Nnterhaltungsblatt des HorwSrls Nr. 26. Sonntag, den 6. Februar. 1905 (Nachdruck verboten.) 2-1 Oer Kaumeilter. Roman von Felix Holländer. „Nach diesem Prinzip," entgegnete Keßler,„müßten alle dedeutenden Staatsmänner— müßten alle großen Leute überhaupt gehenkt werden... wo der Zweck groß ist, braucht man in den Mitteln nicht wählerisch zu sein!..." „Na, Du hast Dir ja eine ganz nette Weltanschauung zurechtgelegt!... Meine Hochachtung!" „Drenkwitz, Du bist von einer Orthodoxie, die etwas Beängstigendes hat. Früher warst Du anders!" „Das bestreite ich— ich bin mir immer gleich geblieben! Vielleicht aber hast Du Dich verändert... Notabene, mir gefällt Dein Aussehen nicht. Hast Du Sorgen?..." „Gott sei Dank, nein! Es geht mir besser denn je, und gerade heute habe ich meinen Glückstag. Erstens habe ich unter den günstigsten Bedingungen vor einer halben Stunde eine große Summe aufgenommen, die mich aus allen Schwierig. leiten befreit, zweitens habe ich durch einen besonderen Zufall die Steine für den Bau weit unter ihrem Wert gekauft, und drittens habe ich Dich heute getroffen!... Wie lange haben wir uns nicht gesehen," setzte er ein wenig verlegen hinzu— „ich glaube, es ist eine Ewigkeit her!" „Du irrst, ich bin Dir erst vor ein paar Tagen begegnet!" „Dann müßtest Du mich geschnitten haben!" „Stimmt! Du warst in Gesellschaft!" „Das ist doch kein Grund, mich zu.. „Du warst in Gesellschaft einer Dame!" Keßler wurde rot wie ein Schuljunge. „Ich mache an Dir lauter neue Entdeckungen... ich hielt Dich bisher immer für einen Weiberfeind! Das Fräu- lein war übrigens nicht übel..." „Sie ist eine Dame und steht mir nahe!" „Ich bitte um Pardon!" „Du konntest es ja nicht wissen." Drenkwitz schüttelte bedenklich den Kopf. „Also keine flüchtige Liaison, sondern eine ernsthafte Au- gelgenheit?..." „Ich bitte Dich, reden wir nicht darüber." „Wie Du willst! Eines steht fiir mich fest: Je älter man wird, desto größere Dummheiten macht man." „Ach Gott," cnviderte Keßler,„was wäre das Leben ohne unsere Dummheiten?! Matt und farblos wäre es!" „Komisch, da gerade die Wirklichkeitsmenschen im Zu- stände— des Verliebtseins— wie die Blinden sind." „Ich behaupte, daß das grundfalsch ist. Wer wirklich verliebt ist, hat einen geschärften Blick!" „Da Du aus Erfahrung sprichst, erlaube ich mir keinen Einspruch." „Drenkwitz, ich bitte Dich nochinals— laß Viesen Ton ,». Du ahnst gar nicht, wie wehe er mir tut." „Gut— lassen wir das!... Also sag' mir, warum Du Dich nie hast bei mir sehen— und nichts von Dir hast hören lassen." „Ich habe überhaupt keinen Verkehr mehr... ich breche unter der Last der Geschäfte beinahe zusammen." „Schön— Du bist entschuldigt!-- Ich wünschte freilich, Du hieltest Maß! Dabe' schaut nie viel Gutes heraus." Ueber Keßlers Gesicht huschte ein überlegenes Lächeln. „Siehst Mi," sagte er,„da hast Du in Bezug auf unser vorhergegangenes Gespräch cm Beispiel, wie man es sich nicht schöner wünschen kann!..." „Inwiefern?" „Du sagst, ich sollte mich schonen, und wollte ich Dir folgen, ich könnte es einfach nickst. Hinter mir steht ein Muß, das mich treibt— die Verhältnisse sind stärker als ich!" „Das verstehe ich nicht ganz." „Und es ist doch so furchtbar simpel... Das Theater muß innerhalb einer bestimmten Zeit fertig sein— oder Hunderttausende gehen verloren— ganz davon zu schweigen, daß ich kontrakt- und wortbrüchig wäre." „Man schließt eben nur solche Kontrakte, die man, ohne sich zu übernehmen, hallen kann!" „Ach, Drenkwitz, was bist Du für ein Pedant und Akademiker I" „Gott sei Dank, daß ich es bin!" „Ich will Dir auch gar keinen Vorwurf machen— ich wünsche nur, daß Du auch anderen Gerechtigkett widerfahren ließest und sie nach ihrer Veranlagung, nicht nach der Deinigen beurteiltest." „Das tue ich!... Nur stelle ich eine allgemeine Sittlich- keitsnorm auf." „So etwas gibt es gar nicht, Drenkwitz, das ist gerade nach meinem Ermessen der Grundirrtum, in den Du immer wieder verfällst." -„Meinst Du?" „Ja, Drenkwitz!" „Na, darüber werden wir uns in diesem Leben nicht mehr einigen. Adieu, alter Junge, laß es Dir gut gehen!" Keßler hielt einen Augenblick die Hand des Staats- anwalts. „Ich weiß nicht," meinte er zu ihm,„ob es mir nur so vorkommt, aber alles, was Du sagst, klingt in meinen Ohren so sonderbar.... Ich höre aus Deinen Worten Unter- töne heraus, die mich ängstigen... Anspielungen.,. ver- steckte Warnungen... ja beinahe Drohungen!... Sprich aufrichtig, das bist Du mir doch eigentlich schuldig." Der Staatsanwalt nahm seinen Kneifer ab und zwinkerte eigentümlich mit seinen kurzsichtigen Augen. „Ich bin Dir ein guter