Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 63. Mittwoch, den 29. März. 1905 (Nachdruck verboten.) 0] Sine Pilgerfahrt. Von Johan B o j e r. Autorisierte Uebersetzung von Adele Neustädter. Da trat etwas Unerwartetes ein. Sie waren gerade von Tisch aufgestanden, da strich er sich über die Stirn und sagte mit nachdenklicher Miene: „Asolt?— Sie sind doch wohl nicht die Tochter des Marine- leutnants Asolt, den ich einmal in Barcelona kennen lernte, als er mit einem norwegischen Kriegsschiff anlegte? Und er heftete die Augen auf sie. Im gleichen Augenblicke durchflog sie der Gedanke:„Er darf es nicht wissen. Vielleicht hat er durch den Professor etwas gehört und was könnte daraus entstehen!" Sie war plötzlich aufgescheucht worden. Und an Ver- stellung gewöhnt, antwortete sie ganz natürlich:„Nein, mein Vater war Landwirt." „So."— Er begann seine Pfeife zu stopfen, und sprach halb laut zu sich, während er ihr den Rücken kehrte:„Offen gesagt, eine dumme Frage von mir. Gestern abend stand ja in norwegischen Zeitungen eine Annonce, daß besagter Leutnant Asolt als Leuchturmwächter in den Scheren gestorben ist. Und dann wären Sie jetzt wohl kaum hier." Regina stützte sich gegen die Tischkante und eine innere Stimme flüsterte:„Werde ja nicht ohnmächtig!" Ter Großhändler zündete die Pfeife an und blickte glück- licherweise einen Augenblick durchs Fenster, während er die Zuggardinen aufzog.„Ja," sagte er,„ich hoffe, Sie werden sich hier leidlich wohl fühlen, Fräulein Asolt,. Uebrigens der Leutnant, das war eine vergnügte, leichtsinnige Seele: ge» legentlich werde ich'Ihnen allerlei wundersame Geschichten von ihm erzählen!" Er trat näher nd blickte sie etwas betroffen an.„Was fehlt Ihnen? Ja, Sie ziehen sich wohl am besten zurück, Fräulein: die Reise hat Sie doch wohl angegriffen. Das Mädchen wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen." Und er reichte ihr die Hand zum Nachtgruß. VI. Der Bergmann ist glücklich, wenn er dem Tage ent- gcgensteigt. Das Licht nähert sich ihm, die Finsternis versinkt tiefer und tiefer unter dem Korbe, worin er sitzt. Steht er jedoch im vollen Tageslichte und soll sich unter die freien Erden- linder mengen, so bemerkt er, daß alle auf ihn deuten und sagen:„Das ist ein Bergmann." Er mag die Kleider wechseln und sich gründlich waschen, aber die Merkmale seiner unter- irdischen Hölle kennzeichnen ihn dennoch auf unerklärliche Weise. Am nächsten Morgen dachte Regina:„Ich kann mich heute unmöglich ins Bett legen, es könnte Argwohn erregen, und du mußt nicht nur heruntergehen, nein, du mußt auch aussehen, als liege nichts vor." Sie saß zwischen den ausgepackten Kleidern und stand wiederholt auf, setzte sich jedoch immer wieder und legte die Hände in den Schoß. Seit sie der harten Not entgangen, war sie über ihre Rettung freudenerfüllt. Aber jetzt— jetzt hatte sie festen Grund unter den Füßen, jetzt war sie den anderen gleichgestellt. und empfand alles desto klarer. Warum mußte sie auspacken? Weshalb konnte sie nicht zu Vaters Begräbnis reisen und bei der Mutter bleiben? Es erschien ihr völlig unmöglich: sie rieb sich jedoch trotzdem die Augen und fand es unglaublich. Was war alles geschehen? Wie kam sie hierher? Warum rnußte sie in der Verbannung leben? Warum war sie nicht die alte Regina Asolt? Sie hatte ein finsteres Tal durchschritten, und jetzt stand sie wieder auf der Höhe: aber weshalb war sie dadurch ein ganz anderer Mensch geworden? In einigen Augenblicken mußte sie hinuntergehen, sich als junges, unschuldiges Mädchen gebärden, wie in früherer Veit lachen, mußte jung und munter sein. Gewiß, sie würde es durchführen können. Aber Glück? Sie hatte ja geträumt, hier könne sie glücklich werden. Sie mußte jetzt täglich um ihr Geheimnis kämpfen, wie dazumal bei der Tante. Und Mutter saß allein, und sie mußte sich anstellen, als sei nichts geschehen, mußte ein vergnügtes Gesicht zeigen. So gestaltete sich also jetzt ihr Glück. Sie stand auf und machte sich zurecht. Ehe sie hinunter- ging, warf sie noch einen Blick in den Spiegel. Ihr Gesicht war, trotz sorgfältigen Waschens, ganz angeschwollen. Sie taucht das Handtuch in kaltes Wasser und drückt es gegen die brennenden Augen, die sie dann sorgfältig trocknet. Nun sieht's etwas besser aus, sie lächelt sich im Spiegel an, ja, so geht's. Niemand sollte bemerken, daß ihr Vater auf dem Leichenbette lag, und daß er vor seinem Tode vielleicht etwas über sie gehört hatte. Sie kommt hinunter. Der Großhändler ist auf dem Bureau. In der großen, hellen Küche sind zwei Mädchen tätig, die eine ist alt und aus Norwegen. Der Herd glüht, an dem Kamindache hängen allerlei Küchengeräte, alles ist modern und sauber und sieht sehr appetitlich aus. Die ab- gehende Haushälterin