Mnterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 35. Freitag, den 17. Februar. 1905 (Nachdruck verboten�) 33] Der ßaumeifter. Roman von Felix Holländer. Keßler fühlte all die neugierigen Augen, die auf ihm ruhten. Er empfand aus jedem dieser Blicke, daß man sich noch kurz vor seinem Eintritt mit ihm beschäftigt hatte. Erst vor ein paar Tagen hatte er Besuch gemacht und es so einzurichten gewußt, daß er niemanden angetroffen hatte. Und nun stand er vor Frau Frenze!, einer dicken, gutmütig aussehenden Dame, die im prallsitzenden schwarzen Seidenkleid eine pompöse Figur machte und mit einem halb verlegenen, halb süßen Lächeln ihn empfing. Mit einer mechanischen Bewegung führte er ihre fleischige, ganz mit Ringen übersäte Hand zum Mund. Das Schlimmste ist überstanden, dachte er. Und jetzt wies Frau Frenze! auf ein dunkelhaariges, schlankes Mädchen und sagte mit süßflötender Stimme: „Meine Tochter Doris!" Wieder verbeugte sich Keßler. Und diesmal atmete er wie befreit auf und war angenehm überrascht. Das Mädchen hatte kluge, blitzende Augen und eine klare Stirn, die ihm gefiel. In ihrer Haltung hatte sie etwas Freies und Selbstbewußtes, das ihr nicht übel zu Gesichte stand. Es blieb ihm nicht lange Zeit, Erwägungen anzustellen, denn bald sah er sich von einem Kreis von Herren und Damen umringt, die, wie er es im stillen gefürchtet hatte, ihn kompli- mentierten und mit Fragen auf ihn einstürmten. Alle fanden es ungeheuer interessant, aus erster Quelle über das neue Theater unterrichtet zu werden. Eine dickgepuderte Daine meinte, es müßte doch himmlisch sein, so etwas Großartiges zu schaffen. Eine andere erzählte ihm, daß sie sein Bild ge- sehen und ihn sich ganz anders vorgestellt hätte. Eine dritte wünschte zu erfahren, wer bereits alles engagiert sei. Und als er auf die Frage, womit eröffnet werden würde, prompt erwiderte, daß als erste Borstellung der„Sommer- nachtstraum" in Szene gehen würde, erreichte diese Unter- Haltung den Gipfel der Komik; denn nun wollte ein kahl- köpfiger Herr durchaus wissen, von wem dieses Stück sei. Keßler wunderte sich später selbst, daß er in dieser Situation seinen Ernst gewahrt und mit Würde und Ruhe, als ob es mit der Frage gar nichts auf sich hätte, die Antwort gegeben hatte:„Der Verfasser heißt Shakespeare!" Man rief zur Tafel, und Keßler führte Fräulein Doris zu Tische. Als man Platz genommen hatte, sagte sie: „Ich möchte jetzt in Ihrem Innern lesen!" Er entgegnete mit leichtem Spott: „Sie tun es ja bereits, mein Fräulein!" „Glauben Sie?" „Ich weiß es." „Dann bitte ich Sie, unsere Gäste ein wenig nachsichtiger zu betrachten." Er fand an ihrem Wesen und ihren Worten Geschmack und sah sie mit Interesse an. Es gefiel ihm, daß sie sich mit ihrer Umgebung gleichsam solidarisch erklärte und für sich keine Sonderstellung in Anspruch nahm. „Kennen Sie denn mein Urteil so genau?" „Ich fürchte, ja!" „Und wie lautet es?" „Sehr hochmütig, sehr niederträchtig und sehr von oben herab!... Stimmt es?" „Vielleicht!" „Nun, Sie sind wenigstens aufrichtig." „Soll ich es nicht sein?" „Doch, ich bitte darum!" Der Diener goß Sekt in die Gläser. Bei Frenzels wurden die solennen Gesellschaften bereits mit Sekt eröffnet. „Ich begreife durchaus," nahm sie freimütig das Gespräch wieder auf,„daß Sie sich in unserem Kreise nicht heimisch fühlen können. Es ist eine ganz fremde Welt, die Ihnen ent- gcgenkritt— und die Sie abstößt." „Wenn dem so wäre, so könnte ich zu meiner Recht- fertigung anführen, es würde Ihnen ebenso ergehen, wenn Sie zum erstenmal in einen Ihnen völlig fremden..." Er hielt inne, aus Furcht, er könnte zu deutlich werden. Sie antwortete niit einein leichten Erröten: „Ich glaube, daß das nicht ganz richtig ist. Es ist eine Schwäche unseres Kreises, daß man sich geschmeichelt und ge- hoben fühlt, wenn man in einem germanischen Milieu Einlaß findet." Keßler hörte erstaunt zu. „Sie besitzen das, was man Wahrheitsfanatismus nennt," sagte er. „Es ist sehr eigentümlich, daß Sie mich fanatisch nennen, bloß weil ich offen ausspreche, was ich denke... Tun Sie das etwa nicht?" „Nein, mein Fräulein!" „Ach, wie nett Sie das sagen!" „Es wäre sehr unklug, wollte man stets mit seiner Meinung herausrücken." Sie lackte hell auf. „Sie haben doch eine Seelengemeinschaft mit meinem Vater—■ diese Worte könnte er genau so gesprochen haben." „Ihr Herr Vater ist unzweifelhaft ein sehr kluger Mann!" „Sie sagen das mit einem merkwürdigen Nebenton!" „Und Sie haben überfeine Ohren, mein Fräulein!" „Nehmen Sie noch etwas Nehrücken?" „Wenn Sie gestatten, ja!" Er sah von ungefähr auf ihre Hände, die feingeformt und schmal waren. „Seltsam, daß Sie keine Ringe