohne mit der Wimper zu zucken, spielen, wenn man nicht in der Versenkung untertauchen will... Kind, das mußt Tu doch einsehen! Glaubst Du, man läßt einen armen Teufel bauen — glaubst Du, irgend ein Mensch kümmert sich um ihn?— Alle Taschen voll Talent kann er haben, und man läßt ihn doch verhungern. Zum Bauen gehört wie zum Kriegführen dreimal Geld—- und kein Unternehmer läßt sich mit einem armen Schlucker ein. Wenn man diesen Hallunken nicht Sand in die Aligen strelit, schiebeil sie einen beiseite und sehen einen ver- Lchtlich an. Du kannst Dir gar nicht denken, was für Dienste mir dieser Wagen geleistet hat!... Was ist Dir denil— Du siehst mich ja wie entgeistert an?" unterbrach er seinen Redefluß. „Wie kann man sich nur solcher Mittel bedienen?" fragte sie schüchtern, während ein qualvoller Zug ihre Miene beherrschte. Dieser Ausdruck brachte ihn in Verlegenheit. „Bist Du eilttäuscht, daß ich nur ein armer Schlucker bin?" Sie entzog ihm Fanz leise die Hand. „Für mich könntest Du arm wie eine Kirchenmaus sein -- ich beanspruche nichts als Wahrhaftigkeit." „Kind, Du darfst mich für keinen Lügner halten. Das sind Listen und Manöver, die einem der Krieg aufzwingt." „Das finde ich ja gerade so jammervoll." .„Auf den Krieg folgt Frieden, wo man wieder ehrlich sein kann. Tu darfst Dich darauf verlassen, es kommt die Zeit, da ich solcher Mittel nicht mehr bedarf." Sie sah zur Seite und schwieg. „Sage, was Du denkst— ich bitte Dich darum!" Sie wandte sich ihm wieder voll zu. „Ich habe ein solches Mitleid mit Dir. Wie mußt Du gelitten haben, wenn Du zn so verzweifelten Mitteln greifen konntest!" „Ist das, was ich getan habe, wirklich so schlimm?" brachte er erstaunt hervor. „Du hast eine Scheu vor einem unreinen Krageil," sagte sie,„und ich vor nichts mehr, als vor einer unreinen Handlung." „Liebe Seele— es ist ein ungleicher Kampf, m dem ich stehe. Ich kann lind will nicht zugrunde gehen— ich muß empor. Und Du niußt mir helfen!" „Wenn ich es nur könnte, Friedrich!" Es war das erste Mal, daß sie ihn bei seinem Vornamen nannte. „Du kannst es!" erwiderte er in tiefer Zärtlichkeit. Langsam erhoben sie sich. Draußen hing sie sich schwer in seinen Arm. Und eng aneinandergeschmiegt schritten sie durch die weiche, linde Frühlingslust, lieber ihnen wölbte sich der Himmel mit un- gezählten Sternen, die auf sie herabfunkelten. Sie gingen über die Linden, durch das Brandenburger Tor, durch den Tiergarten, der in tiefer Stille und Nacht- ruhe dalag. Mit allen ihren Poren atmeten sie den Frühling ein. Und in dieser Stunde hatte er nur den einen Wunsch, ihrer reinen Seele wert zu sein. Alle seine ehrgeizigen Wünsche und Pläne versanken in dem einen Gefühl seiner großen Liebe... In den nächsten Tagen brachten die Berliner Blätter die Notiz, daß einer Korrespondenz zufolge draußen im Westen ein neues Theater entstehen sollte. Ein Konsortium kapital- kräftiger Leute hätte sich zusammengefunden, um das neue Unternehmen zu finanzieren. Da kein Name genannt war, so hatten die Redaktionen verschiedener Blätter an diese Notiz so und so viele Fragezeichen geknüpft und die Frage erörtert, ob für ein neues Theater überhaupt ein Bedürfnis vorliege. Am Tage darauf bekamen die Zeitungen schon die Mitteilung, daß„Friedrich Keßler, einer der talentvollsten Architekten Berlins, den Bau ausführen würde". Gleichzeitig wurde hin- zugefügt, daß„in dem neuen Hause das moderne Drama gepflegt werden sollte; das Theater selbst würde innerhalb eines Jahres fix und fertig dastehen". Der Verfasser aller dieser vorbereitenden Notizen war niemand anders als Steinert.„Vor allen Dingen— hatte er zu Keßler gesagt— müssen wir es dahin bringen, daß in Berlin von nichts anderem als von unserem Theater gesprochen wird. Nur auf diese Weise finden wir Menschen, die sich an dem Unternehmen beteiligen. Wind machen muß man— Wind machen!" hatte er hinzugefügt...„Wenn man selbst Journalist gewesen ist, versteht man sich auf den Rummel. Sie werden sehen, Herr Baumeister, wie uns die Leute auf den Leim kriechen werden." Mit einem unglaublichen Aufwand von Energie hatte man es dann in der Tat durchgesetzt, daß eine Handvoll Leute — etwa sieben oder acht an der Zahl— zu arbeiten anfingen. Die Ausschachtungen begannen, lim'das ganze Terrain aber war ein-großer Zaun gezogen, auf dem mit riesengroßen Buchstabeil'die Worte gemalt wären:„Shakespeare-Theater". „Wir müssen für ein Aushängeschild sorgen, das den Leuten imponiert," hatte Steinert zu Keßler gesagt. „Shakespeare-Theater! Wie das klingt!" Und noch einmal wiederholte er mit tiefer, feierlicher Stimme:„Shakespeare- Theater!" Seine kleine Gestalt wuchs bei diesen Worten, und sein faltiges und verkümmertes Gesicht, auf dem die Sorgen eines ganzen Lebens eingezeichnet waren, bekam einen sonder- baren Glanz. Keßler betrachtete ihn verwundert von der Seite. Der Mensch hatte in diesem Augenblick für ihn etwas Tragikomisches und doch zugleich etwas, das jeden Spott niederzwang.