Anterhalinngsvlatt des Horwärts Nr. 51. Sonntag, den 12. März. 1905 (Nachdruck verboten.) Vie �cköne)Znärea. Erzählung von Karl Busse. Die schöne Andrea Falk spitzte die Lippen, als wollte sie pfeifen, und sah an Bogdan Konarski vorbei die Chaussee entlang. Die Chaussee war hügelig: man konnte sie nicht weit überblicken. Zu beiden Seiten schloß der Wald sie ein. Auch er stieg und fiel unregelmäßig. „Pani!" sagte der Bursch, um die schöne Andrea zu er- Innern, daß er auch noch da sei. Seine groben, ausgearbeiteten Hände zogen den breiten Traggurt hin und her über den Schultern. „Seht Ihr den Vater schon?" gab sie zurück. „Er kommt auch so. Er kommt jeden Tag. Ich aber habe Euch nur selten. Erinnert Euch, daß Ihr mir eine Antwort schuldig seid." Da bog sie das Gesicht ihm zu. Es war von feiner, heller Bräune, wie man sie wohl bei jungen Zigeunerinnen sieht, und edel geschnitten. Frei und hoch waren die Brauen ge- schwungen und neigten sich weit zueinander. Darunter die Augen, dunkel, tief, unbeweglich— aber es wußte jeder Bursch im Dorfe, daß dieses Dunkel hin und wieder glänzen und brennen konnte, als würde es von innen durchleuchtet. Jetzt jedoch war es nur unbewegliches Dunkel. Und ein stiller Hochmut stand in dem Antlitz. „Drei Häuser weiter," sprach sie.„Sagt dort dasselbe, und ich höre den Jubel bis hierher." „Wenn ich drei Häuser weiter wollte, wäre ich nicht hier stehen geblieben." „Vielleicht wäret Ihr müde. Tie Karre wird schwer sein." Der Bursch drehte langsam den Kopf. Am Rand der Straße stand ein Schubkarren. Das Holz war hoch auf- geschichtet und mit Stricken gegen das Abgleiten gesichert. Seine Brust dehnte sich. „Man sorgt für den Winter. Es wird kalt werden, Pani. Und leicht war es nicht, das Holz bis hierher zu kriegen. Aber die Mutter ist alt. Wer weiß, wie lange sie noch lebt! Mir hilft keiner!" „Und deshalb," fuhr Andrea statt seiner fort,„dachtet Ihr: eine Frau wäre nicht schlecht. Sie könnte ziehen, sie könnte helfen. Man spannt sie als Pferdchen vor... hü, das geht fixer. Gerade muß ich dastehen: so kamt Ihr heran." Bogdan Konarski brachte die Worte nicht glatt heraus. „Weiberzungen sind schneller als Mannsgedanken," erwiderte er.„Ich habe über ein Jahr bei mir nachgedacht. Ihr seid stolz und habt zu schöne Hände. Schöne Hände sind schlechte Arbeiter. Da, seht— die guten Arbeiter sind so!" Er streckte ihr die harten, mächtigen Pranken hin und lachte ruhig bei sich.„Eine Prinzessin kann ich nicht brauchen. Meine Frau muß arbeiten. Und wenn sie die Karre ziehen hilft, ist die Last leichter. Die Pani Madurowicz weiß das!" Eben bog ein anderer Karren aus dem Walde. Vorn ein junges Weib, das sich mit Brust und Schultern stark in die Stricke legte, während der Mann hinten schob. So kamen sie rasch vorwärts. „Seht, Pan," sagte das Mädchen plötzlich,„das gefällt Euch. So möchtet Ihr es auch haben. Drei Häuser weiter, und Ihr habt es so. Warum wollt Ihr mich? Glaubt Ihr, jch lasse mich vorspannen? Bis jetzt habe ich's nicht gebraucht, und wenn ich heirate, will ich's besser haben, nicht schlechter. Das versteht Ihr doch! Warum also viel Worte? Als Vor- spann bin ich zu gut!" Bogdan Konarski blickte lange zur Erde. Dann spuckte er in die Hände.„Wie Gott will! Also Einspänner. Schwer, schwer— jedoch es geht alles. Da kommt auch Euer Vater. Er bestärkt nur immer Euern Hochmut, Pani. Nach wem Ihr seht, weiß ich. Das ist der Grünrock aus dem Walde. Grün ist die Hoffnung: alle Narren laufen danach." „Was kümmert Ihr Euch um meine Angelegenheiten, Pan Bogdan?" „Dachte immer, es sind auch meine!— Nun, wie geht's der Stadt, Euer Wohlgeboren?" Das letzte rief er dem Vater der schönen Andrea zu, der eben auf seinem Fuhrwerk herankam. Ein absonderliches Gefährt. Ein kleiner, alter Esel zog den kleinen, alten Wagen. Weil der Sitz zu niedrig war, mußte Valentin Falk die Beine stets weit nach vorn aus- strecken. Hinter ihm klapperten bei jeder Umdrehung der Räder die leeren blechernen Milchkannen. „Der Stadt," sagte er nickend und grüßend,„geht's besser als mir. Sie steht fest, wie sie gestanden, und fällt nicht. Jch aber schwanke wie betrunken. Bald, Freundchen, kann ich mir selbst Maß nehmen zum Sarge. Kurios, kurios— inan glaubt, es war vor kurzem, daß man den ersten machte. Und nun soll der letzte kommen." Aechzend war er herabgeklettert und rieb sich die Beine. Dann schirrte er den Esel ab. „Seit wann unkt Ihr so, Gevatter?" fragte der Bursch. Er befestigte den Traggurt schon an den Griffen der Karre. „Seit es in mir sitzt. Hü, Anton— genug für heut. Man verträgt den Stall in Deinen Jahren. Natürlich— junges Blut friert nicht. Brennt das Blut, brennt die Liebe. Was meinst Du zu Andrea, Freundchen?" Bogdan Konarski hatte mit schwerem Ruck schon die Karre erhoben.