Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 59. Donnerstag, den 23. März. 1905 (Nachdruck Virboten.) 2t Sine PUgerfaKrt. Von I o h a n B o j e r. Autorisierte Uebersetzung von Adele N e u st ä d t e r. Ohne zu antworten, zog das Mädchen die Decke bis unters Kinn und wandte sich ab. Das Kind wachte auf und begann zu wimmern, und das Mädchen beschwichtigte eh mit vor- gebeugtem Kopfe. Aber eine starke Schamröte bedeckte ihr Gesicht. Als die fremde Frau hinausging, blieb sie an der Türe stehen und warf noch einen langen Blick nach dem Bette am Fenster. Denn sie hatte schon die Empfindung, sich von dem eigenen Kinde zu trennen. Als sie wieder im Hofe standen, sagte sie zum Professor: „Finden Sie es unrichtig, daß die Mutter nicht wissen soll, wo ihr Kind bleibt?" Der Professor antwortete:„Sie soll ja ganz frei wählen. Vorerst kann sie ja Bedenkzeit erhalten, und außerdem werde ich weder locken noch drohen. Warten wir also ab." Und sie gingen zusammen durch das alte Tor. Und die Frau sprach davon, daß sie durch Vermittelung des Professors etwas für das unglückliche Mädchen tun wolle. II. Die Müdigkeit tritt verschieden auf. Die Glücklichen ver- schlafen sie sanft, man kann jedoch so müde sein, daß man sie selbst im Schlafe als bösen Traum empfindet und darüber er- wacht. So erging es Nr. 47, dem jungen Mädchen am Fenster. Sie war wieder auf einen Augenblick eingeschlafen, aber als sie erwachte, fühlte sie sich müder, als je zuvor. In solch einem großen Saale mit vielen Säuglingen gab es nicht leicht Ruhe. Schrie ihr eigenes Kind nicht, so schrie ein anderes, oft brüllten mehrere gleichzeitig. Und je über- Wächter sie wurde, um so weniger Lärm vertrug sie, und mit jedem Erwachen wurde sie gereizter. Tat es das eigene Kind, so war sie verzweifelt, geschah es durch die anderen, so konnte sie plötzlich so rasend werden, daß sie die Zähne zusammen- beißen mußte. Seit den vielen Tagen, die sie hier lag, hatte sie kaum eine halbe Stunde in einem Zuge geschlafen. Und nun empfand sie solch einen schweren Druck im Hinterkopfe, die Augen vertrugen kein Licht, und die harte, unebene Matratze wirkte wie eine Folterbank, weil der Rücken unausgesetzt schmerzte. Schließlich geriet sie durch die geringste unerwartete Gemütsbewegung ins Weinen, obgleich sie sich nach Kräften wehrte. Jetzt stützte sie sich auf die Ellbogen, blickte hinter die Vorhänge und sah, daß die Sonne nicht mehr so stark die Hausdächer beleuchtete. Deshalb rollte sie die Gardinen hoch und starrte stumpf nach dem goldschimmernden Abcndhimmel, der die fernen Waldrücken hinter der Stadt rötete. Man sah besser hinaus, als auf die Umgebung. Trotzdem wünschte sie sich jetzt ein anderes Fenster zum Hinausblicken. Es würde vielleicht ihren Augen wohltun, denn sie erblickte immer die- selben Mauern und Röhren und häßlichen Hinterhöfe, dieselben vorgebauten Dächer, wovon einige einer lauernden Katze glichen. Gestern war auf dem Dache des Justizgebäudes ein Schneefleck gewesen, heute war er geschwunden. Weit unten in der Stadt errichtete man einen Kirchturm und oft schwindelte ihr bei dem Gedanken, daß ein Arbeiter herunterfallen könnte. Schließlich blickte man noch auf diesen großen prahlerischen Firmanamcn in Goldbuchstaben, der auf einem Eisenstativ hoch über einem Hause unten in der Stadt thronte.