tragen," sagte er. „Ich sorge eben für den Ausgleich." „Es hat mir wirklich fern gelegen, Kritik zu üben." „Ich habe es auch nicht so aufgefaßt." „Doch, mein Fräulein, jetzt versündigen Sie sich gegen Ihre Wahrheitsliebe." „Es wäre sehr unklug, wollte man stets mit der Wahrheit herausrücken!" Er wurde durch ihre Schlagfertigkeit ein wenig verwirrt. „Sie haben mich eben unterschätzt, wie Sie sehen!" sagte sie nach einer kleinen Pause. „Vielleicht habe ich Sie überschätzt!" „Auch das wäre möglich!" „Warum sind Sie eigentlich in so gereizter Stimmung?..? Wollen wir nicht lieber Frieden schließen?..." „Ich finde den 5lrieg amüsanter!" „Geschmackssache!" „Unzweifelhaft!... Vielleicht bin ich wieder nicht bei der Wahrheit geblieben... Vielleicht halte ich es nur ge- wissen Leuten gegenüber für eine Notwendigkeit, bis an die Zähne bewaffnet zu sein!" „Donnerwetter, Sie sind aber eine kriegerische Natur!" „Zuweilel? wenigstens!" „Habe ich Sie verletzt?" „Nein und ja, Herr Baumeister-- Sie haben— mir nichts Positives getan-- und den Ton— den Ton kann man bekanntlich nicht vor Gericht rufen." Keßler kniff die Lippen zusammen. Eine Sekunde über- legte er, ob er das Gespräch nicht einfach kurzerhand abbrechen sollte. Aber der dunkle Blick ihrer Augen tat ihm weh. Und indem er seine Stimme ein wenig dämpfte und ihr einen wärmeren Klang gab, sagte er: „Ich will mich schuldig bekennen, wenn ich offen gestanden auch nicht weiß, was ich verbrochen habr. Als Entgelt verlange ich dagegen, daß Sie Ihrerseits mir nun auch eine Aufklärung geben." Sie strich langsam über ihre Stirn, und er sah, wie es um ihren Mund zuckte. Sie streckte ihm die Rechte entgegen. „Seien Sie großmütig und verlangen Sie keinen Sieger- preis," bat sie leise. „Wie Sie befehlen!... Ich weiß, daß Sie es mw frei- willig sagen werden." „Das wissen Sie?" .„Ganz genau!" „Und woher schöpfe» Sie Ihre Wissenschaft, wenn ich fragen darf?" „Ich glaube mich ein bißchen auf Menschen zu verstehen. Ihnen, mein Fräulein. liegt daran, daß ich zu keiner falschen Meinung über Sie komme." Ihr Gesicht rötete sich jäh. Sie wollte etwas entgegnen — aber die Tafel wurde in diesem Augenblick aufgehoben. Er reichte ihr stumm den Arm und fühlte, daß sie vor Erregung bebte. Die Herren gingen ins Rauchzimmer. Als die Zigarren angezündet waren, zog Frenzel den Baumeister in eine Ecke. „Nun, mein Lieber, wie geht's?" „Ich danke für die gütige Nachfrage." „Sagen Sie mal— dieser Freitag(er räusperte sich ein Wenig), dieser Freitag ist wohl ein ganz verrücktes Huhn, hä?" „Für ganz normal halte ich ihn jedenfalls nicht." „Keine Spur— ich sage Ihnen, der hat einen kleinen Sparren weg!... Notabene— diese Erbschaftsgeschichte wollen wir doch verfolgen.... Wie steht's denn übrigens mit dem da?..." Er machte mit dem Zeigefinger und Daumen eine be- zeichnende Bewegung. „Wenn Sie damit die Frage wegen der Vaugelder an- schneiden wollen, Herr Frenze!, so wäre es mir allerdings an- genehm, wenn ich auf Ihre Unterstützung rechnen könnte." „Ich will tun, was in meiner Macht steht, Herr Bau- meister. Haben Sie sich denn wegen der Beleihung schon an eine Bank gelvendet?" „Stcinert hat bereits Schritte getan, jedoch ohne rechten Erfolg." „Hören Sie mal, das wundert mich nicht. Wie sind Sie bloß auf den Unglücksmenschen gekommen?... Der Mann genießt doch kein Vertrauen." „Ich halte ihn für einen anständigen Menschen." (Fortsetzung folgt.Z „Tatcrlandslofe Gesellen." Kebt wieder Einer gegen euch die Äand, And spricht, Ihr Armen habt kein Vaterland, So steht doch aus und fragt ihn einmal frei, Was unser Deutschland für den Neichen sei! Ist es das Land, das er mit Arbeit schmückt, Des Ehre ihn erfreut, des Leid ihn drückt? Ist es das Land, das er im Kerzen liebt, Für das er duldet und für das er gibt? Ist es die Äeimat, seines Volkes Kerd? Das Land der Brüder, die er treulich ehrt? Ja steh doch Einer auf und frag ihn frei, Ob so dem Reichen unser Deutschland sei! And nicht das Land, in dem er Schätze rafft? And nicht das Volk, das mühsam für ihn schafft? Nicht deutsch, nicht Äeimat, nur ein Fetzen Welt, So feil, wie alles, um sein schnödes Geld! Peter ScMemiKl.