Anterhaltungsblatt des Horwürts Nr. 21. Sonntag, den 29. Januar. 1905 (Nachdnick verboten.) 20 Oer Oanmeister. Roman von Felix Holländer. �„Notabene, Herr Baumeister, ich habe also für Sie in der Französischen Straße gemietet. Die Wohnung repräsentiert und ist nobel eingerichtet." „Und kostet viertausend Markt" „Für sieben derartig eingerichtete Ziinmer spottbillig!" „Das sagen Sie so!..." „Wollen Sie etwa in Ihrem Chambre garni die Leute empfangen?..." „Davon kann ja keine Rede sein... aber.. „Es gibt gar kein Aber. Der Bmimeister Friedrich Keßler, der das größte und schönste Theater der Welt bauen will, muß standesgemäß ivohnen. Und außerdem halte ich es für not- wendig, daß Hhr Bureau im Zeutrum der Stadt liegt." „Haben Sie denn schon für sich ein Logis gefunden?" „Ja... und zwar ganz in der Nähe des Theaters. Drei sehr nette Ziinmer.. mit einer wundervollen Aussicht auf..." Er machte eine kleine Pause und blickte Keßler geheimnis- voll au. „Marum sprechen Sie nicht zu Eiide?" „Auf unseren Bauplatz," ergänzte Steincrt. Und mit fiebrigen Augen fuhr er fort:„Ich habe es niich Zeit und Mühe kosten lassen, bis ich diese Wohnung gefunden habe... Ich hätte keine andere genommen... Denn, sehen Sie, ich kann ohne den Blick auf unser Theater nicht mehr leben... Hier brauche ich bloß, wann es mir beliebt, zu jeder Tages- und Nachtstunde, auf meinen Balkon zu treten, um das Theater vor mir zu haben!... Wenn Sie wüßten, ivas das für mich bedeutet!... Ich sage Ihnen, es wird keine Nacht vergehen, in der ich nicht von diesem Balkon den ausgiebigsten Gebrauch machen werde. Jetzt kommt," schloß er langsam, „die glücklichste Zeit meines Lebens. Ich will sehen, wie Stein auf Stein getragen wird..." „Wenn wir die Steine nur erst hätten," erwiderte Keßler mit einem komischen Seufzer.„Im übrigen beneide ich Sic lim diese Wohnung, lind vor allen Tingen um diesen Balkon. Denn mir geht es gerade so wie Ihnen." „Tie Wohnung gehört Ihnen so gut wie mir, und ich hoffe, daß Sie mich oft besucheil werden." „Darauf können Sie Gift nehmen! Wir werden ja auch sehr viel miteinander zu besprechen haben!" Eine Weile schwiegen sie beide. Jeder von ihnen ging de» gleichen Gedanken nach, die in ihnen arbeiteten und ihr Innerstes bewegten. „Wissen Sie, Steincrt, daß ich niir eine Kugel durch den 5topf schießen nmß, wenn die Sache schief geht?" „Ja, das weiß ich!" antwortete der Gefragte mit fester Stimme, während er den Baumeister durchdringend ansah. „lind das sagen Sie so ruhig, als ob es sich um eine Bagatelle handelte?..." „Das sage ich so ruhig... weil ich Ihnen auf dem Fuße folgen müßte... Auch mir bliebe dann nur noch die Kugel übrig!..." � Keßler legte beide Hände auf Stcinerts Schulter. „Drückt Sie diese Vorstellung gar nicht nieder?... Hat der Gedanke an ein solches Ende für Sie nicht etwas furchtbar Beängstigendes?" „Ich bin fest davon überzeugt, daß wir siegen!" „Und wenn wir nicht siegen...?" „Ist das Leben für mich verspielt und ohne Wert... Aber wir werden siegen!" „Bravo!" Er drückte ihm die Hand. „Und nun»verde ich Ihnen verraten, womit ich das Theater eröffne..." Und trotz des lauten Gelächters, in das Keßler ausbrach, fuhr er unbeirrt fort: „Ich eröffne das Theater mit Shakespeares„Soinmer- nachtstraum"!.»» Ja, mit Shakespeares„Sommernachts- träum"!" wiederholte er wütend, da sich Keßlers Heiterkeit nicht legen wollte. „Sie sind der sonderbarste Kauz, der mir je im Leben begegnet ist!" Steinert verbeugte sich tief. „Das ist für mich ein veritables Kompliment! Nur die sonderbaren Käuze— nur die, die hier einen kleinen Sparren haben," er deutete auf seiue Stirn—„sind es immer gewesen, die die Welt vorwärts gerückt haben... die Korrekten im Lande..." Er spuckte verächtlich aus. Sechzehntes Kapitel. Herr Anders hiunpelte bereits wieder zu den Orchester- Proben in sein Rauchtheater. Der Beinbruch war geheilt, und der Humor des alten Herrn hatte auf dem Krankenlager nicht gelitten. Eines Tages kam er ganz aufgeregt nach Hause. „Kinder," sagte er,„es ist Tatsache... es wird... es ist nicht mehr daran zu tippen. Sie buddeln bereits und schachten den Boden aus. Nee, wie mich das freut, daß unser Baumeister die Sache zustande bringt! Weißt Tu, Gretel, unter uns gesagt: ich Hab' noch nicht so recht daran geglaubt. Wer selber beim Theater ist, weiß ja, wie oft vom Bauen geredet wird, und wie selten es zustande kommt. Na, die Sache wird! Und überall spricht man davon. Und wißt Ihr, woher ich jetzt komme? Direkt vom Bauplatz! Ich habe mich mit eigenen Augen überzeugen wollen." Er hob die rechte Hand wie zum Schwur empor, stellte das rechte Bein einen Schritt nach vyrn, nahm eine kühne Schauspielerhaltung an und