Mnterhaltungsblatt des Horwürls Nr. 50. Freitag, den 10. März. 1905 (Nachdruck verboten.) « Mira!— ZVlama! Erzählung aus dem Leben der Hafenarbeiter von V. I. D m i t r i e w a. Autorisierte Uebersetzung auö dem Russischen von S. E. W i n i k o f f. (Schluß.) „Die Sache muß gut überlegt werden," dachte Mikola bei sich, am Tage, wenn er sich unter dem Kurtan bückte, und nachts, wenn er sich auf der harten Pritsche seines Quartiers herumwälzte.„Es muß tüchtig gespart werden. Sobald ich es erst bis auf hundert Rubel gebracht habe, nimmt die Plackerei hier ein Ende. Werde dann Land kaufen und in der Erde graben. Warum denn sollte es mir nichtglücken?" Er schlief wie im Fieber ein und träumte von riefen- haften Fontänen Naphtha, die bis hoch in den Himmel aus der Erde schössen, und oft sah er um sich herum Kisten von Gold stehen. Nach solchen traumreichen Nächten stand er matt und schlaff auf. Ehe er sich zur Arbeit begab, mußte er ein großes Glas Schnaps zu sich nehmen, das ihn wohl kräftigte, aber ihm auch stark zu Kopfe stieg. Dazu der Lärm der Straße, die heiße, brennende Sonne, der feine Duft der blühenden Mimosen, die glänzenden Läden, die heiteren, geschäftigen Ge- sichter der Leute, die in den prächtigen Wagen umherfuhren: all dies verstärkte in ihm mehr und mehr den Wunsch, sich auch seinen Anteil am Lebensfeste zu sichern. Zeitweilig er- schien es dem Träumenden, als sei er gar nicht mehr Mikola, der arme Muscha in Lumpen, sondern ein ganz anderer Mensch. Diese ganze Stadt, diese in blauem Dunst liegenden Berge, alles das gehörte ihm, und die drohenden 5�anonen auf den Wällen schössen seinetwegen, um seine unermeßlichen Reich- tümer vor dem unsichtbaren Feind zu schützen. Diese aufregenden Träumereien entkräfteten Mikola ficht- lich: er magerte ab, fiel zusammen und wurde schwach. Und aus Saschibino schrieb man ihm zu dieser Zeit:„Unser einziger Sohn, Mikola Saveljewitsch! Wir senden Dir unseren elter- lichen Segen in Ewigkeit und einen innigen Gruß. Wir bitten Dich mit Tränen, trockene unsere Tränen und schicke etwas Geld, wenn auch nur wenig!" Mikola empfing diese Briefe und beantwortete sie gar nicht. Sie müssen noch warten, dachte er. Wenn ich es erst auf hundert Rubel gebracht habe, dann wird Gott schon helfen. Erst wenn er ein eigenes Geschäft angefangen hatte, wollte er sich in seinem vollen Glänze in Saschibino zeigen. Er be gann sogar, sein Geheimnis vor Rogulia zu bewahren und er zählte ihm nicht, wieviel gespartes Geld er schon im Beutel habe. Die Durchgängernatur Rogulias und sein Leichtsinn ge fielen Mikola nicht; er wußte, daß Rogulia ein unzuverlässiger Mensch war. Hatte Rogulia kein Geld, so war er verdrießlich und scharwenzelte um die herum, die ihn freihalten konnten. So bald aber in seiner Tasche Geld klimperte, war er hochmütig und anmaßend und hatte keine Ruhe, bis er sein Geld los war. Er war laut und lärmend, liebte es, alles auf den Kopf zu stellen, spielte auf der Zurna, brüllte ausgelassene Lieder, der- sammelte um sich zerlumptes Hafengesindel, dingte Musikanten, die er freihielt, und schrie mit heiserer Stimme: „Der bezaubernde Mond schwimmt über den Flnuuuß, Fluuuuß!" Auf Mikola, der seine Kneipereien mied, war er ärgerlich und oft überhäufte er den Kameraden mit Vorwürfen: „Ein geiziger Mensch bist Du! Knauserig! Auch ein Arbeiter muß sich einmal eine Freude gönnen. Verstehst nicht mal ordentlich aufzutauen. Sparst Du? Oder was tust Du sonst?" „Vielleicht spare ich," antwortete Mikola. „Wofür?.. Ein Pferdchen?.. Ein Kühchen kaufen?" ironisierte Rogulia mit seiper heiseren Stimme. „Vielleicht auch kein Kühchen," antwortete geheimnisvoll Mikola. Rogulia richtete seine durchdringenden, blauen Augen auf ihn und betrachtete lange das abgemagerte, ernste Gesicht Mikolas. „Nun.. nun.. spare!" sprach er nachdenklich.„Ei, der Teufel, Du bringst es vielleicht doch zu was! Dann, Bruder« vergiß aber nicht den Rogulia!" „Schön!" dachte Mikola.„Warte nur, sobald ich mir hundert Rubel gespart habe." Aber bis zu hundert war es noch weit. Es war Mittag, und die Sonne brannte ungewöhnlich heiß, selbst der Himmel war durch die unerträgliche Glut weiß und hing schwer über der reichen Stadt. An den Bergen sah man dicke, graue Wolken, die wirbelnd um sie kreisten. Das Meer, das an den Ufern milchig-türkisfarben schimmerte, war am Horizont aufgewühlt durch den wehenden Wind, ganz schwarz. Alles verging vor Hitze, und die Maschas, schwarz vom Staub und naß vom Schweiß, konnten sich kaum auf den Beinen halten und schimpften redlich. Schließlich aber hörten sie auch mit dem Schimpfen auf; es verging ihnen die Lust. die Zunge, die schwer am Gaumen klebte, zu rühren. Müde und erbittert beugten sie sich schweigend unter ihrer schweren Last. Der Warenberg auf dem Landungsplätze wuchs, das Ausladen ging seinem Ende entgegen.. Ach, wenn es doch schneller ginge! dachte das erschlaffte Gehirn. Und dieser eine Gedanke vereinigte diese ganze vielstämmige Arbeitermenge, die sich nach Ruhe und Abkühlung sehnte. Sogar die eifrige Winde war anscheinend müde und drehte nicht so geschäftig wie sonst die Räder. Dem Mikola war schon lange der Mund vor Hitze aus- getrocknet, die Knie schlotterten ihm, und vor seinen Augen lag ein roter Nebel, aber er blieb nicht hinter den anderen zurück.