Anterhaltungsblatt des HorwSrts Nr. Kl. Sonntag, den 26. März. 1905 (Nachdruck verboten.) Eine pilgerfadrt. Von Johan Bojer. Autorisierte Uebersetzung von Adele Neustädtcr. Als sie erwachte, war sie verwundert zu leben. Die beiden anderen schrien noch. Aber nun ertönte ein schwacher Kinder- schrei, und gleichzeitig glaubte sie, die Engel singen zu hören. „Lassen Sie mich es sehen!" rief sie aus.„Ist es wohl gestaltet? O, lassen Sie mich sehen!" „Gratuliere zu einem Sohn, Fräulein!" sagte der Student, der noch mit ihr beschäftigt war. Und als das kleine Wesen gewaschen und angekleidet in ihrem Arme lag, brach sie in glückliche Tränen aus. Aber als sie dann in diesem Saale lag, erwachte sie schnell zur traurigen Wirklichkeit. Zuerst war sie fest entschlossen, das Kind zu stillen. In dieser Umgebung vermochte sie freilich nicht viel zu essen, aber da ihr Körper gesund war, sorgte wohl die Natur, das) sie genug Milch für das Kind habe: es über- schritt jedoch ihre Kräfte. So oft der Kleine getrunken hatte, meinte sie, ihr Rücken breche zusammen, das Kind schien förm- lich ihr Rückenmark aufzusaugen. So mußte sie mit dem Entwöhnen beginnen. Und dann... Die langen, schlaflosen Nächte. Die Gedanken an die Zukunft, und die trüben Erinnerungen. Sie untergruben allmählich jede Mutterfreude. Das Bett wurde zur Folter- bank, vor deren Verlassen sie sich jedoch fürchtete. Denn wo sollte sie hin? Wieder wirst sie sich in die Kissen:„O, solch eine Nacht ertrage ich nicht wieder. Ich werde verrückt!" Ein gelber Tagesstreifen erwachte über der Stadt. IV. „Nun, Verehrteste, haben Sie gut geschlafen?" rief der Professor, der am Vormittag die Runde machte, gefolgt von dem Neserve-Arzt, dem Assistenzarzt, der Oberhebamme, den Studenten und Elevinnen. „Ich danke, ganz gut!" sagte Nr. 47 und versuchte zu lächeln. Der Professor war heute ungewöhnlich liebens- würdig. Er sah etwas skeptisch drein, faßte ihr Handgelenk, während er auf die Uhr sah.„Ja," sagte er dann,„der Puls geht recht schlecht." Und zur Oberhebamme gewendet:„Hören Sie, wir haben ja jetzt hier in der Nähe ein freies Zimmer mit nur einem Bett. Können wir sie nicht heute vormittag dorthin bringen?" Die Oberhebamme blickte etwas verwundert, nickte jedoch. Und der Professor lächelte Nr. 47 an, sagte freundlich guten Morgen und setzte die Runde fort. Im Saale entstand große Unruhe, als man sie nach einer Stunde zum Umzug herrichtete. Und während man sie stützend hinausführte, und sie den übrigen Insassen Adieu sagte, fühlte sie deren Augen voller Neugierde und Neid erglänzen. Warum sollte sie es plötzlich besser haben?" Aber sie wurde in ein helles Zimmer gebracht, das nach Süden lag. Hier war alles so rein, die Luft war so angenehm frisch, das Bett hatte reine Laken und schöne rote Decken. Als sie darin lag, erfüllte sie Wohlbehagen. Das Kind erhielt eine Wiege: kurz darauf wurde ihr eine Tasse Chokolade ge- bracht. Was in aller Welt bedeutete dies? War es ein Miß- Verständnis? Um die Mittagszeit wurde an die Tür geklopft und der Professor trat allein herein. Die lusttgste Laune umwehte ihn, sie empfand solche Dankbarkeit für ihn und lächelte ihn unwillkürlich an. Er setzte sich an ihr Bett, legte die Hände kreuzweise, blickte aufs Fenster und begann: „Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen, worauf Sie beute noch nicht zu antworten brauchen. Worüber glauben Sie wohl?" Er lächelte und nickte vor sich hin. Dann fuhr er fort: „Ich weiß nicht einmal, wer Sie sind. Aber ich bin ein alter Praktikus und habe eine gewisse Witterung. Sie sind vielleicht verheiratet und wahrscheinlich aus besserem Stande. Vielleicht sind Sie nicht verheiratet, ich will es nicht einmal wissen. Aber was würden Sie sagen, wenn Ihr kleiner Sohn Kronprinz in irgend einem kleinen Königreiche werden könnte? Wie? Ich meine, wenn eine wirklich gütige, wohlhabende und kinderlose Familie bittet, Ihr Kind annehmen zu dürfen. Würden Sie das Angebot absolut zurückweisen?" Und er lächelte und nickte wieder vor sich hin, blickte sie jedoch fest an. Sie hatte sich daran gewöhnt, dem Professor gegenüber eine Maske aufzusetzen und nicht die geringste Ge- mütsbewegung zu verraten. Jetzt wurde sie jedoch rot. Sie glaubte, er scherze mit ihr. Der Professor fuhr fort:„Und dann Sie selbst? Es würde Ihnen zum Beispiel auch wohltun, aufs Land zu gchen, um wieder rote Backen zu bekommen. Und wenn Sie in Ihrer augenblicklichen Lage etwas Zuschuß brauchen, um manches zu ordnen— es wäre doch möglich, nicht?