Hlnterhaltungsblatt des Vorwatts Nr. 39. Donnerstag, den 23. Februar. 1905 (Nachdvud oevSolcn.) so] Der ßaumclfter. Roman von Felix Holländer. In den nächsten Tagen stellte sich Herr Frenze! mit seinen Damen im Theater ein. Und Keßler, der den Mann innerlich haßte, mußte freundlich tun und höflich sein. Frenze! behandelte ihn mit einer Vertraulichkeit und Kordialität. die ihn im Innersten empörte. Er kam sich wie in einer Schlinge gefangen vor. Er durfte sich nicht rühren und regen. Doris Frenze! verhielt sich ihm gegenüber seit einiger Zeit scheu und zurückhaltend. Er selbst war in ihrer Nähe beklommen. iEr wollte nicht den Unwillen, den er gegen den Alten hegte, auf sie über- tragen... Auch hatte er das Bennißtsein, daß er ihr näher gekommen war, als er es wünschte und verantworten konnte. Zuweilen tauchte in ihm der beängstigende Gedanke auf. daß das Mädchen zu ihm hindrängte, ihn an sich zu ziehen suchte. Daun wieder freilich mied sie ihn und gab ihm durch eine herbe Art zu verstehen, daß sie sich der Kluft bewußt war, die zwischen ihnen lag. Die Herrschaften interessierten sich besonders für die Proben des zweiten Stückes, und in diesem Stück wiederum vor allem fiir eine Szene, in der die Phantasiekostüme und die Hüte der Damen eine wichtige Rolle spielen sollten. Frau Frenze! empfahl dringend Gerson, aber Frenze! winkte energisch ab und sagte in entschiedenem Ton: „Man läßt Theaterkostüme heute nur bei Baruch machen! Baruch allein steht auf der Höhe!" Steinert stimmte dem vollkommen bei. Weil Frau Frenzcl aber auf das äußerste verstimmt war. wurde ihr in- sofern ein Zugeständnis gemacht, als man auf ihre Empfehlung hin die Hüte bei Ordenstein in der Fricdrichstraße bestellte, der. wie sie beteuerte, die schicksten Pariser Modelle hatte. Keßler sagte ironisch zu Steinert: „Die Frau hat Größenwahn. Heute bildet sie sich bereits ein, das Stück geschrieben zu haben, und morgen hat sie das Theater gebaut. Ich höre es deutlich, wie sie zu ihren Be- kannten von„unserem" Theater redet!" Ein grimmiges Lächeln beherrschte sein Gesicht. Bei seinen letzten Worten trat Frau Frenzel auf ihn zu. „Ich finde es großartig!" sagte sie.„Ich bin geradezu entzückt!" „Hoffentlich werden es die anderen auch sein!" „Zlveifeln Sie etwa daran?" „Man muß es abwarten." „Meine Tochter Doris meint.. „Ich kann für mich selbst sprechen, Mama!" Frau Frenzel zuckte mit den Achseln. „Entschuldigen Sie nur,.Herr Baumeister, das Kind ist so schrecklich nervös... Wir wissen seit einiger Zeit gar nicht, was mit dem Llinde los ist!" „Ich finde es empörend, daß Du den Herrn Baumeister mit diesen Dingen langweilst!" Sie wandte sich wütend ab. Aber Herr Frenzel trat herzu und suchte mit seiner Bonhomie auszugleichen. „Nur keine Familienszene, Kinder! Nur keine Familien- szene!", Sechsuudzwanzigstes Kapitel. In den letzten Tagen vor der Eröffnungsvorstellung wurden von Steinert die Zeitungen mit den tollsten Reklamen überschwemmt. Die Wirkung blieb denn auch nicht aus. Das Interesse regte sich in den weitesten Kreisen. In den Cafss und Restaurants stand das neue Theater auf der Tagesordnung. Man sprach von nichts anderem. An der Börse wurden die Parkettplätze für die beiden Premieren, die aufeinander folgen sollten, zu ungeheuren Preisen verkauft. „Es wird ein Geschäft!" sagte Frenzel zu Keßler, und Steinert streckte und reckte sich, trug den Kopf hoch und ging mit Siegermiene im Theater auf und nieder. Er war wie betrunken. Und wenn Keßler noch schwach�Pedenken äußerte, so lachte er ihm ins Gesicht. „Auf mich können Sie sich verlassen! Ich bin ein alter Theaterfuchs! Wenn ich Ihnen erkläre, daß wir erstklassige Vorstellungen herausbringen, so ist das ein Wort! Passen Sie auf, der„Sommeruachtstraum" wird so gespielt werden, daß wir damit die ganze Kritik auf unserer Seite haben! Die Leute werden sehen, wie in diesem Hause gearbeitet wird! Auf die Aufführung hin haben wir den künstlerischen Kredit! Und das ist die Hauptsache beiin Theater! Geschäft werden wir mit dem„Sommernachtstraum" nicht machen... Wollen wir aber auch gar nicht!... Das„Meerleuchten" aber wird ein Bombenerfolg!... Ein Bombenerfolg!... Und gespielt wird das Ding!... Baumeister, Sie werden was erleben!" Keßlers Bedenken begannen langsam zu schwinden. In jedem Falle stand das eine fest, daß das Haus schon jetzt einen glänzenden Sieg davongetragen hatte, der beim Anblick des Jnnenbaues noch großartiger werden mußte. Steinert hatte recht— Keßler hatte seine Aufgabe über alles Erwarten hin gelöst. Es war geradezu erstaunlich, mit