Iwterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 24. Donnerstag, den 2. Februar. 1905 (Nachdruck verboten.) 2« Der ßaumeiftcr. Roman von Felix Holländer. „Seien Sie möglichst kühl und zurückhaltend," raunte Steinert Keßler zu. Der nickte nur. .Ein elegant aussehender Herr mit einem sorgfältig gezogenen Scheitel kam ihnen auf der Schwelle entgegen. „Freut mich— freut mich ungemein!" sagte er zu Keßler und reichte ihm kardial die Hand.„Habe viel von Ihnen gehört— sind ja über Nacht eine Berühmtheit geworden!" Er schien es ganz natürlich zu finden, daß Keßler auf diesen Redeschwall nicht antwortete, denn er wendete sich sofort an Steinert, den er vertraulich auf die Schulter klopfte. „Sie kommen ein bißchen spät, mein Lieber," meinte er im Tone des leichten Vorwurfs.„Tut nichts— tut nichts— ich woiß— dringende Geschäfte— der Mensch kann nicht immer, wie er will. Uebrigens gestatten Sie, daß ich die Herren miteinander bekanntmache." Er wies auf einen großen, bärtigen Mann, der im Hintergrund des Bureaus stand.„Herr Baumeister Keßler, Herr Steinert— Herr Ziegeleibesitzer Braumann!" stellte er vor. Bei dem Worte„Ziegeleibesitzer" sahen sich Keßler lind Steinert wie auf ein Zeichen an. Herr Frenze! hatte diese Wirkung offenbar vorausgesehen: denn er lächelte geheimnisvoll. „Also Sie entschuldigen mich, lieber Herr Brau mann, ich habe mit den Herreil etwas Wichtiges zu besprechen. Ist es Ihnen möglich, etwa in einer halben Stunde noch einmal her- aufzukommen?" „Gewiß, Herr Frenzel." „Na, dann auf Wiedersehen!... Bitte, wolleil die Herren nicht Platz nehmen?... Vielleicht eine Zigarre gefällig?... Leicht oder schwer?" Er nahni von seinem Schreibtisch zwei Zigarrenkisten, die er öffnete. „Diese hier kann ich besonders empfehlen, sehr glite Rosa Aromatica! Pikant und doch mcht schlver!" Steinert bediente sich, Keßler dankte. „Nun, darf ich wissen, in welcher Angelegenheit die Herren kommen?" fragte Frenzel harmlos. Steinert riß seine kleinen Augen weit auf. „Sie belieben zu scherzen, Herr Frenzel!... Ich denke, das ist Ihnen nicht ganz unbekannt!" „Ja, ja!... Gewiß!... Immerhin, wir haben doch beide die Angelegenheit erst ganz flüchtig besprochen, mehr pour parier— wie ich sagen möchte!" Steinert dachte im stillen: Das ist doch die größte Frech heit, die man sich denken kann! Laut aber erwiderte er: „Falls Sie hellte für das Geschäft keine Stimmung mehr haben, ist ja eine weitere Erörterung gegenstandslos. Nach unserer letzten Zusammenkunft..." „Aber ich bitte Sie, mein Lieber, seieil Sie doch nicht gleich so heftig! Bei einer so großen Transaktion hat man doch gewisse Bedenken... So eine Sache will doch gründlich und reiflich überlegt sein!..." Steinert erhob sich. „Ich sehe, daß Sie Ihre Meinung geändert haben. Es hat daher wohl keinen Zweck, zumal die Zeit des Herrn Bali- meifters ohnehin..." „Nun sehen Sie sich nur diesen Menschen an, Herr Bau- ineister, als ob ich mit einem Worte angedeutet hätte, daß ich das Geschäft nicht machen will!..." „Die Sache liegt nämlich so," antwortete Steinert statt Keßler,„daß uns noch eine andere Offerte vorliegt. Wir stehen dicht vor der Entscheidung." Frenzel setzte seinen goldgefaßten Kneifer ans. „Lieber Herr Steinert," sagte er schmunzelnd,„das ist doch ein alter Trick...'n kluger Mensch wie Sie!.. Haben Sie so verbrauchte Mittel nötig?..." „Ich mochte unserer Auseinandersetzung doch nicht diese Wendung geben," mischte sich Keßler ins Gespräch.„Es steht natürlich bei Ihnen, ob Sie Herrn Steinerls Worten glauben oder nicht. Ich für msiil Teil muß es aber ablehnen, unter solchen Voraussetzungen weiter zu verhandeln." Er machte eine Belvegung, als wollte er gehen. Einen flüchtigen Augenblick fixierte Frenzel den Bau- mcister. Wollte dieser junge Mensch ihn uzen?! Dazu war er ein zu alter und zu geriebener Fuchs, um auf derartige Regie- kunststückchen hereinzufallen. Ein Gemisch von leisem Spott und einer gewissen Ilnsicherheit beherrschte seine Züge. Er lenkte ein. „Ich bitte Sie, nicht jedes Wort auf die Wagschale zu legen, Herr Baumeister. Wenn Sie Geschäftsmann wären und meine Erfahrungen auf dem Buckel hätten... Haben Sie eine Ahnung, was man als Geschäftsmann alles erlebt!... Im übrigen bin ich nicht abgeneigt, das Geschäft zu machen, vorausgesetzt, daß..." Steinert unterbrach ihn. „Ich habe dem Herrn Baumeister Ihre Bedingungen bereits mitgeteilt. Ich muß bemerken, daß er dem Ankauf Ihres Hauses sehr skeptisch gegenübersteht." „In der Tat," ergänzte Keßler schlagfertig,„ich begreife nicht, wie Sie das Objekt so hoch ansetzen können!" Frenzel lächelte. „Wenn Sie sich auf den Standpunkt stellen," sagte er, „dürften wir