ZlnterhaltMgsblatt des Dorwätts Nr. 48. Mittwoch, den 8. März. 1905 Li Mra!— Mma! (Nachdruck verboten.) r> Erzählung aus deni Leben der Hafenarbeiter voil V. I. D m i t r i e tv a. Autorisierte Ucbersetzung auZ dem Russischen von S. E. W i n i k o f f. Mikola ging nach derWeisung des Schutzmanns zumHafen hinaus und befand sich mit einem Male in einem Menschen- gewimmel, wie m einein Ameisenhaufen. Man lud im Hafen Schoner aus, die von auswärts gekommen waren. Un- aufhörlich arbeitete die Tampfwinde und verursachte mit ihren Rädern einen ohrenbetäubenden Lärm. Einer Schlange gleich kroch langsam, rasselnd und vor Anstrengung zitterild die lange Kette herunter, an deren Ende ungeheure Ballen am Haken befestigt waren, um mit demselben Poltern wieder hinauf- zukriechen. Und aus dem Lärm hörte man das eintönige Ge- schrei der Auslader:„Wim! Maina!— Wim! Maina!" Auf dem doppelten Steg gingen zwei Reihen Lastträger nach dem Ufer und wieder zurück. Ein jeder hatte aus dem Rücken ein Kissen zum Tragen der Lasten. Mit schlaff her- liiederhängenden Armm und mit vor Anstrengung finsteren Gesichtern bewegten sie sich vorsichtig mit ihren zitternden Beinen und atmeten tief ans, wenn sie ihre schwere Last ab- gesetzt hatten. Die Kehllaute der türkischen Sprache mischten sich mit dem schnarrenden Gemurmel der Grusinier, und von Zeit zu Zeit platzte in diese Disharmonie ein kräftiges rufst- schcs Schimpfwort hinein. Das ganze Chaos übertönte herrisch und kreischend die Winde und das gepreßte Zischen der kleinen Dampfmaschinen. Mikola stand ganz betäubt. Er wußte gar nicht, wohin mit seinem Sack und mit seiner plumpen Figur, die überall im Wege war. Grad auf ihn zu schritt eiu kerngesunder Türke mit einem roten, verschossenen Fes, dem die Quaste fehlte, in schäbigen Pumphosen, die jede Minute in den Rähtcn zu reißen schienen. Er hielt den Mund weit offen, wie ein sterbender Fisch, atmete schwer und stierte mit seinen schwarzen Augen wiitend auf Mikola. Hinter dem Türken schritt ein stattlicher Adjare mit einem Baschlik, der wie ein Turban um seinen rasierten Kopf gewickelt war. Das Tragkissen hatte sich bei ihm verschoben, wodurch ihn die Last noch schwerer drückte. Das hübsche Gesicht war vor Anstrengung entstellt, med der Schweiß rann ihm von der Stirn. Ihm folgte leicht und behende ein hagerer Grusinier, und hinter ihm rannten Armenier in ihren niedrigen Mützen und ihren dunkelblauen Jacken. Nur ihre langen Nasen ragten unter den Ballen, die auf ihren leistungsfähigen Rücken aufgetürmt waren, hervor. Sie alle glichen Ameisen, deren Nest man zerstört, und die geschäftig davonrennen, um ihre kostbaren Eier eilends in der Erde zu verbergen. Und sie alle, diese Türken, Armenier, Adjare», Grusinier verband hier brüderlich ein Weltbcherrscher, der Hunger. Sich unter ihrer furchtbaren Last tief krümmend, schweißtriefend krochen sie ans der Erde dahin, um elende Brot- krumen aufzulesen, die ihnen der andere Herrscher, das Kapital, herablassend zuwarf. „Sieh mal an," flüsterte Mikola, der diesem Treiben zu- sah und rechts und links auswich, um den Lastträgern den Weg frei zu macheu.„Allmächtiger Gott, es scheint, das Leben ist überall schwer, nicht nur bei uns Bauern. Verzeih' mir Gott! Was schleppen die für Lasten.. nicht wie Menschen wie Ochsen!" Und die Winde rasselte ununterbrochen, indem sie wieder und wieder große Ballen ausländischer Ware hinabwälzte. Und die Matrosen kommandierten:''„Wira! Achtung! Wira! Schneller! Maina! Stopp!" Die brennende Sonne versengte die Erde, durch die durchglühte Luft dröhnte von Zeit zu Zeit die Kanone, und die Lastträger, fast erdrückt von der schweren Last, krochen hin und her, wie elende Würmer. Plötzlich stürzte geradeswegs auf Mikola ein Mensch mit einer Handkarre zu, von der ein Teil der aufgeladenen Waren herabfiel. Und der Mann begann, im reinsten Russisch, fürchterlich zu schimpfen: „Ach, Du! Vogelscheuche! Was stehst Du hier und hältst Maulaffen feil? Scher Dich weg, sage ich Dir. Stehst da wie ein holländischer Ofen! Hast keinen besseren Platz ge- funden, Pfahl Du, eichener! Geh' zum Bahndamm und pflanz' Dich als Telegraphenstange auf." „Was bellst Du denn?" sagte Mkola gutherzig, indem er die zerstreuten Säcke aufsammelte und sie auf die Karre legte.