ivelcher Sachkenntnis dieser junge Architekt, dem nicht die min- deste Erfahrung zur Seite stand, den Bau begonnen und durch- gefichrt hatte! Er hatte nicht ein Theater gebaut, er hatte das moderne Theater geschaffen! Der Taumel der übrigen hätte Keßler schwerlich in Sicher- heit gewiegt... dazu war er eine zu nüchterne Natur, um sich durch dies Geschrei betäuben zu lassen. Aber daß ein Mensch wie Frenzel, der eine feine Nase hatte, nicht mehr an dem Geschäft zweifelte, war für ihn ausschlaggebend. Und als man noch einmal eine größere Summe Geldes brauchte, um die Dekorationen zu bezahlen, die gegen Kassa bestellt waren, trug er kein Bedenken, den Nest von Freitags kleinem Vermögen anzunehmen... Er würde es ja mit Zinsen und Zinseszinsen wiedergeben. Der Rittmeister händigte ihm die blauen Scheine mit ernster und feierlicher Miene aus. Er war in den letzten Wochen zusehends gealtert. Sein 5iörper schien eingesunken und die Backenknochen traten noch mehr als früher hervor. Nur seine Augen flackerten noch ebenso unstet tvie sonst. Er hielt seltsame und verwirrte Reden, in denen er ohne jeden Uebergang auf ganz entgegengesetzte Dinge zu sprechen kam. Der Baumeister achtete kaum seiner Worte. Er hörte ihm zerstreut zu und atmete auf, wenn er wieder ging... Und nun war endlich der Tag der Premiere da! Am Vormittag hatte Steinert noch hunderterlei zu er- ledigen. Vor allem wurde der Gärtner in Aktion gesetzt. Ein wahrer Blunienregen, eine Fiille von Lorbeerkränzen wurde bestellt— der größte für Keßler. Denn Keßler war der Held des Abends, dem die meisten Ovationen zugedacht waren. Die wichtigste Unterredung hatte Steinert hinter der- schlosfcncn Türen mit einem baumlangen Menschen, der einen mächtigen Kalabreser trug und den Eindruck eines ehemaligen Tenoristen machte. Dieser Herr war der Chef der Hausclague, der bereits bei der Generalprobe zugegen gewesen war, um zu notieren, an welchen Stellen der demonstrative Beifall einzusetzen hatte. Er teilte Steinert seine diesbezüglichen Vorschläge mit. Steinert war inr großen und ganzen einverstanden... ein paar Amderungen wurden noch nachgetragen. „Vor allen Dingen müssen Sie die Leute gut verteilen und dafür Sorge tragen, daß niemand uachklappt, und der Beifall möglichst spontan und einmütig herauskommt. Vergesst!: Sie mir auch nicht, daß der Baumeister schon nach dem ersten Akt n erausgerufen werden muß— und zwar muß das besonders gut gemacht werden!" „Sic werden zufrieden sein! Und wann wollen Sie er- scheinen?". �_ „Erst am Schluß— nicht früher! In keinem Fall früher!".. nr �. „Bon! Und von den Darstellern hat die Arden den stärksten Erfolg, nicht?"._. 0., „Dem Programm nach ja!?lbcr Sic wistcn, mein Lieber, daß Sie sich nicht unbedingt air das Programm zu halten haben! Sie wissen, Beim Theater erlebt man die seltsamsten Sachen. Sie müssen also auch mit der Stimmung des Hauses rechnen." „Selbstverständlich, Herr Direktor!" „Gut— dann sind wir einig!" Grete Anders war nicht zu bewegen, der Vorstellung bei- zuwohnen. „Ich kann doch nicht bei Dir sitzen," sagte sie zu Keßler— „und ich verginge vor Angst. Der Vater wird mir ja erzählen, wie alles ausgegangen ist." „Und wann sehe ich Dich?" „Ich erwarte Dich bei Dir!" „Du weißt, daß es sehr spät werden wird— daß nachher noch ein Festessen stattfindet?" Sie nickte. „Ich weiß es— und kann warten. Du gehst nicht eher fort, als es schicklich ist... Versprich es mir!" „Ich verspreche es." Voller Sorge blickte er sie an. Sie sah bleich und übernächtig aus— in ihre Züge waren bereits deutlich die Spuren der Mutterschaft ein- gezeichnet. Er küßte sie sanft, während sie dabei die Augen schloß.— Siebenundzwanzig st es Kapitel. Das Haus war, wie es in der Theatersprache heißt,„zum Brechen voll". Im Hintergrund der Direktionsloge saß Keßler, und neben ihm Steinert. Sie waren beide in Frack und weißer Binde. In der Proszeniumsloge hatte Frenzel mit seinen Damen Platz genommen. Als die Lichtflut sich über den Zuschauerraum ergoß und der Vorhang aus Seidenbrokat deutlich sichtbar wurde, er- tönten laute und leise Rufe der Bewunderung. Das Haus wirkte in seiner großartigen Einfachheit über- Wältigend. Aller Augen richteten sich nach der Direktionsloge. Aber Keßler verbarg sich im hintersten Winkel— er wollte von niemandem gesehen sein. Einen Moment, bevor es dunkel wurde, blickte er flüchtig nach dem Dirigentenpult ins Orchester. Er sah, wie das gute, treue Gesicht des alten Anders vor Aufregung gerötet war— er glaubte wahrzunehmen, wie der Kleine am ganzen Körper zitterte, und ein