Nnterhaltungsblatt des'Dorwärts Nr. 40. Freitag, den 24. Februar. 1905 (Nachdruck verboten.) 40] Der Baumeiften Roman von Felix Holländer. Man lud ihn für den nächsten Tag zum Diner ein— zum gemütlichen Diner! „Ganz entre dous!— Nur ein paar Freunde des Hauses!" Dankend nahm er an. Alles hätte man jetzt von ihm verlangen können— er würde nicht den Mit zu einem Nein gefunden haben... Es klingelte.-- Die Pause war zu Ende. Herr Frenze! hatte nicht übel Lust, in der Direktions- lege zu verbleiben, aber Doris warf ihm einen nicht mißzu- verstehenden Blick zu. Doris übte offenbar über Vater und Mutter eine sanfte Herrfchaft aus. Beim Herausgehen wandte sie sich, ohne daß die anderen es merkten, noch einmal rasch um und drückte ihm schweigend ihren kleinen Veilchenstrauß in die Hand. Die Vorstellung endete, wie sie begonnen. Das Klatschen wollte nicht aufhören. „Sieg auf der ganzen Linie," sagte Steinert stolz.„Wer hat nun recht gehabt?" Und Keßler erwiderte in ehrlicher Dankbarkeit: „Es war das große Glück meines Lebens, daß ich Sie gefunden habe!... Ohne Sie wäre das Theater niemals gebaut worden!... Steinert, Sic sind ein ganzer Kerl!" Steinert wehrte bescheiden und mit strahlender Miene ab. Dieser Abend wurde mit einem solennen Essen gefeiert, bei dem der Jubel seinen Höhepunkt erreichte. Achtundzwanzig st es Kapitel. Auf diesen Abend aber folgte ein Morgen, der alle Luftschlösser jäh einriß, allen goldenen Zukunftsträumen ein kläg- liches Ende bereiten zu wollen schien. Keßler glaubte nicht seinen Augen zu trauen, als er die Morgenblätkcr las. Er hatte am Abend so felsenfest unter der Stimmung eines großen Erfolges gestanden, daß er bei- nahe geneigt war, an ein gciueinsam verabredetes Komplott zu glauben. Freilich ihm selbst ging es in den Preßberichten durchweg gut. Sein Ruhm war in den Blättern aller Richtungen laut verkündet. Fast einstimmig hieß es, der Erfolg des Abends gehörte dem Baumeister, der ein einzigartiges Werk geschaffen hatte. Aber dann kam der hinkende Bote nach. Die Aufführung wurde als jamniervoll bezeichnet— das Ensemble als gänzlich unzulänglich. Ein Kritiker erklärte, daß es von vornherein als eine groteske Idee angesehen werden mutzte, mit Shakespeares „Sommernachtstraum" zu eröffnen, der gerade in Berlin so glänzend gespielt würde und einen so komplizierten Apparat beanspruchte. Der Ausfall dieses waghalsigen Experiments, das eine völlige Hülflosigkeit des künstlerischen Leiters voraus- setzte, sei noch schlimmer gewesen, als man gefürchtet hatte. Diejenigen, die mildere Saiten aufzogen und das junge Unternehmen nicht gleich in Grund und Boden zu bohren wünschten, erklärten, erst nach der Aufführung der eigentlichen Novität ihr endgültiges Urteil abgeben zu wollen. Uebercinstimmend aber warnten sämtliche Blätter vor den übereifrigen Freunden, die am gestrigen Abend sich als frei- willige und unfreiwillige Hausclague aufgetan hatten, und mit ihrem aufdringlichen Beifall bei den geschnmckvollcren Besuchern eine arge Mißstimmung hervorgerufen hätten. Als Keßler die Zeitungen zu Ende gelesen hatte, war er wie betäubt. Und völlig fassungslos begab er sich in das Theaterbureau, um mit Steinert zu konferieren. Seine Verblüffung aber wuchs noch, als der ihm freudestrahlend und scheinbar höchst vergnügt entgegeneilte. „Sie sind eben in Theaterdingen unerfahrener als ein neugeborenes Kind! Das ist nichts weiter als der grüne Neid ein paar elender Journalisten. Dieser Niesenerfolg am gestrigen Abend hat die Kerle aufsässig gemacht... M geht ihnen zu rasch... sie möchten uns nicht so schnell aufkommen lassen».. Nützt ihnen nichts... nützt ihnen nicht so viel!... Bei solch einem Bombenerfolge können die Zeitungen schreiben, was sie wollen... Es hat nicht die geringste Wirkung!... Die tausend Menschen, die gestern Zeugen der kolossalen Wirkung gewesen sind, erzählen es zehntausend an» deren weiter— und das ist die einzige Reklame, die es am Theater gibt!... Wollen Sie sich etwa einreden lassen, daß die Aufführung schlecht war?... Ich sage Ihnen, sie war glänzend! Wenn schon so'n Skeptiker, wie Frenze!——■ Na und gestern beim Festessen-- Ist auch nur eine einzige Stimme laut geworden, die irgendwelche Bedenken hatte?... Lassen Sic sich doch nicht dumm machen, Baumeister,— lassen Sie sich doch nicht blöffen!" Das klang alles so selbstbewußt und einleuchtend, daß Keßler gar nicht mehr aus und ein wußte. „Ich kann Ihnen doch nicht ganz folgen," sagte er nach- denklich.