Zlnterhaltungsblatt des Horwürls Nr. 62. Dienstag, den 28. März. 1905 (Nachdruck verboten.) si Sine Pilgerfahrt. Von Johan Bojer. Autorisierte Uebersetzung von Adele Neustädter. Der Professor nickte wieder vor sich hin.„Ich verstehe, Sie wollen nicht sofort unter Menschen. Sie müssen erst eine Zeitlang vergessen lernen." Sie lächelte vertrauensvoll. Alles ahnte dieser Mann. „Falls man Ihnen jetzt eine gute und angenehme Stellung, zum Beispiel als Wirtschafterin bei einem reichen norwegischen Witwer in einer Waldgegend in Schweden, ver- schaffen könnte. Möchten Sie solch eine Stellimg über- nehmen?" Sie dachte:„Nach Hause kannst du noch lange nicht reisen. Dies ginge vielleicht an." Und sie dankte dem Professor: sie fühlte, daß alles, was dieser kluge Mann vorschlug, ausgezeichnet war. . So ging er wieder, nachdem er, wie ein guter Vater, noch einmal über ihr Haar gestrichen hatte. Einige Tage darauf stieg eine schmale, bleiche Frau zur Dämmerungszeit in einen Wagen, der vor der Anstalt hielt. Als der Wagen fortfuhr, blickte sie auf das Tor und die niederen Gebäude in den leeren Garten zurück. Sie meinte, sie sei wenigstens ein Jahr dort gewesen. Noch lagen dort junge Frauen, jetzt kam bald die Grütze zum Abendbrot! Die Straßen lärmten, der Wagen rollte weiter. Sie hatte noch Kleider bei dem Nähmädchen in Sagene und wollte vielleicht dort übernachten. Spät abends saß sie in ihrer Dachstube und schrieb wieder einen glückstrahlenden Brief nach Hause: „Liebe Mutter! Jetzt habe ich die Haushaltungsschule durchgemacht und nun höre: Die Vorsteherin hatte den Auf- trag, der besten Schülerin eine ausgezeichnete Stelle bei einem reichen, kinderlosen Witwer in Schweden zu verschaffen, und sie erwählte mich. Ich wollte ja so gern etwas Geld ver- dienen, und außerdem war es ja eine Ehre. Sei nicht böse. Ich nahm an. In einem Jahre kehre ich zu Euch zurück und will dann so gut zu Euch sein. Einliegend eine kleine Bank- Note für Dich, Mutter; ich habe auf mein Gehalt etwas Vor- fchuß bekommen." Und in diesem Stile schrieb sie weiter. Aber als der Brief geschlossen war, blieb sie starrend sitzen. Sollten diese Unwahrheiten nie ein Ende nehmen! Jede Lüge schnitt ihr ins Herz und doch war sie nötig. Sie tonnte ihre Eltern nicht töten. Sie ging hinunter, warf den Brief in den Postkasten und kaufte sich frische Weißbrote und eine Kanne Milch. Sie wollte im Bett zu Nacht essen. O Gott, wie würde es in einem Bette schmecken, das nicht nach Krankenhaus und Wöchnerin roch. Aber als sie in ihrem alten Bette lag, dessen Vorhänge aus schmutzigem Baumwollstoff waren, vergaß sie zu essen, und die Augen fielen ihr zu. Sie versank in ein großes, leeres Nichts, worin es sich herrlich weilte. Am Morgen er- wachte sie, stützte sich auf den Ellbogen und aß einige Brödchen, dann sank sie wieder zurück und schlief weiter. Abends wollte sie aufstehen, die Brüste waren so angespannt, sie prickelten und stachen. Aber sie nahm nur etwas Milch,— und ehe sie es wußte, sank sie wieder in die Kissen zurück. Endlich, endlich konnte sie in Ruhe schlafen. V. An einem Apriltage saß sie an einem Coupöfenster, während der Schnellzug durch Smaalenene brauste. Höfe und braune, teilweise beschneite Aecker wurden sichtbar, dann eilte man wieder durch Ebenen mit Kieferwäldern, die sich am Regenhimmel wie in grauer Finsternis verloren. Die letzten Tage waren durch Beschaffung einer kleinen Ausstattung ausgefüllt worden; die fünfhundert Kronen, die sie empfangen, waren ihr gut zustatten gekommen. Jetzt konnte sie sich wenigstens auf anständige Art vorstellen. Und sie fühlte sich wieder erholt und ausgeruht, die Verordnungen des Professors, der Malzextrakt, das Bockbier und die Voll- milch hatten sie binnen kurzem init guter Laune und frischen Kräften versehen. Und vor allem entfernte sie sich aus der Stadt, wo sie in steter Angst vor Entdeckung gelebt und wo sie so viel durch- gemacht hatte. Zuletzt hatten die trüben Erinnerungen aus der Anstalt sie wie ein unheimlicher Traum verfolgt, woraus sie nicht mehr erwachen konnte. Sie fuhr des Nachts auf und bildetete sich ein, sie liege noch in dem großen Saale, der Angstschweiß stand ihr auf der Stirn, wenn sie nicht sofort merkte, daß sie nur träume. Aber jetzt entfernte der Zug sie von der Stätte ihres Unglücks, von allen bösen Erinnerungen, — und als schließlich die schwedische Sprache an ihr Ohr klang, atmete sie in glücklicher Befreiung tief auf. Jetzt kannte niemand ihre Geschichte, jetzt konnte sie ruhig allen ins Auge blicken, jetzt würde in einem neuen Lande ein neues Leben be- ginnen. Während der Zug durch die schwedische Ebene eilte, saß sie mit geschlossenen Augen und lehnte sich gegen die Wagen- kissen zurück. Und die