leistet ihr beim Essen Gesellschaft, dann führt sie Regina durchs Haus und gibt über alles Auskunft. Sie reist aber schon vor dem Mittagessen ab. Bei Tisch sitzt Regina allein mit Herrn Flaten in dem hellen, großen Speisezimmer. Er spricht nicht viel, ißt schnell und geht dann in ein kleineres Zimmer, um ein Schläfchen zu halten. Und der Tag verstreicht. Sie blickt durchs Fenster auf das dunkle, dichtbewaldete Tal, zerstreut liegende Höfe verbreiten aufsteigenden Rauch. Jawohl, ganz sicher war ihrem Vater alles zu Ohren ge- kommen,— und er starb daran. Mehr ertrug er nicht von seinen Kindern. Neue Tage kommen und gehen. Während sie durch die Zimmer schreitet, darf sie unter keinen Umständen zu Boden sinken. Sie muß auch ebenso notwendig lachen, muß fröhlich sein, wie es ihrem Alter entspricht. Diese fremden Augen sind auffallend mißtrauisch und erhaschen sie nur den ge- ringsten Einblick, so sehen sie sofort alles. Und sie scherzte und lachte mit der Dienerschaft und zeigte Flaten ein vergnügtes Gesicht. Gegen acht Uhr abends kam er nach Hause, müde und schweigsam. Nach dem Abendbrot schloß er sich wieder in dem kleinen Zimmer, dem Boudoir seiner verstorbenen Frau, ein, mit einem Buch, einer Pfeife und einem Glas. Er schien noch ganz der Erinnerung seiner Gattin zu leben, und ihr Zimmer schien ihm zum Tempel geworden, worin er sie wieder zu finden hoffte. Es»var ein stilles Haus. Hin und wieder kam ein Geschäftsfreund zu Tisch, lind dann sprach man nur über Bauholz, Wald und ausländische Märkte. Herr Flaten ging nur selten aus. Regina war ihm dankbar, daß er sie nie nach Verwandten und Heimat frug. Im Hause war sie ganz selbständig, und allmählich ging alles am Schnürchen. Eines Tages hob Flaten bei Tisch seine Augen vom Teller und blickte sie einen Augenblick an. „Sie scheinen sich hier nicht wohl zu fühlen, Fräulein Asolt," begann er.„Sie werden ja täglich blasser.— Ich werde morgen einige Besuche mit Ihnen machen, dann be- kommen Sie einige Bekannte." Aber Regina versicherte, es gehe ihr vorzüglich, und vor- läufig könne sie sich noch nicht länger aus dem Hause ent- fernen. Sie antwortete etwas unbeholfen und sie fühlte, daß er sie beobachtete und sich in ihr Geheimnis drängen wolle. Endlich kam ein Brief von der Mutter. Ein Schreiben mußte verloren gegangen sein. Sie schrieb nur über das Begräbnis und warf ihr vor, daß sie nicht nach Hause ge- kommen sei. Sie konnte keinen Argwohn zwischen den Zeilen ent- decken. Vater hatte also Gott sei Dank nichts gehört, er war nicht durch ihre Schuld gestorben. Und so konnte sie sich denn hinfort ihrer Trauer in einem glücklichen Schmerze hingeben, der nicht länger mit einem bösen Gewissen verknüpft war. Ihr Zimmer lag im dritten Stock des großen Hauses. Es war blau tapeziert, nur ein einziges Bild hing an der Wand, ein 5kupferstich, Napoleon vor dem brennenden Moskau. An den hellen Frühlingsabcnden saß sie in einem kleinen Schaukelstuhle am Fenster und blickte über die wallen- den Fichtengipfel, der eine überragte immer den airderen, bis sich der letzte im Westen von dem goldenen Abendhimmel abhob. Zuweilen stützte sie das Kinn gegen die Hand.lehnt» 8nt Ellbogen gegen den Fensterrahmen. Und der Schaukel- stuhl stand still, dann wurde er Plötzlich geschwungen— blieb wieder stehen, sie nahm wieder die gleiche Stellung ein. So blickt ein Gefangener hinaus. Der Fluß fang in der Stille sein monotones Lied, der Betrieb war eingestellt, die ge- waltigen Schornsteine atmeten nur einen ersterbenden, schwachen Rauch aus. Was ist eigentlich geschehen? Kmm ich mich nicht mehr für einen jungen Mann schmücken, und warum träume ich nicht mehr von einem Hochzeitstage? Was ist geschehen? Kann es sich niemals ändern— niemals? Und die Tage schwanden. Sie trägt die glückliche Maske. ist stets auf dem Posten, zuerst gegen sich selbst, um nicht aus der Rolle zu fallen, dann gegen andere. Wer ein schweres Schicksal verbirgt, ist stets mißtrauisch. Hin und wieder glaubte sie Flaten anzumerken, daß er alles wisse. Es erfüllte sie stets mit geheimem Schreck. Sie blieb aus der Wacht, wog jedes seiner Worte, grübelte und wog es wieder. Dieser mürrische Professor, weshalb hatte er gerade mit ihr Mitleid gehabt? Geschah es im Einverständnis mit ihrer Familie? War es der Familie zu Ohren gekommen? Spielte sich ein Schauspiel hinter einem Vorhang ab, das sie nicht zu durchschauen vermochte? Falls ein Verwandter das Kind angenommen hatte! Sie hatte in Nordland eine kinderlose Tante. Sollte sie des- halb nicht wissen, wo das Kind blieb? Feder Gedanke brachte neue Vermutungen: sie verfolgten sie durch alle Türen, bei jeder Arbeit. Sie hielten sie wach. Sie brachten den Schaukelstuhl zum Stehen, ließen ihn schnell wieder