„Es wird lange dauern, bis der Prinz für sie kommt, Gevatter," rief er, ohne sich umzusehen. Aechzend drehte sich das Rad. Die schöne Andrea blickte unverwandt nach dem Walde. In letzter Nachmittagssonne flammte das rote Laub der Buchen und rieselte, lichtgetroffen, in den Herbstwinden nieder. Ueberall nur dieses brennende Rotbraun, in das sich, jenseits der Chaussee, die mattgrünen Wipfel der Kiefern mischten. Sie aber stand und sah. ob nicht zu diesen beiden Farben sich eine dritte gesellen wollte: ein helleres Grün, wie es Julian Libelt, der Förster, trug. An ihr vorbei trabte Anton, der Esel, nach dem Stalle. Ihr Vater folgte mit den leeren Milchkannen. Er hatte trübe Augen. Sie erhellten sich nur, wenn sie auf Andrea fielen. ** * Julian Libelt war Unterförster in herrschaftlichen Diensten. Wenn er in seiner Uniform, die Flinte über der Schulter, durchs Revier ging, liefen ihm mehr Mädels über den Weg als Rehe. Kein Wunder: wo gab es auf Meilen einen zweiten so hübschen und forschen Kerl? � Selbst die Schulzentochter in Laslowice wäre gern Pani Libelt ge- worden. Sie war nicht so schön wie die schöne Andrea Falk. Aber sie brachte eine Geldkatze mit und Andrea nur einen Esel. Eine böse Geschichte. Böse besonders seit ein paar Tagen! Denn vorher-- Er machte die Augen zu. Wie sie warm an seinem Halse hing:„Julek!" Wie das Brennen in die dunklen Äugen kam:„Julek!" Wie sie küßte, die schöne Andrea! Keine war ihr vergleichbar. Und der Alte, der Tischler, Milchfahrer, und was er sonst noch war, hatte gelächelt. Niemals war aus ihm klug zu werden. Die einen versicherten, er hätte nicht nur ein Kapitälchen auf der Sparkasse, sondern auch sonst noch mancherlei ausstehen. Die anderen hingegen meinten, er quäle sich gerade so durch und wäre ein lustiger Hungerleider. Julian Libelt neigte sich der erstcren Ansicht zu. Aber für alle Fälle hielt er auch die Schulzentochter noch am losen Fädchen. Da war vor ein paar Tagen etwas geschehen, was ihn recht verstört hatte. Er war schräg durchs Revier gegangen, auf die Chaussee zu. Sprang da ein Wild? Wer lief so? Ein klingender Aufruf. Ein stockender Schritt.„Julek!" Und weinend hängt ihm die schöne Andrea am Halse. Was ist los, wo brennt's? Ach, sie kommt vom Doktor. Der Vater will sterben. Hat immerzu gehobelt, am eigenen Sarg. Bis er hinfällt. Der Doktor will morgen nachsehen. Küsse und Tränen— es schmeckt bitter durch alles Süße. ..Geh' mit! Rette ihn!" Lieber Gott, die Weiber— wenn sie einen lieb haben« — 202 frönen sie einem alles zu, selbst Wunderkrast. Aber wer kann widerstehen? Die Alte humpelt; der Tischler liegt im Bett, im dicken, schwergefüllten Bauerubett. Als er die beiden reinkommen sieht, lachen seine Augen. Hin und Herreden, aber zum Schluß immer:„Kurios, daß man sterben muß!" Und leise plötzlich: -„Schafft die Weiber raus, Libelt!" Schön.„Wir sind beide grauköpfig, der Esel und ich. Aber Anton überlebt mich. Lange wird's auch bei ihm nicht dauern. Meine Frau— krank, krank. Hundert Jahre kann sie dennoch werden. Sie ist zäh. Bleibt noch eine, die Ihr kennt!" Wieder lachen die Augen. An seiner schönen Tochter hängt das Herz des Tischlers und Milchfahrers. „Was wird aus ihr?" Eine Handbewegung. �„Wie steht Ihr? Morgen, übermorgen ist's aus. Könnte also werden!" Peinlich für einen Ehrenmann, so direkt gestellt zu werden! Was sollte ich anders tun? denkt der Förster. Ich habe die Hand aufs Herz gelegt. „Ich meine nicht, ob Ihr liebt," sagt der Kranke da. „Das kann jeder... solch Mädel! Aber heiraten, Freundchen! Euretwegen hat sie viele fortgeschickt." Ja, ja— es wäre der höchste Wunsch, am liebsten gleich. Ach, die große Liebe! Aber— je nun... man müßte doch erst wissen... Kurz und gut, der Herr Gevatter hätte ja selbst gesagt: Lieben sei kein Kunststück, aber heiraten. Zum Lieben gehört nur das Herz— hier schlägt es, hier ist es—, aber zum Heiraten Geld. Wie es damit wohl stünde... Eine Bewegung von Daumen und Zeigefinger, die sich beide zärtlich reiben. Eine Andeutung von der Schulzen- tochter... Immer tiefer scheinen die Augen in das Krankengesicht zu sinken. Der Tod macht dem Pan Falk einen Strich durch die Rechnung. Noch ein Jahr Leben— und seine Andrea wäre Frau Libelt gewesen. Man hätte den Förster hin- gehalten. Und Heirat war Heirat. Aber nun