Empfindung, aus dem Finstern dem Lichte ent- gegenzureisen, erfüllte sie mit innerem Jubel. Die sich nähernden beängstigenden Gedanken gewannen keine Macht. Sie hatte seit einem Monat keine Nachricht von den Eltern, aber es konnte auf einem Zufall beruhen. Sie wollte jetzt fröhlich sein. Wie durch ein Wunder war sie vor dem Zu- grundegehen gerettet worden; warum sollte sie nicht glücklich sein? In Schweden würden alle sie achten; sie würde es gut haben; konnte ihren Eltern jeden Abend schreiben, nur die Wahrheit, nur zärtliche Worte; auf diese Weise lebten sie fast vereint. Es würde herrlich werden. Sie blickte in die Landschaft; die Sonne begann über nasse Felder und Bäume zu leuchten. Und diese lichte Stim- mung veranlaßte sie, wie immer in der letzten Zeit, an das Kind zu denken. Sie hätte vielleicht doch seinen Namen be- stimmen sollen. Karl, Herman, Olaf, oder... Und sie be- gann sich die schönsten Namen auszudenken. Wenn man sich anhaltend mit etwas beschäftigt, so ver- langen die Gedanken einen Rahmen,, und so gewann sie nach und nach die Gewißheit, das Kind sei in Christianssand. Der Mann war wahrscheinlich Stiftsamtmann. Groß, elegant, mit weißem Backenbart und goldener Brille. Und die Frau? Dick, streng, in Seide gekleidet. Einst würden diese Menschen einen Sohn haben, den sie... ihnen geboren hatte. Und während sie weiter an dieses Kind dachte, empfand sie ein seltsames Wohlbehagen und lächelte unbewußt. Gegen Mitternacht langte sie an ihrem Bestimmungsorte an. Eine kleine Stadt, wo die Laternen schon ausgelöscht waren; die kleinen Holzhäuser schimmerten im Mondenschein. Ein Wagen mit zwei Pferden erwartete sie und bald saß sie mit ihrem Gepäck darin und rollte über eine breite Land- straße... Sie fuhr durch ein dichtbewaldetes Tal, in dem ein Bach toste. Die Wagenräder knirschten auf der gefrorenen Straße, und das Eis knisterte unter den Hufen der Pferde, die im Galopp rasten. Nach einige?: Stunden näherte man sich großen Fabrikgebäuden, deren dunkle Schornsteine gen Himmel ragten. Dann folgte eine kleine Stadt mit Arbeiterhäusern, und endlich bog der Wagen in eine breite Allee ein, und große, herrschaftliche Gebäude wurden sichtbar. Ein beklemmendes Gefühl schnürte das Herz der jungen Frau ein. Wie wollte sie dieses große Haus leiten, in welches tollkühne Abenteuer hatte sie sich gewagt! Ein einziges Fenster war beleuchtet: es verschwand fast hinter den Bäumen des Gartens. Aber als der Wagen vor die Eingangstreppe rollte, trat ein Manir heraus und stellte sich als Großhändler Flaten vor; es war der Hausherr. Mit einer galanten Verben g?ing reichte er ihr den Arm und führte sie herein. Das �Speise- ziminer war erleuchtet, ein Tifch tvar gedeckt, u??d er führte sie hin und leistete ihr während des Essens Gesellschaft. Nachdem sie Platz geilommen, unterbrach er plötzlich das Gespräch über ihre Reise und sagte lächelnd: „Verzeihen Sie, Fräulein, aber ich weiß immer noch nicht Ihre?? Namen!" � Sie fühlte, daß sie errötete, und beugte sich über dm Teller, während sie antwortete:„Mein Name ist Asolt, Regina Asolt." Lange war der Name nicht über ihre Lippen gekommen; sie empfand' es als ein wichtiges Ereignis. Der Großhändler hob sein Glas und stieß mit ihr an, und dann begann er, sie über Christiania auszufragen. Es war ein Fünfzigjähriger, war dick, kahlköpfig, trug unter der krummen Nase einen grauen Knebelbart. Seine Augen blickten jedoch so gutmütig und sein ganzes Wesen war schlicht. Er erzählte, er sei aus Hamcr, habe als zwanzig- jähriger Mensch eine kaufmännische Stellung in Spanien an- genommen und habe dort sein Glück gemacht. Vor einigm Jahren hatte er diese Besitzung wegen der Waldungen gekauft, vor einem Jahre sei seine Frau gestorben, seitdem fühle er sich hier nicht länger wohl: am liebsten möge er alles losschlagen und nach Norwegen übersiedeln. Regina vergaß, daß er ihr fremd war. Seine Unmittelbarkeit machte sie so sicher, er be- trachtete sie ohne Herablassung und Mißtrauen, es berührte sie so neu und wohltuend. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten� Der Schnellzug der Zukunft* Von I u l e s V e r n e. „Achtung I" rief mein Begleiter,„hier ist eine Treppe." Ich stieg die Treppe hinunter und befand mich in einem lang- gestreckten Saal, der hell erleuchtet war durch eine Anzahl elektrischer Lampen mit blendend strahlenden Reflektoren. Es herrschte in diesem Saal eine tiefe, feierliche Stille. Keine Menschenseele toar zu sehen. Wo war ich? Was wollte ich hier? Wer ivar mein ge- heimnisvoller Begleiter? Alle diese Fragen, die ich mir stellte, blieben ohne Antwort. Wir gingen noch einige Zeit durch dunkle Gange, stiegen- Trep- Pen hinab, kamen von einem Raum in den anderen durch metallene Türen, die schwer hinter uns zufielen. „Sie denken sicherlich darüber nach, Herr Verne, in wessen Hände Sie eigentlich gefallen sind, nicht wahr?" nahm mein Führer das Wort.