Mnterhattmigsblatt des Worwärts Nr. 27. Dienstag, den 7. Februar. 1905 (Nachdruck verboten.) 2'] Der Baum elfter. Noman von Felix Holländer. Grote wurde immer beklommener.... Und wo blieb Keßler? Sagte ihm nicht eine innere Stimme, daß sie da war und mis ihn wartete? „Haben Sie Angst, Fräulein— vor mir Angst?" Sie schrak auf. „Ich habe vor niemandem Angst— vor niemandem!" wiederholte sie. „Ich tue Ihnen auch nichts, Fräulein!" Und ablenkend fügte er hinzu:„Ich finde dieses Zimmer sehr kostbar— die Einrichtung dieses Zimmers dürfte ein Vermögen kosten.„.. Meinen Sie nicht auch?" „Ich habe noch nicht darüber nachgedacht— ich bin, wie Sie, das erste Mal in diesem Räume." „Sind Sie eine Verwandte des Herrn Baumeisters, wenn ich fragen darf?" Ihre Züge röteten sich. „Ich bitte, mich nicht mißzuverstehen. Ich bin keines- Wegs indiskret.... Ich habe diese Frage nur gestellt, um eventuell bei Ihnen für den Baumeister etwas zu hinterlassen. Meine Zeit drängt nämlich." Sie richtete sich auf. „Ich bin nicht mit ihm verwandt— ich bin seine Freundin," sagte sie fest. „So... so... das ist ja sehr interessant...! Ent- schuldigen Sie, ich will Sie nicht beleidigen.... Das liegt mir vollkommen fern.... Im übrigen, ich habe nicht gewußt ... das ist ja auch ganz gleichgültig... das spielt ja nicht die mindeste Rolle..." Mr stand auf und griff nach seinem Hute. „Ich bedaure, nicht länger warten zu können... ich be- daure lebhaft.... Indessen, meine Zeit ist um. Sagen Sie ihm, daß ich eme geschlagene Stunde hier gewesen bin... sagen Sie ihm, daß ich ihn dringend sprechen muß.... Meine Angelegenheit ist wichtiger als sein Theater. Bei meinem Prozeß handelt es sich um Millionen... dagegen spielt es keine Rolle, ob sein Theater etwas früher oder später fertig wird.... Verschweigen Sie ihm von alledem nichts.... Er ist im Irrtum, wenu er mich für einen Hanswurst hält — er und dieser saubere Herr... wie heißt er denn rasch... ah, ich entsinne mich... Steinert heißt dieser Bursche! Nun, ich lasse mich nicht narren... und am allerwenigsten von diesem Herrn Steinert. Im übrigen grüßen Sie den Herrn Baumeister von mir bestens. Ich habe trotz alledem vor ihm Respekt und Hochachtung. Auch das sagen Sie ihm, mein Fräulein, vergessen Sie es nicht!.,. Und nun habe ich die Ehre!" Langsam und feierlich ging er in das Entree. Grete Anders war wie gerädert. Der Schwall seiner Worte hatte sie betäubt.... Als er längst die Tür hinter sich zugeschlagen hatte, blickte sie ihm noch bewegungslos nach. Erst ganz allmählich erholte sie sich, aber ein dumpfes, taubes Gefühl blieb in ihr zurück. Dieser Mensch kam ihr wie ein Vorbote des Unglücks vor.... Warum mußte er der erste sein, der ihr in diesem Hause begegnete! Sie strich sich nach- denklich das Haar zurück, das ihr widerspenstig über die Stirn fiel. Vielleicht war es besser, wenn auch sie ging und ihn nicht abwartete.... Mechanisch setzte sie sich den Hut auf und zog sich langsam das Jackett an.... Vorsichtig öffnete sie die Tür, aber in diesem Augenblick ging von außen das Schloß. iDa gab sie ihre Flucht auf, schritt zum Fenster und drückte ihren Kopf an die kühle Scheibe. Unmittelbar darauf trat Keßler auf die Schwelle.... Er stieß einen kurzen Schrei der Ueberraschung aus. Dann nahm er sie in seine Arme, ohne daß sie sich wehrte. „Herrgott, Du ahnst ja gar nicht, was mir das für eine Freude ist, daß Du gerade jetzt— gerade heute, gekommen bist!... Ich brauche Dich... mehr wie das tägliche Brot brauche ich Dich!..." Alles das sagte er in tiefer Erregung, ohne sie zu Worte kommen zu lassen. Sie sah ihn forscheird und tief bekümmert an, und nie- mals vergaß er diesen Ausdruck von Schmerz, der ihre Mienen beherrschte. „Was ist Dir denn?" fragte er ängstlich.„Tut es Dir leid, daß Du gekommen bist?" Sie schüttelte stumm den Kopf. „Wozu brauchst Du mich?" sagte sie endlich. „Damit ich atmen... damit ich existieren kann. Du bringst mir die gesunde und reine Luft, wenn ich aus meiner stickigen Atmosphäre komme... Du bist eine Rechtfertigung meiirer selbst." „Das alles begreife ich nicht," erwiderte sie scheu. „Sieh, ich habe manchmal das Gefühl, als ob ich meinen Weg verlöre, als ob sich vor meine Augen ein dichter Nebel legte, den ich nicht zu durchdringen vermag.... Ich weiß, daß da ein Mensch ist, der Grete Anders heißt und an mich glaubt.... Und dieses Bewußtsein," schloß er,„macht allen Gewissensskrupeln ein Ende... das mußt Du doch be- greifen!" Sie brach in ein wehes Schluchzen aus. Er aber stand ratlos und bekümmert vor ihr, fühlend daß all sein Zuspruch umsonst sei. „Du weinst um mich?" fragte er.„Du wendest Dich von mir ab?