Nnterhaltungsblatt des Hormnrts Nr. 52. Dienstag, den 14. März. 1905 (Nachdruck verboten.) 2] Die fchöne Hndrea» Erzählung von Karl Busse. „Ich Hab' nichts... nichts!" Schwach die Stimme und heiser: sie unterstrich das zweite„Nichts" krampfhaft. Und die tiefliegenden Augen sahen voll Angst auf die des Försters. Dem kam es vor, als wäre Andrea nicht halb mehr so schön.„O, o," sagte er nur und schüttelte immer nur den Kopf. Er bedauerte ehrlich. Nun mußte es also doch die Schulzentochter sein. Schlimm— aber Gottes Wille! Warum hatte der Pan Falk nicht besser gesorgt? Und eigentlich: es war gemein, das erst jetzt zu sagen! Gemein, die Andrea so zu verwöhnen wie eine Gräfin! Sie hatte weniger noch als die Madurowicz, aber wer hatte sie den Karren ziehen und arbeiten sehen? „Ihr werdet sie heiraten," quälte der Tischler angstvoll immer wieder. Man war kein Unmensch. Warum einem Sterbe», den Schmerze», antun? Liigen natürlich wollte man auch nicht. Für nichts und wieder nichts tttt man keine Sünde. Aber man brauchte nicht rundtveg Nein zu sagen. Grausam wäre das. Also man beruhigte. Man»vollte rechnen, inan wollte sehen. Vielleicht ginge es. Immerhin war der Förster froh, als er wieder draußen war. Und nun war der Pan Falk tot. Die schöne Andrea blieb einsam zurück in der Hütte— nur mit ihrer Mutter und dem Esel. Die Junge bei zlvei Alten. Julian Libelt überlegte hin und her. Wenn er sie nahm — drei Fresser mehr! Wenn man den Esel, die Hütte, das Tischlergerät vettanfte— was war's? Ein paar Taler, die schon auf der Hochzeit von guten Freunden vertrunken wurden. Und er hieb mit dem schweren Stock den wuchernden Schoß eines Baumes ab:„Adieu, Andrea!" Morgen wollte er sich durch Laslowice schlängeln.. Die schöne Andrea hatte bisher immer in der Sonne ge standen. Ihr Vater war ein betriebsamer Mann gewesen. Weil ihn die Tischlerei nicht gar zu sehr in Anspruch ge nommen, hatte er sich den Esel Anton angeschafft. Es lohnte sich für das Dominium nicht, die Milch durch eigenes Fuhrwerk in die Stadt zu schaffen. Noch weniger für die Kleinbauern, die knapp ein paar Liter abzugeben hatten. Da kam der Tischler mit seinem Eselwagen wie gerufen. Er nahm Be stellungen mit, machte Besorgungen, und Groschen auf Groschen gab auch Geld. So war keine Not in die Hütte gekoininen, und die schöne Ai,drea war aufgewachsen... nun,»nie eine Gräfin. Sie hatte feinere Hände als die Dörflerinnen, denn sie brauchte»sich viel anzufassen. Sie konnte sich putzen, konnte müßig gehen und brmichte den Vater nur zu streicheln, um alles zu erlangen, was sie wollte. Nun»var der Vater tot. Weinen ui,d Wehklagen gab es reichlich. Daß Julian Libelt sich nicht sehen ließ, enchfand die schöne Andrea bitter. Selbst Bogdan Konarski war ge kommen und hatte ihr die Hand gedrückt. Die beiden Frauen drängte», sich aneinander und wußten nicht ein, nicht aus. Im Bettstroh lagen zwar noch harte Taler. Aber Geld kostete alles, der Arzt, das Begräbnis. Und vergeblich fragten sie henim, ob einer dem Verstorbenen noch etwas schuldig wäre. Immer näher kam die Not. Es mußte etwas geschehen. Die Dörfler lachten hinter Andrea drein, denn ihr Hochmu hatte viele gekränkt. „Wann kommt der Prinz?" rief einer.„Suchst Du den Grünrock, Bcttelprinzeß?" ein anderer. Bogdan Konarski machte das nicht mit. Aber leise sagte er:«Nun lernt Ihr Eure Freunde kennen, Pani. Auch den grünen." Sie wollte es nicht glauben. Sie stellte Julian Libelt im Walde. Er wand sich»vie ein Wurm, redete ihr vernünftig B», küßte sie. Das ließ sie geschehen. Aber die Flammen kamen nicht in ihre Augen— die Augen blieben tot. Langsain ging sie zurück. Sie zuckte nur leicht, als man ihr erzählte, daß der Grünrock und die Laslowicer Schulzen- tochter sich versprochen hätten. Sie glaubte es sogar. Mit einem Male tvar sie von ihrer stolzen Höhe herab- geschleudert. Zwei Tage saß sie und stierte vor sich hin. Die Mutter seufzte: Anton schrie im Stall nach Futter. Sie hörte nichts. Dann waren ihre Lippen— die Lippen, die so un- vergleichlich gekiißt hatte»,— gleichsam schmaler und ge- ireßter geworden. Ihren Hochmut hatte sie nicht verloren. Aber es war kein lässiger»nehr»vie früher, sondern ein harter. Er barg bittere Verachtung in sich. Am dritten Tage ging sie mit diesem kalten Gesicht aufs Dominium und dann von Bauer zu Bauer. Am vierten zog sie sich wärmer an, schirrte den Esel auf, spannte ihn vor den Wagen und holte die Milchkanne»,. Alles sperrte Mund und Nase auf. Die einen lachten und höhnten: die anderen lobten. Sie küininerte sich u»n beides nicht, setzte sich auf das Wägelchen— auch sie mußte die Beine nach vorn ausstrecken— und fuhr los.