konnte er seine Rolle nicht zu Ende spielen. Starb er, kam doch alles raus. (Fortsetzung folgt.); HckiUerfeier. Von den hunderttausend Mark, die zur Ausstattung des Schiller- Lagers auf dem Gendarmenmarkt benötigt wurden, waren einige zwanzigtausend Mark eingekommen. Etwa 140 000 M. waren aus- gegeben worden, die einstweilen fehlende Summe hoffte man bis zu dem bevorstehenden 1S0. Geburtstag Sckillers zu tilgen: das leitende Komitee sollte bis dahin zusammenbleiben. Sämtliche Maskeiigarderoben Berlins waren ausverkauft. Auf dem Gendarmenmarkt tummelte sich ein Jahrmarkt Schillerscher Ge- stalten, herrlich anzuschauen wie Kulissen, die man in der Mittagsonne aus dem Schuppen über die Straße schleppt. Die feinsten Spitzen der Behörden waren vollzählig beisammen. Alle Garderegimeuter waren durch Abordnungen vertreten. Die Stimmung war außerordentlich. Man sprach nur im Jambischen Tonfall. Das Schauspielhaus war zu Ehren des TageS mit einem ge- schmackvollen Goldbronze- Ueberzng versehen worden. Außerdem waren überall bunt leuchtende Pappäpfel angebracht— ein sinniger Einfall, der auf die historische Tatsache hindeutete, daß Schiller nur dichten konnte, wenn er einige Aepfek im Schubfach liegen hatte, die allerdings, da eS ihm immer an Geldmitteln fehlte, leider meistens faul waren. AuS dem gleichen Grunde waren über den ganzen Platz schwarz- weiß- rote Schnüre gezogen, an denen in geschmackvollem Wechsel Ningäpfel, goldene Lorbeerblätter, preußische und Reichsadler aufgereiht waren. Die Feier begann mit einem Massengesang von„Heil Dir im Siegerkranz", begleitet von sämtlichen Berliner und Potsdamer Rcgimentskapellen. Darauf betrat Reichskanzler Graf Bnlow die Rednertribüne, die auf dem mittleren Absatz der großen Freitreppe deS Schauspielhauses . errichtet war, und hielt folgende Ansprache: Hochverehrte Festgenossenschaft! In diesen Tagen, da irregeleitete Massen immer mehr m den Kampf für niedrige materielle Interessen versunken sind, ist es eine bittere Notwendigkeit, sich in den Dienst der ewigen Ideale zu vertiefen, wie sie unsere große Exzellenz des Musenreiches, Friedrich V.Schiller, allezeit vertreten hat. In einer Zeit, wo an den Grundlagen unserer Kultur genagt wird, wo man selbst russische Großfürsten mit feigen Bomben mordet, ist eS uns allen ein tiefes Bedürfnis, dem Manne zu huldigen, der solche Untaten stets verabscheut hat. Gegenüber den Narren und Phantasten, die um eines erträumten Zukunftsstaates willen, dieses furchtbaren Zuchthausstaates, die ewigen Güter von Thron, Altar, Vaterland, Armee und Landwirtschaft zerstören, hat uns Schiller gelehrt, auf der mittleren Linie zwischen den Ansprüchen der menschlichen Un« geduld und der realpolitischen Notwendigkeit im Dienste der Ordnung die vollendete Harmonie aller berechtigten Interessen zu erstreben. So ist unser Friedrich von Schiller nicht tot. In einer Zeit, da auch die hehre Kunst in den Rinnstein gesunken ist, wird uns Schiller doppelt wert als Vorbild einer wahrhaft idealen Kunst. Darum glaube ich diesen schönen Tag nicht besser ehren zu können. als durch die freudige Mitteilung, daß Gott sei Dan! das reine Feuer der wahren Kunst immer noch glüht. Noch gibt es Nachfolger Schillers im deutschen Land. Noch wird das Banner der ewigeii Ideale hochgehalten. Und darum freue ich mich, mit- teilen zu können, daß die Schiller-Preise der letzten zehn Jahre dem berufenen Nachfolger Schillers, unserem Major Lauff auf einmal verliehen sind, unter gleichzeitiger Beförderung zum Oberst der Kavallerie. Noch gilt Schillers Wort, in dem sich unseres Genius ganzes Wesen zusammenfassen läßt: Drum soll der Sänger mit dem König gehen, Sie beide Ivohnen auf der Menschheit Höhen. In diesem Sinne bitte ich Sie einzustimmen in den Ruf: Seine Majestät, unser ällergnädigster Kaiser und König: Hurra I Hurra I Hurra I Darauf nahm da? Wort der konservative Abgeordnete v. Nor» mann zu folgender Ansprache: Nach den erhebenden Worten des Herrn Reichskanzlers kann ich mich kurz fasten. Wir alle stehen ganz auf dem Standpunkt des genialen Dichters, der sehr richtig bemerkt hat: Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn» Verstand ist st e t s bei w e n' g e n nur gewesen. Meine Herren! Die einzige passende Ehrung Schillers'wäre unseres ErachtenS die Beseitigung des allgemeinen Wahlrechts. Schließlich möchte ich darauf aufmerksam machen, daß Schiller ein begeisterter Verehrer der Ceres war. Ceres ist aber die Landwirt- schaff, für die wir ja nun den gesteigerten Zollschutz haben. Das ist aber