— Du hast keinen Glauben an mich?" „Nein, nein," wehrte sie weinend ab,„so ist es nicht." Dann fuhr sie, sich gewaltsam beherrschend, fort:„Was mich eldnd macht, ist etwas ganz anderes. Ich merke, daß Du den Boden unter Dir verlierst, daß Dein Selbstvertrauen in die Brüche geht, weil Dich Dein Handeln selber unredlich dünkt. ... Das ist das Schlimme, daß Du mit Dir selbst zer- fallen bist." Bei diesen Worten sah sie ihn groß, ernst und durch- dringend an, und fühlte, daß er mit keinen Ausflüchten ihr zu entgehen vermochte. „Nun gut— nimm an. Du hättest recht— würdest Du mich deshalb weniger lieben?" „Nein," entgegnete sie,„mit meiner Liebe hat das nichts zu tun. Wer liebt, fragt nicht, ob der andere gut oder böse ist. ..» llm deinetwillen schmerzt mich meine Erkenntnis." Seine ernsten Züge hellten sich bei ihren Worten auf. „Solange Du mir gut bist, habe ich keine Angst vor der Zukunft. Der eine kommt mit ehrlichen Mitteln zum Ziele — der andere darf selbst vor Verbrechen nicht zurückschrecken, wenn er im Großen wirken will.... Erschrick nicht— das mit den Verbrechen ist nicht wörtlich zu nehmen." llnd einen leichten Ton suchend, fügte er hinzu:„Weder werde ich silberne Löffel stehlen, noch einen Mord versuchen..." Seine Worte machten sie frieren.... Sie entwand sich seinen Armen. „Nein, nein, ich kann das nicht hören, ich fühle, wie Du Dich selbst vor Dir zu betäuben suchst, wie Du alles Wahr- haftige in Dir unterdrücken willst. Es gibt kein Ziel, in dem man sich ganz verlieren und ganz aufgeben darf." In sein Gesicht trat ein bitterer und barter Zug. „Ich weiß, was Du jetzt über mich denkst," fuhr sie fort, „ich weiß, daß Du Dich gegen mich auflehnst." Sie schlang ihren Arm um seinen Hals und dämpfe ihre Stimme. „Glaube mir, Du kannst nicht ohne Selbstachtung leben — Du bist ein Mensch, der ein Pflichtbewußtsein hat, das er nicht wie überflüssiges Gepäck von sich zu werfen ver- mag!..." „Ich will es ja auch nicht," antwortete er gedrückt.„Aber sich einmal, ich kann doch nicht mitten auf dem Wege stehen bleiben! Wenn ich jetzt umkehre, so bin ich für alle Zeiten fertig. Alles habe ich dann verloren— Ehre, Namen und Kredit.— Ich wehre mich mit allen Kräften gegen einen Zusammenbruch, llnd Gott sei Dank, ich glaube, daß die Gefahr mit den: heutigen Tage vorüber ist.... Ich scheue auch vor jedem Schritte zurück, den ich nicht zu verantworten vermag.... Aber kein wirklich großer Mensch, der für seine Sache, nicht für seine Person kämpft, ist imstande, die Unter- scheidungen zu machen— die Grenzen zwischen„erlaubt" und „unerlaubt" zu ziehen, die jeder Philister sieht.... Ach, Kind, das mußt Du doch einsehen! Du darfst mir gegenüber nicht die Richterin spielen.... Ich brauche Dich nicht, weil ich mich eines Vergehens schuldig fühle, sondern weil ich einen Menschen haben muß. der mich versteht, der durch jichts daran irre wird, daß zuletzt alle meine Handlungen aus reiner Quelle fließen und lauter sind, selbst wenn sie mit tausend und einem Strafparagraphen kollidieren!— Es gibt Verbrecher, Grete, die eine höhere Moral darstellen, als der gute und gesittete Bürger auch nur zu ahnen vermag." Bei diesen Worten lächelte er sehr seltsam. Grete Anders aber fühlte, daß er innerlich wund war und vergebens um einen Sinn und eine Erklärung für sein zwiespältiges Wesen sich bemühte. Ta ergriff sie ein Mitleiden nnt ihm und sie sagte leise: „Ja, so ist es!.. Und nach einer Weile: „Es war jemand hier, der Dich sprechen wollte." „Wer denn?..." „Er nannte sich Freitag und trug ein so merkwürdiges Wesen zur Schau, daß mir angst und bange wurde." „Dieser Narr!,«. Du mußt nämlich wissen, er ist ein halber Narr." „Er hat auch ans mich einen krankhaften Eindruck ge- macht.... Alles, was er sagte, klang wie ein Gemisch von Einbildung und Wahrheit... und dabei diese Augen!" Sie fuhr fröstelnd zusammen. „Und dennoch," ertviderte er,„sind es nicht bloß Wahn- Vorstellungen... allen seinen Erregungen und wirren Reden liegt tatsächlich eine reale Idee zugrunde... aber das ist eine zn lauge Geschichte, mit der ich Dich nicht behelligen will.... Was hat er gesagt?— Hat er auf mich geschimpft?..." „Ja... er hat sich bitter darüber beklagt, daß er Dich nicht zn Gesicht bekommt. Es hätte Wichtiges mit Dir zn be- sprechen." „Ich weiß... ich weiß..,. Reden wir von ettoas anderem.... Fort mit allen: Aergcr!— Ein paar Minuten will ich mir selber gehören.., mich freuen, daß Du bei mir bist..,." lFortsetzmig folgt.)