Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 37. Dienstag, den 21. Februar. 1905 (Nachdruck verboten) 37] Der ßaumelfter. Roman von Felix Holländer. Keßler war vor seiner Wohnung angelangt und schloß die Entreetür auf. Was war denn das?.,. Ein freudiger Schreck durchfuhr ihn. Da, im Korridor hingen Grete Anders' Sachen. Mit ein paar raschen Schritten war er in seinem Schlaf- zimmer. „Bist Du noch wach?" fragte er in tiefer Freude. „Ja, ich bin wach!" Sie nahm seine Hand. Trotz der Dunkelheit vermochte er ihre Augen zu sehen, die weit geöffnet waren. Er setzte sich an den Rand des Bettes, beugte sich zu ihr herab und küßte sie stürmisch. Die Finsternis, die ihn umgab, tat ihm wohl. Es war ihm zumute, als ob er viel an ihr gutzumachen hätte. Dann erzählte er ihr von der großen Abfütterung und ganz nebenbei von Doris Frenzel. Es schien ihm jedoch, als ob sie nur zerstreut zuhörte, und auf einmal unterbrach er sich ängstlich und fragte sie, was ihr denn wäre...- So seltsam und verändert käme sie ihm vor. Da nahm sie seinen Kopf zwischen ihre Arme und flüsterte mit dem ganzen Wohllaut ihrer weichen Stimme: „Ich habe ein Sind von Dir!" Und wie sie ihr Geheimnis gar nicht umschrieb, sondern wie eine große und schöne Wahrheit von sich gab, erschütterte es ihn doppelt. Selbst in dieser Stunde ging von ihr keine Unruhe und keine Angst aus. „Freust Du Dich denn mit mir ein wenig?" fragte sie. Er antwortete: „Ich sehe nur Dich und nichts neben Dir!" „Aber wenn es da sein wird, wirst Du Dich seiner freuen. Nun bist Du doch mit mir verknüpft." „Ja, das bin ich!... Und morgen spreche ich mit den Deinen!..." „Das wirst Du nicht tun," entgegnete sie,„es geht ja nur uns beide an." „Kind, ich begreife Dich nicht— Du bist mir rätselhafter denn je!" „Und doch ist alles so einfach," sagte sie verträumt und zog ihn mit ihren weißen Armen dicht zu sich heran.-., Vierundzwanzig st es Kapitel. Groß und majestätisch stand das Theater da. Der in Sandstein aufgeführte Bau wirkte in seinen strengen, einfachen Linien wie ein Feeupalast. Niemand ging an ihm vorüber, ohne voller Bewunderung das neue Haus zu betrachten, durch das die ganze Straße gehoben war. Dies Werk, es lobte seinen Meister. Die Zeitungen brachten Abbildungen der äußeren Front die Fachblätter beschäftigten sich eingehend nnt dem gleichsam aus der Erde gestampften Kunsttempel, und Keßlers Name war in aller Mund. Er war mit einem Schlage, wie es in Feuilletons hieß, in die vorderste Reihe der Architekten gerückt. Und drinnen schufen emsige Hände an der Vollendung der Biihne, die mit allen Vollkommenheiten der neuesten Technik ausgestattet wurde und an der Innendekoration, die an Glanz und Pracht alles Dagewesene übertreffen sollte. Frenzel war es gelungen, eine größere Bank für die Be- leihung heranzuziehen.' Allerdings hatte der Baumeister die knifflichsten Bedingungen akzeptieren müssen. Frenzel hatte von der Bank unumschränkte Vollmacht erhalten, nach welchem Modus das Geld an Keßler gezahlt werden sollte. So oft nun der Baumeister in Verlegenheit war� mußte er an Grenzet Wechsel geben, die dieser diskontierte. Diese Wechsel wurden vom Empfänger sofort versilbert und waren natürlich jedesmal höher als die Summe, die Keßler empfangen hatte. Dazu kamen noch die Privatdarlehen, zu denen sich die Firma Frenzel u. Maschke verstanden hatte. Keßler hatte sich hinter verschlossenen Türen derartige Paragraphen diktieren lassen, daß Steinert sich die Haare raufte. „Sie werden sehen, Herr Baumeister," jammerte er,„so- bald das Theater fix und fertig ist, werden wir beide ruiniert sein. Vorher waren wir so arm wie Kirchenmäuse, und nach, her werden wir mehr Schulden haben als Haare auf dem Kopf, Von dem Theater, dessen Besitzer Sie sind, wird kein Stein Ihnen gehören!"... Frenzel hatte sich nicht allein damit begnügt, den Geld- agenten zu machen— er hatte auch Keßler die Fabrikanten vor- geschrieben, von denen die Teppiche, Fauteuils, Kronleuchter, elektrischen Anlagen, der ganze Schmuck des Hauses bezogen werden mußte. „Es ist mal im Leben so," hatte er gesagt,„eine Hand wäscht die andere!" Bevor die Bank das Geld bewilligt hatte, mußte Keßler eine Rentabilitätsberechnung ausarbeiten. Als er sie Frenzel brachte, zuckte dieser mitleidig mit den Achseln und gab sie ihm lächelnd zurück. „Daraufhin kriegen wir noch nicht einen Sechser, mein Verehrter! Kommen Sie, wir wollen die Sache gemeinsam deichseln!" „Deichseln" war ein Lieblingsausdruck Frenzeis— er „deichselte" alles. Und ohne mit dem Baumeister viel Umstände zu machen, zog er ihn in sein Privatkontor, das er hinter sich zuschloß. Es verging eine Stunde, ehe die Aufstellung fertig war, in der die tollsten Zahlen figurierten. . Sehen Sie, mein Lieber, das nennt man eine