„Wie soll ich an eine absolute Mißgunst glauben, wenn die Leute dem Bau in der Weise Gerechtigkeit wider» fahren lassen!" „Das ist ja gerade der Trick... das. ist ja gerade das Raffinierte an der Geschichte!... Die Kerle wollen objektiv erscheinen, und darum loben sie das Haus... So gerissen sind sie schon, um sich zu sagen, daß ihnen keine Seele ein Sterbenswörtchen glaubt, wenn sie das Haus schlecht machen..» Denn da kann sich ja jeder selbst mit eigenen Augen über- zeugen und sein Urteil sich bilden... lieber die gestrige Vor- stellung dagegen können nur die urteilen, die dabei gewesen sind!..." „Wenn nur der heutige Abend gut ausfällt!" „Ich garantiere!..." „Steinert, Sie garantieren immer!..." „Bis jetzt Hab' ich mich noch nicht getäuscht!" „Das Garantieren, denken Sie. kostet nichts!" „Das„Meerleuchten" ist eine aufgelegte Sache!" „Hoffen wir!" „Außerdem— was wollen Sie, Herr Baumeister??.. Das Publikum drängt sich ja förmlich... Für die heutige Vorstellung ist kein Platz mehr zu haben!" „Nun, wir wollen's abwarten!" Von Steinert begab sich der Baumeister nach dem Kurfürstendamm, um bei Frenze! zu dinieren. Dort wirft Tu schon klarer sehen, dachte er. Frenzel ist der beste Barometer. Es tat ihm wohl, daß Doris ihn mit der gleichen Herz- lichkeit wie am gestrigen Abend empfing. Seine Stimmung hob sich allmählich wieder. Frenzel war freilich etwas reservierter. Dennoch be- handelte er ihn mit ausgesuchter Höflichkeit. Nur als die Rede auf Steinert kam, zuckte er mitleidig mit dm Achseln, und sagte:„Es war ein Blödsinn, init dem„Sommcrnachts- träum" zu eröffnen. Der Scherz wird uns ein Vermögen kosten!... Und außerdem war die Aufführung schlecht." Keßler war wie vor den Kopf geschlagen. „Davon sagten Sie doch gestern kein Sterbenswörtchen?!� „Fragen Sie meine Frau, ob ich mich nicht während der ganzen Vorstellung wie ein Mops geödet habe!" „Aber Simon!..." .„Ich kann Ihnen sagen, um ein Haar wäre ich eingeschlafen!" Doris' Augen blitzten vor Unwillen. Sie warf dein Vater wütende Blicke zu, aber der ließ sich nicht stören. „Außerdem Hab' ich mir gesagt, wozu sollst du reden? ... Wozu sollst du dir den Mund verbrennen?!... Vielleicht hat jener recht, und du verstehst von der Sache wirklich nichts! ... Am anderen Tag hat wörtlich in der Zeirung gestanden, was ich meiner Frau am Abend gesagt habe!,.." Doris konnte sich nicht länger beherrschen. „Ich finde Dich einfach geschmacklos, Vater," stieß sie hervor. „Wozu, ereiferst Du Dich, Kind?" lenkte Frenze! ein,„der Herr Baumeister ist doch nicht dafür verantwortlich, daß dieser Steinert ein ausgemachter Efel ist!" „Sie irren," entgegnete Keßler,„ich erkläre mich mit dem Manne solidarisch!" „Das bedaure ich... Las müßte ich aufrichtig bedauern," antwortete Frenze! kühl. «Und wenn der heutige Abend den erwarteten Erfolg bringt— wie werden Sie dann urteilen?" „Wissen Sie, das werde ich Ihnen morgen sagen! Wozu soll ich mir heute darüber den Kopf zerbrechen?!..." „Das ist die höhere Politik!" bemerkte Keßler. Seine Stimme klang ärgerlich und seine Stirn zog sich in Falten. «Unser Papa meint es ja nicht so schlimm," sagte Frau Frenze! und wollte vermitteln. Aber Frenze! erwiderte in gereiztem Ton. daß er gar keinen Anlaß hätte, seine Meinung über Steinert zu unter- drücken. Und herausgefordert fügte er hinzu, daß auf der Börse über die Vorstellung nur eine Stimmung geherrscht hätte, und die sei faul— oberfaul gewesen! Keßler erhob sich, um zu gehen. Solcher Frechheit war er nicht gewachsen. Aber Doris sah ihn flehentlich an, und Frenze! selbst, der nun wohl merkte, daß er zu weit gegangen war, brachte allerhand leere Entschuldigungen hervor. „Hören Sie mal, Herr Baumeister, ich bin ein bißchen aufgeregt.. Sie dürfen das nicht so krunun nehmen! Uebrigens wollen wir nach Tisch unter vier Augen ein paar Worte reden." Als dann der Mokka serviert wurde, zog er ihn in eine Ecke. „Wozu soll ich Ihnen Flausen vormachen?" sagte er. -„Es ist besser, Sie hören es von mir, als von anderen!" „Was soll ich hören?" „Daß Ihr Steinert nicht für einen Dreier Kredit hat! Alle Welt erklärt, daß der Mann nicht auf den Posten gehört." „Wenn wir beute abend Ersolg haben, wird alle Welt das Gegenteil erklären." „Wir worden aber keinen Erfolg haben!" Keßler riß die Augen weit aus. „Woher wollen Sie das wissen?" „Ich Hab' einen Riecher!... Ich sage Ihnen, ich Hab' einen Riecher!" „Ich danke Ihnen aufrichtig für die Prophezeiung!" „Ich wünschte, ich hätte unrecht!... Es kostet ja auch mein Geld! Aber von heute zu morgen schwenkt die Presse nicht! Die Leute habeil sich nach der gestrigen Vorstellung ein festes Urteil gebildet, das sie so leicht nicht fallen lassen!" „Das glaube ich Ihnen nicht." „Morgen werden Sie es mir glauben!... Es gibt nur eine Möglichkeit, um die Geschichte ins Geleis zu bringen." „Und die wäre?" „Was für ein Gehalt bezieht eigentlich Steinert?" „Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet." „Die hängt damit