noch nicht genug. Ich schließe mit den Worten deS erhabenen Dichters: Nichtswürdig ist die Nation, die nicht Ihr alles freudig setzt an ihre Ehre. Es folgt eine Ansprache des Zentrumsführers Spahn: Schiller ist eine leuchten.de Gestalt, die wie ein herber Büß- Prediger in unsere Tage entsetzlichen Sittenverfalls tritt. Gilt nicht von den heutigen Zuständen das Wort des Dichter?: ,. D a s m u ß immer saufen und fressen", um von Schlimmerem zn schweigen? Lehnt man sich nicht auf gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit, wo doch der Dichter gesagt hat:„Gehorsam ist des Christen S ch m u ck"? Herrscht nicht auf unseren Universitäten ein heidnischer und aberwitziger Götzendienst sogenannter Wissen- schaff— trotz dem Worte Schillers: Nur der Irrtum ist das Leben Und das Wissen ist der Tod. Immer frecher erhebt die Gottlosigkeit ihr Haupt. Schiller aber hat gesägt: Es lebt ein Gott zu st rasen und zu rächen! Und endlich soll uns in dieser Zeit des immer wachsenden Mammonsdienstes das Wort ins Ohr gellen: Nicht an die Güter hänge dein Herz! Mit elastischem Schritt betritt darauf der nationnlliberale Abgeordnete B a s s e r m a n n die Tribüne, um etwa folgendes zu sagen: Die kaiserlose, die schrecklicheZeit, von der Schiller gesprochen, ist vorüber. Was der Dichter in seinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt, ist herrlich erfüllt. Freilich, noch ist nicht alles getan. Wir nmsten weiter auf der Bahn maß- vollen und besonnenen Liberalismus. Auf der einen Seite dräuen die Mächte der Reaktion.„Wehe, wenn sie loS gelassen!" Auf der anderen Seite unterminieren die vater- landslosen Umstürzler das nationale Gefüge. Ich aber sage mit Schiller: Wenn sich die Völker selb st befreien, Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihen. Freilich, noch ist die bestehende Gesellschaft im Mark gesund und ruft den Revolutionären gebieterisch zu: Das Auge des Gesetzes wacht! In diesem Augenblick geziemt es sich, auch der Frauen zu ge« denken. Wir sollten ihren vernünftigen Bestrebungen auf Selbständigkeit nicht entgegentreten. Schon Schiller sagt: Ehret die Frauen! Sie flechten und weben Himmlische Rosen ins irdische Leben. Um so nachdrücklicher müffen wir uns allen übertriebenen Emanzi- pattonsgelüsten entgegenstellen. Wir Deutschen(pollen nicht, daß unsere Weiber zu Hyänen werden! Diesen Hyänen rufen wir mit Schiller zu: Du fragst Nach Dingen, Mädchen, die dir nicht geziem enl Vor allem jedoch gilt es, die nationale Gesinnung an Schillers Feuer zu wärmen: ."V- V-fcfj.5,-' ..i An» Baterland, an» teure, schließ dich an, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen. Hier sind die starlen Wurzeln deiner Kraft. Die Reihe der offiziellen Redner ans den Parlamenten beschließt der freifinnige Volksparteiler M ü l l e r- Meiningen: Denn er war unser! Wenn Schiller heute noch lebte, würde er zweifellos Mitglied unserer Partei sein, Auch er hat mit den Waffen des Geistes stets nach zwei Fronten gekämpft, gegen die Revolution und gegen die Reaktion. Es ist nicht zu leugnen, daß in unserer Feit das Bpzantinertum überhand- nimmt. Wer aber hat so energisch wie das freigefinnte Bürgertum immerdar den von Schiller geforderten Mannesmut vor Königstronen betätigt I Ich gestehe offen, im Namen meiner ganzen Partei: Ich kann nicht Fürstendiener sein. Darum sind wir aber doch keine Republikaner, sondern auf- richtige und überzeugte, allezeit getreue Monarchisten. Und wenn die Heinze-Mäuner die Kunst an die Bekleidungsindustrie, die Schule an die Kirche ausliefern wollen, dann scharen wir unS um den Thron und rufen in unentwegter Rückgratsteife: Geben Sie Gedankenfreiheit! Bis hierher war die Feier gediehen. Es sollten nunmehr Vertreter der Innungen, Nniversitäten, Kunstschulen usw. zum Worte kommen. Da stieg plötzlich ein Unbekannter die Stufen empor, ein hagerer, häßlicher Mensch mit langer Perücke, Habichtnase und Totenflecken auf den gehöhlten Backen. Er hüstelte eine Weile, bis er zu Atem kam, dann schrillte plötzlich von der Tribüne eine unan- genehme zornige Stimme, deren Wut durch den schwäbischen Dialekt nicht gemildert wirkte: Tretet zurück ihr menschlichen Gesichter— ah stnit frechem Zähncblöken gen Himmel). Hütt' ich nur seinen Weltbau zwischen diesen Zähnen.— Ich fühle mich aufgelegt, die ganze Natur in ein grinsendes Scheusal zu zerkratzen, bis sie aussieht wie mein Schmerz— Bei diesen Worten entstand in der Festgesellschaft ein ungeheurer Tumult. Man rief:„Er lästert Gott.