Mntethaltmgsblatt des Horwärls Nr. 53. Mittlvoch, den 15. März. 1905 (Nnchdnick verboten.) 3] Die feböne Hndrea» Erzählung von Karl Busse. „Friert Euch so?" Statt aller Antwort knöpfte er den dünnen Kittel auf. Ein offenes, schmutziges Hemd. Es hielt über der nackten Brust nicht zusammen. „Jesus Maria!" sagte sie und starrte darauf hin. Ihre Stirn zog sich m Falten. So näherten sich die zueinander geneigten Brauen noch mehr. Er schlug den Rock wieder zusammen.„Soll ich ab- steigen. Pani?" „Ich denke. Ihr wollt ins Dorf..." „Wenn Ihr mich mitnehmt..." Er freute sich, daß er noch sitzen bleiben durfte. Sie aber dachte nur an die bloße Bnist.„Es wird noch kälter zum Abend. Wo schlaft Ihr?" Er zuckte die Achseln.„Wer will das sagen?" Aber als sie wieder ein Ende weiter waren und das erste Haus vor ihnen lag. sprach er: „Wollt Ihr Euren Namen nennen, Pani? Wenn man so geht, durch den Wind— und alles kalt, dunkel— da denkt man vieles. Mehr Böses als Gutes, verlaßt Euch darauf! Aber nennt den Namen, daß ich dazwischen an was Gutes denken kann. Nur wie man Euch ruft." Gerade kamen zwei Burschen des Weges. „Wo habt Ihr den Bräutigam her, Andrea?" fragte der eine.„Weil Julian Libelt heut' Verlobung hat?" „Eben deswegen," gab sie zur Antwort. Und zum Fremden:„Da hörtet Ihr ja." „Andrea— Andrea— Andrea," sprach er vor sich hin. Da blieb auch Anton schon vor der Hütte stehen. „Und hier wohnt Ihr!" Er kletterte vom Wagen.„Mögen die Heiligen Euch segnen, Andrea. Man trifft wenig Gutes auf der Welt. Ich danke Euch!" Er wollte gehen, ohne einen Augenblick nur zu zögern. Mit seinem dünnen Kittel durch Wind, Kälte, Abend... Es wird dunkel werden, er wird noch immer wandern. Das Eis im See wird krachen, und die breite bloße Brust ist nicht geschützt. „He," rief sie.„Ein Dienst um den anderen. Seid Ihr gefahren, so helft mir auch die Kannen abladen." Scheu sah er sie an. Doch gehorsam stellte er den Stock beiseite und nahm in jede Hand gleich ein paar der klappernden Blechgefäße, während Andrea dem Esel das Zaumzeug abband. „Immer nur hier hinein... erst Anton, dann wir." Und als sie ihn nachher in die Stube mitnahm, sagte sie: „Ich habe Hülfe, Mutter." „Wen. bringst Du da?" „Weiß den Namen nicht. Aber ihn friert." Der baumlange Kerl hatte die Augen eines geprügelten Hundes. Die dumpfe Wärme der bäuerlichen Stube umfing ihn. Halb sehnsüchtig starrte er nach dem Feuer.„Kabat heiß ich... Markus Kabat," sagte er unbeholfen.„Ich grüß' das Handwerk." Denn er sah die Tischlergerätschaften vom Pan Falk selig, der im selbstverfertigten Sarge schlief, herumstehen. — Grüß wieder," seufzte die Alte,„aber es ist vorbei mit allem, mit Wiege, Sarg, Tisch und Stuhl. Hier geht kein Hobel mehr. Doch tvärmt Euch, Pan.,. wärmt Euch. Wir frieren alle im Grabe noch genug." „Im Leben mehr. Pani... Gott segne Euch... wenn Ihr erlaubt— I" Und im Nu war er beim brennenden Feuer, hielt die Hände davor, blies hinein, atmete auf. Daß der wärmende Hauch der Flamme auch sein Gesicht träfe, kauerte er sich nieder. Eine wohlige Müdigkeit überlief ihn... sie ging durch den ganzen Körper. Die schöne Andrea hatte derweil den Suppentopf aus der Röhre genommen. Sie wechselte mit der Mutter einen Blick. Dann goß sie die Hälfte der Suppe in einen kleinen Napf, legte einen Zinnlöffel dazu und sagte:„Arm zu arm, Pan Kabat, oder wie Ihr sonst heißen möget... Laßt jetzt das Feuer und wärmt von innen. M wird besser schmecken als kalte Milch." Der Riese erhob sich. In seinem Gesicht war etwas wie Scham, eine stunime Qual. Aber der Hunger war stärker. Gebeugten Hauptes, einen Dank murmelnd, griff er nach dem Napf und aß. Das Mädchen löffelte aus dem Topf, während die Alte schwätzte... dies und das aus dem Dorfe. Auch das Holz ging zur Neige. Aus dem Walde mußte neues geholt werden. Viel verzehrte der Ofen in diesen kalten Tagen. Ach, Armut hatte bittere Sorgen! Markus Kabat hörte es mit an. Er war fertig mit Essen« Dann langte er in die Tasche. Er mußte eine Weile suchen, bis er zwei abgescheuerte Groschen zum Vorschein brachte. „Arm zu arm, murmelte er.„Ich habe hier noch gerade etwas, Pani... nun brauche ich keinen Schnaps." Und schob unsicher die Münzen über den Tisch. Da bekam die schöne Andrea ihr hochmütiges Gesicht wieder. Sie strich das Geld zurück. „Ein Wirtshaus haben wir nicht. Steckt es ein!" „Wie Ihr wollt!" Das klang fast trotzig. Und grob fing er an zu schimpfen. „Allen müßte es an die Gurgel gehen— allen. Wie ein Vieh verkommt inan. Ain Wege krepiert— fragt kein Mensch nach einem. Nur das Torf schimpft, das einen verscharren muß." „Laßt das wüste Gerede," gebot die Alte.