„Nun können wir nicht verhungern," sagte sie zu ihrer Mutter. Bogdan Konarski traf sie auf der Chaussee. „Seht, seht— Kutscher seid Ihr schon, Pani." „Aber nicht Pferd und Vorspann." „Wie Gott»vill," ertviderte er.�„Wartet erst ab." Auch in der Stadt sahen die Leute erstaunt auf. All- täglich»var die Sache nicht. Und die Wanderer, die das Ge- fährt auf der Chaussee trafen, guckten ihm kopfschüttelnd nach. Anton, der Esel, zottelte seinen Weg, als wäre er eine Maschine. Der Schlvaiiz hing lang, gerade, gleichgültig her- unter. Herunter hing der Kopf. Es gab ja nichts zu sehen ringsumher— nichts, was Anton nicht schon gekannt hätte. Stand das Wägelchen, so starrte er unbeweglich auf einen Fleck vor sich hin. Kein Lärm riß ihn aus dieser tiefsinnigen Versunkenheit. Die schöne Andrea»var ihm darin gleich. Auch sie blickte immer auf einen Punkt. Sah imnier hinunter,»vie die graue Chaussee unter den Rädern schivand, sich jedoch unermeßlich weiter dehnte. So fahre ich durchs Lebe»,, dachte sie— und das graue Band rollte immerzu. Ihre Lippe», hatten sich noch schlnaler und fester gepreßt, daß ein harter Zug um den Mund gekommen war. Vielleicht geschah es deshalb, daß sich die Burschen und Wanderer nicht an sie herantrauten, ob sie auch mutterseelenallein in all ihrer Schönheit auf der einsainen Waldchaussee dahinfuhr. An der Seite trug sie die sch>varze Ledertasche, in der das kassierte Geld ruhte, llnd da sie alles richtig besorgte, so waren die Kleinbauern und der Inspektor vom Dominium mit diesem neuen weiblichen„Fuhrherrn" einverstanden und ge»vöhnten sich daran. Mit Macht kam uun der Winter. An einen. Tage, als eisiger Wind»vehte, fuhr die schöne Andrea»vieder mit den leeren Kanne» nach dem Dorfe zurück. Sie fror. Das tat der Wmd; das tat auch der Gedanke, daß heute in Laslowice Verlobung gefeiert wurde, zu der große Vorbereitungen getroffen»varen. Tie Braut konnte sich freuen... Und»vie sie daran dachte, überkam sie selbst eine schwere Bitterkeit und kalte Verachtung und ein wehes Gefühl der Verlassenheit. Sie sprach mit Anton. Aber Anton war stumpf und»niide. Er zottelte nur: auch er sah immer nur, wie gra»», grau, grau die Chaussee unter ihm schwand. Die Chaussee»var,»vie gesagt, hügelig. Als Anton mMain»vieder eine Steigung genommen hatte, erblickte die schöne Andrea dicht vor sich eh,en Mai»,. DaS Felleisen ver- riet ihn als wandernde« Hairdtverksburschen. Er ging todmüde,»vie taumelnd. Als er die Räder hörte, drehte er sich um. Ein baumlanger Mensch, ehvas verwildert, etwas entkräftet wohl auch. Als müsse er das Bild ganz genal, in sich aufnehmen, starrte er das Gefährt an. Er grüßte nicht, sagte nicksis. Aber als die schöne Andrea nur ein paar Meier»veiter- gefahren»var, hörte sie einen seltsamen Ruf, daß sie sich schirell vmwcmdte. Sie hatte vorhin flüchtig in des Mannes Augen gesehen. Augen wie ihre— unbeweglich, gleichsam tot. Viel Leid ist auf der Welt, dachte sie. Unter vielen läuft die graue, graue Straße fort... Deshalb hielt sie. „Pani," sagte der Fremde sonderbar scheu.„Wie weit ist das nächste Dorf?" Er wollte nicht taumeln! deshalb stützte er sich auf den Stock. „Eine halbe stunde zu fahren, dreiviertel zu gehen." Seine Augen schlichen scheu umher. „Seid Ihr müde?" Er nickte.„Habt Ihr ein Plätzchen für mich?" Einen Moment maß sie ihn, maß die Straße.„Kommt," sprach sie lind rückte ein wenig. Ein paarmal zog Anton unwillig an. Er war auf der Heimfahrt leichtere Last gewöhnt. Dann zottelte er weiter. Die beiden maßen sich von der Seite. Ter Bursch fragte dies und das. Wie viel Milch sie mitnähme, wie hoch der Preis sei. Dann sprach er von sich. Sein Felleisen band er auf. „Das letzte Handwerkszeug,..!" Viel war es nicht. Er war Tischler wie ihr Vater. „Und wohin wollt Ihr?" Es war ihm alles gleich. Seit Tage» hatte er nichts Warmes im Magen. Der Rock war zu leicht. Der eisige Wind blies. Arbeit bekam er nicht. Gab sich auch keine Mühe mehr— es war doch umsonst. Abgebrochen, verbittert sprach er. Viel Leid ist in der Welt, mußte die schöne Andrea wieder denken. Doch war sie still wie er und sah auf die graue Chaussee. „Pani," sagte er plötzlich, wieder so seltsam, wie sein erster Ruf gewesen war,„habt Ihr noch ein wenig Milch in einer Kanne? Es stehen viele da." Er spielte mit dem Stemmeisen, das er aus dem ge- öffneten Bündel genommen, und schlug, ohne sie anzusehen, gegen die Seitenlehne des Wägelchens. „Wird schon noch da sein," erwiderte sie, zog die Leine etwas an und bog sich zurück, um die letzte Kanne, die am wettesten nach hinten stand, zu ergreifen. Aber sie zuckte jäh zusammen. Ter Fremde blieb sitzen, doch es kam ein so wilder Gram und so starre Verzweiflung in seine Augen, daß sie es spürte — und seine Hand hob, wie von einer Gewalt geführt, auf die er keinen Einfluß hatte, das Stemmeisen. Ein Zittern lief durch des Mädchens Glieder.