Reuta- bilitätsaufstellung, die sich gewaschen hat. Und nun unter- schreiben Sie schleunigst, damit das Ding abgehen kann!" Keßler stutzte. „Diese Unterschrift," sagte er mit schwerer Zunge,„kann ich mit meinem Gewissen nicht verantworten. Ich soll meinen Namen unter eine Berechnung setzen, die vom ersten bis zum letzten Buchstaben falsch ist! Wie ist das zu rechtfertigen?" „Sehr einfach! Nämlich der Witz ist der, daß ohne der- artig„frisierte" Aufstellungen von zehn Häusern noch nicht neun beliehen werden würden. Glauben Sie denn wirklich, daß die Bank diese Zahlen ernst nimmt?" „Dann sehe ich nicht ein, weshalb ich durchaus zum Fälscher werden soll!" Frenzel knöpfte sich seinen Nock zu. „Um Gottes willen, brauchen Sie nicht immer so große Worte! Die Sache ist deshalb notwendig, weil im Aufsichtsrate einer jeden Bank irgend ein Nörgler und Querulant sitzt, dem man das Maul stopfen muß." Keßler trat der Angstschweiß auf die Stirn. „Wenn ich mich dazu entschließe," sagte er leise und blickte sich scheu im Zimmer um,„so mache ich mich nicht nur nach außen hin einer unehrlichen Handlung schuldig-- ich bin auch vor mir selber unten durch!" „Wenn Sie unter jolchen Skrupeln leiden, mein Lieber, so kann ich Ihnen nicht helfen— dann müssen Sie eben das Theater an Ihre Gläubiger ausliefern-- Wie kann ein moderner Mensch nur so veraltete Anschauungen haben!" „Ich habe bisher mit Geldangelegenheiten wenig zu tun gehabt." „Nu sehen Sie, daran liegt es eben!" Keßler trat an das Fenster und überlegte. . Ist es absolut notwendig?" fragte er,„daß ich unter- schreibe... Könnte es nicht an meiner Stelle Steinert tun, der ja'in allen Dingen mein Geschäftsführer ist und von kaufmännischen Usancen im kleinen Finger mehr versteht als ich?" „Ich bedaure lebhaft! Wer ist für die Bank Herr Steinert? Sie könnten ebensogut sagen X, 3), Z soll statt Ihrer seine Unterschrift geben. Die Bank kam: sich in der Sache nur an den Bauherrn halten, und der sind Sie in diesem Falle, nicht aber an irgend einen entlaufenen Buchhalter—; denn, nehmen Sie mir's nicht übel, weiter ist doch Ihr Steinert nichts!" „Verzeihen Sie— Steinert hat bereits einmal ein Theater geleitet." „Desto schlimmer! Dann ist er also nicht einmal e'm ordentlicher Buchhalter, sondern ein verkrachter Komödiant... Im übrigen, mein Verehrter, geht mich das wirklich nichts a» r mich handelt es fich als Vertreter der Bank nur darum, Sie unsere Aufstellung unterschreiben wollen oder nicht?" „Ich will Ihnen heute abend Bescheid geben: ich muß mir Las überlegen. Ich fühle deutlich, daß es für mich Verhängnis- Voll werden kann." Frenze! betrachtete ihn eine Weile durch den Kneifer. „Sie sind wirklich ein Gemütsmensch," sagte er.»Sie gehen, wie ich merke, von dem Grundsatz aus, was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.,, Mag Steinert unterschreiben — mag Steinert'reinfallen!... Notabene kann von Rein- fallen bei der ganzen Sache nicht die Rede sein, sonst würde ich Ihnen ja nicht einen solchen Rat erteilen," schloß er, merk- würdig lächelnd. „Ich bringe Ihnen morgen vormittag den Bescheid!" „Der Brief muß heute abend noch an die Bank abgehen: anderenfalls müßte ich zu meinem lebhaften Bedauern mich - zurückziehen." „Gut, ich komme heute abend noch einmal wieder." Keßler nahm einen Wagen und fuhr zu Steinert, dem er den Fall vortrug. � Zu seinem Erstaunen fand Steinert die Sache gar nicht so schlimin. „Diesmal betrügt er ja nicht uns, sondern die Bank," meinte er lakonisch. Keßler war verblüfft. „Sie vergessen nur," warf er ein,„daß unter dem Wisch nicht Frenzels, sondern meine Unterschrift prangen wird." „Sehr richtig!" Sollten sich aber irgend welche Folgen daran knüpfen, so nennen Sie einfach Frenze! als Verfasser, was ja auch der Wahrheit entspricht!" Keßlers Züge verzerrten sich. Sie sahen Plötzlich müde und welk aus. All die unaufhörlichen Sorgen, die er während dieses Baues durchlebt hatte, spiegelten sich auf ihnen wider. Aus eininal richtete er sich auf. „Ich habe jetzt den Ausweg gesunden-- es gibt nur einen Ausweg!