Gefühl der Rührung überschlich ihn. Und vor ihm stand Grete Anders, die jetzt in Todes- ängsten schwebte und kühn und mutig niemanden in ihre starke Seele blicken ließ... Das erste Klingelzeichen erscholl— die ersten Töne zur „Sommernachts"-Ouvertüre fetzten ein. „Die Stimmung ist ausgezeichnet!" raunte ihm Steinert zu. Und nun ging der Vorhang in die Höhe, und Shakespeares phantasievolles Spiel begann. Keßler sah und hörte nichts. Nur wenn ein frenetischer Beifall erscholl, zuckte er zusammen. Aber dieser Lärm tat ihm unsagbar wohl. Als nach dem ersten Akt immer und immer wieder sein Name gerufen wurde und Steinert ihn stürmisch drängte, da empfand er zum erstenmal eine unbeschreibliche Wonne. Willen- los ließ er sich vor die Rampe schleppen. Die Schlacht war gewonnen... er zweifelte nicht mehr. Als er sich verbeiigte, erhob sich das ganze Parkett. Hunderte von Händen streckten sich ihm klatschend entgegen. Einzelne Damen rissen die Blumen von ihrer Brust und warfen sie ihm hin. Dann wurde es eine Sekunde todesstill. „Sie sollen reden!" flüsterte ihm jemand zu.„Das Publikum erwartet, daß Sie ein paar Worte sprechen!" Er aber sah über das Parkett der geputzten Menschen hin, machte ein hülfloses, überglückliches Gesicht und verbeugte sich stumm von neuem. Und wieder erbrauste dieser lärmende Applaus._ Und immer von neuem mußte sich der Vorhang heben, und immer wieder wollte das Publikum ihn sehen. Inmitten dieses Vorganges, der für ihn etwas Be- rauschendes hatte, dessen Süße er nicht geahnt, spürte er dunkel, wie alle seine Bitterkeit schwand. Eine große Dank- barkeit durchdrang ihn. Er dachte: Die Menschen sind viel besser, als du jemals angenommen hast; sie sind voll freudiger Anteilnahme und voll Empfänglichkeit. Er fühlte sich wie neugeboren. Ihr werdet sehen, sagte er sich im stillen, daß ihr euch nicht in mir getäuscht habt! DieS ist erst ein bescheidener Anfang!... In mir schlummern Schätze, die nur gehoben zu werden brauchen!... Als er wieder in seiner Loge saß, schloß er vor Erschöpfung die Augen. Wenn ich jetzt allein sein könnte?... In derselben Sekunde, da dieser Wunsch ihn ergriff, wurde die Logentür aufgerissen und Steinert und Frenzel traten ein. Steinert war in Ekstase. „Es herrscht nur eine Stimme... Das Publikum ist wie benommen! Morgen sind Sie der berühmteste Architekt der Welt!... Heute nacht bringt der Telegraph Ihren Ruhm in alle Ecken und Enden der Welt," sprudelte er atemlos hervor. Frenzel drängte den erregten Sprecher etwas energisch zur Seite. „Nun, wie fühlen Sie sich, Baumeister?«,, Sehen Sie uns denn überhaupt noch an?"... „Ich kann noch gar nicht glauben, daß alles gut geht!" stammelte er.„Ist es denn wirklich wahr?" „Und ob es wahr ist! Sie sind ein gemachter Mann!..." Selbst diese Worte klangen ihm wie Musik in den Ohren, und Frenzel war auf einmal ein ganz anderer als der, für den er ihn bisher gehalten hatte. Er war ein edler Menschen- freund— er war ein Mäccn— er war eine Seele!... Und auch Frau Frenzel erschien ihm nicht mehr so unan- genehm. Gewiß— sie war eine rundliche Dame, die sich nicht über Mangel an Körperfülle zu beklagen hatte, aber die Gut- mütigkeit und das Wohlwollen standen deutlich auf ihrem Gesicht. Mußten denn alle Menschen schlang gewachsen sein? Und als ihm Doris jetzt wortlos die Hand reichte, er- widerte er ihren Druck. Selbst die taktlose Bemerkung Frau Frenzels, daß Doris in den letzten Nächten kein Auge mehr zugetan— störte ihn nicht weiter. fFortsetzimg folgt. j! lNachdruck verbot«». Zwei, die lieb begegnen. Von Wilhelm Schmidt-Bonn. Jeden Morgen, in aller Frühe, saß am Rhein ein jungee Krüppel, still, fast ohne sich zu regen, ein Bauer, in Hemdärmeln, gestrickter Weste und genagelten Schuhen, neben sich die zwei Krücken, die oben mrt schwarzem Leder und runden Messingnägeln beschlagen waren. Mit einem Höcker, mit schiefer Schulter, mit Beinen, die nicht dicker waren als Kinderarme, war er zu nichts miderem zu gebrauchen, als hier auf den Steinen am Ufer zu sitzen, loährend die Brüder auf dem Acker arbeiteten. Und es war möglich, daß dieses ewige Sitzen hier und dieses Hinaussehen auf das weite. ruhige Wasser fein Gesicht so merkwürdig ruhig, seine Augen so merkwürdig weit gemacht, und daß die scharfe, feuchte Luft so seinen Backen Fleisch und Blut genommen hatte, daß nur noch ein paar weiße Knochen da waren. Hier, unterhalb der Stadt, war eine andere Welt als oben, wo man in die leuchtenden, grünen Berge hineinsah. Das Ivar nicht mehr der Rhein, von dem die Menschen der Erde träumen. Hier gab es