Nnterhattungsvlatt des Horwärls Nr. 56. Sonntag, den 19. März. 1905 (Nachdruck verboten.) Die fcbönc Hndrca. Erzählung von Karl Busse. „Euer Vater? Das ist es nicht, Pani! Der Tod muß stillliegen, aber das Leben will springen." Sie biß die Zähne zusammen. Er dachte wirklich, sie bliebe aus Schmerz über Julians Libelts Untreue zu Hause. Das ganze Dorf dachte so. Der Förster vielleicht selber. Es ifreute ihn im stillen, und er erzählte es in Laslowice. „Am Sonntag ist ja wieder Tanz," sagte sie. „Ja," antwortete Markus Kabat. Ob er wieder lächelte. Sie sah ihn extra an: er war zu klug: man mußte vor- Wichtig sein. Aber am Sonntag ließ sie sich doch von ihm aust iführen. Julek Libelt sollte sich nichts einbilden. Sie hatte sich vorgenommen, recht lustig zu seiu. Das ganze Dorf sollte merken, daß sie dem Grünen nicht nach- trauerte. Und seit langer Zeit zum erstenmal putzte sie sich Wieder mit Lust und Liebe. Der Tischler machte große Augen.„So viel Schönheit," sagte er,„gibt Gott nicht einer jeden. Us wäre auch nicht gut, henke ich." Der Krug war schon voll. Drei Geiger siedelten wie be- sessen: eine schwere, heiße, qualmige Lust lag über dem großen ÜRaume und drückte auf die erhitzten Paare. Ein taktinäßiges Stampfen, Jauchzen dazwischen, das Aufkreischen einer zu zärtlich angepackten Dirne... „Hallo, wer beehrt uns!" Ein staunendes Rufen. Alles Wandte sich.„Die schöne Andrea!" Im Augenblick standen die beiden in einer schmalen Gasse, die sich gebildet hatte. Sie gingen hindurch. Die Mädchen schielten unfreundlich nach der Nebenbuhlerin. Die Burschen maßen den Tischler. Es war jäh stiller geworden. Nur die drei Geiger spielten ohne Pause, ohne Ermüdung, als wären sie aufgezogen und könnten den Arm und Bogen nickst«'her ruhen lassen, als bis das Uhrwerk abgelaufen sei. „Beliebt es?" fragte Markus Kabat. Vorsorglich legte er das Taschentuch in seine Hand. Dann faßte er die schöne Andrea fest. Eine Polka Mazurka... Die Töne hüpften, lachten, sprangen. „Gut führt Ihr," flüsterte die schöne Andrea. Und als das ihren Tänzer in seinem Eifer bestärkte, tat er sich doppelt hervor. Es war nickst üblich, daß man beim Tanzen sprach. Die Dörfler übten die fröhliche Kunst im Schweiße ihres An- gesichts. Aber mit Absicht flüsterte Andrea Falk dem Tischler dies und das zu und lächelte, lachte. Sie sollten sehen, daß sie sich längst getröstet hatte. Der Tanz war zu Ende: man trank Bier: ein neues Stück begann. Immer schneller rann die Zeit. Hatte das Mädchen erst mit Absicht ein heiteres Gesicht gezeigr— jetzt lächelte und lachte sie, ohne an ihren Vorsatz zu denken. Sie tanzte sich in Feuer, ihre Backen glühten,„Woher habt Ihr das?" fragte sie. „O, Pani, Ihr denkt immer in mich auf der Landstraße. Schnell sinkt der Mensch ohne Geld, ohne Arbeit. Ich war srüher anders." Auch von den übrigen Burschen trauten sich einige heran. Mit diesem tanzte die schöne Andrea, mit jenen nicht. Einer flüsterte ihr zu:„Warum holt Ihr Euch den Bräutigam aus der Fremde?. Gibt's im Dorf nicht genug Burschen?" „Und so hübsche wie Euch— nickst?" lachte sie spöttisch. Sie wollte noch etwas hinzufügen. Aber mit dem Lachen zu- gleich blieben ihr die Worte in der Kehle stecken. Denn durch die heißen Burschen und Dirnen drängte sich cm Grüner: Zulian Libell. Er kam spät: er kam Kohl aus Laslowice. Erstaunt blieb er stehen, als er die schöne Andrea sah. Dann blitzten seine Augen auf: sie fühlte, wie dieser Blick ihre ganze Gestalt gleichsam umfaßte. Der Blick sagte: wie schön Du bist! Schöner als je! Tausendmal schöner als die Schulzentochter, trotzdem die so viel Geld hat! Und ein Lachen spielte um die Lippen, ein Porsatz bildete sich. Narr, wer nicht zugreift! Da die Frau und das Geld, hier Schönheit und Liebe. Nimm beides, Julian Libelt! Aber da erblickte er den Tischler. Das Lächeln schwand. Die schöne Andrea hatte sich neben den Tischler gesetzt? nur ihre Augen waren noch voll geheimer Unruhe, sonst hatte sie sich ganz im Zügel. Ihr Glas war leer.„Ich habe Durst vom Tanzen," sagte sie und nahm das von Markus Kabat. lächelte ihn an trank. Ihm ward's heiß durch den neuen Anzug.„Andrea!"