! Kaller fricdmb-JVIureunr IV. Die Gemäldegalerie. Die Gemäldegalerie befindet sich in dem oberen Stock. An die Haupttreppe schließt sich oben ein Vorraum. Links, in dem Flügel am Kupfergrabeil komnit man zu den Kabinetten und Sälen, die die deutschen, niederländischen, französischen und spanischen Schulen ent- halten, 19 Räume(der Numerierung nach Kabinett 72—31). Rechts, in dem Flügel an der Spree, hängen die Gemälde der italienischen Schulen, 20 Räume(Kabinett 29— 48). Dieser italienische Flügel enthält neben Bildern auch Skulpturen. Wir haben in den unteren Sälen, bei den deutschen Holz-Bild- werken die ältesten deutschen Tafelgemälde gesehen, die teils noch byzantinische Anklänge, teils gotischen Charakter, teils— wie das Bild des Meisters des Marienlebens— schon eine ganz personliche Note zeigen. In Kabinett 72 stehen wir vor einem Hauptwerk der deutschen Malerei, das um seiner historischen Bedeutung willen einen Saal für sich erhielt. Es ist der Genter Altar der Brüder Jan und Hubert van Eyck. Diese wendeten zum erstenmal an Stelle der alten Temperamalerei die Oelfarbe zu künstlerischen Zwecken bewußt an und ermöglichten dadurch eine leichtere Handhabung des Technischen. Abgesehen von dieser äußeren Neuerung steigerten fie zugleich die technische Fertigkeit zu einer Vollendung, die die höchste Bewunderung erregte. Glut der Farben, Wärme des Details, Energie der Charakteristik vereinigen sie zu einem iniponierenden Ganzen. Was für wundervolle Landschaften geben sie als Hintergrund! Welchen belebten, satten Himmel malen sie I Und was für Wolke». Weitere Bilder von Jan van Eyck befinden sich in dem anstoßenden Kabinett 79: Bildnis eines Mamies mit dem goldenen Vließ, die Madonna in der Kirche(außerordentlich subtil und malerisch wieder- gegebene Architektur), der Mann mit der Nelke(dessen harte Züge sesi modelliert sind), die Madonna mit dem Karthäuser(mit herrlicher Landschaft, die sich hinten breitet). Außer diesen van Ehcks sind hier noch einige Gemälde des Hans Memling zu beachten, der weicher als Eyck ist, süßer, lieblicher. Im' folgenden Kabinett 98 finden wir weitere niederländische Maler des 13. und 16. Jahr- Hunderts: Roger van der Wehden, Lucas van Lehden(eines der frühesten Genrebilder, die Schachspieler), im Qberlichtsaal 99 die größeren Gemälde ans derselben Zeit, vor allem zu bemerken die bewegte und großzügige Art des Hugo van der Goes. Zurück wieder durch 68 ins Kabinett 67, Ivo die oberdeutschen Hauptmeister versammelt sind, Schongauer, Dürer, Holbein, Altdorfer. Vier Holbeins hängen hier, ein älterer Mann(spätes Werk), das bekannte Bild des Kaufherrn Georg GiSze(farbiger als feine sonstigen Werke), zwei andere männliche Porträts, in denen Holbein, wie es für ihn charakteristisch ist, ein feines Grauschwarz bevorzugt und mit wenigen blassen Farben eine vornehme, raffinierte Harmoiiie herstellt. Schon- aauer und Altdorfer sind init kleinen, leuchtenden Bildchen vertreten, die die intime Art ihrer Kunst illustrieren. Und dann zu Dürer! Ihm gehört die ganze Rückwand. Da hängt erst ein Jugend» werk, Friedrich v. Sachsen, zeichnerisch kräftig, in den Farben blaß noch, wie eine Illustration. Als berühmtestes Werk folgt dann das Bildnis des Hieronymus Holzschuher; wie fein ist da alles ge» setzt und behandelt, ins einzelne gehend und doch nicht kleinlich. Dann eine Madonna mit dem Zeisig, die italienische Farbenpracht zeigt, Dürer war in Venedig gewesen. Zwei Frauenbildnisse noch und das Bild des Ratsherrn Muffel mit„harten, eckigen Zügen. Außer- dem ist hier noch Lukas Kranach d. Ä. zu beachten. Auf seiner„Ruhe auf der Flucht" tummeln sich Putten, wie Böcklin sie hat, es ist ein farbenleuchtendes Bild. Hans Baldung Grien, dessen Farbenwelt so phantastisch und wild erscheint, ist nicht zu vergessen. In Kabinett 65 besehen wir uns hauptsächlich Kranach, Sttigel(Schwaben) Pencz (Franken) und besonders zu beachten ist das kleine Bildchen an der Tür von Altdorfer, Landschaft:nit Satyrfamilie, dessen Wärme in der Wiedergabe des Landschaftlichen, dessen großer Zug in der dekorativen Verwendung des nackten Körpers auf- fällt. Der Oberlichtsaal 66 enthält Werke von Lukas Krnnach, ein weiches, malerisches Werk von Hans von Kulnibach und die Kreuzigung von Hans Baidung Grien. Durch 63 zurück zu Saal 62, hier kommen wir zn den Nieder- ländern des 17. Jahrhunderts und sogleich zu einem der Größten, Renrbrandt. Hier hängen die großen Gemälde Rembrandts. Drei große Darstellungen aus der späteren Feit, die auffallend nach Pose streben. Den Rembrandt des abgetönten Lichts, der lebensvollen Schatten kann man eher in dem warmen Bild, auf dem ein Mann einer Frau Trost zusprechend dargestellt ist, erkennen. Gegenüber ein düsteres Seestück von Ruisdael, Arbeiten von Brouver, van der Meer und zwei frühe, phantattstische Bilder von Rembrandt, farbenprächtige Kostümstücke. Franz Hals, dem lebensprühenden Malgenie, gehört das folgende Kabinett 39. Ein dunkles Porträt aus späterer Zeit zeigt gleich seinen sicheren Strich. Ein Stillleben offenbart in der prächtig ruhigen Arbeit seine andere Seite. Zwei lichtblonde Porträts, Bilder eines Mannes und einer Frau, stammen aus seiner besten Zeit.