sagte deklamatorisch: „Shakespeare-Theater!" Und als Frau Anders und Grete über seine komische Bewegung sich lustig machten, meinte er mit entrüstetem Ernst: „Kinder, da gibt es nichts zu lachen! Genau so hat es Herr Steinert gemacht... mitten aus dem Bauplatz." „Wer ist denn Steinert?" fragte Frau Anders. Er zuckte geringschätzig mit den Achseln. „Frage!... Die rechte Hand von unserem Baumeister ist er. Keßler hat ihn mir eben vorgestellt,'n Mensch, der beim Theater alt geworden ist... Versteht enorm viel... Ich sage Euch— erste Nummer... allererste Nummer.., Schüler von Laube— von Heinrich Laube... Wißt Ihr, was das heißt?... Wißt Ihr, wer Heinrich Laube war?... Heinrich Laube war der größte— war neben Schröder der größte Theaterdirektor, den Deutschland je..." „Vater, Du hast wohl einen kleinen Schwips?" Frau Anders sah ihren Mann ganz besorgt an. Der Flötist richtete sich stolz und gerade auf. „Gewiß habe ich einen kleineu Schwips, Mutter— was an der Tatsachs nichts ändert, daß Steinert Schüler von Laube— von Heinrich Laube gewesen ist!" „Wie kann man sich nur am hellen lichten Tage einen Rausch holen?" fragte Frau Anders betrübt. „Wie kann man nur... Wie kann man nur?" wieder- holte Herr Anders, listig mit den Augen blinzelnd.„Gewisse Menschen können eben gewisse Tinge, die andere Menschen nicht können!" „Gretel, so rede Du ihm doch ins Gewissen!" , Hie wird sich hüten!... Sie wird sich schwer hüten! ... i r'r bestelle ich ihr nicht, was man mir für sie auf- gcli-., ; kommst Tu denn eigentlich?" ... r aus der Weinstube!... Der Baumeister hat mich und Steinert eingeladen. Sollte ich etwa ablehnen? ... Sollte ich so unhöflich fein?... Kinder, man hat Takt... man kennt den von ton... Wir haben das Shakespeare-Theater ehrlich begossen!..." „Und dabei hat er Dir Grüße für mich aufgetragen? Ihre Stimme zitterte leise. „Bewahre... Gott bewahre? Der Mann ist doch Kavalier! Für was hältst Du den Mann? Siehst Du"— er nahm sie unter den Arm—„genau so hat er mich auf dem Bauplatz untergefaßt und ist mit mir auf und nieder gegangen. Nicht einmal Steinert durfte von unserem Gespräch etwas hören. Und dann hat er zu mir gesagt:„Ich bitte Si� grüßen Sie mir recht herzlich Ihr Fräulein Tochter! Be- stellen Sie ihr, daß ich an jedes ihrer Worte denke.. Als Steinert dazu kam— ich kannte ja Steinert noch gar nicht— hat er sofort dies Gespräch abgebrochen." „Ich danke Dir, Vater!" »Na, und dann sind wir eben in die Weinstube gegangen. Was macht Ihr denn für Gesichter?... Pardon, Gretel, Dich meine ich ja nicht... die Mutter meine ich! Ist das denn ein so großes Verbrechen?" „Ani hellen. lichten Tag!" janimerte Frau Anders.„Sieh nur, was er für ein gerötetes Gesicht hat! Pass' auf, es wird ihm schaden!" „Vater ist ja so vergnügt... laß ihn doch!" erwiderte sie, und ihre Augen leuchteten. „Bin ich auch! Wer weiß, was aus mir in meinen alten Tagen noch wird! Denkt Ench nur, sie wollen mich zum Kapellmeister machen!... Wer lacht da..." „Ich denke, es soll ein Schauspielhaus»verde»?" fragte Gretel lustig. „Soll es auch!... Und trotzdem brmicheu sie eine»? Kapellmeister. Oder meinst Du, daß zu Shakespeares „Somniernachtstraum" keine Musik gehört?... Nämlich"— er spitzte den Mund und hob den Zeigefinger ein wenig in die Höhe—„sie eröffnen mit Shakespeares„Sommernachts- träum"!" „Das wissen sie heute schon!" sagte Frau Anders spöttisch. „Tu bist eine Gans. Eine Gans bist Tu! Heut übers Jahr soll das Theater fix und fertig dastehen! Meinst Tu, daß da so viel Zeit zu verlieren ist?" „Ich dachte." „Tu dachtest!... Mutterchen, wie kannst Tu so auf- schneiden! Das Denken ist doch immer Deine schwache Seite gewesen. Also, laß Dir sagen," dozierte er in überlegcneni Ton,„daß das Programm und Repertoire hellte bereits fest- gesetzt worden ist... In drei Monaten bekomme ich den Dngagemelltsantrag!... Kinder... ich soll die„Sommer- nachts"-Musik dirigieren!..." Er pfiff leise ein paar Takte aus der Mendelssohnschen Musik und durchmaß mit großeil Schritten das enge Zimmer. Dann blieb er plötzlich stehen, breitete beide Arme aus, stellte sich auf die Zehen und sagte: „Nun horcht eülmal hin!" Und ganz ernsthaft, als wenn er ein volles Orchester vor sich hätte, begann er die Ouvertüre aus dem„Sommernachts- träum" zu dirigieren, wobei er die Musiker gutmütig an- schnauzte und in seinem Feriereifer sich furchtbar aufregte, wenn etwas nach seiner Auffassung nicht ganz stimmte. „Duftiger... duftiger!" rief er ein über das andere Mal.„Das ist Sphärenmusik, mein Lieber, verstehen Sie?! i i i Sphärenmusik!..." lFortsetzung folgt.