- sprach er. Und an dieselbe Stelle, wo ihr Mund das Glas! berührt, setzte er seine Lippen. In einem Zuge trank er aus, Der Grünrock hatte es gesehen— sollte es sehen. Mick lärmender Lustigkeit wandte er sich hierhin und dorthin, tanzte ein paarmal, stürzte einige Schnäpschen hinunter und äugte dazwischen immer wieder zu Andrea hinüber. Sie tanzte jetzt ununterbrochen. Meist mit dem Tischler, Auch mit anderen. Da dachte der Unterförster: ich riskier's auch.„Ich hatte lange nicht die Ehre. Pani," sprach er.„Wie wär's?" Und laut zu den Musikanten:„Krakowiak-- ich zahle jedem ein Bier!" Hei, setzten die Geigen feurig ein! Aber Andrea Falk blieb sitzen.„Sucht Euch, ich bitte, eine andere Tänzerin, Pan... ich bin müde." Das hatte Julian Libelt nicht erwartet. Blutrot wurde er. Bis unter die Stirnhaare stieg das Blut, das zornige, Doch er bezwang sich, erwiderte nur:„Ganz wie Ihr wollt," und ging weiter. Ein bitterböser Blick traf Markus Kabat, Nur eir trug die Schuld, daß die schöne Andrea so wenig ge-' fügig war. Was wollte er überhaupt im Dorf, dieser Fremde? Das schönste Mädchen einfach einem wegzustehlen! Er kam sich wirklich bestohlen vor, dieser Förster! Die schönsten Pläne fielen ins Wasser. Liebe glaubt gern: er hätte die Dirne bald wieder um den Finger gewickelt. Und wieder hätte sie ihn geküßt:„Julek," an seinem Halse ge- hangen... Er forderte eins der anderen Mädchen auf. Als er bald darauf genug hatte, sah er Andrea Falk mit Markus Kabat tanzen. Die„müde" Andrea. Einen Fluch murmelte er durch die Zähne. Verärgert verließ er den Krug. Es war wohl auch Zeit. Der Tischler, den Blick und Lächeln seiner Partnerin erst heiß gemacht hatten, war kaum zur Einsicht gekommen, was das illes bezwecken sollte, als er auch still wurde. Die Hauptsache blieb doch der Grüne. Er selbst war nur dazu da, gegen den anderen ausgespielt zu werden. Das kränkte ihn. Er mochte nicht mehr tanzen. Schweigend schritten die beiden durch die Wiisternacht dem Häuschen zu. „Habt Ihr Licht?— Gute Nacht!" Der Riegel klang. Aber als ob sie fühlte, daß ihn irgend etwas gedrückt hätte und daß sie daran nicht unschuldig sei, scholl sie den Riegel noch einmal zurück, öffnete die Tür Hand- breit und sagte:„Ich danke Euch noch. Besser tanzt keiner!"— Es blieb nickst aus, daß nach diesem Sonntag die Züng- lein im Dorfe noch geschwinder liefen. Niemand zweifelte, daß Markus Kabat und die schöne Andrea zusammengehörten. Und noch immer wußte niemand recht, wie es mit dem Tischler stand, wo er herkam. Auf dem Esclswäglein war er ins Dorf gefahren— was davor lag, war dunkler als die dunkle Nacht, „Jede," sprach die Biskupska, die großes Ansehen genoß, „sucht sich den Haken selbst, an den sie sich hängen will, Andrea Falk hat ihren auf der Landstraße gefunden." „Vielleicht verliert sie ihn wieder da." setzte die Mutten von Bogdan Konarski hinzu. Dabei blieb es. Natürlich flogen dem Mädchen selbst derbe und zarte An- spielungen die Menge nach. Sie aber nickte ruhig dazu von ihrem Wagen herab, und das Ganze schien sie ebensowenig zu erregen wie den schönen Anton. Denn es hatte sich ein wunder- voller Eiioall ihrer bemächtigt. Sie hatte gesehen, wie es den Grünen gewurmt hatte..- Damals beim Tanz im Kruge. Wie er wütend fortgegangen war! Und sie bemerkte jetzt, daß er scheu um sie hermnschlich, ohne sich recht hevanzutrauen. Da war ihr der Gedanke gekommen: wenn sie ihn iinmefi Silder eifersüchtig machte! Wenn d'er NeiL auf den Tischler an seinem Herzen fraß! Vielleicht kränkte es ihn jetzt schon, daß er sie um der häßlichen Schulzentochter willen verlassen! Und wo das ganze Dorf sie nun mit Markus Kabat zusammenbrachte, stieg sein Zorn, seine Liebe, seine Eifersucht vielleicht so, daß er den Laslowicern das Geld vor die Füße warf und reuig wieder zu ihr zurückkehrte. Ob sie ihn noch wollte? Ja, ja, ja— die Augen wurden von innen leuchtend, sie schloß die Augen. So konnte sie doch noch Pani Libelt werden. Und sie«ahm J'ulek an beiden Ohren,,, eine Flut von � Küssen... Solcherlei lief ihr durch den Sinn, während sie kutschierte. Nur stark mußte sie sein und schlau. Deshalb hatte sie nicht dawider, wenn ihr die Burschen Anspielungen nachriefen. Mit einem stand der Förster einst auf der Landstraße. Der Bursche grüßte: ,,Wie geht's dem Bräutigam, Pani?" Da lachte sie:„Gut geht es!" Julian Libelt sollte an den drei Wörtchen schlucken.