„Ich bin Dir doch nicht absichtlich vor die Füße ge- laufen. Mußt eben besser aufpassen und nicht nach allen Seiten gaffen! Da hast Du Deine Säcke.. und nu.. mit Gott!" Die beiden sahen einander an. Der kleine Lastträger hatte, wie die anderen, schmutzige Lumpen auf dem Leibe, auf den nackten Füßen Pantinen und einen Kurtair auf dem Rücken. Doch sein von der Sonne verbranntes Gesicht mit den hervorstechenden Backenknochen und roten Bartstoppeln, sowie seine plrimpe Nase und seine blauen Augen stachen gegen die Masse der broirzefarbenen und krummnasigen Türken und Adjaren so ab, daß seine russische Herkunft unverkennbar war. Mikola sagte sich dies gleich, er vergaß den Zank und sah ver- gnügt auf das Männchen, das seinerseits auch Mikola an- starrte und mit Schunpfeu aufhörte. „Landsmann? Nicht?" fragte er kurz. „Hast's erkannt! So ist es, ein Landsmann. Hab' mir auch gleich gesagt, das ist ein echt russisches Gesicht. Und nu stimmt's." „Na ja. Aber was rennst Du mir denn vor die Füße?.. Von wo kommst Du?.. Was treibst Du hier?" „Was ich treibe? Nichts! Siehst es doch, ich, ich ver- kaufe meine Augen!" „Das ist freilich eine dumme Geschichte. Deine Glotz- äugen wird hier niemand, nicht mal für umsonst, haben wollen. Hier, Brnder, schlägt man sich sein Brot mit dem Buckel heraus, grad' so wie die guten Ochsen.. Aber die Augen.. die gelten nichts. Hast Du einen kräftigen Buckel, dann komm. Wenn nicht, scher Dich zum Teufel! So gcht es bei uns zu." „Nun lvas, einen kräftigen Rücken, an dein fehlt eS mir nicht. Und schonen tu ich ihn auch nicht, Landsmann... Für Brot verkaufe ich alles, was ich habe. Tut mir nicht leid um den Rücken, ist doch kein gekaufter." Der Träger besah Mikola noch einmal aufmerksam. „Einen Rücken hast Du schon, einen ganz kräftigen," sagte er mit Neid, und versetzte Mikola eins mit der Faust aiif den Rücken.„Ist das aber ein Rücken! Wie'n Ofen. Schon gut, schwatze schon viel zu lange mit Dir und vergesse die Zlrbeit. Stell' Dich man vorläufig etwas abseits, nachher schwatzen wir weiter." Er griff nach der Karre, ließ sie gleich wieder lo-T und beide wandten ihre Blicke der Winde zu, die Plötzlich stillstand. Sie hatte soeben ein Frachtstück von ungeheurer Größe her- untergelassen, und die Träger standen ängstlich und unschlüssig, was sie mit diesem Ungeheuer machen sollten. Alle schrien und drängten sich auf einander und gestikulierten so energisch, als ob sie sich gegenseitig die Zähne einschlagen wollten. Manche versuchten, die Last auf ihren Rücken zu heben, aber vergebens, schwer fiel sie wieder zu Boden, eine Wolke ätzenden Standes aufwirbelnd. Der Aufseher war außer sich, und links und rechts hagelte es Schimpfworte. Der Eigentümer der Ware, ein dicker Armenier, mit einer Bronze-Uhrkette. auf dem Bauche und einem Bleistift in der Hand, rannte auf dem Verdeck umher und beteuerte allen, daß er keine Zeit zum Warten habe, daß ihm jede Minute fünfzig Rubel koste; aber die Arbeiter verstanden das nicht und schonten ihre Rücken, die doch zu nichts wert seien. „Sieh einer, der fette Satan!" brummte Mikolas neuer Bekannter, auf den Armenier weisend.„Hat sich so angefressen, daß man drei Tage braucht, um um ihn herum zu gehen, und war doch nichts weiter als ein Muscha') und schleppte wie wir im Hafen Frachtstücke umher. Heb' doch selbst, wenn Du Lust hast, alter Satan!" „Wo ist Kamel? Ruft ihn doch her! He, Kamel! Schnell!" rief man auf dem Verdeck.. Der Menge näherte sich ein großer, hagerer Gnlsinrer mit einem langen, dünnen Hals, an dem der Adamsapfel stark *) Lastträger. hervortrat, einer gebogenen Nase, die sich fast bis zum Kinn herabzog. Das war der, den man Kamel nannte. Und wirk- lich, mit seiner ungeschickten Figur, dem langen Halse, dem hervorstehenden Adamsapfel, mit dem nach hinten ge- worfenen Kopfe und der geinesseneu Gangart, erinnerte er merkwürdig an dies geduldige, gehorsame Tier, das von der Natur selbst zur schweren Arbeit und ewigen Sklaverei voraus- bestimmt ist. Mit einem Lächeln auf dem breiten Munde, das seine glänzenden Zähne zeigte, machte er sich den Kurtan zurecht und stellte sich mit gekrümmten Rücken hin. „Legt mif!" kommandierte kurz der Aufseher. Vier der kräftigsten Muschas wälzten mit Anstrengung Las Strick auf Kamels Rücken, lüfteten dann die Mützen und wischten sich den rinnenden Schweiß ab. Kamel machte zwei Schritte, wankte, blieb stehen und warf die Last herunter. „Geht nicht!.. Zu schwer." sagte er, sich aufrichtend. Vom Verdeck hagelte es wieder Schimpfworte, und der dicke Armenier lief ganz verzweifelt auf und ab. „Ach Du, Mensch! Und das nennt sich noch Kamel! Schönes Kamel! Weibsbild bist Du!" Kamel ging verlegen lächelnd zur Seite. Mikola, der die ganze Szene aufmerksam beobachtet hatte, zuckte mit den Achseln, spuckte in die Hände und sah seinen Landsmann fragend an. Alles in ihm juckte vor Verlangen, seine Kräfte zu zeigen. „Soll ich mal versuchen?" fragte er unschlüssig. „Tu?" brummte der Bekannte mißtrauisch.