„Sie gestatten deshalb, daß ich mich Ihnen vorstelle: ich bin der Kolonel Pierce." „Sehr angenehm. Wer wo bin ich hier?" „Hier? Sie- sind in Boston, in Amerika, in einer der Sta- tioncn." „Stationen? Was für Stationen?" „Ja, in der Station der Boston-Liverpool-Pneumatic Tubes Company." Und mit einer erklärenden Handbewegung wies der Ko- loirel ans zwei lange, nebeneinander liegende eiserne Zylinder hin, deren Oeffnnngen von etwa anderthalb Meter Durchmesser aussahen, wie die Eingänge zu zwei kleinen Tunnels. Ich betrachtete mit Er- staunen diese riesigen eisernen Röhren, die in einer festen Mauer zu verschwinden schienen. Mit einemmal ging mir ein Licht auf. Vor einiger Zeit hatte ich in amerikanischen Zeitungen gelesen, daß ein gewisser Kolonel Pierce sich als Erfinder einer neuen Ver- bindung zwischen der alten und der neuen Welt angemeldet hatte. Dieser stolze Erfinder wollte nämlich den Riesenplan zur Ausführung bringen. Europa und Amerika durch zwei unterseeische Tunnels zu verbinden. Denselben Herrn Pierce hatte ich also vor mir. In Gc- danken las ich noch einmal die Einzelheiten jener Artikel durch und mir schössen wieder die ungeheuren Zahlen durch den Kopf, von denen dort die Rede gewesen war. Sechzehnhunderttausend Kubikmeter Stahl zu einem Gesamgewicht von dreizehn Millionen Tonnen: zwei- tausend Schiffe von je zweitausend Tonnen, welche drciundreißigmal die Reise zwischen Europa und Amerika unternehmen mutzten, um das Material nach den beiden Hauptschiffen zu bringen, die an der amerikanischen und englischen Küste stationiert waren, und auf denen sich die beiden äußeren Enden des anzulegenden Eisentunnels befanden. Dieser Tunnel sollte aus aneinander geschraubten Stücken von drei Meter Länge bestehen, während das Ganze in ein drei- jaches Netzwerk von Stahl und in einen Mantel von guttapercha- artigem Stoff eingehüllt war. In diesen Riescnröhren nun sollte-ine Reihe Waggons ange- bracht werden, die durch künstlichen Luftdruck, ähnlich wie die Gegen- stände in einer Rohrpost, fortbewegt wurden. Im Vergleich z» den jetzigen Eisenbahnwagen waren diese Waggons ein großer Fortschritt. Vor allen Tingen fiel das ermüdende Schütteln weg, und was die Preise anlangt, so waren diese wegen der Einfachheit der Fortbc- wcgung von einer fabelhaften Billigkeit. Und bezüglich der Schncllig- keit stand die neue Erfindung unerreicht da. Bei der Vorzüglichkeit der Einrichtung war es möglich, zehnhundertundscchsundscchzig Kilo- meter in einer Stunde zu durchfliegen. Dies alles trat mir nach und nach vor Augen. Und dieses so ge- waltige, ans Unglaubliche grenzende Unternehmen war nun Wirklich- keit geworden. Die beiden Röhren sah ich da vor mir. Und doch war es mir nicht möglich, mich von der Wirtlichkeit dessen zu überzeugen, was ich sah. Mochle es auch Tatsache sein, daß die Tunnels fertig waren, so konnte ich doch nie und nimmer annehmen, daß barin Menschen die ungeheure Entfernung zwischen Amerika und Kuropa zurücklegen würden. Vor allem schien es mir unmöglich, einen Luftstrom von solcher Stärke und solcher Länge ins Leben zu rufen. Dieses Bedenken äußerte ich auch unumwunden meinem Be«. glciter, dem Kolonel Pierce. „O, ich bitte Sie," antwortete dieser,„nichts leichter als das; wir haben dazu nur die genügende Anzahl Blasebälge nötig ahn- lich denen, die man bei den Hochöfen verwendet. Dadurch wird die Luft, wenn ich mich so ausdrücken darf, mit grenzenloser, ungeahnter Gewalt fortgetrieben: und durch diesen Orkan von ungeheurer Schnelligkeit mitgeschleppt, wird unser Zug die viertausend Meilen, die zwischen Boston und Liverpool liegen, in z!vei Stunden und vier- zig Minuten zurücklegen, also fast mit der Schnelligkeit einer Kano- nenkugel." „In zwei Stunden und vierzig Minuten?" wiederholte ich, vor Staunen fassungslos. „Jawohl, nicht mehr und nicht weniger. Und welche ungcwöhn» lichen Umstände hat wieder diese außerordentliche Schnelligkeit im Gefolge I In Liverpool ist man uns hier zu Boston mit der Zeit um vier Stunden und vierzig Minuten voraus; ein Reisender, der also um neun Uhr aus Boston abreist, kommt in Liverpool nachmittags drei Uhr und fünfundvierzig Minuten an. Wo in aller Welt hat man es bisher erlebt, daß einem ein Tag so schnell vergeht? Und auf der anderen Seite, wenn jemand Liverpool mittags zwölf Uhr verläßt, ist er bereits vormittags neun Uhr vierunddreißig Minuten in Boston, hat also die Reise in weniger als gar keiner Zeit zurück» gelegt, und es bleiben ihm noch zweiundeinehalbe Stunde bis zur Mittagszeit, also derselben Zeit, zu welcher