schwingen. Weshalb wählte der Professor gerade einen norwegischen Witwer in Schweden? Wollte man sie aus dem Lande schaffen? Man dachte wohl: Sie bleibt dort, sie vergißt alles, vergißt sogar das Kind— und kommt nie mehr zurück. Tann sind wir sie glücklich los. So weit war es mit ihr gekommen. Sollten sie Recht behalten? Die empfangene Hülfe begann sie immer mehr zu demütigen. Sie mochte hier erstreben, was sie wollte— sie weilte doch durch die Gnade anderer hier. Sie war ein ge- fallenes Mädchen, das alles ertragen mußte, wenn sie nur ihr tägliches Brot erhielt. War es so lveit gekommen? Und plötzlich konnte ihr Gesicht blutrot werden, sie ftihr aus dem Schaukelstuhl auf und rang die Hände. Aber sie mußte sich wieder hinsetzen. Nichts war da- gegen zu tun. jedenfalls jetzt noch nicht. Warum mußte mir alles widerfahren? Warum? Warum? War es ein böses Verhängnis, gegen das niemand trotzen konnte? Der Frühling rückte vor. Die Schwalben bauten vor ihrem Fenster Nester. Die Blumen webten bunte Teppiche über die Felder am Flusse. Die Sonne schien täglich wärmer. Nächte kamen, wo sie sich im Pelle aufsetzte und halblaut flüsterte:„Nein, nun muß es ein Ende nehmen. Jetzt mußt Du schlafen, Regina! Höre. Du mein Gott. Ich will alles «bschütteln. Ich will schlafen." Und mit verkniffenem Munde blieb sie liegen, wollte sich zwingen, an Nichtssagendes zu denken— bis sie des Morgens erwachte und merkte, daß sie. einige Stunden geschlafen hatte. Sie einPfand es als ermunternden Sieg. Und wie sie sich zum Schlafen zwang, so begann sie sich auch zum Essen zu zwingen. Ihre Jugend wehrte sich gegen das Unglück, in der Weise, wie ein kräftiger Körper eine Krankheit verjagt. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck»erboten.) Hm Aleltrancl der Pyrenäen. Von C u rt Grottewitz. Von Madrid herkommend, war ich diesseits des Ebro-Oberlaufes in das schöne, an Tälern und Schluchten reiche Gebirge hinein- gefahren, das sich am ganzen weiten Nordrande von Spanien hin- zieht und als eine große vcrkchrshindernde Mauer die iberische Halbinsel zu Lande wie zur See von Mitteleuropa absperrt. Die Pyrenäen sind nur der östliche Teil dieses langen Ge- birgSzuges, der sich ununterbrochen vom Golf du Lron bis an' die Nordwestspitze des spanischen Galizien ausdehnt. Zwar wird er da. wo er die Grenze zwischen Frankreich und Spanien bildet, Pyrenäen genannt, während der übrige noch längere westliche Flügel aswrisch-kantabrisches Gebirge heißt, aber die verschiedene Bezeichnung der beiden Hälften ist doch eine Willkür- liche. Seiner ganzen Bildung nach ist dieses nordspanische Grenz- gebirge ein einheitlicher Bergzug, es ist geologisch gleichartig gebaut, und es ist zu derselben Zeit, im Tertiär, entstanden. Meine Fahrt führte mich schräg durch diesen Gebirgszug hindurch, und zwar durchquerte ich ihn etwa in einer Linie, die un- gefähr auf der Grenze zwischen dem pyrenäischen und dem astmisch» kantabrischen Flügel liegt. Ich gelangte schließlich ans Meer an der Stelle, wo Spanien und Frankreich im Golf von Viscaya zusammen- stoßen. Hier am Westrand der Pyrenäen machte ich einige Tage Halt, um die Einzelheiten dieser Natur kennen zu lernen, von der ich bei der schönen, recht langsamen, aber darum um so wirkungS- volleren Eisenbahnfahrt einen bestimmten Totaleindruck gewonnen hatte. Was mich ain meisten bei dieser Fahrt und dem Aufenthalt am Westrand der Pyrenäen stappierte, war etwas ganz extrem Mar imes, das sich einem in der Luft, im Wetter, im Boden, in der Vegetation, kurz überall außerordentlich stark aufdrängte. Nun kam ich aller- dings aus dem Innern Spaniens, aus diesen so ungeheuer kontinen- talen Gebieten, dieser endlosen weiten Hochebene mit ihren eintönigen Feldern und ihren noch viel eintönigeren ausgedehnten Steppen, auf denen allenfalls noch Schafherden ihr kärgliches Futter finden. Die ganze Trostlosigkeit dieses baumlosen, ebenen, im Winter kalten, im Sommer heißen, ausgedörrten Landes, durch das ich mitten- hindurch gereist war, lag mir noch im Bewußtsein. Dazwischen wirkten in meiner Erinnerung die überaus steundlichen Bilder von der langen spanischen Mittelmeerküste, diesenr glücklichen Paradies, das trotz seiner Lage am Meere so gar nichts Maritimes befitzt, aus dessen Oelbaumhaine und Orangengärten eine ewig heitere Sonne zu strahlen scheint. Aus diesen beiden, sonst wie schwarz und weiß verschiedenen und doch in ihrem kontinentalen Charakter einander ähnlichen Regionen Spaniens war ich in eine neue, eine dritte, ge- langt. Und diese war ganz und gar maritim.' Wer von Norden her über Paris, Orleans, Bordeaux nach diesem Weftrande der Pyrenäen kommt, der dürste allerdings den marinmen Charakter weniger stark empfinden als derjenige, der