*«Ein Verrückter l*«Ein 'Sozialdemokrat hat sich eingeschlichen." Der hagere Mann aber geiferte weiter: Ihr Pöbel, worunter ich nicht die Mistpanscher allein, sondern auch und noch vielmehr manchen Federhnt, und manchen Tressen- rock, und manchen weißen Kragen zu zählen Ursache habe... Das weitere ging im Lärm verloren. Graf Bülow blätterte ratlos im Büchmann. Und abermals erhob der Unhold seine Stimme und schien zu irgend einer fernen Masse zu sprechen: Führe die Bande gerade nach des Edelmannes Schloß! Zerr ihn aus dem Bette, wenn er schläft, oder in den Armen der Wollust liegt, schleppe ihn vom Mahle weg, wenn er besoffen ist, reiß' ihn vom Kruzifix, wenn er betend vor ihm auf den Knien liegt I WaS wollte der Kerl? Offenbar ein wahnsinniger Anarchist! Und wieder hörte man das Gekreisch: Tritt her Maler. So trotzig stehst du da, weil du Leben auf toten Tüchern heuchelst, und große Taten mit kleinem Auf- wand verewigst. Du prahlst mit Poetcnhitze, der Phantasie marklosem Marionettenspiel, ohne Herz, ohne tatenerwärmcnde Kraft; stürzest Tyrannen auf Leinewand;— bist selbst ein elender Sklave I Machst Republiken mit einen: Pinsel frei;— kannst deine eigene Ketten nicht brechen? Gehl Deine Arbeit ist Gaukelwerk— der Schein weiche der Tat. War das nicht direkte Aufforderung zum Hochverrat? Der Mensch mußte unschädlich gemacht werden. Der aber wehrte sich vor den Andrängenden, die ihn herunterstoßen wollten, und kreischte: Der Mensch ist mehr als Sie von ihm gehalten. Des langen Schlunimers Bande wird er brechen Und wiederfordern sein geheiligt Recht. Das war nun nicht länger zu dulden! Machtvoll und dringend türmten sich die Rufe der Festgesellschaft:«.Schutzmann! Schutzmann I" Endlich erschienen ein Dutzend Schutzleute, zogen den sich heftig Sträubenden von der Tribüne, schlugen ihn mit blanken Säbeln und Gummischläuchen, und schleppten ihn gefesselt durch die ängstlich zurückweichenden Reihen: ein paar Trompeter hieben ihm die Instrumente auf den Kopf. Der Verbrecher sollte geradeswegs vor die vierte Strafkammer zur Aburteilung geschleppt werden. Plötzlich aber war er der- schwunden.... ««■* Am nächsten Morgen fand man das Schiller-Denkmal zerbrochen, vom Sockel gestürzt und wie mit blutigen Striemen bedeckt. In den Händen hielt der Torso einen Band der Werke Schillers, und wie man ihn aufblätterte, fand man ganz tolle Stellen darin, rot angestrichen. Die«Norddeutsche Allgemeine Zeitung" vennerkte die Nachricht. daß die Schandtat offenbar von den Sozialdemokraten ausginge, die den Haß gegen den großen vaterländischen Dichter durch die Entsendung eines blutrünstigen Emissärs zur Störung der Schiller- frier— er sei leider den Armen der Gerechtigkeit entwischt— und dann durch die Denkmalsschändung betätigt habe. J 0 o. Q Kleines Feuilleton. sf. Der Funkensonntag. Ein Uebmest des Kultus des alt» germanischen Donnergottes Donar(Thor) ist das Funkenschlagen am ersten Fastensonntag, eine Frühlingsfeicr, bei der man in Ober- schwabcn auch mit Fackeln über das Saalfeld zieht, um den schlafenden Samen lvachzurufen. Der Gott hielt streng an diesem seinem Ehrentag. Daher heißt es bei den älteren Leuten in Tettnang(Bezirksstadt im württembergischen Tonaukrcis), wenn die Menschen am Funkensonntag keine Funken machen, macht der Herrgott Blitzfunkcn durch ein Donnerwetter. Auch von der Heiligung des diesem Gott geweihten Wochentags, des Donnerstags, wogegen dereinst die christlicher Missionare so lange anzulümpfcn hatten, sind noch Spuren vorhanden. Erbsen, die irdischen Abbilder der himmlischen Wctterkugeln, sind übliches Donnerstagsgcricht. In den drei heiligen Donnerstagsnächten vor Weihnachten, den„Knöpflis- nachten"(Knöpfle-Klöße), wirft man Erbsen an die Fenster. Vcr- mutlich lebt im Himmelfahrtstag, der immer auf einen Donnerstag fällt(wie auch der katholische Fronlcichnamstag), der altheidnische Kultustag des Gottes Donar fort. Darauf deutet der Aberglaube, daß es an demselben immer ein Gewitter geben muß. Auch wurde früher an diesem Tage die Markung umwandelt, um die Felder zu segnen. Noch heute sammelt das junge Volt in aller Frühe die niedlichen„Himmclfahrtsblümlein", die, in kleine Kränze ge- wunden, das Haus vor Blitzschlag bewahren sollen.