zusammen!" „Zwanzigtausend Mark Fixum und fünf Prozent vom Reingewinn!" „Im Ernste?" „Ich bin zum Spaßen nicht aufgelegt!" „Und wie lange hat er Kontrakt?" „Zehn Jahre!" Frenzel sprang in die Höhe. „Da haben Sie ja einen Geniestreich gemacht!" „Der Mann hat sich im Dienste der Sache aufgerieben!" „Reden Sie sich doch nichts ein!...'n ganz unfähiger Mensch ist das!" „Und was meinten Sie vorhin?" „Was ich meinte?... Was soll ich gemeint haben?.,. Ich denke, es müßte klar sein!..." „Mir nicht, Herr Frenzel!" „Gehen wir nicht wie die Katze um de» heißen Brei!,,. Sie müssen Steinert loswerden!. Keßler verfärbte sich. „Wofür halten Sie mich?" stammelte er. „Für vernünftig genug, um meinen Rat zu befolgen." „Sie haben sich denn doch etwas in meiner Person geirrt!" „Das sollte nur in Ihrem Interesse leid tun!" Keßler empfahl sich. Er verließ das Haus, ohne sich von den Damen zu verabschieden. Ter Kopf tat ihm weh. Er fühlte, daß er am Ende seiner Kräfte war. Auf der Straße stierte er vor sich hin und wagte niemanden anzusehen. Ohne Weg und Ziel eilte er davon. Wenn dieser Tag zu Ende wäre! Wenn nur sein Schicksal M erst entschieden hätte! Ohne es zu wissen, war er in den Tiergarten eingebogen. Aus einmal stand vor ihm wie aus dem Boden gewachsen Drenkwitz, der ihn laut und freudig begrüßte. Keßler schrak zusammen, als ob er bei einem Verbrechen ertappt worden wäre. „Menschenskind, bis Du aber nervös!... Siehst Tu mich deim überhaupt noch an?" fragte er gutmütig. „Wie kannst Du nur solche Scherze machen, Drenkwitz!" „Na,'n bißchen vergessen hast Du ja die alten Freunde!" „Ich?..." „Ja, Du mein Junge!... Ich hatte mich nämlich gewissermaßen auf'ne Einladung gespitzt, hatte schon damit renommiert!... Na, es war'ne kleine Enttäuschung!" „Drenkwitz, nimm mir's nicht übel... Ich habe mich um nichts—, aber auch um gar nichts gekümmert!... Ich weiß seit ein paar Wochen nicht mehr, wo mir der Kopf steht!" tFortsetzung folgt.), Oer berliner Oom. Selten ist mir ein Bau so überaus richtig vorgekommen. Und daher so berechnet, leer und bureaukrallsch. Es ist ein mit alten- mäßiger Genauigkeit aufgerichtetes Monument. Als hätten fleißige und routinierte Schüler säuberlich alles ausgeklügelt und nach bereit- gehaltenem Schema die Teile dann gefügt. So unheimlich korrekt ist das alles. Da sitzt immer Zierlverk bei Zierwerk, und sorgfältig entspricht eine Säule der anderen und eine Ecke der anderen. Da ein einheitlicher Gesamteindruck nicht erzielt ist. sondern das Ganze ein fleißig geordnetes Nebeneinander darstellt— es ist keine Schöpfung, die künstlerisch zu erfassen wäre, sondern ein aus» geklügeltes Exempel— so kann ich nur aufzählen, was zu sehen ist. Es gab dort oben so viel zu betrachten und zu bemerken, ich kann es kaum beschreiben. Dabei ist diese Ueberfülle nicht künstlerisch reich Verstrent, hat auch nichts Phantastisches an sich, etwa wie alte Dome phantastisch reichen Schmuck zeigen, sondern alle? ist säuberlich geordnet und marematisch berechnet, daß alles sich genau entspricht und alles stimmt. Ich sah fünf Kuppeln. Vier kleinere, an jeder Ecke eine, in der Mitre eine ganz außerordentlich imposante Rundung. Diese ist so mächtig, daß man nirgends ein Bild von ihr bekommt. Sie sitzt in dem Viereck, das von den kleinen Eckkuppelu begrenzt wird, drin wie in einem Kaste,». Offenbar find hier die Verhältnisse mißglückt. Man sieht die Hauptkuppel immer zerguetscht, verschoben, in den Einzelheiten übereinander gedrängt, nach hinten- über fallend. Niemals reckt sie sich stolz als Einheilsmittelpunkt des Ganzen heraus. Für diese Hohe ist sie überdies im Verhältnis zu der Größe des Ganzen viel zu umfänglich geraten. Dann sah ich allerlei Figuren als plastischen Schmuck in vielen Nischen stehen oder auch frei unter einem Säulenbogen. Diese Säulen waren alle so korrekt und exakt als wären sie direkt einer Stilsammlung entnommen. Sie bestanden immer aus drei Teilen und waren manchmal rund und manchmal eckig. Aber innner zierte oben das Kapital vorschriftsmäßig das gehörig geordnete Blattwerk. Ich sah die erwähnten Figuren alle lebhaft agieren. Sie hoben einladend die Hände. Sie streckten sie jubelnd gen Himmel. Düster blickten sie zu Boden, um dann wieder getröstet emporzuschauen. Ueber dem Portal sab ich eine Bronze-Arbeit, die recht unglücklich angesetzt ist. Der kleine Junge, der oberhalb der Gruppe steht, quetscht sich den Kopf und seine Stellung wird dadurch eine verfängliche. Zu beiden Seiten eines Schildes, das unter dem Kinde sich befindet, lagern Gestalten, denen lebhafter Schwung eigen ist. Und auf dem Schilde stehen die Buchstaben A und O. Weiterhin sah ich Steinreliefs. Da hielten kleine Engel ein Tuch und unter dem Tuch erscheint