er aus Liverpool abge- reist ist. Wenn das nicht das Eigenartigste ist, das bisher auf der Welt vorgekommen, will ich nicht Pierce heißen." Ich wußte nicht mehr, was ich denken sollte. Hatte ich hier mit einem Irrsinnigen zu tun, oder sollte ich den fabelhaften Ausfüh- rungen wirklich Glauben schenken, auch wenn mein Geist sich noch so sehr dagegen sträubte? „Schön," sagte ich endlich,„nehmen wir einmal an. daß dies alles so ist, lassen wir unsere Reisenden diese tolle Fahrt unter- nehmen, lassen wir sie fortfliegen mit dieser teuselartigcn Geschwin- digkeit, von der Sie soeben gesprochen haben; aber— wie wollen Sie die Schnelligkeit verringern, wie wollen Sie bremsen, wie wollen Sie Ihre Wagen zum Stillstehen bringen? Bei einer solchen Schnel- ligkeir mutz doch alles in tausend und abertausend Stücke zer- splittern." „Durchaus nicht," erwiderte der Kolonel, während er mitleidig mit den Achseln zuckte.„Durch unsere Tunnels laufen fortwährend Luftslröme in entgegengesetzter Richtung. Wenn ein Zug Boston verläßt, verständigt jedesmal der Telegraph das Personal in Liver- pool, welches dann die nötigen Maßregeln trifft, um die Schnellig- keit dcö ankommenden Zuges zu mindern und ihn schließlich zum Halten zu bringen. Es wird einfach ein Riesenventil geöffnet, wo- durch der Luftstrom aus dem Nebentnnnel mit Macht in den ersteren strömt, dem ankommenden Zug entgegenläuft, anfangs als Bremse und schließlich als Riesenpuffer wirkt. Doch weshalb soll ich Sie noch länger mit der Erklärung von Dingen cnnüden, die Sie praktisch am besten versuchen können." Und ohne meine Antwort abzuwarten, zog er an einem ver- nickelten Handgriff, eine Tür schob sich zur Seite, und durch die Oeff- nung, welche so entstand, gewahrte ich einen prachtvoll ausgestatteten, elettrisch erleuchteten Salonwagen mit langcn Reihen kleiner, für zwei Personen eingerichteter Sofas. „Das ist unser Wagen," sagte er, während er in das Innere trat. „Bitte, folgen Sie mir." Ich trat ein, und der Kolonel schloß die Tür hinter uns. Ich konnte es nicht unterlassen,»«ine Blicke noch einmal in die Runde schweifen zu lassen. Der Wagen schien ein langer Zylinder zu sein. An der vorderen und hinteren Seite waren Einrichtungen an- gebracht für Luftwechsel und Luftreinigung. Die frische Luft strömte von vorn unbemerkt nach innen; die verdorbene verließ den Raum an der hinteren Seite. Die Regulatoren, welche zu diesem Behuf ange, bracht waren, regelten die Zufuhr je nach der Schnelligkeit der Be- wcgung. Nach einigen Augenblicken begann ich nach der Fortsetzung des so geradezu märchenhaften Erlebnisses zu verlangen. „Wann fahren wir ab?" Der Kolonel sah mich mit einem merkwürdigen Blick von der Seite an. „Abfahren? Mein lieber Freund, wir sind ja schon lange unter- wegs." „Unterwegs? So ganz, ohne daß wir etwas gemerkt haben?" Der Kolonel nickte. „DaS ist eben die unvergleichliche Verbesserung gegenüber dem unbequemen und aufreibenden Fahren in den EisenbaHnzügen." Ich lauschte aufmerksam, begierig, irgend ein Geräusch aufzu» fangen. Wenn der Kolonel mich nicht zum besten hatte, mußten wir jetzt schon in rasender Fahrt tief unter den Wogen des atlantischen Ozeans fortfliegen. Ich hörte indessen nichts, als ein dumpfes, ganz leises Geräusch, das, wie ich vermutete, durch die Fortbewegung ünsercs ZugcS hervorgebracht wurde. Mein Erstaunen wuchs von Minute zu Minute, und ich saß still und in mich gekehrt da und starrte vor mich hin. Auf dies« Weise ging etwa eine Stunde dahin, als mich plötzlich ein Gefühl der Kälte aus meiner Stirn und ans meinem Gesicht äus meiner zeitweiligen Betäubung aufweckte. Ich richtete mich auf und fa�te mit der Hand nach meinem Gesicht. Es war über und über naß. Wie war das möglich? Wie konnte mein Gesicht naß geworden sein? War die Hülle um den Tunnel beschädigt, und kam der Ozean nun tropfenweise durch die Poren der stählernen Wand nach innen? Eine unbeschreibliche Angst kam über mich; ich fühlte, wie mir die Schweißtropfen neben dem Wasser, das schon lange mein Gesicht bc- feuchtete, von der Stirn rannen. Das Gefühl der Kälte wurde immer stärker, die Angst immer entsetzlicher, ich wollte dem Kolonel Pierce zurufen, um Hülfe schreien— „Aber Jules, Mann, sitzt Du denn immer noch da? Es regnet jal" rief meine Frau von fern. Ich erwachte und saß ruhig in meinem friedlichen Garten, wäh- rend ein frischer Mairegen herniederströmte, dessen dicke Tropfen meinen Schlaf und meinen Traum unterbrochen hatten. Vor mir auf dem Tisch lag ein Päckchen amerikanischer Zeitungen; die Nummer mit dein bewußten Artikel, in welchem mit echt amerikanischer Großsprecherei über eine neue Verbindung mit Europa gesprochen wurde, lag neben mir auf dem Boden. Ter Schlaf hatte mich beim Lesen übermannt, und während des Schlafes mein Geist das an- gefangene Thema weitergcsponnen. Ich fürchte aber, daß die Idee des Kolonel Pierce ebenso wie mein vermeintliches Erlebnis sich als ein Traumbild erweisen werde.