„Na. warte mal." Er lief zu der Menge der Lastträger und begann, ihnen in einem Gemisch grusinischer, türkischer und armenischer Worte etwas auseinanderzusetzen. Dann winkte er Mikola mit einer Handbewegung heran und sagte: „Geh.. kriegst auch ein Trinkgeld, sicherlich." Mikola warf schnell seinen Sack zu Boden, legte sich jemandes Kurtan um und bückte sich. Man lud ihm die Last auf, und mit einem leichten Seufzer trug er sie, unter dem Beifall der Lastträger auf ihren Platz. Man umringte ihn, klopfte ihm auf die Schulter und prüfte seine Arme. Er lächelte zu allem nur still vor sich hin. Er war froh, endlich Arbeit gefunden zu haben. Und im ersten Feuereifer schien es ihm, daß er nicht nur einen solchen Ballen, sondern einen ganzen Dampfer auf seine Schulter heben könne. „Bist aber ein Hanptkerl!" sagte sein Freund mit heiserer Stimme.„Wunder! Bist eben ein Russe! Und gegen den Russen kann selbst der Teufel nicht aufkommen! Du, Bruder Kamel, hast Deine Nolle hier ausgespielt! Kannst getrost Gänse treiben, das ist alles, was Dir zu tun bleibt. Wie heißt Du denn, Landsmann?" „Mikola!" „Und ich Iwan Rogulia. Hab' keine Angst. Landsmann, werden uns schon durchschlagen. Mit solchem Rücken braucht man nicht für sein Leben bange haben. Willst Du rauchen, Brüderchen?" Er durchsuchte sämtliche Löcher seiner Lumpen und kehrte schließlich die Taschen um, aber nirgends fand sich eine Spur von Tabak. Inzwischen war beim Ausladen eine kleine Pause eingetreten. Die Lastträger machten es sich auf der Erde und auf den Ballen bequem, frühstückten Brot mit Gurken und Tomaten oder drehten sich Zigaretten, deren Rauch sie mit Genuß einsogen. Kamel, der wie ein Türke auf der Erde saß, langte in seinen Busen. „Hast Du Tabak?" fragte ihn Rogulia. „Hm,'n bißchen!" „Gib mal her! Für mich und meinen Landsmann. Ach, Kamel, Kamel! Hast Tu Dich heute blamiert! Mikola hat Dich ausgestochen!" Kamel löste inzwischen die Schnur einer an einem Bind- faden befestigten Ledertasche, in der er außer einigen Kupfer- münzen� Tabak hatte. Mikola sah Kamel mit Staunen an. „Sieh einer an, wo er den' Tabak trägt!" sagte er. ».Gerade da, wo man sein Kreuz trägt! Und wo ist denn Dein Kreuz?" „Ein Kreuz habe ich nicht!" antwortete Kamel mit Kindeslächeln. „Zu welchem Gott betest Du denn?" „Gott?" sagte Kamel fragend und versank in Gedanken. Er gab sich Mühe, in den Sinn der Frage einzudringen. Sein Gesicht wurde ernst, die halbgeöffneten Augen waren «en Himmel gerichtet, als ob er dort eine Antwort suche. llötzlich überflog sein Gesicht wieder ein Lächeln, und indem er sich bekreuzigte, sagte er: «Da ist Gott! Im Hiimuel! So bete ich!" „Sa was! Cr schlägt ein Kreuz!" schrie Mikola auf. „Also wir haben ein und denselben Gott! Und ich dachte. Du wärst kein Christ. Wie wunderlich, Bruder, wie lange ich schon auf der Welt lebe, hatte ich keine Ahnung, daß die Erde so ungeheuer groß ist. Und überall ein Gott!" Sein Philosophieren wurde durch das Rasseln der Kette und der Räder unterbrochen. Auf dem Dampfer war die Winde wieder im Gange. Die Lastträger standen unlusttg auf, warfen ihre Zigaretten fort und gingen an die Arbeit. Und von dem Verdeck des Schiffes hörte man bald wieder: „Mira! Maina!— Wira! Achtung!— Maina! Schneller!" Da brüllt sie schon wieder, die Teufelstochter." murrte Rogulia.„Komm mal, Kamelchcn, unsere Gnädige kreischt schon. Und Du, Mikola, warte hier, wir wollen uns nachher unterhalten und überlegen. Wenn Du Hunger hast, dann geh' man in den Laden da, dort gibt's Brot und alles andere. Kannst auch zu Osman gehen, in die Schenke; frag' nur, jedes Kind wird Dir schon Osman zeigen." lFortsetzung folgt.): (Nnchdnick verboten.? Rurfilcbe Offiziere in der JVIandrcbureu In der„Revue de Paris" berichtet der französische KriegS- korrefpondent Georg de La Salle über seine Erlebnisie in der Mandschurei. Seine Schilderungen sind um so bemerkenswerter, als sie von einem R u s s e n f r e u n d e stammen, der voller Hoch- achtung vor der russischen Annee und im festen Vertrauen auf ihre Siege zum Kriegsschauplatze eilte, um dort— eine Enttäuschung nach der anderen zu erleben. Wa§ er über das Leben der russischen Offiziere erzählt, läßt ohne Zweifel manches in der Geschichte dieses Feldzuges erklärlich erscheinen.» Hotel International in Liaotiang. Eine schmierige chinesische Baracke, als deren Witt ein Grieche mit unaitssprechlichein Namen seines Amtes waltet. Eine der großen Hallen hat er in Miniatur« zimmer abgeteilt, die er zu ungeheuerlichen Preisen vermietet; eine andere dient den Gästen als gemeinsamer Speisesaal. Zur Be- dienung sind ein paar chinesische Boys angestellt, unverschämtes und betrügerisches Gesindel, mit dem die Europäer einen beständigen Kampf um ihre Mahlzeiten führen müssen. An den Tischen der russischen Offiziere geht es von Beginn der Mahlzeiten lärmend zu und von Stunde zu Stunde steigert sich das Gebrüll. Hie und da einmal Einer, derHaltung zu bewahren weiß und wohl auch einmalsein ernstes Gespräch anzuknüpfen sucht. Aber die anderen l Oftmals hat La Salle die berauschten Gesellen