„Hille Bobbe" gibt eine derbe Probe seines wüsten Humors wie seiner malerischen Bravour. Die„Amme mit dem Kinde" ist wieder so gemäßigt, sicher und meisterlich— das gerade Gegenteil. Zwei seine Genrebilder von Terborch sind hier noch zu beachten. Kabinett 38: Arbeiten der Holländer Cuyp, PalamedeSz, van Goyen und das große Familienbild von de Keijser. Kabinett 37 birgt die kleineren Werke von Renrbrandt. Hervorragend sind die beiden malerisch so kräftigen Selbstbildnisse, ein Alter in roter hoher Mütze, der Studienkopf eines jungen Juden, das breitgemalte Bildnis von Hendrikje Stoffels, seiner Frau am Fenster, das märchenhaft glitzernde Werk„die Frau des Potiphar", ein stilles Interieur, dann Rembrandts Bruder mit dem farbenglitzeruden Helm und die „Susanne im Bade", auf dem die Landschaft so schön ist. Kabinett 56 bringt noch einige holländische Meister. Ruisdael, Cuyp, Steen, de Velde, Capelle. Alles Werke, die den Landschaften, den Lichterscheinungen mit wachen Sinnen nachzugehen trachten. Auch Kabinett 33 setzt noch diese Serie fort. Wieder Ruisdael, Pieter de Hooch, van Meer, van Delft, Terborch. Saal 63 gehört Rubens. Hier lebt alles in vollen Lebens- gluten und nimmt rauschende Farbe an. Jedes der hier auf- gehängten Werke schlägt eine andere Note an. In dem Bild an der Eingangswand„Bekehrung Pauli" fällt der anstürmende Reiter mit dem fliegenden roten Mantel auf. In„Neptun und Ainphitrite" schwimmt nuten ein blondes Meerweib, das ein Krokodil umfaßt hält, es erinnert an Böcklin. Das grandiose Bacchanal setzt Rubens Lebenslust, die überschäumt, restlos in Farbe um. Ein reizendes Kinderbild folgt darauf. Dann noch ein schöner ruhiger Kinderkopf: Knabe mit Vogel. Zwischen diesen Werken hängen Bilder von van Dyck, unter denen besonders zu erwähnen: Edelmann und Gemahlin, und Satyrn und Nymphen. In dem folgen- den Kabinett 69 hängen noch interessante Studien von Rubens. Außerdem noch Miniaturen. Darauf folgt der kleine Rubenssaal(61)„Schiffbruch des Aeneas"(wir denken wieder an die stürmische Gewalt und die rauschenden Farben Böcklins),„Er» oberung von Tunis"(ein Gewimmel kämpfender Körper). Van Dyck, Snyders, de VoS(Töchter des Künstlers) und Teniers ergänzen nebst den im Kabinett 34 hängenden Holländern die chronologische Folge, der sich der holländische Lberlichtsaal(Saal 33) mit den großen Gemälden der Holländer anschließt. Der folgende und letzte Saal 31 gibt eine schnelle Uebersicht über die französischen und spanischen Schulen des 17. und 18. Jahr« Hunderts. An der Eingaugswand und der linken Laimseite die Spanier. Ein tonkräftiger Ribera. Dann vor allen: als Glanzstücke drei vorzügliche Goyas. Valesquez mit drei Bildern, besonders das lebendig und farbenschöne Porträt des Hofzwerges. Dann noch Zurbarans fanatische und Murillos reiche Kunst. Auf der rechten Langseite die französische Kunst des 17. Jahrhunderts. Von Poussin mythologische Landschaften. Lorrains vom Sonnenlicht durchflutete Bilder. Französische lltassenkunst sehen wir in Mignards und Larguillieres Porträts. Tann WatteauS delikat feine Auflösung der Konturen in farbiges Licht, der zusammen mit Lancret mkd Pesne ein Bild von der Kunst deS Rokoko gibt. Damit sind wir bei dem Ende des 18. Jahrhunderts angelangt. Die Bilder des nun folgenden Zeitalters hängen in der National- galerie, dem moderne» Bildermuseum. Damit ist der Rundgang be- endigt. Wir treten mm in eine ganz andere Welt. Italien. Italienische Bildkunst. Ein ganz anderes Klima. Anderes, sonnigeres Licht. Leuchtendere Farben. Ruhe. In den italienischen Räumen ist Plastik und Malerei gemischt. Bänke, Ruhesitze, Truhen stehen an den Wänden. In den Tür- füllungen sind alte Portale eingelassen. Palastartiger Eindruck. Größe und Freiheit des Räumlichen. Rechts in dem Flügel an der Spree befinden sich die Italiener. sSaal 29—48.) Saal 29 beherbergt die frühen Italiener des 14. und 15. Jahrhunderts. Es ist dies einer der interessantesten Säle. Selten wird man anderswo einen so guten Ueberblick über dieses erste EntwickelungSstadium der italienischen Malerei bekommen toie hier. Die Hauptschulen bestehen zu Florenz und Siena. An der Wand links hängen auf der einen Hälfte die Florentiner, auf der anderen die Sienesen. Giotto. Taddeo Gaddi. Fra Angelico. Eine zarte Lieblichkeit lebt in diesen Bildern, erste, schüchterne Anfänge, ein Abglanz einer Welt, die noch still umschlossen für sich ruht. Unter den Sienesen betrachten wir Ugolinos feierlich ernste Gc- stalten, Lippo MemmiS Madonnen, BivariniS großes Prunkgemälde, dessen Farben noch mit Stuck erhöht sind, Pjsanos Rundbild mit den kräftigen Gäulen, dem tiefen landschaftlichen Hintergrund. An der Langseite rechts hänge» noch drei Masaccios, sehr seltene Stücke, besonders das eine, Wochenstube einer Florentinerin, ist bemerkens- wert wegen der freien Räumlichkeit, die der Maler farbig so schön aus- füllte. Das sind