„L. V. Hansen, Xylograph." Dieser Name stand gestern dort, er stand heute dort, er quälte sie, und doch endete es stets damit, daß sie ihn rückwärts buchstabierte. Vielleicht passierte mancherlei in den anderen Betten,.aber sie kümmerte sich nicht darum. Sie wußte, wie alles aussah. Alle Augen waren zur Türe gerichtet, weil man das Abendessen erwartete, in der stillen Hoffnung, dasi es heute etwas besser als gestern sei. Plötzlich faßte sie jemand am Arm, und als sie sich um- drehte, stand eine Hebammenelevin neben dem Bette und steckte ihr einen kleinen Beutel in die Hand. Nr. 47 blickte gespannt auf das Mädchen und diese beugte sich herab und flüsterte: „Zehn Kronen? Mehr wollten sie nicht geben!" Nr. 47 blickte auf den Beutel, als könne sie es nicht glauben, und dann flüsterte sie: „Aber es war doch eine goldene Uhr?'" „Sie sagten, sie sei so alt." Nr. 47 legte den Beutel ans Fenster und seufzte:„Danke bestens!" Als sie wieder allein war, lag sie zuerst still und stierte vor sich hin: dann legte sie die Hand unter's Kopfkissen, zog ein zusammengefaltetes Taschentuch hervor und begann dessen Inhalt nachzuzählen. Nein, nur acht Kronen waren darin. Zusammen mit diesen zehn also achtzehn. Aber die Rechnung der Anstalt betrug mindestens fünfundzwanzig Kronen. Und die Möglichkeit, die sie jetzt Tag und Nacht quälte, näherte sich wieder drohend, diese Möglichkeit, daß man ihr Namens- und Heimatsangabe zur Bezahlnngsausgleichung abzwingen könne. Sie ließ das Silbergeld in den Beutel zurückfallen, legte ihn unter das Kopfkissen, legte die bleichen Hände auf die Decke und starrte empor.„Nun!" dachte sie endlich,„Dein Winter- mantel ist ja ganz schön, vielleicht bekommst Du dafür auch einen Zehner, und jetzt geht's ja auf's Frühjahr. Nur erst hier herauskommen, dann mag's werden wie's will." Dieser Gedanke wirkte beruhigend, und die Augenlider schlössen sich wieder. Das Denken war so anstrengend, und alle Gedanken waren so schwermiitig und zehrend, nein, sie ver- mochte nicht länger zu denken. Aber jetzt wurde die Türe geöffnet, und zwei Elevinnen erschienen mit dem Abendbrot. Dieselbe Wassergrütze und bläuliche Milch wie gestern Abend. Die vielen erwarwngs- vollen Gesichter wandten sich unwillkürlich ab. Die Teller und Milchtassen wurden verteilt. Einzelne Mütter waren noch so schwach, daß ihnen löffelweise verabreicht werden mußte, andere saßen im Bette und empfingen ihre Portion mit dem gewohnt guten Appetit der Wöchnerin. Nr. 47 blickte von einem Bette zum anderen. Vor einem Jahre, wer hätte da gedacht, daß sie jetzt hier in niedrigster Verpflegung liegen sollte! Die scheidende Sonne sandte einen letzten rötlichen Schein schräg durch's Fenster und bildete eine buntscheckige Lichtflut auf der Tapete einer Wand, während der große Saal sonst ganz in Schatten getaucht war, und die Gestalten in den Betten nur geahnt werden konnten. In einer Ecke im Hintergrunde saß ein achtzehnjähriges Mädchen und verlangte mehr Essen.