—, so könnte wohl auch Rat geschafft werden. Die Familie, von der ich rede, ist reich und ich garantiere Ihnen, der Kleine wird wie ein Krön- Prinz behandelt. Also?" Und er warf sich mit gekreuzten Armen auf den Stuhl und sah sie fragend an. Nein, es konnte kein Scherz sein. Ihre Augen standen plötzlich ooller Tränen. So lange hatte sie kein teilnehmendes Wort gehört, und jetzt kam alles so unerwartet und jäh. Sie begann zu weinen. Der Professor strich über ihr Haar. „Na, na, Sie tverden sehen, alles wird wieder gut werden.— Also überlegen Sie es sich bis morgen." Und er stand auf und ging hinaus. Erst wenn das Licht angezündet wird, bemerkt man, wie dunkel es vorher war, wenn man die Hand gereicht bekommt, wird man sich erst seines vollen Elends bewußt. Sie, die gestern unter den finstersten Gedanken hin- und hertaumelte und nicht wußte, wie sie die Rechnung begleichen sollte, um unerkannt hinauszugelangen, sie... nein, dies war ein Traum. Und sie rieb sich unwillkürlich die Augen. „Weshalb weinst du eigentlich," dachte sie,„begreifst du nicht, daß du träumtest. Es muß schon weit mit dir ge- kommen sein!" Aber in diesem Falle währte der Traum fort. Denn eine Wärterin kam bald und fragte, ob sie Rotwein oder Bier zum Mittagessen wünsche. Jetzt war sie doch wohl in der ersten Abteilung, worüber drüben so viel gesprochen wurde. Und als das Mittagessen mit dem reinen Tischtuch, den Servietten und guten Gerichten kam, empfand sie plötzlich Appetit: vielleicht wurde sie bald wieder gesund und jung. Die Sonne schien so freundlich herein, und ein nervös erregtes Glücksgefühl ließ sie gleichzeitig weinen und lachen. Wenn man lange in einem finsteren Keller gelebt hat, wird man schon von einem einzigen Sonnenstrahl geblendet. Während des Nachmittags prüfte und überlegte sie immerfort den Vorschlag des Professors. Aber was war hier zu überlegen? Sie lag tief im Rinnstein, und hier kam ein Mann und wollte ihr heraushelfen. Es hatte Augenblicke gegeben, wo sie sich zurecht gefabelt hatte, sie müsse das Kind umbringen, wenn sie aus der Anstalt komme. Es kam nun jemand und sagte: �„Er soll es wie ein Kronprinz haben. Du hast Dich selbst in eine falsche Lage gebracht, wir wollen Dir wieder auf die Füße helfen." Sollte sie dies ablehnen? Als der Professor den nächsten Tag kam, hatte sie nur ein einziges Bedenken. Die betreffende Familie dürfe über sie keine Auskunft verlangen. Der Professor saß schon mit gekreuzten Armen, jetzt strich er sich jedoch über den grauen Backenbart und das fleischige Kinn und lächelte in sich hinein. „Das trifft sich ja gut," sagte er,„denn die neuen Eltern des Kindes wollen auch nicht, daß Sie ihren Namen erfahren." Und er lachte, als sei dies ganz unerheblich. Ihr Herz zuckte etwas zusammen, und es fiel ihr schwer, darüber hinwegzukommen. Aber jetzt hatte sie sich so an den Gedanken gewöhnt, daß es für sie und das Kind ein Glück sei, daß sie förmlich vor jedem anderen Empfinden zurückwich. Der Professor stand auf und drückte ihre Hand. „Na, ich denke, der kleine Prinz wird schon morgen geholt werden. Gleichzeitig wird Ihnen eine Geldsumine zur Ver- fügung gestellt, die Sie nach Belieben verwenden können." Er lachte, und sie mußte mitlachen. Dann sprach er noch Wer die weitere Entwöhnung, untersuchte ihre Brüste, die er befriedigend fand und ging. Sie lag mit gefalteten Händen und lächelte. In ihrem Kopfe schwirrten kleine, goldene, leuchtende Worte:.Geld, Freiheit, Rettung!" Und in ihrem Glück wollte sie sich noch des Kindes in den wenigen ihr verbleibenden Stunden erfreuen. Sie nahm es zu sich ins Bett und ließ es an ihrer Schulter schlafen, lind während des ganzen langen Nachmittags lag sie lächelnd und blickte das kleine Gesicht an. Eigentlich ähnelte es ihrem Vater. Als die Wärterin kam, um es zur Nacht zurecht zu machen, mußte sie es ihr kurze Zeit ins Bett geben, während es ganz nackt war. Das bereitete ihr große Freude. Das unterdrückte Muttergefühl erwachte und loderte in ihrem Herzen auf. Träne auf Träne fiel. Wohl weil das Kind jetzt ein Glückskind werden und es gut auf der Welt haben sollte. Am nächsten Tage schlug die Stunde der Abholung. Man zog dem Kinde die Anstaltskleider aus und bekleidete es mit neuer, gestickter Kinderwäsche. Dann reichte man es der Mutter zum Abschied, und sie hielt es in ihren Armen: aus dem zerlumpten Armeleutkind war ein reich aussehender Junge geworden, der ihr nicht mehr angehörte. Sie warf einen Blick auf die kleinen Hemden, sie wareil mit der Hand genäht: die neue Mutter hatte sie wohl gearbeitet— und künftig würde diese fremde Frau alles nähen. Sie kjißte das Kind und versuchte zu lachen. „So leb' denn wohl, mein Püppchen!" sagte sie.