„Alles tut Gott. Wir aber müssen tragen und arbeiten. Ihr seid ein kräftiger Mensch." Er ging mit großen Schritten auf und ab, strich über die Hobelbank und sah dazwischen nach Mütze und Felleisen, als ob es Zeit wäre, weiter zu wandern. Ein halbfertiger Tisch war in die Ecke gerückt. Prüfend blickte Markus Kabat auf die Masern des Holzes und auf das ganze Stück, klopfte daran herum und schüttelte den Kopf. „Was gibt's da zu sehen?" fragte Andrea, die draußen ihr Milchgeld gezählt hatte. Sie nahm ihr Tuch um: sie wollte herumspringen und abliefern. „Keine Arbeit, brummte der Fremde.„Wie von Anno Toback." „Gut genug fllr's Dorf." „Und der Schuft, der Blutsauger, nimmt ihn überhaupt nicht ab," fiel die Mutter böse ein.„Bestellt hat er ihn. „Pan Rezmian," sage ich,„Ihr werdet zwei arme Frauen nicht sitzen lassen. Der Tisch ist halb fertig, Holz kostet Geld._ Ersetzt die Kosten!" Er aber lacht.„Was soll ich mit einem halbfertigen Tisch? Laßt ihn fertig machen— dann ja!" Nun steht er hier im Winkel, daß Gott erbarm! Die Arbeits- löhne in der Stadt sind zu hoch. Nichts würde für uns übrig bleiben." Markus Kabat hob die einzelnen Stücke. Seine Brust arbeitete: es ward ihm heiß. Die dumpfe Wärme war wohl schuld.„Wenn alles hier ist, Pani— wie wär'S, wenn ich probierte?" „Und ihn fertig macht? Richtig, richtig, Ihr habt das Handwerk gelernt. Aber die Zeiten sind schlecht, niemand will bezahlen. Was wollt Ihr dafür?" Nun wurde der Lauge zornig.„Gut, gut," schrie er und» schlug mit der Faust auf den richtigen Tisch, daß er wackelte« „Ich sehe, Ihr wollt mich beleidigen. Pani! Ich fahre mit Eurer Tochter, ich empfange hier Wohltaten, ich wärme mich, ich esse. Nun gut. Geld wollt Ihr nicht. Was soll ich tun? Ich will Euch die Arbeit machen. Ihr aber fragt, was ich dafür will. Nichts will ich— nichts. Aber ich gehe schon, keine Furcht. Pani— ich gehe." In Zorn und Wut griff ev nach seinen Sachen. Die Alte war sprachlos.„Nichts?— nichts?" Und am Rockschoß hielt sie ihn fest.„Aber, wenn Ihr nichts wollt, warum lauft Ihr weg?" Sie verstand es nicht.„Seltsame Menschen hat Gott ge» schaffen. Dem einen fehlt es hier—"(sie tippte auf die Stirn), „dem anderen da—"(sie schlug gegen die Tasche). Und für sich:„Euch, guter Freund, an beiden Stellen." Andrea stand noch immer mit dem Umschlagctuch an der Tür, die Klinke schon in der Hand.„Ich muß abrechnen, Mutter. Bis ich zurückkomme, hast Du ja Unterhaltung." Mit ihrem kurzen, etwas harten Lachen ging sie. Der Kiese sah sich nach ihr um � da schloß sie die Tür schon von mißen. „Also," begann die Mutter wieder,„Ihr gedenkt den Tisch fertig zu kriegen, Pan? Und ohne Lohn?" „Ohne Lohn!" „Seltsam und nicht zu verstehen. Aber los, los, Mann! Bin neugierig, was da'rauskommt. Schlechte Arbeit, für die kein Geld klingt." Markus Kabat jedoch breitete die Arme aus, als würde ihm alles zu eng. Die Freude strahlte aus seinen Augen. Freier blickten sie sich um. Er prüfte das Handwerkszeug, tat von seinem etwas hinzu, behalf sich. Dann legte er los. Es gab ein Hämmern, Sägen, Hobeln, Klopfen wie früher, als der Pan Falk noch in der Werkstatt arbeitete. Und mitten darin begann der Riese zu pfeifen. Er pfiff laut und mit Kunstfertigkeit, daß die Alte erstaunt zuhörte. Er sah ihren Blick, unterbrach sich und fragte:„Stört es Euch? Die Arbeit geht schneller!" „Mehr, mehr. Alles, was Ihr könnt, Pan. Nicht vieles hört man hier im Dorf." Da pfiff er noch lauter und mit Liebe. Es klang aus dem Häuschen hinaus in die Kälte, die stärker ward. Auch die Dämmerung kam jetzt. Sie kam überraschend wie ein Räuber, der aus dem Walde bricht. Ein schlimmes Ding, um diese Zeit heimatlos auf der Landstraße zu irren. Die schöne Andrea, die nun zurückkehrte, sah sich im Dunkel um. Der Wald stand da wie ein böses, lauerndes, schwarzes Rätsel. Man konnte Furcht kriegen. Und der eisige Wind blies. Sie mußte das Tuch fester ziehen. Laslowice, dachte sie nur immer. Da feierten sie Per- lobung. Me Schulzentochter küßte er. Ob sie ihn auch Julek nennen mochte? Sie schüttelte sich. Haß, Hochmut, Bitterkeit überfielm sie wieder von neuem und stärker als seit langem. So viele Gedanken, die sie früher nie gedacht, kamen ihr. Warum ist so viel Leid auf der Welt? Warum arm und reich? Warum schlecht und gut? Ach, es war doch immer nur der eine Gedanke in verschiedenen Verkleidungen: warum konnte es nicht anders sein, als es war, und sie an der Stelle der Schulzmtochter? Ihr Kopf war des Denkens ungewohnt. Alles arbeitete so schwer darin und griff sie an. Aber die Einsamkeit und Dunkelheit und Stille konnten die schweren Gedanken nicht ver- scheuchen. Sie wollte nach Hause... in Wärme, Licht, zur Arbeit. Sie lief fast. Da fiel der Schein der Lampe schon durch die trüben Scheiben. Und plötzlich, jäh hielt sie im Lauf inne, horchte, griff sich mit beiden Händen an die Brust. Das Brennen und Leuchten wollte wieder in die Augen kommen. Es war nicht tot, es hatte nur geschlafen, es stand strahlend auf... Nein! So schnell es erschien, so schnell starb es wieder. Sie hatte das Sägen und Hobeln gehört, das Pfeifen da- zwischen. Alles wie früher— der Vater arbeitete dort— alle Burschen, Julian Libelt voran, liefen ihr nach— vielleicht war er drin— vielleicht sprach er heute... Sie wußte doch aber gleich, ehe sich der Glanz in ihren Augen ausbreiten und entfalten konnte, daß ein Trugbild sie irrte.