> (Nnchdalck verbot«».) Oer ßlälibauer. Eine Geschichte aus dem Badcner Lande. Von Max Bittrich. Ter Bkäsibaucr stand mißmutig vor dem Bett: das Schrätteke hatte ihm in der Nacht abermals auf der Brust gesessen. Er prüfte behutsam den Säbel. Die Waffe war haarscharf und hatte noch bei seinem Erwachen mit nach oben gekehrter Schneide auf dem Bett ge- legen, llnd trotzdem hatte es der nächtliche Quälgeist fertig be- kommen, auf das Lager zu hüpfen und die Brust des Bauern zu- sammenzudrücken, während ihm allerhand Leute, die er tot oder weit fort gewähnt hatte, in sein Unreines Gewissen guckten. Er fühlte sich noch wie zerschlagen und gähnte, wenn auch seine Gedanken munter genug waren, um ihm das letzte Mittel zu nennen, das Duckcle oder Schrättele unschädlich zu machen: was mit Sprüchen und Waffen nicht zu erreichen gewesen war, konnte vielleicht noch durch Güte ermöglicht werden. Auch der Kreuzbaucr hatte jahrelang gegen das Schrättele gekämpft. Vergebens! Dann hatte er die Teufelsbrut zu einem feinen Mittagsmahl eingeladen. Von da an war das Schrättele in der Nacht ausgeblieben und hatte sich nur noch ani hellen Tage öfter eingefunden, um nach guter Speise zu langen. Wer in der Nacht nicht bluten wollte, mußte am Tage die Habgier lassen. Der Bläsibauer aber mochte„unnütze Fresser" nicht gern, und jedes andere Geschöpf war ihm einer. Das Dasein verdiente nur, Wer ihm etwas eintrug. Das Schrättete verlangte nach seiner Erfahrung sogar feines Essen. Eine Einladung hatte er ja sogar schon ergehen lassen in Kr vorigen Erntezeit, in den Tagen schlimmer nächtlicher Bedräng- niS nach des LebenS Mühen und Sorgen. In der Erntezeit pflegte doch in keinem Bauernhause mehr auf den Tisch zu kommen als weicher Käse und allenfalls ein Kirschwässerle. Wer kann um ein Schrättele gleich alle Sitten und Gebräuche der Welt verlaffcn l Dem Schrättele hatte aber dieses Essen offenbar nicht gepaßt; wie sie am Morgen an den Bettpfostcn gestellt worden waren, so hatte der Bläsibauer das Schüssele und das Gläsle noch am Abend bor- gefunden, gefüllt bis an den Rand(und es waren doch nicht'mal sehr große Gefäße gewesen) l Was wollte die kleine Kanaille denn? Gebratene Lampreten. Wer mit dem Teuersten anfing, würde auch später nichts Geringeres geben dürfen! Dieses wüschte Leckermaul, dieses schleckrige! Doch ehe die lüsterne Brut ihm noch länger zusetzte, mußte das Aeußerste versucht werden. Die Kirschen blühten reichlich; die Kronen der Bäume schwammen wie Wölklein in der Frühlingspracht, und eine gute Kirschenblüt verhieß ein gesegnetes Weinjahr. Die Arbeit rief in die Rebberge— und da sollte man sich von diesem nächtlichen Geschmeiß plagen lassen und am Morgen, statt hinaus- zuziehen und die Arbeitsleute anzutreiben und ihnen auf die Finger zu gucken, müde und matt im Stuhle hocken! Vielleicht war ein besseres Essen doch vorteilhaft angewendet! Er horchte in den Hof, in dem sich das Federvieh bemerkbar machte. Ehe alle Stricke rissen: ein gebratenes Hühnchen war sicher- lich etwas Leckeres. Man könnte vielleicht— und er kniff die un- ruhigen Aeuglein zu, als ob ihm ein Unberufener sonst seine Ge- danken ablesen könnte—, man könnte am Ente die alte Glucke schlachten, die schon seit einigen Tagen in die Winkel kroch und den Kopf einzog, als stände einer bereit, ihn abzusicheln. Wie ein auf verdächtigen Wegen ertappter Sünder schreckte der Bläsibauer plötzlich zusammen. Vor den Fenstern schlürften schwere Beine. Er warf die Waffe ausi den Schrank und steckte den Kops hinaus. In der Morgenluft standen zwei alte taglöhncrnde Weiber. „Ich habe gemeint," schrie er,„Ihr kommt um Drei und nicht um Fünf! Ihr hättet gut und gerne schon zwei Stunden� binden können!'s wird immer schöner auf der Welt! Der Meister schlägt sich die liebe lange Nacht um die Ohren und wartet auf Euch faule Gesellschaft, und Ihr dreht Euch noch zehnmal auf die andere Seite in Eurer Buchte!" „Wir haben ja an die drei Stunden zu laufen bis Hierherl" wagte eins der alten Weiber einzuwenden, und ihre Lippen zitterten wie ihre Hand. „Da kriecht man drei Stunden eher'raus! Bei dem bißchen Rcbcnbinden hat sich noch kcins totgcarbeitet I Jetzt macht, daß Ihr fortkommt auf das Rebstück, drüben in der Holle!" Die Leute kannten den Besitz des Bläsibauers nicht, denn zum zweiten Male arbeitete bei ihm keiner, und zum ersten Male nur, wen großer Hunger trieb. Stundenweit sind die Höhen des Kaiscrstuhlcs mit Rebstecken besät, wie der Igel mit Stacheln, und kreuz und quer ziehen sich in dem weichen vulkanischen Grunde die Hohlwege durch das sonnendurch- glühte Gebirge. „Was steht Ihr denn noch? Ihr kennt wohl etwa mein Reb- stück nicht? Meint Ihr denn, ich würde Euch spazieren führen für mein Geld? Vorwärts, vorwärts! Hier links den Hollcnpfad am Berge