vonr Mittelmeer und vom spanischen Binnenlande aus hierher gelangt. Kurz und gut, ich hatte drei, vier Wochen, von Ende Januar bis weit in den Februar hinein anr Mittelmeer verlebt, ohne einen wirklich trüben Tag, kaum einen Regentropfen zu sehen, ich hatte im Binnen- lande an den weiten Steppen und baumlosen Ebenen die ungeheure Annut des Landes an Niederschlägen konstatteren können, und nun fand ich anr Westrand der Pyrenäen richtiges Aprilwetter, zunr Teil gleichfarbig sudernde Regentage. Das konnte ein Zufall sein, wenn nicht auch sonst alles auf die Feuchtigkeit dieses Landstriches hin- gewiesen hätte. Es mutete mich ganz eigentümlich an, als ich nach langer Zeit zum erstenmal wieder dichte Waldbestände sah. Da unten an der sonnigen Mittelmeerküste hatte ich Wälder gesehen, die bildeten mehr ein lockeres, undichtes, immer- grünes Gebüsch, ans dem einzelne Bäume, besonders dunkle leder- blätterige Steineichen, lichte Pinien und andere Kiefern in angemessenen Entfernungen und selten in hohen altchrwürdigen Stämmen hervorragten. Und da oben auf der Hochebene hatten sich die Wälder von immergrünen Eichen ganz und gar in einen dürstigen Park von einzelnen weit von einander abstehenden Zwergbäuinchen oder breiten Sträuchern aufgelöst. Man wurde an die märkischen Oedländer erinnert, auf denen einzelne buschige Krüppelkiesern ein steudlos isoliertes Dasein führen. Und hier nun wieder unter der Einwirkung des Atlantischen Ozeans dieser verhältnismäßig dichte Bestand von Wald, von sommergrünen Eichen, die jetzt noch im braunen Winterlaub prangten. Man sah selbst starke Exemplare von hohem Alter. Viele allerdings waren oben gestutzt— eine fürchterliche Verstümmelung, wie sie in dem so Holzanne» Spanien nur leider allzu oft verübt wird. Und selbst hier, wo das Klima, die regenbringende Nähe des Atlantischen Ozeans, den Waldwuchs auf den Bergen so ungeheuer begünsttgt, sind die Bestände doch selten alt. Jeder Baum wird gefällt, wenn er nur einigermaßen einen Stamm erhalten hat. Aber an der Fülle des Jungwaldes konnte nian doch sehen, mit welcher Lust, mit welcher Kraft hier der Holzwuchs emporstrebte. Selbst an ziemlich steinigen und felsigen Berghängen war die Vegetatton recht dicht; mannshoch, schlank, die uberhängenden Ruten mit goldgelben Blüten besetzt, ragte überall der Stechginster hervor, der am entgegengesetzten Ende der Pyrenäen, am blauen Mittelmeer so ein gedrungenes, dickes, kleines Sträuchlein gewesen war. Regenschauer zogen durch die Berge, deren obere Spitzen noch mit Schnee bedeckt waren. Trübgraue aufgelöste Wolken schoben sich von Nordwesten her. vom Ozean, über die Täler dahin nnd ver- deckten zeittveise die Gipfel des Gebirges. Alles tropfte und triefte. In Bächen und Flüssen rollten wilde lehmgelbe Wassermassen hinab die Täler entlang. Wenn ich an die fast ausgetrockneten Flußbette des Ebro, des Guadalaviar, des Jukar dachte! Und hier so alles Feuchtigkeit, alles Wasser, alles getränkt und gesätttgt von diesem Naß, das der Landschaft ringsum ein so f>anz anderes Aussehen gibt. Dort das steundlich milde. tille Mittelmeer, das lächelnd die Pracht beschaut, die ringsum an seinen Küsten ausgebreitet ist, hier ein mächtiger trüber Ozean, der in diesem großen Winkel zwischen Nordspanien und dem südwestlichen Frankreich alle seine Sturmeskräste, seine Regenschauer. seine feuchte Luft in Bewegung setzt, um sie gegen das Gebirge. das sich wie«ine Mauer zwischen ihn und das Binnenland stellt, zu schleudern. Ich sah diesen Ozean an mehreren Stellen. Trüb grau verlor er sich in endlose Fernen. Weiße Schaumbüschel glänzten matt in der bleichen unheiinlich drohenden Wassermasse. Aber die ganze Wut richtete sich gegen die Küste. In weiter breiter Zone am Strande hin war alles in zischender weiß schäumender hoch- schlagender Aufregung. Als wäre das Wasser zu explodierendem. schneeweißem Gischt geworden, so brauste und toste und rollte es in weiten Wogeureihen, die einander vor sich her jagten, auf das Land. Wo zwischen dem Modebad San Sebastian und den Grenzstationen Jrun und Hendahe wilde Bergfelsen kühn ins Meer hineinsteigen, da schlug es in fürchterlichen! Getöse an die unempfindlichen Stein- wände. Wo aber das Ufer flach war. da liefen die rollenden Wogen- reihen wie brodelnde Dampfmassen, wie gewaltige Rauchwirbel von Geschützsalven pfeilgeschwind hinauf aufs Land. Und ehe noch die Auflösung der vordersten Reihe erfolgen_ konnte, hatte sich mit ihr schon wieder eine neue gewaltige Woge verbunden. Weithin, nicht nur den Strand entlang, sondern auch weit ins Meer hinein war alles ein Schäumen und Wüten und Rollen und Brodeln. Aber dahinter, in graue Ferne sich verlierend, lag düster, doch an- scheinend ruhig, das weite Meer. Zwischen