— Ich unterschreibe nicht, sondern verschwinde von der Bildfläche." „Wie meinen Sie das?" stammelte Steinert erschreckt. „Ich glaube, mich sehr deutlich ausgedrückt zu haben... Das Theater ist nicht mehr vom Erdboden zu tilgen-- damit ist mein Traum erfüllt, und ich kann zur Seite treten... Was will ich weiter?..." (Fortsetzung folgt.!! (Nachdrulk verboten! I�ünstlicKe Roßhaare* Wenn jemand auf seinem mit Roßhckaren gepolsterten Lehnsessel sich so recht behaglich ausstreckt, hat er häufig gar keine Ahnung, wo die Rotzhaare, auf denen er angeblich sitzt, herstammen. Naive Zu- mutung I Selbstverständlich stammen Rotzhaare doch nur vom Pferd !er, wird man erwidern. Es mag zugegeben werden, datz die Büschel chwarzer und weitzer Haare, welche die Gardemänner auf ihren Helmen haben, wirklich echte Pfcrdeschwänze sind, aber die Rotzhaare. welche sich häufig in den Polstermöbeln vorfinden, haben damit nichts mehr zu Um, sie sind häufig mit einem Pferd nicht einmal in tose Berührung gekommen, sondern sind, trotzdem sie von dem Un- eingeweihten auch wirklich für Rotzhaare gehalten werden, in ihrem äutzeren Aussehen auch zu dieser Annahme unstreitig Veranlassung geben, nichts weiter als nach bestimmten Methoden präparierte Baumwollfädcn. Das klingt für den ersten Augenblick etwas paradox. Wie können denn Baumwollfäden Rotzhaare werden? Allerdings richtige Rotzhaare werden sie nicht, und wenn man fich das Vergnügen machen wollte, an ein solches Polstermaterial ein Streich- holz zu halten, so würde man bald gewahr werden, datz diese Rotz« haare mit den den echten Rotzhaaren ähnlichen Stoffen, wie Horn, Nägel, Haare, Wolle usw. beim Verbrennen nicht die geringste Achnlichkeit zeigen. Während nämlich die genannten tierischen Stoffe überhaupt nicht brennen, wenigstens nicht unter Flammen crscheinung, fondern nur schwelen und dabei den be- kannten unangenchin penetranten Geruch entwickeln, auch nicht im gewöhnlichen Sinne verbrennen, sondern unter Bildung einer Kohlckugel zusammen kriechen, brennen die künstlichen Rotzhaare lichterloh, entwickeln fast gar keinen Geruch und hinterlaffen nichts als eine geringe Menge leicht zerstäubbarer grauer Asche. Dieses allgemein zur Unterscheidung von Wolle und Baumwolle in ge- webten Stoffen angewendete Mittel kann also auch hier zur Er- kennung echter und künstlicher Rotzhaare benutzt werden: indeffen wird jemand, selbst wenn ihm diese Untersuchungsmethode bekannt ist, garnicht darauf verfallen, eine solche Probe vorzunehmen, denn er hat wohl in den wenigste» Fällen eine Ahnung, datz seine Rotz- haare und Baumwollfäde» dasselbe sein könnten, noch dazu, wo diese angeblichen Banmwollfäden mit Rotzhaaren zum verwechseln ähnlich sehen l" Um zu zeigen, wie eine solche Mystifikation des NichtfachmanneZ möglich ist, wollen wir zunächst untersuchen, was Baumwolle ist. Die chemische Analyse gibt uns darauf die Antwort, datz Baumwolle, welche von den ihr anhaftenden natürlichen Verunreinigungen befreit ist, fast nahezu aus einer Cellulose besteht; die der rohen Baum- wolle anhaftenden Verunreinigungen betragen nur etwa 5 Prozent. Cellulose selbst besteht aus Kohlenstoff, Sauerstoff und Wasseritoff. In reinem Zustand ist sie eine ziemlich passive Verbindung; sie besitzt weder Geruch noch Geschmack, ist unlöslich in Wasser, Alkohol. Aether und den sonstigen Lösungsmitteln. In frisch bereiteter, kon- zentrierter Lösung von Kupferoxyd. Ammoniak schwillt die Baumwollfaser jedoch beträchtlich auf und bildet dann unter dem Mikroskop sichtbare, höchst eigentümliche Ausbauchungen, welche da- durch entstehen, datz die Oberhaut der Faser ihr Gefüge, ein um den übrigen Teil in spiraliger Linie gewundenes Band, beibehält. Diese Umhüllung ist jedoch nicht ganz dicht Ring an Ring, so datz der aufquellende innere Teil sich zwischen den einzelnen Wondungen hervordrängt und so das Bild hervorruft, als wenn man ein Bündel ganz weicher Wollfäden mit einem festen Baumwollfaden straff um- wickelt. Nach längerer Behandlung wird jedoch auch die Oberhaut zerstört und es entsteht eine schleimige Lösung, aus welcher durch Säuren eine Gallerte niederschlagen wird. Letztere gibt nach dem Waschen und Trocknen ein weitzes ainorpheS Pulver, das dieselbe chemische Zusammensetzung und Eigenschaft hat wie die ursprüng- liche Faser und daher für chemisch unveränderte Cellulose ge- halten wird. Konzentrierte Schwefelsäure lätzt die Baumwolle ebenfalls zuerst anschwellen und verwandelt sie dann in eine gallertartige Masse. Durch Aenderung der Konzentration der Säure lasten sich natürlich die verschiedensten Abstufungen in der Auflösung der Fäden hervorbringen, so datz man z. B. Fäden erhält, welche einen Kern, eine Seele aus unangegriffener Baumwolle haben, um welche sich eine inehr oder minder starke Schicht der genannten gallertartigen Mäste schlietzt. Solche Fäden erhalten dann ganz von der rohen Baumwolle abweichende Eigenschaften in chemiicher Hinsicht, z. B. in bezug auf die Aufnahmefähigkeit für Farbstoffe, nebenbei auch noch einen gewiffen Glanz, die Fäden werden also technisch wertvoller, sie werden veredelt. Aehnliche Erscheinungen, wenn auch chemisch anderer Natur, werden durch Behandli ng der Baumwolle mit starker Natronlauge hervorgebracht, und dieses, unter dem Namen Mercerisation bekannt gewordene Verfahren hat auch in der Praxis der Textilindustrie eine sehr grotze Verbreitung gefunden. Nutzer diesen Mitteln gibt es allerdings noch eine ganze Reihe, welche die