„Nein, ist das eine Hitze," dachte er sich und�schob langsam die Beine auf dem schmalen Stege vorwärts.„'S war doch noch nie so schlimm!" Im Kopfe dröhnte es ihm, als wenn Glocken läuteten. „Wira, Wira! Schneller!" schrie der Aufseher auf dem Verdeck.„Wira! Wira!.. Maina!.. Halt!.." „Wie es doch im Kopfe summt," fuhr Mikola im Denken fort und krümmte seinen Rücken.„Na, laß es man summen.. kann mir doch keinen ganzen Rubel entgehen lassen!" Und man lud ihm einen ungeheuren Ballen auf. Mikola stöhnte auf und taumelte ein paar Schritte vorwärts. Der rote Nebel vor seinen Augen wurde noch dichter und. undurch- dringlicher. „O, ist das aber auch schwer! Teufel, was sie mir alles auf den Rücken wälzen! Na, meinetwegen, wenn nur bloß erst die hundert voll wären." Plötzlich schien der Steg ihm unter den Füßen weg- zuschwimmen, über den Platz, die Waren und die Menschen legte sich ein roter Nebelschleier, in den Ohren begann es zu summen, und in seiner Bnist zerriß etwas.. Er fiel schwer nieder mit seiner Last.... Auf dem Platze entstand ein gewaltiger Lärm, die Maschine verstummte, der Haken blieb leer sich hülflos hin und herschaukelnd über dem Kielräume hängen, und die Träger ver- ließen ihre Arbeit und umringten Mikola. „Teufel auch!" schimpfte Rogulia und drohte jemand mit der Faust.„Wie kann man nur. einem Menschen solch ein Ungeheuer aufladen? Ist er denn ein Büffel oder so was? Verdammte Blutsauger Ihr!" Kamel kam herzugelaufen. Als er den ausgestreckten, von der Last erdrückten Körper des Mikola sah, brach er in ein Gehen! aus und bemühte sich, den Ballen wegzuschleppen. Als man den Aermsten unter der Last hervorzog, war er ohne Besinnung. Unter den geöffneten Augenlidern sah man das blutunterlaufene Weiße des Auges. Vor den Lippen stand ihm blutiger Schaum, und in seiner Kehle gurgelte uiw knurrte etwas wie eine lose Schraubenmutter. Ein Träger brachte Wasser herbei und Rogulia, weinend und schimpfend zugleich, benetzte den Kopf des besinnungslosen Kameraden. Kamel aber saß daneben zusammengekauert, schaute gen Himmel und heulte laut. Auf der Schiffsbrücke erschien der Kapitän. „Was ist denn los? Warum arbeitet man nicht?" „Ein Mann ist gestürzt. Euer Wohlgeboren!" antwortete man ihm aus der Menge. „Nun, dann man ins Kranrenhaus! Die Bahre her! Wo zum Teufel ist denn die Bahre?" „Hier ist sie schon!" .Sich einer cn! Gleich die Bahre! Einer erschlagen Md nun man schnell auf die Bahre mit ihm!" schimpfte Rugulia.„Leg' Dich doch selbst auf die Bahre, fetter Satan! Von unserem Blut bist Du so fett und dick geworden!" ..H», wer schimpft denn da?.. Gebt ihm eins aufs Maul, dem Schreier! Und dann, marsch, zur Arbeit!.. Räumt doch den Mann da weg!" „Wird schon geschehen. Euer Wohlgeboren." Die Winde begann zu rasseln, aber niemand dachte daran, die Arbeit wieder aufzunehmen. Die Maschas waren erregt und lärmten. Mit stumpfer Furcht sahen sie in Mikolas ent- stelltes Gesicht. Wer weiß, welchen von ihnen heut oder morgen ein ebensolcher Tod ereilte? Man brachte die Bahre, und die Matrosen wollten Mitola aufheben. „Rührt ihn nicht an, Teufel Ihr!" schrie Rogulia. „Wartet doch, er wird sich gewiß noch erholen, sage ich Euch!" „Wie soll sich der noch erholen?" sagte ein Matrose gleich- gültig.„'S schlägt ja kein Puls mehr bei ihm." „Nicht anrühren, sag' ich Euch! Kamel, lauf' mal, und hole Schnaps! Vom Schnaps wird er schon zu sich kommen." Kamel sprang empor und in seiner gsvöhnlichen Gang- art, mit ausgestrecktem Halse und zurückgeworsenem Kopfe machte er sich auf den Weg. Plötzlich erzitterten die halbgeschlossencn Lider Mikolas tind hoben sich. Sein Gesicht durchflog ein Zucken, und sein gebrochener Blick klärte sich auf. Er kam zu sich und sah er- staunt ans die sich über ihn beugenden erschrockenen Gesichter. aus den weinenden Rogulia und auf den hellen, heißen Himmel über sich. „Brüder, was ist denn?" versuchte er zu lallen, aber die Zunge rührte sich nicht, und nur ein heiseres Stöhnen entrang sich seiner zerschlagenen Brust. „Jetzt ist er zu sich gekommen!.. Die Augen hat er schon aufgeschlagen!" schrie der erfreute Rogulia.