kaum zu einem Ergebnis kommen. Zum Ver- gnügen anderer mache ich selbstverständlich keine Geldgeschäfte. Ich muß schließlich wissen, wo ich bleibe. Denken Sie, ich mache ein Hehl daraus, daß ich verdienen tvill?" Er zog dabei die eine Spitze seines Schnurrbartes in die Höhe und sah bald auf Steinert, bald auf Keßler. „Sie wollen also Ihre Forderung nicht ermäßigen?" fragte der Baumeister. „Bedaure!" „Dann bitte ich, unsere Verhandlung als beendet zu betrachten." Steinert war starr vor Erstannen. Er erhob sich vom Sofa. Dieser Keßler verhandelte wie der gewiegteste Kauf- mann— mit einer Kaltblütigkeit und Ruhe, die nicht zu er- schüttern war. Wer hätte ihm das zugetraut! „Ich empfehle mich, Herr Frenzel," sagte er mit heraus- forderndem Hohn. „Nun, so schnell wollen wir doch nicht auseinander- gehen... Vielleicht findet sich doch noch ein Weg." „Ich zahle für dieses verlorene Grundstück nicht mehr als 230 000 Mark— eine Summe, die ich Notabene für lächerlich übertrieben halte. Die Anzahlung beträgt 20 000 Mark, keinen Groschen mehr. Wenn Sie sieh auf diese Basis stellen wollen, so bin ich..." „Hören Sie mal, Herr Baumeister, Sie sind doch'n sehr gescheiter Mensch! Reden Sie nicht, Sie sind'n sehr gescheiter Mensch...". Keßler machte ein degoutiertes Gesicht. „Ich bin Ihnen für Ihre schmeichelhafte Meinung sehr verbunden." „Können Sie auch!... Also ich mache Ihnen folgenden Vorschlag: Haben Sie schon die Steine für Ihr Theater gekauft?" „Bis jetzt noch nicht." „Nun hören Sie mal an: Haben Sie den Mann gesehen, der eben hier war?" „Allerdings!" „Schön. Der Mann heißt Braumann und ist Ziegelei- besitzer." Er zog Keßler an das Fenster.„Können Sie die Ladungen von Ziegelsteinen da drüben am Salzufer sehen?" „Gewiß!" „Nun passen Sie mal auf: Tie Steine waren von der Baufirma?lngerstein u. Ko. bestellt, die vorgestern Konkurs angemeldet hat. Ter Mann sitzt jetzt mit der Bescherung da. Er hat das Vergnügen, auszuladen, und weiß nicht, wohin er damit soll. Er kann die Fracht nicht einmal zurückgehen lassen, da die Kähne bereits belegt sind.— Hier haben Sie eine Ge- legcnhcit, spottbillig zu kaufen. Ich habe� mit Braumann bereits gesprochen, bevor Sie eintraten. Er ist bereit, zu außergewöhnlich billigem Preise an Sie zu verkaufen... Was sagen Sie nun?..." Keßler hatte mit angespannter Aufmerksamkeit zugehört. Er wollte seine Selbstbeherrschung nicht verlieren, wollte nicht verraten, was in ihm vorging. „Ich bin Ihnen für Ihr Interesse außerordentlich dank- bar," erwiderte er kühl,„aber ich verstehe nicht recht, was das mit unserer Angelegenheit zu schaffen hat." „Erlauben Sie mal— nehmen Sie mal an, ich kaufe die Steine, dann müßten Sie doch den regulären Preis be- zahlen." „Tos sind für mich zu komplizierte Berechnungen," entgegnete Keßler ironisch.„Im übrigen will ich Ihnen, damit wir zu einem Resultat gelangen, insofern entgegen- kommen, als Sie meinethalben den Preis für Ihr Haus um zehntausend Mark höher ansetzen mögen." „Uni zlvanzigtausend Mark, Herr Baumeister." „Ich denke nicht daran." „Dann tut es mir leid." „Einigen Sie sich aus die Mitte." sagte Steinert,„lassen Sie jeder fünftausend Mark nach." Es klopfte au der Tür: der kurzsichtige Buchhalter steckte seinen Kopf hinein. „Herr Braumann ist da." „Möchte eine Minute warten." Die Tür schloß sich wieder. „Zwanzigtausend Mark! Wollen Sie oder wollen Sie nicht?" „Fünszehntausendl" entgegnete Keßler, äußerlich kühl, „ist mein letztes Wort. Ich hätte mich auch dazu nie ver- standen, wenn nicht Herr Steinert.. „Das war nur ein Vorschlag von mir, Herr Baumeister. Wenn Sie dagegen sind..." „Schön! Fünfzehntausend Mark!" schnitt Frenzel ihm das Wort ab. „Und wann sind die hunderttausend Mark für uns flüssig?" fragte Steinert. „Jederzeit. Ten Kontrakt schließen wir morgen, wenn es Ihnen recht ist." „Gut. Herr Steinert ist mein Generalbevollmächtigter — seine Abmachungen sind für mich bindend." Frenzel verbeugte sich. Dann öffnete er die Tür. „Bitte. Herr Braumann!" Der Ziegeleibesitzer trat ein. „Tie Herren sind im Prinzip nicht abgeneigt." „Wenn es Ihnen recht ist," sagte Keßler,„könnten wir ja die Steine gleich besichtigen.— Bevor ich mich entschließen könnte, müßte ich den Stein natürlich- genau prüfen." „Darüber ist kein Wort zu verlieren, Herr Baumeister — selbstverständlich!" „Dann will ich die Herren nicht länger aufhalten— wir sind ja einig," sagte Frenzel. Als sie wieder auf der Straße waren, atmete Keßler tief aus. Steinert aber warf ihm einen Blick voller Be- wundcrung zu. „Sehen Sie." unterbrach der Ziegeleibesitzer das Schweigen,„so geht es einem, wenn man Pech hat... Ich hätte auf Angerstein u. Ko. geschworen... Und jetzt liege ich drin! Ein Glück, daß der Konkurs noch rechtzeitig an- gemeldet wurde! Zwei Tage später— und meine Steine wären zur Masse geschlagen worden." Weder Keßler noch Steinert antworteten. Sie standen ganz dicht vor dem Ufer, da, wo die Steine abgeladen waren. „Sehen Sie nur, was das für ein Stein ist," sagte Braumann. Keßler nahm einen in die Hand und unterzog ihn einer genauen Prüfung. „Der Brand ist leidlich," meinte er dann.