Nnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 64. Donnerstag, den 30. März. 1903 (Nachdruck verboten.) 7t Eine Pilgerfahrt. Von I o h a n B o j e r. Autorisierte Uebersetzung von Adele Neustädter. Dem Frühling folgte der Sommer. In den Freistunden beschäftigte sie sich in dem großen Garten. Ein starker üppiger Gras- und Laubgeruch erfüllte die Lust. Die Obit� bäume strotzten von Blüten. Zuweilen war es dort so still, daß sie vergaß, wo sie war, sie glaubte dieses kleine König- reich allein zu besitzen und schweifte in die Ferne. Ueber ihrem Kopfe flogen die Vögel, die unter dem Dache des großen Hauses nisteten. Das Laub schloß sich hinter ihr und sie setzte sich in's Gras und sah nur Laub und blauen Himmel, hörte nur Vogelstimmen und das ferne Rauschen des Baches. Und die ganze Welt mit den schlimmen ist' innerungen schwand— weit hin. Als sie in dieser Weise eines Sonntags abends umher- ging, stand jemand auf der Veranda und beobachtete sie. Es war Flaten, aber sie sah ihn nicht, sie schritt ruhig hin und her, trug ein helles, lose sitzendes Kleid und einen breiten Schutzhut aus dem Kopfe. „Potz tausend," dachte er,„wahrhastig ein stattliches Weib." Er hatte bemerkt, daß sie in letzter Zeit zusehends wohler und röter aussah. Und unbewußt begann er die Mahlzeiten zu verlängern, weil er in ihrer Gesellschaft besser gelaunt war und sowohl Geschäftssorgen als trübe Erinnerungen vergaß. Jetzt rief er hinunter:„Fräulein Asolt!" Sie blickte fast erschreckt aus. Sie hatte ihn noch nicht zurück erwartet und fühlte sich ertappt. Als sie über den Rasenplatz schritt, errötete sie unter dem Schutzhute und lächelte verlegen. „Entschuldigen Sie," sagte sie und blieb abwartend am Fuße der Treppe stehen, sich auf eine Harke stützend. Er hatte sie angerufen, ganz auf's Gratewohl, und wußte im Augenblick nicht, was er sagen sollte. Aber wie sie in dieser Stellung stand, sah sie schön aus. Die Hand, die die Harke hielt, war braun und wohl geformt. Der Aermel war zurückgestrichen und entblößte einen runden weißen Arm, von dünnen goldgelben Flaumhaaren bedeckt. Sie hatte die blendende klare Haut, die junge Frauen kurz nach der Niederkunft bekommen und obendrein hatte der Sommer ihr einen Hauch von Sonne und Gesundheit ver- lichen. Die scharfen Züge hatten sich gerundet, das heimliche Leid verlieh dem kräftigem Gesichte einen durchgeistigten Schein. In ihrem hellen, lose sitzenden Kleide stand sie vor den grünen Laubbäumen und senkte die langen dunkeln Augen- Wimpern, während sie abwartend die Schuhspitze in den Sand scharrte. Endlich mußte er etwas sagen.„Fräulein Asolt," be- gann er,„mir ist bange, daß.Sie sich hier zu Tode lang- weilen. Morgen mache ich einen Ausflug nach Gothenburg, ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir Gesellschaft leisten wollten. Sie könnten sich etwas auslüften. Was meinen Sie dazu?" Sie blickte auf ihre Schuhspitze und überlegte kurz. Dann hob sie die langen Augenwimpern und lächelte:„Vielen Dank, ich fahre gern mit Ihnen," sagte sie und errötete un- willkürlich. » Aber als sie ihm durch die Straßen der großen Stadt folgte, packte sie wieder die Angst, einen Bekannten an der nächsten Ecke zu treffen. Sie lachte sich selbst aus, ko/nte die Angst jedoch nicht fortlackzen�Sie verfolgte sie wie ein Schatten. Als sie wieder zurückkehrte, war ihr klar, daß sie während der ganzen Reise nicht fähig gewesen, sich zu amüsieren. Im täglichen Getriebe konnten unversehens lichte Stunden kommen. Aber sie vermochte sich nicht