(„SimplicissimuS.") Kleines feuiUeton. sch". Tie Kunst auf dem Lande. Bauernkunst hat für unJ immer etwas Erfrischendes. Ein herzhafter Hauch geht von ihr aus; selbständige Ursprünglichkeit, naive Einfachheit ist ihr Wesen, und das Bedürfnis regelt noch die Gestaltung; es fehlt der bombastisch- hohle Flittcrkram, der auf Aneignung beruht. Gerade der Bauer hat ein festes Persönlichkeitsgefühl. Was er annimmt, macht er sich zu eigen und gibt ihm von seiner Art einen Teil. Was ihm fremd ist, bleibt ihm fern. So bleibt er wohl be- schränkt in seinem engen Kreise. Aber er ist auch ganz er selbst, und auf seinen Bedarf ist alles zugeschnitten. Im Lichthofe des Kunstgewerbe- Museums ist eine Ausstellung arrangiert, die einen Einblick in diese ,.5kunst auf dem Lande" geben will. Sie ist auf die Dauer eines Monats berechne� und wird auch in der Abendstunden geöffnet sein. Die Bauernkunst ist ein« steifnackige Kunst. Sie kümmert sich nicht um Stil und gelehrte Untersuchung. Sie schafft, was sie braucht, aus sich heraus, und Anlehnung an städtische Kultur ist ihr. sobald sie nur noch gesund und intakt ist, nur Mittel. Wir können öfters beobachten, wie städtische Kunst der Landbevölkerung allerlei An- regung gibt, die vernünftig und sachgemäß, einfach dem Zwang der Dinge gehorchend, ausgebildet wird. Wir haben in Deutschland allenthalben einen kräftigen Bauern- stand gehabt und haben ihn zum Teil noch. Eigentümlicherweise zeigt die bäuerische Bevölkerung die kräftigste Eigenart, die am Meer bei Hamburg und in Holstem und die im Gebirge, in Bayern und Tirol, wohnt. Der Kampf gegen die Natur, das feste Bedingtsein in gegebenen Verhältnissen, das kein Ausweichen gestattet, fördert eine besondere Eigenart in der Gestaltung des Hauses, der Wohnung, der Möbel, der Kleidung. Daher auch das eigentümlich Zähe, das Fest- halten an dem einmal Eroberten, Erworbenen, an der Sitte und dem Geschmack. Die Gebirgsluft wie die Atmosphäre am Meer fördert jene Lust an starken Farben, die der Bauernkunst charakteristisch ist, eine Vorliebe, die bei Naturvölkern noch stärker sich findet. Ten geschlossensten Eindruck auf der Ausstellung machen die Vierländer. Sie wohnen um Hamburg herum. Stadt und Natur bildete eine kräftige Eigenart in ihnen aus. Doch ist diese Kunst — Reichtum, Handel, Nähe der Stadt bedingen das— schon keine eigentliche, echte Bauerukunst mehr. Sie hat etwas Kultiviertes schon an sich. Kein Mensch würde diese Stickereien, diese Teppiche für Bauernkunst halten. Sie haben in ihrer verschlungenen Tier- und Pflanzenornamentik, in der flächenhaften Behandlung, dem einheitlichen Gesamteindruck der Farbe etwas, das nach dem Orient weist. Und wenn man bedenkt, daß diese reichen Gegenden in der Nähe von Hamburg liegen, daß diese Gemeinden somit immer an dem regen Handelsrerkehr teilnehmen, so scheint das nicht mehr so unmöglich. Das niedersächsische Haus hat ein großes, breites Dach, das eine energische Form zeigt, in der Mitte liegt ein hoher Raum, der bis zur Decke geht, ringsherum Ställe, Stuben, Kammern. Die Wände und Türen sind mit Einlagen versehen, die in guter, solider Arbeit manch witzigen Einfall zeigen. Blickt man in eine Vierländer Kirche hinein, so erstaunt man ob des Reichtums, der sich da ent» faltet. Reiches Schnitzwcrk an den Stühlen, Intarsien an den Bänken und als kuriose Schmuckstücke die Huthalter neben den Plätzen, aus Schmiedeeisen kunstvoll geformt und mit Bemalung versehen. Wie selbstbewußt diese Bevölkerung ist, steht man daraus, daß überall fast der Name des Besitzers groß und breit angegeben ist, mit der Jahreszahl. Die Tracht zeigt, wie allen Bauernkleidern fast eigentümlich, düstere und schtvere Farven, dunkles Lila, Schwarz, Karmoisinrot. Dabei ist die Zusammenstellung immer eine sinnvolle, und man kann die größte Freude an neuen Farbcnakkorden haben. Neben den Teppichen, unter denen namentlich ein grüner auf schwarzem Grunde sich auszeichnet, sind besonders die Filetarbeiten und Mustertücher zu nennen, die in Verschwendung allerlei Dar- stcllungen zeigen. Dieselbe Fülle bei einheitlichem Gesamteindruck zeigen die Schmuckgcgenstände in Gold und Silber, die Halsletten. die Spangen. Kam der Winter, so schnitzte der junge Bauer am Herde Geräte, Vutterformen, Wäscheklopfer, Kästech die vielfach mit dem sehr alten Kerbschnittmuster geschmückt sind. In Bildern sehen wir weiter das friesische Ziegelhaus Schleswig- Holsteins, wo gleichfalls ein reicher Bauernstand heimisch war, dann das märkische Haus, die wendische Ansiedelung. Süddeutschland ist mir dem Schwarzwälder Bauernhaus vertreten, das in mehreren Stockwerken sich aufbaut, da im Gebirge der Raum beschränkter ist als im Flachland. Dem schließt sich das bayerische Haus an, das unter breitem, mit Steinen beschwerten Schindeldach, mit seinen umlaufenden Holzgalericn, seinen grünen Läden charakteristisches Gepräge zeigt. Reiche Formen zeigt auch das Schweizcrhaus, das ebenfalls in mehreren Geschossen in Blockform gebaut ist. gnüschm diesen beiden Gegensätzen steht Mitteldeutschland. Meist Häuser aus Fachwerk und Lehm. Besonderer Beachtung ist der Schaukasten wert, der die Kopf- bedcckungen der