„O Gott!" sagte sie lussig,„will mir niemand seine Portion verkaufen, ich zahle eine Krone." Sie trug das grobe gelbliche Anstaltshemd, und über ihre Schultern floß das schönste rotblonde Haar, das von den Sonnenstrahlen gestreift wurde, so oft sie sich beim Hin- strecken des Tellers vorbeugte. Ein Tablett war vor einem Bette stehen geblieben, weil die Patientin nicht essen wollte und immerfort schluchzte. Es war eine Straßendirne, deren Kind gestern an einer an- geborenen Krankheit gestorben war, und zu aller Verwunderung war die Mutler untröstlich. ..Iß jetzt die Grütze," sagte die Elevin,„alles wird schon wieder gut werden." Aber das Mädchen zog die Bettdecke noch höher über den Kopf und schluchzte stärker. „Geben Sie mir doch Ihren Teller!" rief das Mädchen in der Ecke,„man sollte sich wenigstens hier doch satt essen dürfen." Teller und Löffel rasselten längs der beiden Bettreihen, uick> die gewohnte Unzufriedenheit verlautete über das Essen. Ein Bauernmädchen, das gestern geboren hatte, das sich jedoch schon ganz wohl fühlte, hielt der Elevin die Milchtasse hin, während sie mit dem Löffel darin wühlte. „Nennen Sie das hier Milch?" sagte sie.„Auf dem Lande nennen wir's Spülwasser!" Und sie goß einen Löffel auf den Boden und stellte die Tasse fort. „Was erlauben Sie sich?" sagte die Elevin und stemmte die Hände in die Seiten.„Soll ich mich vielleicht beim Herrn Professor beklagen?" «Ja," sagte das Bauernmädchen,„gehen Sie nur zum Professor, ich möchte ihn gern fragen, ob die Kühe in dieser Gegend Wasser geben." Eine mundgewandte Arbeiterfrau mischte sich jetzt auch ein:„D," sagte sie,„wir können hier in dieser Abteilung nichts Besseres erwarten, denn wir sind nur Staub und Dreck, und es kommt nicht darauf an, ob unsere Kinder krepieren. Aber die seinen Damen in der ersten Klasse liegen ja wohl auf Seide und Daunen und die Sahne bon unserer Milch wird zu deren Essen verwandt. Aus dieser Welt gibt's eben Unter- schiede, unter den Menschen." Aus allen Betten ertönten Beifallsäußerungen, und das Mädchen in der Ecke, das keine weitere Grütze bekommen hatte, begann jetzt:„O ja! Mit dem Essen geht's wie mit dem Pro- sessor. Uns behandelt er hundemäßig, vor de» feinen Damen liegt er auf den Knieen, küßt die Hände und gibt äußerlich und innerlich stärkende Medizin. Ha, ha, tvahrhastig!" Die Buchbinderin init dem gelblichen Gesicht trumpfte jetzt auch los:„Und wahrscheinlich bekommen die seinen Damen ihre Kinder leichter als wir, da sei Gott vor." Dieser Ausspruch gefiel und mehrere kreischten los. t wischen diesem harten Lachen ertönte das gedämpfte chluchzen der Straßendirne, die den Kopf immer noch unter die Bettdecke gezogen hatte. Eine verheiratete Frau, eine kräftige zwanzigjährige Arbeitersfrau, schien die einzig Zufriedene zu sein. Auf ihrem Nachttische lagen verschiedene Leckerbissen, die ihr Mann täglich mitbrachte: Aepfel, Apfelsinen Schokoladetafeln, Weißbrot. So oft sie davon aß, fühlte sie viele Augen auf sich ruhen, so daß ihr der Bissen förmlich im Halse stecken blieb; aber mit den vielen konnte sie unmöglich teilen. Nr. 47 am Fenster hatte die Hälfte der Grütze hinunter- gezwungen, den Rest schickte sie dem Mädchen in der Ecke. Als die Teller und Tassen gesamnielt worden, krempelten die Elevinnen die Aermel auf und begannen sämtliche Kinder zur Nacht zurecht zu machen. Eine dritte brachte einen Korb init frisch gewaschener Kinderwäsche, die sie vor den Ofen hängte, weil sie noch nicht trocken war. Die meisten Kinder wurden künstlich ernährt, und jetzt wurde für sie ein Topf dampfender, gekochter Milch herein- getragen, der in der Mitte des Saales auf den Boden gestellt wurde. Eine Elevin näherte sich Nr. 47 und frug:„Soll Ihr Kind heute abend