wissentlich, wie andere Menschen, zu erheitern, nein, da kamen die bösen Erinnerungen in die Quere und versperrten ihr den Weg. Und wenn sie bis an's Ende der Welt reist— sie würden ihr folgen. Würden ewig und immer folgen. Der Schaukelstuhl stand still. „Ja so, Regina. Und doch gehst Du umher und lügst täglich hundertmal, um alles zu verbergen. Würd« es viel schlimmer sein, wenn Du die Maske abrissest?" Aber sie fuhr auf und errötete sofort. „Nie! Du mußt es aushalten! Mutter darf diesen Kummer nicht tragen! Und Du selbst? Bist Du nicht genug gedemütigt?" Das Benehmen des Großhändlers wurde immer auf- fälliger. Einige Augenblitze verwirrten sie. Seine Besorgt- heit um sie erschien fast lächerlich. So oft er von seinen Reisen zurückkehrte, erhielt sie Geschenke, als sei sie seine Gatün. Da erwachte ein peinlicher Gedanke in ihr:„Gib acht, dies ist eine Einleitung. Eines Tages schleicht er sich an Deine Türe und klopft an. Die Männer gleichen einander. Wer weiß, vielleicht ist alles von Anfang an geplant?" Und ein wildes dumpfes Hohngelächter stieg in ihr auf, mußte jedoch unterdrückt werden, bis sie des Abends allein war. In den Zimmern benahm sie sich, wie früher, wenn sie ihn jedoch anblickte, dachte sie tiefinnerlich:„Ja, komme nur! Ich werde Dich am Kopfe fassen und die Treppe hinunter werfen." In einem Zimmer hing ein großes Bild der Frau Flaten, mit Trauerflor umzogen. Der Großhändler stand öfter, als je, davor und starrte hinauf, als wollte er sie deutlich in seiner Erinnerung heraufbeschwören. Ost saß er auf einer Chaiselongue unter dem Bilde und blickte hinauf, als wolle er darunter Schutz suchen und die Versiorbene bitten, ihn nicht loszulassen. Der alte Witwer kämpfte auf seine Weise. VII. Wie lange wirst Du hier bleibe�? Wo wirst Du später hingehen? Kannst Tu nächstes Jahr Deine Mutter wieder- sehen und kannst Du jetzt schon einen bestimmten Tag, eine Woche oder einen Monat herbeisehnen? Nein, Du kannst es nicht. An dem Tage, da Du ihr unbefangen in's Auge sehen kannst, bist Du frech, wie eine Straßendirne. An dem Tage, da Du die Wahrheit sagst und alle Deine Lügen enthüllst, tötest Du sie. Es gibt keinen Mittelweg. Du kannst sie nie wiedersehen. Sie fühlte sich wie zu harter lebenslänglicher Strafe verurteilt. Wann es ihr richtig zum Bewußtfein kam, konnte sie plötzlich) die Teller zu Boden fallen lassen. Was half es, daß man sie hier achtete, wenn niemand in ihre Seele blicken konnte? Lange Abende hindurch stierte sie wie auf ein Rechenbrett und wiederholte stets das gleiche Spiel:„Wenn Du damals im Hochland so oder so gehandelt hättest. In dieser Welt muß inan vorsichtig und richtig spielen. Man darf ihn nicht in's Zimmer treten lassen— muß den Riegel vorschieben, dies reizt ihn, aber er achtet Dich höher. Manche haben gute glückliche Eltern, gute Erziehung und Brüder, die ihnen zur Ehre gereichen, lind wenn man sich dann in jemand verliebt. so heiratet man ihn, und wenn das Kind kommt, so freut sich alle Welt darüber, und man braucht es nicht für Geld zu verkaufen. Entweder besitzen diese Menschen die Gabe, richtig zu spielen, oder der liebe Gott spielt für sie. Aber einzelne machen einen Fehlzug— und das ganze Leben ist verloren— verloren— verloren, und ewig verloren." Und sie begann ihr Spiel von neuem und strengte sich an, richtig zu spielen. Wenn sie so gehandelt hätte... und so... Die Briefe der Mutter drangen ihr wie ein warmer Hauch zu Herzen. Und weil sie in der Zukunft nichts Lichtes gewahrte, begann sie ihre Zuflucht zu