„Mikola!.. Mikolachen.. Tu mein Einziger, lebst Du?!.. Ach Du ver- fluchter Satan! Brüder, gebt noch mehr Wasser!.. gießt.. gießt.. so.. und jetzt noch Wodka.. das ist das beste!.. Na, wie geht's jetzt, Mikolachen?" Mstolas Gesicht verzerrte sich wieder. „'ö geht schon," flüsterte er unter qualvoller An- strengung.„Habe mich ein wenig verhoben.. tut weiter nichts." Er versuchte aufzustehen, konnte aber weder Beine noch Hände bewegen.„Merkwürdig, so leicht ist mir.. und keine Schmerzen.. aber gar keine Macht über meinen Körper!.. Sind wie der Himmel so groß ist und hell!.. Kamel hat recht. Der Himmel ist groß.. wir klein," dachte Mikola. Ilnd es war ihm, als ob der Himmel immer höher und weiter würde, er selbst aber immer kleiner nird leichter, und allmählich fühlte er seinen Körper gar nicht mehr. „Rogulia," sagte er mit mühsam lallender Zunge,„den Beutel.. Beutel.. Nimm! Es sind.. vierzig Rubel.. nach Saschibino.. Tu weißt schon." Er stotterte, erstickt durch das eigene Blut, das sich wie ein dicker, schwarzer Strom aus seinem Munde ergoß. Der Himmel wurde noch lichter und breiter. Mikola sah ihn immer an, und lächelnd, ohne Schmerz fühlte er seinen Körper sich in diesem ungeheuren Himmel auflösen.. bis er ganz verschwand.. Kamel kam inzwischen mit einer Flasche Schnaps und hinter ihm her ein Schutzmann, der von den? Vorfall gehört hatte. „Tot," sagte finster Rogulia. In seineu Händen hielt er Mikolas Geldbeutel, den er reichlich mit Tränen begoß. Kamel steckte die Flasche ein, erhob die Hände zum Himmel und begann zu beten. Man legte den zerquetschten Körper ans eine Bahre nnd trug ihn fort. Die Dampfmaschine zischte wieder, und die Muschas schlichen mit hängenden Köpfen und noch fieser als fönst gekrümmten Rücken zum Steigbrette. Alles kam in sein gewöhnliches Geleise, nur Rogulia fehlte., Rogulia ver- schwand. Er ließ sich eine ganze Woche lang nicht sehen. Man er- zählte sich am Hafen, daß man ihn in verschiedenen Kneipen betrunken, umgeben von einem Hansen ebenfalls betrunkenen Gesindels gesehen habe. Er trank selbst und nötigte auch die anderen zum trinken.„Für die Ruhe der Seele eines ver- storbenen Knechtes Gottes".. Bald schluchzte er, bald sang er mit heiserer Stimme„ewige Ruh'", bald geriet er in Wut M.d schimpstc auf ganz Batum:„Gem?g ist's, daß die Lumpen-� träger für die Millionare ihren Buckel biegen! Aber bald werde ich reich sein, reicher als der Allerreichste. Und dann soll auch der allerärmste Muscha mal sehen, was für ein Kerl ich bin.. ich Iwan Rogulia!" bind die ungczähmte, betrunkene Menge brüllte:„Hurra! Iwan Rogulia, Hurra!" Nach einer Woche aber erschien Iwan Rogulia, aufgedunsen� gelb wie ein Kürbis und gänzlich zerlumpt ans dem Ladeplatz. Schweigend legte er den Küirtcm an, und als ob nichts geschehen war, begann er wieder Lasten zu schleppen.. Kamel trat zu ihm.„Und Mikola?" sagte er mit weicher Stimme. Iwan Rogv.lia aber sah ihn mit seinen verschwommenen Augen so an, daß er nichts weiter sagte und schnell fortging. Die Arbeit auf dem Platze war in vollem Gange. Ein Ballen häufte sich ans den anderen, die Ketten rasselten, die Maschine zischte und rauchte vor Anstrengung. Und mitten durch diese Höllenmusik klangen monoton immer wieder dieselben Worte: „Wira!— Maina!.., Wira!— Maina!"— (Nachdruck Derboieu. Das feft der fifeber. tSchluß.) O, wie ist's so still hier, unheimlich still ist die Nacht. Wolken treiben am Himmel, zwischen ihnen schaukelt der Mond, schauen die Sterne zur Erde hernieder. Ter Wind wächst und wächst. Die Bäume schauern. Vom Meer her bläst der Wind, wie gewöhnlich, und flehend strecken sie die Arme landeinwärts. Wenn sie fliehen könnten! Aber sie müssen halten. Dunkler kommt der Ton des Meeres zum Lande herauf. Draußen wächst wohl die Flut. Und morgen und übermorgen werben wir das Fest haben. Es wird sehr lustig sein. Meine Träume feiern es voraus... Sie haben nicht viel Gelegenheit, Feste zu feiern. Einmal im Jahr. Und sie iönnens auch nicht. Da hats ihnen die Kirche ab- genommen und feierts für sie. Und feierts für sich. In der Bretagne wird es der Pardon der Fischer genannt. Die Normannen nennen es nach dem heiligen Petrus. Ich vermute, es hängt wieder mit der alten Heidenzeit zusammen. Am Ende ist's ein heidnisches Frühlingsfest. Ich weiß nicht, was es mit einem Pardon zu tun haben sollte. Es könnte eher ein Dankfest sein. Der Dank derer, die mit heiler Haut heimgekommen sind. Ein Freudenfest. Und ja, das ists wohl auch. Aber es ist auch zugleich traurig. Es ist zugleich auch das Abschiedssest. Von nun an sind die Tage deS Daheimseins gezählt. Nun