— Am besten stand sich dabei natürlich Markus Kabat. Be- sonders wenn jemand in der Nähe war und es mit ansehen konnte, zeichnete die schöne Andrea ihn aus, daß sein Herz immer stärker zu schlagen begann. Sie konnte schmeicheln und lächeln zum Verrücktwerden Sie konnte einem um den Bart gehen— psia krew, der heilige Antonius selbst wäre nicht davongelaufen! Dann mußte sich der Tischler oft zusammennehmen, daß er sich nicht zu sehr verriet, er war immer auf dem Sprunge, sie an sich zu reißen. Sein Herz hämmerte, fein Blut war wild — eine Freude überkam ihn. daß es ihm vor der: Augen schwamm, als sei er trunken. Aber wenn er dann wieder merkte: es ist ja alles nur des Grünrocks wegen— dann verbiß er sich tagelang den Kummer, Mißtrauen, Wut. Und nur zu dieser Zeit ließ er die Flasche des öfteren in der Schänke füllen. Da hütete sich auch jeder, ihm zu nahe zu treten. Mit der Arbeit ging es immer noch so leidlich. Es zeigte sich mehr und mehr, daß sich der Pm? Falk selig kein Esels- fuhrwerk hätte anzuschaffen brauchen, wenn er sein Handwerk besser gemeistert hätte. Ter Neue lieferte jedes Stück sauberer, hübscher und war auch nicht teurer. Da machte das Dominium größere Bestellungen. Und wenn es eine Woche einmal stille Zeit war, wanderte der Tischler m die umliegende« Ortschaften. Jeder hatte ihn mal nötig, und selten kam er un- verrichteter Sache heim. So gingen die Tage hin. Sie wuchsen nun schon und wurden länger, und gleichsam mit ihnen wuchs in der schönen Andrea die Freude. Die Lippen waren nicht mehr gepreßt, die Augen lächelten oft. Ihr war, als hätte sie etwas Schönes vor sich, als müßte ihr das Frühjahr den bringe«, den sie lieb hatte. Grün war das Frühjahr, grün die Hoffnung. � An eine« Grünen dachte sie. Wenn es erst da wäre, das Frühjahr. Ordentlich Sehnsucht hatte sie. Es war ein dumpfes Drängen, aber es trug Hoffnung und Seligkeit in sich. „Verguckt jEuch nicht. Pani Andrea!" sagte Markus Kabat gepreßt. Er hatte sie lange beobachtet. Sie stand am Fenster und sah hinaus« Julian Libelt ging draußen vorbei, wie so oft jetzt. Sie wandte sich rasch und wurde rot. Der Tischler jeooch warf Hammer und Hobel hin, daß es krachte. Seine Wut schien keine Grenzen zu kennen. Da mußte die schöne Andrea lachen. Ter war also wirk- lich verliebt in sie und auf den Förster eisersüchtig! Das Herz wurde ihr warm.„Ihr seid ein Bär, Pan," sprach sie und faßte ihn beim Ohrläppchen. Ordentlich zärtlich. Er atmete schwer, aber er machte keine Bewegung, damit sie nicht losließ. „Bessert Euch!" Das halbe Ohr drehte sie ihm herum. Doch als er sie nun wirklich fassen wollte, lief sie lachend davon. iE* war unerträglich. Ter Riese ächzte tief und stützte den jKopf in beide Hände. Wie es an ihm zog und zerrte! Tev Teufel soll sich mit den Weiben, einlassen! Und das schlimmste war: man konnte nichts für sich tun« Nur abwarten und zu- sehen. Das hielt er nicht aus. „Im Frühjahr gehe ich: dann ist die Qual zu Ende!" sagte er sich, wenn er Trübsal blies.„Dann hat der Förster freie Bahn, Andrea auch. Mich aber hat die Straße wieder." (Schluß folgt.) (Aachdruil verboten.) TuITiö Krankheit Von E. Preczang. Als Gustav war er in das Standesamtsregister eingetragen. Die Zärtlichkeit der Eltern hatte ein„Gusti" draus gemacht. Dann aber kam Tante Grete, die zu kleinen Kindern stets im Stile und in der Orthographie eines Zweijährigen sprach, und taufte ihn: Tusti, „Will Tussi ein Tückchen Tucker?" „Tamm, Tussi deht mit Tante Trete adda in den Darten." Und so weiter. Tante„Trete" behauptete allen Ernstes, daß„kleine Tinder" eben nur diese Sprache verstünden; sie sei„ihrem Verständnis an- gepaßt" und dabei lernten die Kinder„furchtbar leicht" sprechen. Leider blieb Tussi, trotzdem er— nach der Behauptung seiner Eltern— ein besonders intelligentes Kind war, den Beweis für diese Behauptung schuldig. Trotz seiner zwölf Monate und acht Tage, die auf seinem kleinen Rücken ruhten, weigerte er den pädagogischen Be- mühungen seiner Tante jeglichen Erfolg. Man hätte zu Tussi ebenso gut chinesisch oder assyrisch reden können— ihm war's gleich All seine Wünsche und Klagen hatten nur eine Ausdrucksform: schreien. Tussi also schrie wieder einmal. Zuerst war's nur ein Aechzen und Maulen. „Ruhig, Kind, Mama will lesen." Mama drehte sich auf dem Diwan und schlug ein Blatt in ihrer Lektüre um. Tussis Stimme ging in eine höhere Tonlage über. „Schrecklichl" Mama ächzte, las aber weiter. Ein Weilchn nur. Dann kam's wie schmetternder Trompeten» stoß aus dem Wagen. Die Gnädige fuhr hoch:„Entsetzlich! Tussi, Du mordest meine Nervenl" Sie hielt sich die Ohren zu und rief:„Minna! Minna!" Keine Antwort. „Ach jol" Mama sank resigniert nieder.