Bäuerinnen zeigt. Oft ganz farbenprächtige Schmuck- stücke, mit langen lila Bändern, mit Silber und Gold gezierte Hauben und kostbare, schwere Gewebe. Amüsant ist auch ein Schaukasten mit buntbemalten Spreewälder Ostereiern. Alles in allem leidet die Ausstellung unter einer gelvissen Un- sicherheit, ja Ilnvollständigkeit. Die Idee an sich ist gut. Doch scheint die Zeit gefehlt zu haben, sie ganz in Taten umzusetzen. So müssen wir uns vielfach mit Bildern. Photographien behelfen, mid die Bilder sind vielfach recht minderwertig und könnten besser wegbleiben, so z. B. die von Karl Ludwig Jessen, die der Verfasser des Katalogs. Herr Peter Jessen, allerdings für„reizvoll" erklärt. Auch würden wir die ganze eine Hälfte, die die Versuche zeigt, die alten Formen in das moderne Leben überzuführen, sie mit den baupolizeilichen und anderen Forderungen in Einklang zu bringen, kurz die bewußte Arbeit der Architekten und Maler, die aus dem Alten, Vorhandenen ihre Motive schöpfen, gern entbehren und den dadurch gewonnenen Raum mit alter, echter Bauernkunst ausgefüllt sehen. Es ist immer besser, wenig und dieses Wenige gründlich und vollständig zu geben. Was nützt es, ein bayerisches Bauernhaus, ein westfälisches Bauernhaus in kleinen Modellen aufzustellen, wenn doch das ganze sonstige Milieu, die Möbel, all die Gerätschaften des täglichen Lebens fehlen. In dieser Beziebung vermißt man viel, und man erwägt, ob es nicht besser gewesen wäre, auf die nord» deutschen Bauernkreise sich zu beschränken und diese reichhaltig und mit aller Fülle gegenständlichen Details zu geben. Wo sind all die Tische, die Bänke, die Stühle? Sie fehlen. Die süddeutsche Bauern- kunst überlasse man den dortigen Museen, dem germanischen Museum in Nürnberg, dem Nationalmuseum in München, die mit Recht sich über diese mangelhaste Vertretung in Berlin lustig machen würden, da sie über eine Fülle von Material verfügen, von der hier nichts zu sehen ist. Ja, es wäre vielleicht das Beste gewesen, man hätte sich nur auf die nächsten Kreise beschränkt, auf die Mark, den Spreewald, und diese ganz vor uns erstehen lassen, statt durch eine willkürliche Auswahl den Schein einer Vollständigkeit vorzutäuschen, der doch nur dem Uneingeweihten imponiert. Mir scheint, da wäre tatsächlich eine Aufgabe zu erfüllen gewesen, denn überall im Deutschen Reiche ist man dabei, die alten Vorbilder auszunutzen, ihren Wert weiterbildend zu erhalten, und die Bauernkunst ist überall in hohem Ansehen. Nur die Mark gilt immer noch als Stiefkind und wird von Kunsthistorikern nicht allzu höflich be- handelt. Freilich ist es ein karges Land, und die Mark kann nicht so prunken wie die reichen Vierländer. Dennoch hat auch sie ihre Motive, ihre Reize, ihre Schönheiten, und dieses Vorurteil zu brechen und den Leuten zu zeigen: seht einmal, was ihr im eigenen Lande habt, es ist nicht so aufdringlich, aber es ist doch da. holt es heraus — das wäre eine schöne Aufgabe gewesen, deren Erfüllung von der einsichtigen und voraussehenden Intelligenz der Leitung ein voll- wichtiges Zeugnis abgelegt hätte.— — Sie lernen k Der.Frankfurter Zeitung' wird geschrieben: Trotz der unbedeutenden Anzahl von Japanern, welche den Russen in die Hände gefallen sind— es find 65 Offiziere und 382 Mann— hat man es nötig gefunden, sie ganz erstaunlich weit von ihrer Heimat, und zwar im Gouvernement Nowgorod zu internieren. Hier, im schneeverwehten Dorfe Medwiedj, was beiläufig zu Deutsch „der Bär' bedeutet, sind die Söhne des Landes der aufgehenden Sonne einquartiert und erwarten mit Ungeduld die Stunde der Be- freiung. Denn ein Capua ist das Nowgorodsche Walddorf sicherlich nicht und selbst die Russen scheuen die Strapazen einer Reise in dieses abgelegene Rest, wo sich heute die Füchse gute Nacht sagen, wo aber ehemals eine der berüchtigten Militärkolonien des Grafen Araktschejew geblüht hat.— Kommt da neulich ein Korrespondent der Petersburger„Rowoje Wrcmja' in dieses Nowgorodsche Kleinjapau— denn der Ort soll schon ganz japanisch aus- sehen, dank den vielen Papierlaterncn und künstlichen Chrysanthemums in den Fenstern— und läßt sich in die Kaserne der Kriegsgefangenen führen. Dort sitzt alles steistig über der Arbeit zusammengebückt und keiner hebt den Kopf auf um den fremden Ankömmling zu nmstern. „Was machen denn die Leute?" fragt der Korrespondent den ihn begleitenden russischen Soldaten. „Sie lernen. Euer Gnaden! Die einen die englische, die andern die französische, die Mehrzahl aber die russische Sprache." „Ich muß gestehen", ruft der Korrespondent der„Nowoje Wremja" aus,.ein solches Bild des Fleißes habe ich noch nie gesehen. Das ganze Haus lernte. Ueberall