heißt's das Letzte richten. Bald bläst der Wind wieder in die Segel. Südwester und Öclmantcl, die roten Flanellblusen und-Hemden und die hohen Schaftstiefel, das muß nun alles parat sein. Tic Jungen freuen sich airf die Ausfahrt. Sie wissen nicht mehr, was auf dem Lande anfangen. Wenn sie die Liebe nicht hält und unterhält, waS sollen sie da noch anfangen! Trinken, rauchen, chickcn, daß die Backen fast platzen. Und sich balgen und schreien. Sie sind wie die Bären oder die jungen Hunde. Und sie haben Stimmen wie die Schisfssircnen. Sie schreien die Straßen voll. Wenn sie mitein- ander plaudern, ist'S, als riefen sie einander über's Wasser zu, von Boot zu Boot. Und sie wissen nicht, waS sie mit ihrer über- schüssigcn Kraft anfangen sollen. Sic balgen sich. Am Feste fällt mancher Schicksalswürfcl. Da ging manchen Mädchens Trauern an. Den sie heimlich liebte, der sie liebte, da haben sie sich das Ja gegeben. Und noch mehr. Der Seemann hak keine Zeit zn warten. Er muß rasch sein Glück ergreifen. So rasch kann's ihm genommen sein. Und kurz ist's ihm immer. Der Abschied steht ihm immer dahinter. Und kaum drei Monate lang ist er auf dem Lande. Draußen auf dem Meere aber, da gibt's kein Glück, kein Glück des Genusses, da gibt's nur Arbeik und Kämpft Die Frauen spüren den drohenden Abschied stärker als die Männer. Sie denken mit Bangen daran. Aber es muß ja sein, Das ist so das Leben. Die versprochenen Vorbereitungen zum Feste ioaren nicht wcik her. Ein paar Lotteriebuden und zwei Kraftmesser wurden auf- gestellt. Ein kleiner Zirkus, ein alter Sommerbekauntcr, und eine Schaukel. Die Kraftmesser machten gleich gute Geschäfte, und sie machten die besten Geschäfte während des Festes. Es knallte be- ständig bei ihnen. Ait fast allen Häusern wurden Fahnen ausgesteckt. Der Kirch- türm war wie ein Schiffsmast geflaggt. Oben die französische Flagge, Signalfahnen der Neusundland-Drcimaster als Wimpel in bunter Reihe. Die Hauptvorbereitungen waren in der Kirche. Guirlanden und Lichter in Bogen um die Fenster, und den Haupt- gang querüber, Fichtengrün und bunte Schleifen, das Schönste aber wieder die Signalflaggen der Schiffe in ihrer bunten Mann ig- faltigkeii und ihr;n verschiedenen Formen, als Rechtecke, Karres und dreieckige Flammen. Man hatte mir gesagt, daß man tanzen werde am Abend. �Daß der Tanz die eigentliche Vorfeier bilde. Ich fand das ganz natürlich und fragte nicht weiter. Tann hieß es, aber Musik gäbe es dabei nicht, tvie ich mir bielleicht borstelle. Ter Tanz sei auch nicht in einem Saale, er geschehe auf der Straße. Er sei überhaupt die Sonntagsfreude, seit die Fischer zurück seien. Und die Mädchen freuten sich schon den ganzen Sommer darauf. Und da beim Tanze, da fange die Liebe hmifig an zwischen zweien, die vorher nicht daran gedacht hätten. Und der Borabend brachte diesen Tanz. Man ging Hinau-Z vors Dorf, wo die Straße breit ist. Man ging hinaus, als die Dämme- rung einbrach. Die Dämmerung ist die günstige Zeit für den Tanz. Burschen und Mädchen stellen sich im Kreise auf und nehmen fich an den Händen. Ein Bursche beginnt ein Lied zu fingen. Es hat eine monotone, schwermütige Melodie. Jede Phrase wird im Chor wiederholt. Dazu werden beständig die Arme bewegt, hin und her geschwenkt, und das ganze Rund macht ein paar Schritte nach links, ein paar Schritte nach rechts, bis plötzlich ein wildes Gcspringe im Kreise beginnt, bei dem die Stärksten den ganzen Kreis mit sich reißen. Es ist ein ziemlich anstrengendes Hupfen und Springen und Zerren und Gehen und Armschwenken. Die Lieder sind meist sehr lang. Bei jeder neuanhebenden Strophe ist auf diese Art der Ring ein Slück weiter in der Drehung ? gekommen, und bis das Lied zu Ende ist, ist man meist wieder auf ein ein Anfangsplatz zurück. Einige Paare lösen sich anS dem Kreise und gehen keldeinwärts ins Dunkel, andere bilden einen neuen KreiS und ein anderes Lied beginnt. Wird ein Kreis zu groß und kann sich eigentlich nicht mehr frei genug bewegen, so teilt er sich in zwei Kreise, von denen jeder seinen eigenen Tanz ausführt, d. h. viel- mehr, sein eigenes Lied fingt. Der Festtag selbst brachte manchmal vier Kreise zu stände. Seltsam klang das Singen in die Nacht. Traurig, schwer müde, nur der Wechsel des Refrains nahm etwas der Monotonie, und die hellen Mädchenstimmcn bringen gewisser- inaßen etwas Lichtes hinein. Am Festtag selbst hat man bis vier Uhr inorgenS auf der Straße getanzt. Man tut es mit Leidenschast, und jimg und alt tuts. Und rundum stehen zahlreiche Zuschauer. Man ist ausgelassen. Aber die Ausgelassenheit kommt-vom Ernste nicht los. Die Lieder sind die gleichen, welche die Fischer draußen auf dem Meere bei