«Der Fremde!" nickte sie gleichmiitig. lgortsctzung folgt.)] (Nachdruck verboten.) Zur Gefcbichte der Rcchtsanwaltfcbaft in Dcutfcbland* Im Gegensatz zu den Prokuratoren, ursprünglich Vorsprechcr ge- nannt, deren Zahl, Zulassung und Vereidigung die Gesetzgebung vor« schrieb, war der deutsche Advolat in früheren Jahrhunderten ein außergerichtlicher Rater und Helfer, für schriftliche Prozesse vor allem der Verfertiger der Schriftsätze: von einer gerichtsverfassungs» mähigen Einrichtung konnte unter solchen Uniständen bei der Ad- vokatnr keine Rede sein. Ain Reichs-Kammergericht und an den Hof- geeichten gab es als Prokuratoren nur gelehrte Männer, bei den Untergerichten dagegen waren eö überwiegend aus dem Vorsprechcr- tum hervorgegangene ehrbare Bürger und Bauern. Der Advokat muhte rechtsgelehrt sein, wenn er neben diesen Proknratoren, die rechtlich allein vor Gericht handelten und vertraten, etwas bedeuten wollte. In seiner soeben erschienenen„Geschichte der RechtSanwaltschaft" (Verlag von C. E. M. Pfeffer, Leipzig), der ersten ihrer Art, schreibt Adolf Weihler:„Der ungelehrte Prokurator war alles, der gelehrte Advokat nichts. Das muhte graue Theorie bleiben. Der kundige Ratgeber, der Fertiger der Schrittsätze, muhte die Seele dcö Prozesses werden, der Prokurator zum Sprachrohr de? Advokaten herabsinken.� Geiler von Kaisersberg(gest. IMO) spricht sich über das Verhältnis mit folgenden Worten aus:„advocatus heiht in tütfch ein fürsprech oder ein ratgeb, den man berüfft zu einer fach, das er darinn raten sol, procura tor heiht auch ein fürsprech und ist der, der da redt utz Angeben des Advokaten." Unter diesen Verhältnissen ist es erklärlich, dah die uii- gelehrten Prokuratoren ihre eigentliche Domäne, nämlich das aus« Ichliehliche Recht, vor Gericht zu reden und zu handeln, auf die Dauer gegen die gelehrten Advokaten nicht ungeschmälert erhalten konnten; zunächst machten diese ihnen mit Erfolg ihr Monopol deS Austretens an vielen Untergerichten streitig, schließlich auch die Voll- macht. Die beiden Aemter konnten wohl äußerlich getrennt gehalten werden, bemerkt der Verfasser des uns vorliegenden Buches, innerlich flössen sie ineinaitder. Allmählich hörte die finnlos gewordene Zwei- teilung des Berufes auf, zumeist von selbst und unmerklich, so daß fich die EntWickelung nicht im einzelnen verfolgen läßt. In Sachsen und Preußen wurde die Prokuratur ausdrücklich aufgehoben; am Reichs-Kammergericht und an den meisten Hofgerichten bestand fie jedoch als das Amt des gelehrten, allein zum Austreten vor Gericht befugten Vollanwaltes(ort, beim Reichs-Kainmergericht bis zum Ende, bei den Hofgerichten zum Teil bis zum Jahre 187S. Für die Prokuratoren an Hofgerichten waren nicht einmal Prüfung und Vorbereitungszeit Bedingung, um so weniger konnte davon bei Advokaten als privaten Hülsspersonen offiziell die Rede sein. In dieser Hinsicht hatten es also die früheren Advokaten bester als die heutigen Rechtsanwälte, aber wer es mit seinem Berufe ernst nahm, stellte doch an sich selbst sehr hohe Anforde- rungen. Das Studium wurde zuweilen auf neun Jahre aus- gedehnt, und vielfach auf ausländischen Universitäten zurückgelegt. Die Strafen für Nachlässigkeiten oder Ungebühr in der Erfüllung der Berufspflichten waren ziemlich empfindlich, wenigstens aus dem Papier. So sollten nach der fränkischen Advokaten-Jnstruktion vom Jahre 1720 beleidigende Schriftsätze in Gegenwart des Verfassers, der übrigen Advokaten und prozehführenden Personen zerrissen und ihm vor die Fühe geworfen werden-, außer- dem sollte den Schuldigen nach Maßgabe seiner Verleumdung auch noch die gebührende Strafe treffen. Die Geldstrafen für solche Ver- gehen erscheinen teilweise auffallend hoch. Die neumärkische Kammer- gerichts-Ordnung vom Jahre 1561 drohte für Ueberschreitung der Fristen zum Schristsatzwcchsel 10 fl., die vom Jahre 1646 für.In- vekliven. Schmähen, Schelten" 50 Taler, die Altmärkische von 1602 für„stachlichte Worte" 10—30 Taler Strafe an. Nach einem Para- graphen der huldischen Advokaten-Ordnung vom Jahre 1775 sollte kein Advokat fich unterstehen, auf dem Lande herumzureisen, um Prozesse zu werben, die Bauern dazu anzureizen und mit ihnen zu zechen. Wenn er dabei abgefaßt werde, sei er auf der Stelle zu arretieren. Am meisten wurde über die Weitläufigkeit