„Aber das Gewicht." Und sich zu Steinert wendend:„Nehmen Sie bloß mal so einen Stein in die Hand. Man spürt ihn kaum!" Steinert>var von diesem neuen Manöver so überrascht, daß er zuerst der Weisung nicht Folge leistete. Inzwischen hatte Steinert Keßler begriffen. „Herr Baumeister, da sind Sie wirklich im Irrtum," wenden der Ziegeleibesitzer ein. „Sie haben vollkommen recht," sagte er,„der Stein ist für unseren Bau zu leicht." Im stillen beschlich ihn ein Gefühl der Angst; dieser Mensch war ihm ein zu gelehriger Schüler. „Meine Herren, ich erkläre Ihnen, diesen Einwurf hätte ich zuletzt erwartet; ich wünschte, bei jedem Bau würde ein solches Material verwendet werden." „Mag sein," entgegnete Keßler ruhig,„ich habe ein solches Gefühl der Verantwortlichkeit," fügte er hinzu,„daß ich es doch nicht riskieren möchte." Braumann wurde ungeduldig. „So machen Sie wenigstens einen Versuch," bat er. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) patente. Mit dem Motte„Patent" werden im allgemeinen recht unklare Vorstellungen verbunden, größtenteils findet sich jedoch die Meinung, daß der Inhaber oder Besitzer eines Patentes, resp. der Erfinder ein sehr genialer und in vermögensrechtlicher Hinsicht sehr beneiden»- Wetter Mensch sei. Beides trifft indessen sehr selten, und auch dann nur bedingt zu. Abgesehen von den Fällen, von welchen der Volks- mnnd sagt, daß allch einmal eine blinde Henne ein Gerstenkorn findet, ist Genialität in dem Sinne, wie es z. B. Lombroso deutet, mehr hindernd als fördernd, wenigstens soweit es den materiellen Erfolg betrifft, denn die Erfindungen, welche wirkliche Genies machen, werden meist erst Jahr- hunderte nach dem Tode ihrer Schöpfer realiierbar, während der Erfinder eines neuen Schnapses, sobald ihm noch genügend Geld zur Reklame zur Verfügung steht, unter Umständen sehr schnell Millionär werden kann. Im allgemeinen kann man sagen, daß das Beschäftigen mit großen Problemen für den unbemittelten Menschen häufiger ein Unglück als ein Glück bedeutet, indem der- selbe meist gar nicht über die unbedingt erforderliche Vorbildung verfügt, um neuen Gedanken den richtigen Ausdruck, die richtige Form zu geben, und daneben auch gar nicht oder Höcht Mangel« Haft über das unterrichtet ist. was auf dem jeweiligen Gebiete vielleicht schon viel besser vorhanden ist. Es geschieht gar nicht zu selten, daß sich im Arbenerstande verhältnismäßig weit über den Bildungsgrad ihres Kreises hervorragende Menschen mit Ideen beschäftigen, die sie für ganz epochemachend hallen, ihnen jahrelang ihr ganzes Denken und womöglich auch ihre ganzen Ersparniffe widmen, die dann aber, wenn sie der Oeffentlichkeit übergeben werden, also auf einem Standpunkt angelangt sind, wo der Erfinder Erfolge für seine Be- miihungen erwartet, kalt lächelnd als überHoll, als wcttloS bezeichnet werden. Das bedeutet für den Erfinder dann meist einen Schlag, von dem er sich nicht wieder ganz erholt, der ihm die Lust zu solchen Arbeiten für immer raubt. Auf der andern Seite hat sich aber auch der Vollswitz und die Satire des Wortes„Patent" bemächtigt; etwas ganz Widerfinniges, ja manchmal geradezu Verrücktes bezeichnet man mit dem Ausdruck „das reine Patent", und Menschen, welche überall meinen, alt- hergebrachte Methoden oder Einrichtungen verbessern zu müssen, nennt man spöttisch„Patentftttzen". Jin letzteren Falle hat man es mit einer besonderen Form von Größenwahnfinn zu tun, welcher aber, da die davon Ergriffenen sonst ziemlich Harn, lose Rarren sind, als solcher nicht erkannt resp. beutteilt wird. Was man unter„Patent" versteht, darüber herrschen heute Meinungsverschiedenheiten kaum noch. Im„Erfinderrecht" sagt N. Schmehlik z. B.:„Mit dem Ausdruck„Patent" wird ein zeitlich be- grenzter gesetzlicher Schutz bezeichnet, welche dem Urheber einer im Sinne diese» Gesetzes(des PatentgesetzeS) neuen, gewerb- sich verwcttbaren Schöpfiing unter bestimmten Voraussetzungen erteilt wird." Eigentlich noch verständlicher ist die Dcfinitton, welche eine Kabinettsorder vom 27. September 1815 gibt.