keine senkrechten Felswände, keine Weinstöcke und keine zerrissenen Burgmauern mehr, die besonnt aus schwarzem Efeu heraus- schimmerten. Hier sahen die Berge nicht mehr über die Dächer der Stadt weg. Linker Hand lief eine schwache Erdwelle mit dem Strom, das frühere Ufer. Wenn der Krüppel hinaufstieg, so sah er in endlose braune Felder und über den Strom lveg in eine endlose ferne Stadt von Fabriken mit qualmende» Schloten. Unten aber, wo er saß, sah er von alledem nichts, sah nur das Wasser, besonnt und vom Widerschein des Himmels blau gefärbt, daß sein« immer neuen Wellen vorbeischob. Der Rhein machte hier eine Ecke und war durch lange schmale Steinkribben eingedämmt, die weit in den Strom hinausgebaut waren und zwischen denen das Wasser ruhig wie ein stand Am anderen Ufer lag, weiter ins Land hinein,«in Dorf um seine Kirche herum, sonst nichts als Weiden und immer Weiden. Nur die wechselnden Schatten der Wolken brachten in dieses Land ein lautloses Leben. Hin und wieder auch, weit am anderen Ufer, im tiefen Fahrwasser, ein Schlepper mit rauchenden Schorn. steinen, ein Schiff mit ausgespannten Segeln oder ein einsamer Nachen, dessen Insassen nicht zu erkennen waren. Außer den paar Männern, die auf einem warmen Saukssleck am Ufer herumlagen und schliefen, und den Fischern, die auf den Spitzen der Kribben weit draußen im Strom ihre Netze an den Stangen auswarfen, gab eS hier nur wenige Spaziergänger: ein paar Stundenten, die über irgend«ine Frage stritten, ein Professor, der den Hut in der Hand trug, ein aller Bürger mit dem Stock auf auf dem Rücken. Und noch jemand kam da vorbei: ein junges Mädchen, jeden Morgen um dieselbe Zell, in schwarzem Kleid und schwarzem Haar, Gesicht und Hände war das einzige Weiße an ihr— und verkrüppelt, mit zwei Krücken wie der andere, der da saß. Der ließ kleine Steine, die von der Sonne heiß waren, durch seine Hände gleiten ud vertiefte sich ganz darin, wenn er das Mädchen in der Ferne kommen sah. War sie nahe, dann drehte er wie ab- sichtslos den Kopf nach ihr hin. Und dann sahen sie sich an, und es geschah etwas Merkwürdiges. Sie, im feinen Kleid, mit dicken Ringen an den Fingern, nickte schnell und mehrere Male, und er, der Bauer, der keinen Hut zum Abziehen auf dem Kopfe hatte, lachte. Dann ging auch ein langsames Lachen über ihr Gesicht, mit einem sonderbaren, dankbaren und vertrauten Ausdruck. Er sah den ganzen Tag nachher dieses Lachen vor sich Es kam so unvermutet auf daS weiße, stille Gesicht, daß es wie plötzlicher Sonnenschein wirkte. Nie aber sprachen sie ein Wort zusammen. Sie wurden Freunde, Freunde, die ihr Leid kannten, die sich Trost und Zu- verficht gaben, durch ein Nicken des Kopfes, durch einen Blick der Augen. Heute summte der Krüppel leise vor sich hin, ein Bauern- lied, glücklich gemacht durch die warmen Strahlen der Sonne, die ihm durch den Rock hindurch auf den Rücken brannten. S ine blauen Augen liefen nach allen Seiten und standen nicht still. Er faßte mit den Händen um sich und pflückte die ersten gelben Blumen, die am Grasrand standen. Ein Schmetterling, von einem Windzug herbeigetragcn, setzte sich auf seinen Arm, und er hielt den Arm behutsam still. Aber vergebens sah er heute den Weg hinauf nach seiner Freundin aus. Der ganze Weg, der schmal und weiß durch das Gras vor ihm herlief, war heute leer. Auch die Möwen, die noch vom Winter her zurückgeblieben waren, die den einsamen Morgengast kannten und sonst von allen Seiten heranflogen und Brotstücke aus dem Wasser holten, blieben heute fern. Er sah sie auf der Spitze einer Kribbe sitzen, von der sie hin und wieder, ohne sichtbare Ursache, kreischend aufflogen, um dann zurückzukehren. Der Krüppel nahm seine Krücken und humpelte dann hinunter, über den Sand des Ufers, der naß war von den Wellen der Dampfer, und ging über die Krippe hin. Die feuchte Luft legte sich auf seine Kleider, und die Sonnenstrahlen kamen blendend von dem Wasser zurück. Bald stand er draußen, auf der mcterbreiten Steinbank, wie auf einem Schiff, vom weiten, sonnendurchleuchtetenWasser umgeben. Er zog Brot aus der Tasche und schnalzte lockend mit der Zunge. Aber die Vögel umflatterten ihn. setzten sich weit oben in die Wellen, liehen sich fast bis zu ihm herantreiben, flogen wieder auf. Plötzlich sah er eine dunkle Masse, im Strom unten, an den Steinen hängen. Er nahm eine Krücke und stieß danach. Er traf auf etwas Weiches, wie auf Kleider. Und da sah er mit einem Mal ein« weiße Hand im Wasser, auf die die Sonne fiel. Er hielt den Kopf vorgebeugt, regungslos. Er atmete mcht