eine Krone. Dieses ist des öfteren wiederholt, und so sieht man eine Reihe von Kronen an der Front des Domes. Um die große Kuppel herum stehen Engel. Der eine spielt Bioline, der andere Mandoline, ein dritter Harfe. WaS der vierte spielt, konnte ich nicht erkennen. Auch Guirlanden sind des öfteren angebracht. Fünf große goldene Kreuze sah ich. Auf jeder Kuppel steht ein Kreuz. Auch sind auf der Rundung der Kuppeln im Kreise kleine Erhöhungen an- gebracht, die in Gold enden. Ich konnte nicht erkennen, was es war oder darstellen sollte. Es wirkte in der Höhe ganz winzig. Sollten es Weihrauchfackeln sein? Ich stellte fest, daß der Dom ohne jede Rücksichtnahme auf den Platz, auf dem er steht, nur so hingesetzt ist. Er drängt alles andere fort und macht Raum für sich. Wer den alten Dom kannte, wird sich vielleicht darüber gefreut haben, wie schön der Eingang Ivirkte, der von dichten Bäumen ganz beschattet war. Es war eine Intimität in dieser Ecke gewesen. Nun stehen diese Bäume melancholisch da und wissen nicht, was sie vor diesem Prachtbau sollen. Welche schöne Gelegenheit bietet ein vorüberfließendes Wasser de»n einsichtigen Architekten, der mit Rücksicht auf diese ruhige, glatte Fläche die Front baut. Der alte Teil des SchloffeS z. B., der nach dem Waffer zu liegt, bietet in seiner einfachen An- ordnung ein gutes Beispiel dafür. Nichts davon hier. Hatte dieser Platz nicht durch das Schloh und durch den TempelVau des gegen- über liegenden Museums seinen Charakter, der nun zerstör: ist? Wie ein Eindringling schiebt sich der Dom ein und macht sich so breit, datz die stilleren, alten Gebäude sich bescheiden müssen. Wie schön hätte dieser Platz gewirkt, wären nur Anlagen statt des Doms hierher gekommen, so daß zu beiden Seiten der Tempelarchitektur des Museums das Wasser breit dahin- fließen würde. So aber grüßt der Dom über die Zinnen des Schlosses hinüber das Kaiser Wilhelm- Denkmal, das in seinen Verhältnissen, in seiner Pose, in seiner ge- drängten Lage ebenso unglücklich geraten ist. Wie ein Klotz ist dieses neue Gebäude eingerammt, fügt sich weder dem Platz ein, noch nimmt es Rücksicht nach der anderen Seite auf das Wasser, es ist eben einfach hingesetzt, auf dem Papier erdacht und hingesetzt. Die alte Marienkirche, die man von der Brücke aus fleht, sieht frischer und origineller aus als das neue Gebäude. Sie nimmt sich auch noch die Freiheit heraus, nicht fchemarisch genau in der Mitte des Platzes zu stehen. Und der märkische Lokalcharakter spricht deutlich und energisch aus den Formen. Welcher Charakter aber spricht aus den Formen des Doms, der sich so herrisch über das alte Kirchlein, dessen architektonische Tradition er einfach ignoriert, statt sie klug weiterzubilden, emporreckt? Der Charakter. der aus ihm spricht, ist der des kunstgeschichtlichen Lehrbuchs und Unterrichts, die da lehren, Nachahmung sei das Beste, und nicht daS Kleine. Bescheidene, Wurzelechte sei zum Borbild zu nehmen und aus eigener, erstarkender Kraft weiterzubilden, sondern das Pomp- haste. Fremde, Gelehrte. Weder religiöse Mystik, noch Glaubenssehnsucht, noch Demut und Ergebung dokumentiert dieser Bau, er plaudert das Bekennen aus. uns ist Religion ein Machtmittel, wir herrschen damit. Päpstliche Herrschsucht, ganz unprotestantisch, predigen diese Mauern, und die Formen sind unserer, der märkischen Landschaft ganz stemd. Es ist verlorene Mühe.— E. Lest. Kleines feirilleton. es. Ellen Key sprach am Mittwoch im Architektenhause über die.Evolution der Seele". Sie beherrscht das Deutsche nur unvollkommen, infolgedessen ist das Zuhören eine Anstrengung. Die Sätze verwirren sich, die Artikel und Adjektiva führen einen burlesken Tanz auf, schließlich kommt ein Substantiv schwer hinterher gestolpert und macht einfach resolut Schluß. Danach räuspert sich die Rednerin laut und vernehmlich. Zudem sprach sie leise und mehrfach wurde sie um deutlichere Akzentuierung gebeten. Auf ihrem Gesicht ist ein klarer, ein bißchen vernünftelnder Wille und Ordnungssinn ausgeprägt. Er zeigt sich auch in einer öfter wiederkehrenden Bewegung der Hand, die gleichsam sagt: So, nun ist alles gut hergerichtet, und sich dessen freut. Und peinlich ist sie darauf bedacht, daß die Uhrkette hübsch im Kreise regelrecht um die Uhr herumliegt, eh sie beginnt. Die Hand sagt dann: Sol Es ist die kokett-akurate Sauberkeit der alten Jungfer. Ellen Key kommt aus Schweden. Sie hat sehr viel gelesen. Sie hat Emerson gelesen und Nietzsche gelesen und Goethe und die Romantiker und Ruskin, den englischen Reformator. Von dessen etwas larmoyantem Predigertum hat sie am meisten an sich. Von Goethe und Nietzsche sollte sie die Finger lassen. Zwar horchte das bürgerliche Fraucnpublikum beglückt