der Schriftsätze geklagt. Die Akten eines Prozesses bestanden aus vielen Bänden, die zuweilen ein ganzes Zimmer stillten, und dabei stand der Gegenstand des Prozesses oft dazu in schreiendem Mißverhältnis. Wir hören von ungeheuren Aktenstößen, die unt einen Hahn zusammengeschrieben waren. Ein dem Kaiser Josef IL erstattetes Gutachten der Reichs- hostäte bezeichnete solche Volumina als schwimmendes Stroh, unter das man untertauchen müste, um ein Korn Wahrheit zu finden: als Folianten, an denen man fich die Augen und geiunde Vernunft zu- schänden lesen müsse, bevor man wisse, was der Schmierer eigent- lich wolle. Weißler nennt die Schreiberherrschast, die die Advokaten iu das deutsche Rechtsleben einführten, eine der schlimmsten, die es je gegeben: sie habe im Wege unendlichen Formengezänks und cnd- lostn Prozeßgangcs einen Zustand der Rechtlosigkett herbeigeführt. Das machte die Sachwalter beim Volke schon unbeliebt genug. und dazu gesellte sich ihre undeutsche Rechtsbildung, dte als solche allgemein empfunden wurde. Im Bauernkrieg vom Jahre 1525 war die Abschaffung der„Doetores" eine Hauptforderung der Aufftändischen: aber mochten auch Adel und Volk murren: gegen die überlegene Kultur der gelehrten Bildung war nichts auszurichten. Besonders die im Auslände gebildeten Juristen waren ungemein ge- sucht: Fürsten und Große wogen, heißt es in der Geschichte der Anwaltschaft, ihre Dienste mit Gold auf. Mit der Zeit trat jedoch eine lleberfüllung des Berufes ein, die nachteilig auf sein Ansehen wirkte. Es gab bereits ein Gelehrten-Proletariat. Aus MeltorffS Juristenfpiegel(1666) erfahren wir, daß Deutschland damals über- flüssig mit Gelchnen versehen war. Jeder Handwcrksmann lasse seine Söhne studieren, so daß man leichter einen Studenten als einen Schuhknecht bekommen könne. An den Obergerichtssitzen waren die Advokaten so zahlreich, daß sie sich kamn ernähren konnten. Von den Advokaten glaubte man bestimmt, daß fie fast ohne Ausnahme in die Hölle kämen. Als ein Advokat im Sterben lag, fand man folgendes Gedicht öffentlich angeschlagen: Ihr Herren Advokaten und liebe Gesellen, Hat jemand in der Höllen etwas zu bestellen, Der stelle sich morgen in meiner Wohnung ein, Um 3 Uhr wird die Abfahrt sein. Der Stand war jedoch unzweifelhaft besser, als sei» Ruf, daS bezeugen genug unbefangene Urteile. Sogar die Angreifer ver- wahrten sich dagegen, als wollten fie ihn herabsetzen. Die Advokatur selbst lernte ihre wahre Aufgabe richtiger begreifen und stellte die Forderung auf, daß sie nur dem Rechte zu dienen habe. In dem schon erwähnten Berichte der Reichsräte an Kaiser Joseph IL heißt es von den älteren Agenten sProluratoren) am Reichshofrat, eS habe unter ihnen Männer von ausgebreiteter Wissen- schast. tiefer Kenntnis der Rechte, gründlicher Erfahrung und einen» Charakter gegeben, der ihnen und dem Gerichte Ehre machte. In Preußen hatte der von Cocceji aufgenommene Kampf gegen Formalismus und Verschleppung für den Altwaltstaud die herlsamsten Wirkungen, und im Laufe des IS. Jahrhunderts stieg dieser auf der Leiter der öffentlichen Achtung hoch empor. In den «flüchtigen Bemerkungen über den preußischen Advokatenstand" jvon 1840) wird den Sachwaltern rühmend nachgesagt, daß sie ohne Scheu das wahre Recht forderten, sich aller Wortklaubereien, aller Ränke und leerer Abschweifungen enthielten, daß sie auch den Armensachen einen lobenswerten Eifer widmeten, und nicht durch übertriebenes Sportulieren ihre Klienten bedrückten, gern unnüpe Prozesse verhüteten und sich oft bemühten, die Rechtshändel durch Vergleiche beizulegen. Kulturgeschichtlich nicht ohne Interesse find die Mitteilungen des Verfassers über das Einkommen der Anwälte in Deutschland in» verflossenen Jahrhundert. Sie waren im allgemeinen nur dürftig und kamn zum standesgemäßen Leben ausreichend. In Württemberg brachten es die gesuchtesten Anwälte auf kaum 5000 Gulden im Jahre, und solche gab es vielleicht vier im ganzen Lande, die Mehrzahl hatte mit Nahrungssorgen zu kämpfen. Für Sachscn-Gotha wird das Durchschnittseinkommen auf 500 bis 700 Taler, das Höchsteinkommen auf 1500 Taler angegeben. In Schleswig- Holstein hatten die Obergerichtsanwälte ein durch« schnittliches jährliches Einkommen von 1500, die Untergerichts- anwälte von 500 Taler. In Nassau brachte es ein Anwalt von großem Rufe auf etwa 1400 Gulden im Jahre. In Kiel dagegen gab im Jahre 1810 ein Advokat seinen Jahresverdienst bei der Steuerverwaltung auf 20 000 Taler an, ein gewaltiges Ein- kommen für jene Zeit. In Preußen ließen die Verhältniffe in dieser Hinsicht im allgemeinen nicht viel zu wünschen übrig, in Wien konnten sich nicht selten Advokaten nach acht- bis zehnjähriger Praxis ein Gut kaufen. Wie sehr sich auch das Ansehen des Rcchtsanwaltstandes im 