ihrer Arbeit singen. Sie haben auch alle etwas Ein- fameS. Meist handeln sie von der Liebe. Sehr frei, und oft recht kräftig mit Cochonnerien gespickt. Aber das freut männlich wie weiblich. Und heimlich kichert die alte Kupplerin Nacht. Genießet das kurze Leben und Glück, das ich euch lasse, mahnt drunten daS unerbittliche Meer, das zu Gesang und Tanz den Grundbaß fingt... Wie gesagt, das eigentliche Fest ist Kirchenfcst. Am Sonntag in der Früh versammeln fich alle Fischer auf dem Hofe der Mairie. Sie sind alle in ihrem Staate, den sie eigentlich nur für dieses Fest haben. Jeder erhält eine Kerze. Darm läuten die Glocken und von der Nkirche her kommt die Prozession. Boraus der Kirchenschweizer in seiner bunten Uniform, die Hellebarde auf der Schulter. Dann die Ärchenfahnen, und dann die Fahne der Fischer, von einem alten Seemann getragen, der die Brust mit einer Reihe von Medaillen geschmückt hat; er hat in neun Fällen Menschenleben gerettet aus Seenot und Todesgefahr. Man trägt ihm Kränze und Schiffs- modelle nach, und zuletzt kommt eine bekränzte Pvrainide mit ge- weihtem Brot. Brioche, wie man sie in der Gegend backt, in allen Größen. Die Fischer ordnen sich nun und werden nach der Kirche geführt. Hier ist großer Gottesdienst mit Predigt und Musik, Fanfaren und Trommeln. Alle Bänke sind voll von Männern, lauter charakteristische Köpfe. Schön ist der Moment, wo alle Lichter entzündet werden, an den Wänden, zwischen den Bogen, in den Reihen der Fischer. Die ganze Kirche schwimmt in einem Lichtglanz, der leise flimmert und zittert, und die Gestalten der Fischer sind davon umflossen, eine dunkle Masse, wie ein Boot in den Wogen der See. Es ist ein Anblick, der das Auge entzückt. Und dann sieht man sie daraus emporwachsen, jeden einzelnen, und es klingt in der Seele in einem respektvollen Worte alles ein, was man vor ihnen empfindet, der Respekt vor ihrem Mute und ihrer Kühnheit, ihrer Energie und Ausdauer und Kraft und ihrer Stärke und Zähigkeit, mit der sie ihren entbehrungsvollen Beruf erfüllen. Es klingt das Lied der Arbeit. Wenn cS einmal keinen Kirchcnprunk mehr nötig haben wird, wenn es einmal sich selbst feiern und ehren kann l Und wenn um diese tüchtigen Köpfe all einmal kein Licht mehr entzündet werden braucht, wenn das Licht einmal in ihnen sein wird I ES ist noch nicht in ihnen. ES ist kem Wunder, daß es daS noch nicht ist. Aber mancher steht hier schon, der sein Leben und Ringen anders ansieht als mit Priesteraugen. Aber er flicht noch mit an den Kränzen, die eigentlich einer vergangenen Zeit angehören. Nur die Alten setzen sie fich noch willig auf. »»» DaS Fest ist aus. Die Casus haben sich gefüllt und die Tanz- lieber klingen in die Nacht. Freut Euch des Lebens! Drunten im Hafen von Fecamp wird Tag und Nacht gearbeitet, die Schiffe in stand zu setzen. Bald, schon so bald I Hinaus, wo die Toten ruhen, iiver deren Sarg kein Bahrtuch gehalten worden. Der Priester hat es in der Kirche wohl nachgeholt, aber es ist nicht dasseQie. Und hinaus, wo ihr Leben dich erfüllt I Der Morgen wacht auf mit stühlingsfrischcn Wangen. Leben und Lieben— beeilt euch l Der Frühling lockt, der Abschied droht. Und drunten wartet das Meer. Das alte SeeräuberLlut der Normannen regt sich mächtig und treibt hinaus. Schiff und Wasser, sie erst lösen den Männern hier die Kraft. Und im nächsten Jahre wieder,— wieder ein Fest l— Paris. Wilhelm Holza in er, Kleines feinlleton. — Wie ich sie sah. Hermann Bahr. Nach dem Mittag« essen— es war wieder einmal, durch meine Schuld, ziemlich spat geworden— stagte die Mutter: »Hast Du Belannte in Linz?" .Nee!• »Machst wieder den Berliner?.,, Weil's Dir dort so gut ge» fallen hat?... Meinetwegen T „Ich ha— be kei— ne Bc— kanntschast in Linz!" »Aber es ist ein Mordstrumm von einer Pappschachtel von dort her gekommen. Draußen liegt sie." »Her mit der Schachtel!" Sie kam. Die Extra-Uniforni eines Soldaten Ivar darin. Und ein Brief. Als ich ihn gelesen, fühlte ich mich um zwei Zoll länger: Mit einem„Landesauslchuß" von Obcrösterreich hatte ich noch nie zu tun gehabt. Der Boter schrieb, sein Sohn Hermann käme dieser Tage, um hier die Waffenäbniig mitzumachen, und da habe er die Uniform an mich gesandt, da ich doch mit ihm in Verbindung stände, und ich sollte sie, die Uniform, an ihn, den Hermann„ausfolgen". Hermann Bahr! Aber natürlich! Großdeutscher... Wagner- kommers zc.... Der den alten Schäffle so schön vermöbelt hatte w. zc. Mem Pariser Mitarbeiter!... Selbstverständlich I... Und er kam. Ein fescher Kerl! Braun das Haar und braun der Bart, im soimenuberfangenen Geficht lachende Augen. Stramm und bebend. Und drum rum um den Manu, trotz des Sonimers, ein