und sah immer nach der weißen Hand hin, die im Wasser groß und ge- bogen aussah. Er zog die Krücke zurück, behutsam, und sah mit schnellen Augen, unwillkürlich, zum Ufer hin, als ob er Hülfe suche. Dann ließ er sich schnell auf die Knie nieder, während seine Hände. die die Krücken hinlegten, plötzlich ihre Kraft verloren hatten und an dem Holz zitterten. Er kroch den schrägen Steinrand hinunter bis ganz an das Messer, stützte sich mit den Händen auf die Ste,n« und starrte aufs neue mit aufgerissenen, entsetzten Augen m das Wasser hinein, dessen kleine Wellen an seine Knie spülten. Endlich griff er mit der Hand nach der weißen Hand da unten. in das kalte, goldene Wasser hinein. Als er daran rührte, schreckte er zusammen, zog seine Hand zurück. Tann aber packte er ent- schlössen mit der ganzen Faust zu. hob die Hand übers Wasser. Da seine Kraft nicht groß war, mußte er beide Hände nehmen, bis die schwarze Masse sich hob. Eine Schulter, ein Knie unter einem schwarzen Rock und«ine Flut von langem, dunklem Hackr stiegen an die Oberfläche. Er faßte an den Armen an. zog, zog an den Haaren und brachte so den Kopf ans Ufer, der mit dem Gesicht nach unten lag. Er faßte unter den Schultern an und wendete den Körper. der m den nassen Kleidern schwer war, bis er ihn soweit aus dem Wasser hatte, daß nur noch die Füße hineinhingen. Mit Augen, die sich nicht näher trauten, sah der Krüppel ,n das Mädchengesicht, in das bekannte Gesicht, in daS Gesicht der stillen Freundin. Er sah auf die Backen, die weiß wie aus Wachs, auf den geöffneten Mund, in dem die Zähne sichtbar waren. Seine Arme waren gelähmt und kraftlos. Ihn schwindelte. Langsam richtete er sich auf und griff nach seinen Krücken, indem er sich umwandte. Sem Gesicht war so weiß vor Schrecken wie das andere, und seine Brust, schmal wie eine Kinderbrust, keuchte vor Aufregung. Aber dann sah er wieder nach dem Mädchen hin und kniete nieder. Schnell machte er sich daran, zu helfen, zu retten, lebendig zu machen. Er hielt die flache Hand auf ihr Herz, er machte das nasse Kleid auf ihrer Brust offen, er rieb ihr die Backen, die Hände, er hob ihre Arme hin und her, hielt die Hand über ihren Mund, um ihren Atem zu spüren, legte ihren Kopf höher auf die Steine, bis enillich ein Wasserstrom aus dem weißen Mund brach und ein unregelmäßiges Zucken durch die geschlossenen Bugendeckel ging. Er schrie leise, unterdrückt auf. als er das sah. Seine Backen wurden rot vor Freude, während ihm von, der Anstrengung der Schweiß in dicken Tropfen herunter auf die Hände siel. Da kam vom Ufer her ein Bauer, der Pferd und Pflug auf dem Acker hatte stehen lassen, um zu sehen, was da auf der Spitze der Kribbe vor sich ging. Ein starker Kerl mit langen dünnen Beinen und einem mächtigen Brusttasten darüber. Er sah verwundert auf das Mädchen hinunter.„Die levv noch." sagte er. „Loß sie en Rauh," sagte der Krüppel und streckte den Arm zum Schutze vor. Der andere stieß den Arm mit seiner riesigen braunen Hand beiseite und bückte sich, so daß er zwischen dem Krüppel und dem Mädchen stand. Er riß das nasse Kleid ganz auf und öffnete mit den plumpen Fingern das Mieder. „Die maß Luft hau." sagte er und steckte seine Pfeife, nachdem er sie ausgeschüttet hatte, in die Rocktasche. Dann faßte er den Körper an, anders als der schmächtige Krüppel, rollte chn hin und her über die Steine, rüttelte ihn, schlug mit der flachen Hand aus den verwachsenen Rücken. Dem Krüppel, der zurückgedrängt war, kletterte ein Gefühl deS Unwillens und der Feindseligkeit in die Kehle gegen den rauhen. enffchlossenen Burschen. Das war, als wenn das Leben selber, das rohe, das harte, vor dem das Mädchen davongelaufen, nun da über sie gebückt sei und sie sich mit allen Mitteln zurückhole. Der Bauer überlegte einen Augenblick, nahm seine Pfeife aus der Tasche, rieb ein Streichholz an der Hose und zündete sie an. „Die motz en et Huus jedraage würde," sagte er und maß die kleine Gestalt des anderen mit einem prüfenden Blick, der dann den Ausdruck der Geringschätzung annahm,„ävver Tu bes zo schwach dozo." Er drehte sich nach dem Lande hin und rief:„He. he!" Aber das Wasser und das weite, offene Land verschluckten den Ruf, und der andere Pflügcr dahinten ging unbekümmert feinen langsamen, schweren Gang über den Acker weiter. „Jang Du," sagte der Bursche zum Krüppel.„Holl eenen, mach schnell!" „Nä, ich blieben hee," sagte der Krüppel eigensinnig, trotzig und drängte sich zu dem Mädchen hin. Der Bursche gab ihm ihre Arme.