„ „Ueber diesen Namen könnte man einen tiefsinnigen Theatcrprolog dichten— und ich werde ihn dichten—- verlassen Sie sich darauf, Baumeister!.». Shakespeare- Theater!... Shakespeare-Theater!... Das klingt und singt mir in den Ohren wie eine Melodie, aus der Ewigkeit geschöpft," fügte er entzückt hinzu.„Nomen est omen!" Und sich noch mehr in die Höhe reckend, berauscht von seinen eigenen Worten, sagte er:„Darüber sind wir uns doch einig, Baumeister, daß Shakespeare und die Bibel zusammengehören. Das sind die großen Ströme, aus denen die Menschheit getrunken hat." lind als er auf der Miene Keßlers, den dieser Redefluß ängstigte, kein Verständnis zu entdecken vermochte, lächelte er mirleidig. In dieser Stunde dünkte er sich hoch erhaben über seinen Baumeister. „Ihr Baumenschen verliert den großen Ueberblick," sagte er ein wenig ironisch.„Ihr seht nur Steine, Lehnt_ und Mauern... aber Steine, Lehm und Mauern sind erst die Materie! Und was ist die Materie ohne den Geist!" Keßler wurde nun doch unruhig. Er brauchte einen nüchternen Geschäftsmann, der mit kühlem Blick Menschen und Verhältnisse übersah— und dieser da spielte sich auf einmal als Ideologe auf— als Schwärmer und Phantast. Diese Reden und Ausbrüche— diese Gesten und Gebärden hatten elttc verzweifelte Ähnlichkeit mit denen Freitags... Das waren ja nette Bundesgenossen! Wenn der auch einen kleinen Knacks weg hatte, mochte Gott sich seiner annehmen. Steinert unterbrach ihn in seinem Gedankengange. Und wieder frappierte es Keßler, wie dieser Mensch in ihn: zu lesen wußte. „Seien Sie darüber unbesorgt!... Ich bin ganz richtig! Verlassen Sie sich darauf!" „Ich zweifle ja gar nicht.. Steinert hob sich auf die Zehen und klopfte ihm vertraulich auf die Schulter. „Leugnen Sie doch nicht. Baumeisterchen, ich kenne Sie ja besser." „Na, offen gestanden, bin ich kein besonderer Freund von großen Worten und Gefühlsduseleien... Weniger reden und mehr handeln ist mir im allgemeinen lieber." „Ganz mein Fall!... Ganz mein Fall, Herr Bau- nieister. Aber auf den Namen„Shakespcare-Theater" bilde ich mir doch etwas ein. Und meine Rechnung stimmt. Sic werden es sehen. Ter Name imponiert schon jetzt den Leuten — gibt ihnen zu denken! Er beweist, daß wir mit den größten künstlerischen Absichten und dem höchsten Ernst ans Werk gehen. Das imponiert der Presse und dem Publikum. Ich sage Ihne», Baumeister, man kann nichts Klügeres im Leben tun, als mit der besten Ware handeln... Und ich sehe meine Aufgabe darin, mit echter Kunst Geschäfte zu machen." „Aber lieber Herr Steinert," erwiderte Keßler nervös und ein wenig gelangweilt,„so weit sind wir doch noch nicht— diese Reflexionen haben doch noch Zeit... vorläufig wissen wir ja noch nicht einmal, woher wir am nächsten Samstag die zweihundert Mark nehmen sollen, um die paar Leute hier ab- zulohnen." „Zweifeln Sie etwa noch immer an unserem Theater?" „Ich zweifle keinen Augenblick— aber gerade deshalb halte ich es für doppelt notwendig, daß wir momentan unsere ganze Aufmerksamkeit nur ans die realen Dinge richten. Das Materielle ist zurzeit wirklich wichtiger, als das Geistige. Wenn wir das Haus erst unter- dem Dache haben, mögen Sie meinetwegen predigen, soviel Sie wollen." „Baumcnsch!" murmelte Steinert vor sich hin. Laut aber sagte er:„An mir wird es nicht fehlen... ich gehöre, gottlob! zu den Leuten, die nicht nur Worte dreschen, sondern auch handeln. Und bis Samstag habe ich so viel Geld aufgetrieben, daß wir wenigstens für den Anfang ohne Sorgen sind." „Na, da bin ich gespannt." „Habe ich Sie bisher im Stiche gelassen?" «Nein— aber die Hauptsache steht ja auch noch bevor." (Fortsetzung folgt.) (Nnchdruck verboten.) Häugetieraugen und fiscdaugen. Die Frage: Wozu dienen uns die Augen? wird jedermann prompt beantworten: Zum Sehen. Aber die weitere Frage: Was heißt Sehen? wird vielleicht nicht mehr ganz so schnell beantwortet werden. Und in der Tat setzt sich da-Z Sehen aus mehrere» ihrer Natur nach recht verschiedenartigen Tätigkeiten zusammen: Das Unterscheiden zwischen Hellein und Dunklem, das Unterscheiden zwischen größerer und geringerer Helligkeit, das Erkennen der Umrisse der vor uns befindlichen Gegenstände, daS Erkennen der verschiedenen Farben dieser Gegenstände, das Erkennen, wie ver- schieden entfernt sie von uns sind. Allerdings wird, ganz besonders was daS Beurteilen der Entfernungen anlangt, das Auge auch vom Tastgefühl wesentlich unterstützt. Es ist belannt, daß Kinder die Stenie zu greifen versuchen, sie haben noch nicht die