Milch haben?" „Ja," sagte Nr. 47 mit einer müden Belvegung,„ich glaube, ich kann ihm heute nichts mehr geben." Die Elevin nahm das Kind, und bald saßen die drei Pflegerinnen um den Topf herum und gaben den Kindern die Milch mit einem Löffel, wobei die Kleinen schrieen, und die Milch oft in die falsche Kehle geriet. Bald daraus lag Nr. 47 wieder, das Kind gegen die Schulter gelehnt, und blickte stumpf nach dem gelben Abend- Himmel. Die Sonne war geschwunden, die Finsternis quoll aus der Stadt herauf und schwärzte die Hausdächer. III. „Schlafe, schlafe? Es nützt doch nichts, länger daran zu denke»?. Schlafe, schlafe!" Nr. 47 preßte die Augen zusamlnen, warf sich jedoch un- mifhörlich hin und her. Mitternacht lvar vorüber. In einem Bette wirft sich jemand heann, eine Frau schnarcht fürchterlich, eii? Kind wacht aus und wimmert, auf der Straße ist's still, die Nacht regiert. Aber wem? ma»? aus Uebermlldung»licht schlafen kann, wird man von den dunkelsten Gedanken befallen, genau wie in de»? vorhergehende»? Nächte»??ii?d seltsame Gesichter gleiten in? Fli?stern vorüber. Jetzt liegt mm» im Rinnstein. Aber draußen im Welt- rauine gibt es in eine?» kleinen sonnenbeschienenen Lande einen fErdenfleck, wo ma»? einst unter cmderen Bedingungen einher- schritt. Neue, kleine, goldene Landstriche ta?lchen auf und gleiten vorüber. Jede Erinnerung trägt ihre besondere Land- schaft, und überall bildet man den Mittelpunkt, wie in einem großen bunten Rahmen. Zuerst die kleine Insel drauße»? in de»» Schere»» u>»d das kleine Leuchtturm-Wärterhaus, wo sie aufwuchs. Inmitten einer reiche,? Ostlandnatur, Ivo sich so viel ereignete. Dann taucht eine dunkle Dachst??be in der Hauptstadt auf, worin sie monatelang, wie in einem Gefängnis, faß. Und jetzt gleiten Gesichter vorbei. Männer, Frauen, Freunde und einige, die sie noch mit Haß erfüllen. (Fortsetzung folgt.) Hue den Berliner Kunftfalons* Bei Cassirer ist eine ganze Kollektion Bilder von Joses Israels, dem Lehrmeister Max Liebermanns, zu sehen. Er hat ctlvaZ Mtmeistettichcs an sich. Er übertreibt nicht die Gegensätze. Mild gehen die Farben, die er auf ein Mimm?un reduziert, in einander über. Etwas Verschwommenes ist damit seinen Bildern «igen, etwas Feines, Leichtes. Dieses trübe Grün des Lufttones, das so dunkel und däinmrig ist, wählt er oft als Hintergrund seiner Bilder. Dazu das Graubraun des Bodens, der Erde. Eine Gestalt hebt sich in schwacher Silhouette von dem Himmel ab. Das Stille seiner einfachen und diskreten Farbe, das Anspruchslos-Echte, das ihn immer behütet, nach Effekten zu silchen, das Suchen nach dem großen und einfachen Zug in der Natur, jener stillen Gebärde der Menschen. die nicht nach Aussehen und Eindruck strebt, sondern so ist, weil sie so sein muß, hat Licbcrmann von ihm. Es ist in dieser Art allerdings ein Bekenntnis, wie Segantinis und Millets Krmst ein Belcnntnis war: die unbedingte Achtung vor der einfachen, sich selbst überlassenen Natur. Ihr geht Israels nach, lind er haftet nicht an Sitrttattonen und Gegenständen, sondern ein uirscheinbarer Vorgang, den er be- lauscht, reizt ihn. So setzt sich ihm dann auch die tiefe Ruhe, des Fürsich-Sein der Natur im? in Farbe, in jene stillen, verklingen- den, in einander übergehenden Farbeirakkorde, die beinahe einen eigene»? Schimmer um die Dinge weben. Es ist?n«ist Abend- dämmer?n?g. Da versinken die Gegenstände in Träumen. Das Licht verschwindet. Schatten steigen auf. Da matt dann Israels den „Lebensabend".