lieben Erinnerungen zu nehmen, beschwor das Bild der Mutter heraus, das kleine Haus auf der Insel, die Seevögcl, das Meer. Wie um der Mutter ein Opfer zu bringen, begann sie wieder ein Abendgebet zu sprechen, sie kam ihr dann so seltsam nahe und glaubte beinahe mit ihr� zu sprechen. Dann begann sie in die Kirche zu gehen, hier trat die kindliche Un- schuld noch lebendiger hervor, sie glaubte wieder zwischen Vater und Mutter zu sitzen. Die Kirche war klein und ärm- lich, und die Gemeinde bestand zumeist aus Fabrikarbeitern. Die Leute begannen sich an das junge, schwarz gekleidete Weib zu gewohnen, das jeden Sonntag mit dem Gesangbuche in der Hand zur Kirche wanderte und sich auf einen abseits gelegenen Platz setzte. Die Orgel und der Psalmengesang gefielen ihr am besten. Darin fand ihr unglückliches Empfinden eine merkwürdige Linderung, im Psalm stieg es mit tausend harmonischen Stimmen empor, in der Orgel rollte es weit und tief, und sie sang mit und erzählte alles förmlich, ohne sich zu verraten. Aber der alte Prediger, der eine ganz andere Tracht trug, als der Pastor in ihrer Hennat, sprach streng über Gott?s Wille.„Wenn Du Dich ernstlich bekehren willst," dachte sie, „so mußt Tu Dich wohl auf Gnade oder Ungnade ergeben. Aber gesetzt, er hat einen anderen Willen als Du. Zum Bei- sviel. Du sollst die Maske abwerfen und Mutter alles er- zählen!... Nie! Er mag mich strafen, aber ich tue es nie." Dann kam wieder Gesang. Ein großes, warmes Ein- Verständnis, das nichts verlangte, nur linderte, sie nur er- zählen ließ. In die Kirche sah sie auch jeden Sonntag den Arzt des Kirchspiels kommen, am Arme führte er eine ältere Frau. Sie konnte wohl kaum seine Mutter sein, sie sah wie eine Ar- beiterfran im Sonntagsstaate aus, aber beide kamen stets zusammen, setzten sich nebeneinander und sangen aus dem, selben Buche. Bei Tische brachte Regina eines Tages die Sprache auf beide. Ter Arzt war als ein wohltätiger Mann bekannt. Unterstiitzte er diese Frau? Der Großhändler trocknete sich den Mund mit der Serviette und lächelte dann etwas seltsam. „Nein," begann er,„sie ist wirklich seine leibliche Mutter. Sie war freilich nie verheiratet, aber sie hat gewaschen und gearbeitet, um den Knaben vorwärts zu bringen und jetzt heimst sie die Ehre ein." „Nein, wirklich!" sagte Regina und sah höchst inter- essiert drein. „Ja, der Sohn nimmt sie überall mit und sagt zu hoch und niedrig:„Dies ist meine Mutter!" und er macht gar kein Hehl daraus, daß die Formen nicht ganz in Ordnung sind. Das arme alte Mädckien möchte sich am liebsten abseits verstecken, aber er pufft sie immer nach vor». Zweifellos geht er nur in die Mrche, um die Alte zu erfreuen und jeder- mann zu zeigen, daß er ihr Sohn ist. Es ist schon fast zur Marotte bei ihm geworden." Zuerst sah Regina ihr eigenes Kind und begann vor sich Hinzustarren, wobei sie den Löffel auf dem Teller vergaß. Aber dann warf sie sofort einen Blick auf den Großhändler und dachte:„Ob er mit allem etwas Tieferes meint? Sei vor- sichtig— nimm Dich in acht— iß, lache und sprich über etwas anderes!" Und sie tat es. Aber che sie das Abendessen nahmen, hatte sie schon herausgefunden, daß er sich dabei nichts Besonderes gedacht hatte. Und da sagte sie wie im plötzlichem Einfall: „Aber wie reden die Leute über den Arzt und seine Mutter?." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.; proudhon am Setzfeaften* Die vom Abgeordneten Genossen Eugen Fourniere in Paris herausgegebene„Revue Socialiste" beginnt jetzt mit der Beröffent- lichung eines interessanten Artikels über die Jugendzeit des französi- scheu Sozialisten Proudhon, mit dein bekanntlich Karl Marx manchen Strauß ausgcfochtcn hat. Der Verfasser dieser Erinnerungen ist ein Jugendfreund Proudhons, namens August I a v e l, ein begeisterter Anhänger der Fourierschen Schule. Javel, der in Arbois eine Druckerei besaß, bekam im Jahre 1831 einen höchst merkwürdigen Druckauftrag: es spielte damals vor dem Tribunale seines Ortes «in gewaltiger Prozeß, den die Bauern von etwa öv Walddörfern des Juras gegen die Prinzen von Arenberg angestrengt hatten. Um alte Holzrechte ging der Streit. Die Bauern bestritten sie den Prinzen, waren sich aber auch untereinander nicht einig; einer von jenen Rechtsstreiten, die die Freude der Anwälte, die Verzwcifelung der Richter und das Verderben der Parteien sind! Das Beweis- Material in jener Sache bestand in einer Menge sehr alter Urkunden, die zum Teil bis ins 12. oder 13. Jahrhundert zurückreichten und natürlich in einem nichts weniger als leicht lesbaren Mönchslatein verfaßt waren. Um sich ihr saueres Amt ein wenig zu erleichtern, beschlossen die Richter, daß die alten Urkunden abgesetzt und dem Gerichtshose gedruckt vorgelegt werden sollten. Dies war der Auf- trag, der dem Drucker Javel zufiel. Zu seiner Ausführung stand ihm nicht allzuviel Zeit zur Verfügung, da das Gericht oder die Parteien sehr stark auf den Abschluß des Prozesses drängten. In etwa sechs Monaten mutzte die ganz« große Arbeit beendet sein. Dazu kam, daß Javel in seiner Offizin keinen Setzer hatte, der eine genügende Fertigkeit in der Entzifferung und Rechtschreibung des Mittelalter- lichen Lateins besaß. Da er selbst die Arbeit in der angegebenen Zeit unmöglich beenden konnte, so sah er sich nach einer geeigneten Hülfskraft um und wandte sich zu dem Zwecke an einen alten Freund, der in einer damals sehr bedeutenden Druckerei in Besancon an- gestellt war. Herr Flumey, so hieß der Freund, wußte sofort Rat:„Dein guter Stern bringt Dich zu mir,' so begrüßte er den Fragenden. „Vorgestern hat mein Kollege Proudhon seinen Posten als Korrektor bei uns aufgegeben, um die Chefredaktion des„Jmpartial"(d. h. des Unparteiischen) zu übernehmen; gestern hat er sie aber schon wieder niedergelegt, seit heute morgen liegt er also auf dezn. Pflaster." Proudhon saß während dieses Gespräches in seinem Zimmerchen und beschäftigte sich mit der Ordnung seiner Auszüge aus wissen- schaftlichen Werken. Sein erster Ausflug aus das Gebiet der poli- tischen Schriftstellerci hatte einen jähen Abschluß gefunden; durch lockende Versprechungen hatte man ihn veranlaßt, die Stelle beim „Jmpartial" anzunehmen, aber man hatte bei den Verhandlungen einen Umstand verschwiegen, der es einem Manne von Ehre ganz unmöglich machte, die Stellung zu behalten. Am Morgen des Beginns seiner Redaktcurherrlichkeit saß er in seinem Bureau und schrieb eiligst seinen Leitartikel. Dann rief er den Rcdaktionsdicner und gab ihm das fertige Manuskript mit den Worten:„Da, lauf los, in einer Viertelstunde kannst Tu auch das Vermischte und die Annoncen holen!" „In einer Viertelstunde? Aber, Herr Redakteur, das ist ja ganz unmöglich!" „Na, warum denn," entgegnete Proudhon. „Bis zur Präfektur ist ein tüchtiger Weg, und dann muß ich doch auch noch warten, ob der Herr Präfekt nichts zu ändern findet!" Der Mann hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da hatte ihm der neu gebackene Chefredakteur das Manuskript schon aus der Hand gerissen und es ins Feuer geworfen! „Wenn der