„Patente sind Berechtigungen zur ausschließlichen Benutzung eines neuen, selbst- erfundene� beträchtlich verbessetten oder vom Auslande zuerst eingeführten und zur Anivendung gebrachten JndustriegegenstandeS. welche die Regierung für eine bestimmte Zell an jeden erteill, der darum bittet und zugleich erklätt, der Erfinder oder Einfiihrer dieses JndustttegegenstandeS zu sein." Nach diesen Ausführungen haben wir also zwei Bcgttffe zu unterscheiden: die Erfindung und den durch Gesetz gewährleisteten Schutz zur Ausbeutung resp. Verwettung der Erfindung, das Patent. Wenn auch im Laufe des Bestehens unseres Patentgesetzes sich die Anschauungen darüber geklärt haben, Ivaö mai, eigentlich unter „Erfindungen" zu verstehen hat. zu einer völligen Klarheit ist es bis heute noch nicht gekommen, es gibt bis heute noch keine auf alle Fälle zutreffende Definition dieses Begriffes, und daraus resultieren bis heute noch mancherlei Unzuträglichkeiten. Fast sämtliche bekannte und auch anerkannte Rechtslehrer haben sich, als die Einbringung des GesetzentlvurfeS betteffend den Schutz gewerblicher Erfindungen die Oeffentlichkeit beschäftigte, mit Definittonen abgequält. Nach- dem das Gesetz jetzt nun schon eine ganze Reihe von Jahren besteht, brauchen wir uns mit dieser Definition nicht weiter beschäftigen, sondern wollen eine kurze Darstellung geben, welchen Bedingungen eine Erfindung entsprechen nmß, wenn die Erlangung eines Patentes möglich sein soll, welche Schritte man zu tun hat, um ein Patent zu erlangen, und, was schließlich die Hauptsache ist, auf welchem Wege n,an zu einer Verwettung kommt. „Patente werden erteilt für neue Erfindungen, welche eine ge- werbliche Vcrloertung gestatten", so lautet§ 1 unseres PatentgesetzeS.„Reu" im Sinne dieses Gesetzes heißt: Nirgends offen- kundig benutzt oder im Laufe der letzten hundert Jahre in einer öffentlichen Druckschrift beschriebe». Es genügt also durchaus nicht, daß der Erfinder die Sache bis dahin nicht gekannt hat, es genügt nicht, daß er die Erfindung wirklich gemacht hat. Das niag für den Erfinder recht hinderlich sein, im Interesse der Allgemeinheit ist cS jedenfalls notwendig. Das Gesetz bestimmt sogar, daß 5. B. ein Verfahren, welches von irgend jemand als Fabrikgcheinmis behandelt, also nicht öffentlich bekannt geworden ist, freies Eigentum des Benutzers bleibt, selbst wenn jemand anders das Verfahren unabhängig davon auch erfindet und zum Patent an- meldet. Dieser Fall bildet also eine Ausnahme von der sonst gültigen Regel, daß die Benutzung eines patentierten Verfahrens nur dem Patentinhaber oder deffen Rechtsnachfolger gestattet ist. Indessen braucht der Erfinder hier nicht allzu ängstlich zu sein, da der ans diese Weise das Verfahren im geheimen vorbenutzende Konkurrent dasselbe mir für seinen eigenen Betrieb in Gebrauch behalten kann, nicht aber die Benutzung anderen gestatten darf. Der Passus:„Gewerbliche Verwertung" hat anfänglich viel zu Meinungsverschiedenheiten Veranlassung gegeben; heute haben sich jedoch die Anschauungen soweit geklärt, daß die bloße Möglichkeit der praktischen Ausftihrung genügt. Es wird nicht verlangt. daß es ein notwendiges Bedürfnis sein muß, welchem durch die Erfindung Rechnung getragen wird, noch daß das technische Ergebnis ein zweckmäßiges, oder praktisch brauch- bares sein mutz, es ist nur nötig, daß es überhaupt ausführbar ist. Als nicht patentfähig würde danach z. B. die Konstruktion eines Perpetuum mobile angesehen werden, da nach den heute herrschenden Anschauungen ein solches den Naturgesetze» widerspricht. .Hat nun jemand wirklich eine Erfindung gemacht, die den vorstehenden Anforderungen entspricht, so entsteht für ihn die Frage, wie er es jetzt anstellt, ein Patent zu erlangen. Dies richtet sich ganz danach, ob der Erfinder befähigt ist, seine Ideen in Form eines, möglicherweise durch Zeichnungen zu vervollständigenden Schriftsatzes darzulegen, derart, daß mit der Materie vertraute Fachleute imstande sind, dieselben zu ver- stehen, event. daS Produkt der Erfindung selbständig nachzubilden. Dieser Schriftsatz wird in doppelter Ausführung nebst Zeichnungen, einmal auf weiß Karton und einmal auf Pausleinwand, dem kaiser- lichen Patentamt, Berlin, Luiseustr. 