Erfahrung gemacht, daß diese Gegenstände außerhalb des von unseren Händen Erreichbaren liegen. Auch Er- wachsene unterliegen ähnlichen Täuschungen, indem sie die gemachten Erfahrungen unrichtig verwenden. Wir haben durch Erfahrung ge- lernt, daß etiva ein Baum, den wir nicht mehr deutlich, sondern in seinen Unirissen nur noch unbestimmt erkennen, sich in einer gewissen Entsermmg, sagen wir in ein paar hundert Schritten vor uns befindet;' ferner wissen wir, daß ein Baum von der Art, wie sie bei uns vorkommen, unS in dieser Entfernung von ein paar hundert Schritten um ein bestimmtes Stück kleiner erscheint, als unmittelbar vor uns. Wenn wir nun im Nebel einen Baum sehen, so schätzen wir seine Entfernung größer, als sie wirklich ist, denn der Nebel läßt uns die Umrisse des BaumeS so ungewiß erscheinen, wie sie sonst mir in großer Entfernung von uns aussehen. Zugleich aber sehen wir, daß der Baum uns so groß vorkommt, wie wir ihn nur in wenigen Schritten Entfernung sehen, diel größer, als uns in der Entfernung von ei» paar hundert Schritten— denn so groß schätzen wir ja Ivegen der unbestimmten Umrisse die Entfernung— sonst Bäume erscheinen; daraus schließen wir irrtümlich, daß dieser Baum viel größer ist. als die ge- wohnten Bäume, und daher konmtt es, daß uns im Nebel die Gegenstände, die ivir sehen, oft von einer gespensterhaften, unheimlichen Größe zu sein scheinen. Ein interessantes Beispiel dafür, daß uns beim Sehen der körperlichen Gegenstände, also bei». Erkennen, daß fie nicht bloß ebene Figuren sind, sondern Körper, deren einzelne Teile verschieden weit von uns entfernt sich befinden, das Tastgefühl sehr unterstützt, lieferte der Fall, als ein blind geborener Mensch in seinem achtzehnten Lebensjahre so operiert würde, daß er danach sehen konnte. Als ihm eine Kugel und ein auf Papier gezeichneter Kreis gezeigt wurde, konnte er beide von einander nicht unter- scheiden, i andern er hielt auch die Kugel so lange für einen ebenen Kreis, bis er sich durch die Berührung von dessen eigentlichen Natur unterrichtet hatte. Aber ein großer Teil der Aufgabe, die verschiedenen Eni- fernungen der Gegenstände zu erkennen, bleibt doch dem Auge überlasten. Ilm die Gegenstände deutlich zu erkennen, müssen wir ze nach ihrer Entfernung verschiedenarttge Augenbeweaungen machen, und die Art und Größe dieser Augenbewegunge» gibt uns Aufschluß über die Distanz der Körper. Wenn man nun eiiieni Menschen ins Auge sieht oder wenn man gar Gelegenheit hat, das einem getöteten Tiere entnommene Auge genauer zu betrachten, so wird man bemerken, daß ein eigentlich recht einfacher Apparat allen verschiedenen Sehtätigkeiten genügt. Und selbst da, wo die Bedingungen deS Sehens ganz verschiedenartige sind, wo die gesehene Außenwelt ganz andersartig erscheint, ist der Augenapparat kaum wesentlich geändert. So macht es gewiß einen sehr großen Unterschied für daS Sehen aus. ob das Licht, bevor es an's Auge gelangt, seinen Weg nur durch Luft ninmtt, oder durch Waster; aber die Augen der Fische, die das Licht erst nach seinem Durchgang durch Wasser aufnehmen, sehen im wesentlichen so aus, wie die der Säugetiere, zu denen es lediglich durch die Luft gelangt. Die Fisch- äugen wie die Säugetierangen bestehen aus drei Häuten von ver- schiedener Feinheit, die einander zwiebelschalenarttg umgeben; in dem so entstandenen etiva kugelförniigen Raum liegt ein Körper von linseitförnnger Gestalt, dem man wegen seines Aussehens auch den Namen der Linse gegeben hat. Er wird durch solide Bänder in seiner Lage gehalten. Der Augcnraum vor der Linse ist mit einer mehr wässerigen, der hinter ihr mit einer mehr gallertartigen Flüssigkeit angefüllt. Die innerste der drei Häute, die Netzhaut, dehnt sich nur auf den hinter der Linse liegenden Teil der Augenkttgel aus, ihre vordere Hälfte ist gleichsam weggeschnitten. Die Netzhaut ist das eigentliche Empfindungsorgan für Licht und Farben. Die beiden äußeren Häute sind in ihrem äußeren Teil, also da, wo sie in der durch Schädelknochen gebildeten Augenhöhle liegen, mit ihrem festen, derben Gewebe bestimmt, einen Schutz, ein Polster des Auges gegen die harte Umgebung zu bilden. In ihrer vorderen Hälfte haben diese beiden Häute andere Aufgaben. Dort bildet die äußerste Haut ein klares, durchsichtiges, aber dabei sehr hartes Fenster, durch welches das Licht ungehindert dringt. Die mehr nach innen gelegene Haut bildet in diesem vorderen Teil dagegen einen Vorhang, welcher ftir daS Licht undurchdringlich ist und von dem nur durch ein bei den Menschen und vielen Tieren kreisrundes, bei anderen Tieren jedoch längliches Loch, die Pupille, so viel in daS Auge dringen läßt, wie zum Sehen der äußeren Gegenstände nötig ist. Dieser Vorhang ist bei verschiedenen