19. Jahrhundert hob, so hatte sich doch aus der schlechten alten Zeit manches erhalten, das seinem guten Rufe hinderlich war. In Württemberg und Sachsen kam eS noch vor, daß abgesetzte oder gar zu Freiheitsstrafe verurteilte Staatsbeamte zur Advokatur zugelassen »vuroen. In Hannover bot man den Advokaten im Termine keinen Stuhl an, das Oberappellationsgericht in Lübeck war sogar so klein- lich, jedesmal den Titel„Herr", den ihnen die hanseatischen Gerichte zu geben pflegten, zu streichen. Oeffentlichkeit und volle Mündlichkeit im gerichtlichen Verfahren, für die die hannoversche Prozeßordnung vom 8. November 1850 vorbildlich wurde, eröffneten der gerichtlichen Beredsamkeit, von der man früher nichts gewußt hatte, ein viel- versprechendes Feld.— Johannes L ü ck i n g. Kleines feiiilleton. sch. Tas Innere des Domes. Der Bau gliedert sich im Innern in drei Teile: Die Hauptkuppel, der Vorraum und eine kleinere Kuppelhalle. Allen drei Räumen ist jene schon vom Kaiser Friedrich-Museum her bekannte Buntheit eigen, die nicht geschmackvoll wirkt. Roter, schwarzer und weißer Stein, alles möglichst grell und ausfallend, nicht für fein empfindende Augen berechnet. Jeder Uebergang, jedes Vcr» mittel«, jedes Abstimmen ist vermieden. Tie schwarze und rote Farbe des grell-glitzerndcn und noch möglichst blank behandelten Marmors schreit barbarisch. Und die großen, weißen Flächen der Wände wirken öde und langweilig. Uebcrall ein Zuviel,«in Protzen, eine Ueber- ladung der Quantität und der Qualität, die alle Errungenschaften dekorativer Raumkompositionen der modernen Kunst ignoriert. Da- bei wird aber jeder vorurteilslose Betrachter der Kunstentwickelung das eine als unbestreitbar zugeben, daß wir gerade in der Anlage von Jnnenräumen, in der architektonischen Durchbildung von Interieurs, vorwärts gekommen sind. Diese Tatsache scheint aber den Erbauern des Domes verschlossen geblieben zu sein. Für einen Architekten, der als Fachmann doch verpflichtet ist, über die neuen Errungenschaften in seinem Beruf Bescheid zu wissen, bedeutet solch eine Jnnenanlage, die das Kaiser Friedrich-Museum noch in den Schatten stellt, etwas Unverzeihliches. Wirkt der Eintrittsraum(der seitliche, nicht der Hauptcingang) öde, leer und kalt und frostig, so bietet die große Kuppelhalle des Ucbcrraschendcn genug. Hier verschärft sich die Bemerkung, die wir schon oben machten. Dieser mit dem Aufwand aller Mittel imposant wirken wollende Kuppclraum, der das eigentliche Schiff bildet, ist mit solch konsequent durchgeführter Vernachlässigung aller Raumempsindung gebaut, daß das Erstaunen über die Einzelheiten, die diese Erkenntnis aufnötigt, nicht enden will. Auch hier wieder die grelle Buntheit des Marmors, die schrill die Einfassung der Portale heraushebt. Dazu schwarz-glitzernde Säulen, die die Seitenabschnitte der Rotunde tragen. Diese Säulen sind vielleicht das Unglaublichste. Es zeigt sich nämlich, daß die so protzig nach oben sich ausrundende Kuppel unten recht wenig Raum bietet. Da ist nun jedes Plätzchen unten ausgenutzt, und die eichenen Sitzbänke drängeln sich überall hinein. Tie erwähnten Scitenräume liegen Iber im Halbdunkel, und eS scheint ausgeschloffen, daß die hier Sitzenden irgend etwas hören oder sehen. Es ist schwer zu beschreiben, wie kleinlich und ängstlich hier die Anhäufung der Bänke wirkt. Und zwischen diese Bänke quetschen sich dann noch die erwähnten, schwarz, glitzernden Säulen, immer zwei und zwei, recht kompakt wirkend, hinein, so daß aus der Vorder- und Rückbank jeweilig ein Rundteil herausgeschnitten werden muhte. Aermlich, trotz seiner Buntheit wirkt der Altar, der im Ver. hältnis zu der über ihm stehenden Lufthöhe viel zu klein ist. und wenn man die aufdringliche Orgel, die vielmal so groß ist wie der Altar und die breitausladendcn, prunkenden Emporen betrachtet, so scheint das Hauptgewicht darauf gelegt, einer Menge ein imposant sein sollendes Schauspiel zu liefern, so sehr drängen die Nebensachen sich auf, während die Hauptsache beinahe, verschwindet. Ganz auffallend tritt hier die Leerheit der unendlich hohen Kuppel, deren Weiß so monoton und Verblasen wirkt, in den Vorder- grund. Der Architekt weiß scheinbar gar nicht, wie eine Farbe einen Raum weitet und ausfüllt, belebt und anmutig gliedert. Es steht alles trostlos nebeneinander und drängt sich unmotiviert vor. Und die massige, braune Orgel fügt sich ganz und gar nicht dem Ensemble ein, ebensowenig wie die Farbe der Bänke irgendwie mitspricht. Man vermißt jede vernünftige, sinngemäße, praktische Gliede- rung. Auf der einen Seite ein Zuviel, auf der anderen ein Zuwenig, dann wieder ein völliges Ignorieren. So scheint die Kanzel voll- kommen vergessen zu sein. Eine solche ist jetzt provisorisch errichtet worden, und es hieß, es