33 nebst einem Begleitschreiben eingereicht, welches den Antrag der Patenterteilung, eine Aufführung der beigegebenen Schriftsätze, Zeichnungen, Modelle zc. und eine Erklärung über die Einzahlung der Anmeldegebühr im Betrage von 20 Mark enthält. Man kann schreiben, der Betrag ist gleichzeitig bei der Post eingezahlt oder folgt per Postanweisung. Im letzteren Falle ist es dein Erfinder möglich, einige Wochen Zeit zu gewinnen. Sobald die Anmeldung beim Patentamt einläuft, erhält dieselbe den Eingangsstcinpel, von welchem Tage an der Schutz gerechnet wird; dieselbe koniint aber nicht eher ist den Geschäftsgang, bis die Anmeldegebühr gezahlt ist. Dauert das den Beamten im Patentamt zu lange, so laffen sie an den Anmelder eine Aufforderung zur Zahlung dieser Gebühr ab- gehen, in welcher gewöhnlich noch eine Frist von 14 Tagen zu- gegeben ist. In manchen Fällen genügt die so gewonnene Zeit, einen Interessenten zu finden, auf den man dann gleich die Zahlung der Awneldegebühr abwälzen kann; gelingt das nicht, so muß nian schon selbst in die Tasche greifen, oder, wenn man inzwischen zu der Ueberzeugung gekomnien ist, daß die Aussichten doch schlechter stehen, als man anfänglich angenommen hat. so kann nian auch die Anmeldung, ohne daß man Kosten gehabt hätte, wieder zurückziehen resp. zurück- weisen lassen, weil die Anmeldegebühr bis zum angesetzten Tage nicht eingegangen ist. Damit ist dann der Vorhang gefallen, der Erfinder sitzt wieder draußen. Ist die Anmeldegebühr rechtzeitig bezahlt, und genügen die Ein- gaben äußerlich den gestellten Anforderungen, das heißt: die Schrift- sätze sind auf weißem Papier in Kanzleiformat(21/33 Zentimeter) mit tiefschlvarzer, nicht klebender Tinte geschrieben, die Zeichnungen einmal auf Weißen« Karton mit chinesischer Tusche und einmal auf Pausleinen, möglichst koloriert, auch in diesem Format oder einem mehrfachen desselben(42/33, 63/33 usw.) ausgeführt, so wird die Anmeldung derjenigen Anmelde- Abteilung zur Vorprüfung über- wiesen, zu welcher sie der alphabetischen Einteilung gemäß gehört. Hier hat nun zunächst ein lebenslänglich angestellter, den Titel Regicriuigsrat oder Geheimer Regierungsrat führender� Beamter, unter Assistenz eines sogenannten technischen Hülfsarbeiters die eingeschickten Unterlagen auf ihre Neuheit zu prüfen, das heißt, alles bekannt gewordene, aus der gesamten Literatur des In- und Auslandes Erreichbare mit der Anmeldung zu vergleichen und festzustellen, ob nicht schon irgendlvo etwas Aehuliches vorhanden ist. Es kommt dabei nicht oft vor, daß nichts zu finden wäre, was, wenn auch nur nach Ansicht des Vorprüfers, einer Patenterteilung entgegensteht. Der Anmeldende erhält dann den sogenannten Bor- Kescheid. In demselben werden ihn« die Gründe, aus welchen der Porprüfer eine Patenterteilung vorläufig für nicht angängig hält, mitgeteilt unter genauer Angabe etwaiger Literaturstellen, Patent- schrrften zc., zugleich mit dem Bemerken, daß die Anmeldung als zurückgenonunen gilt, wenn den gemachten Einwänden nicht inner- halb einer gegebenen Frist<1—2 Monate) widersprochen ist, eventuell neue Unterlagen eingereicht find. (Schluß folgt.) Kleines Feuilleton. t. Fischerei und Fischzucht in Japan. In der Ausnutzung des Meeres und seiner natürlichen Schätze für die Volksernährung und den.Handel kann das japanische Jnselreich noch vielen Ländern zum Vorbild dienen. Allerdings ist es in dieser Beziehung ungewöhnlich begünstigt: einmal durch die große Länge der Küstenlinie und außerdem durch seine Lage im nordwestlichen Teil des Stillen Ozeans, die in vieler Hinsicht vergleichbar ist mit der des durch seinen Fischreichtum berühmten Neu-Fuudland im Nordwesten des Atlantischen Ozeans. Namentlich ist es die Bevölkerung der Provinz Hokkaido, also der Insel Jeso und der Inselgruppe der Kurilen, die sich ohne die ausgedehnte Fischerei gar nicht zu ernähren vermöchte. Die Meeresströmungen treiben hier eine ungewöhnliche Menge von Fischen zusammen. Von Norden werden diese Küsten von einer kalten Strömung bespült, von Osten längs der Kurilen durch eine zweite aus dem Ozean und von Süden durch eine dritte warme Strömung. Unter hm Fischen, die dadurch in großen Schwärmen in jenen Gebieten zusammengehäuft werden, sind die wichtigsten der Hering, der Dorsch, der Salm und die Scholle. Die Herings- sischerei steht im Mittelpunkt. Dieser Fisch sucht als Laichplätze mit Vorliebe klippige Stellen im Meer auf oder solche, die stark mit Algen vcrlvachsen sind, ganz besonders wieder die Buchten und Vor- gcbirge solcher Küstcugcgendcn. Aus diesen Gründen ist der südliche Teil der japanischen Insel Jeso vom Kap Esan am Pacifischen Ozean bis zum Kap Valespina oder Wofui ein wahres Torado für den Hering, während die mehr flachen und sandigen Gestade anderer Teile der Insel weniger von dem Fisch bevorzugt werden. Dafür aber finden sich dort wieder weiter hinaus ungeheure Ansamm- lungeu von Meeresalgen, in denen die Heringe ihre Eier ablegen. Allerdings müssen die Fischer dann weiter aufs Meer hinausfahren. Der Hering erscheint dort zuerst am Kap Esan im Februar, aber diese Avantgarde der Schtvärme ist nicht sehr zahlreich. Das Gros trifft etwa mit Frühlingsanfang ein und verteilt sich dann bald auf mehrere Bänke. Ein Teil wendet sich nach