— — Ncbcr die Kultur der Wcichselrohre. Die Pfeifenrohr- industrie begnügte sich anfangs, die Zweige des wilden Kirsch- baumes zu benützen, bis Farbe und Wohlgeruch des sogenannten türkischen oder Steinweichselbaumes(?rumis Mahaleb) diesen vorzugsweise geeignet erscheinen ließen, um ihn für Pfeifenrohre zu verwenden. Dieser Wohlgeruch des Baumes rührt von einem Stoffe, welcher mit dem angenehmen Riechstoffe von Waldmeister, frischem Heu, Tonkabohnen und vielen anderen duftenden Pflanzen identisch sein dürfte. Da der Baum in Niederösterreich, im Badener Gebiete, wild vorkommt, so hatte man früher nur dcffen halbwegs brauchbare Aeste gesammelt und aus ihnen Pfeifenrohre verfertigt. Weil aber solche Aeste oder Triebe im verwilderten Zustande weder die gehörige Stärke, noch weniger die Länge und Glätte erreichen, welche ein Pfeifenrohr haben soll, so ist man darauf verfallen, den Baum aus Samen zu ziehen. Die eigentliche Wcichselrohrkultur als solche hat, wie die„Zeitschrift für Trechfler, Elfenbciiigraveure und Holz- bildhaucr" in Leipzig ausführt, in Baden erst in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts begonnen, und zwar mit sehr bc- schcidenen Mitteln, wogegen jetzt die Weichselrohrgärten den Flächen- inhalt von sehr vielen Aren umfassen, und noch immer neue Weichselrohrkultvrcn angelegt werden. Sogar die kleineren Garten- bcsitzer ziehen, wenn sie in ihrem Garten dazu ein passendes Plätzchen finden, Weichselrohre und verkaufen sie dann entweder an die größeren Kültivatcure oder an die Pfeifcnrohrdrcchsler; der Preis richtet sich natürlich nach der Qualität. Ein schönes Wcichselrohr mutz gleichmäßig gewachsen, glatt, ohne jede Verletzung, die Rinde dunkel und riechend sein, um als schöne Ware gelten zu lömien. Wie jede Pflanze durch besondere Pflege veredelt wird, so haben auch hier die Weichselrohre durch besondere Pflege eine Vollkonimcn- heit erreicht, die nichts zu wünschen übrig läßt. Man hat wohl auch versucht, den Weichsel anderweitig anzupflanzen, doch nur mit ge- ringen: Erfolg, denn zu der Kultur des Weichselbaumes gehören langjährige Erfahrungen, und hauptsächlich spielt die Beschaffen- heit des Boden dabei eine Rolle mit. Die BePflanzung eines größeren Weichjelgartens beansprucht gewöhnlich 3 Jahre, denn volle 3 Jahre müssen die Weichselpflanzen gepflegt werden, ehe man all- jährlich Pfeifenrohre schneiden kann.—- Theater. Kleines Theater.„Tanna". Schauspiel in fünf Aufzügen von Hermann Bahr.— Durch Kritik wird niemand zum Dramatiker, aber man sollte meinen, daß eine viele Jahre lang fortgesetzt«, kritische Tätigkeit, die Prüfung Hunderter von Stücken auf die Ursachen ihrer Wirksamkeit un! ihres Versagens einen In- stinkt entwickeln müsse, der bei dem Versuche eigenen Schaffens eine Schutzwehr gegen ein gewisses Ucbermatz theaterwidriger Ent- gleisungen bildet,— zumal bei einem so geistreich feinsinnigen Essaisten wie dem Wiener Bahr. Nicht nur vor dem schlimmsten Uebel. der Bühncnlangwcile, meinte man bei ihm sicher zu sein, sein Schauspiel„Ter Meister", im Vorjahre auf dem Deutschen Theater ausgeführt, ließ von dem neuen Werke etwas' positiv Interessantes erwarten, keine Poesie, wohl aber Anregung und Spannung. ES pulsierte Theaterblut im„Meister", mit kecken, flotten Strichen skizziert, traten die geschickt kontrastierten Figuren einander gegen- über, den Dialog beflügelte ein munterer Witz und in rascher Steigerung, sehr eigenartig das Problem der freien Liebe und der individuellen Selbstherrlichkeit beleuchtend, bewegte sich die Handlung fort. Um so ärger war diesmal die Enttäuschung. Keine Spur er- innerte an die berühmte Gewandtheit Bahrs; man erhielt den Ein» drnck eines ungefügen Erstlingswerkes, indem der?lutor nur ganz äußerlich, ohne jede lebendige Anschauung« wie das geschriebene Wort denn von der Bühne her gesprochen klingen werde, die dramatischen Formen nachahmt. Quälend langsam schleppen sich die Situationen hin und münden in ein Meer von Tränenscligkcit. Die Bühne steht unter Wasser, indes die Augen der Zuschauer trocken blciScu. man spürt kein Mitleid, nur die Nervenfolter. Viel literarische Reminiszenzen haben mitgearbeitet. Das Hin- tind Herlaufen nach dem nächtlichen Selbstmord der Heldin— ein Effekt, von dem der Autor s'ch besonders viel Stimmung versprochen haben mag, der aber wirkungslos verpuffte, ist wohl auf eine ahn- liche Szene in Gorkis„Kleinbürgern" zurückzuführen. Und das Thema der höheren Töchter, die aus Mangel standesgemäßer Aus- stattung nicht heiraten können und so elend verkümmern, wurde ja seit Gabriele Reuters„Aus guter Familie" unendlich häufig in Romanen und Novellen wiederholt. Der Stil der Darstellung aber erinnert insbesondere an„Die Raben" Henry Becques. Doch wenn das Drama des Franzosen in seinem noch primitiv ungelenken,' nüchtern phantasielosen Naturalismus als Bruch mit der damals herrschenden