Menschen verschieden gefärbt, blau, grau, braun oder schwarz. Die im Auge befindliche Linse hat denselben Zweck, wie das in der Vorderwand der Photo- graphischen Apparate angebrachte linsenförmig geschliffene Glas. Das auf der photographischcn Platte entstehende Bild ist ein um- gekehrtes, das heißt, die einzelnen Gegenstände stehen ans dem Kopf. Es entsteht auch auf der Neyhaut eilt umgekehrtes Bild der gesehenen Gegenstände, und man hat lange gesucht, ob man nicht im Auge eine Einrichtung besitzt, die dieses umgekehrte Bild wieder umkehrt, so daß uns die Gegenstände aufrecht, also so erscheinen, wie sie wirk- lich sind. Dies Suchen war vergeblich, eine solche Einrichtung existiert nicht, und wir sehen in der Tat alles, was wir sehen, auf dem Kopfe stehend. Aber von frühester Jugend an haben wir durch Tasten erfahren, daß die Gegenstände anders gestellt find als loir sie sehen, und diese Erfahrung ist uns so zur zweiten Natur ge- worden, daß wir schließlich gar nicht anders denken. Wir kehren also die gesehenen Bilder stets um. Die Flüssigkeiten im Auge lassen das Licht fast ungehindert hindurch. Zum Schutze der gegen äußere Störungen sehr empfindlichen Augen sind von der Natur mehrere Hülfsapparate angebracht. Die Augenbrauen- und Winiperhaare in Verbindung mit den Lidern hallen kleine Fremdkörper zurück; die dennoch an die Augen ge- kommenen werden von den Tränen fortwährend weggeschwemmt. Während nun die eigentlichen Scheinrichtuilgen Fischen und Säugetieren gemeinsam sind, besteht zwischen beiden ein wichtiger Unterschied insofern, als die zuletzt genannten Schutzvorrichtungen an den Fischaugen fehlen. Da« Fehlen der Augenbrauen und Wimpern kann darum nicht auffällig erscheinen, weil die Fische überhaupt keine Haare besitzen. Die Tränen sind daruin überflüssig, weil das Wasser, in dein sich die Fische befinden, ohnehin Staub und andere Fremdkörper vom Auge fortschwemmt. Die Augenlider würden vermutlich mehr Nachteil als Vorteil bringen. Denn diese fleischigen Wülste find sehr geeignet, größere Wärmemengen von dem Körper wegzulciten. Ferner sind, um die Wärmeleitung nach außen hin auch sonst nach Möglichkeit zu verringern, die einzelnen Teile der Augen, wo eZ irgend angeht, ohne das Sehvermögen zu beeinträchtigen, in Fett- hüllen«ingebettet, die in diesem Maße bei den Augen der Sänge- tiere nicht vorhanden sind. Aber schließlich ist auch trotz dieser Schutzhüllen die Wärmeabgabe der Fischaugen noch größer als die der Säugetiere. Um sie auszugleichen, sind diese reichlicher mit Blutgesäßcn versehen als die der Säugetiere, und das in den Ge« säßen zirkulierende Blut führt den Augen stets neue Wärme zu. Lust und Wasser unterscheiden sich ferner wesentlich dadurch von ein- ander, daß erstere viel durchsichtiger ist als selbst das klarste Wasser. Die Fische können also nur auf kurze Entfernungen sehen. Diesem Umstand ist bei den Fischaugen dadurch Rechnung getragen, daß fie sämtlich kurzsichtig sind. Man weiß, daß bei einem photographischen Apparat die photographische Platte der optischen Linse mehr genähert wird, wenn ein vom Apparat entfernterer Gegenstand aufgenommen werden soll, als wenn es sich um die Aufnahme eines der Linse näheren Gegenstandes handelt. Da wegen der trüben Beschaffenheit und mangelhaften Durchsichtigkeit des WasserS entferntere Gegen- stände in ihm nicht gesehen werden können, bildet das Fischauge einen Apparat, der der photographischen Camera ähnlich ist, wenn fie für die Aufiiahme näher liegender Gegenstände eingestellt ist, während daS Auge der Säugetiere der photographischen Camera gleicht, wenn sie für entferntere Gegenstände hergerichtet ist. Bei der geringen Helligkeit, die im Wasser herrscht, kommen dort überhaupt nur geringe Unterschiede der Helligkeit vor im Gegensatze zu den vielen Helligkeitsmrterschieden, die beim Sehen in der Lust möglich find. Die Säugetieraugen haben auch eine Einrichtung, die ihnen gestattet, bei greller Beleuchtung und bei schwachem Licht zu sehen. Die Pupille nämlich, das Loch in der zweiten der äußeren Häute, kann durch Zusammenziehnng oder Ausdehnung dieser Haut kleiner oder größer gemacht werden. Bei heller Beleuchtung kommt schon durch«ine enge Pupille genügend Licht inS Auge, um die be- trachteten Dinge zu sehen, bei Dunkelheit aber wird die Pupille stark erweitert, um durch die Menge des eindringenden Lichtes seine geringe Stärke auszugleichen. Bei den Fischen dagegen, die nur geringe Helligkeitsuntcrschiede auszuhalten haben, ist die Pupillen- Veränderung, wenn überhaupt, sicher nur in geringem Maße möglich. Ganz besonders große Verschiedenheiten bestehen zwischen Säuge- tier- und Fischaugen bezüglich der Apparate, welche gestatten, daß Gegenstände in größerer oder