Nordwest, der andere durch die Meerenge Tsugaru. An den felsigen Küsten bringt oft ein einziger Netzzug unglaubliche Fischmcngen herauf. Nach der japani- scheu Statistik beschäftigt der Heringsfang für sich allein laOOOO Menschen und arbeitet mit einem Kapital von über 20 Millionen Mark. Er erzielt jährlich etwa 200 000 Tonnen Fische mit einem Wert von rund 25 Millionen. Der Reingewinn stellt sich zwischen 20 und 40 Proz. Der größere Teil der in Japan gefangenen Heringe wird aber nicht gegessen, sondern in Fischdünger verwandelt. Zu diesem Zweck werden die Fische in großen gußeisernen Behältern gelocht und dann unter eine starke Holzprcsse gebracht, wo das Wasser und das Oel aus ihnen beseitigt wird. Der Rückstand wird nun mit Messern zerschnitten oder mit schweren.Holzkeulen zerdrückt, endlich auf Matten zum Trocknen an der Sonne ausgebreitet. Die ganze Zurichtung nimmt bei gutem Wetter 3—5 Tage in Anspruch. Ter fertige Dünger wird in Säcken aus Strohmatten zu je 100 Kilo- gramm verpackt und dann verschifft. Die zu Nahrungsmitteln be- stimmten Heringe werden in drei Teile zerlegt und zum Trocknen an der Sonne aufgehängt. Gewöhnlich wird nur der Rückenteil als Speise benutzt, das übrige gleichfalls zur Düngerbereitung. Die getrockneten Heringe werden in Pakete» zu 100 Stück versandt. Die bei uns häufigste Ausnutzung durch Salzen und Räuchern wird in Japan nur in geringem Umfang ausgeübt. Wie alle Gewerbe in Japan, so hat auch der.Heringsfang in den letzten Jahrzehnten einen gewaltigen Aufschwung erfahre». Zum größten Teil ist er der Er- richtung der Kolonialrcgierung in Hokkaido im Jahre 1870 zu danken gewesen. Damals betrug die Erzeugung von Fischdünger knapp 3550 Tonnen, während sie jetzt die gewaltige' Menge von 188 000 Tonnen erreicht hat. Nächst dem Hering ist der Lachs der wichtigste Fisch. Nicht weniger als 120 Flüsse und 10 große Seen mit klarem kalten Wasser dienen diesem Fisch als vorzügliche Auf. enthaltsorte, und sicher gibt es mindestens in Ostasicn kein Gebiet von größerem Lachsreichtum als die Insel Jeso und ihre Umgebung. Im Monat Mai gehen die jungen Lachse die Flüsse abwärts nach denc Meer, wo sie 6 bis 7 Jahre bleiben, um dann wieder ins Süßwasser zu ihrer Geburtsstelle zurückzukehren. Wenn die Zeit des Laichens gekommen ist, verlassen sie in zwei ungeheuren Trupps die nördlichen Meere. Ter eine wendet sich mit der Sachalin-Strömung nach dem Jschikari, dem größten Fluß Japans, der zweite geht mit der KurUen-Strömuug an der pacifischen Küste abwärts. Die größten Laichplätze für Lachse finden sich in der Meerenge und Bucht von Ncmuro: gefangen werden sie hauptsächlich während ihrer Wanderung. Mit dem Netz dürfen die Lachse nur an der Mündung der Wasserläufe gefangen werden. Diese Fische werden meist ein- gesalzen und nur zu sehr geringem Teil geräuchert. Um 1870 brachte der Lachsfang jährlich rund eine Million Stück, 1800 bereits über eine Milliarde, seitdem ist ein erheblicher Rückgang zu verzeichnen gewesen, obgleich die Regierung und die Fischereigesellschaften sich mit großem Eifer der künstlichen Züchtung des wertvollen Speise- sischcs zugewandt haben. Die größten Lachszüchtereien, die von der Regierung angelegt worden sind, liegen an einem Zufluß des Jschikari und dehnen sich über eine Fläche von 12 Hektar aus. Die befruchteten Eier werden kurz vor dem Ausschlüpfen nach allen Teilen des japanischen Reiches versandt, jedoch bleiben neun Zehntel für den Jschikari vorbehalten. Außerdem gibt es noch 10 Lachs-, züchtercien in Privatbesitz. Die Regierung hat für die Ausbrütung von je einer Million Lachseiern eine Prämie im Werte von etwa 100 M. ausgesetzt. Seit 1890 sind im Jschikansfaun allein etwa 6 Millionen Stück Lachsbrut ausgesetzt worden, und seitdem hat sich der Ertrag des Lachsfanges auch allmählich wieder gehoben.— Theater. Neues Theater. Ein Sommernachtstraum. Komödie in 5 Aufzügen von Shakespeare. Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Es war in diesem Winter die zweite Shakespeare-Aufführung des Neuen Theaters. Der bürgerlich-naturalistischen Komödie der„Lustigen Weiber" folgte die Komödie des heiter-übermütigen Elfenspuks. Was Merkutio dem schmachtenden Romeo von Frau Mab, der Traumfee, erzählt, die mit ihrem Gespann von Sonnenstäubchen dem Schlafenden quer auf der Nase fährt und die verliebten Hirne mit wunderbaren Träumen»eckt, dieser Spott wird hier phantastisch sinnvoll in einer eigenen Märchenwelt lebendig. Ein Geistervölkchen treibt mit den verliebten Leidenschaften seinen Scherz, löscht die Gluten, facht sie an und löst den Wirrwarr närrischer Verblendung gutmütig endlich zum Heile aller auf. Der Reiz der