„Ein armseliges Dasein",„Ueber Weg und Feld", „Schlvere Last"— alles Bilder, die schon im Titel einen Aufklang, eine Ahnung geben. Bei manchen ist Israels Einfluß auf Lieber- mann schon stofflich zu bemerken. Der alte Mann, der über Feld geht, das Mädchen, das in den Dünen liegt— genau dasselbe malte Liebermann, und auch die Art ist ähnlich. Doch nicht das Stoffliche wt's. Es ist das Verdienst von Israels, daß er den Gehalt seiner Schöpfungen in Farbe und Linie aufgehen ließ, so daß in dieser geschlossenen Form eine künstlerische Persönlichkeit sich ausspricht, die das Vorbild in der Natur umwertet?>ach ihrem Ermessen. Das Gesehene wird dadurch zum Kunstwerk. Fein ist das unauffällige Zueinanderstimme??, das so suggestiv den Ewdruck dem Auge vermittelt. Wie kalte Studien, wie Experimente eines überlegenden Ver- standes und beinahe unschöpferischwirken die pointtllisttschen Versuche Paul Baums dagegen. Seit ein paar Jahren erschöpft sich Baun? in dieser bewußten, erzwungenen Arbeit. Er setzt Tüpfelchen neben Tüpfelchen, ein P?mkr Blau neben Gelb,»eben Rot, neben Grün, unvermittelt. Für einige spezielle Gebiete, für Landschaften. Gärten paßt diese Art besonders. Eine gewiss« schillernde Farbigkeit ist den Bildern eigen. Sie le?ichten. allerdings in etwas aufdringlicher, schulmätzigcr Manier. Wer Freude an dem Farbenfleck als solchen hat, wird hier sei??s Rechnung finden. Doch scheinen solche Versuchs zu sehr Ausstellungsobjekte. Tann ist es schon besser, wenn man die Farbe so auf sich selbst stellt, man»vidmet sich dem Kunstgewerbe. Es fragt sich, ob ein solches, punktiertes Bild nicht zu sehr schreit, um dauernd ertragen werden zu köiwen, und ob nicht eine nnt solch schillernder Glasur überzogene Vase z. B. bessere Dienste in gleicher Richtung leistet. Zweifellos liegt in dieser pointtllistischen Hand- habung eine Auflösung, die in unserer Zeit, wo eine ganze Reihe von Malern zmn Kunstgetverbc übergehen, charakteristisch ist. Andererseits liegt diesem Streben die Absicht zugrunde, Aufsehen zu erregen, die Aufmerksamkeit wieder auf das Bild zu lenken, seine Selbständig- keit zu betonen, ihm die Interessen zu erhalten. Diese beiden Linie»? — die erhöhte Farbenfreudigkeit unserer Zeit, die einerseits zum Kunstgewerbe drängt, andererseits die neue»? Werte dem Bilde er- halten will— laufe», hier zusammen. Hinzu kouurrt noch die optische Erfahrung, daß diese nebei?eina!?der gesetzten Farbentupfen, Ivenn sie sich im Auge des Bettachters vereinigen, eine deutlichere Plastik der Fonn ergeben. Diese Vereinigung der Lichtstrahlen findet nach dem A?rge des Bettachters in verschiedener Entfernung statt, die ausprobiert werden mutz. Der Verschiedenheit der Anlage wird also hier Rechnung gettagen. Mit diesem Mittel, die Plastik der Gegen- stände schärfer zu rlinde»?, verbindet sich die Fähigkeit, den Ra?lm, die Luft, die zivischen den Dingen ist. größer, fixier, natürlicher zu geben. Plastik ist ja Raumkunst. Karl Walser ist das Gegenteil dieser die Farbenflächen auflösenden Kunst. Er liebt gerade die blanke, ganz glatte Fläche. Er erreicht den farbigen Gefamteindruck durch überlegende, geschmack- volle Kontrastierung, in der er eigentümlich schwere