Freund, darauf kannst Du Dich verlassen. Und jetzt muß ich wirklich fort— ich habe Eile. -- Auf Wiedersehen, Keßler!" Der nickte nur schweigend.... Neunzehntes Kapitel. „Er muß aber jeden Augenblick kommen," sagte.Grete Anders,„ich erwarte ihn ebenfalls." „Dann gestatten Sie wohl, daß ich.. „Bitte sehr!" Herr Freitag trat näher. Er trug eine Art von Cape und einen mächtigen Kalabreser. „Ich bekomme den Herrn Baumeister ja gar nicht mehr zu sehen!" Auf seinem nervösen Gesicht lag ein Ausdruck tiefster Verstimmung. „Ich schreibe ihm fortwährend Briefe, und der Herr Bau- meister hält es nicht einmal der Mühe wert, sie zu beantworten. Ich laufe mir die Sohlen ab, und er ist nie zu Hause, oder läßt sich verleugnen. Uebrigens, hier sieht es ja recht nobel aus. ... Mein Kompliment! Der Herr Baumeister hat Geschmack!" Dabei blickte er sich mit spöttischer Neugier im Zimmer um. Bei seiner letzten Bemerkung zuckte Grete Anders zu- sammen. Sie faßte sich jedoch schnell. „Sie dürfen das nicht so übel aufnehmen," sagte sie be- gütigcnd.„Herr Keßler steckt bis über die Ohren in Ge- schäften, seine Arbeit nimmt ihn ganz in Anspruch." „Sehe ich ein. sehe ich vollkommen ein: aber sagen Sie mal, Fräulein, ist das ein Grund, einen alten Freund wie einen Schuhputzer zu behandeln? Man muß Unterschiede zu machen wissen, mein Fräulein, darauf läuft alles im Leben hinaus. Ich spreche aus Erfahrung.... Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten— ich wollte Sie nicht beleidigen!" Er verbeugte sich vor ibr deniütig. Sie begriff ihn nicht. „Ich weiß... ich weiß... wir sind nicht komplett oder wir sind Schufte!... O, mein Fräulein, ich war Offizier! ... Erkundigen Sie sich, ich war Ofizier. Pardon, mein Fräulein, ich spreche Unsinn! Ich fühle, daß ich unverständlich bin. Sie glauben, ich spreche Unsinn.,. ich sehe es Ihnen deutlich an!"„ Sie stammelte verwirrt ein paar Worte und horcht« ängstlich auf, ob sie nicht Keßlers Schritte hören würde. Aber draußen rührte und regte sich nichts. „Mein Fräulein, man muß Akrobat sein, wenn man dieseZ Leben leben will... nur ein Akrobat kann mit Ehren be- stehen... Notabene— wir sind ja alle Akrobaten... Gott sei Dank, daß wir Akrobaten sind.,." Draußen klingelte es. „Ah, das wird er sein," sagte sie ausatmend und sprang in die Höhe. Es war aber nur der Briefttäger. ihrer Erregung haSe sie Sergesien. Keßler stets selbst öffnete. Als sie wieder eintrat, durchmaß Freitag mit großen Schritten das Zimmer, als ob er in seiner eigenen Behausung wäre. Er blieb dicht vor ihr stehen. „Glanben Sie, daß der Baumeister ein Verbrecher ist?" fragte er leise. Sie verfärbte sich bei dieser unerwarteten Frage und ver- mochte keinen Laut von sich zu geben. „Pardon... Pardon.». Der Gedanke kam mir nur ganz beiläufig in den Sinn-,. ich wollte Ihnen ja nicht wehe tun!" Sie hatte sich erhoben und suchte den Ausgang. „Nein, nein, das dürfen Sie nicht," sagte er.„Um Gottes willen, nehmen Sie meine Bemerkung nicht so tragisch. Ich bin ein Mensch, der entsetzlich viel durchgemacht hat! Man hat mich um Millionen betrogen! Um Millionen, mein Fräulein! Oder man versucht es wenigstens.... Im übrigen bemerke ich, daß ich dem Baumeister ein grenzenloses Ver- trauen entgegengebracht habe und noch entgegenbringe. Meine Frage war rein akademisch, mein Fräulein, rein akademisch!" „Ich bitte dieses Gespräch abbrechen zu dürfen," ent- gegnete sie,„es verletzt und verstimmt mich auf das tiefste." „Gut, brechen wir es ab. Ich bin vollkommen damit einverstanden, brechen wir es ab! Ich weiß, was ich Ihnen schuldig bin, mein Fräulein— Sie müssen wissen, ich bin Offizier gewesen." Grete Anders wurde unheimlich zumute. Auch sie war heute zum erstenmal in diesen Räumen. Er hatte sie so be- drängt und bestürmt, daß sie endlich nachgegeben. Nicht aus kleinen Aengsten hatte sie sich gewehrt, ihn auszusuchen, aber vor dieser prunkhaften Wohnung, die in großem Stil her- gerichtet war— sie kannte sie aus seinen Schilderungen— hatte sie immer eine namenlose Scheu gehabt. Und nun war sie, ohne daß er es ahnte, dennoch gekommen, hatte alle ihre inneren Bedenken niedergerungen und traf statt seiner diesen Menschen, der sie wie ein Unglücksrabe ankrächzte und ver- worrene Reden im Munde führte, die unheilvoll und drohend klangen. Dabei hatte er eine Art, sie anzustarren, die sie aufrührte und erschütterte. Sie vermochte überhaupt nichts Rechtes zu erwidern, so jammervoll und zerrüttet kam ihr dieser Mensch vor. Einmal stieg ihr der Gedanke auf, daß er geisteskrank wäre, denn er blickte sie mit seinen weitgeöffneten, wasserhellen Augen