„Ich Hab' ja das Mädchen fortgeschickt. So eine Dummheit von mir. Jetzt sitzt man da mit dem Schreihals.— Tussi I l willst Tu wohl ruhig sein! Tussi III" Tussi schrie. Mama entschloß sich endlich, aufzustehen und zu versuchen, Tussi mit Güte beizukommen. Sie-schlug also die Gardine des Wagens zurück, trocknete dem Kleinen die Tränen un! tröstete:„Schlaf nur ruhig, mein Liebling. Bald kommt Minna zurück und spielt mit Tussi." Tussi machte wirklich eine Pause. Vielleicht, um nachzudenken, was das fiir eine Stimme sei. „Ja, ich bin's! Deine Mama ist's! Heute paßt Mama auf das Kind aufl" Tussi machte große Augen.«Nun sei ganz artig, Lieb- lingl Mama muß lesen I"— Mama lag schon halb wieder auf dem Diwan und suchte in dem Buch die Stelle, wo sie vorhin abgebrochen, als Tussi offenbar zu dem Resultat gekommen, daß es Minna jedenfalls nicht sei, die lesen wollte. Ein neuer Trompetenstoß leitete die Fortsetzung des Konzerts ein. Mama schlug die Augen wie eine Märtyrerin zum Himmel auf und erhob sich'leidenvoll.„Aber, Kind, Du bringst mich zur Ver- zweiflung! Was soll ich denn nur mit Dir anfangen?" Tussi schrie. Seine Mutter ging, die Hände an die Ohren gepreßt, im Zimmer auf und ab und überlegte.„Aha!" Ein Lichtstrahl.„Er wird Hunger haben!" Sie öffnete also die Tür und rief zur Küche hin» über:„Marie! Machen Sie doch eine Flasche für das Kind. Minna ist für einen Äugenblick fort." Tussi trompetete. 'Die Köchin kam mit der Flasche und sah teilnehmend zu, wie die Gnädige sich abmühte, dem schreienden Kind den Saugpfropfen in den Mund zu schieben., Ein Gurgeln wie von einem Ertrinkenden. Dann sog Tussi. „Sehn Sic," sagte Mama.„Das dacht' ich mir. Gxsunde Kinder schreien nur, wenn sie Hunger haben. Das können Sie sich gleich merken, Marie, wenn Sie mal...' Na, werden Sie nur nicht rot; man kann's doch nicht wissen. Leicht ist es nicht, Muftcr zu sein. Man muß viel lernen. Schreien ist die Sprache der ganz Kleinen; nur das Mutterhcrz deutet sie richtig, denn--- aber, Tussi, Tussi II Meine neue Matinee I" Tussi hatte in einem Wutanfall Saugpfropfen und Flasche von einandergcrissen. Ein weißer Strahl schoß hoch auf und ergoß sich über Tussis Gesicht und Mamas Hände und Morgenrock. „Hi— ihl hi— ihl Hi— ihl" Wie Lokomotivenpfiffe. „Schrecklich!" Mama trocknete Tussi. «Was er für Kraft hat!" Die Köchin wischte an der Gnädigen herum. „Warum trinkt denn das Balg nun nicht?" Mama weinte fast. .„Vielleicht Hab ich'S mit der Süßigkeit nicht getroffen?" Marie klagte sich selber an. t „Wahrscheinlich! Daß Sie aber auch gar nichts von Kindern verstehen, Marie! Warum sparen Sie denn mit dem Zucker? Schnell eine neue Flasche!" Während Marie ging, den Auftrag auszuführen, probierte Tussi die ganze Kraft und Ausdehnungsfähigkeit seiner einjährigen Lunge. Das rief den Vater aus seinem Zimmer am anderen Ende des Korridors herbei. Er kam mit verstörter Miene:„Aber, um Gottes Willen, was ist denn mit dem Kinde?" Ein Achselzucken seiner Gattin. „Wo ist Minna?" „Fortgeschickt." „Und Marie?" Wieder der leidenvolle Zug; ein resignierter Wink mit der Hand: „Marie! Bringt mir natürlich bollständig ungesüßte Milch für das Kind!" Mit bitterem Hohn:„Von K i n d e r Nahrung braucht eine Köchin ja nichts zu wissen." „Die hier ist aber gewiß süß genug!" Marie brachte die zweite Flasche. Mama bot sie Tussi an. Tussi leckte nur, stieß die Flasche mit beiden Händen heftig zurück und schleuderte seine Töne mit erneuter Vehemenz hinaus. „Hier ist meine Kunst zu Ende," sagte Mama. „Vielleicht will er Kakes?" riet der Vater.„Oder sonst was festes. Immer diese elende Milchbrühcl Das k a n n ja kein Mensch vertragen." „Du redest, wie Du's verstehst. Wer bringen Sie Kakes, Marie." Marie brachte Kakes. Mama brach ein Stückchen ab:«Tussi, mein Herzblatt. Hier, iß Kakes." Tussi kniff bei jeder Annäherung die Lippen zusammen und focht mit den Händen. „Na, da siehst Du's doch!" Ein triumphierend-gcringschätziger Blick zum Gatten. „Warte nur." Papa schob gewaltsam ein Stück Gebäck, nicht zu klein, in Tussis Mund. Ter spuckte und schrie. „Wirst Du essen, nichtswürdiger Bengell" Tussi wehrte sich. Der Vater ließ ab.