geringerer Ferne fixiert werden; denn wenn auch Fische überhaupt nicht weit blicken können, so sind fie doch imstande, innerhalb dieser geringen Sehweite nähere oder ein wenig entferntere Gegenstände zu fixieren. Säugesteraugen ver- ändern die deutliche Sehweite dadurch, daß die Linse im Auge durch die MuSIeln an ihnen schwächer oder stärker gekrümmt oder gewölbt wird. Die Einrichtung ist also ungefähr dieselbe, wie weim wir für das Sehen entfernterer oder näherer Gegenstände verschieden stark gekrümmte Brillen aufsetzten. Bei den Fischen wird die Anpassung an das Sehen in verschiedenen Entfernungen dadurch vollzogen, daß die Linse bald mehr nach vorn, bald nach hinten gezogen und dadurch von der Netzhaut bald mehr, bald weniger entfernt wird. Die Einrichtung ist also hier sehr ähnlich der, die öei der photogravhischen Camera vorgenommen wird, wenn bei den Aufnahmen verschieden entfernter Gegenstände die opstsche Linse der lichtempfindlichen Platte bald näher gebracht, bald von ihr mehr entfernt wird. Die kleinen MuSkclbewegungen, die bei dieser Anpassung an die ver- schicdenen Entfernungen vollzogen werden, kommen uns zur Empfindung, wenn auch nicht zum deutlichen Bewußtsein, und diese scharf enipfundenen Muskeleinpfindungen ermöglichen dem Auge, bei der Beurteilung darüber mitzuwirken, in welcher Entfernung sich die gesehenen Gegenstände befinden. Es ist noch nicht genau erkannt, welchen Vorteil die eine Anpaffungseinrichtnng der Augen an die verschiedenen Entfernungen bei Fischen, die andere bei Sängeticren diesen verschiedenen Tierarten bietet, aber Vorteile iverden ihnen gewiß daraus erwachsen, denn nicht zu'ä lig, sondern durch die ver- schiedenen Umgebungen geboten find die Verschiedenheiten der Säugetter- irnd der Fischaugen.— b. g. Kleines feuilleton. e. w. Kropzeug, Krop.— Grobzcug.— Man schreibt uns: Vor nicht allzu langer Zeit las ich in einem Leitartikel des„Vor- wärts" das Wort Kropzeug. Ich kann nicht mehr sagen, in welchem Zusammenhang es gebracht wurde, es war aber leicht aus dem In- halt des Geschriebenen zu ersehen, daß etwa» Minderwertiges ge- meint war. DaS Wort Kropzeug kommt in der mündlichen Rede öfters, und nicht gar selten in der Schrift vor, so daß es sich wohl verlohnt, es etwas genauer anzusehen. Wenn Gustav Frcytag in seiner„Verlornen Handschrift" von Hunden schreibt: Das Grobzeug will beißen, so sieht man daran, daß ihm das Wort nicht recht, als gutes Hochdeutsch aus der Feder fließen wollte. Er machte deshalb Grobzeug daraus, was ihm mundgerechter erschien. Aber schon lange vor Freytag hat Kropzeug eine Umdcutung erfahren und sich an„grob" angelehnt. Schon Seume (ITOS— 1810) schreibt: Ter Lieblingsausdruck der preußischen Offiziere(im Jahre 1800) war das Grobzeug und ihr Charakter fouveraine Volksverachtung. In Wagners..Kindermörderin" ist vom bürgerlichen Grob die Rede. Friedrich der Große schreibt in der Instruktion für einen neuen Schauspieldirektor: Ihr könnt dem- nach das schlechte Krop, so jetzt noch bei dem französischen Theater ist, nur gleich und je eher je besser wegschaffen und Euch bemüheiz, dafür recht gute, ordentliche und geschickte Leute zu engagieren. Die Rahel(Rahel Levin 1771— 1833, Gattin Varn Hagens von Ense) äußert sich an einer Stelle ihrer Schriften: was das andere Krop Liebe nennt. Man sieht, daß das Wort damals gang und gäbe war, und zwar war es aus der Sprache der Offiziere, in die dev gebildeten Klassen übergegangen. WaS es bedeutet ist unschwer zu erraten, man meint damit: nichtsnutziges Volk schlechtes Gesindel. Aber nicht allein von Menschen wurde es gebraucht, sonder» auch von Tieren, besonders von kleinem Vieh und von Lastvieh, das sich beschwerlich und langsam fortbewegte, im Gegensatz zu Queck oder Quick, das großes und wertvolles Vieh bedeutet, das sich rasch fort» bewegt, weil es nicht mühsam arbeitet. Von diesem Gebrauche aus gelangen wir leicht zu dem cigent» lichcn Ursprünge des Wortes, der in der plattdeutschen Sprache zu suchen ist. Hier hat es seine eigentliche Form, nämlich Kruptüg, das von dem Tätigkeitswort krupen, das kriechen bedeutet, abgeleitet wird. Wenigstens ist diese Auffassung volksmäßig, denn man kann oft im Plattdeutschen hören: dat is man een lütten Kruper. Von anderer Seite dagegen wird darauf hingewiesen, daß Krop desselben Namens wie Krüppel oder Kröpel sei. Doch dem sei, wie ihm wolle, als Begriffskern des Ganzen erscheint: kleines oder un» brauchbares Wesen, Menschen- oder Viehzeug.