— Kleines feuiUeton. th. Tie Ttiftsdainc.„Ja, meine gräßliche Gegend!" seufzte Frau Bcrgcr,„ich wollte auch, ich könnte wieder weg. Dieses ab- scheulichc Volk, was da wohnt! Der ganze Norden ist so! Stunden- lang kann man gehen und begegnet keinem Herrn und keiner Dame, bloß Arbeitern und Arbeiterwcibern und da soll man nun sein Lebcnlang aushalten." „Aber so ziehen Sie doch einfach aus!" rief Fräulein Sophie. „Als ob das so„einfach" wäre." Frau Berger lachte kurz auf. „Das kostet Geld," nickte Frau Kalkulator Fischer etwas ironisch. „Ach, wenn es nur das wäre!" meinte Frau Bergcr geziert. „Geld würde ich mit Freuden bezahlen." „Na aber... Was?... Warum?..." „Frau Bergcr ist doch im Stift," fiel Sophies Mama ein. „Ach— so— ol Sie schritten langsam durch den Tiergarten weiter. „Dank meiner lieben Schiviegertochter," sagte Frau Berger. „Sie hielt es ja für das Beste, daß ich dahin ginge: einzelne Damen sind im Stift am allerbesten aufgehoben. Ich dachte es auch damals. Na, der Rcinfalll" „lind Sie können nicht wieder heraus?" fragte Frau Kalkulator Fischer. „Dann verlieren Sie doch Ihr ganzes Geld," sagte die Mama etwas spitzig. „Na solche Gemeinheit!" rief Frau Kalkulator. „Ja, das verstehen sich die schon einzurichten," nickte Frau Berger.„Willst Du'rein, kostet's fünfzehnhundert Mark, willst Tu 'raus, laß Dein Geld und Deine Sachen da. Nun, das kann ich doch nicht, wovon soll ich denn leben?" „Es ist einfach empörend!" bestätigte die Frau Kalkulator. „Und es Ivohnt sich nicht hübsch da draußen?" fragte Fräulein Sophie neugierig.„Ich Hab mir das immer sehr hübsch gedacht. Man ist nicht allein, man hat im Sommer einen Gartenplatz, hat Gesellschaft..." „Gesellschaft!?" rief Frau Berger.„Na d i e Gesellschaft! Ja. wenn noch Damen da wären die bezahlten! Die Zahlstellen sind ja aber alle frei, bloß die Freistellen sind besetzt. Und was ist'n da? Olle Stähfrauen und sowas. Die feinste ist'nc Tischlerwitwe, die mir und mich verwechselt." „Scheußlich!" sagten die anderen einstimmig. „Und mit sowas müssen Sie leben, Sie Acrmstc?" bedauerte Fräulein Sophie. „Na. ich kann Ihnen sagen!..." Frau Berger seufzte wieder. „Was ich so aushalten muß! Nun halte ich mich natürlich für mich und kümmere mich um die Sorte nicht; jetzt bin ich verschrien durch's ganze Stift." „Läßt sich denken!" sagte Fräulein Sophie. «Solch ordinäres Volt nimmt ja nichts so übel, als wenn man es fühlen läßt, daß es einem zu ordinär ist," stimmte die Mama bei. „Natürlich!" sagte Frau Berger.„Und ich lasse sie es ja gründlich fühlen. Was meinen Sie, was ich nun für Redensarten zu höre» kriege? Neulich bin ich im Garten. Da unterhalten sich zwei in der Laube. Ich tat ja natürlich, als hörte ich's nicht, aber ich habe es doch gehört. Was von dummen eingebildeten Gänsen war's, die dächten, sie wären was. weil sie die Lippen spitzen, und wäre» auch nicht mehr und wohnten mang die arme Leute." „Mang die arme Leute!" schrie Fräulein Sophie und schlug in die Hände vor Vergnügen:„Mang die arme Leute, ist das schön gesagt!" „Als ob man darum dasselbe wäre," entrüstete sich Frau Kalkulator Fischer.„Und da sind Sie still zu geblieben?" „Da hätte ich mich beim Hausvater beschwert," rief die Mama. »Die Weiber müssen doch zurechtgewiesen werden; die dürfen doch keine Dame beleidigen! Sagen Sie doch das dem Hausvater." „Jawohl, dem Hausvater!" lachte Frau Berger..Als ob de» nicht ganz dasselbe wäre! Denken Sie der ist anders? Ter ist crstz recht wütend, daß ich ihn nicht ästimiere! Das ist doch auch nuo solch Pöbel!'n gewesner Schneider oder sowas, der den Posten bc» kommen hat, weil er Kriegsinvalide ist. Gestern« geht er durch die Wohnungen und liest das Frühjahrsrcglement vor:„Vom ersten April ab sind bei gutem Wetter alle Fenster aufzuhalten.." Ich Hab ihm natürlich sehr von oben runter gesagt, das brauchen Sie mir nicht erst zu sagen, das tue ich als Dame sowieso. Lesen Sic das Ihren alten Weibern vor, aber mir nicht." „Das war recht!" rief Fräulein Sophie und klatschte von neuem in die Hände:„Na, solch ein frecher Kerl!" „Ja, und was antwortet mir der Kerl? Das müssen Sie ooch hören wenn Se mal hier sind; hier jibt's keene Damen, vor's Regle- ment jibt's bloß Insassen." Die Damen stießen eine» Ruf der Entrüstung aus.„Das istz ja skandalös!" rief Frau Kalkulator Fischer. „Ist das nicht skandalös?" fragte Frau Berger.