langgcgangen! Nach dem zweiten Hohlweg das erste Stück links an der Mauer gehört dem Bläsibauer. Zu Mittag will ich die Hälfte fertig angebunden sehen für mein schönes Geld!" Er warf das Fenster zu. Die Leute trugen ihre Bündel mit den Bändern, die Reben und Stecken verbinden sollten, hinein in den Hohlweg und zogen weiter am Abgrund, an dessen gelben Erd- mauern blühendes Schlchengcäst und Brombeeren wucherten und Efeu die schwarzen Akazienstämme zu umschlsngcn trachtete; sie schleppten sich vorüber an den in die leichte und doch Halt ge» währende Lößschicht gegrabenen Höhlen, die im Sommer den Ar» beitern Schutz geben mußten vor dem den Rebensaft kochenden Sonnenbrand. Die Leute hatten kein Auge für die nach kurzem nächtlichen Regen doppelte Pracht des Rheins, für die aus dem Elsaß winkenden Türme und Burgen; sie sahen auch nicht in den nahen Tälern weiße Dunstbällchen über dem warmen Erdboden lagern gleich Rauchwölkchcn auf dem weiten Schlachtfelde. Für die beiden alten Frauen bestand die Welt jetzt nur aus bearbeiteten und un- bearbeiteten Rebbergen. Am Ende eines glitschrigen Fußpfades machten die beiden Wanderinnen Halt. Hier mußte das Feld ihrer Tätigkeit sein! Sic warfen ihre Brotbündcl zusammen, und ohne weiter ein Wort zu sprechen, machten sie sich daran, Reihe um Reihe der Reben aufzurichten und einen jeglichen Stock zwei- oder dreimal an seinen Stecken zu ketten. So sehr auch die alten Hände schon zitterten, die Zahl der biegsamen grauen Reben, um die sich de? zähe Bast schlang, mehrte sich zusehends; nach einigen Stunden reckten sich auf dem Rebstück die verheißungsvollen Pflanzen in geraden Reihen, und als Mittags der Bläsibauer erschien, waren die Frauen gerade» daran, den zweiten Teil der Besitzung des— Endcbauers in Angriff zu nehmen. Die Reben des Bläsibauers aber ruhten noch allesamt an der Mutter Erde, und die Stecken auf seinem Eigentum ragten noch kahl in die Luft wie die Nadeln auf einem Kissen. Trotz des lcnzlichen Sonnenscheins brach plötzlich ein Gcwittev aus. Dem Bläsibauer hatte ohnehin der Groll am Herzen ge- sessen. Das Schrättele, das Huhn und jetzt noch für sein Geld ein Vorteil für den Endebaucr, ausgerechnet für diesen Erzlumpen, der tt dem Blasibauer war, weil er eigene gerade Wege ging! Wie würde das Getüschel von Mund zu Mund, von Haus zu Haus und von Ort zu Ort fliegen; der Blasibauer ist schön hereingefallen; erst prozetzt er ohne Erfolg mit dem Endebauer und nachher läßt er besten Reben anbinden! *» � Das Huhn war zwar geschlachtet und gerupft, doch in der folgenden Rächt vergaß er schon das Schrättele, der Blasibauer, ob- wohl keine Säbclschncide breit lag, den Feind abzuwehren. Der Quälgeist kam nicht auf die Brust, sondern schien in Adern und Hirn zu wüten. Kein Auge tat der Bläsibauer zu. Er warf sich stöhnend nach der Wand und nach dem Fenster, bis ein Fauchen und Poltern über die Rebhügel drang: es war vier Uhr, denn der erste Bahnzug rollte um den Kaiserstuhl. Der Bläsibauer sah seine Zeit gekommen, der Schande zu wehren, die ihn die ganze Nacht hin- durch geschreckt hatte. Er stand auf, wie sonst aus Groll über das Schrättele, trank ein Kirschwässerle und ging mutterseelenallein den Hollenweg hinauf und zu dem von den Leuten irrtümlich gc- wählten Hügel. Er wetzte die Rebenschere, als ob er schwere Trauben zu schneiden gedächte im Herbst und während die Blütenbäume auf den Matten in seligen Schauern standen, und manch Vöglein noch schlaftrunken die kleine Kehle probte, klang dem Bläsibauer das kalte Klappern der Schere wie Musik— nein, noch schöner: wie Geldgeklimper an das Ohr. Band um Band fiel vor ihm nieder; die Reben lösten sich wieder von den Stecken, und die Fetzen der Fesseln legten sich auf den Boden. Der Schweiß trat dem eifrig Arbeitenden auf die Stirn und die Hände wurden naß; er gönnte sich keinen Aufblick, bis er vor der letzten Reihe stand. „Jetzt hett sicsl" lachte er bissig in sich hinein— ein paar Schnitte noch, dann steckte er die Schere zu sich. Hinter ihm lag der weite Rebberg des EndebauerS wieder im Urzustände; des Bläsibauers Geld hatte seinem Nachbar keinen Vorteil verschafft; die Schande war abgewendet! Durch den Wald fuhr der Morgenwind in heftigen Stößen. Drunten, in des Bläsibauers Dorf, wurden die Türen der Kirche weit geöffnet, und der Glöckner machte sich bereit, zu rufen. Der Bläsibauer eilte auf dem kürzesten Wege heim— so freudig und leicht, wie zufriedene Menschen tun. Er kam gerade noch recht, den schwarzen Rock anzulegen, das Gesangbuch in die Hand zu nehmen — denn das Geläut begann. Beinahe hätte er noch einen Teil der Andacht verpassen können — durch die gestrige Dummheit seiner Arbcitsleutc! Ter Braten für das Schrättele mochte nur bis zum nächsten Tage stehen bleiben; jetzt hatte der Bläsibauer auch keine Zeit, sich darum zu kümmern. Vielleicht kam das Tierzeug überhaupt nicht wieder I Schließlich hatte doch auch er noch Mark in den Knochen, und am Ende könnte er einmal den Peiniger packen und würgen! Im neugewonnenen Gefühl der eigenen Würde machte er sich in der Kirchenbank doppelt breit, der Bläsibauer, und sang, daß die Wände zitterten.... Weines Feuilleton. ab. Der heilige Synod.