den erwähnten Grenzstationen mündet, aus den Pyrenäen kommend, der Bidafloa. Er bildet an seiner �Mündungs- stelle eine weite Bucht, die am linken Ufer von schönen steilen Felsen eingerahmt ist. Ich ging an dem rechten Ufer des Flufles, der auch an seiner buchtartigen Erweiterung eme sehr ansehnliche Breite besitzt, stromaufwärts dahin. Zunächst kam ich durch freundliche Ortschaften, deren Häuser mit ihren vinrteiligen Dächern, mit ihren schmalen Schornsteinen an allen vier Ecken des Daches, ihrem sauberen_ Putz und ihren hellen Fenstern wohltuend gegen die niederen Steinbauten im Innern Spaniens abstachen. Vom rieselnden Regen waren die Wege aufgeweicht. Der Boden, der aus einem schwarzen Kalkschiefer besteht, wird in der Verwitterung zu einem schmierigen Lehm. Er ist offenbar sehr fruchtbar. Die Felder, die sich in der schmalen Flußaue ausdehnten, zeigten einen guten Stand der Saat. An den Wegrändern wucherte üppig das Gras, ja es gab gar Wiesen, von denen ich am Mittelineer und im Innern Spaniens auch nicht eine zu Gesicht bekommen hatte. Kurzum, überall merkte man hier den Einfluß des Ozeans. An den Wegen und auf Rainen streckten die Weiden eben jetzt um die Wende von Februar und März, ihre Kätzchen aus den Knospen. Die Villengärten machten mit ihren Tannen und Eichen einen fast deutschen Eindruck. Freilich hier und da fehlte es in ihnen auch nicht an Cypressen und immergrünen Magnolien! Aucuba, Oleander, Kirschlorbeer, EvonymuS, Ducca, die für die Mittelmeergärtcn so charakteristisch sind, waren zwar auch hier vertreten, aber sie zeigten doch nicht das üppige Gedeihen wie dort, und sie traten hier doch mehr in den Hintergrund. Die Rebenfelder, die Olivenhaine, die Johannisbrotbäume, die Palinen, alleS das fehlte hier. Der Fluß nahm sich mit seinen hohen Bergen da drüben sehr malerisch ans. Auf dieser Seite führte ein schmaler Weg unter den Hügeln dahin, die ziemlich steil in den Fluß hinabsielen. Alles war mit einer niederen, aber dichten Vegetation von Eichenbüschen, dem gelbblühenden Stechginster, Brombeergestrüpp, Weißdorn und hohem Heidekraut bedeckt.' Zwischen diesen Sträuchern zeigten allerhand Stauden das erste Grün. An den regenfeuchten trüben Tagen war kein Tier zu sehen. Rur in den Ortschaften saßen die Spatzen im Wcidengebüsch und lärmten in gewohnter Weise. Gemächlich trotteten Ochsen vor den in Spanien und Frankreich landesüblichen zwei-' rädrigen Wagen. Auf dem Flusse fuhren lange schmale Kähne, mit Steinen beladen, dahin. Es war ein ruhiger Tag. Alles schien ge- hemmt, beladen, durchzogen zu sein von der Feuchtigkeit, die in dünnen Regenstrichen vom Himmel rieselte. Der Fluß war bis an seinen Uferrand voll dicken grünlichgelben WasserS. Die Saat, die Wiesen, glänzten von Feuchtigkeit. Ich stapfte langsam durch den grauen Schmutz des Weges und drängte mich durch das triefende Gebüsch der Berg- lehnen, behutsam, um nicht allzu naß zu werden und um nicht an den Dornen des Stechginsters, des Brombeergestrüpps und des Weiß- dorns hängen zu bleiben. Der Regen suderte weiter, mir war es aber, als käme er nicht von oben aus der Höhe, sondern als sende ihn der Ozean herein, der von hier aus nicht fichtbar war und der doch offenbar diesen Flecken Erde als ein Land betrachtete, daS ihm ganz und gar Untertan ist.— kleines feiulleton. — Schnecken und Mäuse. In der„Reuen Freien Presse" erinnert Friedrich Schütz an eine jene weniger bekannten Auf- zeichnungen, die Lessrng zur Zeit, da er als Sekretär des Generals Tancntzien in Breslau lebte, rasch aufS Papier zu werfen pflegte. Das kleine, in Dialogform gehaltene Fragment trägt die Uebcrschrift:„Gespräch über Mönche und Soldaten" und lautet: .Muß man nicht erschrecken," beginnt A, wenn man bedenkt, daß wir mehr Mönche haben als Soldaten V „Du willst sagen," erwidert B, daß es mehr Soldaten als Mönche gibt." A.:.Rein, nein, mehr Mönche als Soldaten.� B.:„Erschrecken? Warum nicht ebensowohl erschrecken, daß«S weit mehr Soldaten gibt als Mönche. In den, und jenem Lande von Europa magst Du recht haben. Aber in Europa überhaupt? Wenn der Landmann seine Saaten von Schnecken und Mäusen ver- nichtet sieht: Was ist ihn» da das Schreckliche? Daß der Schnecke» mehr sind als der Mäuse? Oder daß eS der Schnecken oder der Mäuse so viele gibt?. A.:.Das verstehe ich nicht." B.:„Weil Du nicht verstehen willst. Was find den« Soldaten?" A.:.Soldaten sind Beschützer des Staates." B.:„Und Mönche sind Schützer der Kirche." A.:„Mit Eurer Kirche I" B.:„Mit Eurem Staate l" A.:„Träumst Du I Der Staat I Der Staat l Das Glück, welches der Staat jedem einzelnen Gliede in diesem Leben ge- währt!" B.:„Die Seligkeit, welche die Kirche jedem Menschen nach diesem Leben verheißt I" A.:„Verheißt I" B.:„Gimpel!"