die frühen Anfänge der italienischen Kunst, die verheißungsvoll einsetzte. Kabinett 3l> zeigt eine Reihe kleinerer florentinischer Bilder. Bor allem fesseln uns hier Porträts. Namentlich drei Bildnisse von Mainardi. Weiterhin Ghirlandajo, Pollajuolo(bemerkenswert für die metallige Härte des Tons, die Maler waren zugleich Gold- schmiede), Bronzino, Berocchio, Porta, Ubertini. Kabinett 31 ist den Robbias gewidmet. Es ist dies die beste außeritalienische Sammlung von Majoliken der Künstlerfamilic. Wunderschön leuchten diese tiefblauen, glasierten Flächen, das helle Weiß dagegen, zu welchen Farben sich später noch grün und gelb gesellen. Namentlich Luca dclla Robbia ist zahlreich vertreten, mit Madonnenbildern und Porträts. Kabinett 32 ist DonatelloS Marinorarbeitcn gewidmet. Be- sonders fällt die farbige Tonbüste des Johannes auf. Lebendige Porträtbüsten Desiderios und Reliefbildnisse von Berocchio schließen sich an. Kabinett 33 und 36 enthalten die reiche Sammlung italienischer Kleinbronzen, 33 die Reliefs und Plaketten, 36 die Statuetten. Gerade hier, bei diesen kleinen Arbeiten zeigt sich die kunstvolle Technik und Beherrschung der Verfcrtiger. Es lohnt sich, diese Sammlung eingehend zu betrachten. Der folgende Signorelli-Saal(Saal 37) gibt die umbrischcn und paduanischen Schulen. Luca Signorellis großes Werk, eine Ver- herrlichung des neu erwachten Naturgefühls„Schule des Pau" bc- herrscht die Eingangswand. In Padua nahm man sich die auf- gefundenen, antiken Statuen direkt zum Muster. Mantegna erhebt diesen Stil zu eiuer eigenen Größe. Seine Schüler erstarren in übertriebener Manier. Der folgende Botsicelli-Saal(38) zeigt wieder die florentinische Kunst auf voller Höhe, mit neuen Triumphen. Gerade dieser Saal wirkt einheitlich und groß. Die eigenartige Rhythmik dieses florentinischen Künstlers, die Zartheit der Linien, die stillen Farben geben einen vollen Ueberblick über diese Entwickelungspcriode der italienischen Kunst, das Jünglingszeitalter, in dem das Gefühl des Werdens und eine leise Trauer charakteristisch gemischt ist. Wie ein Idyll wirkt Piero di Kosimos„Mars und VeimS". Saal 64 enthält die Teppiche nach den Kartons von Raphael, deren große, freskcnartige Wirkung vortrefflich herauskommt. Blaffe Farben, stille Feierlichkeit, durch die der Raum ins Weite aus- gestaltet wird. Saal 34 bringt einzelne Werke der ferraresischen und bologne- fischen Schulen, als Hauptwerk Cosma Turas prunkvolle Madonna. Ueberall in diesen Bildern reiche Architektur, überquellende Orna- mcnsik und Zierrat. EossaS merkwürdig blasses Bild„Der Herbst" wirkt wie em schlichtes, modernes Bauernbild. Saal 41 und 44 zeigen die Venezianer. Glut der Farben, Weichheit des Kolorits ist die Stärke der Venezianer. Kabinett 43 enthält hauptsächlich venezianische Porträts, und venezianische und lombardische Bild- werke und Gemälde vereinigt Kabinett 42. In Kabinett 40 sehen wir Marmorarbeiten aus Florenz voni Ausgange deS fünfzehnten Jahrhunderts. Mit Saal 45 kommen wir zur Florentiner Hochrenaissance. An der Wand rechts eine kleine Sammlung von Gemälden Siaffaels. Andrea del Sartos mild verschwimmende Konturen, die leicht dunkelnd ineinander fließen, dann Corrcggio, rechts davon eine Marmorstatue von Michel- angclo, einen Jüngling darstellend. Saal 46 gehört Tizian. Als fünfundsiebzigjähriger Greis hat er sich selbst genialt. Seine Tochter Lavinia mit der Fruchffchale. In seinen Bildern ist höchste Meisterschaft. Pracht ohne Uebcrtreibung, Leben ohne willkürlich krasses Betonen des Einzelnen. Er ist der Höhepunkt der italienischen Kunst. Palma Vecchio, Lotto, Sebastiano del Piombo sind hier noch zu betrachten. Und gehen wir nun noch zn Saal 47, so sehen wir da die «usläufer; das 17. und 18. Jahrhundert, die Carracci, die die alten Meister von neuem studieren, Guido Rem, Domenichino, Sasso- ferrato. Dagegen strebt Earravaggio wieder zu rücksichtslosem Na- turalisinus hin. So schließt auch hier das Bild nut einer Maß- losigkeit, die das Ende langer Entwicklungen darstellt Zugleich aber neue Ansätze. Die Landschaften Salvator Rofas, Guardis, BelottoS, eine neue Kunst, deren Anfänge das folgende 19. Jahr» hundert weiter fortbildet, dessen Arbeit wir noch weiter entwickeln.— _ Ernst Schur. Kleines feuilleton. — Wie ich sie sah. I. Lilieucron. Mitte der achtziger Jahre wußte das deutsche Lesepublikum noch nichts von ihni. Bei uns, den„Jungen", galt er als ein kleiner Herrgott. Die„Gesell- schaft" hatte für ihn die Trommel gerührt. Jeder Blick in seine „Adjutantenritte" machte uns Freude. Wir alle stammten vom Lande oder aus kleinen Städten. Und da war einer, der die Natur wieder mit eigenen Augen ansah, und, was wir geahnt und gefühlt, darzustellen wußte, daß ein Kunstwerk ward.' Briefe fanden ihn bald. War gar nicht stolz, der Freiherr. Zu gütig sogar, wie bali einige meinten, in der Beurteilung anderer. Mir sandte er einige Originale fürs Blättle:„Der stille Weg",„lieber ein Knicktor gelehnt" u. a. Nahm sie, selbstverständlich, mit geschmatzten Händen, und ließ sie drucken. Als er von München zurückkehrte, suchte er mich auf. Beim Mittagessen, nach der Suppe, sagte die Mutter: „'s hat einer nach Dir gefragt." „'s wird einer von Deinen Freunderln sein!"