sollte die akustische Wirkung erprobt werden. Aber ganz gleich, wie diese ausfällt— es ist kein Platz für sie ge- lassen. Ter einzige Raum, der verfügbar ist, ist der, wo die provi- sorische Anlage hingesetzt ist, und da wirkt sie wie ein Notbehelf, wie ein unvermeidliches Uebel. Es ist ja auch gar nicht eine Auswahl möglich, denn all die anderen Teile sind doch schon in Beziehung auf die Kanzel gedacht, also geht es doch nicht, nachträglich Aenderungen vorzunehmen, man müßte denn den ganzen Bau umbauen. Um die mittlere Kuppelhöhc zieht sich eine kleine Siegesallee. Es stehen dort neben Luther und Calvin Joachim II., Albrecht von Preußen, Friedrich der Weise. Hohl und ungegliedert wirken die Reliefs, die neben und über den Bildsäulen die Wand schmücken sollen, während in den Gewölben darunter die Wiedergabe der vier Evangelisten durch die Buntheit stört, so daß auch hier die Mißverhältnisse des Ganzen auffällig wer- den. Der Architekt hat nicht von innen nach außen gebaut, d. h. die Architektur aus den notwendigen Bestandteilen, dem Kirchenschiff, den Emporen, dem Altarraum»sw. herauswachsen lassen und dem Dom eine vernunftgemäße, vollendete Abrundung gegeben, außen und innen, sondern vielmehr erscheint hier die Planlosigkeit zum Prinzip erhoben, und der Raum gibt nicht einmal, oder nur wider» willig die Möglichkeit her das zu leisten, um deswillen er eigentlich da ist. Das Allerschlimmste aber in dem ganzen Dom sind die Glas- fenster, sowohl die Fenster des Altarraums wie auch die Kuppel- fenstcr. Das ist geradezu unmöglich. Und man sollte meinen, das müßte jedem einleuchten, daß solche an die ärgsten Buntdrucke er» innernden, süßlichen, dilettantischen Farben einfach nicht sein dürfen. Ein Christus in einem sanftrötlich und lila schimmernden Gewand ist am schlimmsten weggekommen. Aber auch sonst ist ein Gelb, ein Braun vorhanden, das an Bilderbogen erinnert. In dem dritten Raum sah ich eine ganze Reihe von merkwürdig unregelmäßigen Seitennischen und Gängen, bei denen man an die Seitenaltäre katholischer Kirchen denken konnte. Da ich witzbegierig auch nach der Zweckbestimmung dieser Anlagen forschte, bedeutete mir der Schlotzgardist wehleidig, das wüßte man noch nicht, was damit werde sollte, wahrscheinlich würden Denkmäler hinkommen. Dann ging ich hinaus.— — Sachsische Bolkswörter. Auch die Bäckerei hat in der Sprache des Volkes ihren Niederschlag gefunden. Vor allem wird der Bäcker nach dem Teige benannt, mit dem er eS zu tun hat: Teger (Leutewitz) oder Teegschustcr oder— nichts für ungut— Deekaffe (Tägasfe) und Teckesel(Tääkesel). In Leipzig meint man mit letzterem Worte wenigstens nur den Bäckerjungen. Ursprünglich waren damit wohl nur die entsprechenden Gebilde aus Teig benannt, jetzt erleben die Bäcker aber die Genugtuung, daß man den Teekesel auch vielen anderen als Schimpfwort zukommen läßt in der Form Teekessel. Ter Bäckergeselle hieß früher Bäckerknecht, ein Ausdruck, der sich(in Zwickau) nur noch in der Bedeutung Klümpchen Mehl im Brote erhalten hat. Tie Ausdrücke Semmelarchitekt und Weisheits- schiebcr sind kaum volkstümlich; die erstere Umschreibung entstammt dem Witze gebildeter Kreise, die letztere beruht auf einem Wortspiele der Gaunersprache(schon der Erfinder des„Nürnberger Trichters", Harsdörfer, gefiel sich in solcher Spielerei mit weiß und weise, zum Beispiel in dem Satze:„So möchte man sagen, ein Müller were in die Weisheit verselbstct"). Recht unerfreulich klingt dem Bäcker die Bezeichnung Hutzelbäcker, sind doch die Hutzeln bei uns kleine, miß- ratene, angebrannte Brötchen(in Süddeutschland versteht man unter Hutzel jedes Kleingebäck ohne tadelnden Nebenbegriff), wie über- Haupt jeder verkümmerte oder entstellte Gegenstand huzlich und vcr» hutzelt genannt wird(mit Vorliebe auch Birnen). In gleichem Sinne wird auch buchtlch aebraucht(Sachs. Schweiz). Wenig Freude machen dem Bäcker die Pult- oder Bulldauben, wie man in der Gegend von Colditz, Roßwcin, Waldhcim, Lcisnig, Grimma, Nossen» Döbeln, Lommatzsch die Dreierbrötchen und Semmeln nennt. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Bulldaubcn samt den Bulldeibchen in Mittweida nur eine irrige schriftdeutsche Wiedergabe der mundart- lichcn Bulldaum darstellen: die Semmel könnte höhnisch mit einem dicken Daumen verglichen sein(boll— rund, geschwollen, vergleiche die Bolle der Zwiebel usw.). Wenig Ehre macht seinem Erzeuger der treiche Schuster und das Gegenteil davon, der Kluntsch, im Erz- gebirge auch der Donschch, der insbesondere unausgebackene, tlantschige(in Zwickau), schliffige Ware bezeichnet. In Leipzig heißt allerdings klunschcn schlechtweg backen. Auf ein nicht geratenes Backwerk wie ein ungeschicktes, unbeholfenes Menschenkind überträgt der Erzgebirger und Vogtländer den eigentlich aus geriebenen Kar- toffcln hergestellten Talken; in der südlichen Oberlausitz ist die Redensart„der hat eine Talke gebacken" üblich für einen, dem etwas mißglückt. Wer freilich, um sich solchem Geschicke zu entziehen, um nicht„Schliff zu backen", den Teig„so" essen will, wird berechtigtem Tadel nicht entgehen; besser täte er schon, den Augenblick abzuwarten, wo er sagen darf:„Na, da geht der Deegl" Will man aber etwas er- zwingen, so befiehlt man(in Leipzig):„Back mcr oder freß Mersch Mehl!"