unablässig an und sprach kein Wort.... lFortsetzung folgt.), Vom MlehfrieäKof im k)aag. Nicht handelnde Personen: Die Wclträte, der Sekretär. I. D er erste W elt rat:... Ich darf also nach unseren filnf- ständigen hingebenden Beratungen das Ergebnis unserer Debatten dahin zusammenfassen: Wir werden in unserer Dankadresse an Seine Majestät Nikolaus II. nicht, wie von einer Seite gewünscht wurde, vom großen Zaren reden, sondern es bleibt bei dem ursprünglichen Entwurf des heiligen und erhabenen Zaren. Auch werden wir ihm nicht unseren warmen Dank senden, sondern unsere in feuriger Demut hin st erbende Begeisterung und Bewunderung. Meine Herren! Wir können mit unserem Werk zufrieden sein. Es war unser tiesites, aus dem Innersten hervor- quellendes Bedürfnis, unserem gewaltigen Schutzherrn zu seinem Namenstage wiederum unsere dankbare Änerkennung auszusprechen, daß es ihm auch in diesem Jahre gelungen, den Wettfrieden zu be» wahren; daß er durch eine iveise und großartige Vermehrung von teer und Flotte wiederum die Völker seinem und unserem hehren tele näher geführt hat, die Staaten von dem inimer unerträglicher werdenden Druck der Rüstungen zu befreien.— Die Adresse ist angenommen. Ich bitte Sie, einzustimmen in den Ruf: Es lebe der Zar! Hurra, hurra, hurra!— Die Sitzung ist ge-- Der Sekretär: Ich bitte noch einen Augenblick I Wir haben noch einige Eingänge zu erledigen I Der erste Weltrat(erregt): Es ist jetzt 6 Uhr nachmittags. Sie wissen, daß unsere Bureaustunden des Weltfriedens präzis von 1—6 dauern. Wir können also keine neuen Arbeiten uns mehr aufbürden.(Zustinunungsgemurmel.) Der dritte Weltrat: Ich bin gewöhnt, um 6 Uhr pünktlich zu dinieren. Der fünfte Weltrat(S7 Jahre alt): Ich muß um 6'/2 Uhr zu Bett gehen. Der siebe nst e Weltrat(preußische Kürassieruniform): Protestiere energisch. Müßte sonst erst die Jnformatwn meiner Re- gierung einholen, ob überhaupt darauf einlassen. Der Sekretär: Es handelt sich in, wesentlichen um einen Beschwerdebrief, über dessen Inhalt ich ganz kurz referieren könnte. Nur zwei Minuten Zeit I Der erste Weltrat: Na, meinetwegen! Schießen Sie loS I (Der fünfte Wcltrat beschwörend: Aber wir schießen hier doch nicht I) Der Sekretär: Es handelt fich um einen Brief mit unleser- licher Unterschrift. Bertha Schmidt oder dergleichen. Das Frauen- zimmer führt darüber Klage, daß wir nicht eingegriffen hätten in den sogenannten Hunnenzug der Mächte nach China. Insbesondere wird ein Protest erhoben, daß die Russen am Amur 20 000 wehrlose Chinesen in den Fluß getrieben hätten, wo sie teils ertranken, teils, soweit fie sich schwimmend zu retten versuchten, im Wasser erschossen wurden. Siebenter Weltrat: Na also, fie haben doch nun ihren Frieden, ganz ohne unser Zutun. Der erste Weltrat(klopft dem Redner auf die Schulter): Nicht zu frivol, mein Lieber! Die Sache ist sehr ernst. Unserer Weisheit ist es zu verdanken, daß wir ernen unüberseh- barenWeltbrand verhüteten, indem wir jede Ein- Mischung unsererseits unterließen. Hätten wir uns nur gerührt, so wären alle Nationen in einen furchtbaren Krieg verwickelt worden. Wir haben folglich unsere Pflicht getan, wir haben dem Weltfrieden gedient, und ich kann sagen, erfolgreich.(Sehr richtig!) In diesem Sinne schreiben Sie der Danw.— Die Sitzung ist ge- schlössen I IL Der erste Weltrat:... In diesem Sinne können wir mit bescheidenem Stolz sagen: Wiederum haben wir bewiesen, welche erhabene Tat Seine Majestät der Kaiser von Rußland wagte, als er sein Friedensmanifest unter die hadernden Völker sandte. Nikolaus II. ist, ich darf es sagen, der neue Heiland. Unsere Institution verdankt die Welt diesen: Manifest. Man hat uns verspottet, uns nachgesagt, wir seien ohnmächtig, wir schliefen. (Der fünfte Weltrat ruft erschreckt auS dem Traum: Oho!) Unsere Handlungen entwaffnen den Spott der Toren und den Haß der Feinde. Jawohl, wiederum haben wir durch eine Tat des Friedens das ideale Werk mächtig gefördert. Seit Jahrzehnten saßen Feuerländer und Südpolarier gleichsam auf einen: Pulverfaß. Alle Verhandlungen, in ihrem Fischereikonflikt einen Ausgleich zu finden, scheiterten: der Weltkrieg stand während dieser ganzen Zeit drohend an der Schwelle der Kultur. Da, im höchsten Stadium der Erregung, wandten sich die beiden bis an die Zähue bewaffneten Mächte an uns. Wir aber baten die Erhabenheit des Zaren, das Schiedsrichteramt zu übernehmen. Lange und erbittert wurde gerungen. Schließlich aber fiel der Spruch der Weisheit. Der Zar entschied: die Feuerländer dürfen die Dorsche, die Südpolarier die Stockfische im Eismeer fangen. Jubelnd unterwarfen fich die beiden Staaten. Der Weltfriede ist gerettet.