„Ich Hab ja gar nichts dagegen, lvenn er die alten Weiber so behandelt, denei, kommt nichts anderes zu nach ihrem Stand, aber mich grade, mich? Ich bin doch andres gewöhnt!... Uebrigens kommt da mein« Straßenbahn, jetzt muß ich zurück." „Zu deir Insassen," rief Fräulein Sophie. „Jawohl, zu den Insassen!" Sie lachten alle und lachten noch, als der Wagen schon im Entschwinden war. Frau Kalkulator Fischer sah ihm nach:„Aber schrecklich ist das doch, ich glaube, ich ließe da lieber mein Geld fahren und ginge ab.'" „Ach Geld!" Sophies Mama lachte.„Im Vertrauen gesagt. sie hat ja gar keins eingezahlt. Ihr Sohn hat ihr'ne. Freistelle verschafft. Das soll bloß so was heißen vor den Leuten, aber empörend ist es trotzdem; man sollte doch auch eine Dame, die nichts hat, anders behandeln als solche ordinäre Arbeiterfrau."—- k. Uebcr„Magie und ihr Fortleben im modernen Recht" hielt dieser Tage in der„Soziologischen Gesellschaft" zu London der be- kannte Ethnologe Dr. Westermarck, einen bemerkenswerten Vortrag. Er führte aus, daß der Glaube an Magie und Zauberei noch heut« überall, wenn auch vielfach in versteckten Formen herrsche. De» Glaube an Magie habe die Stellung der Frau sehr stark beeinflußt. In vielen Religionen wird den Frauen die Kraft zugeschrieben, über die Hülfe von Zauberei und Hexenkunst gebieten zu können; man verehrte sie deshalb, doch wurden sie auch vielfach gefürchtet, da man zugleich vermutete, sie würden durch solche höllischen Künste unrein und verdammt.„Aber der wichsigste noch bestehende Ilcberrest magischer Anschauungen", erklärte Westermarck,„ist die Ablegung des Eides, wie er heute vor Gericht üblich ist. Die zauberhafte Wirksamkeit dieser Form der Selbftverwünschung wird verdoppelt dadurch, daß man einen heiligen Gegen- stand berührt. Der Hindu hält beim Schwur etwas von den, heiligen Wasser des Ganges in der Hand; der Mnhammedaner eine Rolle der heiligen Schriften; der Engländer küßt die Bibel. Der Eid selbst entnimmt seine Form dem weit verbreiteten Glauben an die Selbst- Verfluchung." Der Glaube an den„bösen Blick" ist eigentlich auf der Annahme basiert, daß der Wunsch einer gierigen Person stark genug ist, den, der ihm unterworfen ist, zu zwingen, daß er ihm alles herausgebe, worauf er seinen Blick richtet. Unter einigen Völkern, die in der Kultur etwas weiter vorgeschritten find, hat der böse Blick bereits eine andere Form angenommen. Man überschüttet jemand mit Lobpreisungen und Schmeicheleien über die Schönheit eines Gegenstandes, und wo dies geschieht, da kann man ganz sicher sein, daß der also gelobte Gegenstand von dem Bewunderer für sich begehrt wird, der seinen» Besitzer aus diese Weise mit den»„bösen» Blick" droht.— Gc. Tie marokkanische Küche hat, ungeachtet der Unmasse der- schiedencr Gerichte, wenig Verlockendes für den Europäer. Schon die Anwendung von Honig, der entsetzlichen Butter, der vielen Pfesscrsortc» und Gewürze, der Rosen- und Jasminessenzen macht die Speise,» fast ungenießbar. Das Haupt- und Leibgericht aller Stämme deS nördlichen Afrikas ist der KuScusn(AlluzkuS); er bildet die Grundlage einer jeden Mahlzeit. Die Bereitung deö KußkuS. wie er in Abkürzung genannt wird, ist sehr eigentümlich,»nd eS gehört langjährige Praxis dazu, un, sie zu erlernen. Auch ist die» das einzige Gericht, das buchstäblich nur durch Dampf gar gekocht wird. Von weitem sieht es wie grobkönnge Griitz« ans, doch enthält es sowohl Geflügel wie Hammel- fleisch. Die Frau, die K»lSkus machen will, feuchtet sich das Innere der Hände an und fährt dann leise über das in einer flachen Mulde bereitgehaltene Weizen- oder Maismehl. Die sich ansetzenden Mehlteile werden mittels eigenartiger Finger» bewegungeil in eine Art von feinen Körnchen verwandelt»nd, so« bald sie die verlangte Fessigkeit haben, auf die Seite getan. Ist das gewünschte Quantum vorhanden, so wird diese halbttockene Masse von Kügelche», durch ein in ein Sieb verwandeltes, mit fteinen Löchern versehenes, steinhartes Schaffell gesiebt, durch da» nur die kleinsten Körner passieren können. Ehe man sie bcn»ltzt. trocknet man sie an der Sonne. Diese Masse, in Bnbindung mit Gemüsen, Gewürzen und dem erwähnten Fleisch erleidet eine längere Dampfabkochung und wird sodann in Form eineS Kegels, meistens mit gelber Saftanfarbe getränkß aufgetragen. Auf allen Reisen im Innern, bei denen man aus di» einheimische Kost unbedingt angewiesen ist, und vorzüglich an» Morgen erscheint ein Gericht, das das Entsetzen jedes Enropäers bildet. In einer irdenen Schüssel kommt eine gelbbraune schleimige Masse zum Vorschein, um die herum die berannten flachen Brote der Mauren liegen. Nachdem das Brot in die üblichen Stücke ge- Krochen, ergreift jeder der Umsitzenden ein Stück, taucht es in den Brei und verzehrt es mit Behagen. Es ist dies alte, ungesalzene Butter, bekannt unter dem Namen.holländische Butter"..Fast scheint es, als ob jedermann, der total verdorbene Butter besitzt", bemerkt Couring, der bekannte Marokkoforscher,„in Marokko dafür ein dankbares Publikum findet, und merkwürdigerweise ist die Qualität überall dieselbe".