— — Kunstformen in der Natur. Im Wiener anatomischen Institut hielt Professor Emil Zuckerkand! dieser Tage einen Vortrag über anatomische Präparate. Einem Bericht der „Neuen freien Presse" entnehmen wir das Folgende: In der Ein- leitung wies der Vortragende darauf hin, ein wie verschiedenes Bild ein und dasselbe Stück Organismus zeige, je nachdem die Muskel» fasern, Nerven, Gefäßbündcl oder Zellen zur Darstellung gelangen. Er erläuterte in kurzen Zügen die sehr vorgeschrittene Färbetechnik der Präparate, die sich auf das verschiedene Verhalten der einzelnen Teile zu gewissen Farben gründet. Dann ließ er wohl an hundert Präparate, durch das Skioptikon vergrößert, an dem Auditorium vorüberziehen. Ein Durchschnitt des menschlichen Hirnes gab in tiefblauer Färbung der Nervenbündel das Bild eines prächtigen Schmetterlings; eine Schnittfläche des kleinen Gehirnes zauberte ein Korallenriff mit tausendfältigen Vcrästungen hervor; ein LängS» schnitt durch dasselbe Organ zeigt naturgetreu das Blatt des Lebens- baumes. Im Querschnitt der inneren Nase einer Katze bilden die rot gefärbten, vielfach verschlungenen Riechnerven ein reizvolles Teppichornament, während die Nasenhöhle der Fledermaus sich zu einem kühnen, sczessionistisch anmutenden Motiv gestaltet. Palm- blattartig rage» auf langen Stielen die Stränge der menschliche Herzklappe hervor; ein herrliches Arrangement von Pfauenfedern entpuppt sich als Kicmcnblatt eines kleinen Fisches; gleich einer Felspartie voll Schroffen und Abgründen präsentiert sich der Ilnter» kicfer der Fledermaus, während ein Querschnitt aus dem Kopfe eines Reptils gar an ei» Urgchäuse im Stile Louis' XVI. gemahnt. Von wunderbarer Pracht der Form und Farbe ist der Quer» schnitt des menschlichen Rückenmarks. Es ist, als ob ein von glühen» der Abendröte übergossenr? Gehölz in einem Wasser sich spiegelt«. Einer Marmorplatte gleicht eine Gehirnzelle, mit dem kostbarsten indischen Shawl kann die Leber des Riesensalamanders in Farbe und Zeichnung wetteifern, und in dem rot-blauen Mosaik von phan» tastischer Zusammensetzung würde Wohl niemand die Vergrößerung eines Querschnittes auS dem menschlichen Darme vermuten. Zum Schlüsse der Bilderserie erschien der Durchschnitt eines Kropfes, ein seltsam verschlungenes Netzwerk, als Beweis dafür, daß auch die pathologische Anatomie künstlerisch verwertbare Formen aufweise. Der Formcnschatz der Natur, so schloß Professor Zuckerkaudl seine Ausführungen, sei unerschöpflich. Was er vorgeführt, sei nur ein kleiner Bruchteil der künstlerisch schönen Präparate, die er besitze. wobei Pflanzen und Mineralreich ganz aus dem Spiele blieben.� Mit jeder Vervollkommnung der Instrumente offenbarten sich dem schön» hcitssuchendcn Auge neue Wunder.— Kunst. e. s. Das weiblicheBildniS in Kupferstich, Holzschnitt und Lithographie vom XV. bis zum XX. Jahr- hundert führt eine Ausstellung des KupferstichkabinettS vor, die in dem hinter dem Lesesaal gelegenen Zinnner veranstaltet ist. Der früheste Stich(Italien, c. 1450) zeigt ein feines Profil einer jungen Italienerin, deren Haar reichgeschmückt ist, ein Typus, der an Botticelli erinnert. Im Gegensatz hierzu find die deutschen Arbeiten derber, breitlnocyiger. an« einzelnen hastend. Darum sind die Porträts individueller. Schon die ersten Bildnisse zeigen ganz charakleristische harte Züge. Das 16. Jahrhundert ist arm an Frauenbildnissen. Merkwürdigerweise haben gerade die großen deutschen Meister dieser Zeit sich nicht damit abgegeben. Nachdem im 17. Jahrhundert die technische Fertigkeit aufs höchste gestiegen war, begannen jene endlosen Folgen von Bildnissen in Kupferstich, die meist irgendlvelche gekrönte Häupter darstellten. Rubens und van Dyck werden vielfach zun, Vorbild genommen. Neiubrandt ist der einzige, der in originalen Werken auch hier voran» ging. Er porträtiert auch nicht angesehene Herrschaften, soiidern wendet sich seiner Umgebung zu. Wir finden hier ein Bild seiner Mutter und seiner Frau. Darin ist Rcnibrandt bedeutungsvoll. Er greift damit, ebenso auch künstlerisch durch die feine persönliche Art seines Stiftes, die ganz frei ,st von Manier, unserer Zeit vor, auf die«r, ein Einsamer unter seinen Zeitgenossen, hinweist. Er hat den Mut, keine konventionelle Schönheit hinzustellen, sondern treu der Natur zu folgen. Wie er das tut, das beweist seine vollkommene Freiheit von aller Tradition. Die französischen Stecher, die technisch Hervorragendes leisten. lassen dennoch die rechte künstlerische Auffassung vermissen. Im 18. Jahrhundert, im Zeitalter des Rokoko, beginnt jene zahllose Aufeinanderfolge von Damenbildnissen, die, zierlich und gespreizt, den charakteristischen Typus der damaligen Zeit wieder- geben. Diese französischen Stecher, die meist reproduzierend tätig waren, nach Bilderir arbeiteten, übten auch auf die deutschen Einfluß aus. Hervorragend in der malerischen Auffassung sind die Engländer, die in zwei neuen Techniken arbeiten, der Schabekunst (aus der gerauhten Kupferplatte werden die Lichter