(Stürinischer Beifall.) Der siebente Weltrat: Gebe anHein:, per Akklamation Zaren-Dankadresse zu stiften. D e r e r st e V o r s i tz e n d e: Es erhebt sich kein Widerspruch. Die Adresse ist bewilligt. Ich schlage vor, daß wir unsere nächste Zusammenkunst der Feststellung des Textes widmen. Auch das ist genehmigt. Ich schließe— D e r S e k r e t ä r: Bitte, noch einen Augenblick. Die Berta Schmidt hat wieder geschrieben— Der siebente Weltrat: Donnerwetter, was will denn das Frauenzimmer noch? Der erste Weltrat(bedeutend): Ich mache darauf auf- mcrksam, daß es in 5 Minuten 6 Uhr sein wird. Der fünfte Weltrat: Mm: nmß doch endlich mal seine Ruhe haben. Wenn das so weiter geht, demissioniere ich.(Unruhe, lebhaste Proteste. Rufe: Aushalten, Dableiben.) Der dritte Weltrat: Also, was will denn die schöne Bertas? Es ist doch interessant, zu hören, was fie denn wieder im Kopfe hat. Ich kann mir's aar nicht denken. Wir haben alles aufS beste bestellt. Weltstieden usw. behütet. Was verlangt man noch nrehr von uns? Es gibt eben immer Nörgler. Indessen wie gesagt, ich bin wirklich gespannt, was los ist— trotz meines Hungers. Der Sekretär: Die Dame beschwert sich über den russisch- japanischen Krieg.(Rufe der Enttäuschung: Ach so I Was geht daS uns an!) Der siebente Weltrat: Durch die Verleihung deS Ordens xaur lo mörits ist die Sache in unserem Sinne aufs beste endgültig erledigt. Der Sekretär: Aber die Briefschreiberin meint, wir hätten eingreifen sollen und den Krieg verhüten, der Hunderttausende Menschen mordet und verstümmelt.... Der erste Weltrat: Genug I Schreiben Sie der Dame: Sie soll nicht so nervös und aufgeregt sein. Natürlich werden wir eür- greifen, daS ist unsere verfluchte Pflicht und Schuldigkeit. Sie soll nur Geduld haben. Jetzt unsere Hände hineinmischen, hieße leicht- ferttg den Weltkrieg entfesseln. Aber das hindert nicht, daß wir zu rechter Zeit eingreifen werden. Natürlich setzt unser Eingreifen vor- aus, daß zuvor derKrieg beendigtist... m. Erster Weltrat: Es liegt heute der Antrag vor, der glorreichen Majestät des Zaren eine Dankadresse zu widmen, nachdem er es verstanden hat, den im Innern seines Landes drohenden Weltkrieg, der die strrchtbarsten, unübersehbaren Folgen hätte nach sich ziehen können, in: Keime zu ersticken. Der siebente Weltrat: Im Auftrage meiner Regierung habe zu erklären, daß unserer Ansicht nach sämtliche Mitglieder unseres Weltfriedhofs persönlich nach Petersburg reisen sollten, um Nikolaus II. Dank zivilisterter Staaten auszusprechen. Meine Herren I 22. Januar war Ruhniesblatt in Weltgeschichte. Bewies, wie man Frieden vor innerem Feind schützt. Stelle weiter anheim, in zivilisierten Staaten Jnternationalspende für Seine Majestät zu sammeln. �Allgemeine Zustimmung.) Erster Weltrat: Ich glaube, daß die Anregung unseres verehrten Herrn Vorredners der allgemeinen Sympathie sicher ist. Wir können sofort zur Abstimmung schreiten. Wer dafür ist... Der Sekretär: Verzeihen Sie, ich muß Ihnen doch davon Mitteilung machen, dast gegenwärtig der Teufel los ist. Jeden Morgen kriege ich mindestens lOl) Briefe, Aufrufe, Proteste. Alle fordern gebieterisch unser Eingreifen gegen das, was sie die Menschen- schlächterei des Zaren nennen. Wir lollen die russische Regierung außerhalb der Gemeinschaft der Kulturstaaten stellen. Mr sollen die Regierungen zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen drängen, die Verachtung jedem aussprechen, der künftig den Absolutismus durch Gelddarlehen, Kauf russischer Papiere und desgleichen unter- stützt. Endlich sollen wir eine große Sammlung für die Opfer der Metzelei inszenieren... Und alle die Briefschreiber find erst- klassige Berühmtheiten. Der siebente Weltrat: Ekelhafter Blödsinn! Der erste Weltrat: Hm! Gegenüber so vielen Celebri- täten müssen wir doch etwas tun. Die Vorgänge haben doch ihre zwei Seiten. Wie wäre es, wenn wir den Zaren anflehen, zur Be- ruhigung des öffentlichen Gewissens Europas eine Denkmünze für die Hinterbliebenen der Opfer der Metzeleien zu stiften.? �Vereinzelter Beifall, starker Widerspruch.) Der siebente Weltrat(erregt): Ich frage: Sind wi, für Weltfrieden da oder für Revolution? Denkmünze oder auch Denkblatt, ist ausgezeichnete Idee. Aber naturgemäß nicht für Rebellen, sondern für wackere Kosaken, wegen Tapferkeit vor dem inneren Feinde. Der er sie Weltrat: Nicht so hitzig I Verbrennen wir uns nicht unsere Finger. Ich schlage strikte Neutralität vor! Der Sekretär(verzweifelt): Aber es mutz etwas ge- schehen l Wie soll ich denn sonst den Tausenden von Briefschreibern antworten? Der er st e Weltrat: Meine Herren I Der Sekretär hat recht! Es muß etwas geschehen. Wir bringen ihn sonst in eine schiefe Lage. Wir sind all diesen Notabilitäten von Weltruf eine Antwort schuldig. Ich glaube Ihrer Zustimmung gewiß zu sein, wenn ich Ihnen als Vernnttclungsantrag vorschlage: Stellen wir einen zweiten Sekretär an!