(Zuschriften werden erbeten an den Ausschuß zur Samm- lung sächsischer Volkswörter, Dresdcn-A., Breite Straße 7, I.)— — Die einheimischen Negergrsänge beginnen unter dem Einflüsse der eindringenden Weißen zu verschwinden und machen europäischen Liedern und Tingeltangelweisen Platz. Das ergibt sich aus einer Mitteilung von Emil Torday über den Gesang der Baluba am Moero-See(Man, Jahrgang 1904). Die Soldaten der ver- schiedenen Völker, die sich jetzt in den Besitz Afrikas geteilt haben, bringen überall hin ihre heimischen Weisen mit und lehren sie den Schwarzen. Ein schlagendes Beispiel dafür ist der Gesang„O Lupembe", der an den Stanley Falls zu Ehren des dort residierenden Major Lothaire entstand und heute durch das ganze Gebiet des Kongostaates gesungen wird. Es ist schwer, die einheimischen Melodien noch zu sammeln, und der Europäer hört sie gewöhnlich nur auf der Reise, wo nur Marschlieder gesungen werden. Sie bestehen stets aus einem Rezitativ mit nachfolgendem Chor und werden von dem Mann improvisiert, welcher die kräftigste Stimme besitzt, keineswegs immer die beste. Doch gibt es einige durch ihren schlagenden Witz bekannte Sänger, denen dann von selbst die führende Rolle unter den Kara- wanensängern zufällt. Der Europäer, welchem die Karawane ge- hört, ist meistens der Gegenstand des Gesanges, und alle möglichen Ehren werden auf ihn gehäuft. Ist er auch der friedliebenste Mensch, so erscheint er doch in den Gesängen als fürchterlicher Krieger, der Hunderte schon getötet hat; ist er auch spindeldürr, so wird er doch als Koloß geschildert; er hat Löwen, Elefanten erschlagen, er ißt für zwei und trinkt für drei und hat einen ganzen Hausen Weiber. Auch hat er alle Länder schon durchreist. Uebertreibung ist stets die Hauptsache. Torday hebt hervor, daß die Harmonisation der Chöre stets tadellos ist und wenn einer falsch singt, er gleich von den Kameraden verbessert wird. Die Noten einiger Marschgesänge werden mit- geteilt. Fast nur Tenorstimmen von geringem Umfange findet nian unter den Schwarzen. Baritone sind sehr selten und der Verfasser hat niemals einen echten Baß gefunden, ebensowenig kennt er ein Negerweib, das eine schöne Stimme hätte; sie singen alle in der Kehle, Brusttöne kennen sie nicht. Die Tage des einheimischen Gesanges sind, wie oben bemerkt, gezählt, da die Zivilisation sie fortfegt. Der Koch Tordays, welcher bei Missionaren erzogen worden war, sang den ganzen Tag über Gounods„Ave Maria" und Haydns„Tantum ergo", und die Soldaten bringen Gassenhauer und Tingeltangellieder, welche die alten Negergesänge verdrängen.— („Globits.") Archäologisches. — hl. Neues aus dem Tal der Königsgräber. Theodore M. Davis, der Auffinder der Gräber von Thothmcs VI. und der Königin Hatshepsu zu Theben, hat seine Arbeiten im Tal der Gräber eifrig fortgesetzt und hat jetzt eine Entdeckung gemacht, wie sie nach der Meinung der„Times" noch keinem geglückt ist, seit- dem Aegypten den Forschungen der Europäer sich aufgctan hat. Er hat ein Grab aufgefunden, das seit den Zeiten der 18. Dynastie niemals wieder besucht oder geplündert worden ist, und das mit Schätzen aus einer Zeit angefüllt ist, da Aegypten die Herrin des Oftens war und die Quelle alles Reichtums an Gold. Das Grab selbst ist nicht groß, und seine Wände sind niemals mit Dekorationen verziert oder auch nur geglättet gewesen, aber es ist in seiner ganzen Ausdehnung von völlig unberührten und kostbaren Schätzen des alten Aegyptens erfüllt. Wundervolle Mumiensärge mit reichen Goldcinlagcn, hohe Alabastcrvasen von apartesten For- mcn, Stühle und Büchsen, die von Gold und Farben leuchten, sogar ein Lustwagen mit seinen sechsspeichigen Rädern, die noch von ihren hölzernen Reifen umschlossen waren, all das liegt hier in wirrem Durcheinander, eins über dem anderen, vom Schutt der Jahrhunderte vergraben. Es dauerte ein paar Tage, bis die Suchenden die ganze Ausdehnung der Schätze, die das Grab enthielt, nur übersehen konnten. Die Grabkammer ist etwa 30 Fuß lang und 15 Fuß weit, die Höhe beträgt nicht mehr als 8 Fuß. Auf der linken Seite des Einganges waren die zwei großen hölzernen Sarkophage, in Schwarz und Gold bemalt, in denen sich die Mumienkästen der beiden hier Begrabenen, eines Mannes und einer Frau, befanden. Die Kästen