„Hier ist Milch," sagte sie mit trockener Stimme. Er war ganz zusammengesunken. Die Hände flogen ihm unsicher.„Ich habe Hunger." Und packte das Stemmeisen fort, verschnürte das Bündel, warf es auf den Rücken. Andrea Falk jedoch fuhr schneller. Es drückte etwas gegen ihre Brust. Der Wagen ratterte. Aber trotz des Ratterns setzte der Bursche die Kanne au den Mund. Er trank gierig. Die Milch lief ihm übers Kinn auf den Rock, er verschüttete die Hälfte. Dann wischte er mit dem Handrücken die feuchten Lippen. „Ich danklr-Euch, Pani!" Ganz still saß Als hätte er gemerkt, daß sie nach der Seite gerückt, drückte er sich jetzt ganz an den Rand, daß er aufpassen mußte, um nicht hinauszufallen. „Da ist das Dorf," sagrd sie nach einer langen Weile und wies mit dem Peitschenstock in die Ferne. Er nickte nur.„So kommt Ihs nach Hause... die Stube ist warm... im Ofen Feuer. Vielleicht sitzt der Liebste davor." Sie lachte kurz, abweisend. „Also nicht,.. Aber Ihr seid zu Hause. Ich jedoch werde wandern... immer durch den Wind. Wohin komme ich? E» weiß keiner, Pani, wohin er kommt. Am wenigsten meines Vaters Sohn. Im Sommer ist's lustiger, wärmer. Im Winter aber--" Er b rummelte, zog die Schultern zusammen. (Fortsetzung folgt, x (Nachdruck verboten.) Sin Lieclermann. Von Lucien DeScadeS. Nach dem Frühstück schlummerte der Kommissar bei der Unter- zeichiiniig der ihm vorgelegten Aktenstücke ein, als eine Persönlichkeit. die sich nicht hatte melden lasten, mit stürmischer Heftigkeit in das Bureau drang, die Türe schloß und fast ohmnächiig in einem Sessel zusamnienbrach, der unter dem feierlichen Schutz spendenden Auge des Präsidenten der Republik stand. Der Polizeikommissar sprang empor, riß die Augen auf und sagte: „Ach, Sie find's, Herr Dottor? Sie sehen ja so blaß aus? WaZ ist Ihnen denn? Ist Ihnen etwas zugestoßen?" Zuerst wischte sich der Andere tonloS, mit seinem zusammen- gelegten Taschentuch die frischen Zeichen seiner Aufregung ab, faßte sich dann so weit, daß er antworten konnte: „Was mir ist?... Es hat... es hat... jemand auf mich Revolverschüsse abgegeben." „Wo denn?" „In meinem Sprechzimmer." „Ein Patient? Ein Wahnsinniger?" „Nein, eine Frau... Ach, ich hätte es ahnen können... Die Elende!... Aber mein Diener ist auch daran schuld, er hat sie nicht erkannt... Aber den werde ich vor die Tür setzen..." „Na, fassen Sie sich, und erzählen Sie, was vorgegangen ist." „Also! Es war gerade meine Sprechstunde. Ich hatte bereits mehrere Patienten abgefertigt, als mein Diener eine schwarz gekleidete und verschleierte Frau hereinfiihrte. Ach, ich hatte keine Zeit, ihren verbrecherischen Plan zu vereiteln. Bevor ich es noch merkte, hatte sie einen Revolver auf mich gerichtet, den sie zwei-, drei-, viermal... ich weiß selbst nicht, wie oft, auf mich abfeuerte. Glücklicherweise verließ mich meine Geistesgegenwart selbst in diesem krittschen Augenblick nicht. Sie haben mich vor- hin aufgelöst gesehen, aber das war die Reattion. Als ich die Schüsse hörte, ließ ich mich auf mein Kanapee fallen, und von dem Kanapee zur Erde, so daß mein Sturz etwas abgeschwächt wurde, und die Unglückliche, in der Annahme, mich getötet zu haben, sich nicht weiter um mich kümmerte und ent- floh. In Wirklichkeit wußte ich nänilich nicht recht, ob ich unversehrt geblieben war... Ich stand auf, befühlte mich: nichts, nicht ein- mal eine Schramme! Es gibt noch eine Vorsehung l... Die Frau war fort... mein Diener hatte blöderweise zugeschaut, wie sie sich aus denr Staube machte. Als ich mich an ihre Verfolgung machte, war es zu spät, sie war bereits verschwunden. „Aber Sie kennen sie.. „Ob ich sie kenne? Nur zu gut! Wir haben ja sechs Jahre zu- sammen gelebt!" „Also ein altes Verhältnis?" „Ja, und es war nicht ihr erster Versuch! Daß ich das so gar nicht gemerkt habe! Aber im vorigen Jahr hatte sie sich umbringen wollen! Darum dachte ich gar nicht daran, daß auch mein Leben in Gefahr sein könnte. Dazu, glaubte ich, hätte mich Marie zu lieb. Sie sagte immer:„wenn Du mich verläßt, werde ich sterben I"... ich hegte deshalb nicht die geringste Unruhe. Sie sagte nicht:„Du wirst sterben!" Wie gesagt, ich war absolut nicht ängstlich!... Ach, warum hat sie sich damals nicht getroffen!" Als seine Nerven sich