Märchen- und Waldespoesie vereint sich, fließt zusammen mit einer von aller Bitterkeit be- freiten geistvollen Persiflage auf den Wankelmut der Herzen, die eigensinnige und doch in ihrem Gegenstand so unbeständige Liebes- blindheit. Puck, Oberons, des Elfenkönigs, Liebling, träufelt Blumensaft in die Augen des schlafenden Lysander, und der Er- wachende begreift nicht mehr, wie ihm Hermia, die er in den Wald entführt, je hat gefallen können; jetzt die Losung Helena, und in eifersüchtigem Wüten eilt er, von den Rufen des schadenfrohen Kobolds geäfft, Demetrius, den ein gleicher Zauber getroffen, nach, den Nebenbuhler zu töten. Titania aber, die zarte Elfenkönigin, erglüht in ihrer Verzauberung gar für den Weber Zettel, den Puck in Eselsform verwandelt hat, und preist in schwärmerischer Rede des Langohrs edle Züge, bis Oberau versöhnt, sie diesem Bann ent- reißt. Auch mit den Menschen meint er es nicht schlimm. Demetrius, den Helena mit ihrer Liebe längst verfolgt, soll ihr gehören; Lysander aber, auf Oberons Geheiß zurückverwandelt in seinen alten Scelenzustand, sieht nun in Hermia wieder den Ausbund jeder Schönheit. Die phantastische Komik des nächtlichen Waldspuks klingt, so überraschend wie lustig, in den Kontrast der derbsten Alltagskomik aus, in die unsterbliche Rüpclkomödie, die Weber Zettel und Genossen zum Hochzeitssest des Thcseus vor dem Herrscher und den Liebespaaren exekutieren. Doch dann ertönt geheimnisvoll noch einmal der Chor des Geistcrrcigcns. Die Gäste verziehen sich, die Lichter verlöschen, Oberons freundliche Elfenschar huscht in den Saal und weiht das Haus des Neuvermählten dem Frieden und der Freude. Die Aufführung gestaltete sich zu einem Triumphe Reinhard- scher Inszenierung und Regie. In immer neuen Hervorrufen dankte das Publikum dem Manne, der ihm die wundervollen farbensatten Bilder bot. Seit„Pellias und Melisande" war solch ein Glanz des Malerischen nicht mehr gesehen. Diese mondscheinerhellten Haine und Lichtungen, auf deren Hügel wie diamantenes Geschmeide Glühwürmchen leuchteten, schienen in ihrer abgeschlossenen, fremd- artigen und doch anheimelnden Schönheit recht der Ort, die Heimat- stätte luftiger Elfen. Da tummelten sie sich, die Großen und die Kleinen, im Wechselbollen Spiele, schlangen sich in Ringelreihen, haschten und flohen einander. Kaum wunderte man sich noch, als dieser Zauberwald U langsame Bewegung geriet und die ruhende Gruppe Titanins und ihres csclköpfigen Geliebten an uns vorüber- ziehen ließ. Indessen schien mir, daß Tilla Durieux als Oberau und auch Gertrud E y s o l d t, deren Puck gewiß wieder eine Leistung von hoher Originalität war und den stärksten Beifall erhielt, sich dem Stil des Ganzen nicht völlig einfügten. Einen„täppischen Gesellen" nennt eine Elfe Puck, und so, nach diesem Worte, spielte die Eysoldt ihn. Sie war ein Kobold in den Flcgeljahren, rotbackig, rothaarig, fchlenkrig, voll verschmitzter, jungenhastcr, aber gar nicht graziöser Durchtriebenheit, ein Bursch, in dessen Organ der künftige Baß sich drollig ankündigt. Die Durchführung war brillant. Aber ich be- zweifle, daß sie die Auffassung des Dichters traf. Shakespeare wird, meine ich, nach der ganzen Art, wie er das Elfenvolk ge- zeichnet, seinen Puck anmutig, flinker, weniger crdenhaft gedacht haben. Die Eysoldt brachte ein fremdes parodistisches Element in die Figur. Die Anmut Tilla Durieux' war vor allem Anmut der Bewegungen, aber i,n Zorn und in der Leidenschaft ging sie nach nieinem Empfinden über Elfeusitten hinaus, die Stimme erhielt dann einen schrillen, zu dieser Welt fröhlicher Geister nicht harmoni- sierten Ton. Alexander Eckert und L u c i e Höflich, W i u t e r st e i n und Else Heims spielten die nur leicht skizzierten Licbesleute mit frischem Temperament. Sehr fein gc- lang die Zankszenc der beiden Mädchen. Und daß die Rüpelkomödie, das lustige Trauerspiel von Pyramus und Thisbe brillant heraus kam, braucht nicht erst gesagt zu werden. Insbesondere war Georg Engels als Weber Zettel bei prächtigem Humor.