auf, als die Schwedin sagte: Euren Goethe. Euren Nietzsche! Aber die Härte dieser Charaktere paßt nicht zu einer gelegentlichen Ausnutzung, um eine Phrase zu füllen. Auch in der Frauenfrage weiß Ellen Key Bescheid, und dort umgeht sie klug alle praktischen Kämpfe und widmet sich dafür„der Evolution der Seele". Von„Seelenvollheit" und„Lebenskunst" und..Frauenkraft" war daher viel die Rede. Die Seele ist dies und die Seele ist das— so ging es immerfort, und die„Scclenvollheit" entpuppte sich immer mehr als impotente Tollheit. Ellen Key kennt auch den Darwinismus und den Monismus— was kennt sie nicht? Sie mischt Maeterlincks schwindsüchtige Phrasen als geschickte An- eiguerin mit amerikanisch-englischem Straßenpredigcrräsonnemcnt — zuweilen wurde ich an die Heilsarmee erinnert— und tut dann noch jene tantenhafte, gouvernantenhafte Wehleidigkcit und. Für- sorge hinzu, die wie eine versöhnende Sauce dieses ftemdc Ragout übergießt. Es ist ein Schauspiel, wie das bürgerliche Philistcrium beiderlei Geschlechts sich abmüht, am Kampf der modernen Ideen teilzunehmen, dabei aber immer sich scheut, ins Leben tatkräftig hinauszutreten. Alte Philosophien werden wieder ausgegraben, mystische Sensationen hervorgeholt, vergangene Literaturpcriodcn stehen wieder auf, alles zum Gebrauch und Nutzen deS schwächlichen, bankrotte», blutarmen Bürgertums, das aber doch so gelehrt ist und so gern ganz modern sein möchte. Es ist seine letzte Kraft- anstrengung. Die Bücher dieser Frau gehen in dem Lande, wo die meisten gelehrigen Schüler sitzen, in Deutschland, gut. Die Auflagen gehen in die Taufende. Nach dieser Rcklamctournee werden sie noch höher anschwellen. Neben mir liegt ein flugS gedrucktes, kleines Büchlein, das gratis verteilt wird, vom Verlag herausgegeben,„Ellen Key", Auszüge aus den Essays, nebst Einleitung und Porträt. So wird's gemacht. Natürlich stehen die Ansichten der Schwedin immer noch hoch über dem sonstigen kleinlichen, satten Egoismus der bürgcr- lichen Kreise. Aber wer größer als ein Zwerg ist, ist noch nicht groß. Für die tüchtigeren Elemente dieser Kreise bedeuten diese schönen Phrasen nur ein Berauschungsmittel. Sie find ein Narkotikum, und der Katzenjammer wird folgen. Es gibt eben Dinge, über die man nicht endlos redet, sonixrn man tut sie. Was hat es für einen Zweck, wenn Ellen Key dekretiert, das neunzehnte Jahrhundert ist das Jahrhundert der Frau, das zwanzigste das deS Kindes, das einundzwanzigste wird das des Menschen sein? Meinet. wegen— das wollen wir erst aber sehen. Es kann sein, es kann aber auch nicht sein. Wozu also überflüssige Erörterungen? Zudem braucht eine Nation, die einen Goethe, einen Schiller, einen Heine besitzt, sich nicht von einer Schwedin allerlei über „Seelenvollheit" vorerzählcn zu lassen. Wer daran Gefallen findet, gesteht nur ein, daß er zu faul oder zu unfähig war, selbst aus den Quellen zu trinken. Alte Tanten haben ja etwas Nettes. Es ist immer warm bei ihnen. Es ist immer sauber bei ihnen. Und so» lange sie mütterlich sorgend um einen bemüht sind, hat man sie gern. Fangen sie aber an, zu ermahnen und allen Ernstes Erwachsenen von gesundem und kräftigem Gliederbau, die die Welt vor sich sehen als Zukunft, Lehren zu geben, so fangen sie auch an, fürchterlich z« werden. So war also Ellen Key, die biellesende Schwedin, eine Ent» täuschung. Grämen wir uns nicht darum. Es ist eine Erkenntnis. Gehen wir resolut an die Arbeit! Lassen wir die Schwächlichen träumen! Freuen wir uns des Kampfes!— ck. Aus der Geschichte der Brosche. Die Geschichte der Brosche, dieses beliebtesten weiblichen Schmuckstückes, führt bis in die Urzeiten der Geschichte zurück. Schon in Gräbern der Bronzezeit finden sich Sicherheitsnadeln, sogenannte Fibeln, die sich allmählich durch reiibereS Ornament zu Broschen entwickeln. So sehen wir z. V. im Pester Nationalmuieum eine Gewandnadel, die durchaus unserer SicherheitS» nadel entspricht; doch durch reichere Verzierung der Enden mit schön ornamentierten Platten entsteht allmählich ein schildartiger Schmuck, den wir Brosche benennen müssen. Diese Entstehung der Schmuck« brosche aus der einfachen Nadel führt uns in lehrreichen Bilderr ein reich illustriertes, kürzlich erschienenes Buch von Harrtet A. Heatop �Tlrs Brooches of many Nations" vor Auge». Die Nadel selbst abei ist wieder die künstliche Nachahmung und Nachbildung eines gewöhn- lichen Dornes; den Dorn gebrauchen auch heute noch du Frauen Obcräghptens, um ihre Kleider festzustecken. Die Archäologü bat ja zu unserem Erstaunen es offenbart, daß die ägyptische Dam viele tausend Jahre bor Christt Geburt schon in den geheimnisvollen Zeiten prähistorischer Epoche in Toilette und Allüren ihrer Schwester in unserem zwanzigsten