saßen zusmmnengekauerte Gestalten und ochsten in Lehrbüchern. Einen ganz besonderen Eifer bezeugten diejenigen, welche die russische Sprache erlernten. Diese— immer ein ganzes Häuflein mit ein- ander— klebten wie Fliegen am Tische und summten auch wie ein Fliegenschwarm über einem zersausten Lehrbuche. Ich sah mir das Titelblatt an. Es war ein vorsintflutlicher Leitfaden, mit dessen Hülfe nicht mal ein Russe etwas erlerne» könnte, geschweige denn ein Japaner. Aber die fleißigen Fliegen ließen sich's nicht vcr- drießen. Ich war zum Beispiel Zeuge dessen, wie sie eine kleine Erzählung in mehrere Abschnitte unter einander ver- teilten und dann die Bedeutung der einzelnen Worte aus ihren handschriftlichen Wörterbüchern. die ihnen noch im Kriege gedient hatten, herausfischten. Jeder suchte die Bedeutung der ihm zugeteilten Worte; das geftmdene wurde, so gut es eben anging, zufammengefleistert und als Resultat erhielt man einen in Wahrheit ungeheuerlichen Sinn. Freilich wurde im gemeinschast- lichen Konzilium eine derartige Uebersetzung vertvorfen und aber- nmls begann die Sisyphusarbeit, bis schließlich der erste freundliche Strahl der Wahrheit das Gewölk der Unwissenheit durchbrach. Und so arbeiteten alle, der eine an diesem Stück, der andere an jenen,. Ans dem Fensterbrett, die Füße unter sich zusammengeschlagen, saß ein schlitzäugiger Husar, ganz wie bei sich zu Hause in Dokohama. Mit dem Kopfe nickend, ochste er die kuriosen russischen Vokabeln.... Fürwahr, ein merkwürdiges, nie zuvor gesehenes Bild!" — Islands Tierwelt. Einem Artikel von F. Kuntze über „Island am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts", der im letzten Hefte der.Grenzboten" erschienen ist, sei das Nachfolgende ent- nommen. Wie die Flora, ist auch die Welt der Säugetiere arm. Von den einheimischen Säugetieren ist am zahlreichsten vertreten der Polarfuchs. Eisbären kommen zuweilen mit den, Treibeise von Grönland herüber und zeigen sich an der Rordküste der Insel, das Renntier aber, das sich nidelweise im Binnenlande aufhält, ist erst im Jahre 1770 eingeführt. Eingeführt find auch— und zwar schon größtenteils von den ersten Ansiedlern— die europäischen Haussiere: das Pferd, das Rind, da§ Schaf, der Hund, die Katze; aber da? wackere Borstensier, das schon den homerischen Helden die erquickende Speise bot, und dessen Fleisch in Europa wenigstens den Grundstock aller Fleisch- Nahrung bildet, das Schwein, sucht man auf Island vergebens. Daß es einst auf der Insel wie die anderen Haustiere ansässig war, beweisen zahlreiche Ortsnamen wie Svknadalr tSchweinetal), Svkneh< Schweine- insel), Svlnavatn sSchweinewasser) usw., und einer der norivegischen Einwanderer, Helgi der Magere, soll bei seiner Laudung ein Schweinepärchen ausgesetzt haben, dessen Nachkommenschaft in drei Jahren bis auf die hübsche Anzahl von siebzig Stück angclvachsen war. Nun hat der Isländer längst nnt der Schweine- zucht gebrochen; allem Anschein nach infolge der durch die Mtur peZ Landes veranlassten stetigen Zunahme des Schafviehes, für dessen Fleisch und Mich es keinen anderen Abnehmer gab als den Magen der Eigentümer. Noch jetzt ist im Haushalt des isländischen Bauern außer der Milch das Hammelfleisch, frisch und gedörrt, das wichttgste Nahrungsmittel. Weit zahlreicher und mannigfaltiger als die Säugesiere ist die Schar der gefiederten Bewohner von Lust und Wasser. Man zählt auf Island über hundert Vogelarten, darunter das vielbegehrte Schnee- huhn und alle die mehr oder minder bekannten Arten der See- und Schwimmvögel, wie Möwen, Enten, Schwäne, Sturmvögel usw., die massenhaft auf den Klippen und den Vogelbergen nisten. Von den Raubvögeln sei der isländische Falke genannt, der früher als trefflicher Jäger hoch geschätzt war. Ein weißer Falke auf blauem Grunde ist das Wahrzeichen des eben erst eingeführten isländischen Wappens. Aber dem Menschen weitaus am nützlichsten ist die Eidergans. Dieser gefällige Vogel baut sein Nest in der Nähe der menschlichen Wohnungen, ja auf diesen selbst. Auf jede Weise sucht man ihn herbeizulocken, oft durch Aushängen von Schellen und bunten Lappen, da er, wie es scheint. einen lebhasten Sinn für Töne und Farben hat. Dagegen fehlt die beliebte Verwandte der Eidergans, die bekannte Retterin des Kapitals, gänzlich mif Island. Dem ehrwürdigen Marlinsvogel ist es ergangen wie dem Eber des Freyr und seiner Sippe. Daß die Nordländer die Gans hochhielten wie die anderen Germanen, ist hin- länglich bezeugt. Ms Gudrun— so erzählt die Edda— zuerst das • Antlitz des toten Sigurd erblickte, begann sie so laut zu klagen, daß die Gänse draußen im Grasgarten es hörten und laut mlflreischten. Später aber schien es dem Isländer offenbar vorteilhafter, Strand- Vögel zu fange» und ihre Eier zu nehmen, als mit teurem Futter Gänse zu mästen. So verlor sich die Gans und mit ihr auch die Ente. Auch die Hühnerzucht scheint erst in den letzten Jahrzehnten wieder aufgenommen worden zu sein.