noch um Mitternacht an den Tischen pokuliereird getroffen, an denen sie sich am Nach« mittags niedergelassen hatten. Waren sie zu sehr berauscht, um noch den Heiniwcg zu finden, dann flegelten sie sich, gesttefelt und gespornt, auf irgend eines der Hotelbetten. Und am anderen Morgen begann das Gelage von neuem. Auch die Popen waren ständige Gäste bei diesen wüsten Saufereien: unzählige Gläser Wodka. Bier, Champagner, Wein, kurz, was es nur TttnkbareS gab, rannen durch ihre aus- gepichten Kehlen. Hatte die Bezechtheit einen gewissen Grad erreicht. dann begannen regelmäßig die gröhlenden Gelänge: russische Volks- lieber, französische Chansons, deutsche Opernattcn, alles wurde durch- einandergeschrien, mit jener Hartnäckigkeit, die für Säufer charakte- ristisch ist. Im Anfang seiner Beobachtungen glaubte La Salle, die Offiziere. die er da in ihren schmiettgen, abgettagenen Uniformen antraf. seien nur vorübergehend aus der Gefechtszone zurückgekehtt und suchten sich in einigen tollen Orgien für die Strapazen des Kampfes in der ersten Lime zu entschädigen. Bald aber bemerkte er. daß eine besttinmte Anzahl von ihnen den Feldzug überhaupt nur in den BahnhossbüffettS, den Restaurants und den Bordellen mitmachte. Immer von neuem erfaßte ihn Ingrimm und Ekel über dieses schamlose Treiben. Gewiß, so sagte er sich selbst, find nicht alle russischen Offiziere so; gewiß gibt eS auch unter ihnen tapfere und gewissenhafte Männer, die ihre Pflicht tun; aber darum war es doch nicht weniger wahr, daß die anderen ein schändliches Laster- und Lotterleben führten. La Salle fand nur eine Erklärung für solche Zustände: Hohe Verbindungen, mächtige unerttägliche Günstlingswittschaft; auch die Hand des Höchst« komniandierenden durste sich mcht gegen diese Leute erheben, für die der Krieg eine Gelegenheit zu den lasterhaftesten AuSschwcistmgen ist. Wohin der französische Beobachter auch immer in der Man- dschurei gekommen ist, wie auch immer die Kriegslage war, stets fand er die Otte, wo eS zu essen, zu sausen, zu lieben gab. angefüllt mit einer unabsehbaren Schar russischer Offiziere. In der ganzen russischen Annee herrscht«ine infame GünstlingS- wittschaft: der reiche Offizier, der am Hofe wohlgelitten ist und glänzend austreten kann, wird ohne Anstrengung mit vierzig Jahren General; der arme Teufel, der sich im Dienst abschindet, fleitzig an der Vermehrung und Vettiefung seiner Kenntnisse arbeittt, wird vielleicht einmal Hauptmann in einem gottverlassenen Neste, dessen drei Häuser die Hälfte de» Jahres im Schnee stecken... Am Bahnhofs-Restaurant von Liaoyang drängten sich unzählige Krankenpflegerinnen, Schwestern,„Sistras". Nur wenige von ihnen waren hübsch; aber hübsch oder nicht, keiner von ihnen mangelte es an einer Schar von Anbetern. In den Augen der Russen waren es alle Huren. Auch hier ivar gewiß wieder dieselbe Unterscheidung zu machen wie bei den Offizieren: man sah nur diejenigen, die das lockere Leben dem ernsten Dienste im Hospital und hinter der Schlachtreihe vorzogen. Aber doch konnte La Salle das Gefühl nicht loswerden, daß eS zu viele der.Sistras" in den Re- staurants gab! In Liaoyang waren Hunderte, wenn nicht Tausende von Pro- srituierten aus aller Herren Länder versammelt: die Hafenstädte Chinas, Japans, Conchinchinas und selbst Europas hatten den Abhub der VeiuiS-Priesterinnen dahin entsandt. Ihre Zahl wuchs endlich so sehr an, daß das Armeekommaudo Maßregeln dagegen ergriff. Nach dem Falle von Liaoyang wurde den Prostituierten der Auf- enthalt in Mulden untersagt. Dafür installierten sie sich in hellen Scharen in Tieling. Seit dem Ausbruch des Krieges toar Charbin sozusagen' da? große Depot für Prostituierte, das Zentrum ihrer Operationen. Ungeheure Summen zahlten diese Geschöpfe auf der Russisch-Chinesischen Bank ein, Lohn, den sie sich im Umgange mit russischen Offizieren erworben hatten. Die Russen, so sagt La Salle, geben, geben, geben den Weibern: mit vollen Händen werfen sie ihnen das Geld hin. Ei» paar Offiziere laden einige der Kokotten zu einem Glase Champagner ein; die Flasche zu fünfundzwanzig Rubel; am Ende der Sitzung geben sie jeder der Hetären nochmals fünfundzwanzig Rubel für� nichts; selbst Hundertrubelscheine wurden so gleichsam weggeworfen. Als La Salle eines Tages auf die Bank ging, um einen Chek ein- zutafsteren, traf er ein pockennarbiges Weib in auffallender Toilette, das aus der Tasche eines schmierigen Unterrocks ein ganzes Bündel fetttger und zerknitterter Hundertrubclnoten hervorzog und dem KommiS zur Gutschrift gab. Er selbst bekam eine dieser Bank- noten für seinen Check ausgezahlt. Eines Abends wurde La Salle von einigen Offizieren in ein Gartenlokal an dem großen koreanischen Turm in Liaoyang ein- geladen. Tort trafen sich die„vornehmeren" Offiziere, denen