beruhigt hatten, sprach er dieses Bedauern in ruhigem Tone aus, während er seine Krawatte zurechtrückte, an seinen Manschetten zupfte und die ungewöhnliche Unordnung seiner sonst so tadellosen Kleidung wieder zu reparieren sich bemühte. „Jedenfalls haben Sie mit ihr gebrochen, das ist.wohl die Ursache dieses Dramas?" fragte der Kommissar. „Ja, gebrochen habe ich mit ihr; aber man muß etwas zurück- gehen, dann werden Ihnen die Dinge verständlicher erscheinen." Der Doktor fetzte sich wieder, setzte sein Lorgnon auf, streichette sich den Bart wie einen äußerst kostbaren Gegenstand und fuhr fort: „Als ich meiner Studien halber nach Paris kam. mußte ich natürlich ein Verhältnis haben. Die Wahl war schwierig, meiner Familie halber, die Prinzipien hat, und auch wegen meiner Mittel, die sehr bescheiden waren. Meine Eltern beschräntten nämlich. obwohl sie sich, wie man in der Provinz sagt, eines„recht netten Wohlstandes erfreuten," meinen Wechsel aus das allernotwendigste, sowohl aus Sparsamkeitsrücksichten, wie auch in meinem eigenen Interesse, wie sie sagten.„Du wirst Dich sehr freuen, wenn Du das Geld, das Du nicht vergeudest, bei unserem Tode noch vorfindest," fügte mein Vater hinzu. Das war nicht so falsch gedacht. Mit 20 Jahren verdammt man gern die Eltern, die solche Sprache sührenund den Daumen auf den Geldbeutel halten, aber später erkennt man ihre Klugheit an. Ich muß sogar zum Lobe der jungen Leute von heute sagen, daß sie mehr als früher auf diese Ratschläge der Erfahrung hören und ihre Lebensweise niehr danach einrichte». Mein Vater hatte mir übrigens klar und deutlich bemerkt, er würde mir alle Mittel abschneiden, wenn ich mich schlecht aufführen lind meine Examina nicht pünktlich und mit Erfolg bestehen würde. Unter solchen Umständen war mir die äußerste Klugheit geboten. Darum wünschte ich mir auch Glück, als ich Marie begegnete, die alle Ansprüche zu erfüllen schien. Hübsch. vernünftig, zurückhaltend, hob sie mich in den Augen meiner Konunili- tonen, die sich mit Kellnerinnen und Alltagsliebeleien begnügten. Eine fleißige Person, verdiente sie ihren Lebensunterhalt m einem Geschäft und fiel mir infolgedessen nicht zur Last: sie hat mich in sechs Jahre» ungefähr 300 Franks gekostet. In der Beziehung ließ ich mir also nichts zu Schulden kommen und mein Vater gibt das auch zu. Eine verheiratete Frau wäre mir viel teurer gekommen, und ich hätte ihr auch außerdem viel Zeit opfern müffen. Die Sache hatte mir eine Unannehmlichkeit: Marie wohnte bei ihrer Familie. Das war unbequem. Wenn mein Vater unvermutet nach Paris kam. könnte er sie bei mir finden; «nb in solchem Falle waren Indiskretionen zu befürchten... Kurz ich veranlagte Marie ohne Mühe ihre Eltern zu verlassen und sich ein Zimmer zu mieten, zu den, ich den Schlüssel hatte. Von diesem Augenblick an führte ich das ruhigste, sicherste Leben von der Welt. Wir sahen uns fast jeden Tag, sie war mir treu und ergeben und selbst die Vorbereitung auf meine Examina hatte für mich nichts Langweiliges oder Unangenehmes, so sehr er- leichterte sie sie mir durch ihre Zärtlichkeit, ihre kleinen Aufmerksam- leiten, bei denen sie sich ebenso sehr als hingebende Geliebte wie als verständige Hausfrau zeigte." „Sie wußte, daß Sie sie nicht heiraten würden?" fragte der Kommissar. „Sie wußte es. ohne es sozusagen zu wissen. So etwas sagt man nicht ausdrücklich, das ist ein stillschweigender Vertrag. Was die militärischen Vorschriften dem Unterleutnant verbieten, das verbietet der Verstand den, Juristen oder Mediziner. Ihre Eheversprechen sind bedeutungslos. Selbst wenn sie sie halten wollten, tränten sie es nicht, ohne ihre Zukunft in Frage zu stellen. Ueberlegen Sie doch Ihre Stellung. Das Bemühen, eine respektable Figur zu machen, Zwingen sie ja, eine Mitgift zu suchen, die es ihnen ermöglicht, sich selbständig zu machen und sich eine Stellung in der Gesellschaft zu schaffen, in der sie sonst nur vegetieren würden. Ihre Verhältnisse, so würdig sie dieser jungen Leute auch sein mögen, kennen diese sozialen Verpflichtungen ganz genau und sind in der Regel bereit, durch ein edles Opfer einer solchen vorübergehenden Liasion eine gewisse Weihe zu geben. Ich muß indessen gestehen, daß Marie die Dinge nicht von diesem Gesichtspunkte aus betrachtete; ich bemerkte das, als ich meinen Doktor gemacht, und mich in diesem Viertel niederließ. Ich machte ihr weniger häufige Besuche. Marie regte sich darüber auf und rief eine Erklärung hervor, die ihren Selbstmordversuch zur Folge hatte. Ich lvar töricht genug, mich dadurch bestimmen zu lassen, um aus Mitleid