„Und sei lieb mit den neuen Eltern. Vielleicht sehen wir beide uns nicht wieder. Willst Du nicht ein einziges Mal lächeln. Du kleiner Kobold! So leb' denn wohl!" Als man das Kind wegtrug, starrte sie lauge nach der Türe, die sich geschlossen hatte. Dann zog sie die Decke über dm Kopf und begann zu schluchzen. Der Professor trat jetzt ein, als habe er alles voraus- gesehm. Er zog eineil Haufen Banknoten hervor, legte sie schalkhaft unter ihr Kopfkissen und setzte sich mit auf- munterndem Lächeln neben sie. „Gratuliere!" sagte er und strich wieder über ihre Stirn. „Sie sind ein Glücksvogel, und das Kind ein ganz besonderer." Und dann begann er zu erzählen, wie die meisten Kinder, die hier geborm werden, einem ganz anderen Geschick entgegm- gehen. Dann fragte er. ob sie den neuen Eltern die Bestimmung des Namens überlassen wolle. In der Regel wurden die Kleinen hier in der Anstalt getaust, aber diese Fainilie wollte durchaus die Taufe bei sich haben, und so wollte man es zu- geben. Ja? Sie antwortete ihm wunschgemäß, sie überlasse alles den neuen Eltern, und der Professor nickte und strich sich zufrieden das Kinn. Dann fragte er:„Und Sie selbst? Was beabsichtigen Sie zu unternehmen, wenn Sie hier fortgehen?" „Das weiß ich nicht." Sie trocknete ihre Augen. (Fortsetzung folgt.) Denklclmften über Scbadloa- daltung. L An das hohe Abgeordnetenhaus beehren sich die Unterzeichneten das Gesuch zu richten um Gewährung 1. eines familienfideikommissarisch sicher zu stellenden, bis zu den Zützen reichenden Schasspelzes, 2. einer in Monatsraten mit zehnjährigen Vorschüssen zahlbaren jährlichen Rente von 50 000 Mark. Zur Begründung sei nur folgendes erwähnt: Das preutzische Abgeordnetenhaus hat es seit jeher als nobils oklloium betrachtet, verdiente Männer, die in ihrer Eigenschaft als Zeitgenossen irgendwie in ihren Verhältnissen tatsächlich, möglicherweise oder gar nicht verletzt worden sind, von Staatswegen zu entschädigen. Mit dem grotzen deutschen Dichter v. Schiller hat cS auch das Ab- feordnetenhaus des preutzischen Staates als seine höchste Aufgabe etrachtct, durch Gewährung angemessener SchadloShaltnngen den Besten seiner Zeit gemig zu tun. Da die für diese Zwecke not- wendigen Sunimen grundsätzlich aus Ersparniflen an den Löhnen oder Zuschüssen für Weichensteller und Landschullehrer entnommen werden, so kann keine Rede davon sein, datz durch solche Leistung von Staatsrenten die allgemeinen Interessen und die aus öffent- lichen Mtteln erhaltenen Finanzen Preutzens benachteiligt werden könnten. Die rechtlichen und moralischen BilligkeitSgriinde unseres Ver- langenS können als notorisch vorausgesetzt werden. ES ist bekannt, datz der verstorbene Minister Freiherr von Gummi- Schlauchwitz seinen Tod gefunden hat. weil er. nur mit leichten Escarpms bekleidet, in der Zuglust des Schlosses herumstehen muhte. Wie durch einwandfreie Zeugen bekundet worden ist, hat der Minister, unser Onkel, bezw. Schwiegersohn, bezw. Grotzschwager, diese Ur» fachen seines frühen Abschcidens selbst in seiner letzten Stunde ästen- mätzig festgestellt. Die Erben haben es nicht unterlassen, sofort bei der Staats- anwaltschast eine Klage wegen fahrlässiger Tötung mittels eines gefährlichen Werkzeuges einzureichen, sind aber in allen Instanzen abgewiesen worden, mit dem Einwand, datz nach reichsgerichtlicher Entscheidung Escarpins nicht zu den gefährlichen Werkzeugen ge» hören, sondern vielmehr in das Gebiet der karcs majenr« fallen. Die Unterzeichneten sind nun zwar der Ansicht, datz der höchste Gerichtshof das rechtliche Wesen der Escarpins verkennt. Es ist in unzähligen Fällen festgestellt ivorden, datz die ztvangsweise Mitz- Handlung der Extremitäten durch besagte Scidenstrümpfe m schwereren Fonnen zur unheilbaren Lähnmng des Willens und des Geistes führt, bei gelinderer Wirkung vorübergehende Schächezustände hervor- ruft. Autzerdem ist allgemein bekannt, datz die so bekleideten In- dividnen auch auf die anderen Staatsbürger eine unheilvolle Wirkung ausüben. Immerhin sind die Erben formgerecht abgewiesen worden, und eS war insofern für unsere gerechten Ansprüche nichlS zu erreichen. Auch'eine Zivilstage gegen den Obcrzereinoniemneifter, dessen Haftpflicht unbestreitbar scheint, hatte keinen Erfolg. Ebenso wurden Klagen bei sämtlichen Uiifallversicherungs- Berussgenossenschaften abgelehnt; die Anlegung von EScarpinS könnte nickt als Betriebs- nnfall gelten, und autzerdem gehöre das„Jm-Schlosse-Hernmstchen" nicht