die Gelage im Bahnhofe nicht paßten. Als man am Tische Platz ge- nommen und Sekt bestellt hatte, ging einer der Offiziere zur konzertterenden Militärkapelle, ließ ein gerade gespieltes Stück unterbrechen und befahl zu Ehren des französischen GafteS die Mar- seillaife. Die ganze Tafelrunde hörte die Hymne stehend an. Höf- lich bat La Salle den neben ihm sitzenden Offizier um die Erlaubnis, de» Musikanten ein Trinkgeld geben und das Aufspielen der russischen Hymne anordnen zu dürfen. Aber der Ruffe zog die Augenbrauen zusammen. Zögernd gestand er, daß es verboten sei, die russische Hymne zu spielen.... Man könne nicht wissen, ob alle Anwesenden sich erheben und den Kopf entblößen würden.... Da sei es schon bester, zur Vermeidung von Skandalszenen über- hcmpt auf die Hymne zu verzichten! Der Boy, der La Salle auf seinem Karren zum Gartenlokale gefahren hatte, war ein frischer, intelligenter Bursche, angeblich ein Chinese. Er sprach fcrttg englisch und war als Diener äußerst gewandt. In Liaoyang konnte er als Kuli höchstens ein paar Groschen im Tage verdienen. In Peking, in Tientsin sind solche des englischen mächtige Diener sehr gesucht und werden hoch bezahlt. Warmn der Bursche wohl gerade in Liaoyang war? La Salle fragte ihn ganz unvermittelt, ob er schon Japaner gesehen habe. Da fing der Boy furchtbar auf„diese Bande" zu schimpfen an; aber dieser Zorn auf die Japaner erschien dem Franzosen sehr gemacht.... Hat man in diesen Schilderungen nicht den Schlüssel des Ver- ständnisteS für die russischen Niederlagen und die japanischen Siege? — m. Kleines feuilleton. a. s. Eine Perle. Ein langer Korridor, hohe graugrüne Wände — solch eine Farbe scheinen sie wenigstens in dem Tämmerdunkel. das eine einzige Gasflamme spendet, zu haben. Man hört. wenigstens um diese Stunde kurz vor Mittag, nur selten Schritte, und sie verlieren sich schnell. Die einzige Gasflamme leuchtet zwei Meter über dem Boden neben der Tür, die ins Zimmer 21 führt. Der Tür gegenüber steht eine Holzbank mit Rücken, und Seiten- lehnen, vollkommen besetzt— alles Tanten. Die eine, ganz links, ist ungefähr bv Jahre alt, wie man aus ihrem Gesicht, das von Runzeln und Falten durchzogen ist, erkennen kann; ihr Haar weist eine Farbe auf, die zwischen rötlichem Blond und gelbem Braun schlvankt— die Dame hat augenscheinlich in der Wahl ihrer Perücke keine Rücksicht auf irgend eine Mode genommen. Umhang und Kleidcrschnitt, auch der Hut zeugen von einem Ge- schmack, der vor zwanzig Jahren Geltung gehabt hat. Die Fünfzig- jährige sieht vor sich hin gerade auf die Tür und seufzt von Zeit zu Zeit resigniert, sodaß der Neine Junge, der neben der zweiten Dame steht, sie ganz verwundert und mitleidsvoll ansieht. Auch die zweite, dritte und vierte Dame sehen sie an. Weshalb seufzt sie so? Neben der Tür, wie zwei lebendige Karyatiden haben zwei Damen Posta gefaßt, sie kehren sich die Gesichter zu und mustern sich. Die links ist zuerst gekommen, hat also den Vortritt, und das drückt sich sowohl in ihrem herausfordernden Gesicht aus wie auch in dem etwas vorgesetzten rechten Fuß. Nachdem d,e Fünfzig, ahrige nochmals und diesmal vernehm» licher geseufzt hat. richtet sich die Aufmerksamkeit aller Damen aus sie. Der kleine Junge hat den Mund aufgerissen und seine hell- blauen Augen sind rMid wie Kugeln, die Matrosenmütze ist ihm inS Genick gerutscht, das Gummiband kneift ihm den Hals, er merkt es aber nicht. Durch die Tür hört man Siimmenwechsel. eine Männerstimme. Bariton, kurz, abgemessen und eine Frauenstimme langatmig, sie spricht ohne Komma und Punkt, dazwischen aber nur ab und an eine Stimme, die noch einem halben Kinde anzugehören scheint, dünn. beinahe piepsig. Die Fünfzigjährige seufzt und nickt vor sich hin. als wolle sie sagen:„Ja, ja, so ist es und daran ist nichts zu ändern." Dann spricht sie lauter, aber noch immer gedämpft:„Es ist nicht mehr wie früher— man kriegt jetzt gar keine mehr, selbst hier nicht mehr im Waisenhaus." In die anderen Damen kommt plötzlich eine schreckhafte Be- wegung. Die Karyatide mit dem vorgestreckten Fuß zieht ihn fast vor Erregung zurück, sie ist ganz blaß und mit zitternden Lippen fragt sie:„Ach, Sie scherzen doch gewiß?" Die Fünfzigjährige schüttelt den Kopf und spricht, als präsidicrS sie einen Leichenschmaus:„Man kriegt selbst hier keine mehr." Die andere sagt:„Aber Sie selbst wollen doch auch eine, nicht wahr? Wenn Sie es so genau wissen, wieso kommen Sie denn noch her?" Die Fünfzigjährige lächelt:„Man hofft doch, wenn man auch beinah genau weiß.." Und nun nicken die anderen alle beglückt außer der Karyatide, die sich geschlagen fühlt: sie wissen es auch beinahe genau und doch hoffen sie.. Die Fünfzigjährige sagt mit bedauerndem Kopfschüttcln:„Ja früher.. wissen Sie," sie