ausgeschabt, die Uebergänge sind daher weich) und die Punktiernianier(die Linien werden aufgelöst in kleine Pünktchen). Sehen wir hier die künstlerische Handhabung am höchsten gediehen, so kommt zugleich auch ein neuer Typus zur Darstellung, die nervöse, englische Dame, deren ausgeprägter Charakter, zart und doch energisch, so modern anmutet und auf das Festland späterhin Ein- stuß ausgeübt hat. Der' farbige Kupferstich, den das 18. Jahrhundert brachte, hat oft in blassen Farben einen eigentümlichen Reiz, der uns anti- quarisch anmutet, zumal wenn uns diese bunten, bildartigen Stiche aus vergilbten Büchern anblicken. Man arbeitete entweder mit ver- schiedenen Platten(wie die Franzosen meist), oder die Farben wurden alle auf einer Platte aufgetragen. Der Kupferstich wurde nach und nach durch die Lithographie verdrängt. Was unsere Zeit anlangt, das Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts,>0 glänzt sie durch Abwesenheit. Greiner, Halm, Stauffer-Bern, Zorn sind je mit einem Blatt vertreten und das sind doch nicht die Hauptvertreter. Es sollte aber gerade der wesentliche Erfolg dieser Ausstellung sein, darzntun, wie vertieft unsere psychologische Auffassung, wie momentan die technische Fertigkeit geworden ist, wie sehr wir all das Aenßerliche, Rang, Stellung, zu vergessen bestrebt sind und auf das Menschliche und Künstlerische allein unser Augenmerk richten. Ein Fortschritt, der unsere Zeit geradezu in Gegensatz stellt zu den ganzen früheren Jahrhuuderten. Ueberschreitet mau die Schwelle des 19. Jahrhunderts, so ist es, als treten wir in eine ganz neue Welt. Das ist mir noch nie so klar geworden wie hier— trotzdem nur drei Künstler diese Zeit Vertreter Ueberall, vom Anfange des 15. Jahrhunderts bis zu unserer neuen Zeit, haftet den vorgeführten Techniken der Cha- rakter der Reproduktion an, noch besser, des photographisch Treuen. Das Künstlerische tritt zurück. Eine bestimmte Person soll fest- gehalten werden. Dieser Aufgabe wird genau genügt. Erst bei uns macht sich diese Kunst frei, wird selbständig, holt ihre Werke ans sich, wird Kunst. Gerade unsere Zeit hat auch all die erwähnten Techniken ver- Vollkommnet, vermehrt und gerade die Frau ist es gewesen, das weibliche Porträt, dem diese Erneuerung zugute kam. Es ist aber seit einiger Zeit Mode geworden, Ausstellungen zu veranstalten, die nicht das halten, ivas sie versprechen. Es ist ja gut, wenn die Muscuiilsverwalwugen, denen das Arrangieren solcher Veranstaltungen obliegt, mit der Zeit mitgehen, Anschluß suchen an augenblicklich herrschende Strömungen. Früher war eher über eine gewisse Fremdheit gegenüber dem Zeitgeist zu klagen. DaS braucht nun aber nicht so weit zu gehen, daß gewissen reklamesüchtigen Vereinen Konkurrenz gemacht wird, die die Kunst propagieren, die immer schnellfertig etwas parat haben, das sie ihrem Publikum servieren, die in einem Abend die ganze Renaissance abmachen, um an einem anderen Tage etwas anderes zu erledigen; da erscheint die„Kunst im Buchdruck" und die„Kunst im Leben des Kindes" und die Knust noch sonstwo. Diese Sucht, nnt einemmal einen Uebcrblick über Jahrhunderte geben zu wollen— es wird damit nur die Oberflächlichkeit großgezogen— er- scheint und als etwas unvornehm und unkünstlerisch und eines Museums nicht würdig. Es liegt Koketterie darin. Es ist ein Reklametitel. Denn die Kunst des 20. Jahrhunderts— fünf Jahre erlebten wir gerade— soll erst kommen. Fehlen nun die maß- gebende» Künstler noch, so wird der Widerspruch um so größer. Es muß darauf hingewiesen werden, daß der, Raum, zu dem sich nur Eingeweihte hinfinden, durchaus unzureichend ist. Das Kupfer- stichkabinett, das so viel Schätze birgt, die für die meisten tot und vergraben sind, soll diese in Ausstellungen an die Ocffent- lickckeit bringen und wir können nur wünschen, daß die Verlvaltung sich dieser Verpflichtung recht oft erinnert. Die Blätter werden dazu angeschafft, um einer Oeffentlichkeit unterbreitet zu werden. Dazu sind die Beamten da. Und nicht sind die Werke dazu da, einigen wenigen bequeine Gelegenheit zu Privatstudien zu bieten.