Akkorde liebt, denen er tvie tändelnd eine zierliche Farbe einfügt. Rotbraun, Dunkettila, Schtvarz, ein schweres Grün, dazu ein leichtes Rosa, ein flatterndes Weiß. Walser ist ein besonders empfängllcher Künstler. Er verarbeitet Japan, die englische phantastische Kunst Beardsleys und Th. Th. Heines»'atirische Visionen. Daneben laufen neuerdings noch archaische Einflüsse, die primitive Kunst der frühen Deutschen und Italiener. Dei»noch bringt er es fertig, aus diesem Ragout etloas zu braue»», das eigene Phlssioguomie hat. Graziös und apart, derb und spielend— er ist alles. Auch das Krasse verwendet er. Er malt gedankliche Sujets und steht doch über dem Inhalt. Im Innersten kalt, weiß er doch zu blenden und die Vorstellung zu tvecken, daß etwas in ihm steckt, das sich später noch zeigen wird. Bis jetzt haben wir von ihn? einige seine Bildchen, phantastisch, hyperkulturell. Er verblüfft durch die selbstverständliche Art, das Widersprechendste zu einen. Er mischt»»sie ein Experimentator. In einer primitiven Landschaft, hinter der Eisberge erscheinen, sitzt auf einem Stein ein bäuerischer Jüngling, dessen Züge dennoch Massiertyeit zeigen. Unten in dem nahen Wpld(das Bild ist ganz klein, in rundem Format), geht eine Danie spazieren. DaZ Bild nennt er Porträt. Walser nimmt einen Ausschnitt des Lebens, unterstreicht den Kontrast und bringt dadurch etwas Mystisches, Unausgesprochenes, Stummes in seine Kunst; diese mystische Note dämpft er aber wieder durch eine gewisse lalte Uebcrlegenheit und Reflexionen. Es wird sich erst zeigen müssen, ob er nur ein Prodult der Ueberkultur, ein Schüler, der sich naseweis gebärdet oder ein Einzelner, ein Könner ist. Fest und klar wirken dagegen die Bilder des Holländers Jan V e t h. An dreißig Bilder. Nur Porträts. Hart und zäh sind die Umrisse der Zeichnung. Entschieden und bestimmt die Farben, die er in diese Silhouette hincinsetzt. Keine übertriebene Auswahl feiner Kontraste. Auch hier eine Rücksichtslosigkeit, die allerdings auch wieder bewußt und wirkungsvoll ist. Zwischen Türer und Holbein steht diese genaue, exakte Art in der Mitte. Am besten gelingen Veth, ,n dein alle Traditionen holländischer Kunst wieder lebendig werden, die Männerköpfe. Uebcrhaupt alle die Köpfe, die irgend ein ge- sammelte» Innenleben eine konzentrierte Aufmerksamkeit, eine ge- schloffene Individualität, die sich scharf in prägnanten Zügen doku- mentiert, zeigen. Daher gelingen ihm auch Kinder, die irgend einer Tätigkeit sich intensiv hingeben, schreiben, arbeiten. Alte Frauen, die über ihre Arbeit gebeugt sind. Am feinsten find die Porträts, die den alten Vater des Künstlers in Großvatermütze und dann die anderen, die den prächtigen Kopf des vor sich hinsinnenden, blinden Professors Lonien geben. Die Arbeiten des Pliastikers Engelmann find lebendig, reich und kraftvoll. Er weiß den Anprall zweier ringender Körper ge- bändigt zu gestalten. Eine kleine Statuette„Frau ini Wind" hält die Linien des wehenden Rockes, die Festigkeit des sich gegen den Sturm anstemmenden Körpers fest. Innere Erregung und Kraft ha» er in den Zügen der„Volksführerin" festgehalten, derbe, energische Wucht, die von innen heraus drängt. Von eigenem Interesse ist eine Glasplatte, die Menzel mit roter Teckfarbe nach Art einer photographischen Platte bemalte. Danach wurden dann Abzüge gemacht auf