wendet sich zu der Dame neben ihr. die ihr sogleich gespannte Aufmerksamkeit schenkt und auch die anderen� hören zu, so daß Zimmer 21 so gut wie vorläufig ver- gessen ist,„ich hatte auch mal hier eine gemietet— nun die—" sie denkt einen Augenblick nach, um einen bezeichnenden Ausdruck zu finden,„die war eine Perlei" Alle Damen sind neidisch, eine Perle hat noch keine von ihnen gehabt, auf dem Gesicht der opposttionslustigen Karyatide malt sich spöttischer Zweifel. Die Fünfzigjährige sieht es und wiederholt mit Nachdruck:„Eine Perle! Frieda hieß sie— nun, ich konnte den Namen bis dahin nicht hören, aber allmählich ist er mir lieb geworden, lieb wie der Name meiner Kinder. Und freundlich war sie, nie hat sie ihr Ge- ficht übelnehmerisch verzogen, immer gelächelt— und keine Arbeit war ihr zu schwer und zu schlecht. Sie hat die ganze Wäsche ge- waschen, allein, und wir waren fünf Menschen, und wenn sie den ganzen Tag gewaschen hat, dann ging sie noch an das Geschirr, das mußte stehen bleiben, da durfte ich nicht'ran, und dann hat sie bis in die Nacht gestanden und abgewaschen, bis alles blitz blank war und an seinem Platz. Morgens früh um sechs war sie schon wieder da, munter und freundlich wie sonst— sie mußte früh aufstehen, mein Mann ging ins Bureau und die Kinder in die Schule.— Glauben Sie. ich hätte aufstehen dürfen? Das hätte sie nie gelitten! Einmal Hab ich's wollen, aber dann Hab ick's nie mehr versucht. Da wäre sie beinahe ärgerlich geworden. Und kochen konnte sie! Das heißt, erst Hab ich ihr natürlich alles gezeigt, aber später— mein Mann hat sich alle Finger geleckt.— Eine Kalbsbrühc— nie Hab ich wieder mehr eine solche gegessen. Und Plinsen.. Plinsen.. die schmeckten wie Omelettes. Sie hatte so eine Art.. wissen Sie, so eine Art.. kurz, sie konnte kochen, was sie wollte— alles war ausgezeichnet..." Die Karyatide hat schon längst den Mund verzogen und denkt: „WaS bindet die uns für Märchen auf? Die denkt doch nicht etwa. daß wir es glauben?" Laut sagt sie neidisch und ärgerlich, indem sie leicht auf die Tür weist:„Die scheint sie zu kriegen." Sofort sind alle anderen wieder bei der Sache, sie wollen ja gar keine Perle haben, wenn sie nur überhaupt ein Mädchen kriegen. Nach fünf Minuten öffnet sich die Tür. eine davon tritt heraus, hinter ihr ein spillriges, schmales Mädchen. Neidisch sehen ihr alle nach. Die Karyatide will hastig die Tür öffnen, da erscheint der Herr und heftet einen Zettel an die Tür. Mit großen blauen Buch- sraben und dick unterstrtScn steht:„Dienstmädchen sind nicht mehr zu haben!" Die Karyatide pralN zurück und alle anderen Damen fahren auf, als läsen sie etwas Schreckliches. Tie Fünfzigjährige findet zuerst ihre Fassung wieder:„Ich wußte es.. ja früher.,, und so eine wie meine.. eine Perle...?"— r. Das Felsentor bei Besanson. diu Deutinaiern aus den Zeiten der Römer ist, nächst Italien und Griechenland, kein Land reicher als Frankreich. daS alte Gallien. Hierher brachten ungefähr hundert Jahre v. Chr. die siegreichen Römer ihre Sprache, Sitte, Gesetze, Religion und Bildung, beherrschten fünf Jahrhunderte lang daS Land und verewigten ihren Ruhm durch unzählige Denkmäler, die feit neunzehn Jahrhunderten der Zeit und den Elementen trotzten. Einige der schönsten und großarttgsten Ueberreste jener Zeit findet man in der Umgegend von Bcsanyon. im heutigen Departement deS DoubSflusseö. und schon dieser Fluß hat geschichtliches Interesse. Ihm verdankte Besaiitzon den Namen Chrysopolis. wie eS die Griechen, die Gründer von Massilia, dem heutigen Marseille, nannten. Zur Zeit der Gallier nämlich war der Doubs reich an Goldsand. Zwar fließt er noch in demselben Bette, auch zeigt der Ufersand noch heute einen ungewöhnlichen Glanz, doch der Gold- geholt mag sehr gering sein, da man es nicht der Mühe wert er- achtet hat, Wäschen anzulegen. Mehr aber als den Fluß bewundert man die Ueberreste römischer Baukunst, die sich um Besan�on vor- finden. Nahe vor der Stadt erheben sich die Trümmer eines Triunlphbogens. Sie verkünden, daß Cäsar hier den Ariovist, den mächtigen König der Deutschen, im Jahre 33 v. Chr. schlug, Iveil er es wagen konnte, sich gegen Roms Oberherrschaft aufzulehnen. Kann: konnte der Besiegte, wie die Geschichte erzählt, Freiheit und Leben retten. Zwei seiner Weiber kamen auf der Flucht um, eine seiner Töchter fiel in der Schlacht und die andere wurde gefangen in des Siegers Häilde überliefert. Das zweite und unstreitig das großartigste Denkmal der Römerzeit ist das Felsentor, durch das man von der Schweiz her in das reizende Tal von Besanqon tritt. Der Berg, durch den es führt, heißt der Zitadellenberg und bildet die äußerste Schutzmauer für die Stadt von der einen Seite, während der Doubs, ein Nebenfluß der Saonc, den größten Teil von ihr