zu de» Betriebsfunstionen, abgesehen davon, datz Minister nicht, wie geltend gemacht wurde, zu den Arbeiter», sondern zum Gefinde gehören, die der Unfallversicherung nicht unterworfen seien. Endlich blieben auch Petitionen beim Reichsinvalidenfonds ver- geblich, da Fastnachtszüge nicht als Feldzüge, und die Anlegung der EsearpinS nicht als feindliche Verwundung mittels Kriegswaffen gelten könne. Unter diesen Umständen, abgewiesen von allen Seiten, durch den plötzlichen frühzeitigen Tod aufs schwerste geschädigt, rechnen wir auf die bewährte Gerechtigkeit des hohen Hauses der Abgeordneten. Indem wir uns noch erlauben, auf die Bescheidenheit unserer Forderungen aufmerksam zu machen, die in keinem Verhältnis zu der Höhe des erlittenen Verlustes stehen und nur als eine Abschlag- zahlung auf eine vollständige Schadloshaltung gelten dürfen, verbleiben in Hochachtung Staatsininisier�Freiherr v. Gnmmi-Schlauchwitz Selig Erben. IL Bei dem hohen preutzischen Herrenhaus stellt der Unterzeichnete nachstehenden Antrag auf S ch a d l o s h a l t n n g, in Gestalt t. eines SchlosieS am Rhein, tunlichst in der Nähe von Boppard; 2. einer Beihülfe zur Instandhaltung vorerwähnten Schlosses in Höhe einer Rente von jährlich 470000 Mark für den Unter- zeichneten und feine sämtlichen Rachkommen in gerader und un- gerader Linie. Die Schadloshaltung hat am Tage des Eingangs dieses Er« suchenS in Kraft zu trete». Zur Begriuidung meines Antrages füge ich folgende Denkschrift bei: Erstens: ES ist in Berlin und den Bororten hinläuglich bekannt, datz ich bisher weder über ein Schloß am Rhein noch über eine Rente von 470 000 M. jemals verfügt habe. Umso dringender wird die Pflicht,»sich und meine Familie endlich wegen dieses schweren Verlustes schadlos zu halten. Zweitens: Ich stamme, wie die, nach Eintreffen der ersten OuartalSrente, nachzuliefernden Urkunden erweisen werden, in ge- krümmter Linie von Sr. Majestät dem König Salomo und seinem 763. illegitimen Weibe ab. Infolge der veränderten Zeitvcrhältnisse— mau denke nur an die Eroberung Palästinas durch die Römer, die Zerstörung des Tempels in Jerusalem, die Kreuzzüge—.ist das große Vermögen des erhabenen Herrscherhauses seiner Familie ver- loren gegangen. Wären die geschichtlichen Umwandlungen nicht ge- Wesen, so wäre ich höchst wahrscheinlich noch im Befitze jener könig- lichen Schatzkammer. Drittens: Meine Ururarotzmutter gab ihrem jüngsten Sohne. der im Alter von drei Jahren starb, das mündliche Versprechen, ihm eine Million Gulden— nach dem heutigen Geldwert umgerechnet mindestens zehn Millionen Mark— und ein Schloß»ach Wahl zu hinterlassen. Die veränderten Zeitvcrhältnisse verhinderten die Ein« lösung dieses Versprechens. Ich erinnere u. a. mir an den dreißig- — 243— jährigm Krieg, den spanischen Erbfolgekrieg, den siebenjährigen Krieg, die Freiheitskriege, die Februarrevolution, die Ereignisse von 1848, 1364, 1866 1870 sowie endlich an den russisch-japanischen Krieg. Der preußische Staat und seine legitime Volksvertretung. das Herrenhaus, kann die Pflicht der Billigkeit aar nicht abweisen, einen Schaden zu ersetzen, der in dieser infolge von Ereignissen, die letzten Endes doch zur Größe und Herrlichkeit Preußens und Deutschlands geführt haben, verursachten Nichteinlösung eines bindenden Versprechens begründet ist. Viertens: Seit dem Untergang der Dynastie Salomonis hat die Familie der Jöce niemals regiert— ein Grund mehr, da für schadlos gehalten zu werden. Fünftens: Mein Vater war Hoflieferant sämtlicher Potcir taten und hatte Militärlieferungen. Da nun zu jener Zeit Heer und Flotte noch nicht die Größe hatten, wie heutzutage und außer- dem Uniformänderungen nur alle 56 Jahre, statt wie jetzt wöchentlich, erfolgten, so ist es nur billig, daß er resp. seine Erben endlich für den ihm entgangenen Gewinn entschädigt wird. Sechstens. Ms meine reiche Tante starb, war nicht ich, sondern thr Bruder dabei. Infolgedessen erbte er alles. Er ver- sprach, mir meinen Anteil zu zahlen. Aber infolge der veränderten Zeitverhältnisse— ich weise nur aus die große Dürre des Vor- jahres hin— reiste er nach Italien und ich bekam nichts. Der preußische Staat kann sich dem nvbiis oktioimn nicht entziehen, mir den aus de» erwähnten Umständen erwachsenen Schaden zu vergüten. Bei der Festsetzung der Höhe verzichtete ich auf eine Berechnung nach dem Wertunterschied zwischen mir und dem Hause Glücksburg. Ich ging vielmehr allein von der Erwägung aus, daß die Familie Glücksburg nur aus zwei Brüdern und einem Sohn besteht, während ich allein fünf Kinder