Beziehungen wieder anzuknüpfen, mit denen die Liebe nichts mehr zu schaffen hatte. Wie sehr bereue ich das jetzt I Mein Vater, der von diesem Rückfall unterrichtet war und den ein flehentlicher Brief, den sie an ihn zu richten die Keckheit gehabt, schnitt den Knoten durch, indem er mir in einem Tone, der keinen Widerspruch zuließ, die schöne Partie vorschlug, mit der sich seine liebevolle Zärtlichkeit schon seit langer Zeit herumtrug. Das junge Mädchen, das man mir bestimmt hat, gehört einer der ersten Familien der Gegend an. Ihr Vater ist Munizipalrat. Ich werde dort drüben die Medizin ausüben, aber nur vorläufig, denn die hohe Stellung, die mein zukünftiger Schwiegervater einnimmt, erschließtmir die politische Karriere. Durfte ich zögern? Die Gelegenheit bot sich gewiß nicht wieder. Ich habe also meinem Vater gehorcht und Marie mitgeteilt, ich würde mich unwiderruflich verheiraten— un- widerruflich. Ich erspare Ihnen daS Gejammer, das dieser Mit- teilung folgte. Ich wandte mich vergeblich an Maries Vernunft, sie tat nichts weiter, als mich mit ihren Tränen zu überschwemmen. Ihre Anhänglichkeit wurde mir verhaßt und widerwärtig. Sollte ich ihretwegen mein Leben verpfuschen? Ich schüttelte das unerträgliche Joch energisch ab. Versuchen Sie nicht, mich wiederzusehen", so schrieb ich an Marie,„und hören Sie auf, mich zu belästigen. Ihr Benehmen ist un- qualifizierbar; zwingen Sie mich nicht, Ihrem Treiben mit allen mir zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln ein Ende zu machen. Ich will Ihnen die Beleidigung verzeihen, die Sie meinen Eltern angetan, als Sie sie zu Schiedsrichterit anriefen, obwohl Sie ganz genau wußten, daß Sie mir dadurch ihr Herz entfremden konnten; doch vergessen Sie mich, wie ich Sie vergesse, oder ich werde Sie schließlich nicht mehr als Fremde, sondern als Feindin behandeln." Die Antwort auf diesen Brief sind die Revolverschüsse, die man eben auf mich abgefeuert hat. Das Maß ist voll." „Also mit anderen Worten," sagte der Kommiffar,„Sie erheben Anklage gegen Ihre frühere Geliebte, und verlangen, daß die Sache ihren Gang nimmt." „Das will ich meinem Ich werde erst dann beruhigt sein, wenn man sie verhaftet hat. Sie verdient eine Lektion. Sie wäre sonst imstande und fängt dieselbe Geschichte von vorne an." „Aber Sie müssen doch auch bedenken, daß sie vor dem Schwur- gericht sicherlich fteigesprochen wird." „Der Ansicht bin ich nicht. Ja, wenn der Verteidiger und die Angeklagte die Geschworenen mit einem angeblich verlaffenen Kinde rühren könnten, würde ich diesen Einwand anerkennen. Aber ein Kind ist eben nicht vorhanden.... Nein, nein, damit ist nichts zu machen, alles deutet darauf hin. daß ich das Opfer bin..,. Habe ich dieser Person irgendwie geschadet? Nein, nein." „Sie würden ihr aber schaden, wenn sie durch einen Anffehen erregenden Prozeß ihre Stellung verlöre..." „Hat sie dieser Gedanke von ihrem Attentat zurückgehalten? Ich bin doch schließlich nicht für ihre Handlungen verantwortlich!" „Zugegeben! Aber ich an Ihrer Stelle hätte Furcht, der Eklat dieser Affäre könnte auch meinen zulünfttgen Heiratsplänen schaden." Der Doktor lächelte und versetzte: „Im Gegenteil! Sie kennen die Provinz nicht. Alle anstän- digcn Leute werden meiner Meinung sein, ganz abgesehen von der großartigen Heiratsreklame. Außerdem ist der Held eines Liebes- dramaS immer interessant." Und im Vollgefühl der Richtigkeit dieser Behauptung hielt der— Biedermann und zukünftige Polittker seine Klage aufrecht.— kleines Feuilleton. g. Lebensart. Breitspurig segelte sie auf die beiden letzten freien Plätze zu, die sich hinten am äußersten Ende des Wagens be. fanden, pflanzte sich in die Ecke und zog das kleine Mädchen auf den Platz neben sich. Da saßen sie nun beide steif aufrecht, wie auf Draht gezogen, in ihrer kostbaren Eleganz. Herausfordernd flogen ihre Blicke durch den Wagen: Seht Ihr uns auch recht an? So schön sind w i r. Der Schaffner warf einen fragenden Blick auf das Kind. Mama fiel ihm in die Rede, noch ehe er fragen konnte, sehr groß» artig und laut:„Das Kind bezahlt!" Sie gab ihm sogar noch Trinkgeld:„Der dritte Groschen ist für Sie!" Das war wieder für den ganzen Wagen gesprochen. Auf den Gesichtern der übrigen Fahrgäste spielte ein Lächeln; man mußte eben lächeln, wenn man auch noch gar nicht mal recht wußte, warum. Der Wagen rollte weiker.