halbmondförmig so umspült, daß jeder Zugang zu ihr versperrt wird, und man entweder über die Brücke oder durch das Felsentor gehen mutz. Zur Römerzeit hatte dieses Tor eine andere Bestimmung. Anfangs führte eine Wasserleitung hindurch, von Acier nach Besan�on. Später erst, vielleicht lange nach den Römern, hat man das Felsen- gewölbe erweitert und die Verbindungsstraße nach der Schweiz, die früher über den Berg führte, da, wo er nach der Flußseite hin sich anr wenigsten steil erhebt, hierher verlegt. Wahrscheinlich geschah dies zu der Zeit, wo Besan?on anfing, als Festung Bedeutung zu erhallen und wo sich das Felsentor weit leichler verteidigen ließ, als jener freie Zugang. Bedenkt man aber, daß jenes Tor durch einen Berg gehauen werden mußte, der einen einzigen ungeheuren Felsen bildet, und daß man diese Riesenarbeit durch Werkzeuge vollendete, die, wenn auch noch so vollkommen, unsere Bohrmaschinen und Sprengstoffe nicht ersetzen konnten, so muß man den ge- wältigen Willen der Römer bewundern, dem selbst die Elemente gehorchen mußten. Auch von jener Wasserleitung sind noch be- deutende Ueberreste vorhanden, die an Festigkeit und Regelmäßigkeit ihresgleichen suchen. Von den Festungswerken, die schon Cäsar, bewogen durch die vorteilhafte Lage der Stadt, auf dem Zitadellen- berge anlegte, finden sich jetzt keine Spuren mehr. Wahrscheinlich wurden die letzten Reste vernichtet, als Ludwig XIV. Besanyon durch Vauban zu einer Festung ersten Ranges erhob. Der über dem Felseutore stehende Turm ist nach Vaubans Angabe erbaut und für eine Besatzung von hundert Mann eingerichtet, die bei Be- lagernngen diese Felsenpforte verteidigten.— — I. Die Natur des Südpolareiscs. In den Tagen, in denen die Expedition des französischen Forschers Charcot aus der Wüste des Südpolareises zurückgekehrt ist, hat ein Vortrag besonderes Interesse, den Kapitän Scott, der Leiter der englischen Discovery- Expedition, vor der„Royal Geographica! Society" kürzlich über die geographischen Ergebnisse dieser Expedition und insbesondere über die Natur de? Südpolareises gehalten hat. Scott sprach zuerst über das Packeis, das im Sommer das Haupthindernis zur Annäherung an das antarkfische Land bildet. Die Expedition hatte dies an fünf Stelleu zu beobachten Gelegenheit. Die Eisberge im Roß� Meer kommen hauptsächlich vom König Eduard- Land, und nur sehr wenige von der Küste des Victoria-Landes. Sie treiben erst westwärts, dann nordwärts. Scott meint, daß frühere Beobachter ihre Größe übertrieben haben: von den vielen hundert, die er sah, waren nur wenige über 1 V» Kilometer lang und ISO Fuß hoch, die meisten dagegen 1I4 Kilometer lang und 120 Fuß hoch.. In der Nähe des König Eduard-Landes sind sie größer, einer timrde ans 7—9 Kilometer geschätzt, ein anderer auf 240 Fuß Höhe. Hcntt glaubt, daß nur fünf Sechstel eines Eisberges unter Wasser siegen Einer war in zwölf Tagen 70 Seemeilen westlich getrieben. Der lgngere Aufenthalt in der Nähe des Ercbus gab Anlaß zu einer Äwbkichyijlgs'des Inlandeises und der sehr wenig bekannten Gletscher jener Gegend. Vom Mount Melbourne(3509 Fuß) auf 73 Grad 30 Minuten südlicher Breite zum Mount Longstaff(9700) auf 83 Grad südlicher Breite erstreckt sich parallel mit der Küste des Roß- Meeres eine Bergkette, deren Gipfel erst abfallen, und zwar schwankt ihre Höhe von 3500 bis 4800 Fuß; dann aber nimmt die Höhe ivicder zu, und ein oder zwei ragen bis zu 15 000 Fuß hoch. Die Berge der niedrigeren Kette sind tafelförmig und aus sedimentärem Gestein gebildet, die höheren sind kegelförmig und vulkanisch. Der Erebus raucht noch. Hinter jener Küstcnkette erhebt sich das Inlandeis, bis es cilva 00 englische Meilen von: Meere eine Höhe von 8000— 9000 Fuß über dem Meeres- spiegel erreicht, und diese Höhe bleibt die gleiche, so weit sie auf einer etwa 200 Meilen weiten Reise westwärts sehen konnten. Dort muß sich daher ein weites Becken dieses Inlandeises befinden, das über einen großen Teil des antarktischen Festlandes hin fast dieselbe Höhenlage wie Grönland hat. Aber dieses Becken in der Nähe des Roß-Mecres wird anscheinend von der Küstenkette zurückgehalten; nur wenige Ströme steigen von ihm zum Wasser herab. Die sehr zahlreichen Gletscher iverden fast alle von örtlichen Firnfeldern gespeist, die in Tälern dieser Berge liegen. Von den wenigen vom Inland- eis gespeisten Gletschern des langen Küstenstriches zwischen Kap Adaie und Mount Longstaff scheinen nur vier in Bewegung zu sein. Die übrigen, von denen der Ferrargletscher als typisch gelten kann, sind dem W>sen nach„tot", große Zungen untätigen Eises, das von der Sommeosonne langsam zerstört wird. Der Geologe der Expeditton, Ferrar, hat dies durch zwei Beobachttmgen, zwischen denen ein Jahr Pause liegt, bestätigt und festgestellt, daß sich