— Musik. — Opernhaus. Der alte Sagcngeist des RicsengebirgeS. Rübezahl, vereinigt in seinen Erscheinungen so innig das Tämonischs und das ganz irdisch Menschliche, daß wohl jeder Künstler an ihn» alz Objekt seine helle Freude haben kann. Der Komponist H a n S Sommer hat sich dies in seiner neuen Oper„Rübezahl und der Sackpfeifer von Neiße" geschickt zunutze gemacht. In» frühen Mittelalter sitzt in der Stadt Neiße als Vogt Herr Buk», der die Bürger kreuz und quer quält. Natürlich hat er ein Pflege, kind Gertrud, die dem Anführer der Oppositton hold gesinnt ist. Dieser, der Maler Wido, ruft in seiner Not den Berggeist, und der erscheint ihm erst in seiner bekannten Rütezabl-Gestalt, dann als Sackpfcifer. Nicht die direkte Hülfe für Wido ist ihm die Hauptsache. sondern eine indirekte Hülfe: den verschiedenen Menschlein zu zeigen, wie klein ihre Sorgcy,„vielleicht ein bisse! Tod", gegenüber größerer« Tingen sind. Bukos Haus soll gestürmt werden; da lockt der Sack- Pfeifer die Stürmenden im lustigen Tanze hinter sich her. Der Ein- ladung Bukos, zu ihm zu kommen, folgt er mit durchdringendem Ucbermut, läßt sich gefangen nehmen und tut sogar so, als ob eu stürbe. Wido wird von den Soldaten Bukos verfolgt, gerät auf den Kirchhof, fällt da in die Hand Bukos, wird aber in Konsequenz eines gewaltigen Totentanzes, der mit einer Rede Rübezahls schließt, seiner Gertrud wiedergegeben. Die Dichtung ist von Eberhard König. Aus der abge» kürzten Erzählung, die wir uns erlauben mußten, ist natürlich ihr tieferer Wert nicht zu erkennen. Sie besitzt einen solchen nicht nur durch ihre dramatische Bündigkeit, die allerdings gegen Schluß ein wenig zum Ueberbrettl hinweist, sondern auch durch eine poetisch tiefgreifende, unmerkliche, in künstlerische Form ausgeloste Tendenz. Zu Wido sagt Gertrud:„Die Welt geht ihre» tollen Gang auch ohna dichl Geh du den deinen I" Und Rübezahl wiederholt dies, nun daß er statt von der Welt vielmehr von der Zeit spricht. Hans Sommer ist— man verzeihe das nicht gleichgültige Paradoxon— längst als ein Unbekannter bekmnt. Seine Lieder gehören zu den wertvollsten Stücken der lyrischen Musiklitcratur, allerdings mit einer merklichen Nuance des Harmlosen, doch ohne daß es gerechtfertigt wäre, sie an Konzertabenden so zu vcrnach- lässigen, wie es gewöhnlich geschieht. Mehrfache Bühncnspiele und dergleichen liegen von ihm ebenfalls vor. Sein Westerschreitcn zum Gebiete der großen Oper hat nun eben seine.Künstlerschast nicht um» gewandelt. Ein Werk von Macht ist cS nicht, was wir diesmal vor uns haben, wohl aber eine an Charakteristik und feiner Kleinkunst wohlgelungcne Schöpfung. Die Dämonit des Berggeistes, ein- schließlich der volkstümlichen Art seiner Sackpseifcr- Gestalt, ist dem Komponisten tatsächlich gelungen. Das Orchester verhält sich im besten Sinne des Wortes dienend: mit vornehmer Auswahl benutzt der Komponist die Instrumente, daß sie die Situation und den Gesanz tragen. Gut gesanglich ist das Werk überhaupt. Dramatisch ist es insofern, als es sich nicht aus einzelnen Stückchen zusammensetzt, sondern einen sehr geschlossenen Gang einhält. Die großen Linien machtvoller Steigerungen sind allerdings nicht dG Komponisten Sache. Unser altes Opernhaus hat das Werk vorgestern(Mitt- wach) herausgebracht und damit innerhalb seiner jahrelangen Gleichgültigkeit gegen die moderne dramatische Komposition der Heimat eine erfreuliche Ausnahme dargeboten. Schade, daß wahr- scheinlich der Erfolg nicht lange genug nachhalten wird: schon vor- gestern war er mehr Hochachwng als Entzücken. Und jene hatte noch dazu viel persönliche Färbung. Schließlich kann auch eine solche gesangsdramatische Leistung, wie sie Herr Knüpfer in der Titel- rolle gibt, nicht anders als packend wirken. Die übrigen Namen von Mitwirkenden brauchen wir wohl deswegen nicht zu nennen, weil sie im allgemeinen recht Tüchtiges geleistet haben und uns mit diesen ihren Tüchtigkeiten seit längerem bekannt sind. Unter allen Umständen hatten wir hier eine' Erholung gegen- über einem Werke, das vor einigen Monaten und noch lange nachher die Oeffentlichkeit so beschäftigte, daß man in der Tat versucht wäre, sich für einen Nörgler zu halten, wenn man's nicht anerkennte. „Der Roland von Berlin" des italienischen Komponisten R. Leoncavallo ist sowohl eines von den Werken, welche die „bestellte Arbeit" merken lassen, wie auch