Jahrhundert nicht unähnlich war. Sie trug nicht nur elegante Röcke und Korsagen, sie schmückte sich mit Arm- bändern, Halsketten und Ohrringen wie die Frau von heute. Und da sie von diesen ihren Kostbarkeiten sich auch im Tode nicht treimte und sie mit ins Grab nahm, sind uns in ägyptischen Mumien für alle Fragen nach ältesten Toilettengegenständeu wundervolle Doku» mente zur Aufklärung dargeboten. So sind denn auch Spangen, Nadeln und Broschen aufgefunden worden. Die frühesten Nadeln sind wohl aus Knochen gemacht worden, doch sind auch schon Nadeln aus Kupfer und Bronze in den Gräbern sehr früher Epochen aus» gegraben worden. Bei allen primitiven Völkern scheint die Entwickelung vonr Dorn über die Nadel zur Sicherheitsnadel und Brosche früh fort- geschritten zu sein, denn in skandinavischen, kelttschen, schottischen. ungarischen Gräbern hat man bereits broschenartige Nadeln ge» stinden. die eine außerordentliche Schönheit des Ornaments, eme prachwolle Behandlung des Materials und eine strenge Einfachheit der Form zeigen, wie wir sie heute bei der Brosche meistens nicht rnehr finden. Auch betonen sie immer stark das Prinzip der Nadel. die zusammenhalten soll, und bestanden gewöhnlich aus zwei symmetrischen Teilen, so daß in der Brosche sich zwei Gewandstücke symbolisch vereinigten und verbanden. ES hatte die Spange auch in aller primitiven Kleidung eine viel wichtigere Bedeutung als bei uns, denn damals trug man ja keine genähten Kleider, die nach festem Schnitt zusammengehalten wurden, sondern die fteifallenden Stoff- masseu des antiken GelvandeS lourden nur hie und da durch eine Spange gerafft und gebändigt. DieBrosche istherlte völlig zum Schmuck geworden, glänzt in Diamanten und kostbaren Fassungen; sie wird jetzt auch imr von Frauen gettagen, lange Zeit aber war sie auch Männern ein un- entbehrliches Toilettenstück. Geheimer Zauber knüpfte sich an die Brosche ür mancher Mythologie, sie hatte die Gabe des Haltens und Verbindens, galt als Symbol der Vereinigung und des festen Zu» samnrenhalts. Die alten Brdschen und Spangen, die das Pepton zusammenhielten, waren viel größer und stärker als unsere heutigen Broschen, so lang etwa wie unsere Hutnadeln. Nur so ist es zu er- klären, daß mit ihnen Bluttaten und Morde ausgeführt wurden. So stach sich OcdipuS mit den Spangen seiner Frari die Augen aus und Hekuba tötete mit der Nadel ihrer Brosche die beide» Kinder des ihr verhaßten Polymestor. Kelttsche Broschen haben häufig Nadeln von 10 oder 20 Zoll Länge, so daß sie wie Dolche aussehen und eine furchtbare Waffe abgegeben haben müssen. So ist es verständlich, daß keltische Sagen erzählen, der irische König Cucholin habe sein Staatsklcid nicht ordentlich befestigt, beim Auf» stehen sei seine goldene Brosche aulgcgangen und habe ihn schwer verletzt. Von diesen frühen Formen, die auch sehr großen Schmuck, z. B. in Aegypten den stilisierten Habicht, iu Skandinavien mächtige Schilder hatten, führt der Weg zu den zierlichen und feinen Filigran» broschen, die wir schon in altetruslischen Gräbern finden, und zu den zart durchbrochenen Goldarbeiten, die die römische Braut in ihrem Schmuckkästchen mit sich führte. 1793 ist in Rom ein solch silvemes Kästchen aus einer Braut- ausstattung gefunden worden, in dem sich eine Schnalle, zwei Broschen und zehn Haarnadel» fanden. Dem harten Römer erschien der Gebrauch solcher Fibula schon als weibisch, denn nach dem Berichte des Plinius beklagte sich Brutus in einem Brief aus Philippi über den wachsenden Luxus im Heere, da die Offiziere goldene Fibeln au ihren Uniformen trugen. Im Mittelalter aber hatte die Brosche in der männlichen Tracht ihre höchste Ausbildung erhalte», indem sie als Gewandnadel und Mautelschlicfie für die Tracht der Kirchenfürsten verwandt wurde. Das Pectorale, die grofie Brosche, die das Pluviale des bischöflichen Ornats zusammenhielt, das Rationale, das den Mantel schlojj oder die Cosel verband, sie sind erlesenste Werke der Gold- schmicdekunst, berühmte Kostbarkeiten, wie das Aachener Pectorale aus den, 14. Jahrhundert. In der kirchlichen Tracht fand so die Brosche eine ähnliche Verwendung wie auch in der Frauenkleidung, wo sie hauptsächlich als Brustschnalle das Gewand zusammenfügte. Als reines Schmuckstück, wie es heute an den Kragen des Kleides gesteckt wird, finden wir es allgemein üblich erst im 19. Jahrhundert. Bis dahin oiente die Brosche, selbst wenn sie mit denl Halskollier aus einem Stück bestand, wie auf Tizians be- rühmtem Bilde der Königin Jsabella in Madrid, doch immer noch als Nadel. Auf Bildern Rembrandts glühen dunkle Edelsteine an der Brosche auf und sie scheint bereits von diesem Meister, der seine trauen mit Schmuck belud, als reine Dekoration