„Es ist der barste Eigensinn von dem Jungen. Na/ von mir hat er diesen bodenlosen Trotz nicht I" „Vielleicht von mir, was? Jetzt beleidige mich auch noch! Das ist der Tank für meine Mutterschmerzen, nicht?" Mama weinte halb. Papa fuhr sich verzweifelt mit der Hand ins Haar:„Bloß keine Tränen, hörst Du!— Und Dir, Junge, werde ich den Trotz schon brechen. Jetzt ißt Tu!" Seine Frau riß ihm die Hand zurück:„Willst Tu mir das Kind ruinieren? Ich sage schon, wenn ein Mann dazwischenkommt l Und Sic, Marie, stehen auch so da und wissen nicht ein noch aus>" Marie sah ratlos auf und war zufrieden, daß eben die Haus- glocke anschlug und sie hinausgehen niußte, um zu öffnen. Tante Grete kam. „Ach Du, Grete! Welch' ein Glück! Wir sind ja in hellster Verzweiflung mit dem Jungen! Er brüllt seit einer Stunde um und um!" „Aber Tussi!" Tante-Grete beugte sich über den Wagen, während sie ihr Jackett auszog.„Was fehlt denn dem'leinen Tind?" Tussi machte eine Pause. „Ja, Tante Trete ist da. Soll Tante Drete mit deur lieben Tussi'pielen? O, wir'pielen ßön zusammen. Badde, badde Tuchen, der Bäcker hat berufen—" Tussi entriß seine Händchen der Umklammerung der Tante, ballte sie krampfhaft zu Fäusten und stieß sie der Tante auf die Nase, ein wütendes Gebrüll hinausschleudernd. „£), Tussi ist unartig. Tussi hat Tante Drete auf die Nase dchaun. Tante Drete hat Dich dar nicht mehr lieb." Tussi war nicht gerührt davon. Er schrie. Tante Grete rieb sich die Nase und betrachtete ihn aufmerksam: „Wißt Ihr was? Das Kind ist krank." „Natürlich," sagte Mama,„'n gesundes Kind benimmt sich doch nicht so.". „Krank? Ter? Papa zuckte die Achseln und wollte sich zur Tür hinausdrücken. „So! Du gehst fort, wie? Und mir stirbt das Kind unter den Händen I" „Stirbt? Lächerlich!" „Schwager!" Tante Grete erhob warnend die Stimme. „Nimm die Sache nicht leicht. Sieh Dir nur das verzerte Gesicht an! Die schmerzlich aufgerissenen Augen! Blitzeblau angelaufen ist der ganze Junge!" „Er stirbt!" Mama schkuchzte. Marie wischte sich die Augen mit der Schürze. .Hast Du denn wenigstens schon zum Arzt telephonicrt?" Tante Grete fragte streng den Schwager. „Ja,»nein Mann und telephonieren!" „Gut! Ich werde telephonieren! Aber wenn der Arzt nichts findet— ich Vin unschuldig!" Er ging. „Das hätte schon längst geschehen müssen!" sagte Mama.„Sei ruhig, Tussi, mein armes Kind. Dein Vater läßt Dich in aller Ge- mütsruhe sterben." Sie bewegte schluchzend den Wagen. Papa kam wieder:„Doktor Roll wird sofort hier sein." „Ihr seid doch befreundet. Habt Ihr nie über derartige Dinge miteinander gesprochen?" „Gesprochen? lieber Kinderkrankheiten? Offen gestanden— nein." Es klang ein wenig schuldbewußt. „Natürlich nicht, lieber alles Mögliche wird geredet— Politik, Kunst, was weiß ich!—, aber das Wichtigste, Nächstliegende, damit man im ersten Augenblick nicht von allem Rat verlassen ist— wag kümmert das die Herren! Es ist ja'ne Mutter dal Freilich— 'ne Mutter!" Ein Augenaufschlag.„Die kann ja auch noch Medizin studieren!" Tussi machte jetzt Kunstpausen. Ihm war, wie man so sagt, die Puste ausgegangen. Schrie und atmete in unregelmäßigen Stößen. „Aber Tussi! Tante Drete wird danz böse.— Liebling! Süßling! Sei doch stille." Tussi ließ sich nicht zureden. „Das Kind hat hochgradiges Fieber!" erklärte Tante Gret» „Es erkennt mich schon nicht mehr. Habt Ihr Eis im Hause?" Mama warf Papa einen zerschmetternden Blick zu:„Möchtest Du nicht wenigstens Eis holen lassen?" „Aber man weiß doch gar nicht—° „D u weißt nicht! Sieh ihn Dir an! Der Junge glüht am ganzen Leibe. Er muß eine Eisblase auf den Kopf kriegen, sonst ist die Gehirnhaut-Entzündung fertig. Das letzte Mittel!" „Marie, einen Zentner Eis!" „Jawohl, gnädiger Herr!" Marie stürzte hinaus. Als sie die Tür öffnete, hatte Doktor Roll gerade die Hand am Klingelzug. Marie ließ ihn ein und lief dann die Treppe hinunter, immer zwei Stufen aus einmal nehmend. Der Arzt war in wenigen Sekunden über die bisher auf- getretenen Symptome unterrichtet: Appetitlosigkeit, krampfartige Be- wegungen, Fieber und so weiter. „Magenverstimmung vermutlich." Der Arzt untersuchte.