eines von denen, welche glauben, dramatisch zu sein, und doch nur episch sind. Wie da der Komponist diese Aneinanderreihung gekünstelter Szenen aus der märkischen Geschichte mit viel Mühe und Aufgebot von Mache ver- tont, ohne daß dabei irgend ein Griff ins Größere käme, und wie dann dies und das und jenes und noch etwas getan worden ist, um das Werk und die Aufführung besser oder schlechter zu machen: das braucht uns wahrlich nicht mehr aufhalten. Infolge der stadtbekannten Kassenvcrhältnisse des Opernhauses war es uns selbst um schweres Geld erst spät möglich, einer der Auf- führungen beizuwohnen. Zu der vorgestrigen Premiere„erwischten" wir gerade noch einen sogenannten Sitz im ersten Rang, d. h. ein .Gestell in einem engen Winkel eines Menschenpferches, wie er vielleicht in russischen Gefängnissen vorkommen mag. Das Ding hat ausgerechnet 8 Mark und 50 Reichspscnnige gekostet. Vor einem Jahre hatten wir uns an die„General-Jntendantur der Königlichen Schauspiele" mit der Anfrage nach einem Entgegenkommen beim käuflichen Bezüge von Billetten, durch Vorausbestellung, gewendet und ablehnende Antwort bekommen. Um nun sicher zu sein, daß nicht etwa neue Verhältnisse oder Mißverständnisse oder dergleichen hineinspielen, wendeten wir uns vor kurzem noch einmal an jene Stelle, mit dem Hinweise darauf, daß der Kunstreferent sein Amt so gut wie nicht ausüben könne, wenn ihm der käufliche Bezug fast unmöglich sei. Die Antwort bedauerte sehr, durch die Verhältnisse zur Versagung dieses Wunsches gezwungen zu sein.„Die vielen Un- zuträglichkeiten, die sich aus der bisherigen Einrichtung der schrift- lichen Vorbestellung und Reservierung von Eintrittskarten ergeben haben, mußten notwendigerweise die Aufhebung dieser Einrichtung zur Folge haben. Die Verausgabung der Billetts erfolgt nach den neueren Bestimmungen nur durch öffentlichen Verkauf am Schalter der Theaterkasse nach der Güte und Nummernfolge der Plätze. Es sind in letzter Zeit gerade aus besonders interessierten Kreisen häufig Wünsche um Reservierung von Billetts geäußert worden, denen gegenüber ich mich prinzipiell ablehnend verhalten mußte, um nicht das große Publikum fast völlig von dem Billettbezuge auszu- schließen und dadurch wieder von neuem Grund zu Beschwerden zu geben. Denn leider entspricht die Zahl der verfügbaren Plätze speziell im Königlichen Opernhause nicht annähernd der großen Nachfrage nach Eintrittskarten. Ich mutz daher auf die strikte Befolgung der erlassenen Vorschrift achten und kann, so leid es mir auch tut, bei Ihnen eine Ausnahme nicht eintreten lassen, die zweifellos zu be- rcchtigten und lvcitgehenden Berufungen führen würde. Hülsen." Diese Antwort scheint ein Ideal von Beweiskraft und Gerechtig- kcit zu sein. Wir nehmen auch nicht im geringsten an, daß etwa irgend welche politischen Motive mit hincinspiclen. Allein der feste Bau dieser Antwort ruht trotzdem auf dem hohlen Grunde eines kleinen Vergessens oder Uebersehens. Wir erlauben uns, die Ge- ncral-Jntendantur folgendes zu fragen. Erstens: erinnert sie sich, daß mit zablreichcn Journalen in Berlin nicht nur so viel wie die hier gemeinte, sondern eine locit größere Ausnahme gemacht wird, indem diese sogar Freibilletts erhalten, während es uns keineswegs um solche, sondern um Kaufbillctte zu tun war? Die tatsächlichen Verhältnisse haben überall in der Welt die Ucbersendung von Ein- ladungskarten an die Kunstreferenten zu einer zweckmäßigen Ein- richtung gemacht, die grundsätzlich mit irgend einer ungerechten Begünstigung nicht das geringste zu tun hat. Was aber gegenüber dem einen Adressaten recht ist, muß gegenüber anderen Berechtigten billig sein. Zweitens: erinnert sich die General-Jntendantur, daß zu ihren Generalproben alle möglichen Personen Eintritt finden, die an sich sehr ehrenwert sein mögen, die aber keineswegs«in solches sachliches Anrecht auf den Besuch der Probe haben, wie gerade die Kritiker? An zahlreichen Theatern erhalten diese nicht nur zur Hauptaufführung, sondern auch zur Generalprobe Einladungen. In Berlin ist es wohl lediglich der Friedfertigkeit der Musikreferenten zu danken, daß es wegen dieser ihrer Zurücksetzung noch nicht zu einem Krache gekommen ist. Man riskiert fortwährend, von irgend einem Mitmenschen verwundert angesehen zu werden, daß man als Kritiker dort nicht war, wo viel fernerstehende Personen Zugang fanden. Und wenigstens diesen Zugang könnte die Intendantur denen eröffnen, die das wahrlich nicht leichte Amt eines Kunstreferenten führen. Dazu kommt noch, daß gerade eine Opernkomposition auf ein einziges Mal Hören hin schwer zu beurteilen ist, daß also hier das Anhören sowohl der Generalprobe wie auch der Hauptaufführung noch immer eher zu wenig als zu viel ist. Dies unsere Erwiderung auf Herrn Hülsens Antwort. Es würde uns freuen, wenn unsere Worte, die wir absichtlich durch eine sehr lange Zeit hindurch zurückgehalten haben, dazu beitrügen, daß endlich in diesen Dingen Recht und Billigkeit und die Würde der Presse gewahrt würden.