„Besetzt! Besetzt!" An drei Ecken ging es ohne Aufenthalt vorüber. Am Moritzplatz stiegen etliche Fahrgäste aus, es drängten aber auch ebensoviel neue herein. Als der Wagen sich wieder in Be- wegung setzte, war ein altes Mütterchen überzählig. Mit ihrem großen, schweren Wäschebündel stand sie mitten im Gang und sah hülflos umher. „Alles besetzt," sagte der Schaffner, fuhr dann aber gutmütig fort:„Na, stellen Sie sich man da unten hin, am Spittelmarcht steigen doch welche aus." Die Alte folgte der Weisung. Müde und erschöpft lehnte sie sich an die Wand, ihre Arme zitterten, sie konnte den schweren Packen offenbar kaum noch halten. Suchend wanderten ihre Augen im Wagen umher, jetzt hatten sie das Kind entdeckt, das feinen Platz kaum zur Hälfte einnahm. Sie sagte bittend:„Ach wenn Se'n kleenes Bisken rücken wollten, könnt ich mir am Ende doch noch setzen, nur'n kleenes Biskin." Der junge Arbeiter neben dem Kinde rückte sofort. Mama tat nichts dergleichen, sie hob nur die Nase und schnupperte in die Luft. „Das Kind hat bezahlt!" „Na nur'n kleenes Biskin, des jroße Paket ist so jräßlich schwer." „Belästigen Se einen doch nich länger, Se sehen doch'S is besetzt." Die kleine Alte knickte fast zusammen. „Na denn kommen Se hierher, Mutterchen," sagte der junge Arbeiter und stand auf.„Ich Hab meinen Platz zwar auch bezahlt, aber stehen für alte Leute is Ehrensache— dis erfordert mal de Höflichkeit!" Tie Alte floß fast über vor Dank. Erst jetzt, wo sie fast auf die Bank sank, sah man, wie erschöpft sie war. „Bravo!" sagte eine Stimme irgendwo im Wagen. In Mamas Gesicht stieg ein dunkles Rot. Sie warf dem jungen Arbeiter. einen bitterbösen Blick zu und sagte zu einer Dame, die ihrer Kleidung nach offenbar auch zu„ihren Ständen" gehörte:„Ich wer' mein Kind aufstehen lassen! Mein Kind hat ja bezahlt! Wenn andere Leute so dumm sind, wir haben dis nich nötig!" Die andere Dame schwieg, aber sie lächelte fein. Das Mütterchen schlenkerte seine welken Arme und sah noch immer zu dem jungen Arbeiter auf:„Janz steif war ich schon, nee, is't jut von Sie. dct Se ausjestanden sind; zu jut is det von Sie." „Aber nun hören Se doch auf," sagte der Arbeiter,„des tut man ja gerne, des tut man schon aus Lebensart." „Die hat nicht jeder, das stimmt schon, und die Feinsten manch» mal am wenigsten," rief dieselbe Stimme, die vorhin Bravo! ge- schrien hatte. „Ja, die oft am wenigsten," nickte der Arbeiter. Was wollen Se damit sagen?" Mama fuhr auf wie ein wütender Puter:„Hören Se mal, wcr'n Se hier nich frech! Wenn Sie frech werden, laß ich Ihnen bestrafen. Ich verbitte mir Ihre Belästigungen!" Der Arbeiter erwiderte gar nichts, sah die anderen an und lächelte. Die anderen lächelten wieder. „Ja, wenn Se auch so dämlich grinsen," Mama wurde immer wütender,„ich laß mir nischt von Ihnen gefallen. Das is ja un- erhört, wie Sie einen hier belästigen. Schaffner, bringen Se doch den Mann raus, der Mann belästigt mir!" Der Schaffner tat, als hätte er nichts gehört. Der junge Arbeiter schwieg noch immer, es ging aber wie ein verhaltenes Gekicher durch den Wagen. „Ich wer' mir belästigen lassen," fing Mama von neuem an. „von Ihnen wer' ich mir belästigen lasien. Is ja unerhört, kommt so'n Strunk hier in de Straßenbahn und fängt mit'ner Dame Krach an! Dis is nich erlaubt, hier Krach zu machen!" Der Arbeiter sah gen Himmel. „Lassen Se anständige Damen zufrieden! Ihnen muß de Polizei aufgreifen... Sie, Sie..." Mamas Stimme schnappte über. „Dabei sage ich keinen Ton!" sagte der Arbeiter mit einem Achselzucken zu den anderen. „Sie sollen nich mit mir reden!" schrie Mama,„denken Vi« denn etwa ich rede mit Ihnen,,.? Sie sind mir viel zu wenig!" DaS Kichern im Wagen wuchs zu einem Lachen. Der junge Arbeiter spitzte die Lippen, als wollte er pfeifen. Mamas Augen sprühten. Ihre Arme sanken in den Schoß:„Aber das iL ja un- erhörtl... Schaffner, und da sagen Sie keinen Ton? Bringen Se doch den Kerl aus'm Wagen und sorgen Se für Ruhe in de Straßenbahn!" „Aber der Mann ist ja ganz still, meine Dame!" sagte der Schaffner. „Nu stehen Sie ihm wohl auch noch bei, was? Dafür hat man Ihnen'n Fröschen jejeben?" Mama raste:„Ueber Ihnen wer' ich mir ja beschweren, Sie soll'n ja was erleben! Wie is'n Ihre Nummer?... Na, warten Se man, hier so'n Radau zu dulden! So'n Radau darf nich sein, lassen Se mir überhaupt aussteigen, ich habe genug hier von dem Pöbel." Mit einem vernichtenden Blick auf die anderen rauschte sie hinaus.... „Ja, was machen Sie denn aber auch solchen Spektakel!" sagte der Mann, der vorhin Bravo! gerufen hatte, so harmlos wie möglich zu dem jungen Arbeiter. Der ganze Wagen erstickte fast in einem befreienden Hohngelächter.