lsiehe Anlage)") habe. ') Der liebe Gott I König Salomo-Sulamith Nr. 763 «» E lloo I sllrgroßvatcr) I Joe n sGroßvater) I Joe IH(Vater) _ Joe, der Wöchentliche Reinhard, Ilse, Hilde, Eva, Hans O S S u* <*> er» c Baldiger Einsendung des Betrages sieht entgegen Joo. KUitud fcuilUton. iti. Ter Hügel. Es war ein großer Hügel. Die meisten nannten ihn sogar Berg. Und wer sich dort am Rande der Stadt, wo das Auge in glatte Straßen oder— nach der anderen Seite— in ein ödes Brachland blickte, noch ein wenig Humor bewahrt hatte, der sagte: unser Gebirge. Oder: unser Wald. Denn auch Bäume gab's auf dem Hügel. Nicht viel; man hätte sie in einer Stunde getrost abzählen können. Magere Föhren in weiten» Abstände von einander, halb verhungert und verdurstet— wie viele von den Menschen, die hierher kamen, um in der Sonne zu sitzen. In der Sonne, die keinen rechten Weg finden konnte zu den Heimstätten, weil sie im ewigen Schatten hoher Mauern lagen. Verkrüppeltes Kieferngebüsch unterbrach den„Hochwald". Eii»e eiirzige Birke krönte den höchsten Punkt mit einem lichtgrüncn Wipfel. Brombcergesträuche ivuchertcn dorncnreich am unteren Rande des Hügels. Ihre spärlichen Früchte wurde» nie reif. Kaum zeigten sie einen roten Schein, so fanden sich auch schon voreilige Finger, die sie abrissen,— nur, daß sie nicht etwa ein anderer be- kam. Ein paar Grasbüschcl noch, in wetten Stauden versprengt— alles übrige war Sand, echter, gelber, märkischer Sand. Die Mensckien, die hier herum wohnten, liebten den Hügel. Da waren alte Arbeitsinvaliden, denen er ein Ziel für ihre Spazier- gänge geworden. Als erste am Tage kletterten sie den sanst an- steigenden Weg hinauf, Schritt für Schritt, gestützt auf den Stock, der die in den Beinen verlorene Kraft ersetzen mußte. An der Sonnenseite fanden sich die Alten zusammen, aßen mit langsame»» Zähnen ihr mitgebrachtes Frühstück, rauchten ein Pfeifchen und er- zählten sich von vergangenen Tagen. Oder schwiegen auch wohl in halb träumenden Sinnen, wenn der Himmel allzu grau über ihnen hing, sahen hinüber in die Ferne, wo die Fabrikschornsteine auf- ragten, und schwarze Rauchfahnen in der Luft flatterten, und dachten der Stätten, die ihr Leben verzehrt. Trug dann der Wind das Signal des Mittags hinüber, so erhoben sie sich schwerfällig und ivandcrten wieder hinab— Schritt für Schritt, den Oberkörper schwer auf den Stock gestützt. Nicht lai»ge Zeit, dann winimelte es auf dem Hügel von leicht. füßigem Volk. Aus allen Gassen in der Nähe kamen sie hervor, ein» zeln und in Trupps— die Jungen und Mädchen, die am Vormittage in der Schule festgehalten wurden. Hier fiel jede Fessel ab. ES stürmte, lief, kroch, lag. schrie, heulte, pfiff und sang am Hügel in frischem, krabbelndem Leben. Wilde Räuberhauptleute mit Papier» düten auf dem Kopf, mit hölzernen..Säbeln" an einer Schnur um den Leib, Indianer, die sich ein paar Hühnerfedern ins Haar gesteckt hatten und die Illusion vorzüglich durch grausiges„Kriegsgeschrei" zu erwecken dachten,— sie alle tobten iin Gebüsch hemm oder „wälzten sich getroffen im Sande". Um die Kaffeczeit nahten dann die Kleinen an Mutters Schürze oder im Wagen oder auf dem Arm. Dann breitete sich's wie ein buntes Feldlager an der Sonnenseite des Hügels auS oder verkroch sich an sehr heißen Tagen unter die Büsche in den Schatten, streckte sich aus im Sande, buk, grub und schaufelte. Großmütterchen, ältere Frauen und allerjüngste Mütter versammelten sich hier, strickten, stickten, häkelten und plauschten. Bis die Sonne hinter die Fabrik- schornsteine kroch und es ansing, kühl zu werden. Dann zog sich'S lachend, singend, zankend in langer Karawane über das Brachland, zerstreute sich in den Straßen und verschwand in den großen dunklen Häusern. Aber noch nnmal, am Abend, bei Sternenjchimmer und Mond» schein— zuweilen auch ohne diese Lichter— näherten sich Gestalten von dort. Zwei und zwei: ein Männlein, ein Weiblein. Pärchen, denen die Stadt zu eng und laut, vielleicht auch zu hell, wandelten um den Hügel, sagten sich geheimnisvolle Dinge und blieben gerade immer dann stehen, wenn ein Baumschatten sie unsichtbar niachte, neigten die Köpfe gegeneinander und sagten nichts. Dann schritten sie, sich umarmt haltend, weiter— zum nächsten Baum. Bis der Abend versank und die schweigsan.: Nacht heraufzog. Dann gingen auch die Pärchen langsam heim. Verlassen lag. der Hügel. Nur das Mondlicht spielte in den dürre» Zweigen und malte helle Bilder im glänzenden Sande. Ein wildes Kaninchen, inagcr wie alles hier, kroch aus dem Bau, schnupperte in der Luft herum