„Dä, donn die immer hin und her schmieße, loß dat Mädche nit still ligge, ech jonn nur schnell dä andere do Holle." Er lief mit hochgehobenen Schuhen über die Steinbank hin,„he, hei" rufend. Ter Krüppel, allein, sah wieder in das Mädchengesicht. Er legte den Kopf mit dem langen Haar in seine Hand, aus Mitlciv, damit der Kopf nicht auf dem harten Stein liegen mutzte, und sah auf die dicken, weißen Lippen, die sich nun zusammengebissen hatten. Er sah auf die breite, kluge Stirn, auf das starke Kinn. Das ganze Gesicht da, fein und städtisch, so ganz anders wie seines— er kannte es, verstand es. Ungebildet, kaum imstande, gut zu lesen, las er doch die Gedanken, h« hinter dieser Stirn gearbeitet hatten, fühlte den Trotz und das Kämpfen, die dieses Kinn sckxirf und breit gemacht hatten, sah den traurigen Blick der Augen unter diesen weißen, ge» schlössen«» Lidern. Er sah hinein in das Gesicht, als ob er höre auf das, was es zu ihm rede. Er war der Freund. Nur er verstand diese Sprache, er, der auch ein Krüppel war, den die Kinder im Dorf mit Steinen warfen und dem die Hunde nachbellten, wenn er die Krücken lärmend auf die Erde setzte. Es war wahr, man durfte sich nicht selbst das Leben nehmen; sie begruben einen ohne Pfarrer und Glockengeläut, wenn man es tat, aber trotzdem— er, er rechnete es ihr nicht zur Schande an, daß sie ihr Leben wie einen Stein hinter sich geworfen hatte, ihr verkrüppeltes, gebrochenes Leben. Er hielt die schmalen Finger, deren Spitzen blau und ge° schwollen waren, in seinen Händen. Er zog ihr das GraS aus dem Haar. Und plötzlich sprang ein Gedanke in ihm auf, ein Gedanke, bäuerisch und verkrüppelt wie er selber: was tat er da? Wenn sie nicht mehr leben wollte, warum machte er sie lebendig? Sie ist ja zufrieden; weiß ich, wie schwer ihr die Nacht war, der Morgen, die letzten Stunden? Kann sie noch glücklich werden, wenn sie wieder lebt? Herrgott, das mutzte sie selber am besten wissen, soll ich sie nun lebendig machen, und soll sie das alles noch einmal durch- machen? Angst kam über ihn. Er ließ ihre Arme los, er rückte fort von ihr, er stand auf. Sein Atem ging schnell. In seinem Gesicht bewegte sich alles in hastigem Stachdenken, er sprach laut mit sich selber. Und mit einem Mal stand«in neuer, sonderbar feierlicher Ausdruck von Entschlossenheit und starkem Willen auf seinem schmalen, abgezehrten Gesicht. Er kniete nieder, so daß er das Mädchen nach dem Ufer zu verdeckte, faßte den Körper an den Schultern und schob ihn inS Wasser zurück, in den treibenden Strom hinein. Röcke, Hände, Arme, Schultern, Hals und Gesicht gingen unter in den Wellen. Nur das Haar schwamm noch eine Weile oben und bezeichnete die Stelle, wo der Körper trieb. Dann humpelte der Krüppel, von den Vögeln umflattert, schnell zurück. Er sah die zwei Bauern über daS Feld her laufen— das Leben, das zu spät kam. Er humpelte schnell weiter, dem Dorf zu, nach Haus, wo er sich in seine Kammer hinter der Küche verkriechen konnte. Schon sahen die ersten weißen Häuser herüber, und der Lärm der Karren auf der Straße klang schon. An einer Mauerccke standen zwei, die sich küßten und sich dann nach ihm umsahen. Er humpelte vorüber, ohne sie zu bemerken, trotzig, die Zähne aufeinander gebissen, mit gerunzelter Stirn und funkelnden Augen, wie ein Stier, bereit, mit jedem den Kampf aufzunehmen, der ihn seiner Tat wegen angreifen wollte.— Kleines feuületon. gr. Der Park von Barcelona. Barcelona, die grvizte und vor- nehmste Seestadt Spaniens, liegt unter dem 41. Breitengrade, also nicht weniger als 11 Grade südlicher als Berlin. Das will etwas besagen; aber noch mehr, Barcelona liegt am Meer, an diesem Mittelmeer, das in seiner ganzen Küste ringsum eine besondere klimatische und biologische Zone umfaßt. Es liegt direkt an der Küste und wird noch außerdem von einer bogenförmigen Gebirgsmauer umschlossen, an deren Wänden sich die Sommerhitze verstärkt. Es ist dies eine ganz vorzügliche Lage, Frost und Schnee sind so gut wie unbekannt. Unter so warmem Himmel hat es die Gartenkunst leicht, außer- gewöhnliche Pflanzenlandschasten hervorzuzaubern. Wie bei uns in prunkvollen Anlagen aparte Pflanzen lvarmer oder wenigstens fremder Länder bevorzugt werden, so ist man natürlich auch in jenen Gegenden bestrebt, möglichst solche Pflanzen zu verwenden, die dort unbekannt sind. Nur braucht man sich in jenen glücklich gelegenen Städten wie Barcelona viel weniger als bei uns in der Auswahl zu beschränken. Wohl können wir Pflanzen wärmerer Gegenden, Rosen, Magnolien, Tulpenbäume und dergleichen verwenden, wir können selbst im Sommer in einzelnen kleineren Beeten tropische