lichtempfindlichem Papier. Die Wirkung des Kopfes des alten Mannes ist malerisch und breit. Menzel soll sich speziell für die Fortschritte der Photographie interessiert haben. Eine interessante, reichhaltige Sammlung Berliner Por- t r ä t s— Werke von Berliner Meistern und von bekannten Berliner Persönlichkeiten— ist im K ii n st l e r h a u s zusammengebracht. Von Grarff, Chodowiecki an bis zu unseren Tagen. Wandel der Zetten, Wandek des Geschmacks, Wandel der Physiognomien kann man hier bemerken. Von der Kleinstadt zur Großstadt— spürt man auch vor diesen Bildern. Aus der Fülle des Gebotenen seien die künstlerisch wertvollen Stücke hervorgehoben. Da ist vor allem ein prachtvoller, reicher, flockiger Leibi, das Porträt eines Mannes mit wcißeni Haupthaar. schwarzem Bart. Sehr schön ist das vermittelt, der schwarze Anzug, das Grauweiß des Haares, der dunkle Bart. Dazu die ausdrucks- vollen, lebendig modellierten Hände und der klare, natürlich Blick. Natur und Kunst geschmackvoll vereint und in sich zur Vollendung gebracht. Weicher noch wirkt ein Porträt von I S r a e l s. das die Grenze des Malerischen noch tiefer verlegt. Die Linien sind hier noch inehr von Luft und Leben erfüllt, und die Unbestimmtheit der Erscheinung noch) stärker hervorgehoben. Was bei Leibi quellklar und saftig voll, ist bei Israels verschwommen, zitternd, nervöser. Kalt und rücksichtslos wirkt dagegen ein Bildnis von Stausscr-Bern. Hart in der Farbe, eigensinnig in der Linie und ein wenig konventionell und glatt. Tie Schwierigkeit des »noderncn Herrcnbildiiisscs, das viele Schwarz des Anzugs, aus dem daS Gesicht allein herauswächst, zu beleben, die glatte Monotonie zu überwinden, scheint nicht restlos gelöst. Ein Frauenbild ist darum reizvoller, weil das Kleid farbig mitspricht. Dennoch ist auch dies Bild um seiner Rücksichtslosigkeit willen beachtenswert. Von Artur Kampf ist ei» Kinderbild zu sehen, ansprechend durch die Nattirlichkeit der Auffassung und die Lebhaftigkeit der malerischen Nuancen. Das Kind ist hell gekleidet, rechts liegt am Boden«in roter Apfel, links ein graues Schaf. Auch Trübner gibt ein Kindcrbild. Es ist im Freien gemalt. Trübner betont das Malerische, das Lichtproblem, das Portrntartige tritt zurück. Unter grünem Laub sitzt das Kind, und grünliche Reflexe spielen schatten- hast über das Kleid. Kühle, grüne Töne, wie sie Trübner liebt, der diese Farbe, die trotzdem sie stark sich vordrängt, dennoch vornehm zu behandeln versteht. Auch Schulte erweist sich diesmal als wertvoll. Er gibt eine gute Anregung, indem er einen toteuMaler ausgräbt, der erst jetzt zu rechter Anerkennung kommt. Er gehört zu dem Lcibl-Kreis und heißt Karl Schuck). Dieser Maler, der nun erst nach seinem Tode die verdiente Anerkennung findet, hat eine ganze Reihe Bilder hier, unter denen kein einziges minderwertig, alle in ihrer Art reife Meistettverke sind. Seine Farben sind vornehm, zurückgehalten, gedämpft, dennoch kräftig. Weich, samtartig schillern sie. Aus einem Stilleben— ei» grauer Zinnkessel, ein roter Hummer, gelbe Rüben— macht er ein so ruhiges, färben- und tonschönes Bild, wie es selten zu sehen ist. Wie delikat und leicht malt er einen solchen Zinnkrug, eine Wasser- flasche. Es steckt eine eminente, malerische Zucht und Kultur in ihm, und selbst wenn er, wie er es schuf, Stilleben in