„Mit dem Fieber ist's nicht so schlimm. Die Blutwärme ist allerdings wesentlich gesteigert, trotzdem—" er drückte Tussi auf die Magen- gegend. Tussi gab schrille Lokomotivenpfiffe von sich. „Aha, Magenkrampf. Irgend ein Fehler in der Ernährung." „Die ungesüßte Milch von der dummen Köchini" sagte Mama. „Nur dünne Breie vorläufig, gnädige Frau, und Milch— weiter nichts. Warme Leibumschläge bis zur Beruhigung." Doktor Roll saß schon am Tisch und schrieb ein Rezept:„Dies bitte sofort be- sorgen zu lassen. Stündlich einen Teelöffel." „Marie! Ach so I" Die Gnädige hielt das Rezept in der Hand und blickte den Gatten nicht sehr freundlich an.„Du mußt natürlich das Mädchen gerade jetzt fortschicken—" „Aber Du sagtest doch— 1" „Ich sagte! Natürlich— ich! Ach, Doktor, alles stürmt aus in i ch ein I Ich bin doch die Mutter I Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht! Fühlen Sie nur, wie mein Puls wogt!" Doktor Roll nahm ihre Hand und betrachtete die Uhr:„Ein wenig Ruhe, gnädige Frau. Allerdings, die Mutter— man kennt das ja. Aber Sie dürfen sich nicht völlig opfern. Denken Sie auch an sich!" Er ließ die Hand los.„Also das Rezept bitte sofort zur Apotheke. Die Sache ist nicht gerade bedenklich, immerhin— bei kleinen Kindern— man kann nicht wissen; es treten da leicht Kam- plikationen ein." „Ich gehe selbst!" erklärte heroisch der Papa. Er war noch nicht an der Tür, als Minna, das Kindermädchen, eintrat. „Aber, Minna, Minna, wo bleiben Siel Tussi ist sterbens- krank." Die Gnädige stürzte auf sie los:„Tragen Sie sofort das Rezept zur Apotheke. Furchtbar eilig I" „Krank?" Minna erschrak und trat an den Wagen.„AlS.tch wegging, war er doch noch ganz munter." Rein mechanisch, gewöhn- hcitsmäßig versenkte Minnas Hand sich in die. tiefer gelegenen Gründe des Kinderbettes. „Ich will ihm man bloß erst trocken legen," erklärte sie, nahm Tussi auf und zog die Unterlage hervor.„Pitschenaß."_ Tussi weinte schon nicht mehr, gluckste nur noch einige Male. Dann zog ein zufriedenes Lächeln über sein verweintes, gerötetes Antlitz. Und als er auf den trockenen Windeln saß, krähte er vor Per- gnügcn. „Komisch," sagte Papa. „Ist der'leine Tussi wieder desund?" Ja, Tussi war wieder gesund.— Liemes fciriUcton. IB. Zum Schwaneukrug. Vom Bahnhof in Spandau führt uns die elektrische Straßenbahn rasch durch den ganzen Ort an den Wald- rand zum Stadtpark. Ein schöner Eichenhain bildet das Portal des Forstes, den eine Waldchaussce stundenweit durchzieht. Wir lassen sie rechts liegen und suchen ein Gestell auf, das in nordwestlicher Richtung ungefähr parallel mit der Chaussee bleibt. So steuern wir, Karte und Kompaß zur Hand, auf den Schwaneukrug, sieben Kilo- mctcr von Spandau, zu. Die Waldbilder wechseln fortwährend. Erlen und Birken drängen sich überall zwischen die Kiefern und bilden schließlich eigene Bestände in wirrem Durcheinander auf eininn nassen, von vermorschten, bcmosten Baumstümpfen und Unterholz be, deckten Boden. Alle Gestelle und Waldwege sind von Gräben ein« gefaht, in denen sich da-Z Wasser wieder gesammelt fjat. Vor unseren Schritten plumpsen die ersten Fröschlein in das glücklich wicderge- »vonnene Glsment. Das ist der Bruchwald. Bald unterbrechen ihn ssumpfige Flächen, mit einzelnen Sträuchern darauf. Aber der Wald jschliesst sich immer wieder. Wir orientieren uns und schlagen uns mit Hülfe eines Oucrgestells wieder nach rechts auf die Chaussee heraus. Bald hebt sich der Weg zu einer Steinbrücke, die den breiten Schlaggraben überwölbt, der vom Havelländischen Luch zur Havel Zieht. Ringsum mit Baumgruppen besetzte Wiesen, in der Ferne von Wald eingeschlossen. Einen Kilometer weiter schimmern die »veifzen Häuschen des Schwanenkruges durch die Bäume. Eine fried- lich entlegene Landschaft, die nicht das leiseste Anklingen an das mähe Berlin aufkommen läßt. Im Walde stäuben ungezählte Taufende der hängenden Haselblüten und in der milden Sonne flat- itern verfrühte Zitronenfalter. Fast fühlt man, wie die Knospen in den engen Hüllen sich strecken und dehnen. Die Chaussee führt meilenweit weiter über Pausin nach Paaren Und dann am Fehrbelliner Luch vorüber nach Fchrbellin. Wir selbst wandern auf anderen Wegen nach Spandau zurück. Wenn uns dies Zu wenig ist, wenden wir uns vom Schwanenkrug westlich zum ein- ffamen Forsthaus Dammsbrück und von hier auf lchönen Waldwegen nach Finkenkrug, wo, wenn wir Glück haben, ein Vorortzug uns gerade erwartet.