— sz. Technisches. on. Ein neuer Spreng st off. Das Calciumcarbid und das aus ihm auf die einfachste Weise, nämlich durch Hinzufügung von Wasser entwickelte Acetylengas haben die an sie gestellten. freilich sehr hoch gespannten Erwartungen nicht befriedigt. Wegen der Leichtigkeit, mit der hier ein brennendes GaS zu erhalten ist, hat mau geglaubt, daß das hellbrennende Acetylen sich bald überall Eingang verschaffen würde; es hat auch einen starken Aufschwung in der Acetylen- Industrie gegeben, der aber nicht von Bestand gewesen ist. Man sucht nun seit einiger Zeit nach anderen Verwendungen deS Calciumcarbids. Die neueste Erfindung dieser Art ist seine Benutzung als Sprengstoff. In Gegenwart einer Mischung von Luft und einem zündenden Körper entwickelt das Carbid eine Sprengkraft, die mit der des Pulvers und des Dynamit zu lvetteifern geeignet ist. Die Explosion findet in einer Lustkammer statt, und die Entzündung wird durch einen elektrischen Funken bewirkt. Zu diesem Zwecke wird das Carbid in Körnerform gebracht und dann in eine Patrone geladen. Die Benutzung des Sprengmittels geschieht auf folgende Weise. Die Patrone besteht aus einer Blechkapsel. In ihr liegt zu unterst die Ladung von Calciumcarbid und darüber, durch eine Wand geschieden, die Wasserladung. Dann folgt ein leerer Teil, Ivo der elektrische Zünder Platz findet. In der Seite der Patrone befindet sich ein Eisenstift, mittels dessen man die Scheidewand zwischen dem Wasser und dem Carbid durchstoßen kann. Wenn das Bohrloch voll- endet ist, führt man die geladene Patrone ein, füllt es aus und schließt die Oeffuung mit einem Holzpfropfen. Dann wird auf den aus dem Bohrloch herausragenden Stift geschlagen, wodurch das Wasser mit dem Carbid in Berührung kommt und sich infolgedessen Acetylen entwickelt, das sich mit der umgebenden Lust teils in der Luftkammer, teils im Bohrloch mischt. Diesen Vorgang läßt man fünf Minuten andauern und schreitet dann zur Entzündung durch den elektrischen Funken. Das Verfahren soll den Vorzug haben, daß die Felsen nicht auseinander geschleudert, sondern nur mit un- zähligen Rissen durchsetzt werden, so daß sie dann leicht fortzuschaffen sind. Zur Ladung einer Patrone sind 50 Gramm Carbid nötig, die 15 Liter Acetylengas liefern.— Humoristisches. — T r o st. Der Herr Registrator Lehmann geht mit seiner Frau in den„Tannhäuser". Als Tannhäuser an der Bahre der Elisabeth zusammenbricht, beginnt Frau Lehmann heftig zu weinen. Der Herr Registrator tröstet seine Frau:„Du, Auguste, laß man sein l Das wäre ja doch bloß eine unglückliche Ehe geworden!"— — Aus Bayrisch-Schwaben.„Na, wie hat's D'r denn im Städtle g'falle, Michele?" „Gar it, Hausjörgle. Nix hend' se, koi' Schranne, koin Vieh- markt— bloß Beaintel'— („Jugend".) Notizen. — Im Verlag von Fr. Wilh. Grunow in Leipzig erscheint im März unter dem Titel.Glücksinseln und Träume" ein Band gesammelter Aufsätze von Friedrich Ratzel.— — Gerhart Hauptmanns Bühnenwerk„ E l g a" wird am 4. März im Lessing-Theater zum erstenmal gegeben. Die Titelrolle spielt Irene Triesch.— — In der zweiten Hälfte dieser Spielzeit sollen im Opern- hause folgende Werke neuein studiert in Szene gehen:„Zauber- flöte",„Eczsi fan tutte",„Euryanthe".„Der Barbier von Bagdad" und„Der Pfeifertag".— — Das Zoologische Museum in Berlin enthält 1 200 000 Insekten, die 140 000 Arten angehören.— — In einem Kalkstcinbruch bei Deilinghofen(Kr. ArnS- berg) wurde eine neue Tropf st einHöhle offengelegt. Die blendendweißen Tropffteingebilde sind von großer Schönheit.— — S p r e k e n S e doch dütschl Kommt da ein ehrsames Bäuerlein in einen Geschäftsladen in Uelzen und verlangt einen geringfügigen Gegenstand.„Ick heff aber nich lang Tied, de Zug fährt»n sünst af," fügt er mit Wichtigkeit hinzu.„Also ein bißchen Tipp, Topp,'" sagt der Geschäftsinhaber zu dem bedienenden Lehrling. „Sie hören, der Mann muß zum Bahnhofe".„Wat fegt Se da, Tipp, Topp." frägt der Landbewohner,„wat schall denn dat heten?" „Das heißt so viel wie Dalli. Dalli, lieber Freund, flink flink I' Das Bäuerlein sieht ihn verdutzt an, aber plötzlich,„da kommt es ihm":„Ach, nu verstah ick. Se meent wol en betten„gau, gau". dat lat ick mi gefallen, aber warum fegt Se demr dat nich up dütsch?"— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer L-Co., Berlin LW.