derbes Gewand. Sofort war ich getröstet. Wenn der mit der Kotzen in Spanien und Fez und Marokko nun gezogen ist, wirst du deine letzte Uebung auch noch aushalten I Wir waren drei von der Zunft. Der Zuckerbäcker— er machte Versln, später wurde er ReichStagS-Abgeordneter—, stand am höchsten auf der militärischen Ranglciter: Feldwebel mit Schlepp- säbcl. Bahr war Unteroffizier, ich hatte es trotz allen Strampelns, nur zum Gefreiten gebracht. War ausgewachsen damals. Der Länge nach. Aber nach der Breite und Dicke hatte eL seit einiger Zeit wieder angefangen. Die andern hatten ihre eigene Uniform. Ich nicht. Sie suchten daS ganze Magazin ab. Auf dem obersten Boden fanden sie eine alte.Brauerhose" xter Garnitur und setzten hinten einen Keil auS neuem, schön blauem Tuch ein. Und es lachte die ganze Stadt. Die Uebung ging vorüber. Mein Bauch„versHandclte" die ?anze Front, aber keiner von uns bekam ein bö>es Wort zn ören.-- Im Herbst traf ich ihn in Berlin im Literaten-Cafü. Ein Weliinann saß er bei den Mitarbeitepn und Zaungästen der„Freien Bühne". Pie Stirnlocke baumelte schon! Alle schimpften über das kleine„Brettmaul". „Dumm ist er," schrie einer, der so steif stand, als hätte er einen Holzstecken verschluckt,„zu dumm! Nicht einmal französisch kann er!" Damals verschwor Bahr sich und wollte die Wette halten, daß er in einer Nacht einen auLgewachseuen Roman diltieren würde, und eine große deutsche Zeitung wurde ihn abdrucken auf der Stelle. Es wollke keiner einschlagen. Nicht eimnal der langbeinige Verleger, der gekommen war, um nach Autoren zu angeln. Gleich darauf schmiß er um, und es roch nach sauerem Bier... Zum letztenmal sah ich ihn, als Wolzogcn den Heuboden am Alexanderplatz aufmachte. Lang das Haar, graues Gerifel im Barte, wie Negenwürmcr die Adern der Hand. Unlängst schlug ich die„Leipziger Illustrierte" auf. Der selige Dr. Herbst I Der es lange vor Eugen Richter verstanden, eine Partei zugrunde zu richten. Hängcbacken und allurat dieselbe Nase. Wie sie der„Kikeriki" gezeichnet hat: ein Knöpperl und eine Kreis- linie um die andere. Na ja. älter werden wir alle, und schöner keiner. Macht nichts I Heute wird sein Stuck„Sauna" gegeben. Heil.'. Bruder Hermann I... Zum guten Glück!— e. Bon der Pracht im Palast dcS Zaren. Als vor Jahren di'S Hungersnot im heiligen Rußland zu arg wurde, so daß die Ge» sellschaft sich gezwungen sah, ein Kleine? im Jntereffe der leidenden Bevölkerung zu tun, schrieb der greise Tolstoi unter anderem folgen» des:„Bon dem allgemeinen Wohlstand der Nation ganz zu schwelgen — allcS Korn das sie besitzt, wurde gesät, geerntet, eingebracht, ge« droschen und aufgespeichert von dem Volke, das jetzt nichts zu csseni hat. Wie ist es denn gekommen, daß es, anstatt in seinen Händen zu sein, in den unserigen ist, und daß wir unsere Zuflucht zu kirnst- liehen Mitteln nehmen, um ihm einen Teil davon zurückzugeben. indem wir jedes Korn zählen und mit der Lupe die Pcrsonen aussuchen, denen wir es zukommen lassen wollen? Augenscheinlich haben wir es ihm genommen, ohne es zu zählen oder zu messen, und zwar haben wir viel zu viel genommen, und jetzt lst cS un- umgänglich, einen Teil davon zurückzugeben, und so notwendig cä auch ist, finden wir es doch durchaus unbequem." Ja gewiß, viel zu viel haben sie genommen und nehmen cg noch alle Tage, denn ein englischer Reisender, dem es vor Jahretzf — 200— erlaubt wurde, die Paläste des Zaren zu besichtigen, entwirft in einer Zeitung eine begeisterte Schilderung der Pracht, die sich vor seinen Augen ausgetan hat. Selbst wenn man mit der reichsten Einbildungskrast begabt ist— meint er— kann man sich kaum eine Borstellung davon machen, mit welchem Glanz und mit welchem Luxus ein russischer Herrscher umgeben ist. Stühle und Tische aus »nassivem Silber, Thronsessel aus Elfenbein, mit Brillanten und Saphiren überreich verziert, ganze Wände aus Bernstein, Fußböden aus Perlmutter,— das alles findet man, so märchenhast es auch klingen mag, im Palaste des Zaren. In den geheiligten Mauern des Kreml in Moskau kann man nicht nur zahlreiche Kronen und Zepter bewundern, die von Diamanten strotzen, sondern sogar die Geschirre der Staatskarossen, die Sättel und Steigbügel sind mit Edelsteinen bedeckt. Dort sieht man hunderte von kostbaren Schwertern, Dolche und andere Waffen, die buchstäblich mit Perlen, Rubinen und Türkisen übersät sind. Seltene Tapeten, wunderbares Porzellan von Sevres und Japan, herrliche Gemmen aus Asien. unbezahlbare antike Handschristen und mit Juwelen geschmückte Buch- decket— dies sind nur wenige der Gegenstände, die in den zwölf Palästen des Zaren mit arger Verschwendung umhergestreut sind. Wenn der Untergrund, auf dem diese Paläste stehen, nicht all- »nählich begönne, etwas unsicher zu werden, ließe es sich ohne Frage ganz behaglich in diesen prächtigen Räumen leben.