— br. Tie Allmenden und ihre Verteilung. Die Mmenden sind Reste des früher allgemein verbreiteten Gemeineigentums an Grund und Boden. Das Wort tritt zuerst in Urkunden des 12. Jahr- Hunderts(1148) auf und zwar zunächst in den allemanischen und fränkischen Gegenden. Jakob Grimm erklärt das Work als gleich- bedeutend mit Allgemcinde, andere leiten das Wort aus dem Kelti- schen ab. In der Schweiz, in Baden, Hessen, Württemberg und im Reichslande finden sich noch viele Reste der früher viel mehr ver» breiteten Allmenden. B. Ellering definiert in der neuesten Schrift über diesen Gegenstand:„Die Allmenden im Großherzogtum Baden. eine historische, statistische und wirtschaftliche Studie".(Tübinger» 1902.) die Allmenden als die im Eigentume von Gemeinden be- findlichen Liegenschaften, an denen die Mitglieder dieser Gemeinden ein— gemeinschaftliches oder gesondertes, zeitweises oder lebens- längliches, unentgeltliches oder belastetes— Nutzungsrecht haben. Das Allmendgut ist wohl zu unterscheiden von dem Gemeindegute schlechthin. Die Allmenden bezeichnen nur einen Teil des Gemeinde« gutes, während der übrige Teil als Kämmereigut oder Kämmcrei- vermögen bezeichnet und ausschließlich für öffentliche Zwecke der Gemeinde verwendet wird. Die Allmenden umfassen Becker, Wiesen, Weiden, Krautgärten und Wald, ferner in manchen Gegenden Wein- berge. Torfgründe, Steinbrüche und Ocdland. Das Nutzungsrecht an der Weide besteht in der Berechtigung, eine gewisse Stückzahl Vieh auf dieselbe zu treiben, das Nutzungsrecht am Wald besteht in dem Bezüge von Holz, und zwar von Nutzholz zum Bauen sowie von Brennholz für Feuerungsbedürfnisse: ferner im Laubsammeln, Harz» gewinn und früher auch im sogenannten Eckerich, d. h. der Eichel- mast für die Schweine. Ucber die Anfänge des Allmendwesens sind Urkunden nicht vor» Händen, desto reichlicher ist die Zahl der aktenmäßigcn Belege über ihre Auflösung. Mit dem Wachstum der Bevölkerung und dem Bedürfnis nach intensiverer landwirtschaftlicher Produktion erschien es unwirtschaftlich, große Strecken Landes, die gemeinsam genutzter» Weiden, fast brach liegen zu lassen, anstatt sie zu kultivieren und in Aecker oder Wiesen umzuwandeln. Dazu kamen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Fortschritte der Technik im landwirt- schaftlichen Betriebe, die Stallfütterung, Anbau von Futterkräutern, wodurch diese Form der Weide mehr und mehr überflüssig wurde. Diese und ähnliche Momente, zu denen aber auch die individualistischen Theorien in der politischen Ockonomie kamen, Hielche die staatlichen Verwalttingen beeinflußten, gaben zu den„Gemeinheitsteilungen"' im 13. Jahrhundert Anlaß.(Gemeinheit ist in Norddeutschland die Bezeichnung für Allmende.) In Baden geschah die Teilung auf Grund einer Verordnung vom 24. Juli 181V unter alle Ortsburger nach Köpfen, wobei aber Ausnahmen nicht selten waren. Die An» teile wurden nicht zu Eigentum, sondern nur zu Genuß auf Lebens- zeit gegeben, sie vererbten sich nicht, gingen aber auf die Witwe über. Von dem Genußanteil der Witwe fiel jedoch die Hälfte zurück, wenn sie die Gemeinde- und Frondienste nicht mehr leistete. Für den Genuß wurde eine mäßige jährliche Auflage entrichtet, die nach dem Bedürfnisse der Gemeinde bis zu einer an den Wert des Ge» nusscs steigenden Summe erhöht werden konnte. Allmenden, deren Urbarmachung mit besonderen Kosten verbunden war, blieben während der ersten Jahre von der Auflage frei. Interessant ist ein urkundlicher Vertcilungsbcricht aus einer Gemeinde des jetzigen Amtsbezirks Ettenhcim, den Ellering, dem wir auch sonst folgten, wörtlich wiedergibt:„Allererstlich wurde der Platz von Schultheiß und Gericht ausgesteckt, so groß man denselben wollte urbar machen, alsdann durch einen Geomete'r vermessen, in so viele Teile, als wirkliche Bürger und Witweiber sich in der Ge-i meinde nach der Anzahl befinden, nach der Vermessung alle Stticke mit Pfählen ausgepfählt: sodann ist Schultheiß und Gericht auf den Platz(gekommen); weil gemeiniglich der Platz nicht einerlei Boden, sondern teils hiervon schlecht, als hatte man zwei Klassen gemacht in Anschlag und jedesmal die Stockfelder vor ein Eigentum an dn? Bürger verlost, und gemeldet, daß zwei Anschlag auf solchen Platz in der Losung auf den guten Platz sein Los erhielte, muhte die G«- meinde mehrers bezahlen, aus den anderer Platz zahlte derselb, Ibestowem'gZr;?eder mußte den Anschlag in zlvei Jahren der Ge- »neinde bezahlen, welche(Anteile) auch sogleich in Steuerfuß ge- riommen worden; vor der Verlosung ist dem Schultheiß und Gericht jedesmal vom Oberamt aus erlaubt worden, daß sie ihre Stücke auf sogenanntem Platz vor sich auswählen, wo sie wollten, jedoch bei- fammen an einem Platz; alsdann ist die