... „So..." „Ja, aber nicht von denen, wie der unlängst, den Du vierzehn Tage dabehalten mußtest.... Na ja, ich sag ja nichts...." Als Schweinefleisch, Kraut und Knödeln auf dein Tische standen, fing sie wieder an: „Sieht sehr anständig ans... Ich lachte wie ein Turteltaubcr. Als Bancrntochter und Erz- katholikin konnte sie das„Federvieh" nicht ausstehen. „Lach nur zu I...'s ist doch so!... Er hat seinen Namen gesagt, aber ich Hab' ihn nicht recht verstanden.... So ivaS, ivie eine Blume oder ein Küchenkraut.... Im„König von Preußen" logiert er..." Mit einem Ruck schwappte der Kaffee hinab. „Er trägt einen hellen Ueberrock...." Ich war schon draußen. Auf dem schmalen Uferweg kam mir einer entgegen.„Teufel» wo hast Du das Gesicht gesehen?... In der„Gesellschaft"." Ich zog den Hut.«Herr Liliencron i" „Bin ich I..." Wir wandten unS der Stadt zu. Als die erste Freude vorüber war, betrachtete ick ihn genauer. Wie hatte mich das Bild der Münchener Zeitschrift irregeführt I Als einen Eisenftesser hatte ich ihn mir vorgestellt, und jetzt ging ein nettes, zierliches Kerlchen neben mir, mit roten Bäckchcn, die aussahen, als wären sie gemalt. Und richtig, deutlich hörte ich es, er ging auf hohen Absätzen. Ganz sprudelndes Leben. Das war ein Znngenschlag, dem ich nicht ge- wachsen war: Lobeshymnen auf München, Klagen über die Dumm« hcit der Zeitungsschreiber, Scheltworte auf den deutschen Spießer, jauchzende Freude über einen alten gotischen Hausgiebel, über den gerade die Sonne spielte. Und während er sprach und agierte, sah er jedem Mädchen, das uns entgegenkam, jeder Frau unter das Kopftuch, in die Augen. Wie meine Landslcute schon sind, gefiel ihnen diese Anerkennung ganz und gar nicht. Ein Gebrumm war das wenigste. So wurde der Spaziergang immer angenehmer, besonders den Markt hinauf. Als im Gasthofe die Zeche gemacht wurde, gab's mir einen Stich. Gott ja, ich war damals jung und dumm und wußte noch nicht, daß auch Dichter, die klagen, Zechen machen können, die nach was aussehen.— ss. Balsam. Der Begriff Balsam ist in sehr verschiedenem Sinne gebraucht worden. Die ältere heiUnndlichc Botanik verstand darunter alle Arten von Harzen in flüssigein Znstand, die einen mehr oder weniger angenehmen Geruch ausströmen. Die heutige Chemie dagegen betrachtet als echte Balsame nur solche harzige Safte, die entweder freie Bcnzoö- oder Zimmtsäurc enthalten und daneben ein lieblich riechendes essenzielles Del. Zn dieser Gruppe gehören danach nicht die Harze, die ans der Pflanzenordnung der Thcrcbcntincn stammen, wie der berühmte Balsam von Mekka. Die Balsamharze verlassen die Gewächse, in denen sie entstehen, in flüssigem Zustande, verdicken sich aber bald an der Lust und werden sogar zu ganz festen Körpern. Gleichzeitig ändern sie ihre chemische Zusammensetzung so schnell, daß letztere für den Augenblick der Ausscheidung nuS der Pflanze noch gar nicht recht bekannt ist. Manche Sachverständige nehme» an, daß die Flüssigkeit zur Zeit der Ausscheidung überhaupt noch kein Harz und keine Säure enthält, die vielmehr erst durch eine Wirkung des LuftsaucrstoffeS auf das cssenzielle Oel entstehen. Manche Balsame enthalten Bcnzoii- und Zimmtsäure zugleich, andere nur eine der beiden Säure». Die für den Menschen so außerordentlich wertvolle Pflanzenfamilie der Leguminosen liefert die wichtigen Arten des Balsams, für die man im besonderen die Namen Tolu- und Peru-Balsam besitzt; die Familie der Balsaminaceen liefert den Liquidambar und den Styrax, die Familie der Styraceen den sogenannten Storax und das Benzoeharz. Man unterscheidet nach ihrer Konsistenz die Balsame in drei Grippen. Di» Msigen Balsame werden flüssiges Liquidamüar genannt, wenn sie weih oder braun sind und einen starken balsamischen Geruch besitzen; Peru-Balsam, wenn sie von braunschwarzer Farbe und balsamischem Geruch sind i flüssiger Sthrax, wenn sie eine dicke graue oder schwarze Flüssigkeit mit Vanillegeruch bilden. Unter die zähen Balsamarten gehört der weiche Liquidambar, eine weihliche, starkriechende Masse, und der rötliche balsamisch riechende Tolu-Balsam. Feste Balsame, die eine unregelmähige Masse darstellen und mit weitzlichen Tropfen (Tränen) durchsetzt sind, sind das Benzos und der Storax, Der Tolu-Balsam stammt von einem immergrünen Baum, der in der nördlichen Hälfte des südlichen Amerika wächst und seinem Namen von der