— lloo. kleines Feuilleton. zr.»Die Sonne." Morgen wird sie sechzig Jahre alt. Aber schon vor beinahe drei Jahrzehnten war sie so rot und rund wie heute. Wenn wir sie damals auf unser Haus zusteuern sahen, dann raunte einer dem anderen zu:„Achtung! Gleich geht die Sonne auf!" Jugend ist respektlos. In Tante Karolinens Anwesenheit aber waren wir artig. Sie hatte eine Hand, eine Hand!... Breit, gewichtig, rot und— lose. Ich Hab sie einmal gespürt und hatte für immer genug davon. Aber das mit der Sonne war mehr wie ein knabenhafter Scherz. Auch heute könnte ich's nicht besser sagen. Nur daß wir damals wohl mehr das Aeußere im Auge hattcki: sobald die Stubentür aufgeklinkt wurde, tauchte eS aus dem dicken Flur wie eine rote Kugel hervor, deren Vordcrfläche sich dann in eine immer lachende Physiognomie verwandelte. Und ein paar helle, vergnügt glänzende Augen strahlten wie wahrhaftiger Sonnenschein ins Zimmer. Dann wurde es lustig bei uns. Tante Karoline konnte stille oder gar traurige Gesichter nicht sehen.»Wozu das? Schiebt's beiseite. Es kommt schon mal wieder anders." Das war ihre ganze Philosophie. Und sie ist gut dabei gefahren,— besser als einige ihrer Geschwister, die alles tiefer und lastender nahmen und sich schtoer in. die plötzlich an sie herantretenden Notwendigkeiten des Lebens schicken lernten. Der Vater hatte Pech gehabt;"Pech und eine zweite Frau, die das böse Märchenwort von der herzlosen Stief- mutter in die Tat umsetzte. Die Kinder der ersten Ehe mußten aus dem Haus. Niemand trieb sie mit Worten. Freilich nicht. Sic gingen allein, nachdem die Stiefmutter den guten Charakter des Vaters in einen unleidlichen umgekrempelt hatte. Und als der Alte starb, fand sich weder ein Testament noch ein Nachlaß an Werten. Tante Karoline hatte nicht darauf gewartet. Sie war noch keine vier Wochen aus dem HauS, da saß sie in einem kleinen Ge- müsekcller zwischen Kohlköpfen, Aepfeln. Kartoffeln und Heringen. Morgens um vier Uhr stand sie auf, sich ihren_ kleinen Vorrat heranzuschaffen, und mancher Schritt, mancher Griff war am Tage zu tun, die ausgelegte Summe und einen geringen Gewinn wieder einzunehmen. Es verdroß sie nicht. Und die Leute kamen gern zu ihr. Denn ein Witzwort gab's fast allemal dazu, ob einer ein Kilo Aepfel nahm oder für drei Pfennige Suppengrünes. UebrigenS: die Aepfell War es eine gewisse Anpassung oder war's nur ein Zufall: wenn man Tante Karoline in dem halb- dunklen Keller zwischen ihren Aepfelkörbcn sitzen sah, so schien's auf den ersten Blick, als habe man in dem runden Gesicht ein Riesen- exemplar jener freundlichen. Obstsorte vor sich. Straffe, rosigg Wangen, dito Stirn, und ein festes, energisches Kinn. Schön war Tante Karoline nicht. Häßlich schon gar nicht. Das Gesunde, Kraftvolle ist's nie. Noch heute dars sich die Sechzigerin sehen lassen. Krücken und Brille braucht sie nicht. Und wo der Fuß auftritt, da zittert's. Trotzdem sie eine„alte Jungfer" ge- blieben ist. Warum? Neulich Hab' ich's erfahren. Zu Weihnachten als ich beim Kaffee ihren„Selbstgebackenen" lobte und dazu neben- bei und scherzhaft die Frage anschnitt, wieso eine Frau mit der- artiger Backkunst keinen Mann gekriegt habe. Im nächsten Augen- blick tat's mir leid, denn es ging wie eine Wolke über das sonnige. Gesicht. Nur einen Moment, dann lachte sie wieder:„Tu, das ist eine lustige Geschichte." Die Stimme zitterte noch ein wenig.„Eine sehr lustige Geschichte. Ich war auch'mal verliebt, verlobt,— verlassen." „Ach was?" Ich schüttete mir vor Erstaunen Kaffee auf die Weste. „Was ist denn dabei zu wundern? Meinst Du, ich hätte kein Herz? O! Erfahren hat's niemand von Euch. Wozu? Aber wenn Du es wissen willst,— paß auf. Einen Roman mußt Du nicht erwarten, mein Junge. Ich bin immer mehr für das Praktische gewesen, wie Du auch an dieser Hand sehen kamist." Dabei bc- wcgte und betrachtete sie lächelnd ihre Rechte. „Aschenbrödel nannten sie mich schon zu Hause. Wenn meine Schwestern auf dem Klavier herumhackten oder die Nase in ein französisches Buch oder Modejourual steckten, dann stand ich in der Küche und scheuerte Töpfe. Freiwillig. Ein Tausch wäre mir grausig gewesen. Den anderen auch. Also waren wir alle zu- frieden und vertrugen uns gut. Damals fing es an mit dem Zilcher. So hieß