Cellulose ebensalls angreifen, wie z. B. die Oxy- cellulose bildenden(Chlor, Chromsäure-c.); diese haben fich jedoch technisch einen Wert nicht in dem Matze erwerben können: sie werden vielmehr gerade im Gegenteil meist als unerwünschte Erscheinungen gefürchtet, wogegen die Schwefelsäure, obwohl sie auch sonst als gewaltiger Zerstörer gefürchtet wird, eine grotze Rolle spielt und, in richtiger Weise angewendet, wertvolle Resultate liefert. EinS dieser durch dieselbe erzeugten Produkte sind eben die künstlichen Rotzhaare, über deren Herslellungsweise nach den voraufgeschickten Erörterungen nicht mehr viel zu sagen bleibt. Die durch Schwefelsäure bis zur Durchsichtigkeit der Gelasine aufgelöste Baumwolle wird, nachdem der Zcrsetzungsprozctz im richtigen Augenblick unterbrochen Ivurde, zunächst entsäuert, daim mit Abkochungen von schwarzer Farbe, der noch etwas Leim zugesetzt war, behandelte und zum Schluß niit geeigneten Fetten imprägniert, im« ihr den deni natür- lichen Rotzhaar eigentümlichen Glanz zu verleihen. Die so Prä- parierten lind wieder getrockneten Baumwollfäden haben dann ganz das Aussehen und auch das starre Gefühl der natürlichen Rotzhaarr. Die glatten Fäden werden zu Bürstenwaren verarbeitet, während die wirren Enden als Polstermaterial verwendet werden.— gst. Kleines■peirilleton. Bettelwannslied. „Mei' Herzensallerliebster, das is en Bettelniann, Ich steck' ein gude Bisse zu un's beste von der Pann. Unn ich geww' em Hasebrate unn delikate Wein Unn nochert ebbes Sützes aach unn en Kutz noch owlvedrein. Heut geht mei' Herrschaft danze, do kimmt mei Bettelmann, Ich stopp' un in sein Bettelsack so viel als ich nor kann. Unn do denk ich doch, ich mäan als, er könnt' zufridde sein, Doch hör nor äans, er fordert jo aach en Kutz noch owwedrcin. Unn weim se mich fortjage, des is meer aach all ecnS, Ich habb ja noch mein Bettelmann, die Welt is jo nit Meenz, Ei, mer ziehn zusamme bettle, so weit nor flietzt der Rhein, Unn alles kriecht mein Bettelmann un en Kutz noch owwedrein.— Peter Cornelius. s. Nächstenliebe. Es ist der letzte elektrische Wagen, der nach Friedenau fährt. Nicht nur voll bis auf den letzten Platz, mindestens vier Personen stehen noch und halten sich an den Ledcrriemen, bei den Weichen immer in Gefahr, durch den unvermuteten Ruck auf die anderen Passagiere geworfen zu werden. Die meisten ruhig, schlaftrunken, mit unvcrhaltenem Gähnen. In der Mitte aber, Atoci und zwei gegenüber, sitzen vier Damen� so munter als sei es Mittag und nicht nach Mitternacht. Zwei altere, beide sehr wohl konserviert die eine blond, volles Gesicht, verwischte Züge— Zms beste an ihr find die schönen Hände, die die Handschuhe abgestreift haben— wer nicht genau hinsieht, hält sie für Anfang der Dreißiger, aber die Krähenfüße an den Augen und Schläfen und ein paar, wenn auch feine Falten um den Mund verraten die überschrittenen Vierzig; die andere um einen Kopf größer, mit interessantem Ge- ficht, munter, halb ironisch blickenden, dunklen Augen, prächtigen schwarzen, da und dort schon von weißen Fäden durchzogenen Haar und scharf geschnitten kühnen Brauen. Die Lippen haben nie viel Gutes gesprochen. Ten beiden älteren gegenüber zwei Junge, ihre Töchter; die Aehnlichkeit ist ganz unverkennbar: Anni wird aucy einmal dick werden, voll ist sie jetzt schon, und Lizzi hat das schöne, schwarze Haar und die Augen wie die Mama. Alle vier sind sehr elegant gekleidet, nach der allerletzten Mode. Und alle sind sehr animiert. Anni lacht und dabei sagte sie:„Gott, der arme George! Eigentlich kann er einem doch leid tun!" Ihre Mama nickt, sie ist ganz derselben Ansicht. Wenn sie noch daran denkt, wie sie's so gut mit ihm gemeint hat! Nun, er hat nicht wollen! Jetzt mag er büßen! Lizzi sieht verständnisinnig zu ihrer Mama hinüber und beide lächeln. „Sie wird ihre Herkunft nie verleugnen," sagt die Mama scharf.„Die Art, wie sie sich benimmt, dieses Vornehmseinwollen," sie lächelte spitz und hebt die Achseln, um sie gleich wieder be- dauernd sinken zu lassen,„wer wird sich darüber täuschen?" „Ich glaube, sie macht im stillen Handarbeiten," sagt Lizzi. „Sie sieht wenigstens so aus." Anni überläuft es:„Meinst Du?" fragt sie und verzieht den Mund. Lizzi nickt eifrig.„Ich habe ein Auge dafür. Du hättest Dir mal die Finger ansehen sollen. Ganz nervös sahen sie schon aus. Wenn man malt, wie ich, dann kommt das nicht vor, aber beim Sticken und Häckeln, ja... da..." Anni ist ganz überzeugt von Lizzis Beobachtungsgabe und ärgert sich, daß ihr das nicht ebenfalls aufgefallen ist. Sie will aber nicht zurückstehen und sagt:„Meiner Ansicht nach hat sie eine enge Brust— und ob die linke Hüfte nicht heraustritt, konnte ich nicht ganz genau sehen, mir lam's aber so vor." Anni erwartet jetzt aus diese unverschämte Lüge hin energischen Widerspruch, aber alle sehen so aus, als ob sie sagen wollten:„Mein Gott, das fehlt ihr auch noch?" „Wenn man denkt— Liebesheirat," nimmt Lizzis Mama das Wort.