Stadt Tolu erhalten hat. Der Balsam wird in Ledersäcken nach der Küste geschafft und kommt von dort in Ziunbiichsen nach Europa, Der Tolu-Balsam wird vorzugsweise in der Heilkunde angewandt und zwar gegen chronischen Lungenkatarrh i man verordnet ihn in Pillen, Tabletten, in Syrup und auch in Zigaretten. Der Peru-Balsam kommt nicht nur in Peru vor, sondern auch bis nach Mittelamerika hinauf. In seinen Eigenschaften ähnelt er dem Tolu- Balsam. Der Liquidambar stammt von dem gleichnamigen Baum, der im südlichen Teil der Vereinigten Staaten und in Mexiko wächst, Eine andere Art kommt auch in Nordafrika und Arabien vor, liefert aber einen Balsam von brennendem Geschmack und starkem unan- genehmen Geruch. Der echte Storax kommt aus Kleinasien und Griechenland. Das Benzoöharz stammt von verschiedenen amerika- nischen und afrikanischen Pflanzen und wird als Weihrauch in der griechisch-katholischen Kirche benutzt, in der Heilkunde auch als Mittel gegen chronische Leiden der Atmungsorgane.— Theater. Kleine? Theater. Angeles. Komödie in zwei Akten von Hartleben. Abschied vom Regiment. Drama in einem Akt von Hartleben. Angele erregte zur Zeit der freien Bühne erhebliches Aufsehen und moralischen Anstotz. Ich entsinne mich noch, wie ein alter mir befreundeter Redakteur sich bitter beklagte, dah sein Theaterreferent die Unverschämtheit besessen, in der Kritik im Inhalt der skandalösen Komödie mitzuteilen. Und der Ent- rüstete war ein aufgeklärter, freidenkender Mann, dem nichts serner lag als sittenrichterliches Pharisäertum. Erst jetzt, nach anderthalb Jahrzehnten, ist das Stück von der Zensur für öffentliche Auf- führungen freigegeben. und nun wundert man sich bei der neuen Begegnung, wie diese Szenen einstmals ein so erhitztes Für und Wider hervorzurufen vermochten. Dah der Dramatiker «lle Situationen des Lebens, auch die„anstöhigsten", ivenn er nur künstlerisch etwas daraus zu machen weih, aufzugreifen das Recht hat, die Ansicht ist allmählich doch Gemeingut geworden. Schon allein durch die Gewöhnung an den„Sitnplizffstmus" sind die Enchfindlichkeiten sehr herabgesetzt. Wenn es also Väter gibt, die zynisch offen mit den Söhnen in liederlichen Liebschaften wetteifern, wenn darum auch die Möglichkeit vorliegt, dah so beide Parteien als Konkurrenten einander ins Gehege geraten— tvarum sollte diese zugespitzte Perversität nicht auch als Moment in einer satirischen Sittcnkomödie figurieren? Das Schlimme ist nur, dah Hartleben von diesem Ausgangspunkte her zu keiner lebendigen EntWickelung kommt, dah trotz vieler sehr fein beobachteter Einzelziige, das Ganze doch wie eine programmatisch ausgeklügelte Konstruktton erscheint, die keinen Glauben, keine innere Anteilnahme erzwingt. Der Natura- lismus, den man dem Stück Wohl früher nachgerühmt, bleibt in An- sätze» stecken. In der Zeit zwischen den, ersten und dem zweiten Akt passieren die wunderbarsten Dinge. Die durchtriebene Angele des ersten Aktes, die in den Armen des korretten jungen Hern, Referendars gleich auch mit dem zahlungskräfttgen Alten anbändelt und unter tollem Lachen von eine», Predigtamtskandidaten erzählt, der sie heiraten möchte, hat in der Pause den ekelhast blasierten Witwer— man weih nicht wie?— in einen blind verliebten Schwärmer verwandelt, u nd— man weih nicht warum?— den Antrag des Theologen angenommen. Wohl um sich in irgend einer Form zu verabschieden, kommt sie noch einmal in das Haus der beiden Liebhaber. Vor Vater Brandes spielt sie sich als ein zum Tugendstolz erwachtes Mädchen auf! und der Alte, der durch zahllose gemeine Liebschaften hindurch gegange», der seit dem Ehebruche seiner Frau das weibliche Geschlecht, das er doch nicht entbehren kann, nach dem Nietzescheschen Schlagwort„ver- achtet", fällt selber in die Rolle des naiven Kandidaten. Er glaubt und ist beseligt. Er bietet ihr die Hand zur Ehe, und Angele, rasch über- schlagend, um wieviel vorteilhafter eine solche Heirat wäre, markiert die innig Gerührte, der die Verbindung tiefste Herzenssehnsucht ist. Da öffnet sich die Tür und Brandes junior mit dem Kandidaten- Bräutigam, der die Wahrheit über seine Braut erfahren, tritt ein. Der doppelte Betrug wird aufgehellt, und die Dirne, die Trümmer einer ersten und einer letzten Liebe hinter sich lassend, eilt davon. «Auf die Strohe," sagt der Alte zynisch,„wohin denn sonst"? Es ist das Strindbergsche Thema: das Weib als listige, unheilstiftende Lügnerin, die leer und beschränkt durch die Macht der körperlichen Reize Junge und Alte verwirrt— aber in gekünstelter, der Phantasie wenig Anregungen bietender Pointierung. Der laute Beifall wird mehr der Darstellung als dem Stücke gegolten haben. Wahmann als Referendar mit hohem Steh- kragen hatte ganz die konventionelle, liebenswürdig formgewandte Unbedeutenheit, die die Figur