und suchte hungernd seinen Appetit an den welken Grasbüscheln zu stillen. Zuweilen wurde es auch wohl darin gestört. Ein letzter ein- samer Gast kau» noch: ein Müder, der keinen Ruheplatz mehr ge- funden im großen Steinhaufen. Der Hügel nahn» ihn willig auf. Gab ihn» die Grasbüschcl, an denen das Kaninchen genagt, zunr Kopflissen, den Sand als Matratze, den Himmel als blaue, mit goldenen Sternchen gestickte Zudecke... So ging:s lange, lange Jahre hindurch an und auf dem Hügek. Tie ii» der Nähe wohnten, konnten sich ein Leben ohne ihn kaum noch vorstellen. Bis plötzlich eines Tages Leute crschimen mit rotwcißen Stangen, langen Bändern und kleinen Apparaten, die auf hohen Stelzfüßen ruhten. Sie guckten lange durch die Gläser des Apparates und maßen Hügelauf, hügelab und ringsherum in weiter Linie. Und schriebe»» alles in ein Notizbuch. Manch unfreundlichen Blick, manche bissige Bemerkung mußten die Geometer einstecken. Aber das half den Erzürnten nichts. Bald darauf schrillte die Säge ain Hügel, hallte die Axt. Baun, um Baum wimmerte und siel. Busch uin Busch häufte sich zu trockenen» Reisig. Endlich stand nur noch die Birke. Einsam, verloren. Ein Rachmittag lvar's. Unten am Hügelrande saßen die Frauen, spielten die Kinder. Aber es war keine rechte Freude in allen. Bitterkeit und Zorn gingen um am Hügel. Bitterkeit und Zorn zitterten in allen Gesprächen der Erwachsenen. Und als sie iioch sprachen von dem Raube', der an ihnen begangen, gab's plötzlich einen schrillenden, sägenden Ton. Die Frauen hielten jäh inne mit ihren Haildarbeiten und brachen das Gespräch mitten im Satze ab. Die Kinder vergäße»» daS Spiel. Aller Augen richteten sich groß zur Spitze des Hügels, zur Birke. Da stände»» zwei Männer und bewegten die Säge. Eine magere Fraucnfaust reckte sich hoch, eine Stimme schrie: Jetzt nehmen sie uns auch noch die Birke I" Dumpfes, grollendes Gemurmel zog um den Hügel. Und ein dürres, verwelktes Großinlltterchen, um das herum drei Enkelkinder im Sande hockten, wischte sich die Augen und sagte mit zitternder Stimme:„Wo sollen wir denn hin mit den Kindern? Alles nehmen sie uns." „Ja, alles nehmen sie uns!" Das Wort pflanzte sich fort, und hundert magere Häiidc reckten sich drohend auf. Die Birke neigte ihr lichtgrüncs Haupt, lvankte und siel. Da schrien sie unten, als hätte die Säge daS eigene Fleisch ge- schnitten. Mit zornigem Herzen gingen sie Hein».... Jetzt erstrecken sich hier glatte, saubere Straßen mit hohen Häusern, schönen Pflastersteinen und breiten Fliesen. Der Hügek ist längst abgetragen. Vorn>»n den Häusern klebe» Balkons und Figuren von Stuck. Drtf �.üösen ist es enge und dunkel. Dort erzählen sie noch heute von jenem Hügel— und wie herrlich er war. Daß»r den Kindern ei» freier Tuinmclplatz ge- Wesen und ihnen Sonne wurde, so viel sie mochten. Und die Stimme zittert. Und der Zorn erwacht..,,— -r- Ter Obstbau im nördlichen Böhmen. In Böhmen wird der Obstbau im Große» betrieben. Die Hälfte alles Obstes, das da? Land erzeugt, wird im nördlichen Böhmen, im Elbethal und im Mittelgebirge gewonnen. Die Ernte beträgt hier etwa eine Million Zentner. Von den vier Hauptobstarten, die angebaut werden, haben, wie wir einem Artikel im„Praktischen Ratgeber im Obst- und Gartenbau"(Nr. S) entnehmen, Pflaumen und Birnen die gröhte Bedeutung für das Land. Aussig ist der Mittelpunkt des böhmischen Obsthandels. Von den Pflaumen wird hauptsächlich die gewöhnliche Hauspflaume(Zwetsche) gepflanzt. Vor zwanzig Jahren wurden die Früchte fast alle gedörrt. Jetzt sind Serbien und Bosnien die Länder, die gedörrte Zwetschen exportieren, und mit denen Böhmen darin nicht konkurrieren kann. Dagegen hat es die zentrale Lage des Landes in Europa und die Verbesserung des Eisenbahntransportes mit sich gebracht, das; Böhmen frische Pflaumen in großem Matzstabe exportieren kann. Selbstverständlich aber ergibt frische Ware höhere Preise als gedörrte. Da Pflaumen leicht verderben, so werden sie nicht mehr auf dem langen Wasserwege, sondern mit der Bahn versandt. Nur nach Sachsen wird eine geringe Menge der Früchte auf der Elbe transportiert. Die Ausfuhr frischer Pflaumen bis nach England findet nur dann statt, wenn England selbst keine Pflaumen erntet, und auch in Frankreich, in Thüringen und in der Rheingegend die Ernte ausbleibt oder mätzig ist. Im anderen Falle kann Böhmen nicht konkurrieren, da die Bahnfracht bis Hamburg sehr hoch und der Weg sehr weit ist. Die Pflaumen werden in Böhmen von Ende August an exportiert, zuerst natürlich die aus günstigen warmen Lagen, zuletzt, noch