— — Beethovens Arbeitsweise. Neber die Art, wie Beethoven bei der Komposition seiner Sinfonien zu Werke ging, bringen die ..Grcnzboten" in einem Artikel über seine„Eroica" interessante Mitteilungen, denen wir folgendes entnehmen: Beethovens Arbeits- weise war ganz anders, als etwa die Mozarts, der seine Werke im Kopfe vollständig ausarbeitete und dann in einem Zuge niederschrieb. Fast wie eine Biene sammelte Beethoven seine Einfälle und notierte sie immer sofort einzeln. Er trug jederzeit einen oder zwei gefaltete Wogen Notenpapier in der Tasche mit sich, in die er die ihm ein- fallenden musikalischen Gedanken in abgekürzter Form, in einer Llrt Stenographie, die für andere unleserlich war, eintrug. Wenn ihm Notenpapier einmal fehlte, so wurden wohl auch die Speisenzettel der Wirtschaften, oder was sonst gerade bei der Hand war, der Ehre teilhaftig, mit seinen Einfällen beschrieben zu werden. Zur weiteren Ausarbeitung seiner Gedanken bediente er sich gebundener Skizzen- fcücher. In diese notierte er seine Entwürfe meist nur auf ein System, also in einstimmiger Notation: nur zuweilen finden sich besondere Vermerke über Harmonie, und bei Orchesterwerken über die Instrumentation. In dieser Weise sind nicht selten ganz grosse Teile von Kompositionen im Zusammenhang notiert. Aber solche grössere Skizzen find in der Regel erst wieder das Ergebnis einer vorausgegangenen langen und mühevollen Arbeit. Das Kompo- nieren war für Beethoven keine leichte Sache, vielmehr vom Anfang bis zum Ende ein schweres Ringen. Für junge und schnellfertige Komponisten dürfte nichts lehrreicher sein, als Beethovens Skizzen- büchcr zu studieren. Was dem Laien wohl am unbegreiflichsten ist, Beethoven mühte sich auch um die Erfindung der Themen. Melodien, von denen man glauben sollte, sie könnten nicht anders lauten, ars wie sie dastehen, sie müßten der Eingebung einer glücklichen Stunde entsprungen sein, sind nicht selten langsam erarbeitet, haben sich aus unscheinbaren Keimen stückchenweise entwickelt. Und ebenso mühte sich Beethoven um den Aufbau im grossen, tastete und suchte nicht selten lange nach einzelnen Uebcrgängen und Modulationen. Er entwarf und verwarf wieder, änderte und feilte an einem Werk oft monatelang, ja jahrelang. Anders ausgedrückt, Beethoven arbeitete nicht nur mit der künstlerischen Inspiration, sondern ihr zur Seite trat wegleitend und bessernd sein hoher Kunstverstand.— k. Seltsame Dinge vor Gericht. Als stumme Zeugen eines Er- eignisscs, mit dem sie mehr oder weniger im Zusammenhang stehen, werden häufig seltsame Dinge vor Gericht vorgeführt. So sollte kürzlich, wie eine englische Wochenschrift erzählt, in New Dork eine Klage entschieden werden, bei der es sich darum handelte, ob Marconi als Erfinder der drahtlosen Tclegraphie das Monopol für sein System habe. Zum Beweise waren Marconi-Jnstrumente im Verhandlungs- räum und im Postamt aufgestellt worden, und eine Station für drahtlose Tclegraphie wurde in Tätigkeit gezeigt. Zwischen den Heiden Instrumenten lagen in weitem Abstände drei dicke Mauern und ebenso viel massive Türen. Fünfzig Sachverständige für Tele- graphie und Elektrizität hatten sich eingefunden, und ohne die gc- ringste Schwierigkeit gingen Depeschen hin und her. Es war dies Wohl das erste Mal, daß Instrumente für drahtlose Tclegraphie an einer Gcrichtsstelle vorgeführt wurden. Zur richtigen Lösung eines Geheimnisses wurde vor kurzem in Amerika das Skelett eines er- mordeten jungen Mädchens, Mabel Page, den Richtern vorgezeigt; man wollte daran klarmachen, wie. dem Opfer des Verbrechens die Verwundungen beigebracht waren. Auch bei der Verhandlung gegen Miss Nan Patterson, die angeklagt war, Cäsar Doung in einer Droschke ermordet zu haben, erschien ein Skelett als stummer Zeuge, und die Acrzte erklärten der Jury, wie die Pistole abgefeuert worden war, welchen Lauf die Kugel genommen hatte, was für eine Wunde sie verursacht hatte und wie die vitalen Organe verletzt worden waren. Gleichzeitig fuhr die Droschke, in der sich die Tragödie ab- gespielt hatte, vor dem Gerichtsgcbäude bor, und zwei Personen stellten den Vorgang realistisch dar. Trotzdem kam die Jury nicht zu einer einstimmigen Entscheidung, und sie beantragte eine Nebet» Weisung der Klage. Weniger tragisch waren die Zeugen