Fülle in Cannas, Ricinus und ähnlichen� Dekorationsgewächsen erreichen. Aber bei uns wird dock in den großen Anlagen der Charakter unserer Zone bewahrt bleiben, weil der Winter mit seinem Frost einfach die vorherrschende Verwendung von Bänmen und Sträuchern aus südlichen Zonen ausschließt. In Barcelona kann aber nicht nur die Pflanzenwelt der wärmeren gemäßigten Zone, in der die Stadt liegt, sondern auch die der subtropiichen, ja der tropischen Zone verwendet werden. Nichts ruft so den Eindruck eines heißen tropischen Klimas hervor als die Palmen, und gerade diese herrlichen Bäume schmücken in großen Mengen die öffentlichen An- lagen von Barcelona. Eine große lange Straße, die Eolumbus- allee, ist mit zwei Reihen großer dicker Dattelpalmen bepflanzt, die ihre majestätilchen Wedel weit über die Passanten der Straße aus- strecken. Auch der Park von Barcelona ist reich an schönen Palmen, unter denen wieder die Dattelpalmen und die dicken, aber nicht sehr hohen Zwergpalmen mit ihren breiten Fächerblättern hervor- ragen. Auch hochstämmige Juccas sind vertreten. Im übrigen sind die immergrünen Pflanzen bevorzugt, schöne Magnolien, Eichen, Evonymus, aber auch Pinien und Zedern. Auch da? niedere Gebüsch ist meist aus immergrünen Arten zusammengesetzt, so daß der Park selbst in den Wintormonaten einen vollen lebens- frohen Eindruck macht. In diesem Klima braucht man ja auch in den kühlen Monaten nicht auf Blumenschmuck zu verzichten. Unsere Stiefmütterchen und Tausendschöncken werden hier im Januar ge- pflanzt und blühen schon zu Ende des Monats. Im Frühjahr werden dann die Blumen, die bei uns im Sommer in Flor sind, auf die abgeblühten Beete gepflanzt, und im Sommer folgt dann das Tropische und Ultratropii'che. Als EinfasiungSpflanze ist in dem Park mehrfach die Tradescantie verwandt, jene bekannte Ampelpflanze, die bei uns so oft im Zimmer gehalten wird. Sie ist sehr empfindlich und leidet bei uns schon, wenn die Temperatur noch nicht ganz auf Null gesunken ist. Hier scheint ihr der Winter nicht viei anzuhaben. Immerhin ist der Park nicht ausschließlich mit immergrünen Bäumen und Sträuchern bepflanzt. Man sieht hier Linden und Ulmen und auch unsere Eichen. Besonders aber sind Platanen häufig, die hier wie im ganzen Mittclmeergebiet sehr beliebt sind und fast überall die Alleebäume der bevorzugteren Straßen bilden. Sie erreichen hier eine ungeheure Höhe' und haben überhaupt ein imposantes Aus- sehen, selbst'im Winter, wenn ihre Aeste kahl oder doch nur mit wenigen braunen Blättern bedeckt sind, wissen sie sich mit ihrem weiß- grau gefleckten Stamm und ihren mächtig ausladenden Aesten ein großes Ansehen zu erringen.— Medizinisches. io. Der Magnet in der Augenheilkunde. Drei Augenärzte. Professor Hirschbcrg in Berlin. Professor Haab-Zürich und Professor Sncll vom Universith-College in Sheffield, haben in einer ge- n, einsamen Veröffcntlüvung ihre Erfahrungen in der Behandlung von Fällen niedergelegt, bei denen Eisenteilchen ins Auge gelangt und in dessen Gewebe eingetreten sind. Da derartige Verletzungen gewöhn- lich nur bei Industriearbeitern vorkonimen, namentlich in den Werk- zeugfabriken und überhaupt beim Feilen, Hämmern, Nieten usw.. können unifangreiche Kenntnisse darüber nur in großen Städten oder wenigstens in solchen Ortschaften gesammelt werden, wo eine lebhafte Industrie besteht. Professor Hirschberg berichtet, daß er in den lebten 2ö Jahren 307 Angenoperalionen mit Hülfe deS Magneten ausgeführt hat. Professor Haab hat in 12 Jahren über 200 Fälle und Professor Sncll j300 behandelt, so daß im ganzen rund 800 Fälle für die Beurteilung zur Verfügung stehen. Die wichtigste Fest- stellung aus den Ergebnissen ist. daß Teilchen von Eisen oder Stahl niemals in den Geweben des Auges belassen loerdcn dürfen. Auch wenn sie keine Entzündung und keine Schmerzen mit sich bringen, so führen sie doch zu langsamen Veränderungen, die schließlich das Sehvermögen wesentlich' beeinträchtigen. Hirschberg erwähnt einen merkwürdigen Fall, bei dem ein Eisensplitter in die Netzhaut eines Arbeiters eingedrungen war, ohne daß zunächst die Sehkraft merkbar benachteiligt wurde. 