konventionellen Theatermanier einen bedeutsamen Fortschritt bezeichnete, fällt die„Sanna" Vahrs selbst hinter das inittclere naturalistische Niveau, wie es heut im Schauspiel cnt- wickelt ist und in dieser Saison etwa durch Drehers„Siebzehn- jährige", Holz'„Traumulus", Hirschfelds„Nebeneinander" reprä- sentiert wurde, weit zurück,— so sehr verzettelt sich das Stück, so sehr entbehrt es in seiner breiten Ausspinnung belangloser Momente einer einheitlichen, anspannenden und erregenden 5lonzentration. Eine intime Wirkung, wie sie Bahr mit seiner Schilderung er- geugen wollte, kann nicht bestehen, ohne solchen Hinterhalt. Einzelne Züge, die man anderswo vielleicht sehr sein empfunden haben würde — so in dem Verhältnis der Schwestern zueinander— gingen in dieser losen zerstreuten und zerstreuenden Zusammenfügung fast ohne Rachhall vorüber. Das Stück spielt in dem Hause einer österreichischen Beamten- familic, die ihre Hoffnungen auf einen achtzigjährigen kindisch ge- wordenen, boshaften Junggesellen, den Hofrai Furnian, setzt. Die Erbschaft dieses widerwärtigen Kauzes soll den ewigen Sorgen ein Ende machen; man hofiert ihn mit heißem Bemühen, und als Sanna, gleich der Schwester Luise ein stark und leidenschaftlich fühlendes Mädchen den Antrag eines jungen Leutnants erhält, da bittet der Zärtlich besorgte Vater den Greis, die Kaution, von der der Ehe- konscns abhängt, zu hinterlegen. Umsonst. Sanna, der die Mutter, hart geworden im Kampfe des Lebens, mit knappen kühlen Worten mitteilt, daß sie nun verzichten müsse, trcsiimt von Romantik und Wundern. Sie will nicht entsagen, wie Luise es getan, und phanta- siert sich einen Leutnant nach ihrem Herzen zurecht, der um der Liebe willen, den Eltern trotzend, Stellung und Karriere in die Schanze schlagen wird. Natürlich denkt der Freier nicht daran, und sie nimmt sich das so sehr zu Herzen, daß sie, vom Ball zurückgekehrt, sich aus dem Fenster stürzt. Um den vierten Akt, in dem das Un>- glück passiert, zu füllen, wird ein Verrücktheits-Jntermezzc des alten Hofrats und eine endlos lange peinigende Szenenfolge, in der Water und Schwester die Verstörte zu beschwichtigen suchen, einge- schoben. Diesem Akt der Hysterien schließt sich der Akt des Weinens an. In der Tat nichts anderes geschieht im letzten Aufzug. Sanna liegt aufgebahrt als Leiche im Hinterzimmer, und einer nach dem anderen kommen die Leidtragenden schluchzend zur Tür herein. In- des man soll nicht ungerecht sein. Einen Trick hat Bahr sich für den Schluß noch aufgespart. Das Stück spielt laut Theaterzettel 1847, im letzten Jahr des alten Regims, und die große Zeitenwende kündet sich sinnvoll darin an, daß der alte, ertra zu diesem Zwecke wieder vernünftig gewordene Hofrat am Totenbett der Selbst- Mörderin etivas vom Staat und vom Segen des Gehorsams redet, worauf Schwester Luise, die Tote verteidigend, pathetisch an das Recht der individuellen Selbstbestimmung appelliert. So wird dem trivialen Ereignis, das sich jeden Tag auch heute wiederholen kann, am Ende gar noch ein zeitsymbolisches Schwänzchen angehängt. Von den Nebenfiguren haben nur Hansl, die jüngste der Schwestern, ein ' neugierig gewesener kleiner Racker und der scheinheilig lüsterne katholische Schulrat, der sich als Bewerber an Sanna herandrängt, ein deutlicheres Gepräge, die anderen verschwimmen. Gespielt wurde, wie immer im Kleinen Theater, sehr gut. P a g a y als Hofrat, Lucie Höflich als Sanna, T i l l a lD u r i e u x als Luise, Hedwig Mangel als Mutter und E t c i n r ü ck als fleischig-flcischlicher Schulrat, vor allem die E y s o l d t als das verdorbene Nesthäkchen gaben ihren Rollen so viel Wirklichkeit, als bei den kümmerlichen Grundlagen des Stückes nur immer möglich war. Aber in der Hauptsache ließ sich nichts retten. Das Publikum vermochte auf die Dauer die Strapazen nicht zu er- tragen und rebellierte zum erheblichen Teil mit energischem Zischen. Das langsame Spieltcmpo in den larmoyanten Szenen, durch das die Regie die Stimmung hatte erhöhen wollen, stachelte nur noch mehr zur Ungeduld.