— Aus dem Pflanzenleben. — Die Ursache der Blütenbildung bei den Pflanzen. Daß jede Pflanze befähigt ist, die für ihre Re- produktton erforderlichen Organe hervorzubringen, ist selbstverständlich, denn nur auf diese Weise kann die Art, der sie angehört, auf die Dauer erhalten bleiben. Andererseits aber liegt eS auch auf der Hand, daß es irgend eine Ursache geben muß, welche die Pflanzen, nachdem sie eine Zeitlang lediglich Stengel und Laubgebilde er-- zeugt haben, dazu veranlaßt, zur Blütenbildung zu schreiten. Der große Pflanzenphysiologe Sachs hat bereits diese Frage diskuttert lind ist zu dem Resultate gekommen, daß jede Pflanze in ihrem Lebensprozeß gewisse Stoffe er- teugen muß, welche auf ihre Zellen und Gefäße einen Reiz ausüben, er sie veranlaßt, sich zu Blütenorganen zusammenzufügen, während sie vorher nur die vegetativen Organe erzeugt hatten. Andere Botaniker haben dann versucht, näheres über diesen Reiz zu er- fahren, und man hat eine Reihe von Beobachttmgen zusammen- gestellt, welche in dieser Hinsicht als Fingerzeige dienen können. So ist z. B. von Möbius auf die Bedeutting des Lichtes bei der Blüten- bildung aufmerksam gemacht worden. Noch wichttger aber sind zahlreiche Beobachtungen, welche insgesamt darauf hinweisen, daß die Pflanzen bei reichlicher Feuchttgkeit Blätter, bei verminderter Fenchtigkeitszufuhr aber Blüten erzeugen. Es gehören hierhin nicht nur klimatische und Wittcrungseinflüsse, sondern namentlich auch die Erscheinungen, welche auftreten, wenn man Pflanzen in sehr schwerem Erdboden wachsen läßt oder ihre Wurzeln zurückschneidet oder sonst irgendwie sie an reichlicherer Wasseraufnahme verhindert. Regelmäßig wird dann die Blütenbildung begünstigt. In neuerer Zeit ist nun der ausgezeichnete, in Japan lebende Pflanzenphyfiologe Oskar Loew dieser ganzen Frage wieder nach- gegangen, wobei er auch die bekannte außerordentliche Reichlichkeit der Kirschblüte in Japan mit in Betracht gezogen hat. Diese Kirschblüte ist weltberühmt, und die Japaner selbst haben sie zum Gegenstand zahlreicher Abbildungen gemacht, welche man für übertrieben halten könnte, wenn man nicht die außer- ordentliche Naturtreue, mit der die Japaner zu zeichnen pflegen, zur Genüge kennte und auch von vielen Reisenden die Be- stätigung dafür hätte, daß die Kirschblüte, wie sie namentlich in der Umgegend von Kyoto sich einstellt, etwas ganz außerordentliches ist. Trotz dieser Reichlichkeit ihres Blühens bringen aber die japanischen Kirschbäume keine Früchte hervor, weil infolge eigentümlicher klima- tischer Verhältnisse die gebildeten Kirschen noch in ganz unreifem Zustande von den Bäumen abfallen. Loew hat nun festgestellt, daß die Nährstoffe, welche der Baum produziert, um die Reife der Früchte herbeizuführen, von den Pflanzen, welche nach dem Abfall der un- reifen Kirschen keine Verwendung für diese Nährstoffe mehr haben, in Form von Stärke in der Rinde aufgespeichert werden. Diese Stärke verwandelt sich dann im kommenden Frühjahr in Zucker, der nunmehr in ungewöhnlich reichem Maße in den Säften des Baumes_ vorhanden ist. Dies führt dazu, anzunehmen, daß es Zucker ist, welcher den Reiz ausübt, der zur Blütenbildung führt. In der Tat hat Loew nach Aufstellung dieser Hypothese gefunden, daß all die eigenartigen Erscheinungen bei der Blütenbildung der Pflanzen sich auf einen vermehrten Zuckergehalt der Säfte zurück- führen lassen und sich durch einen solchen ungezwungen erklären. Insbesondere ist dies auch der Fall bei der oben besprochenen, in Wermindenmg der Feuchtigkeitsaufuahme bestehenden Uriache für das Blühen der Pflanzen; denn selbstverständlich wird, sobald die Feuchtigkeitsaufnahme vermindert wird, auch die Konzentratton des Zellsaftes und damit sein relativer Zuckergehalt erhöht. Die geistvolle, hier in Kürze wiedergegebene Hypothese erscheint noch um so plausibler, wenn man sich daran erinnert, daß Zucker überhaupt einen Reiz auf das Protoplasma ausübt. Es ist dies auch vci tierischen Geweben vielfach festgestellt worden. Unter anderem beruht darauf die bekannte Tatsache, daß sogenannte Transparent- seifen, welche häufig mit einem starken Zusatz von Melasse hergestellt werden, leicht einen irritterenden Einfluß auf die Haut von Frauen und Kindern ausüben, indem der Zucker auf osmottschem Wege in das Innere der Zellen eindringt und daselbst die protoplasmattschen Lebensstoffe beeinflußt.