Besitzer kommt, dann sagen Sie ihm nur, ich sei meiner Wege gegangen." Proudhon war damals erst zweiundzwanzig Jahre alt, in der Druckerei der Gebrüder Gauthier hatte er mehrere Jahre am Setz- kästen gestanden, bevor er zum Korrektor aufgerückt war. Eine Auf- gäbe, wie sie ihm sein Kollege Javel jetzt bot, half ihm nicht nur aus der Not der Stcllenlosigkeit heraus, die der junge Mann in seinem Selbstbewußtsein wohl nicht allzuschwer empfand, sondern schmeichelte auch seinem Berufsstolz; so nahm er denn ohne Besinnen die Stelle in Arbois an, zumal ihm Land und Leute dort behagten. Javel, der im Wagen heimgekehrt war, glaubte scinenl neuen Mitarbeiter einen Dienst zu leisten, indem er ihm ein Zimmerchen neben dem seinen besorgte und an seinem Tisch auch für ihn ein Ge- deck mit auflegen ließ. Als aber Proudhon, der den Weg zu Fuß zu- rückgelegt hatte, in Arbois ankam, hatte er für diese liebenswürdige Fürsorge nur einen knurrigen Dank übrig, so sehr liebte er seine Freiheit und Unabhängigkeit von anderen Menschen, daß er aus alle Fälle sein eigenes Zimmer haben wollte. Javel zog darum mit ihm aus, um ein passendes Lokal ausfindig zu machen. Bei einem alten pensionierten Hauptmann, einem Ueberbleibsel der großen Armee, fanden sie, was sie suchten. Der Invalide, dessen Pension nicht aus- reichte, um ihn und seine zahlreiche Familie zu ernähren, hielt eine kleine Weinwirtschast, in der die bei ihm wohnenden Chambrcgar- nisten einen bequemen Mittagstisch bereit fanden. Die sechste Stunde des anderen Morgens fand Proudhon bereits an seinem Setzkasten. Der Advokat, der die kostbaren Dokumente der Arenbergischen Familie in Verwahrung hatte, verlangte anfangs, daß ihm die Originale, die Proudhon und Javel absetzten, alle Abend wieder in sein Haus zurückgetragen wurden; bald aber legte er selbst keinen Wert mehr auf diese Förmlichkeit, sondern vertraute die wichtigen Papiere den beiden Buchdruckern ohne weiteres an. Da die Arbeit Proudhons einen besonderen Charakter trug, auch in ungewöhnlichen Lettern zu setzen war, so wurde sie nicht nach dem gewöhnlichen Tarif bezahlt. Javel und er hatten ein Abkommen ge- troffen, das ihm ermöglichte, ohne große Schwierigkeiten in acht Stunden seine fünf Francs zu verdienen. Ost sah ihn Javel schon um 2 oder um 3 Uhr aus der Druckerei fortgehen, wenn er seine durchschnittliche Zeilenzahl fertig gestellt hatte. Ein Notar des Ortes, der sich für den gelehrten Seher lebhaft interessierte, holte ihn sast jeden Nachmittag zu einem Spaziergange ab, auf dem dann politisiert und philosophiert wurde. Javel, den sein Geschäft mehr in Anspruch nahm, konnte sich nicht immer daran beteiligen, aber auch er verbrachte manche Stunde in lebhaftem Meinungskampf über die Lehren Fouriers oder ein aktuelles politisches Thema mit seinem Setzer. Proudhon hatte die Angewohnheit, sich immerfort Notizen zu machen. Kein Spaziergang, von dem er nicht die eine oder andere Bemerkung in seinem Taschenbuch oder auf einem Zettelchen heim- gebracht hatte. In seiner Wohnung bewahrte er einen ganzen sorg» [am verschlossen gehaltenen Kasten mit solchen Entwürfen und Ex- zerpten auf. Javel hat uns einen dieser Zettel wiedergegeben, der in einem seltsamen Durcheinander allerlei Bemerkungen über die ökonomische Funktion des Kapitals und über den klerikalen Einfluß enthält; der Schluß lautet kurz und bündig: Oelenck» CarthagoJ (Carthago muß zerstört werden 1)� Im Laufe des Monats Dezember 1831 war der erste Band der Klagcbeantwortung, der die Urkunden