— Oberprokuror. Von den fünf höchsten Staatsbehörden in Rußland ist der heilige Synod eine der wichtigsten und einflußreichsten. Er ist es schon aus dem Grunde, weil er sich mit den geistlichen Angelegenheiten zu befassen hat, die in allen zurück- gebliebenen Staaten einen unverhältnismäßig breiten Raum ein- nehmen. Mit dem heiligen Synod, als der höchsten kirchlichen Bc- Hörde, schließt die geistliche Organisation der russischen Kirche ge- wissermaßcn ab. Er besteht aus einer Anzahl ständiger und nicht- ständiger Mitglieder, von denen die ersteren aus den Metropoliten und die letzteren aus dem Bischostum genommen werden. Den Vorsitz führt der Metropolit von Petersburg. Die Zuständigkeit dieser Be- Hörde erstreckt sich auf das ganze Gebiet des kirchlichen Lebens, um- faßt also deren Gesetzgebung, Disziplin und Gerichtsbarkeit. Zu den Angelegenheiten des Synods gehört demnach auch die angestrebte Beseitigung des Schismas und die Ausrottung der Sekten. Unter Schisma(Spaltung) ist die Trennung des katholischen Christentums in einen griechisch-katholischen und römisch-katholischen Teil zu ver- stehen. Durch die ursprüngliche Verbindung der russischen mit der griechischen Kirche ward der russische Episkopat mit in die Trennung jener von der lateinischen Kirche hineingezogen, und die UnionZ- versuche verschiedener Päpste führten nur zu geringfügigen Er- gebnisten. Bekannt ist, daß ganz Polen dem römisch-katholischen Be- kenntniste anhängt, und so wird es erklärlich, daß dem heiligen Synod in der Verbreitung der Rechtgläubigkeit ein weites Gebiet über- flüssiger und für die Beteiligen höchst lästiger Tätigkeit geboten wird. Außerdem hat der Synod sich mit den Ehcschidungsangelegenhcitcn zu befassen und besonders die Zensur der geistlichen Bücher zu über- wachen. Der heilige Synod besteht ungefähr seit zweihundert Jahren. Ursprünglich stand der russische Metropolit(Bischof in einer Haupt- ftadt) von Moskau unter dem Patriarchen von Konstantinopel, der mir damaligen Zeit sozusagen der Papst im oströmischen Reiche war. Als aber dieser letztere sich infolge der türkischen Herrschaft bedeutend in seiner Macht eingeschränkt sah, erkannte er im Jahre 1589 den russischen Metropoliten als selbständigen Patriarchen an. Von da an bestand die russische Hierarchie aus einem Patriarchen, einem Metropoliten und aus sechs Erzbischöfeu. Da die zunehmend« Macht des Patriarchen den Plänen des Zaren mehrfach hinderlich wurde, ließ Peter der Große, der das protestantische jus episcopale (bischöfliches Recht) des Landcshcrrn auf die griechische Kirche zu übertragen gedachte, nach dem Tode des Patriarchen Adrian(1702)1 dessen Stuhl unbesetzt, bis das Volk sich daran gewöhnt hatte, die oberste Leiwng der kirchlichen Angelegenheiten einem Kollegium von Prälaten anvertraut zu sehen und errichtete im Jahre 1721 den heiligen dirigierenden Synod als oberste Kirchenbehörde, nachdem er vorher die Rechtsprechung der Geistlichkeit eingeschränkt hatte. Wenn auch die Grundlagen der kirchlichen Ordnung bestehen blieben, so wurde dennoch der Kirchenverfastung durch diese Maßnahmen die Spitze abgebrochen, indem die Obcrherrlichkcit des Patriarchen auf den Zaren überging. Als eine Versammlung Peter bat. das Patriarchat zu erhalten, sprach er das Prinzip des von nun an die Kirchengcschichtc Rußlands beherrschenden Cäsarcopapismus mit den Worten aus:„Hier ist Euer Patriarch!"?lus dieser kurzen Dar- legung ersieht man, daß sich die russische Kirche nicht nur dem staat» lichen Organismus eng angegliedert hat, sondern daß auch der Synod dem Kaiser verfassungsmäßig untergeordnet ist. Daher werden alle seine Mitglieder von dem Kaiser ernannt, und außerdem übt dieser mittelbar seinen unbeschränkten Einfluß auf diese Behörde dadurch aus, daß er einen ständigen persönlichen Vertreter darin sitzen hat, den sogenannten Oberprokuror. Bei der Bedeutung, die die kirchlichen Dinge in Rußland haben, ist leicht zu ermessen, welche Macht dem Oberprokuror durch seine Stellung in die Hand gegeben ist. Diese Macht wird natürlich um so größer, je unbedeutender und schwächer der Herrscher selbst ist. Der jetzige Oberprokuror ist der berüchtigte Pobjedonoszew(sprich: Pabidonoszüs, mit dem Ton auf der vorletzten Silbe, zu deutsch etwa: Siegert oder Siegmann), ein abgelebter orthodoxer Greis, der freilich nicht ungebildet ist, aber in dem politischen Fortschritt des Westens und in der Abkehr vom Aberglauben das Verderben der Völker zu erblicken glaubt.