er; war Telegraphist oder ähnliches. Ein„mittlerer Beamter mit Pensionsberechtigung". Das betonte er. Und betonte bei jeder Gelegenheit, sein weibliches Ideal sei die echte deutsche Hausfrau. Dabei warf er mir Blicke zu und bevorzugte mich vor den Schwestern die übrigens auch höher hinaus wollten.' Mir schmeichelte es. Ich war junA Und er gefiel mir vielleicht deshalb besonders, weil er das vollständige Gegenstück von mir war: schlank, blaß, zart. Ich fing nämlich damals schon an, in die Breite zu gehen. Also: die Sache war gerade im Werden, als die Geschichte mit der Stief- mutter kam. Mir rückten aus. Eine nach der andern. Ich zuletzt. In einen Dienst gehen? Nein. Unabhängig wollt' ich mich machen. Das Erste, was sich mir bot, war der Gemüsekram. Ueber- legt Hab' ich nie lange. Ich griff zu. Und hab's richtig getroffen. Wie der Fisch im Wasser war ich. Den Zilcher hatt' ich schon beinahe vergessen, da, eines Tages klettert er in meinen Keller und steht vor mir. � Zuerst war's mir peinlich. Einen Augenblick.> Dann wischt' ich mir die Hand an der Schürze und reichte sie ihm. Er zuckt zu- sammen. Wenig nur. Hast Dich getäuscht, sagte ich mir nachher. Aber nein. Heute weiß ich's besser. Er erneuert also die alte Bc- kanntschaft, wie er sagte, und bat, hin und wieder einmal vorsprechen zu dürfen.„Warum nicht?" sag ich,„wenn Sie mein Geschäft nicht geniert?"„O," antwortet er und wird ganz rot,„es kommt doch auf den Menschen an." Na ja. auf den Menschen—" Tante Karoline rührte verloren in ihrer Tasse. „Kurz und gut: ich verschoß mich richtig in rhu. Wir wurden einig und verlobten uns. Heimlich vorläufig. In einigen Monaten sollte ich dann das Geschäft aufgeben und dann— na ja; es kam ganz anders, lieber Junge. Nämlich: meine Hände gefielen ihm nicht. Alles sei schön und gut und prächtig an mir, sagte er, bloß die Hände— I Aber da? ließe sich glücklicherweise bessern. Sie müßten nur gepflegt werden. In Alaunwasser baden, riet er heute. Mit Wcizenklcie abreiben, morgen. Oder auch: des Abends mit Vaseline einfetten und über Nacht Handschuhe drüber. Eine ganze Drogeric kam allmählich zusammen.*— Zuerst nahm ich's heiter, lachte und versuchte wohl auch dies und das. Aber es nützte nichts. Wenigstens nicht lange. Natürlich nicht. Er ließ nicht nach; es wurde schon mehr eine fixe Idee bei ihm. Mich langweilte das all- mählich. Dann ärgerte mich die Geschichte. Ich sah ihn auch plötzlich kritisch an. Ich wurde bitter und immer bittrer zu ihm. Wer weiß, dacht' ich, wie das später wird? Das war der Anfang vom Ende. Damals wüßt ich's nicht, drängte ihn sogar eigensinnig, er solle mich nun endlich seinen Eltern vorstellen, wie er schon längst versprochen. Es war ein unglücklicher Tag, mein Junge. Einer über den anderen erregt und in starkem innerlichen Zorn. „Ich würde Dich borstellen," sagte er,„aber mit diesen Händen— unmöglich! Das Gemüscgeschäft läßt sich verschweigen, die—, Hände nicht!"" Die Stimme der Alten bebte:„Wie mir in dem Augenblick zu Mut war, kann ich Dir nicht sagen. Ich kam mir wie grenzen- los gefoppt vor! Aufgesprungen bin ich wohl wie ein gereiztes Tico und dann— na ja," Tante Karolinc senkte die Stimme und be- wcgte leise, die Rechte,—„dann rutschte die hier aus." Pause.„Der kam nicht wieder?" „Nein. Vielleicht bin ich wirklich zu grob gewesen; cS hat mir nachher fast leid getan. Aber in dem Augenblick könnt' ich nicht anders. Und es ist auch gut, daß die alberne Sache damit einen Punkt kriegte. Mit den Männern war ich fertig. Und wollte sich später doch einmal wieder einer herandrängen, dann zeigt' ich ihn» nur diese Patsche. Lose war sie immer." „Ich weiß." „So? Tu kennst sie auch?" Und über den Tisch zu mir herüber strahlte in hellster Heiterkeit das rote, runde Gesicht... Theater. Lessing-Theater. D i e Weber. Schauspiel in fünf Akten von Gerhart Hauptmann. Neu einstudiert, mit Um- bcsetzung einiger Rollen, wurden die Weber am Freitag zum ersten. mal auf der neuen Bühne Brahms vor dichtbesetztcm Hause gespielt. Die ergreifende Dichtung erschien in vielem wie eine Wieder- spiegelung unmittelbarster Gegenwart. Der revolutionäre Sturm, der die Hungernden, eben noch demütig Geduckten, mit elementarer Gewalt ergreift, der Hoffnungstaumel,"die mörderischen Salven des Militärs in die Haufen der wehrlosen Demonstranten— wir erleben das schlcsische Trauerspiel, seiner lokalen Begrenztheit enthoben, ergänzt, unendlich bereichert durch das Pathos politischen Freiheits- drangcs, zu welthistorischer Größe gesteigert, in dem geknechteten Rußland, doch nun als Kampf, der, anders als jener niedergeworfene