selbst hatten doppelte Wände; die erste dieser beiden Schichten war nach der Außenseite hin ganz von Goldplatten gebildet, ausgenommen an den Stellen, an denen das Gesicht der Mumie realistisch dar- gestellt war, und hatte an der Innenseite eine Wandung ganz aus Silber, während die zweite Schicht nach außen ähnliche wie die erste goldene Plattierung hatte, nach innen zu aber auS dünnem feinen Blattgold bestand, lieber eine vergoldete Maske, die wohl die Züge des einen der Verstorbenen nachbilden mochte, war ein Schleier von schwarzem Musselin oder bielleicht Krepp gelegt. Es ist zum ersten Mal, daß man auf derartiges in einem ägyptischen Grabe gestoßen ist. Es wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen, bevor völlige Klarheit über die mannigfachen Funde dieses Grabes verbreitet sein wird. Indessen ist schon jetzt eine wichtige Tatsache enthüllt: die prunkhafte, um nicht zu sagen übertriebene Entfaltung von Reich- tum, die die ägyptische Gesellschaft in der Spätzeit der 18. Dynastie beherrschte. Man hatte schon aus den Täfelchen von Tel-el-Amarna gelernt, daß Aegypten damals das war, was Kalifornien für unsere Kultur bedeutete, ein Land, in dem nach den stets sich wieder- holenden Berichten der Fremden„Gold in solchen Mengen sich findet wie Sand"; und die verschwenderische Fülle, mit der das kostbare Metall bei allen Gegenständen dieses neu aufgefundenen Grabes ver- wandt ist, gibt solchen Worten recht. Auch nicht das geringste oder unwichtigste Ding ward angefertigt, ohne es mit Gold zu plattieren, das so reichlich aus den Minen der Wüste genommen wurde. Eine Reliquie aus einer toten Welt ist eine Matte von Palmfasern, auf welcher die Gestalt des Osiris in weicher Erde aufgezeichnet war. Samen wurde dann in die Erde gesäet, und in dem grünen Gras, das hervorsproß, nachdem das Grab längst verschlossen und versiegelt war, sahen die Aegypter ein tröstendes Symbol und eine Bürgschaft der Auferstehung. Ein ähnliches„Bett des Osiris" ist schon in dem Grabe Amon-Hotcps II. aufgefunden worden. Wenngleich auch die einzelnen Stücke des von Davis gemachten Fundes Gegenstücke in anderen Gräberfunden haben mögen, so steht diese Entdeckung einzig da durch die kunstvolle und kostbare Ausführung der Särge und Ge- räte, durch den Wert, den allein die teuren Metalle repräsentieren. Ein solches Wunderwerk an Ebenmäßigkeit und Schönheit der Bil- dung wie der Wagen steht bis jetzt einzig da in der Geschichte der ägyptischen Kunstfertigkeit.— Humoristisches. — Beleidigt. Reisender(zum protzigen Bauern): „Habe ich die Ehre, den Herrn Grotzhofbauer zu sprechen?" Bauer:„Na, wer soll i ch denn s o n st sein?"— — Während der Rauferei. Fremder:„Warum schreiten Sie denn nicht ein und verhasten den Hauptkrakehler?" Dorfpolizist:„Ich muß'n erst noch austoben lassen. sonst schlägt er uns wieder im Wachlokal alles kaput."— — Ein Hartgesottener.„Nicht wahr, Onkel,„ehe" heißt soviel wie„früher einmal"?" „Ganz richtig I Daher das Wort ,.E h e m a n n" I" C„Meggendorfer-Vlätter.") Notizen. — HanS Ost Wald erklärt im„Liter. Echo' herzhaft:„Ich bin es jetzt ehrlich satt, immer wieder als ein Nachahmer Gorkis bezeichnet zu werden."— —„Narrenfang", ein modernes dreiaktiges Lustspiel von Ernst von Wolzogen und Paul Stark, gelangt noch in dieser Spielzeit im Wiener Raimund-Theater zur Auf- führung.— —„Wallen st eins Lager" wird zum Schillertage in Teplitz-Schönau im Freien aufgeführt.— Das wäre etwas ftir Die von E g e r gewesen. Zu was haben die dem: ihre alte Burg, ihre Wallenstein- Reliquien und das Schiller- Haus?— — Im Theater des Westens kommt am Donnerstag „Die L i e b e S f e st u n g Operette von Hans Brennert und Erich Urban. Musik von Bogumil Zepler, zur Uraufführung. — Richard Strauß' neuestes Werk, die einaktige Oper „Salome", ist von der Dresdener Hofoper erworben worden. � — Gegen fünfzig Zentner Bern st ein sind nach der „Täglichen Rundschau" seit Mitte Februar in der Danziger Bucht gefunden worden. Das größte Stück war über ein Pfund schwer.— c. Zum Heidentum zurückgekehrt ist, wie aus New Aork berichtet wird, ein Neger namens Daniel Flickinger Wilberforce, der 25 Jahre lang als Missionar in Aftika gearbeitet hat. Als Kind wurde er von Missionaren von Afrika nach New Uork gebracht, wo er erzogen wurde und sich auch verheiratete. Seine beiden Söhne besuchen gegenwärtig das College. Er gehörte der Missionsf gesellschaft der Vereinigten Brüder Chnsti in Huntingdon, Indiana, an. Diese Gesellschaft hat jetzt aus Afrika die Mitteilung erhalten, daß er wieder in das Heidentum zurückgefallen ist; er ist der Häupt- ling seines Stammes geworden und hat mehrere eingeborene Frauen geheiratet.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. VerlagianstaltPaul Singer LcCo., Berlin LVk.