— k. Winterbildcr von den Niagarafällen. Broughton Brandenburg schreibt in„Harpers Wcekly": Ich hatte die Fälle im Frühling Sommer und Herbst gesehen, aber ich hatte sie noch nie erblickt, wenn ihr donnerndes Brausen zu einem leisen Murmeln erstorben ist, und ihre hinrascndcn Wasserströme gebändigt sind durch die eisige� erstarrende Umarmung des Winters. So war ich denn überwältigt, als ich vor jene ungeheuren eingefrorenen Massen trat, die in starrer Ruhe sich majestätisch vor mir ausbreiteten. Ein Nordwind trieb weiße Schnccwolken von Süden her; der Mond hatte ein helle? funkelndes. Licht, das noch stärker wurde, weil es auf die Weiße Schneedecke fiel und sich in vielen flimmernden Lichtern brach. Un» zählige glitzernde Eisprismen strahlten in»dem weichen weißen Lichte, und auf den hohen Schncehügeln ließen die Mondcsstrahlen weit« Strecken in prächtigem Schimmer aufleuchten. Eine große Anzahl von Menschen war gekommen, sich dieses Weltwunder zu betrachten. Einzelne Feuer flammten hie und da auf; schwarze Gestalten be» wegten sich gespenstisch in dieser riesigen und seltsamen Szenerie. Eine ungeheure Eisbrücke wölbte sich über mir. Große Eisschollen stürzten bisweilen herab, und an dem Bersten, Krachen und Dröhnen der Eismassen merkte man die ungebärdige Kraft des zusammen- � preßten Wassers, das sich Bahn zu brechen suchte. Die Formation und Bildung dieser großen Eisbrücken ist ein schwieriges, nur durch langjähriges Studium aufzuklärendes Phänomen. Selbst die ver«. eisende Gewalt des härtesten Winters ist nicht imstande, die mächtige Flut völlig zu hemmen, die über die Fälle hcrniederstürzt. Die Wassermcnge, die vom Hufeisen-Fall niederdrängt, kann nie völlig zurückgehalten werden, selbst wenn die American-Fälle nur wenig Waffer herabströmen lassen. Wenn der Winter hereinbricht, dann sind die Wasser des Eric-Secs bis tief auf den Grund gefroren, und von hier aus breiten sich weite Eisfelder nach den Niagarafällen hin, die in eiserner Umklammerung die Wucht des strömenden Wassers hemmen, so daß es nur dumpf, wie grollend, unter den Eisschichten Iveitcrrauscht. Häufig aber stürzt das Eis auch in einzelnen Stücken die Fälle herab. Die ersten 19 090 Klumpen, die herunterdonnern, machen weiter keinen Eindruck, aber bald beginnen sich die einzelnen Stücke zu sammeln und aufeinander zu häufen; dann ist in einev einzigen Nacht ein Eisfeld gebildet, dessen weiter Spiegel in weihen, grünen, blauen Reflexen leuchtet. Oder diese Stücke türmen sich auch zu Massen und Hausen an; dann ist in wenigen Stunden ein gigantischer Pfeiler aufgerichtet, zuerst am American-, dann auch an dem Hufeisen-Fall. Wenn die Massen gegeneinanderstotzcn, dröhnt es wie Schüsse von Gewehren. Ich sah ein Eisstück, etwa so groß wie der Körper eines Mannes, der durch das Aneinander- prallen zweier Eisschollen 199 Fuß in die Luft geschleudert wurde. Wenn dann das Eis nicht weiter dringen kann, und der Wind mit einer starken Brise von Westen oder Südwesten das Eis zusammen- treibt, entsteht eine solche große Eisbrücke. Die Brücke von 1994 war die größte, die bis jetzt beobachtet wurde. Di« Teile einzelner anderer Brücken sind noch von riesigeren Dimensionen gewesen, aber noch kein Jahr sah eine so vollständig ausgebaute Brücke wie das vorige Jahr. Am 15. Februar hatte sich ein Eispfeiler von 15 Fuß Sähe gebildet, der binnen wenigen Tagen sich zu einer Höhe von 26 Fuß emportürmte und von starken Eis- und Schneemassen gestützt, sich zu einer Brücke mit einem ähnlichen Pfeiler zusammenschloß. Bis zum 27. Mai standen Teile dieser Brücke. Wunderbare Er- scheinungen harren in diesem Eisgcfilde des Reisenden. Die Lust war mit leichten Nebeln erfüllt, die Morgensonne ließ ihre hellen Strahlen auf die Schneegefilde fallen und bildete einen Regenbogen von wundervoller Schönheit. Herrliche Eisdome, die wie aus viel» fach schimmerndem Kristall auferbaut scheinen, werden da erblickt. Die Zweige und Aeste der Bäume sind auf das zierlichste mit ge- frorenem Schnee bedeckt; manchmal ballen sich die Schneemassen um die Bäume zu grotesken Formen.