„Wo so ein Verliebter manchmal die Augen hat! Keine Spur von Reiz, und Liga heißt sie auch noch! Und die Verhält- nisse, aus denen sie hervorging. Vater Rcchnungsrat. Mitgift"— sie bläst über ihre Hand—„Aussteuer"— sie bläst wieder über die Hand.„Und George, dem die besten Partien geboten wurden, reiche, schöne Mädchen"— sie wie die Blonde hätten mit Freuden Anni und Lizzi ihn, gegeben—,„Mädchen der guten Gesellschaft," betont sie,„da weiß man nicht, was man sagen soll. Diese Person spielt sicher nicht Tennis!" Damit ist für Anni und Lizzi das Signal gegeben, über ihre glückliche Nebenbuhlerin herzufallen, und unter dem Beifallsnicken ihrer Mütter überbieten sie sich darin. Man begreift nicht, daß diese Olga soviel Untugenden in sich angehäuft haben kann; mit ihnen könnten gut zwei Dutzend Mädchen der besten Gesellschaft aus- gerüstet werden, und es bliebe noch Reserve. Endlich sagt Annis Mutter resigniert:„Nun gehört doch aber die Person zur Verwandtschaft. Da muß man doch schon das beste von ihr denken und reden, schon..." sie sucht nach dem passendsten Ausdruck,„schon— aus Nächstenliebe."— kl. In den Wäldern Borneos. Von Wanderungen in den großen Wäldern Borneos erzählt der italienische Botaniker und Forschungsreisende Odoardo Beccari in einem fesselnden und schön geschriebenen Buche, in dem er die Wunder der tropischen Natur zu beschreiben sucht. Von Menschen wird wenig dabei gc- redet, obwohl seltsame Volksstämme und absonderliche Sitten häufig den Rahmen bilden und die Szene betreten. Doch der eigentliche Held des hymnenhaften Liedes, in dem Boccari von den Schön- heitcn Borneos singt, ist der Wald selbst als der gewaltige Ausdruck der wachsenden und wirkenden Kräfte, die die Welt auferbauen und beherrschen. Die Lebenskraft, die als Schlamm dem Boden Stärke leiht zum Keimen des Samens, die als Pflanzensaft aufschießt im Baumesstamm, die in Schwämmen, Parasiten, in Kletterpflanzen, Schlinggewächsen, in üppigen Trieben und neuen Schößlingen ihre unbezähmbare, gärende und wuchernde Fruchtbarkeit dartut, die im Verfaulen und Verwelken, im Wiedcraufblühcn und Neuentstehcn das ewige Lied von Tod und Geburt singt, sie wird in diesem Buche gepriesen.„Wer möchte wohl imstande sein, sich die Summe treibender und schaffender Arbeit auch nur vorzustellen, die schweigend und still in den Tiefen des Waldes bor sich geht? Wer kann die unzählbare Masse von Lebewesen ermessen, diese zitternden, keimenden Zellen, die sich im Kampfe zusammenschließen und vereint für ihr Leben ringen im lautlosen Dämmer des tropischen Frühlingswaldes?" Eine unglaublich große Menge verschiedener Arten von Pflanzen bringt der tropische Wald in der Zeit des er» wachenden Lenzes hervor, die Vielfältigkeit, der Reichtum dieser unendlichen Lcbensfülle ist erstaunlich und viel größer als im europäischen Wald.„Ich habe niemals die Zahl der Bäume ge. zählt, die auf einem bestimmten Raum des Waldes von Borneo auf. wachsen, aber die Zahl ist sicherlich gewaltig, sowohl die Menge der verschiedenen Spezies als auch der einzelnen Exemplare. Natürlich ist dies in verschiedenen Gegenden verschieden; so ist an den Ab. hängen der Berge die Zahl der einzelnen Exemplare einer gegebenen Spezies größer als in den Tälern oder in den Bergen, während dort wieder die Mannigfaltigkeit der Spezies sich reicher entfaltet, denn in diesen Gebieten sind die Entwickelungsmöglichkeiten zu höchster Stärke gesteigert, da die vorzügliche Bewässerung alles zu herrlicher Reife bringt." Beccari beschreibt in lebhaften Farben das Gefühl der Hülflosigkeit und der Einsamkeit, das den Wanderer in den riesigen Räumen des Waldes umfängt, die unwiderstehliche Furcht, mit der uns das unendliche Gewirr der grünen Wildnis, die Dimensionen ihrer erdrückenden Größe erfüllen. Und wenn des Urwaldes Antlitz mit furchtbarer und schrecklicher Schönheit bei Tage blickt, so bringt die Nacht eine neue Stimmung herauf:„Jedes abgestorbene Blatt, jeder faulende Zweig und die niodernden Aeste, sie leuchteten alle auf, in einem matten, unruhigen Glanz durch den dünnen Nebelschleier glimmernd, der sich erhob von dem feinsten Humusboden. Der Regen des vorangegangenen Tages hatte die Pilze aus der Erde hervorgelockt; da lebt das ganze Netzwerk der Myceliumfäden auf, die sich herrinzudrängen wissen in die berstenden Trümmer dieser uralten, gigantischen Welt und langsam ihr Zer- störungswerk vollenden. Von einem ehrwürdigen Baumstumpf, wenige Fuß vor mir, strahlte ein glänzendes, phosphoreszierendes Feuer aus, das herkam von ein paar weißen Schwämmen, die mir zu der Gattung Agarikus zu gehören schienen. Ein einziger dieser weiß und hell leuchtenden Schwämme verbreitete genug Licht, um dabei ohne Mühe eine Zeitung lesen zu können." Funkelnderen und belebteren Glanz noch verbreiten die Fcucrfliegcn, die den ganzen Wald bei Nacht durchschwärmen.