enthielt, ausgesetzt, und Proudhons Tätigkeit damit zu Ende. Javel machte auch keinen Ver- such, Proudhon zurückzuhalten, da er wohl sah, wie sich der junge Mann auf seine Freiheit freute. Nur ungern ließ er ihn freilich ziehen, da er ihn in der Zeit ihrer gemeinsamen Arbeit lieb gewonnen hatte. Und noch jemand war in Arbois, der mit tiefer Trauer dem Scheidetagc entgegenbangte; das war des alten Hauptmanns Töch- terchen Karoline, eine stille stolze Schöne, mit der Proudhon kaum einige Worte gewechselt hatte, die aber eine unaustilgbare Neigung zu ihm gefatzt hatte. Gerade, weil diese Liebe niemals sich zu äuhern wagte, glühte sie um so verzehrender. Das arme Kind ist daran zugrunde gegangen. Proudhon aber zog bald nach Paris, um sich dort ganz der Politik zu widmen. In seinem wechselvollen Leben ist die Zeit, da er in Arbois am Setzkasten stand, gewiß auch für ihn unvergeßlich gewesen.— in. Klcxma Feuilleton. — Die Backhühner der Frau Kantor von Peplowitz waren be- kannt und berühmt im ganzen Ländle. Schade, daß man fie nur einmal im Jahre vorgesetzt bekam, an dem Tage, da man das Kirchenfest feierte. Anfang Juli war das, wenn das Korn sich ver- färbt; da machten sie sich auf, die alten und die jungen Lehrer, der tind jener mit Frau und Tochter, um bei dem Amtsbruder als Gäste vorzusprechen. Nicht für ein»Danke schön N Sie zahlten mit— Leistungen. Die damaligen Dorfschulmeister unterschieden sich in zwei Stücken von den jetzigen Herrn Lehrern: Sie verstanden sich durch die Bank auf Obstzucht, und jeder war ein tüchtiger Musiker. Mancher spielte alle Instrumente. Und mit ihrer Kunst zahlten sie für die Fest- braten. Sie spielten den Peplowitzern eine Festmest'e vor, wie ich so etwas auf einem Dorfchor seitdem nie wieder gehört. Der Kantor dirigierte, und an der Orgel saß und spielte den bezifferten Satz vom Blatt weg ein blutjunger Müllergesell. Der Kantor! Mit dem war ich weitläufig verwandt. Es war schon bald nicht mehr wahr. In seiner Jugend war er Primgeiger und Konzertmeister einer Kurkapelle gewesen, weit in der Welt heruingekommen, bis tief nach Rußland hinein. Als alter Mann hatte er zum drittenmal geheiratet, eben die, deren Backhühner be- rühmt werden sollten. Die Tante war dürr, zaunrappeldürr. Und wenn man ihr schmeicheln wollte, sagte man, sie sei beinahe„genau". So konnten Viele eL sich nicht zusammenreimen, weshalb die Frau am Tage des Kirchenfestes cS so hoch hergehen ließ. Ich fragte danach nicht, stellte mich bei jedem Fest ein, mit der Mutter. So war der Tag des heiligen Ulrich wieder einmal gekommen. Der Mann ist übrigens auch Stadtpatron von Augsburg und überall geschätzt, wo man gern Bier trinkt. Während der Predigt gelang es mir, mich hinauSzudrückeu. Den Kirchberg Hinabi Und. wie aus der Erde gewachsen, stand ich mit einem Male vor der Mutter und der Tante, die in einem großen, eisernen Topf, in dem ausgelaffene, ungesalzene Butter brodelte und spritzte, nach Backhühner-Vierteln fischten. Die roten Gesichter sahen nicht besonders freundlich aus. Aber ich mochte wohl dagestanden haben wie ein Jagdhund, mit.hängenden, gierigen Lefzen: DaS harte Herz der Tante bekam einen Stoß. So dachte ich wenigstens. Sie gab mir ein Stück und sagte ganz katzenfreundlich: „Da iß', geh' aber in dre Schulstube hinüber, daß Dich nie- mand sieht." Brav, wie ich immer war, folgte ich aufs Wort. Im Schul- zimmer, aus dem man die Bänke geräumt hatte, stand eine lange, gedeckte Tafel. Ich setzte mich obenan und ließ mir's schmecken. Aber nichts dauert