— Aus dem Pflanzeulebc». D i e Rotpustelkrankheit der Bäume. Es ist eine jedermann bekannte Erscheinung, daß in Park- und Garten- anlagen, Forsten und Baumschulen, sowie an Straßen- und Allee- bäumen gelegentlich abgestorbene oder kränkelnde Acste und Zweige umherliegen, deren Rinde mit zahlreichen, leuchtend roten Knötchen bedeckt ist. In allen diesen Fällen handelt es sich um ein Symptom einer manchmal sehr gefährlichen Baumerkrankung, der sogenannten Rotpustelkrankheit. Am meisten unter dieser Erscheinung zu leiden hat der Ahorn, weniger Linde, Roßkastanie, Ulme, Weißbuche und die übrigen Baumarten und Sträucher. Die erwähnten Knötchen, die von wachsartiger Konsistenz sind und bei feuchter Witterung zinnoberrot, bei trockener Luft hingegen rötlich bis gelblich erscheinen, sind die Fruchtkörper eines Pilzes, der den Namen dlectri» cinna- barina führt. Die in diesen Fruchtkörpern produzierten Sporen werden durch den Wind verbreitet. Auf abgestorbenen Zweigen, Aststümpfen oder wunden Stellen der Bäume finden sie die Be- dingungen, unter denen sie zum Mycelium auskeimen. Die so ent- stehenden Hyphcn dringen in das Holz ein und wachsen rasch nach allen Richtungen weiter. Das von ihnen durchwucherte Holz ver- färbt sich grünlichbraun und verliert die Fähigkeit, die Bodenflüssig- keit nach oben weiter zu leiten. Schließlich wächst das Mycel auch in die Rinde hinein, auf deren Oberfläche dann die Fruchtkörper zum Vorschein kommen. Die Bekämpfung hat in erster Linie darin zu bestehen, daß alle von der Krankheit befallenen Gehölze zurückzu- schneiden sind. Ferner sind alle mit Fruchtkörpern behafteten Zweige zu vernichten. Endlich ist an den Bäumen für einen guten Wund- abschlutz zu sorgen, damit die Jnfektionsmöglichkeit von vornherein unterbunden ist.— („Mitteilungen des deutschen Forstvereins".) Technisches. — Ueber die Auersche Osmium lampe sprach Dr. Blau in der letzten Sitzung des Elektrotechnischen Vereins zu Berlin. Der Vortragende legte, nach der„Täglichen Rundschau", dar, daß die Osminmlampe allen Anforderungen in hohem Maße entspreche. Im Gegensatz zu den Lampen mit einem aus gezogenem Metall hergestellten Leuchtkörper besteht der Osmiumfaden aus fein- porigem Osmium von großer Dichte und einer Oberfläche, die, unter dem Mikroskop betrachtet, zahlreiche kleine Ausbuchtungen besitzt, wodurch die Strahlung erhöht wird. Auffallend sei bei der Osmiumlampe, die etwa 60 Proz. weniger Strom ver- braucht als die gewöhnliche Glühbirne, die von keiner bisher bekannt gewordenen Glühlampe erreichte außerordentlich hohe Lebensdauer ohne entsprechende Lichtabnahme.(Es gibt Lampen von 5000 Stunden Brenndauer.) Der Osmiumfaden ist bei 1,5 Watt im Verhältnis zu seiner Widerstandsfähigkeit nur sehr inäßig belastet. Er hat in der Osmiumlampe bei Beginn des Leuchteus noch gar nicht seine endgültige Gestalt erhalten. Die Oberfläche des Fadens ist eben, und die Sinterung, die schon ein Mittel zur Herstellung des Fadens war, dauert in der fertigen Lampe während des Brennens noch fort. Der Faden verbessert sich also in Beziehung seines Strahlungsvermögens sehr wesentlich durch den Gebrauch. Die Osmiumlampe besitzt also gewissermaßen in sich einen Vorrat, um die durch das Glühen des Fadens entstehenden schädlichen Einflüsse (Abnutzung) für lange Zeit ausgleichen zu können. Das Licht nimmt im Gegensatz zu anderen Lampen noch nach mehr als 100 Brenn- stunden zu statt ab. Dieser für den Gebrauch so große Vorteil wird eben dadurch erreicht, daß der Osmiumfaden nicht aus einem glatt gezogenen Draht, sondern ans zusammen- gesinterten Osmiumteilchen besteht. Der Erfinder hatte die Osmiumlampe zunächst für eine Spannung von 27 Volt ein- gerichtet, als die Herstellung für den Verbrauch aufgennmmen wurde. Es gelang zunächst, die Lampe bis zu 37 Volt und dann bis zu 45 und 55 Volt zu bringen. Dabei blieb die Ver- Wendung der Osmiumlampe jedoch auf diejenigen Stellen beschränkt, wo die Hintereinanderschaltung, also das gleichzeitige Brennen mehrerer Lampen möglich war. Die neuesten Osmiumlampen sind für Spannungen von 110 Volt eingerichtet und sollen sich bewährt haben.— Buchereinlauf. — Ernst Hoos: Gedichte. Berlin. Verlag„Harmonie". Preis 2 M.— — The kla Skorra: Wovon in e i n Herz sich frei gesungen. Berlin. M. Lilienthal. Preis 2 M. geb., 3 M.— '— Hanns Fuchs: König.Gonlands Erlösung. Leipzig. Walther Röhmann. Preis 3 M.— — Julius Stettenheim: Tierisches— Allzu- menschliches. Berlin. F. Fontane u. Co. Preis 3 M.. geb. 4 Mark.— — Marianne Mewis: Die Einfältigen. Kleine Geschichten in Vers und Prosa. Berlin. F. Fontane u. Co.' Preis 3 Mark.— — Alfons Dörnthal: Gebrochene Wipfel. Novellen. Berlin. F. Fontane u. Co. Preis 2 M.— — Robert E y s l c r: Die Hochzeit. Komödie in 4 Auf- zügen. Berlin. Verlag„Harmonie". Preis 2 M.—_, — Bertha von S ut tner: Babi es siebente Liebe und Anderes. Zweite Auflage. Dresden. E. Piersons Verlag. Preis 3 M.— — Dr. I. Loewenberg: Deutscher Dichter- Abend. Vorträge über neuere deutsche Literatur. Hamburg. Gutenberg-Verlag.— — Dr. Rickiard Hennig: Wunder und Wissen- s ch a f t. Eine Kritik und Erklärung der okkulten Phänomene. Ham- bürg. Gutenberg-Verlag.— Die nächste Nummer des llnterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 29. Januar. Werantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärrs Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin S W.