verlangt. Besonders wirksam kam dse leichte Beschämung, der unwillkürliche Respekt gegenüber dem Berantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Druck und Verlag: vertrauensseligen Bekenntnis des unschernbaren Kandidaten zum Ausdruck. Die schwierige Rolle des Rentier Brandes wurde mit feinster Nüanziernng von S t e i n r ü ck, dem früheren Mitgliede des Schiller-Theaters, gespielt. Das Weichliche, die Uebersättigung, der lüsterne Zynismus des ergrauten Genuhmenschen trat in dem müden Ton der Rede, der gebückten Haltung, den schlaffen Mienen, die sich gern zu fpötttschem Grinsen verziehen, in höchstem Mahe charakteristisch hervor. Glänzend gelang ihm der jähe Ausbruch hoffnungsseliger Leidenschaft und die bittere Ent- täuschung. Hedwig Mangel überraschte als Angele wieder durch eine Probe ihrer genialen Wandlungsfähigkeit. Nicht wieder- zuerkennen lvar sie in dieser albern ausgelassenen Lustigkeit, diesem wunderbar treffsicher iviedergegebenen dreisten Kokottentuni. Aber freilich den Ton spitzbübischer Verruchtheit, auf den die Eysoldt sich so versteht, und der. wenn nicht der Ausgang unverständlich bleiben soll, der Hartlebenschen Angele nicht fehlen darf, den traf sie nicht. Sie war in ihrer frischen Unbekümmertheit des Lügens und des Kokettierens mehr„liebe Lore" als gefährliche Angele. Und wiederum im zweiten Atte log sie mit einer Inbrunst, einem Aufwand von Gefühl dem alten Manne von ihrer Tugend und ihrer Liebe vor, dah man die Worte kaum als Heuchelei empfand. Auch das, soviel Kunst darin enthalten ist, steht mit des Dichters Jntensionen schwerlich im Einttang, verdunkelt in entscheidenden Momenten den an sich schon wenig lichtvollen Zusammenhang. Voran ging der vom Lessing-Theater her bekannte, auch in der Freien Volksbühne aufgeführte Einakter„Abschied vom Re- giment", in der lückenlosen Geschlossenheit der stark dramattschen Steigerung der Gegenpole der locker gefügten Komödie. S t e i n r ü ck in der Rolle des Hauptmanns, Frl. Mangel in der der stolz- abweisenden, ehebrecherischen Gatttn wirkten frappant naturwahr.— dt. Humoristisches. —„Die Geschichte mit Adam und Eva." Herbert. fünf Jahre alt, kommt aus der Religionsstunde nach Hause und sagt:„Vatel, ich kann Dir die Geschichte mit Adam und Eva er- zählen. Die Eva lieh sich von der Schlange verleiten und ah von dem Apfel vom Baume der Erkenntnis, und dem Adam gab sie auch zu essen, da bekamen sie beide Leibschneiden und legten sich Feigenblätter auf."— — Münchener Gespräch. Der Privatier Huber kam nach- mittags vom Hofbräuhaus nach Hause. „Etz is's scho drei vorbei," schimpfte seine Alte,„und Du kimmst erst vom Frühschoppen!" „Ja ivoatzt, i Hab s' halt etz aa eing'führt, die englische Arbeitszeit." „Nacha bleibst aber abends dahoam l" „Geht net— so ganz derf ma's net verläugna, sei Deutsch- tum!"— („Jugend.") — Aus der Schule. Der„Franks. Zeitung" wird aus Heil- bronn berichtet: In einem Schulaufsatz über eine historische Persönlichkeit hatte ein Schüser am Schlüsse die Wendung gebraucht:„Nach seinem Tode starb er." Während des Unterrichts liest der Lehrer den Schülern die tiefsinnige Stelle zum allgemeinen Ergötzen vor: „Na. sag mir einmal", fragt der Lehrer, als das Gekicher kein Ende nehmen wollte, einen der Jungen, dessen Heiterkeit besonders lebhaft ist,„warum kommt Dir denn die Stelle gar so lächer- lich vor?" „Da macht der Gefragte ein verschmitztes Gesicht und platzt heraus:„Weils falsch ist; es muh heihen: Bor seinem Tode starb er!" Notizen. c. Wertvolle, alte persische Manuskripte sind in Paris aufgefunden worden. Das eine enthält die Werke des persischen Dichters Nisami und reicht bis zum Jahre 1647 unserer Zeitrechnung. Die Dichtungen sind mit zahlreichen Randbemerkungen versehen, die Sammlung heiht Makhsen el Asrar. Ein anderes Manuskript ist ein mathematisches Werk, andere sind Lehrbücher. Alle sind auf feinem, seidigem Pergament geschrieben.— — Heinz Tov otes Junggesellendrama„Ich lasse Dich nicht!..." wird noch im Lause dieser Saison in Berlin zur Auf- führung gelangen.— — Leopold Müller, der vor wenigen Wochen in die Di- rektion des National-Theaters eingetteten war, ist von dieser Stellung schon wieder geschieden.— — Den russischen Bühnen ist die Aufführung von Gorkischen Stücken verboten worden.— — Ein Obstbau-Vortragskursus findet Donnerstag, den 16.. und Freitag, den 17. Februar, im Architektenhause, Wilhelm- strahe 92/93, statt. Das Honorar beträgt insgesamt 3 Mark. Teil- nehmer-Kartcn verlange man unter Einsendung des Betrages bei der Landwirtschafts kammer, Kronprinzen-Ufer 5/6.— — Die Arbeiten am Panama-Kanal machen, nach dem„B. T.", derartige Fortschritte, dah die Vollendung des geplanten Nivcau-Kanals auf Ende 1914 anzusetzen ist.—_ Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo., Berlin LW.