— Theater. L u st s p i e l h a u S. Matinee.„Der Außenseiter". Ein Akt von Richard Jaffö.„Die Bäuerin". Drama in einem Akt von Klara Viebig.„Eine Abrechnung". Ein Akt von Gustav Wied.— Mit der Aufführung von Klara Viebigs „Bäuerin" und in gemessenem Abstände auch der des eigenartigen Wiedschen„Stillebens" ist das Lustspielhaus, dessen Abend- Vorstellungen noch immer Kadelburg beherrscht, unerwartet in Konkurrenz zu dem Kleinen Theater getreten. Es gab die Stimmungskunst, in der Gesanrtdarstellung nicht durchweg so fein abgetönt wie auf der Reinhardtschen Stammbühne, daftir aber in einer Gestalt so kraftvoll verdichtet, so fortreißend, daß die Wirkung sich den stärksten im Reinhardt-Theater erzielten Impressionen vergleichen darf. In der Gestaltung durch Rosa Bertens, den leider allzuseltenen Berliner Gast, wuchs die unscheinbare Bäuerin der Viebigschen Dichtung zu wunderbarer Größe und blieb in jedem Zuge doch echteste Natur. Schon mit den ersten Worten zwang sie{die Seelen in ihren Bann und hielt sie bis zum Schlüsse in atemloser Spannung. Aber der Triumph der Berten? war zugleich auch ein wohl- verdienter Erfolg der Verfasserin,� die den Lesern des„Vorwärts" "US so manchen Romanen und Skizzen bekannt ist.„Der Kampf um den Mann" hat sie den Einakterzyklus, dem auch dieses einer ihrer Novellen nachgebildete Stück angehört, genaimt. Beim Lesen überwiegt der Eindruck, daß in der Ilmschmelzung viel von dem feinen Duft der Erzählung verloren gegangen, die Aufführung aber bewies, daß sich trotz alledem ein sicherer Bühnen- instinkt in der Dramatisierung betätigt hat. Im wesentlichen ist die Pnnlich anschauliche Vergcgenständlichung gelungen. Eng, aber ohne örende Gewaltsamkeit sind die Kontraste aneinander gerückt, und Einzelheiten, wie der Gesang der Rosenkranzjungftauen, können sich erst hier in ihrem vollen Stimmungswert entfalten. Der Mann, um den die reiche, schon bejahrte Bäuerin und Cilla, die schönste der Mäbcheii im Dorfe, kämpfen, liegt auf dem Sterbelager. Eine Verkürzung der Todesqualen von der Mutter Maria zu erflehen, sind die Jungftauen au? der Gemeinde nach einer alten katholischen Sitte entboten. Ehe sie erscheinen, während die Bäuerin noch in der Kirche iveilt, schlüpft Cilla ins Gemach, den jungen Bauersmann, den heimlich Geliebten, noch einmal zu umarmen. Ihre ftische Jugend will an den Tod nicht gUmben, sie spricht dem Sterbenden von dein Weiden- busch, an dem sie beide weit draußen unter strahlendem Frühlings- Himmel das Fest ihrer Liebe gefeiert, und ihr heißer Odem läßt aus Augenblicke die erlöschende Lebensflamme aufflackern. Da tritt die Bäuerin ein, die bange, tief in ihrem Inneren verborgene Eifer- sucht regt sich beim Anblick Cillas mit unwiderstehlicher Gewalt. In der Gattenliebe dieser Frau, die mit ihrem Reichtum den hübschesten Burschen eingefangen, ist keine Zärtlichkeit, wohl aber die Leidenschast fanatischen Eigentumssinns. Ihr hat er gehört, ihr soll er gehören bis zum letzten Atemzuge. Lieber mag er sterben, als gesund werden und dann vielleicht in die Netze der anderen geraien. Sie weist das Mädchen hinaus und sinkt in taumelnder Angst vor dem Marieubilde auf die Knie, betend um den Tod des Mannes. Bei den: Erscheinen der Rosenkranzjungfern, mit denen Cilla wiederkehrt, hat sie die starr verschlossene Miene schon zurück gewonnen. Doch als der Gesang, ohne dem Kranken Erlösung zu ringen, verhallt, da schreit sie auf, eS sei ein Zeichen, daß eine Schuldige sich eingeschlichen in die Schar, und schüttelt funkeluden Auges gegen die Verhaßte die Faust. Die Mädchen drängen aus dem Haus. Der Kranke plötzlich erwachend, richtet sich im Fieber- tvahn empor und ruft den Namen CillaS. Außer sich umkrallt die Frau seinen Hals und drückt ihn nieder auf die Kissen. Er ist tot, die Himmelskönigin hat geholfen. Und wieder legt sich die gewohnte undurchdringliche Starrheit auf das Gesicht der Bäuerin. Sie schickt die Wärterin, die Nosenkranzjungfrauen alle zur Feier in das Totenhaus zu laden und die Glocken läuten zu lassen. Dieses Hin und Her von unheimlich erstarrter Ruhe und ele- mentarisch ausbrechender Leidenschaft kam in den» Spiel der Bcrtens mit unvergleichlicher Wahrheit zum Ausdruck. Was sie gab, war stilisierter Naturalismus. In der Erscheinung, den Bewegungen, der Sprache war bei aller Schlichtheit crwas Monumentanes, das die Wucht der alten Tragödien erinnerte. Maria Mallinger gelang die Rolle der Cilla überraschend gut. Für die Wärterin hätte man im Interesse der Einheitlichkeit des