das Eis nicht merkbar bewegt hatte. In den europäischen Alpen setzen dagegen die Gletscher ihre Bewegung fort, auch wenn sie abnehmen. Diese Anomalie ist vielleicht die Folge der viel niedrigeren Tem- peratnr der Antarktts; vielleicht hält aber auch die Küstenkette das Vorschreiten des Inlandeises auf. Vom Erebus bespült das Roß- Meer eine lange Strecke ostwärts den Fuß einer riesigen Eisklippe. Ms Kapitän Scott jenseits des 82. Breitengrades seine südlichste Stelle erreichte, fand er das Eis überall als flache Ebene. Beobachtungen, die im Umkreise der Winterquartiere angestellt wurden, zeigten, daß sich diese große Masse langsam etwas nord- östlich bewegte, und da die Lotungen zwischen 300 bis 450 Faden Tiefe anzeigten, ist das Meer mehr als tief genug, um die Masse zum Treiben zu bringen. Daß dies der Fall ist, zeigt besonders auch die Tatsache, daß der große Eiswall jetzt einige 20 englische Meilen südlicher liegt als vor 00 Jahren, als Sir James Roß ihn sah. Diese ungeheure, treibende Masse wird zweifellos von dem Inlandeis genährt und abgebrochen, das Mount Longstaff mit dem König Eduard-Land verbindet. Dafür, daß das antarkfische Eis ab- nimmt,.erhielt man aber auch direkte Beweise. Vom Eise zer« fressene Felsen, Moränen und erratische Blöcke wurden an vielen Stellen über oder jenseits der jetzigen Grenzen der Gletscher gefunden. So fand man in einem Falle Spuren 800 Fuß über der jetzigen Oberfläche des Eises. Diese Abnahme kann nicht sehr jungen Datums sein, denn an einigen Stellen sind die vom Eise zerfressenen Felsen von fließendem Wasser gefurcht. Scott glaubt, daß das Eis, als es die größte Ausdehnung hatte, auf dem Meeresbett geruht hat, über das es jetzt treibt. Aus dieser Abnahme folgt aber nicht unbedingt, daß diese Gegenden tvärnier werden; denn eine tatsächliche Zunahme der Kälte könnte auch die Ursache sein. Der Niederschlag des Wassers an einer Stelle hängt von der Verdampfung an einer anderen ab; ein Fallen der Temperatur könnte aber beides auf eine größere Ent- fernung hin unmöglich machen. Das erklärt auch die Tatsache, daß nur im Sonnner Schnee fiel und von einein verhältnismäßig warmen Winde herbeigeführt wurde, und daß alle Forscher das rauhe, nasse und neblige Wetter beobachtet haben, das in der Nähe des Polar- kreises herrscht.— Humoristisches. — Sonderbarer Gegenbeweis. Freundin:„Also Ihr führt eine glückliche Ehe? Dein Mann behauptet allerdings das Gegenteil I" Junge Frau:„Ach, der hat nichts zu be- haupten!"— — Immer gründlich. Bekannter:„Wie kommen Sie denn dazu, ein so umfangreiches Werk über Mittel- d e u t s ch l a n d zu schreiben?" Professor:„Ach, ich wollte meiner Frau eine kleine Rundreise zusammenstellen, und da ist eben das daraus ge- worden!"— — Probates Mittel.„Wie hast Du denn Deinem Manne das Schnupfen abgewöhnt?" „Ganz einfach; ich habe eine Zeitlang m i t g e s ch n u p�f t"— („Mcggendorfer Blätter.") Notizen. — Die Freie Volksbühne veranstaltet für die 3. Serie ihrer Vorstellungen im Metropol-Theater acht Aufführungen von Grillparzers„Sappho". Die Vorstellungen finden statt am 12., 19., 20. März und am 2., 9., 10., 23. und 24. April. Die Titelrolle hat Frau Gertrud Arnold vom Deutschen Theater über- nommen.— — Die Komödie„Schmalz, der Nibelunge" von Franz A d a m u s hat bei der Erstaufführung im Wiener Rainiund-Theater eiuen starken äußeren Erfolg errungen.— —»Der fromme König", ein Musikdrama von Alb er t Eifert und Gottfried Grunewald, wird noch in diesem Monat im Stadttheater zu Magdeburg zur Uraufführung kommen.— — Ueber authentische F ü n f l i n g s g e b u r t e n berichtet Nhh o ff(Groningen) in der„Zeitschr. f. Geburtsh.", 52. Bd., 1904. Sie sind nicht häufig. Es gelang ihm nur mit vieler Mitwirkung ungefähr 30 Fälle festzustellen. Die Geburt erfolgt bereits im vierten oder fünften Monat. Die Erblichkeit scheint bei ihnen eine ziemlich bedeutende Rolle zu spielen, und die Dispositton zu inehrfachen Ge- burten ist fast durchweg in der Familie der Mutter festzustellen. Für Holland speziell konnte Nhhoff in ungefähr zwei Jahrhunderten zwei Fünflingsgeburten erweisen.—(„Globus.") t. G o l d f u n d e in Neu- Seeland. Durch den Geologen Lindgren sind die Hauraki-Goldfelder auf der Insel Neu-Seeland genau erforscht worden. Danach ist das Vorkommen des Goldes auffallend ähnlich dem von Transylvanien an der Ostgrenze von Ungarn. Das Gold wird angetroffen in Ouarzadern, die ein vulkanisches Gestein durchziehen. In der Begleitung des Edelmetalls finden sich die Minerale Dolomit, Eisenkies, Zinkblende, Bleiglanz und Rubinblende. Der größte Goldgehalt hat sich begreiflicherweise dort ergeben, wo die Quarzadern einander kreuzen.— Werantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagianstaltPaul Singer LcCo., Berlin ZW,