— Musik. Das National-Theater kämpft den schweren Kampf einer Opernbühne, die auf sich allein angewiesen ist, mutig und mit künstlerischem Ernste weiter. Anscheinend hat die Bevölkerung jener nordöstlichen Gegend das ihr dargebotene Gut noch nicht genügend er- faßt und unter den Schutz eines eifrigen Besuches genommen. Und doch verdient das Unternehmen, das sich jener nicht eben zentralen Theatergegend gewidinet hat, eine solche Beachtung und Vergütung. Auch seine neuesten Gaben sind würdig der Kunst und wirkungsvoll selbst für ein anspruchsvolles Publikum. Borgestern(Freitag) war zwar kein eigentlicher Premierenabend; allein die drei aus älterem Vorrat hervorgeholten Einakter sind keine allbekannte Ware und wirken frisch genug.— Der jüngste von ihnen ist das„Mimodrama" von Henri Bereny:„DieHan d". Wir haben es vor etwa zwei Jahren bei einer halb privaten Vorführung besprochen und als eine sehr tüchtige Schöpfung anerkannt.— Das älteste von jenen drei Stücken stammt aus dem Fahre 1841, ist komponiert von dem zu Antwerpen geborenen und zu Paris wirkenden, im Jahre 1369 ver- storbenen Albert Grisar, einem fruchtbaren und eifrig strebenden Komponisten der leichten Operugattung. Als„komische Oper" bezeichnet, ist es infolge seiner gesprochenen Teile doch mehr Singspiel als Oper, gehört aber, wenn man diese Einschränkung ab- rechnet, zu den lieblichsten Geschöpfen der musikalisch-dramatischen Muse. Der Titel:„Gute Nacht, Herr Pantalon l" er- gibt sich aus einem Liebesabenteuer, das den Sohn Pantalons in das Haus der Angebeteten führt; dort wird er in einem Divan ver- steckt, und sein Vater erhält als Gast des Hauses den Divan zur Nachtruhe angewiesen, bis endlich die mannigfachen Angstszenen in Wohlgefallen aufgehen.— Als Schluß des Abends kam eine Operette von Suppe aus dem Jahre 1863:„Die schöne Galathee." Ist das Stückchen zwar nicht eine bedeutende Leistung, so gibt es doch mit seinem Thema von der lebendig ge- wordenen Statue hübsche Gelegenheiten zur Entfaltung von Ge- sangskunst. Sobald einmal das National-Theater in der Gunst seines Publikums feststehen wird, mag auch die Zeit kommen, in der die Erteilung einzelner Ratschläge über künstlerische Details besser am Platze sein wird als jetzt. Diesmal sei nur kurz erwähnt, daß das Theater an diesem Abend eine stattliche Schar von Künstlern heraus- gestellt hat, die im ganzen mehr Gutes geleistet haben, als sich in einem Augenblicksberichte darlegen läßt.— sz. Ans dem Tierleben. — Von einer sangesfrohen Nachtigall erzählt Karl Kullmann in der„Gefiederten Welt"(Magdeburg. Creutzsche Verlagsbuchhandlung):„Im Frühjahr 1904 ersuchte mich mein Freund Richard Bittrich, ihm, wie ich schon so häufig getan, eine gutschlagcnde Nachtigall abzuhören und nach deren Ein- gewöhnung ihm abzulassen. Ich fand denn auch bald, etwa am 20.— 21. April eine solche Schlägerin, käfigte sie ein, behielt den Vogel etwa zehn Tage, und sobald sie gut im Futter und Gesang war, bekam sie oben genannter Freund. Die Nachtigall war un- ermüdlich und dabei hervorragend an Stropben und Abwechselungen, und sang den nächsten Tag in ihrer neben Behausung ruhig weiter. So singt nun dieses Tierchen bis auf den heutigen Tag, wo ich dies schreibe(3. Januar 1903). Selbst die vorjährige abnorme Hitze, oder das Uebergewöhnen an Friesschcs Universalfutter ver- mochten den Vogel nicht abzuhalten, von früh bis abends im selben feurigen Schlag bis heute zu singen wie im Mai. Gemausert hat die Nachtigall selbstverständlich nicht und wir müssen nun der Dinge warten, die da kommen, wie lange dieser Vogel, der bis jetzt beinahe 8>,z Monate schlägt, seinen Gesang erhält, und ob er dann direkt in die Mauser geht und wann er wieder seinen Schlag auf- nimmt usw. Jedenfalls steht man hier vor einer niehr cls merk- würdigen Erscheinung; in den langen, langen Jahre», wo ich Vögel pflege, ist mir so etwas nicht vorgekommen und ich hätte dies, wenn ich es nicht mit eigenen Augen und Ohren sehen und hören würde, kaum geglaubt. Gelungen ist, daß der Vogel, wenn ich ihn einfach mit Wutkerr und deni Schnurren anlocke, sofort antwortet und den Schlag aufnimmt."— Meteorologisches. — Der Witter nngsdien st der Vereinigten Staaten von Nordan, erika erfährt von dem Wiener Meteorologen Dr. F. M. Exner in der„Meteorologischen Zeitschrift" eine eingehende Darstellung auf Grund eines vierwöchigen Studien- Aufenthalts in Washington. Dort bessndct sich die Zentralanstalt, die den einfachen Namen 17. L. Wentber Bureau führt, aber mit etwa 200 Angestellten wohl das größte Institut dieser Art ist. Wie die deutsche Sccwarte noch gegenwärtig der Marine, so war dieses Bureau, als ein Teil des 17. S. Signal Office, bis vor 15 Jahren dem War Department unterstellt. Der eigentliche Grund dafür war anscheinend, daß die ersten meteorologischen Register, die bis in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurück- reichen, von anierikanischen Militärärzten geführt wurden. Der Witterungsdienst der Vereinigten Staaten