ewig. Und mit sechs, sieben Jahren ist man gar nicht satt zu kriegen. Ms ich die Knochen zum drittenmal abgenagt hatte, ging ich wieder hinüber. Sagte die Tante, während sie die gehäufte Schüssel betrachtete: „Es langt nicht!" Und die Mutter meinte:„Ich glaub' auch." Schnell war die Lehrerin aus dem Zimmer. Aber ich kam ihr nach und sah, wie sie im Stall ein junges Kaninchen erwischte, ihm hinter die Ohren schlug und sogleich den Balg abzog. Nach einer Weile rannte ich mit einem Anlauf in die Küche. Die Mutter stellte sich sofort vor die Tante, die mit einem bluttgen Messer hantterte, und schrie:„Nimm Dir noch ein Stück und gehl" Ich suchte mir das schönste aus. Drüben in der Schulstnbe saßen schon einige alte Männer und tranken Bier. Sie mußten auch § unoer haben, sie sahen mir immer auf die Finger. Das zweite tüa schmeckte noch besser als das erste. Und jetzt wurde ich ganz frech. Kerzengerade ging ich in die Küche und sagte: „Tante, wenn Du mir nichts mehr gibst, sage ich, woher Deine Backhühner stammen!" „LauSbub I" Bald hätte ich zwei Ohrfeigen auf einmal auSgefaßt. Im letzten Augenblick duckte ich mich noch. Ich blieb fest. Da hielten die Frauen Rat. Ich bekam noch ein Sttick und noch ein Stück, wurde aber droben in eine Dachkammer gesperrt. Später, als ich mit beiden Fäusten an die Tür trommelte, brachte mir die Mutter Brat- würstc auch noch, und ich hörte, wie sie unten das»arme Dorffchub meisterlein" sangen. Auf einmal wurde mir schlecht. So schlecht I Ging dem, das Sterben schon an?-- Jahre später, es war wieder das Pcplowitzer Fest gelvesem marschierte ich hinter zwei Lehrern drein. Sagte der eine, dessen Rockschöße sich bauschten: „Die Backhühner waren wieder delikat!" „Sehr wohl!" fiel der andere ein.„Aber sagen Sie nur, Herr Kollega, ist nicht auch Ihnen schon aufgefallen, daß in Peplowitz die Hühner keine Flügel zu haben scheinen?" „Flügel? Da Hab' ich wirklich nie hingeguckt. Das Fleisch ist zart und rein weiß. Das genügt!" Der Jüngere entgegnete kein Wort. Ich sagte auch nichts.— wr. Oller Stiesel.— Als ich mich am Montag um 7 Uhr morgens auf meiner gelvohnten Wanderung durch die Stadt befand. hörte ich nicht weit von einer Straßenecke einen Arbeiter auf seinem Rade mit enttüsteter Miene ausrufen:„Oller Stiesel I" Diese Höf- lichkeit galt einem etwas tapsig aussehenden übermüdeten Bahn- beamten, der noch dazu während seines Nachtdienstes etwas zu tief in die Flasche geguckt haben mochte. Der Radfahrer war äugen- scheinlich mit diesem Untertan Buddes in hemmende Berührung ge- kommen, denn die vom am Rade hängende Kaffeekanne schwankte bedenklich. Der Bahnbeamte regte sich über diese ficherlich nicht wohlgemeinte Bezeichnung kaum merklich auf, sondem winkte dem Beleidiger in nicht mißzuverstehender Weise zu, ruhig weiter zu fahren und seine Weisheit bei sich zu behalten. Es ist überhaupt eine Eigentümlichkeit der Berliner Wagenführer, einander auf der Straße bei etwaigen kleinen Reibungen die grausamsten Wahrheiten zu sagen und dann unbekümmert weiter zu fahren, ohne die gemütliche Erregung weiter wirken zu lassen. Auch hier spielt der olle Stiesel eine_ häufig wiederkehrende Rolle. WaS heißt denn nun eigentlich Stiesel? Man ist geneigt, in dieses Wort den sinn des Unhöflichen, Rücksichtslosen und Tapfigen hineinzulegen und trifft damit wohl das Richttge. Denn das Wort Sttesel, das richtiger Stüsel lautete, geht zurück auf ein nur im Oberdeutschen zu findendes stauen oder stäuen, das mit dem anderen bekannteren niederdeutschen stauen