Riesenformate» malt, weiß er doch Stühe und Harmome in diese Massen hineinzu- bringen, und diese Stücke sind mehr als bloße Kraftproben. Sein zweites Gebiet sind alte verfallene Häuschen, bei denen ihn der graue Alterston. das Graue. Grüne. Morsche des Holzes und des Gemäuers lockt. Weiterhin versucht er sich mit Glück in Porträts. Ein männ- lichcs Porträt— das man für einen Leibi hält, so weich und ruhig ist der Ton,— und ein Kinderbild, flüchtiger, skizzenhafter. Volles Können zeigt er in ganzer Eigenart dann wieder in Blumeubildern. bei denen die Farbe im Gegensatz zu der gesättigten Ruhe der anderen Bilder frisch leuchtet, und die Blätter und Blüten in aller Fülle der Gegenständlichkeit strotzen, ohne daß das natürliche Leben kraß wird. Prächtige Stimmungen und Harmonien malt.'r aus weißen und roten Pfingstrosen, aus Levkojen und Nelken, und tief steht das Grün des Blattwerks immer hinter all der Ueberfülle der Farben, die lebendig herausquellen. Nebel» diesem kraftvollen Lebenswerk des toten Malers, der erst jetzt seinen Ruhm erntet, sehen die geschmackvollen Porträts von Neven du Mont gemacht aus. als seien sie nach dem Rezept ge» arbeitet. Eine Kultur, die einem begabten Maler in den Schoß fällt, aber nicht eigen errungen ist. Manchmal kommen Farbcnkontraste. die in ihrer bewußten Uebertriebcnheit an den oben genannten Walser erinnern. Auch der Zllgclschüler H c g e n b a r t h, der wie sein Meister Kühe, Pferde, Ziegen in sonniger Beleuchtung malt, erscheint hier allzusehr als Schüler, der nach dem Rezept arbeitet. Nicht scklecht, aber auch nicht fein. Die Schablone, die der Lehrer übermittelt, schimincrt durch, und so macht man denn die Bemerkung, daß trotz allem die Farbe schwer und die Zeichnung zu wenig beseelt, zu un- lebendig ist, und die Gesamtcrscheinung nicht packt.— Ernst Schur. Kleines feuilleton. — Sächsische Voltswörter. Als einen argen Verschwender lassen den Sachsen die zablreichen und vielgebrauchten Ausdrücke für V er- g e u d e n tvergoiden in Mittweida) erscheinen: verjuchheen, ver- juchteln, verschwuchteln, verbumfiedeln oder-feien, verhaue», ver- wichsen, verpulvern, vennanschen, verluden». vern»eebeln, verueesen, vermoscheu, verurschen, vcrbechten. Einer Erklärung bedürse» am meisten die vier letztgenannten Wörter. Das Verneesen oder ver- »»ieseln ist noch an» unschuldigsten, es heißt(nach»md nach) ver- bratlchen, verzehren, völlig genießen: die Kühe können ihr Futter. der Reiche sein Einkommen nicht verneesen; in» Mittel- hochdeutschen lautet das Wort vernieten, was mit unseren» genießen, Nießbrauch, Nicßnutz. Nutznießung sich genügend erklärt. Vermoscheu ist auf das ursprünglich der Sprache der Winzer angehörende Wort Maische zurückzuführen, d. i. die ge- quetschte Traube für Moslbereituug, dann das geschrotene und an- gebrühte Malz beim Bier-»md Branntweinbrenneu. Die Grund- bedeutung des Zeitwortes maischen, althochdeutsch muscan. vergl. mittelhochdeutsch vermüschen, ist quetschen, zerstoßen.(Dieselbe Be- deutung hat da» niederdeutsche knusen sKnösen), eigentlich kiiustei» zu Knaust, Knast— Knorren, verknusen ist so viel wie verdauen.) Im 16. Jahrhundert wird es auch für das Zerschlagen von Eiern gebraucht, und weiterhin gesellte sich den» Worte die Bedeutung des verschwenderischen und nachlässigen Umgehens mit etwas bei, unter Masch versteht man