Verlosung vorgenommen, «nd es hatte das erste Mal Hofrat Mohr und Amtmann in Etten- jheim das obere Stockfeld verlost, welches sein Söhnlein die Los- gettel gezogen hatte; das zweite, das sogenannte Birkenfeld ist nur dem Schultheiß M. aus die �Verlosung übertragen worden, welche Losung mit Zuziehung des Gerichts geschehen und durch einen zwölf- jährigen Knaben die Lose gezogen worden, und auf dem Platz, tvclchcr ein Los erhalten, dasselbe zugleich die Numero von dem Etück in das Protokoll eingetragen/' Obgleich die Allmenden nuv zum Genuß verteilt werden sollten. kam es dennoch hier und da vor, daß sie zu freiem, vor- fügbarem Eigentum abgegeben wurden. Die Regierung erteilte hier- gu nur in den seltensten Fällen die Genehmigung,„weil darauf Siücksicht genommen werden mutz, daß die Gemeinde als solche, d. h. vis immer dauernde Staatsanstalt gegen vorübergehende Berech- itigung der gegenwärtigen Bewohner vor Nachteil bewahrt werde". So ragt ein Nestchen des ursprünglichen Gemeineigentums in bine Zeit reiner Privatwirtschaft hinein, in der das Streben nach dllgemeiner.Gemeinwirtschaft Millionen erfüllt.— Musik. sz. Nachdem schon zu Lebzeiten Richard Wagners eine eigene Wagner-Philologie eingesetzt und nach dem Tode des Meisters sich weiter entwickelt hatte, scheint sie jetzt in das Stadium der Zu- fammenf»ssungen zu kommen. Zahlreiche Briefsammlungen liegen bereits vor, und fortwährend tauchen neue Briefe auf. Die bisherigen Wriefmaterialien sind nun in einem eingehenden Verzeichnis l<,,Rcgesten") gesammelt von Dr. W. Altmann:„Richard Wagners Briefe nach Zeitfolge und Inhalt. Ein Beitrag zur Lebensgcschichte des Meisters"(Leipzig.Breitkopf und Härtel, 190S, böv S. Oktav). Vom 6. Oktober 1830 bis zum 11. Februar 1883 erstrecken sich die hier verzeichneten Briefe, also von den ersten Sorgen des 17jährigen Jünglings bis zu den letzten des nach zwei Tagen dahingeschiedenen Mannes. Geldbedarf vom ersten bis zum letzten WorlI So niederdrückend dieses Schicksal ist, so erhebend wirkt hin- wiederum der vorbildliche, im besten Sinn des Wortes egoistische iZug aller Briefe: so gut wie niemals schreibt Wagner von etwas anderem, als von seiner hohen Aufgabe und von den Einzelheiten, die »hm zu ihrer Durchführung dienen sollen. Und immer wieder die «eine Sehnsucht:„Ruhe, Arbeit I" Preußen kommt recht schlecht weg. Am 3. Dezember 1836 schreibt er aus Königsberg„im preußischen Sibirien"; am 12. November 1833 will er seinen„Rienzi" binnen bv Jahren auf die Berliner Bühne bringen.— Der Herausgeber chat sich besonders durch seine eingehende Andeutung des Inhaltes der meisten Briefe und durch seine Aufnahme auch solcher, von denen nur noch Spuren festzustellen sind, ein beträchtliches Verdienst um die Geschichte der Musik und der Literatur, ja selbst um die Technik der Geschichtsforschung, speziell um das Arbeiten mit„Regesten", er- worden. Wahrscheinlich wird sich dieses Verdienst gerade dadurch steigern, daß man nunmehr erst recht klar ficht, welche Lücken in der Erkenntnis R. Wagners noch auszufüllen sind.— Aus der Pflanzenwelt. rt. Die Sumpfzypressen(Taxockium). Ein höchst interessanter Nadelbaum ist die Sumpfzypresse(Taxodium di- Btichum), die wir bei uns oft angepflanzt finden. Sie gedeiht sehr gut bei uns, denn einst in früherer Zeit bildete sie einen Bestandteil unserer Wälder. Vor der Eiszeit war sie weit in Mitteleuropa und auch in Deutschland verbreitet, in den Braunkohlen der Tcrtiärzeit finden wir ihre verkohlten Ueberreste in großer Masse. Die unheil- volle Glacialperiode brachte diesen schönen Baum in Europa zum Aussterben, aber in Amerika hat er sich erhalten. Von dieser Koni- fere und der ganzen Gattung der Sumpfzypressen handelt ein Ar- tikel E. Koehnes, eines unserer ersten Gehölzkenner, in der„Natur- wissenschaftlichen Wockienschrift"(Nr. 8). Die Sumpfzypresse fällt uns dadurch auf, daß sie im Winter ihre Nadeln verliert und daß diese im Frühjahr in wunderbarem, lichten Grün neu erscheinen. Die Nadeln sind es indessen bei den Sumpfzypressen nicht allein, die abfallen, tatsächlich tverfen diese Bäume ganze Zweige mit Nadeln ab. Sie besitzen nämlich, ähnlich wie die Kiefern begrenzte Zweige, die zum Abfallen bestimmt sind, während andere unbegrenzte die Astbildung übernehmen. Bei den Kiefern stellen ja die zu zwei bis fünf zusammcngercihten Nadeln auch Zweige dar, die nach einigen Jahren abfallen. Bei den Taxodicn sind diese begrenzten Zweige allerdings viel größer, und sie besitzen eine Menge zweizeilig ge- ftelltcr Nadeln. Außerdem fallen sie regelmäßig jedes Jahr, bei einer Art alle zwei Jahre ab. Zur Gattung Taxodium rechnet KocHne vier Arten. Die erste ist die mexikanische Sumpfzypresse. Ku ihr gehört jener uralte Baum zu Santa