— — Recht-Z- und linkshändig. Der„Köln. Ztg." wird geschrieben: Noch immer ist die Frage der Rechts- und Linkshändigkeit nicht mit vollster Gewißheit entschieden. Die Annahme, daß von Natur aus der Mensch die rechte Hand bevorzuge, hat man durch anatomische Gründe zu erhärten gesucht, so, daß der rechten Hand reichlicher Bült zugeführt werde als der linken, daß die die rechte Seite über Kreuz regierende linke Gehirnhälfte besser ausgebildet sei, endlich durch vorgeburtliche Vorgänge. Andere halten dagegen die Vor- Herrschaft der rechten Hand nur für eine Folge der Erziehung, die schon dem kleinen Kinde als wichtige Lebensregel beibringe, das„schöne" Händchen zu reichen; sie berufen sich auf Lenardo da Vinci und Menzel, die mit der linken Hand so geschickt waren wie mit der rechten, und empfehlen, die linke Hand nach jahrtausende- langer Vernachlässigung auf die Höhe ihrer ohne Gnind bevorzugten Schwester zu erheben. Die erste Annahme, daß die rechte Hand schon von der Natur bevorzugt sei, erhält durch die statistischen Unter- suchungcii den höchsten Grad der Wahrscheinlichkeit, selbst wenn man den zweifellos großen Einfluß der Erziehung in Betracht zieht. Nach einer im„TempS" mitgeteilten Zusammenstellung schätzt W. Ongla die Zahl der Linkser in England mit il/2 Prozent, Hyrtl in Deutschland auf 2, Brinton in Amerika und Europa auf 2 bis 4 Prozent; Hasse und Dehner haben in Deutschland unter 5000 untersuchten Personen sogar nur 1 Prozent Linkshänder gefunden. Bei wilden Völkerschaften ist das Verhältnis un- gesähr dasselbe, es scheint jedoch. daß bei ihnen mehr Menschen mit beiden Händen gleich geschickt sind; sie nähenr sich darin den Affen, die nach neueren Untersuchungen keine Hand bevorzugen. Wenn man die Menschheitsgeschichte bis auf die ftühesten Spuren verfolgt, die sich erhalten haben, so trifft man auch hier Rechts- händigkeit. Es fehlt auch freilich hier nicht an abweichenden An- sichten. Mortillet z. B. stellte in der Soci&te d' Anthropologie die Behauptung auf, daß die prähistorischen Feuersteinwerkzeuge, die man in Frankreich gefunden habe, für eine Bevölkerung angefertigt sein müßten, die zu zwei Dritteln aus Linkshändern be- standen habe. In ähnlicher Weise schloß Brinton aus vorgeschichtlichen Funden in Amerika, daß die dortigen Stämme mindestens zu 35 Proz. aus Linksern bestanden haben. Diese Behauptungen werden indessen durch andere Beweise widerlegt. Die Bilder, die längst vermoderte, tierfellumhüllte Künstler einst mit farbigen Erden auf die Steinwände ihrer Höhle gemalt oder in Knochen geritzt haben, haben durchweg die Eigen- tümlickkeit, daß die oft mit staunenswerter Sicherheit und scharfer Charakteristik gezogenen Profile der Köpfe nach links, vom Beschauer aus, sehen, so die Mammutdarstcllungen in der Madelaine-Grotte. Rechtshändige Leute, die nicht geübte Zeichner sind, wenden alle Profile nach links, da dies der Hand bequemer ist; man braucht nur die primitiven Fratzen anzusehen, mit denen Straßen- jungen Häuserwände verzieren. Auch zeigen einzelne Darstellungen von Menschen, die auf der Jagd oder bei einer anderen Tätig- keit begriffen sind, daß schon in jenen grauen Zeiten, von denen uns heute nur Scherben, Knochen und im sibirischen Eis begrabene Riesenleichen Kunde geben, die rechte Hand dieselbe Be- oeutung hatte wie heute. In historischen Zeiten unterliegt die Vorherrschaft der rechten Hand vollends keinem Zweifel. Herkules hält seine Keule in der Rechten, Neptun den Dreizack, Ramses drückt mit der Rechten de» Pfeil gegen die Sehne. Die Sprache setzt allcnt- halben die rechte Seite als bevorzugte der linken gegenüber. Die Schafe zur Rechten, die Böcke zur Linken! Nach alledem scheint es fast gewiß, daß die Rechtshändigkeit sich bei den Menschen bemerkbar gemacht hat, sobald— die Hände aufhörten, bei der Fortbewegung wesentliche Dienste zu leisten.— Theater. L u st s p i e l h a u s.„HanS im Glück." Eine Satire in drei Akten von A. L a tz k o. An den Abenden herrscht im Lustspielhaus noch immer unumschränkt Kadelburgs„Familientag", der„Hans im Glück" mußte sich, wie ftüher„Kamerad Zeck", mit der bescheidenen Ehre einer Tagesaufsührung begnügen. Ein längere? Leben würde ihnen aber auch ohne die Konkurrenz eines derartigen Kassenstückes Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner» Berlm.