— dt. Medizinisches. Iir. Erfolge der Schutzimpfung gegen Hunds- w u t. Es sind jetzt zwanzig Jahre her, seitdem Pasteur seine Schutzimpfung zum erstenmal an einem von einem tollen Hunde lZebissenen Menschen erprobte. Es handelte sich um einen neun- jährigen Knaben, der vierzehn schwere Wunden am Körper auf- wies, so daß er nach übereinstimmender Ansicht der Fachmänner unrettbar der Hunswut verfallen mußte.'Der Knabe wurde durch die Impfung gerettet. Seitdem ist das Verfahren, dem man zuerst, namentlich in Deutschland, mit Zurückhaltung begegnete, in steigendem Maße angewendet worden; es gehört zu den segcns- reichsten Erfindungen der medizinischen Wissenschaft und hat einer ungeheuren Zahl von Menschen das Leben gerettet. Es gibt jetzt 4g Pasteurinstitute in allen Weltteilen, und nach den Berechnungen Dr. Bernsteins sind in den letzten 13 Jahren im ganzen 104 347 Personen geimpft worden. Der Prozentsatz der Gestorbenen betrug dabei 0,54. Das Verfahren Pasteurs besteht bekanntlich darin, daß man abgeschwächten Impfstoff der Hundswut durch allmähliches Austrocknen von Stücken des Rückenmarks wutkranker Kaninchen herstellt. Das Verfahren ist natürlich im Laufe der Jahre ständig ausgebaut und verbessert worden. Man hat es wirksamer und be- quemer gestaltet, man hat ein stärkeres Gift angewendet, die Ein- spritzungen sind statt unter die Haut in die Blutgefäße vor- genommen worden, die Kur wurde wiederholt, und zur Abschwächung des Giftes statt Trocknung des Rückenmarkes eine Verdünnung mit Salzsäurelösung vorgenommen. Daher sind die Resultate der Impfung immer besser geworden, und Schädigungen durch dieselbe kommen nicht mehr vor. Auch gegen den Biß toller Wölfe hat sich das Pasteursche Verfahren bewährt, auf welchem Gebiete Professor Babes in Budapest hervorragend gearbeitet hat. Zu dem Erfolg der Impfung trägt auch viel der Umstand bei, daß das Verfahren überall unentgeltlich ist. Je früher die Impfung vorgenommen wird, desto sicherer ist der Erfolg. Letzterer hängt auch vom Sitz der gebissenen Stelle ab. Kopfverletzungen sind schlimmer als Ver- letzungen der übrigen Körperteile. Daher ist auch nach der Impfung die Anzahl der Gestorbenen bei den am Kopf Verletzten eine größere. Die Impfung gewährt einen Schutz, der etwa drei Jahre anhält.— Hmnoristislhes. — Schwer zu sagen...... Wer ist denn eigentlich schuld an der Scheidung, Frau Nachbarin? Er oder sie?" „Da hört man verschieden reden. Die einen sagen so und die anderen sol" „Sagen denn mehr so, oder mehr so?"— — Verfrühter Seufzer.„Wie gefällt Dir's denn im neuen Amt?" „Gar nicht I.. Ach, wenn nur die vierzig D i e n st j a h r' schon herum wären!"— — Durch die Blume. Lehrling:„Ich muß mich immer wundern, Meestcrin, daß Sie in Ihrem Alter noch mit bloßem Auge die Wurst so fein schneiden können I"— („Fliegend« Blätter".) Notizen. — Eine Gesamtausgabe der Werke Theodor Fontanes veranstaltet der Verlag F. Fontane u. Ko., Berlin. Subskriptionspreis pro Band geh. 3 M., geb. 4 M, Der 1. Band ist soeben ausgegeben worden.— — Ter Schwäbische Schiller-Verein bringt im Herbst eine dritte Auflage(2ö vvg Exemplare) von Schillers Gedichten und Dramen in einem Bande zum Preise von einer Mark heraus. Bestellungen sind an das Schatzmeisteramt des Schwäbischen Schiller- Vereins, Stuttgart, Kanzleistraße 26, zu richten.— — Heinz Tovotes dramatischer Erstling wird im Herbst die Uraufführung im Leipziger Stadttheater erleben.— —„B e n e d e k, ein österreichisches Soldatendrama", von Ferdinand v. Feldegg, das vom G r a z e r Landestheater zur Aufführung angenommen war, ist von der Zensur verboten worden,— — Die Münchener Künstlergenossenschaft wird auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1905 mit einer Kollektivausstellung vertreten sein.— — Die Münchener Sezession hat in ihrer letzten Generalversammlung den Beschluß gefaßt, in ihrem Ausstellungs- gebäude am Königsplatz eine moderne Galerie zu gründen.— c. Höhlenmalereien in Spanien. Ueber Malereien und Zeichnungen an den Wänden der Höhle von Altamira in Santander(Spanien) berichten die beiden Entdecker E. Cartailhac und der Abbe H. Breuil in der Zeitschrift„L'Anthropologie". Die Höhle hat eine Länge von 280 Meter. In einer Vertiefung zur Linken, nicht weit vom Eingang entfernt, befinden sich große Fresken. Eine schmale Vertiefung davor ist mit roten Figuren ge- schmückt. In der den Abschluß bildenden Galerie fand man Zeich» nungen in Schwarz, viele Figuren von Bisons, Hirschen, Wild und anderen Tieren, zwei menschliche Figuren, anscheinend mit Tier- köpfen und erhobenen Händen, einige polychrome Darstellungen von Bisons und Hirschen und andere Werke, die ein bemerkenswertes künstlerisches Geschick verraten.— — Unter dem Titel„Biologie, praktische Be» deutung und Bekämpfung der Mistel" hat das Ge- sundheitsamt bei Paul Parey, Berlin, Hedemannstr. 10, ein Flug- blatt herausgegeben. Einzelpreis 5 Pf., Porto 3 Pf.—_ Äeranttvortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagianstaltPaul Singer ScCo..Berlin S1V.