— Theater. Deutsches Theater.„ S ch u s s c I ch en". Tragödie in vier Aufzügen von Georg Reick e.— Ein freigeistig-toleranter Zug. der in den früheren Dramen des Konfistorialrals Reicke hervor- trat und bei den geistlichen Herren beträchtlichen Anstoß erregte, prägt sich auch in dem neuen Stuck des Bürgermeisters ans. Land- gerichtsräte von einer Vorurteilslosigkeit wie der, den der Verfasser als„Schusselchens" Gatten hier vorführt, wird es nicht viel rn Preußen geben; und die abschließende Versöhnungsszene steht der Tendenz nach in prononciertem Gegensatz zu dem üblichen Pharisäismus kalt korrekter Respektabrlitätsgefinnung. Statt fitt- sicher Entrüstimg über den Ehebruch der Frau— mitfühlendes Er- schrecken, statt einer Abivendung von der„Ehrlosen"— ein Sich- Erimrern des Mannes, daß er dieselbe Schuld wie sie auf sich geladen, ein Verstehen und Verzeihen. Aber Wärme ging davon nicht aus. Die Schusielichkeit— das nervös- zerfahrene, konfuse, unvernünftige Wesen Christines hat auch auf die Szenenführung abgefärbt. Dieser Typus, der als Nebenfigur in einem größeren dramatischen Ganzen sehr ivohl hätte interessieren können, verträgt es überhaupt nicht, beherrschend in den Mitte lvunkt eines abendfüllenden Schauspiels gerückt zu werden. Auf die Dauer mutz Anblick und Gehaben einer solchen Person— und um so mehe je naturalistisch treuer die Rolle gespielt wird— auch den Zuschaue' nervös verstimmen. Das Springend-Unmotivierte ermüdet. Abe> statt nun im übrigen wenigstens für das Gegengewicht einer gewissen Logik, einen klaren dramatischen Aufbau zu sorgen, läßt Reicke, im Geschmack der Heldin, die Dinge höchst verworren durcheinandergehen. Die Personen schillern in allen mög- lichen Farben, keine außer der verdrehten Heldin— und auch die nur in der ersten Hälfte des Stückes— bringt es zu einenr anschaulichen Eindruck. Und nach der Flucht ChrfttineS fetzt eine vollständige Deroule ein. Anfangs glaubt man, es sei auf eine Verspottung malender Hausfrauen im billigen Stil der„Fliegenden Blätter" abgesehen. Christine stürmt atemlos mit ihrem Malkasten ins Schlafzimmer, jagt dort wie toll umher, repariert ihre Robe durch Uebermalung der Flecken usw., während der Herr Landgerichtsrat. mit dem Be- wußtsein, ein„moderner Mensch" zu sein, über die Unannehmlich- leiten häuslicher Anarchiesich hinwegsetzend, geduldig auf die Beendi- gung der Toilette wartet. Ein paar malende Vettern werden mit burschikoser Lustigkeit von Christtne empfangen, und plötzlich um- gewandelt erklärt sie dem Manitc und der Schwiegermutter, sie würde nicht mit ihnen zur Gesellschaft gehen. Der Raine einer Frau Helbing ist erwähnt, und, unlogisch wie immer, diesmal aber zufällig so ziemlich das Richtige treffend, hat sie es sich sofort in den Kopf gesetzt, daß ihr Mann sie mkt dieser Dame hintergehe. Voll Mitleid mit sich selbst hört sie die heißen Liebesworte, die Better Paul sich erlaubt, mit einem sentimentalen Wohlbehagen an. Das Schicksal ist ihr eine solche Tröstung schuldig. Im zweiten Akte scheint sie einen Plan gefaßt zu haben, daS Herz des Gatten und die ihr entftemdeten Kinder wieder zu erobern. Aber bei ihrer hüls- losen Unbesonnenheit wendet sich, was sie auch uitternimmt, gegen sie. Sie tappt immer daneben. Statt mit dem Manne, der ihr noch unverändert gut ist, offen zu sprechen, redet sie sich ein, die gut- herzige Schwiegermutter stehe zwischen ihnen, und ersucht sie mit verblüffender Naivctät, das Haus zu verlassen; ihre Malereien schlägt sie uni einen Spottpreis loS. Nur noch Weib und Mutter will st« sein. Diese Partie, reich an intimen, scharf gesehenen Beobachtungen, mag in dem Stück die beste sein. Sehr hübsch ist auch der Um- schlag, als der Landgerichtsrat der Mutter nacheilt, um die Be- leidigte zurück zu rufen. Christinens exzentrischer Empfindung erscheint dies ganz Natiirlich-Vernllnstige wie ein unerhörtes Unrecht, das man ihr zufügt. Und in ihrer kindischen Verzweiflung, im Wunsch sich zu betäuben, läßt sie sich von dem rechtzeitig erscheinenden Vetter— entführen. Später tut ihr das selbstverständlich wieder leid. Der Rückweg aus dieser peinlichen Situation wird unter Zuhülfenahme fadenscheinigster Theatermittel von dem Autor bewerkstelligt. Unter anderem muß Christine in ihrer Zerstreuung den Absagebrief an den Liebhaber mit einer Fleischerrechnung ver- tauschen, damit das Schreiben an den Gatten kommt I Und um Stoff für die zwei noch nötigen Aufzüge zu gewinnen, steht in diesem Briefe kein Wörtchcn, das