ressortiert jetzt zum Department of Agriculture. Sein Jabresbudget übersteigt nach Exner eine Million Dollar. Er gemeßt außerdem Portofreiheit in dem zumeist staatlichen Postverkehr. Er verfugt über ein Netz von mehr als 700 besoldeten Stationen, die oft selbst bis zu zehn Be- amte besitzen, sowie von 3000 unbesoldeten meteorologischen und von 14 000 landwirtschaftlichen Stationen für Saatenstandsberichte. Das Wetterbureau in Washington empfängt von etwa 180 jener besoldeten Stationen, die aber selbst meist telegraphisch unterrichtete Bezirks- zentralen bilden, ferner von 20 kanadischen, einigen mexikanischen, westindischen, azorischen und europäischen Stationen täglich zweimal Wettertelegramme, die um 8 a und 8 p der ostamerikanischen Zeit (73 0 westlich oder fünf Stunden später als Greenwich-, sechs Stunden später als mitteleuropäische Zeit) abgehen. Schon nach zwei Stunden sind dann die Morgen- und Abendkarten entworfen und die Prognosen gestellt, am Morgen auf etwa äo, am Abend auf 48 Stunden. Die Morgenkarten werden gedruckt als die in den meteorologischen Kreisen bekannten II. L. Weather Maps. Neben den Prognosen von Washington für das ganze Gebiet werden von den Nebenzentralen für ihre Bezirke Prognosen gestellt, teilweise auch Karten veröffent- licht. Die Zahl dieser warnenden Berichte wird an gewöhnlichen Tagen auf 80 000 geschätzt, an Tagen mit Wirbelstürmen und anderen besonderen Witterungserscheinungen auf bedeutend mehr. Während der letzten sechs Jahre soll kein Zyklon die Vereinigten Staaten erreicht haben, ohne daß rechtzeitig geivarnt worden wäre. Die Verluste wurden infolgedessen auf ein Viertel der früheren reduziert. Durch rechtzeitige Hochwasserwarnung wurde bei der Ueberschwemmung im Jahre 1897 die Rettung von Eigentum im Werte von 13 Millionen Dollar ermöglicht. Den jährlichen Ntitzen der Wetterprognosen berechnen Sachverständige auf durchschnittlich 20 Millionen Dollar.(„Globus".) Humoristisches. Scheinbarer Widerspruch.„... Sagen Sie nur. Herr Doktor, warum will denn die Frau Rittmeister von ihrem Manne nichts wissen?" „Nun— weil sie von ihm was weiß!"— — Eingegangen. T o u r i st: ,.... Mit dem„Fensterln" ist's auch nichts mehr I... Fensterl' ich da neulich bei einem Dirndl,... kraxel' mit Müh' in ihr Kamme rl— und wie ich hineinkomme, ist drin schon die ganze Familie beisammen und— verlobt mich mit ihr!"— — Ein Unzuverlässiger. Arzt:„... Mir war der Schulze immer sehr unsympathisch!... Daß man sich nicht auf ihn verlassen könne, zeigte er ja noch zu guter Letzt. Als er krank wurde, stellte ich die Diagnose auf Rippenfellentzündung, und bei der Sektion zeigte sich's, daß er an Diabetes gestorben war l"—(„Fliegende Blätter".) Notizen. — Der Name des Priesters G a p o n weist, wie Wladimir Kuschnir in der„Neuen Freien Presse" ausführt, auf ruthenische Abstammung. Gapon ist eine abgekürzte Form für Agathon. Die Russen schreiben Agaphon, ebenso wie Fedor für Theodor. Da aber die Ruthenen in Rußland kein„f" kennen, sondern nur„p" ge- brauchen(so z. B. heißt Philipp bei ihnen Pylypp; Stephan heißt Stepan), so wird aus dem russischen Agaphon, ruthenisch Agapon. gekürzt Gapon. Die Ruthenen haben kein„g". Das russische Zeichen für„g" klingt im Rutheuischen„h". Der wahre Laut des Nainens ist daher H a p o n, und eS gibt in der Ukraine viele Bauern- familien, die diesen Namen führen. — Eine seltene Ehrung. Nach Antrag des Züricher Stadtrates an die Stadtverordncten-Verfaininlung soll der in Wien lebenden Schriftstellcriu G o S w i n a v. Berlepsch, einer Grau- bündnerin, das Bürgerrecht der Stadt Zürich schenkungS- weise verliehen werden, und zwar im Hinblick auf ihre dichterischen Darstellungen deS schweizerischen und züricherischen Volkslebens.— — Erfolg hatten bei der Uranfführting: Walter Har- lans Schwank„Jahrmarkt in Pulsnitz" im Schauspiel- Hause zu Dresden, Skowronneks Lustspiel„Die argen- t i n i s ch e Ernte" im Thalia-Theater zu Hamburg.— — W i l d e n b r n ch hat ein neues Drama vollendet, das den Titel„Die Lieder des Euripides" trägt.— —„Die Streber", eine politische Komödie von Anton Ohorn, wird im Wiener Deutschen Volkstheater die Uraufführung erleben.— — Ein heiterer Zwischenfall trug sich dieser Tage in einem Orte bei Kempten zu. Kam da ein Knabe in Mädchenkleid u n g in die Schule. AIS ihn der Lehrer fragte, warum er denn in einer solchen Kleidung komme, sagte der Kleine ganz treuherzig:„Ich Hab' koi anders G'wand. Meine Höfa send verrissa, und d' Mutter hat's noit g'flickt, na' Hab' i halt meiner Schwester ihr G'wand antue."— Beraittwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Vuchdruckerei u.VcrlagsanstaltPaul Singer LcCo., Berlin S W,