im Anfang November kommen die Früchte aus dem Gebirge zum Versand. Sehr geschätzt sind die Birnen Böhmens. Am meisten angepflanzt werden die Sorten Solanerbirne(Salander), Boscs Flaschenbirne(Kaiserkrone), weitze Herbstbuttcrbirne(Beurre blanc), Liegels Winterbutterbirne(Amorette). Wohl werden auch noch verschiedene andere Sorten kultiviert, doch beschränken sich die Obstwirte mehr und mehr auf den Anbau dieser vier Sorten, indem sie dem Erfahrungssatze folgen, Satz nur wenige Sorten, im grohen gezogen, in beliebigen Mengen leicht zu verkaufen sind. Die böhmi» scheu Birnen werden fall alle in frischem Zustande exportiert. Der Transport geschieht mit Eisenbahn und in Obstkähnen. Zillen. Die letzteren können etwa 2000 Zentner bewältigen. Früher, als die Markthallen in Berlin noch nicht bestanden, und als die Eisenbahn- Verbindungen noch weniger gut waren, war der Transport in Zillen größer, heutzutage nimmt die Ausfuhr per Eisenbahn immer mehr zu. Bei schlechten Absatz werden auch Birnen gedörrt. Die Ausfuhr an Aepfeln ist in Böhmen sehr zurückgegangen. Tirol, Steiermark, die Schweiz, Deutschland und Holland haben Böhmen darin den Rang abgelaufen, da in diesem Lande die Sorten entartet sind, und neue geeignete Sorten nicht zur Anpflanzung ge- langten. Bekannt sind vonden böhmischen Apfelsorten besonders die roten Hähnchen(Jungfernapfel), die As Weihnachtsäpfel be- liebt sind. Im Gegensatz zu den Birne; werden die Aepfcl in sehr vielen Sorten angebaut. Die Händler können infolgedessen keine gleichmäßige Ware in großen Mengen bekommen, und das hindert den Absatz überhaupt. Während aber an Aepfeln immerhin noch 100 bis 120 000 Zentner im frischen und 2 bis 4000 Zentner in gedörrtem Zustande exportiert werden, beträgt die Ausfuhr an Kirschen nur etwa 10 000 Zentner. Aber natürlich ist Böhmen in- folge seines milden Klimas besonders für den Anbau von Birnen prädestiniert, derjenigen Obstart. tvelche in warmen Lagen an Güte wesentlich zunimmt.—• en. Eine Fischllberschwemmung. Eine amerikanische Zeitschrift veröffentlicht«ine Photographie, bei deren Anblick einem Angler das Wasser im Munde zusammenlaufen müßte. Sie ruft geradezu die Besorgnisse jenes Naturforschers in Erinnerung, der heraus- gerechnet hatte, daß, wenn alle Heringseier im Ozean wirklich aus- kommen und zu ausgewachsenen Fischen werden würden, es nur wenige Jahre dauern könnte, bis das Weltmeer in seiner ganzen Ausdehnung gleichmäßig von diesen Fischen erfüllt sein würde. Hier handelt es sich jedenfalls um einen tatsächlichen Fall, der übrigens lehrt, daß der Fischreichtnm eines Flusses nicht imnier ein Vorteil ist. Im nördlichen Teil von Kalifornien liegt der Klare See(Law Clear) in einer höchst malerischen Gegend. Er wird von zahlreichen Bächen und Flüssen gespeist, unter denen der Kelsey einer der wichtigsten ist. In jedem Frühjahr steigen die Fische diesen Fluß hinauf, um zu laichen, und zwar in so ungeheueren Massen, daß die Wagen, wenn sie eine Furth im Flusse durchfahren, oft die Fische unter ihren Rädern zerdrücken. Es kommt aber auch vor, daß infolge einer Dürre im Quellgebict des Kelsey die Wasser schnell fallen, und dann bleiben unzählige Fische in den großen Pfützen gefangen, in die sich der Bach auflöst. Dauert die Dürre an, so kommen die Fische ganz aufs Trockene und sterben millionenweise. Die Farmer aus der Umgebung versammeln sich dann mit Wagen, um den von der Natur gelieferten Dünger auf ihre Felder zu fahren, wo er ausgezeichneten Nutzen bringt, wie ja auch die Japaner die Fische in großem Matz- stab zu solchem Zweck benutzen. Unglücklichcrioeise sind aber die Opfer des Kelseh-Flusses so unglaublich zahlreich, daß sie nicht alle fortgeschafft werden können. Dann verpesten sie die Luft der Um- gcbung und machen die Ufer des Flusses ganz unbewohnbar. Im vorigen Jahre mußten sogar die Bewohner der Stadt Kelsey, die 1)4 Kilometer vom gleichnamigen Flusse entfernt liegt, flüchten, weil es in der Ortschaft infolge des von der Fischübcrschwemmung her- rührenden Geruches nicht auszuhalten war.— Verautwortl. Redakteur: Paul Büttner, Verlin.