auf wirklichen Ehebruch hindeutet. Dadurch wird„Spannung" erzeugt, indem man nämlich einen ganzen Akt lang sich den Kopf darüber zerbrechen darf, was denn bei diesem rasch bereuten Seitensprung geschehen ist. So kam das lang hinausgezögerte Bekenntnis und die Versöhnung, der Christinens Verlumpter Vater als Mahner zu menschlicher Güte assistiert, selbst fluch nicht anders als frostig wirken. Man hat in diesem zweiten Teil des Stückes den Eindruck wachsenoer Verlegenheit. Der Applaus war stark und übertönte einige oppositionelle Zischversuche, der Autor konnte mehrmals erscheinen. Ueberraschend talentvoll, mit äußerst feiner Abtönung der wechselnden Stimmungen gab Marietta O ll h die Hauptfigur. Den unwahrscheinlichen Landgerichtsrat spielte Adolf Klein, außer in der letzten Szene, mit trefflichem Gelingen, Julius Strobl den Vetter. Grete Gallus in der kleinen Rolle einer ostpreußischen Schneiderin brachte den gemütlich breiten Dialekt höchst urwüchsig drollig heraus.— ckt. Berliner Theater.„Der Kaiserjäger. Komödie in drei Aufzügen von Hans Brennert und Hans O st lo a l d.— In der Premiere ist die Komödie sehr freundlich aufgenommen worden und auch am Sonntag bei der Wiederholung herrschte große Beifallslust. Selbst auf die bescheidensten Scherze reagierte regel- mäßig ein herzhaftes Gelächter. Hans Ostwald, der das Leben auf der Walze aus eigener Erfahrung kennt, hat in sehr eindrucksvollen. anschaulichen Skizzen darüber berichtet. Seine sachkundigen, von warmem Mitgefühl erfüllten Schilderungen haben auch in Kreise, die sonst dem satte» Philistervorurteil huldigen, manche widerwillig aufgenommene Aufklärung hineingetragen. Aber ein anderes ist Schilderung, ein anderes dramatische Gestaltung. Nicht nur. daß in dem Vagabundenstücke, das Ostwald mit Brennert zusammen gearbeitet hat, jede weiterschauende soziale Perspektive, jeder Ansatz zu einer gegen die Gesellschaft gerichteten Satire fehlt,— davon ganz abgesehen, auch in dem enggesteckten Rahmen sind, wie mir scheint, die Bilder matt und kümmerlich geraten. Die Charakteristik kommt über die allgemeinsten Umrisse nicht hinaus, und die magere Handlung schleppt sich, kaum irgendwo durch überraschend originelle Episoden unterbrochen, langsam hin. Zwischen einem nüchternen Naturalismus und Posseneinfällen schwankt der Sttl der Darstellung. Der ganze Stoff, aus dem eine Erzählung toohl etwas hätte machen können, widerspricht in seinem lockeren Zusammenhang den An- forderungen der Bühne. Die Vagabunden dieser„Komödie", die sich richtiger ein „Volksstück" nennen würde, sind— dadurch wird von vornherein dem Stück die soziale Spitze abgebrochen— Vagabunden von Natur, Leute, die aus Lust zur Sache, nicht darum, Iveil sie keine Arbeit finden, fechtend im Land umherziehen. Die erste Szene ist hübsch gesehen. Ans grünem Nasen lagern drei stolze Burschen und plaudern mit gutem Humor, während drüben auf den Feldern die Bauern fleißig an der Ernte schaffen. Die sonnige, farbensatte märkische Landschaftsdekoration, die Baluschek entworfen, war der Stimmung vorzüglich angepaßt. Sie weckte Wanderlust und wob etwas von Poesie um die zerlumpte Gruppe. Pfeifend und init flotten Schritten kommt der Kaiscrjäger, ein lustiger Oesterreicher, ehemals Kellner, des Weges und wird kameradschaftlich als Kunde be-. grüßt.— Ein patriarchalischer Landrat überrascht sie. Er läßt die arnieu Teufel, die ohne Ausweispapiere völlig in seiner Macht sind, nicht arretieren, zwingt sie aber, ein Erziehungsexperiment, von dem er sich Wunder verspricht, bei den Bauern in Dienst zu treten. Wie der Versuch dann scheitert und die Vögel mit einer Aus- »ahme ans dein Käfige wieder davon flattern, das bildet, mäßig durchgeführt, den Inhalt des Dramas. Der Kaiserjäger, der im Hause der Witwe Werder seine Kellnertätigkcit von neuem aufnimmt, hat lange Szenen hindurch das Publikum mit den be- kannten Requisiten abgebrauchter Kellnerkomik zu unterhalten. So weit geht es hier ins Possenhafte, daß der Landrat höchst selbst den ehemaligen Landstreicher ermutigt, die hübsche heiratslustige Wirtin energisch zu hofieren. Und ähnlich spricht der Hochwohl- geborene mit der Wittve. Sie hat den schmucken Jungen, der ihr überdies mit seiner quecksilbernen Gewandtheit, seiner Kunst die Leute heranzuziehen und seinem phantasievollcn Renommieren nicht wenig imponiert, natürlich gern, und als er ihr unternehmend einen.Kuß auf den Mund drückt, scheint die Sache entschieden. Frei- lich, als die Kameraden, die so schlecht arbeiten, daß die Bauern ihnen je zehn Taler geben, nur um sie vor Ablauf der Konttaktzeit los zu werden, abmarschieren wollen und ein fröhliches Vagabunden- lied anstimmen, da schüttelt's ihn und er ist drauf und dran, alles im Stich zu lassen. Im Schlußakt