in der Ver- Handlung gegen den Drogisten Simeon Minden, der das Vertrauens» selige Publikum mit Pillen beschwindelt hatte, die er unter einem be» rühmten Namen verkauft hatte. Eine Haussuchung bei Simeon hatte Ig 0vg OVO Pillen in 509 000 Schachteln zutage gefördert, und die wurden nun vor Gericht vorgelegt. Sachverständige bewiesen aber,- daß sie den echten Pillen nur in der Form glichen. Ter Verteidiger verlangte nun, der Erfinder und Verfertiger der Originalpillen sollte der Jury sein Rezept angeben; dann würde auch sein Klient sein Rezept sagen. Natürlich weigerte sich der Erfinder, sein Ge- hcimnis zu verraten, und Simeon wurde verurteilt. Oft kommt es nicht vor, daß vor Gericht Tänze aufgeführt werden; aber kürzlich fand eine solche Vorstellung vor einem New Aorker Gerichtshof statt. Miss Rosalie Sheldon klagte gegen Mr. John Raymond auf Schaden- ersatz. Er mußte bei ihrem elektrischen Tanz den Lichtapparat be- dienen, der ihr Kostüm auf der verdunkelten Bühne wie von Myriaden funkelnder Sterne übersät erscheinen ließ. Miss Sheldon behauptete, daß Raymond die Bedienung des Apparates nicht genügend sachverständig ausgeführt hätte; da er verabsäumt hatte, die Drähte zu isolieren, trat inmitten ihres Tanzes Kurz- schluss ein. Sie wurde nicht nur von dem elektrischen Strom ver- letzt, als sie den Tanz zur Probe in einem Brooklyner Theater vor- führte, sondern es wurde auch ihr Kontrakt, der ihr eine hohe Gage gesichert hätte, von der Direktion rückgängig gemacht. Um nun ihre Geschicklichkeit zu zeigen, gab Miss Sheldon den Richtern eine Vor- stcllung; trotzdem wurde sie mit ihrer Klage abgewiesen und zur Tragung der Kosten verurteilt. Durch die Gerichtsverhandlung war jedoch die Aufmerksamkeit auf ihren Tanz gelenkt worden, und sie er- hielt gleich darauf ein sehr vorteilhaftes Engagement an einer be- liebten Varietebühne, so daß der Prozeß trotzdem grosse Vorteile für sie gehabt hat,—• Humoristisches. — Sicheres Mittel. Theaterdirektor:.... Jbre Leistungen, mein Fräulein, sind ganz gut— aber man spricht nicht von Jhnenl... Lassen Sie sich doch'mal Ihren Schmuck stehlen!" — Grosse Ehre.„Wenn unser Vorstand im Bureau sein Frühstück verzehrt, darf immer einer seinem Butzi die Wursthaut geben I" .Wer muß denn das tun?" „Ja was glauben Sie denn— da wird abgewechselt!"— — Der junge Rechtsanwalt.„Wie geht es Dir in Deiner jungen Praxis?" „Ach, von einer Ohrfeig' leb' ich jetzt schon eine Woche!"— („Fliegende Blätter"). Notizeu. — Scheffels„Ekkehard" ist vor fünfzig Jahren er- schienen. Der Romau ist seither in 7 verschiedenen Ausgaben und 214 Auflagen in 312 000 Ereniplaren verbreitet und ins Französische, Holländische und Dänische übersetzt worden.— — Die norwegische Romanschriftstellerin Amalie Skr am ist dieser Tage in Kopenhagen im Alter von 58 Jahren g e- starben. Die„Neue Welt"(Jahrg. 1903) brachte ihre Erzählung „Knut Tandberg".— —„Die Rosentempler", eine neue Komödie von Rudolf Lothar ist vom Deutschen Volkstheater in Wien erworben worden.— — Am 30. März erlebt Otto BorngräberS„König f riedwahn" die Uraufführung an der Dresdener Hos- tthne.— — Erfolg hatten bei der Uraufführung„Der reiche Jüngling", ein vieraktiges Trauerspiel von Carl Roessler im Bolkstheater zu München; M. Schmidts Drama„Der ungerechte R i cht e r" auf der Hofbühne zu Braunschweig; Mascagnis neue Oper„ A m i c a" im Theater zu Monte Carlo.— — Im griechischen Theater von Syrakus soll eine Aufführung des Sophokleischen„König Oedipus" veranstaltet werden.— — Das Berliner„Nationaltheater" lvird am 1. Juli ein Tingel-Tangel.— — Die Vereinigung der Kunstfreunde, Berlin W,, zählt gegenwärtig 16 000 Mitglieder.— — Der Kiefernbaum schwamm, der die Rotfäule der Kiefer erzeugt und das wertvolle Nutzholz in minderwertiges Brenn- holz umwandelt, verursacht, Wie der„Prometheus" nach A. Möllers Erhebungen mitteilt, in den preußischen Staatsforsten jährlich min- bestens einen Einnahme-Ausfall von 1 161 000 M. Die größten Verlufte haben die Regierungsbezirke Potsdam(200000 M.) und Frankfurt a. O.(210000 M.).— — Der grosse, jetzt auf der Sonne sichtbare Fleck hat einen Durchmesser von zirka 117 000 Kilometer.— Werantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.--- Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSanstalt Paul Singer LrCo., Berlin LiV.