Vcrzwciflungsausbruch, durch keine Flintenkugcln und Gefängnisse mehr zum Schweigen gebracht werden kann. Und auch nach Westen, auf den Riesenausstand der von einer kleinen übermütigen Kapi- talistensippe ausgebeuteten Bergarbeiter lenkt die Dichtung den Blick. Der Konflikt, auf dem sie sich aufbaut, wechselt nur in den Formen, dem Wesen nach ist:r ein allgemeiner, so lange die Ueberirrcht des Kapitals, die schrankenlose Aussaugung der Arbeit fortbesteht. Was vor Jahren von der Vollkommenheit der Weber-Auf- führungcn im Deutschen Theater rühmend berichtet wurde, gilt un- verändert auch von dieser Vorstellung der Lessingbühne. Man müßte den Theaterzettel nachschreiben und darüber hinaus auch auf die stummen Statistenrollen eingehen, wollte man all die trefflichen Einzelleistungen, die sich hier zur Ensemblewirkung vereinigen, her- zählen. Gleich bei der Lohnauszahlung im Kontor, der ersten Szene, welche Fülle charakteristisch individualisierter, gegeneinander ab- getönter Webergestaltcn, denen gleichmäßig der Stempel des Elends aufgedrückt ist, ohne daß doch in dem Massenbilde irgendwie eine Spur absichtlichen Arrangements, irgend ein Zug der Uebertreibung hervorträte I Es war ein Meisterwerk der Lesfingschen Regiekunst. Und dieser Eindruck wiederholte sich in all den Volksszenen der späteren Akte.— Rittner spielte wieder den Führer der Auf- ständischen, den entlassenen Soldaten, eine seiner altberühmten Rollen; Paul Pauli den guten weichherzigen Baumert; Else Lehmann des gläubigen Hilfe mutige Schwiegertochter. Neu waren P a t r h als Fabrikant, Hans M a r r als Weber Bäcker, Emanuel Reicher in der Figur des alten Ansorge, jeder eine anschaulich überzeugende Verkörperung seiner Rolle. Das Höchste aber erreichte Oskar Sauer in der schlicht monumentalen Ge< staltung des alten Hilse. Er gab den Worten eine Wärme, drängte einen Reichtum des Gefühls in sie zusammen, daß sie aus seinem Munde wie die Offenbarung eines Neuen, Unbekannten klangen. Die doch so fein nüancierende Sprache des Dichters schien im Verhältnis dazu arm.— dt. Astronomisches. ie. E r o s. Seit der italienische Astronom Piazzi am ersten Tage des 19. Jahrhunderts durch das Fernrohr in der großen Lücke zwischen Mars und Jupiter einen Planeten von bisher unerhörter Kleinheit fand, hat sich die Zahl dieser Planetoiden oder Asteroiden ganz ungeheuerlich vermehrt, so daß ihre Zahl am Anfang des 20. Jahrhunderts bereits 471 betrug, und demzufolge hat das Interesse an diesen Himmelskörpern wesentlich nachgelassen. Man hat sogar schon die Frage aufgeworfen, ob eine weitere Nachforschung nach ihnen überhaupt noch lohnt, weil es eigentlich gleichgültig ist, ob man von diesen winzigen Gestirnen 500 oder 1000 kennt. Wenn nun aber einer ihrer Vertreter, der Eros, die Aufmerksamkeit der Forscher in ungewöhnlichem Grade zu fesseln verstanden hat, muß es mit ihm wohl ganz eigen bestellt sein, und das ist wirklich der Fall. Während alle anderen Planetoiden auf die Zone zwischen Mars und Jupiter beschränkt sind, greift die Bahn des Eros derart über sie hinaus, daß er zeitweise zwischen Erde und Mars zu stehen kommt und der Erde gelegentlich sehr viel näher rückt als irgend ein anderer Himmelskörper. Der Mars ist unter den günstigsten Umständen noch 56 000 000 Kilometer von uns entfernt, die Venus 40 000 000, der Eros dagegen bei seiner größten Erdnähe nur 20 800 000 Kilo- metcr. In dieser Tatsache liegt die hauptsächliche Bedeutung des Eros, der am 19. April 1898 von dem Astronomen Witt an der Uraniasternlvarte in Berlin entdeckt wurde. Der berühmte Planeten fucher Charlois in Nizza hatte ihn schon einige Stunden früher au, einer photographischcn Platte, konnte seine Existenz aber erst zwei Tage später feststellen, nämlich nach vollzogener Entwickelung der Aufnahme. Die Bahn des Eros um die Sonne wurde bald ziemlich genau bekannt, und daraus konnte man berechnen, daß der kleine Planet in etwa 37 Jahren je einmal die größte Erdnähe erreicht. Das letzte Mal muß er sich im Jahr 1380 in dieser Stellung be- funden haben und würde demnach, wenn seine Bewegung keine Störungen erleidet, im Jahr 1917 der Beobachtung wiederum die günstigsten Aussichten eröffnen. So lange hat man aber damit nicht warten wollen, weil die Astronomen die Gelegenheit zu benutzen wünschen, durch die Beobachtung des Eros die Entfernung der Erde von der Sonne, diesen Grundwert der Himmelskunde, mit einer bisher noch nicht möglich gewesenen Genauigkeit zu bestimmen. Zu diesem Zweck haben sich nicht weniger als 47 Sternwarten aller Erd- gebiete zusammengetan und eine wahre Riesenarbeit zu leisten über- noinmen, wie