sieht man ihn als Ehemann und Krugwitt. Alex, der arbeitsscheue Fttseur, den man zurückgeholt hat, weil er ein reiches, von ihm verführtes Bauernmädchen heiraten soll, hat sich schließlich akklimatisiert, ist ein augendienerischer, Fleiß markierender Streber geworden. Den Kaiserjäger aber hat seit seiner Heirat die Unruhe nur noch fester gepackt. Die Wandersehnsucht läßt ihn nicht los. Tage- lang streicht er umher. Ein Streit um einen entsprungenen Zuchthäusler, für den er in lebendigem Solidatttätsgefühle einttitt, gibt schließlich den Ausschlag. Wie die Frau ihn vor den Gästen anherrscht, da nimmt der Kaiserjäger seinen Hut vom Riegel und eilt davon auf Nimmerwiedersehn. Die Aufführung war frisch und temperamentvoll. Bauern und Vagabunden, alle wirkten sie echt. In erster Reihe stand Herr W e h r l i n, der mit ausgezeichnetem Humor die Titelrolle spielte.— dt. Humoristisches. — Aus einer Gerichtsverhandlung. Richter: „Und wie gelangen Sie zu den Mitteln, welche Ihnen eine so üppige Toilette ermöglichen?" Angeklagte:„Aber Rudolf I Das fragst D u mich?"— — Galanterie.„A, bist Du a Depp l Nöt amal jodeln kannst I" „Leich ma Dein Kropf, nachher wer i's schoo Unna!"— — Wenn zwei dasselbe tun... Unlängst war ich bei Bekanntet? zu einen, Abendessen eingeladen. Wir waren ganz unter uns: nur Papa, Mama, der kleine Werner und ich. Papa, gewissenhaft wie immer, ist damit beschäftigt, aus einem erledigten Knochen noch das Mark herauszuholen: das gibt bekanntlich schöne Musik. „Papa, ivas machst'n da?" fragt der kleine Werner.„Siehst doch, ich lutsch' das Mark aus'in Knochen!" ES folgt eine kleine Pause, während Ivelcher Werner in den Inhalt seines Tellers vettieft und seinen Gedanken sichtbar nach- hängt. Plötzlich meint er:„Nicht wahr, Papa, wenn das'n kleiner Junge macht, so heißt es Schwein!"—(„Jugend.") Notizen. — Von den heutigen Leistungen des Buchdrucks gab der unter Mitwirkung der belgischen Regierung veranstaltete zweite internationale Schriftsetzer-Wettbewerb einen Beweis, dessen Arbeiten am 12. Februar im Hotel Ravenstein zu Brüssel ausgestellt wurden. An dem Wettbewerb haben sich,»ach der„Köln. Zeitung", 341 Bewerber beteiligt, und zwar 112 Belgier, 113 Franzosen, 102 Deutsche, S Schweizer, je 3 Holländer und Italiener und je 1 Luxem- burger. Oesterreicher und Norweger. Der Wettbewerb umfaßte zwei Abteilungen: in der ersten handelte es sich um die Herstellung eines dreifarbigen Kalenders, in der zweiten um eine einfarbige Adreß- karte mit Verzierungen. Von den zehn Preisen der ersten Ab- teilung fielen acht, darunter auch der erste, nach Deutschland. In der zweiten Abteilung errangen von den ansgesetzten zwölf Preisen die Belgier sechs, die deutschen und Franzosen je dm. Der erste Preis in dieser Klasse wurde einem Belgier, der zweite einem Deutschen zuerkannt.— — Klara V i e b i g s Einakter„Die Bäuerin" hatte in einer Vorstellung der Literarischen Gesellschaft in Dresden großen Erfolg.— — Eine Menzel-Ausstellung soll Mitte März in der Ratio nal-Galerie eröffnet werden.— — D i e astronomische Rathausuhr in Ulm, die zu den kompliziertesten und schönsten Uhrlverken der Erde gehört und im Jahre 1580 von dem Straßburger Meister Isaak Habrecht ver- fertigt worden war, ist wiederhergestellt worden. Auf zwei gewaltigen Zifferblättern, von denen das große wieder eine ganze Reihe von Ringen aufweist, ist die mitteleuropäische und die mittlere Ottszeit abzulesen. Ferner werden der Umlauf des Ticrkreisringes, die Be- wegung der Sonne, die verschiedene Dauer der Monate, Sonnenauf- und Untergang, Sonnen- und Mondfinsternisse und zahlreiche andere siderische und astronomische Erscheinungen angezeigt.— — Die„Augsburger Abendzeitung" von, 15. Februar enthält folgende Geburtsanzeige:„Ich bin jetzt da! Augsburg, 14. Februar 1903. Eugen G... jr."— gc. Der D a t t e. Zu Pfäffingen. Oberamt Balingen, und in einigen anderen benachbarten Orten herrschte ehemals der Gebrauch, daß Eheleute, die miteinander in Zank und Hader lebten. ernnial zu stiller Nachtzeit einen starken Schlag an ihre Haustür und den Ruf„Der Datte kommt" vernahmen. Das war eine wohl- gemeinte Warnung und Erinnerung, daß sie künftighin in Frieden und Eintracht miteinander leben sollten. Wenn aber die Warnung nicht beachtet wurde, wiederholtet, sich nach etlichen Tagen Schlag und Ruf in verstärktem Grade. Nützte auch das nichts, so ließ die Strafe baftir nicht lange auf sich warten. Zwei oder drei ver- mummte und sonst unkeimtlich gemachte Männer brachen bei Nacht mit Gewalt ins HauS und bearbeiteten den Rücken der zänkischen Eheleute so tüchtig, daß dieses Mittel zur Wiederherstellung deS ehelichen Friedens seinen Zweck selten verfehlt haben soll.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo., Berlin