26 Jahre später ermittelte Lerantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: der Arzt, daß der Mann durch Star und Cyklitis(Entzündung der Strahlenkörper in der Aderhaut des Llugcs) erblindet war•, die Erkrankung mußte schon ein Jahr nach dem Unfälle eingetteten sein. Der Arzt muß daher die Gegenwart und die Lage des Fremdkörpers im Auge möglichst bald mit allen Hülfsmitteln, zu denen auch die Röntgensttahlen gehören, genau feststellen und danach die Form des zu benutzenden Magneten und die Art seiner Anwendung bestimmen. Ist das Eisenstückcheu klein und oberflächlich gelegen, so kann es mit einem Handmagneten durch die Oeffnung der Wunde herausgebracht werden: sitzt es tiefer, so sind stärkere Instrumente nötig, und man hat dazu wahre Riesen- magnete hergestellt, die elektrisch erregt werden. Die Riesenmagnete hat Professor Haab zuerst eingeführt und genaue Anweisungen über die beste Art ihrer Anwendung gegeben. Namentlich ist dabei die Ueberhitzuug des Magneten in der Nähe des Auges zu vermeiden. Wunderbar, wenn auch durchaus erklärlich, ist der Umstand, daß der Fremdkörper unter der Wirkung des Magneten nicht in der Richtung aus dem Auge gezogen wird, in der er hineingelangt ist, sondern in der Richtung der magnetischen Kraftlinien, so daß er fast immer um die Linse herumwandert und hinter der Regen- bogenhaut erscheint. Professor Snell, der 1881 als Erster den Elekttomagneten für die Chirurgie des Auges empfahl, hat seinen ursprünglichen Apparat seitdem verbessert und für den Operateur handlich gemacht; er benutzt daher auch nie mehr den Riesen- magneten, sondern kleinere Jnstruniente. Wo der erste Versuch zur Herausziehung des Fremdkörpers scheitert, kann der zweite und dritte gelingen, und Arzt und Patient sollen daher nicht vorzeitig an der Behandlung verzweifeln. Andernfalls hat fast die Hälfte der Verletzten damit zu rechnen, daß sich der Star auf dem verwundeten Auge einstellt.— Humoristisches. — Der Heuchler.„Du, Kitty, Dein Onkel Gustav ist zu nett." „Findest Du? Ich mag ihn gar nicht mehr. Er heuchelt." „Wieso?" „Er schilt immer, auf die Frauen-Bewegung und kennt das ganze Ballett."— — Ein gutes Herz.„Alle drei wollen's mi heiraten. Dös is lieb. Wann i jetzt nur wüßt', welcher von die drei'S m e i st e Geld hat und am b a l d st e n st i r b t."— („Lustige Blätter.") Notizen. — Russische Gedichte Heines. Ilm der Belästigung durch den Zensor zu entgehen, bedienen sich die russischen Autoren nicht selten eines Kniffes: sie lassen ihre Arbeiten unter falscher Flagge segeln. So werden zahlreiche russische Originaldickitungen als Ueberfetzungen ausgegeben, indem man sie mit dem Vermerk „Aus Goethe",„Aus Schiller", hauptsächlich aber„Aus Heine" ver- sieht. Die Zahl der Heineschen Gedichte in russischer Sprache ist auf diese Weise durch eine Reihe von Poesien bereichert worden, die Heine nie geschrieben hat. Viele Zensoren lmsscn zwar recht gut, daß diese oder jene Sache mit Heine nichts gemeinsam hat. sehen aber durch die Finger, umsomehr, als die Zensurordnung sie nicht verpflichtet, die Uebersetzung mit dem Original zu vergleichen.— —„Der Kaiserjäger" von Ostwald und B r e n n e r t ist bei der Verlagsgesellschaft Harmonie als Buch erschienen.— — Die Gesamtausgaben für die zehn preußischen Universitäten und das Lyccum Hosianum in Braunsberg be- tragen ftir das Wirtschaftsjahr 1905 15 426 634 M.— — Die Wiedereröffnung des Schauspielhauses soll am 21. März stattfinden.— —„Die Lüge der Liebe", eine Künstlerkomödie in vier Alten von Leo Lenz, erlebt an: 26. Februar im Schauspielhause zu L.e i p M g die Erstaufführung.— — Humperdincks neue Oper„Heirat widerWillen" geht Mitte März in, O p e r n h a u s e zum erstenmal in Szene.— — Im Kunstsalon C a s s i r e r ist eine neue Ausstellung eröffnet worden. Bon Josef Israels wird eine Kollektion von 22 Werken gezeigt. Vertreten sind ferner: Paul Baum, Karl Walser, Hermann Schlittgcn und der Bildhauer Engelmann.—_ — Menzels„Brunne»Promenade in Kissingen" ist für die Dresdener Gemäldegalerie angekauft worden.— — In einem Neubau der Nürnberger K u n st g e w e r b e- Schule iverden Künstlerateliers für Nürnberger und fremde Künstler eingerichtet. Der Magistrat hat hierfür 40 000 Mark be- lvilligt.— — Das Gift des Duwocks. Julius Lohmann, der die Schachtelhalmarten einer eingehenderen Untersuchung unterzogen hat. fand, daß der Sumpfschachtelhalm oder Duwock(Equiseturn palustre) und in geringcrem Maße auch der Waldschachtelhalm(Equiseturn silvaticurn) ein Alkaloid, Equisetin, enthält, das bei dem Rindvieh. Kaninchen und auch anderen Tieren schädliche Wirkungen zeigt. Früher hatte man letztere auf Mangel an Nährstoffen, die reiche Kiesel- säuremenge, Aconitsäure, Flavequisettn und andere Bestandteile zurückgeführt, die sich jedoch auch in harmlosen Schachtelhalmarten, wie dem Ackerschachtelhalm(Equisstum arvense) finden.— („Prometheus".) Vorwärts Buchdruckerei u. VerlagsaustaltPaul Singer LcCo., Berlin LW.