— Druck und Verlag: kaum beschieden gewesen sein. Wie in„Kamerad Zeck" der hübsche Einfall, einen New Iorker Klub ehemaliger deutscher, drüben in Hausierer, Kellner, Straßenbahner umgewandelter Offiziere auf die Bühne zu bringen, durch die dramatische Gelvaltsamkeit des Drum und Dran seine Schlagkraft zum besten Teile einbüßte, so litt Latzkos im Grundgedanken guteKünstlersacire unter der feuilletonistisch spielerischen Manier der Darstellung. Der Autor unterhält mit spitzigen Malicen, aber die Handlung, die Entwicklung des idealistischen Hungerleiders zum aufgeblasenen Virtuosenprotz toirkt selbst nur als ein Epigramm; der ironische Kontrast zwischen Anfang und Ende amüsiert, doch das Fehlen jeder tiefer dringenden, die psychologischen Mittelglieder auf- deckenden Charakteristik jeder eigentlich dramatischen Bewegung läßt ein lebhafteres Interesse nirgends aufkommen, erzeugt einen faden Nachgeschmack. Wenn bloßer Witz über solche Mängel der Jndi- vidualisierung hinweghelfen soll, dann müßte er um vieles stärker, reicher, origineller als der Latzkos sein. Am besten sind die Gesellschaftsszenen iin Haus des allgewaltigen Konzertdirektors gelungen:„Die Galerie ebenso impotenter als an- spruchsvoller neidischer, klatschsüchtiger, zynischer Künstler und Kunstfreunde, die durch einen gleichgestimmten Damenflor sich würdig er- gänzt. Der anne Teufel von Komponist, den ein reich gewordener Kollege, auf Geheiß der Gattin, einführt, erobert durch den pikanten Reiz der Naivität, mit der er gegen die Zyniker für die Sache der „wahren Liebe" eintritt, im Sturm die weiblichen Herzen; der Vor- trag seiner Komposition wird zum rauschenden Triumphe, und also- bald beginnt ein drolliger Frauenwettlauf um die Gunst des neuen Sterns. Der dritte Akt zeigt HanS im Glücke. Mit glänzendem Erfolge hat man ihn lanziert, Lorbeer- kränze hängen in seinem Zimmer, die Presse verkündet den Ruhm seines ersten großen Konzerts und ein Impresario engagiert ihn zur amerikanischen Tournee. Aber im Handumdrehen hat das Glück den ganzen Kerl umgekrempelt, Walldorf ist ein so unleidlicher, so hohler, eitler Patron geworden, wie nur irgend eine der Berühmtheiten, die er früher verachtete. Die Massenattacke der begehrlichen Anbeterinnen, deren er sich zu erwehren hat, erinnert an den Wedekindschen„Kammersänger", ohne freilich entfernt die Komik dieser Burleske zu erreichen. Und der parodistische Schluß- trumpf, daß der Gefeierte seine neue Sinfonie, da keine der Damen sie hören will, einem schwärmerischen Zimmermädchen vorspielt, macht den Eindruck ziemlicher Verlegenheit. Die Aufführung war flott, auch in den Nebenrollen. Toni Impekoven als blasierter Musikreferent, L e t t i n g e r als Musikprofessor Edel und unter der weiblichen Verehrerschar die Damen M a l l i n g e r und MarieWendt traten in dem Ensemble besonders hervor.— dt. Humoristisches. — Der Brocken-Sammler. Direktor Otto B r a h m:„Haben Sie nicht noch etwa? in Ihrem Papierkorb, was ich für mein Theater brauchen könnte?"— — Münchener Kolumbarium.„Ach, der Krug war wohl dem seligen Herrn Gemahl besonders an's Herz gewachsen, daß Sie ihn so pietätvoll aufbewahren?" „Na, na. dös is z'wegen sei'm letzten Willen. Er hat fi' nämli' verbrenna laß'n und hat angeschafft, daß die Aschen nachher in sei' Stammkrügel einikemma soll."— („Jugend".) Notizen. — Grillparzer und das Wunderkind. Der Wiener Literat Joseph Weilen erzog seinen kleinen Sohn mit großem Vor- bedacht zum„Dichter" und unterwies den Knaben, als dieser erst sechs Jahre alt war, schon in den ersten Regeln und Begriffen der Metrik. Da geschah es, daß der Vater Weilen seinen 36. Geburtstag feierte. Natürlich hatte der Knabe zu diesem Anlaß ein Gedicht gemacht. Dieses Gedicht begann mit dem Verse:„Ich grüße Dich, Du greiser Vater!" Entzückt von seinem Jungen lief Vater Weilen zu Grillparzer und zeigte dem Meister das Gedicht. Am Abend erzählte Grillparzer einem Bekannten die Geschichte von dem Wundcrkinde und faßte sein Urteil in die kurzen Worte zusammen: „Der Bub sieht nicht einmal was; er sieht nicht, daß der Vater braune Haare hat."— — Richard Hellbergers Oper„Barfüßle" hatte bei der Erstaufführung im Opernhause zu Dresden einen starken Er- folg- �... — Der berühmte Aquarellmaler Rudolf Alt ist in Wien rm Alter von 92 Jahren gestorben.— o. Archäologische Ausgrabungen amSuezkanal. Die Pariser„Acadornie des inscriptions et belles-lettres hat beschlossen. in dem Gebiete längs des Suezkanals, da? bisher von den Archäologen vernachlässigt worden ist, umfangreiche archäologische Forschungen zu unternehmen. Die Leitung der Arbeiten ist M. Clöda vom archäologischen Institut von Kairo übertragen, der seine For- schungen in Tell-el-Her beginnen wird.— — Der Durchschlag des großen Elgert unnels und da- mit die Eröffnung der S t a t i o n E i L m e e r der Jungfraubahn ist Ende Mai zu erwarten. Die Statton wird 3161 Meter hoch zu stehen kommen.— Vorwärts Buchdruckerei u.Berlagsanstalt Paul Singer LiTo., Berlin SW.