sie durch ein internationales Zusammenwirken auf dem Gebiete der Wissenschaft bisher ohnegleichen gewesen ist. Es würde zu weit führen, bis ins einzelne zu beschreiben, worin diese Arbeit besteht. Der Gesamtplan hatte einen so ungeheuren Umfang, daß man doch einiges davon hat ablassen müssen; immerhin bleibt auch der Rest noch bewunderungswürdig genug. Völlig abgeschlossen sind die Beobachtungen und Messungen noch nicht, und erst recht nicht die darauf begründeten Veröffentlichungen. Der Leiter der Unter» nehmung, Prof. Loewh, Direktor der Pariser Sternwarte, hat bisher 9 Berichte darüber herausgegeben; der erste umfaßte nur 6, der letzte über 400 Seiten. Die Ergebnisse lassen sich noch nicht übersehen, aber man kann doch gewisse vorläufige Annahmen darüber äußern. Danach wird man für die Sonnenparallaxe wohl annähernd auf den schon bisher angenommenen Wert von 8,80 Sekunden kommen. Die Entfernung der Sonne von der Erde würde sich auf 149 471 000 Kilometer stellen, und die Unsicherheit dieser Zahl würde nur 90 000 Kilometer betragen. 90 000 Kilometer erscheinen auf den ersten Blick als eine ungeheure Größe, aber im Vergleich zu dem ganzen Abstand der Erde von der Sonne sind sie ein winziger Be- trag. Sie haben nicht mehr zu bedeuten als auf einem Stab von 1,66 Meter Länge die Breite einer Stecknadelspitze, wenn wir diese zu 1 Millimeter annehmen. Wenn die Beobachtungen des Eros ganz durchgeführt sein werden, wird man die Entfernung der Sonne von der Erde sogar bis auf etwa 45 000 Kilometer genau kennen.— Humoristisches. — Zu devot. Chef(der sich auf den steifen Hut seines Sekretärs gesetzt hat, bedauernd):„Sie sollten doch weiche Hüte tragen, Müllerl" Sekretär:„Herr Direktor haben sich doch nicht wehe getan?"— — Ei n mißtrauischer Richter.„Zeugin Huber, wie alt war Ihre Mutter bei Ihrer Geburt?" „Zweiundzwanzig Jahre!" „Und wie alt ist sie jetzt?" „Sechsundfünfzigl" „Schreiben Sie: Alter der Zeugin bierunddreißig Jahre!"— — A u f der Straße.„Na, wie geht's?" „Dank' schön,'s geht!" „Na, da geht's ja!"—(»Fliegende Blätter.") Notizen. — Schön gesagt. Aus einem Theaterreferat:„Man träumte sich in den Schöpsimgstempel getreten, in dem Mensch und Tier und Stein rind Pflanze, zuletzt der liebe Herrgott selber Hand in Hand den Reigen schlangen um die Seligkeit und Reinheit heiligen Ur- zustandes."— — Die Gesamtzahl der an den vier Technischen Hoch- schulen Preußens eingeschriebenen Studierenden beträgt im laufenden Winterhalbjahr 4902 gegen 5130 im vorigen Winter- semester.— —„Till E u l e n s p i e g e l", eine Komödie von Georg Fuchs hatte im Leipziger Schauspielhause lauten Erfolg.— — Richard Schotts Drania„Abschied" erlebt am 9. Februar im Düsseldorfer Stadttheater die Urauf- führung.— �„Der Berg des Aergernisses", eine neue fünfaktige Tragödie von Heinrich Lilienfein, ist soeben im Theater- Verlag Entsch erschienen.— — Im Stadttheater zu Aachen konnte am Dienstag nicht gespielt werden; es waren keine Zuschauer erschienen.— — Der Theater-Neubau in Weimar erfordert ein- einhalb Millionen. 300 000 M. will bedingungsweise die Stadt dazu geben.— — Im Lichthof des K u n st g e Iv e r b e- M u s e u m S wird Mitte der Woche eine Sonderausstellung„Die Kunst auf dem Lande" eröffnet. Die Ausstellung wird auch abends von?>/„ bis 9'/z geöffnet sein und in Abbildungen und Originalen Beispiele der älteren Bauernkunst vorführen.— — Zur Wiederheifftellung des um 1605 in Holzbau aufgeführten Kalandhauses in Alfeld a. d. Leine hat der preußische Kliltusminister 1000 Mark bewilligt.— — Der Deutsche und Oesterreichische Alpenverein zählt gegenwärtig über 65 000 Mitglieder.— — Im Schutzbezirk Linde der Oberförsterei Lhck wurde am letzten Sonntag bei einem Treiben eine russische Steppen- Wölfin erlegt. Sie wog 63 Pfund. In acht Tagen hatte sie 11 Rehe, einige Hasen und einen Dorfhund zerrissen.— — HerrEn gel mannist entschuldigt! Aus Heilig en- stadt wird der„Halleschen Zeitung" unterm i. Februar berichtet: Vor Beginn der gestrigen Stadtverordneten-Sitzung teilte der Vor- sicher mit, daß der Stadtverordnete Engelmann soeben durch das Telephon fein Fernbleiben entschuldigt habe. Herr Engelmann habe versucht, zum Rathause zu gelangen, sei aber im'Straßen« schmutz st ecken geblieben, so daß eS ihm unmöglich geworden fei, seinen Verpflichtungen als Stadtverordneter nachzukommen. Herr Engelmann habe dabei seinen Gummischuh eingebüßt und den Rück- zng antreten müssen.„Ich halte," so bemerkte der Stadtverordneten- Vorsteher,„Herrn Engelmann für entschuldigt!"— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LcCo..Berlin SW.