Eindrucks eine zurück- hallendere Art der Darstellung wünschen mögen. Entschieden stimmungsvoll, freilich in einer völlig anderen Art, fcmr auch„Die Abrechnung" des Dänen Gustav Wied. Eine weh- Äerautwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: mütig stille Ironie spricht aus dem kleinen Genrebild des Greisen» tums zu uns. Man glaubt, die Mahnung aus den Szenen heraus» zuhören: So wird es Euch, wenn Ihr das„Glück" langen Lebens habt. selber ergehen, die Leidenschaften werden in Euch absterben, was Männer in die tiefste schmerzlichste Erregung treiben würde, wird Eurer Stumpfheit, die man Frieden nennt, dann kau», die Laune eines Tages trüben, aber dafür werden lächerliche Nichtigkeiten den leer gewordenen Raum des Herzens füllen. Mit äußerst feiner Beob- achtung wird es geschildert, wie Herr Krakau und Helms, seit Fahrzehnten sogen. Freunde und lange auch Zimmergenosseit in dem Altersstift, sich ihre Zeit mit ruheloser kleiner Zänkerei vertteiben und wie an dem GeburtstagsmorgeN des Achtzigjährigen der jüngere, noch nicht siebzig zählende Kamerad rein aus kindischem Aerger durch die Enthüllung eines Geheimniffes sich rächt. Krakau behauptet, Helms angeblicher Enkel auf der Universität sei eigentlich sein Enkel, denn er habe des Freundes Frau verführt. Der Zweck, daß nun der andere sich etwas ärgere, wird erreicht: Helms verbannt den Verführer aus seiner Zimmerhälfte, schmollt noch, als die Kollegen vom Stift zum Gratulieren erscheinen, aber nach dem Besuch des Enkels, der mit den Kommilitonen z l Ehren Großvaters einen Studentenkantus singt, ist die Verstimmung schon wieder verflogen. Schließlich ist's ihm ganz recht, was der Freund erzählte, nun haben sie den Jungen gemeinsam, und um so besser Ivird sich's iu den laugsam schleichenden Stunden über ihn plaudern lassen. Wenn die Regie in den mittleren, viel zu breit geratenen Szenen gründlich gestrichen hätte, wäre bei der originellen Feinheit in der Anlage ein voller Erfolg wohl möglich gewesen. So blieb's bei einem halben. Höchst charakteristisch spielten Impekoven und Lettinger die beiden Alten. Auch unter der Hospizgesellschast gab es einige brillante Typen. JaffeS„Außenseiter", mit dem die Aufführung begann, gehörte nicht in diese Gesellschaft. Er war färb- und belanglos.— ät, HniuoristischeS. Theater-Lcxikon. Kritikus— Der Hornochse. Direktor— Schuft, Gauner, auch Schurke und Ausbeuter. Regisseur— Der Besserwisser(siehe auch„KritikuS"). Naive— vergl. Senilität. Souffleur— Der Lebensretter. Klassiker— Das Freibillett. Ignorant— Der Verfasser. Premiere— Die Abcndbörse. Trikot— spannender Stoff. Heroine— Die Ueberfracht. Applaus Die Klauenseuche. Theater pars � Büstenenthüllung. Benefiz— Gläubiger-Versammlung.—- — Das Rätsel der Münchener Sphinx.„Was ist da?: am Morgen geht es auf Zweien, am Mittag tanzt es auf Einem, am Abend kriecht es auf Vieren?" .Das ist der Mensch in der Salvator-Saison."— („Jugend.") Notizen. — Eine wohlfeile illustrierte Schiller- Aus- gäbe wird von der Deutschen Verlagsanstalt in Stutt- gart herausgegeben. Sie erscheint in 60 Lieferungen a 30 Pf. Heft 1 liegt bereits vor.— — Von Heinz Tovote erscheint soeben bei F. Fontane u. Co., Berlin, ein neues Buch:„Klein Inge".— — Erfolg hatten bei der Erstaufführung: WedckindS Schauspiel„Hidalla"im Intimen Theater zu Nürn- berg: Joseph Werkmanns vieraktige Dialekt- Komödie „ I u st i n a D u n k e r" im Wiener Raimund-Theater.— — Paul HeyseS Drama„Ein Kanadier" brachte es bei der Uraufführung iin Schauspielhause zu Frankfurt am Main nur zu einem Achtungserfolg.— — Oberrcgisseur Witte-Wild übernimmt im Herbst die artistische Leitung des neu erbauten Metropol-TheaterS in Breslau.— — Rehe, ein»och vor Jahrzehnten seltenes Wild in der Schweiz, verbreiten sich dort immer mehr. Heute kommen sie selbst in den höchsten Bezirken Graubiiudens und des Wallis vor.— t. Ein großer Vulkanausbruch hat zu Anfang de? Jahres in Nicaragua stattgefunden und scheinbar eine neue Periode der Eruption in diesem Gebiet eingeleitet. Wie jetzt über London berichtet wird, ist der Vulkan M o m o t o in b o, der gegen 2000 Meter hoch ist und lange Zeit für erloschen galt, in leb- hafter Tätigkeit begriffen. Das Naturereignis ist noch aus einem besonderen Grund beachtenswert. Der Berg liegt an der Nordwest- küste des Managua-Sees und nur etwa 140 Kilometer von der Linie entfernt, die für den Nicaragua-Kanal in Aussicht genommen war. Als der Plan des Nicaragua-Kanals noch ernstlich erwogen wurde. machten bereits namhafte Geologen auf die Unsicherheit des Gebiets aufmerksam, und der jetzige Vulkanausbruch zeigt, wie sehr diese Warnung berechttgt gewesen ist.—_ Vorwärts Buchdruckcrci u.VerlagSanstaltPaul Singer LrCo., Berlin L>V.