— Druck und Verlag: Zur Geschichte der chinesischen Papierfabrikation. Wiesner teilt in den„Sitzungsber. d. Wien. Akad. d. Wissensch.", 148. Bd., 1904, über die Materialien von vier Manuskripten ostturkestanischen bezw. tibetanischen Ursprungs mit, daß die Resultate von neuem den Beweis liefern, wie die der arabischen vorangegangene chinesische Papiererzeugung mit der Verarbeitung roher Baste dikotyler Pflanzen begann, denen bereits frühzeitig als Surrogat zerstampfte Hadern- masse zugesetzt wurde. Auch daß schon von den Chinesen zur Lcimung des Papieres Stärke zur Verwendung kam, bestätigen die neuen Untersuchungen. Es fei dabei erwähnt, daß die ersten Ver- suche, das Papier beschreibbar zu machen, darin bestanden, es mit einem Schreibgrund(Gips) zu versehen. Hierauf folgte der Ver- such, durch eine aus Flechten bereitete Gelatine das Papier zu leimen. Sodann kam die Imprägnierung des Papieres mit roher, trockener Stärke zur Anwendung(Tibet?), daran schloß sich die Anwendung eines Gemisches von dünnem Kleister mit unveränderter Stärke, bis man erkannte, daß eS behufs Leimung am zweck- mätzigsten sei, bloß Kleister anzuwenden. Die überwiegende Mehr» zahl des alten chinesischen Papieres ist auf diese Weise beschreibbar gemacht worden. Die arabischen Papiere sind bereits durchweg mit reinem Kleister geleimt. Ein Stärkezusatz diente wohl nur zur sogenannten Füllung des Papieres.—(„Globus".), Theater. DeutschesTheater. W i lh e l m T e kl von S ch i ll e r. — Die Aufführung bewegte sich im allgemeinen auf mittlerem Niveau, sie blieb in einigen Hauptrollen, im Aufbau der großen Rütliszene und namentlich auch in der malerisch dekorativen, für den Stimmungsreiz so wichtigen Ausstattung beträchtlich hinter der Tell- Vorstellung des Schiller-Theaters zurück. Der Attinghausen des Herrn Holthaus im Schiller-Theater war eine ganz hervorragende, tief der Erinnerung sich einprägende Leistung, der Darsteller des Tell, mochte fein Spiel auch keine besonderen Feinheiten zeigen, wirkte durch eine volkstümliche Heldenerscheinung, und die Feierlichkeit des nächtlichen Volksthings wurde durch keine trivialen Mibklänge, wie es deren im Deutschen Theater gerade in diesem Auftritt so viele gab, gestört.— Der Tell des Herrn Sommer st orff verdiente Achtung, durch den Fleiß und das Verständnis, mit dem der Schau- spieler sich in die Rolle, die ihm nach seiner Natur so wenig lag, hineingearbeitet. Der Kampf der widerstreitenden Empfindungen, als der Landvogt den Apfel vom Haupte des Knaben zu schießen gebietet, die wild ausbrechende Empörung nach dem Meisterfchuß, der Abschied von dem Knaben, das Hin und Her der wechselnden Gedankcnbilder in dem berühmten Monolog des vierten Aktes, das alles kam wohl abgerundet zum Ausdruck, bewies des Künstlers Herrschaft über seine Mittel. Aber das Knorrig-Urwüchsige des schweizerischen Volksmannes, der Grundton des Charakters, aus dem der Glaube an seine Wirklichkeit erwächst, lag außerhalb der Grenzen dieser Mittel. Die Schillernase, die schlank und geschmeidige Gestalt, eine gewisse offenbar nur mühsam verhüllte Eleganz, Dinge, die Sommerstorff als Marquis Posa so treffliche Dienste leisteten, mußten in dieser Rolle notwendig der Illusion entgegenwirken. Schlicht natürlich, voll warmer Herzlichkeit spielte Gertrud Arnold, die Gattin Tells; Paul Askonas hatte in der Rolle Attinghausens einige glückliche Momente, ebenso Herr P a e s ch k e, der für den erkrankten Geisenhöfer eingesprungen, in der Rolle des Melchthal: sympathisch skizzierte Schläger den alten Walther Fürst, in kleinen Episodenrollen zeichneten Klara Rabitow(Armgard), die Herren Arndt und Marx als vor dem Hut postiertes Söldnerpaar sich aus. Was aber im Guten dem Abende die Signatur gab und für viele der Mängel entschädigte, das war die Darstellung des Getzler durch Albert Hein«, dem Gast vom Burg-Theater, der im Herbst des Jahres in den Verband der Lindaubühne eintreten wird. Das blutlose, von vielen feinen Falten durchzogene Geficht mit der wulstig herabhängenden Unter- lippe sah wirklich lvie ein Bild des Schreckens aus; unheimlich huschte in dem flüchtigen Lächeln boshafte Schadenfreude drüber hin, und die Worte klangen hart und ehern, e:i Widerhall des Inneren, der ungebändigten, vor keinem Ffrevr' zurückscheuenden Herrschsucht.— dt. Hnmoristisches. — Vorbehalt. Lehrer:„Wie heißt denn Dein Vater?" Junge:„Mein verstorbener Vater heißt Huberl" Lehrer:„Und Dein jetziger?" Junge:„Die Mitter hat g'sagt: Wenn nix mehr dazwischen kommt. Müllerl"— — Trost.„Mein aufrichtigstes Beileid, gnädige Frauk ... Aber was hat denn Ihrem seligen Herrn Gemahl eigentlich gefehlt?" „Ach, eine schwere Lungenentzündung, Herr Medizinalrat l" „Na na,'s wird nicht so schlimm gewesen fein!"»—> — Ahnungsvoll. Kaufmann(der mit seinem Ge- schäftsfreund im Wirtshaus einen Disput hat. leise zu seiner Frau): „Sobald er„Lump" sagt— da geh'n wir, Rosalie... Ver» standen?!"—(„FlieMnde Blätter".) Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LrCo.. Berlin LIV.