—(»Prometheus".) Astronomisches. — Die Photographie im Dienste der Spektralan a l y s e. Die Sternphotographie und ihre Anwendung auf die Spettroskopie hat sich von größter Bedeutung für die Himmels- forschung, besonders für die unsichtbare Strahlung erwiesen. Mit Hülfe der Abneyschen Platten(Kollodiumhäutchen) lassen sich die jenseits des Violctts liegenden Teile des Spektrums oder auch die weniger brechbaren jenseits des Rots liegenden Strahlen Photo- graphieren. Die Spettrographie(die Photographie des spektro- skopischen Farbenbandes eines Sternes) ist ein ganz neuer, aber äußerst wichtiger Zweig der Himmelssorschimg geworden, und ihr verdanken wir auch den berühmten„Draperschen Katalog", ein Ver- zeichnis, das von E. C. Pickering im Jahre 1890 herausgegeben wurde und 19 009 Sternsprettra enthält. Diese großartige von H. Draper in New Jork angeregte und von Pickering dann geleitete Durchmusterung des Fixstern-Himmels wird, wie der„Täglichen Rundschau" geschrieben wird, noch immer fleißig fortgesetzt. Von» Harvard-Collegc, an dem Pickering tätig ist, wurde eigens für die Durchmusterung des südlichen Himmels eine Zweigstelle in Arequipa (Peru) eingerichtet. Alle dort aufgenommenen photographischen Platten wandern nach dem Harvard-College. Dort befinden sich Tausende von Bildern in den feuersicheren Gewölben der Sternwarte. und sie bilden eine großartige Sternaufnahme, von denen einzelne Stücke doppelt vorhanden sind. Ein Teil der Platten nämlich zeigt nur feine Pünktchen; es sind dies die Sterne, der andere Teil der Platten aber läßt nur schmale Striche erkennen, nämlich die mikro- skcPisch kleinen photographierten Farbenbänder jener Stern-Licht- Pünktchen. Und diese Pünktchen und Striche auf den phtographischen Platten werden genau geprüft und mit einer außerordentlich feinen Repsoldschen Vorrichtung ausgemessen. Im Harvard-College und in der Sternwarte zu Paris verrichten diese Arbeit nur Frauen. Auf der erstgenannten Sternwarte haben sich dadurch zwei Frauen einen Namen gemacht, nämlich Fräulein Lcland, die in einer die Geduld wirklich auf die Probe stellenden Weise gegen 40 000 Sterne aus- gemessen hat, und Frau Fleming, die auf diese prüfende Weise in den letzten Jahren mehrere„Neue" und Doppelsterne entdeckte. Erst in letzter Zeit fand Frau Fleming bei Prüfung von Harvard- Aufnahmen wieder einige Sterne mit außergewöhnlichen Farben. bändern, nämlich fünf neue veränderliche Sterne und einen Stern S. bis 6. Größe im Sternbilde des„Cepheus". dessen Spektrum sehr seltene Wasserstofflinien zeigt, die im irdischen Wasserstoffspektrum bisher nicht zu erkennen waren.— Notizen. c. Amerikanische Bücherproduktion. Nach den Auf- stellungen des„Publishers Cirkular" war die Zahl der in den Ver- einigten Staaten veröffentlichten Bücher im Jahre 1004 um 420 Nummern größer als im Jahre vorher. Die Dichttmg nimmt die größte Ziffer für sich in Anspruch, eine noch größere als im Vor- jähre. Theologie und Religion kommen in einem weiten Abstand an zweiter Stelle; dann kommen„literarische Arbeiten und Gesamt- ausgaben" und dann„Pädagogik'.„Philosophie" steht zu unterst auf der Liste, und„Humoristisches" steht gerade darüber. Es ist bemerkenswert, daß von den 1800 Romanen, die veröffentlicht wurden. 1262 von amerikanischen Autoren verfaßt sind, während nur ein Drittel von englischen und anderen fremden Autoren ge- schrieben sind. Die Vereinigten Staaten stehen übrigens in ihrer Bücherproduktion weit zurück gegen Frankreich, obgleich ihre Be- völkerung fast doppelt so groß ist wie die Frankreichs. Frankreich publizierte 1004 12 139 Bücher, die Vereinigten Staaten nur 8291.— — Tolstoj hat drei neue erzählende Dichtungen bollendet: „Madselli Murat", eine Novelle aus dem kaukasischen Leben, die kleine Erzählung„Nach dem Ball" und die Novelle„Menschliches und Göttliches". Die Arbeiten sollen erst nach dem Tode des Dichters veröffentlicht werden.— — Die Geldgeber des Deutschen Theaters haben, um die Fortführung des Unternehmens zu ermöglichen, 200 000 M. zu- geschossen.— � —„Die Pantomime vom braven Mann", ein Mimodrama von Hermann Bahr. Musik von Fritz Ritter. geht am 14. März im Hoftheater zu Dessau zum erstenmal ,n Szene.—_ — Eduard v. KeyserlingkS Zweiakter„Beniguens Erlebnis hatte bei der Uraufführung im Münchener Schauspielhause Erfolg.— — Hauptmanns„El-ga" wurde im„Dramattschen Theater" in Petersburg abgelehnt.— — Die Altdorfer Tellspiel-Gesellschaft hat rm vergangenen Jahre einen Reinüberschuß von 13 000 M. erzielt. Man will ein festes Schauspielhaus errichten.— — Felix Weingartner bleibt nach dem„B. T." Letter der Sinfonie-Konzerte der Berliner Hofkapelle.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 12. März.___ sverantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcTo..BerlinL\V.