— dt. Ans dein Tierleben. t. U e b e r Ab- und Zunahme der deutschen Vögel erstattet in gewissen Zwischenräumen Wilhelm Schuster unter Mir- Wirkung anderer Beobachter in der Monatsschrift„Der Zoologische Garten" einen Bericht. Ter Fcldsperliug ist in der Abnahme be- griffen. Vom Haussperling wird die auffallende Tatsache verzeichnet, daß er in der Stadt Berlin und überhaupt dort abgenommen hat, wo elektrischer Bahuvertehr stattfindet. Selbstverständlich fehlt es auch nicht an Gegenden, wo seine Zunahme beobachtet worden ist. Zu den häufigen Vögeln scheint in allen Teilen Deutschlands der Grünfink zu gehören, der in Sachsen und der Mark eine Zunahme aufweist. Der Kirschkcrubeißer nimmt in den Wäldern ab und zieht sich gleich der Sck, warzdrossel mehr in die Parks zurück, wo er seine Lieblingsspeise sicherer findet. Merkwürdig ist die Beobachtung, daß der Rothänfling auf den Ostfriesischcn Inseln in letzter Zeit außer- ordentlich zugenommen hat, und zwar infolge der vermehrten An- Pflanzung des Seekreuzdorns. Der Fichtengimpcl tritt nur als Vagabund auf und bleibt in manchen Jahren ganz aus. Die Gold- aminer hat auf der Schwäbischen Alb sehr abgenonunen, weil die Bauern nicht mehr den ganzen Winter bei offener Scheune mit dem Dreschflegel dreschen. Bei Benutzung der Dreschmaschine fällt für diese Vögel nicht genug ab, zumal das Geschäft dann in wenigen Tagen des Herbstes erledigt wird. Die Garten- ammer scheint aus dem Rheingebiet ganz verschwunden zu sein, nimmt dagegen in der Mark Brandenburg zu. Die Berglerchc, die früher in strengen Wintern im Westen von Berlin ein regelmäßiger Gast war. hat sich jetzt seit Jahren von den Landstraßen ferngehalten, zelgr sich aber im Winter noch immer häufig. Das Vorkommen der Feld- lerche scheint im wesentlichen unverändert zu sein, während die Heide- lerche in vielen Teilen Deutschlands stark abgenommen hat. Die Nachtigall ist in Berlin aus der inneren Stadt in die äußersten Vor. orte hinausgezogen. Aus der Gegend von Kassel wird eine außer- ordentliche Verniinderung der Rachtigallen gemeldet, ebenso aus der Wctterau. Der Kuckuck nimmt vielfach ab, auf den Friesischen Inseln dagegen zu. Das Rotkehlchen hält sich ungefähr auf gleicher Höhe, wenn auch Schwmrkungen der Häufigkeit zu verzeichnen sind.— Humoristisches. Die Streikenden beim Arbeitgeber.„Was will denn das Gesindel?" „Wir möchten nur bei Ihnen lernen, Herr Geheinirat, wie man das macht, wenn man den ganzen Tag nicht arbeitet." — Geordnete Verhältnisse.„Sagen Sie, Herr Haupt- mann, kommen Sie denn mit Ihrer Pension aus?" „Warum denn nick? Sehen Sie: zweitausend Mark Hab' ich Pension, zweitausend Mark verdien' ich mir durch Versicherungen, zweitausend Mark pump' ich mir dazu— und wer mit sechstausend Mark nich auskommt, der is'n Lump." — Lichtmeß sZiehtag der Dienstboten auf dem Lande). Knecht:„So, Nanni, na' hat's dir nimmer g'fall'n auf dein' letzt'n Platz?" Magd:„Na, d' Bäuerin is mir z' grob g'wes'n und da Bauer z' freundli."— („Simplicissimus.") Notizen. — Von der zur Verteilung an die schweizerischen Schüler bestimmten Ausgabe des„Wilhelm Teil" sind von den Kantonen im ganzen 191000 Exemplare bestelli worden.— — Die Erstaufführung von Sommers„Rübezahl" im O p e r n h a u s e ist auf den 13. Februar angesetzt worden.— — N e u e Opern: A. W e w c I e r hat eine neue Oper„Der grobe Märker, Heinrich Zöllner eine Spiel-Oper„Die l u st i g e n Chinesinnen" vollendet.— — Von der französischen Südpol-Expedition. Die Korvette„Uruguay", die am 10. Dezeniber mit Beamten der neuen meteorologischen Station nach den Süd-Orkneh-Jnscln ab- gegangen ist mit dem Auftrage, nach der Charcotscheu Südpol- Expedition zu forschen, ist in Punta Areuas eingetroffen. Von dort meldet der Befehlshaber, er sei bis 01 Grad 57 Minuten westlicher Länge gelangt, ohne etwas über Charcot zu erfahren.— — Auck Sachsen hat einen E i b e n w a l d. Eine Viertel- stunde von der Bahnstation Niederschlottwitz lLinie Mügeln b. Dr.— Gessing). Der stärkste Stanim hat in Brusthöhe einen Ilmfang von 310 Zentimeter. Der Bestand umfaßt ungefähr 1 Hektar.— — Eine l u st i g e V e r w e ch s e l u n g s g e s ch i ch t e meldet der„Waldkircheuer Anzeiger": In einer benachbarten Pfarrei brachte ein Bauer ein ueiigeborcncs Kind zur Taufe. Der Pfarrer betrachtete den Täufling und rief erstaunt:„Das Kind ist aber groß!"— Jetzt staunte auch der Vater, kratzte sich hinter den Ohren imd sagte:„Herrschaft, jetzt Hab' ich den Jährling datvischt!"— — Um Stahl Iverkzeuge weich zu machen, erhitzt man sie langsam in gelindem Holzkohlenfeuer auf Dunkelrotglut und bringt sie dann in einen ringsum doppelwandigen Eisenkastcn, dessen ziemlich dick gewählte Doppelwandung mit trockenem Sande ausgefüllt ist. Der Kasten wird luftdicht mit einem ebenfalls doppelivaudigen und mit Sand gefüllten Deckel verschlossen, nachdem die Gegenstände in ihn hineingebracht sind, welche sodann bis zum vollständigen Erkalten in der Kiste liegen bleiben. Die Hitze wird in eincni derartigen Kasten zurückgehalten, so daß die für ein gutes Ausglühen erforderlichen Hauptbedingungen, nämlich möglichst langsames Erkalten bei Vermeidung des Luftzutritts, erfüllt werden.— Vcrautwortl. Redaktcur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Vcrlagsanstalt Paul Singer LrCo., Berlin S W.