behandelt zu sein. »ann beginnt die Brosche allmählich modern zu werden, wie wir sie heute tragen, und die Veränderungen und Wandlungen ent- springen heute nur noch den Launen und Bizarrerien der Mode. Nur leise machen sich allgemeine Kultureinflüsse geltend. Bevorzugung von Kameen und Gemmen im schlichten, antikisierenden Rahmen, wie sie Semper entworfen, lassen auf griechische Einflüsse schließen? farbenglühende, kostbar geformte Gebilde, wie sie Lalique heute als Broschen darbietet, atmen ein reiches modernes Leben. Im übrigen ist die Brosche bald unförmig groß, bald zierlich klein. Trugen die Mädchen der RestaurationSepoche feine Goldstreifen auf der weißen Halskrause, so schmückten sich die Damen der Gründer- zeit mit gewaltigen Schildern, die beinahe Panzern glichen. Bald trägt man die Broschen kreisrund, bald oval. Nachdem sie so ihren eigentlichen Zweck verloren haben, sind sie nun völlig in die Wand- lungen der Mode eingeordnet.— Theater. Lessing-Theater.„Ein Volksfeind." Schauspiel in fiinf Akten von Henrik Ibsen.— Was Ibsens Doktor Stock- mann von Wahrheiten, die zur Parteiparole werden, sagt und was für manche gewiß auch zutrifft, daß sie in anderthalb Jahrzehnten etwa sich überleben, daß. ivas ehedem als fortschrittlich keimkräftige Auffassung das Recht für sich hatte, bei dem raschen Wechsel der Um- stände und der Entwickcluiig menschlichen Denkens bald zur leeren Hülse wird, aus der der Geist entflohen, das gilt in mindestens dem- selben Umfange auch für da? Bereich der künstlerischen Betätigung. Richtungen und Werke.dieinihrerZeit mit lautemBcifall begrüßtwurden und als fortschrittlich Neues eine solche Aufnahme auch verdienten, er« scheinen oft nach kurzer Frist schon leblos und verstaubt. So ist es unter anderem, als der Naturalismus sich vertiefte, deni ehedem ge- priesencn französischen Gesellschastsdrama der Dumas, Augier und Sardou gegangen. Aber so lvie es in der Politik„Wahrheiten" gibt, die diesem Schicksal des SichüberlebcnS enthoben sind, so auch künstlerische Produktionen, die, den Wandlungen des Zeitgeschmackes trotzend, ihre innere Kraft durch Generationen und Jahrhunderte bewahren; und Ibsen selbst ist einer von den wenigen, dessen Schaffen dieses Los beschieden sein mag. Der„Volksfeind" hat jetzt über zwei Jahrzehute auf dem Rücken, also die Lebensgrenze, die eine robust gebaute Wahrheit nach Stockmann ohne Wert- Verlust erreichen kann, bereit? erheblich überschritten, aber er wirkte in der Neueinstudierung de? Lesfing- Theaters so - frisch lebendig wie an dem ersten Tag. Die paar Schatten, die an dem Bilde stören könne», ssind nicht durch die Zeit hinein geschwärzt; man hat sie damals, als das Werk erschien, ebenso deutlich geseben'wie heute nud sich wie heute so damals durch sie den Genuß des Ganzen nicht verkümmern lassen. Man fühlt es sofort, daß Ibsen nicht etwa nur mit seinem prächtigen Stockmann, dem Volksfeinde, menschlich sympathisiert, sondern daß er in den zwei letzten Akten den Doktor zum Herold seiner eigenen Ansichten macht. Die Tendenz, die ihre Spitze erst nur gegen die engherzig interessierte Heuchelei richtet, läuft auS in eine Verherrlichung des Individuums, da-Z grundsätzlich von jeder Partei sick lossagt und. seltsam verblendet, in dieser Isolierung_Mc Wurzel höchster Kraft zu finden glaubt. Die große Rede Stockmanns geht von dem Angriff gegen eine tumultuarische Volksversammlung und gewissenlose Volksschmeichler, offenbar gleichfalls im Sinne Ibsens, zu einem Angriff gegen die Demokratie über. Dem llnsinn, daß die Majorttät immer recht hat, stellt Stockmann den größeren Unsinn, daß umgekehrt das Recht immer bei der Minorität sein müffe, entgegen. Die Paradoxen, die als Stimmungsausdruck Stockmanns vorzüglich charakteristisch scheinen, erhalten durch den Akzent, den Ibsen auf sie legt, den Wahrheitsanspruch, den er ihnen beimißt, etwas den Widerspruch Herausforderndes, Anreizendes, das in einer weniger reichen und Verantlvortl. Redakteur: Panl Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: bedeutsamen Dichtung eine bedenkliche Hemmung des Totaleindruckes sein würde. In Ibsens neuerdings veröffentlichten Briefen kann man verfolgen, wie stark in diesem Vorkämpfer des radikalen Jndividnalismus lange Jahre hindurch die instinktive Abneigung gegen die Demokratie ge- wesen ist. Ein seltsamer Widerspruch I In der Zeit als er, provo« ziert durch den Enttüstungssturm, den die„Gespenster" bei Pharisäern und Philistern hervorgerufen, den„Volksfeind" schrieb, war jenes Vorurteil, das dann allmählich einer aufrichttgen Bewunderung der großen sozialen und demokratischen Arbeiterbewegung Platz machte, von ihm noch nicht Überlvnnde». Und die Anttpathie gegen jede aktive