Maria del Tula bei Oajaca, der wegen seines hohen Alters osb genannt wird. Dieser „Zypresse des Montezuma" gibt man nämlich ein Alter von 4666 bis 6000 Jahren. Dieses Taxodium ist in den Bergen von Mexiko gu Hause in einer Meereshöhe von 1660— 2300 Metern. Da diese Art mit der nordamerikanischen im Aussehen ganz übereinstimmt,, und nur in ihrem biologischen Verhalten von ihr zu unterscheiden ist,, so nimmt Koehne an, daß sie zur Eiszeit auS jener entstanden ist, Sie würde also ein nach Süden verschlagenes Taxodium distkhuta sein, das sich an die Wärme des Südens gewöhnt hat und auch seine Nadeln länger behält. Die zweite Art, unsere bekannte Sumpf« zypresse, war in der Tertiärzeit in ganz Nordamerika, in Europa von Südsrankreich bis Ungarn, in Asien von Orenburg bis Sachalin und auch in den arktischen Ländern verbreitet. Jetzt bewohnt sie nur noch das östliche Nordamerika. Eine dritte Art, Taxodium imbri- carium, unterscheidet sich von den vorherigen durch mehr oder weniger angedrückte Blätter. Sie kommt nur auf der aus sandigem Lehm bestehenden sogenannten Lafayette-Formation vor, die von Taxodium disridium stets gemieden wird. Taxodium imbriearium ist erst neuerdings als besondere Art erkannt worden, ihre Verbreitung dürfte dieselbe sein wie die der Lafayette-Formation, die sich über die Küstenebcne von Maryland bis Texas, sodann den Mississippi auf- wärts bis Illinois erstreckt. Eine vierte Art endlich besitzt China, das Taxodium beteropllxllum, die sogenannte Wasserfichte der Chinesen. Diese Sumpfzypresse hat an den ausdauernden Zweigen angedrückt schuppenförmigc, an den abfälligen nadelförmige, allseits abstehende Zweige. Es ist freilich noch nicht sicher festgestellt, ob diese Art überhaupt Zweige abwirft. Auch die Gegenden ihrer Verbreitung in China sind noch nicht bekannt, wie ja überhaupt die Pflanzenwelt im Innern von China noch weniger bekannt ist als diejenige vom zentralen Afrika. Hninoristisches. — Z u st i m m u n g. Student:„Warum lächeln Sie über meine Worte, mein Herr? Sehen Sie mich vielleicht nicht für voll an?" Herr:„Für sehr voll sogar!"— — Gemütlich. G a st:„Was schwimmt denn da auf der Suppe?" Wirk:„Herrgott, tun S' doch nicht, als ob Sie kei' Flieg' kennen täten!"— — Vertrauenerweckend. Fremder:„Können Sie mir einen Zahn ziehen?" Dorfbader:„Das könnt' ich schon... aber seh'n Sie, es ist schon gleich halb zwölf Uhr, da lohnt es sich nimmer, v o r m i t- tags noch anzufangen."— j(„Meggendorfer-Blätter.") Notizen. — Zugegangen ist uns Heft 7 der Monatsschrift„Kind und Kunst"(Darmstadt, Alexander Koch). Inhalt: Der Ausgangs» Punkt der künstlerischen Erziehung. Kunst in einer schwedischen Schule. Aus dem Skizzenbuch eines Quintaners. Kunst in der Schule in Ungarn u. a. Preis des Heftes 1,25 M.— — JulesVernesoll sechs fertige Romanhandschriften hinter- lassen haben. Die Zahl seiner veröffentlichten Romane beträgt neunzig.— — Die Gencralintendantur hat beim Einzug in das umgebaute Schauspielhaus die Preise der einzelnen Plätze bedeutend erhöht. Nach dem„B. T." ist sie damit schön hin» eingefallen. Von 188 früheren Parkct-Abonnenten haben nur 22 das Abonnement erneuert.— — Im ersten und in einem Teil des zweiten Stockwerks der Nationalgalerie ist gegenwärtig eine umfassende Menzel- Ausstellung zu sehen.— — Mit der Großen Berliner Kunstausstellung 1905 wird eine Lotterie verbunden werden. Der Verein Berliner Künstler veranstaltet sie auf eigene Rechnung.— — Eine Expedition zur Erforschung des Schnee- gcbirges auf Niederländisch-Neu-Guinea wird in Holland vorbereitet.— — Die im Juni v. I. von der philosophischen Fakultät der Uni- versität Göttingen ausgeschriebene Preisaufgabe:„Eine kritische Bearbeitung der zumal in den letzten 20 Jahren vor- getragenen Anschauungen über Wanderungen und Zug der Vögel, mit Benutzung des vorhandenen gesichteten Materials" wurde von dem Stud. math. Hans Duncker aus Naumburg a. Saale gelöst. Ihm ist der volle Preis zuerkannt worden.— t. Wir außerordentlich groß die Menge und der Wert des in den Vereinigten Staaten vorkommenden Naturgases ist, geht aus einer eben veröffentlichten Statistik hervor, der zufolge der Ertrag der Gasquellen im letzten Berichtsjahr auf 142 860 000 M. an- gegeben wird. Gegen das Vorjahr hatte sich der Ertrag noch um 16 v. H. gehoben. Der weitaus größte Teil des Gases wird in den vier Staaten Pennsylvanicn, West-Virginia, Indiana und Ohio ge- Wonnen. Nach dem gewöhnlichen Luftdruck berechnet, würde die Ge- samtmenge der während dieses einen Jahres entwickelten Gase einen Raum von 6757 Millionen Kubikmeter einnehmen, während ihr Heizwert demjenigen von 12 129 463 Tonnen Steinkohle gleich-, kommt.— "Kerantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin S W,