Beteiligung an dem Parteikampfe hat ihn, so sehr er später dessen Berechttgung und Notwendigkeit einsah, anscheinend nie verlassen. Was sich aber auch inhaltlich gegen die Tendenz des„Volksfeindes" im einzelnen wohl sage» ließe, das Stück in seiner außerordentlichen dramatischen Bewegtheit und Schlagkraft ist formal geradezu ein Muster seines Genres; es zeigt so klar wie wenig andere Werke die völlige Verkehrtheit jener ästhetifierenden Doktrin, die Tendenz und dichterisch dramatische Wirkung für cttvas in sich Unvereinbares erklärt. Die Aufführung sorgte dafür, daß jede Feinheit des Aufbaues und der Charakteristik zu voller Geltung kam. B a s s e r in a n n s Doktor ist von früher her bereits bekannt. Er gibt dem schlichten Manne einen strahlenden Schein inneren Glückes; eine kindlich arg- lose Zutraulichkeit, die im Sturme die Herzen erobert. Die triumphierende Freude, als er seine Entdeckung, ohne eine Ahnung ihrer Gefährlichkeit, mitteilt, sein naives Erstaunen, der lang zurückgehaltene und dann so gewitterhast erfrischend explodierende Zorn über die verlogene Tücke, der er überall begegnet— daS prägte sich, wie Bassermann cS darstellt, gleich echtester Natur den Sinnen ein. Wunderbar gelang die Rede vor der Volksversamm- lung. Was so leicht hätte oratorisch wirken können, das erschien in seinem genial legeren Spiel wie eine aus dem Augenblick heraus geborene, im Grunde ganz selbstverständliche Aeußerung des Temperaments. Ein vorzügliches Massenensemble unterstützte ihn bei dieser, der entscheidenden und schwierigsten Szene des Stückes. Else Lehmann als Frau Stockmann brachte die Mischung von Güte und Borniertheit höchst fein und eindrucksvoll heraus. So war auch die Gegenpartei der Streber in ausgezeichneten Typen vertreten: der Stadtvogt durch Oskar Sauer, der Mäßigungsapostel Aslaksen durch Karl Forest, die beiden Redakteure des„Volks- boten" durch Z i e n e r und Meinhard.— ckt. Hniiioristisches. — Der folgsame Lehrling. Der„Franks. Ztg." wird von einer Leserin aus Furth berichtet: Ein hiesiger Schreiner- meister hatte im letzten Sommer einen jungen Hund gekauft, der sehr nett heranwuchs und seinem Herrn durch treue Anhänglichkeit und drolliges Wesen viel Vergnügen machte. Nicht so sehr der Gattin des Meisters. Sie liebte das Tierchen gar nicht, es war ihr immer im Wege und wurde sogar nicht selten die Ursache zu einem kleinen Zwist zwischen den sonst sehr friedfertigen Ehegatten. Als nun gar im Januar die Zeit gekommen war, wo der Hund ver- steuert werden mutzte, nahm das Brummen und Schintpfen der Frau über den Hund kein Ende. Der Mann sagte gar nichts— der Frieden des Hauses war ihm hcflig. Aber heimlich gab er einem seiner Lehrbuben fünfzehn Mark und befahl ihm, am nächsten Morgen mit dem Hunde das Haus zu verlassen, ohne daß die Meisterin es merke(er werde schon dafür sorgen, daß seine Frau nicht in der Nähe sei), und den Hund auf dem Rathaus zu ver- steuern. Wenn das„Unglück geschehen sei", werde sich die Frau wohl darein fügen.„Mehr wie schimpfen kann sie auch nicht," meinte der Slhrciiiermciftcr,„und schließlich muß sie ja gute Miene zum bösen Spiel machen, wenn das Geld nun doch einmal bezahlt ist!" Die Frau aber wußte auch daß am nächsten Tage der Stcuertcrmin für die Hunde sei. Früh morgens sagte sie zu demselben Lehr- buben:„So— der Sache mit dem Hundevieh will ich jetzt ein Ende machen! Nimm den Hund heimlich fort(ich werde schon dafür sorgen, daß mein Mann nichts merkt I), führe ihn zum Schinder und lasse ihn umbringen!" Der Bub nahm gehorsam den Hund an die Leine und ging bitterlich weinend mit ihm aus dem Hause. Das arme Tier tat ihm gar leid; er hatte es sehr lieb, denn es war auch ihm ein treuer Freund und ein geduldiger Spielkamerad. Aber was war zu machen? Der Wille der Meisterin ist das höchste Gesetz. Zunächst aber führte der Bursche den Auftrag des Meisters aus. Er geleitete den treuen Hausgenossen zur Versteuerung, erlegte pflichtschuldigst die empfangenen fünfzehn Mark, empfing eine Stcucrmarke und trollte ab. Dann zog er schweren Herzens, Quittung und Marke für den versteuerten Delinquenten sorgfältig in der Tasche bergend, mit dem Hunde zur Stadt hinaus, über Felder und Wiesen, bis vor das Antvesen des Schinders. Dem übergab er das arme Tier mit der von der Meisterin empfangenen Weisung— es umzubringen. Und laut heulend lief er davon, um der Voll- zichung des grausamen Urteils nicht beiwohnen zu müssen. Welcher Art der Empfang gewesen, der dem treuen Diener seines Herrn und feiner Herrin zu teil geworden ist, konnte ich nicht ermitteln.— Tie nächste Nummer des Untechaltungsblattes erschemt am Sonntag, den 26. Februar. Vorwärts Buchdruckerei u.BerlagSaujtalt Paul Sinzer Lc Co., Berlin LV7.