Nnterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 65. Freitag, den 31. März. 1905 (Nachdruck verboten.) Sine Pilgerfahrt. Von I o h a n B o j e r. Autorisierte Uebersetzung von Adele Neustädter. Der Großhändler lachte.„Die Leute! Glauben Sie, Dr. Lindheimer kümmert sich um das Geschwätz der Leute! Einmal hörte ich ihn in einer Gesellschaft bei Tische zu dem neben ihm sitzenden Prediger sagen-„Ich danke und preise meine ivdutter, baß sie ein Kind bekam. Sonst existierte ich ja nicht, und wahrhaftig, ich freue mich zu leben. Herr Pastor— prost den Frauen, die nicht heiraten und doch ihre Bestimmung erfüllen, einen Nachkommen in die Welt zu setzen." Der Pastor wurde so verwirrt, daß er mit ihm an- stieß. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen." Regina brach in ein sonderbares Lachen aus und beeilte sich wieder über andere Dinge zu reden. Von diesem Tage an setzte sie sich in der Kirche immer so weit zurück, daß der Arzt und seine Mutter vor ihr Platz nahmen. Er war ein robuster kräftiger Mann, Haar und Bart waren schon ergraut, nur am geröteten Hals wuchsen noch dunkle gelockte Haare. Die Mutter sah so unscheinbar aus, schmal und abgearbeitet. Von jetzt an vergaß Regina zuweilen zu singen, diese beiden regten ihre Gedanken so sehr an. Vor dieser Frau empfand sie einen wahren Respekt. Sie hatte nicht allein das Urteil und die Verdammung der Welt auf sich genommen, sondern sie hatte den Knaben zu seiner Stellung erzogen. Und jetzt saß sie neben ihm, wie neben einem großen voll- brachten Werk. „Und Du?" wurde ihr ins Ohr geflüstert.„Was hast Du getan? Tu konntest nicht anders handeln— nein. Aber jene?— Was würde sie wohl über Dich sagen, wenn sie es wüßte? Was hast Du getan? Dieses Kleid? Dieser Hut? Diese Handschuhe, woher hast Tu das Geld bekommen?" Und hinter dem vergnügten Gesicht begannen neue Grübeleien ihr unheimliches Netz zu spinnen. Eines Tages geht sie zun, Großhändler, nimmt Vorschuß, bekommt die volle Summe, schickt das Geld dem Professor und bittet ihn, es weiter zu befördern. Aber die widerliche Tat war an und für sich doch getan — sie klebte ihr für's ganze Leben an— und sie schien sie niemals abwaschen zu können. Sie begann die Kirche zu meiden. Sie vermochte nicht mehr, dort zu sitzen und die beiden zu sehen. Keine Freundinnen, keine Zerstreuung lüfteten ihr Gemüt. Tag für Tag dieselbe Arbeit, dieselben Zimmer, dieselbe Maske vor der Welt, und denselben verschwiegenen Kumnwr. Wo das Kind wohl jetzt war? Ging es ihm auch wirklich gut? Wenn sie denselben Mut besessen hätte wie diese Frau! — Im nächsten Augenblicke lachte sie wieder. Alles erschien ihr zu unnröglich,— Amerika? Ja, das war eine andere Sache. Der Schaukelstuhl wurde den ganzen Abend geschwungen, und sie starrte nach Westen über die blauen Gipfel, als könne das Hinausstarren etwas nützen. Aber dieses Kind, woran sie solch eine große Schuld be- gangen, begann sich jetzt merkwürdig lebendig zu gestalten. Und je länger sie hinausstarrte, umsomehr grübelte sie, wo es jetzt wohl sein könnte. Und in dieser Zukunft, die ihr bisher so hoffnungslos dunkel erschienen, entzündete sich gleichzeitig ein kleiner Funke, dem sie immer entgegenstarrte. Und der kleine Funke gewann immer mehr Leben, scharte kleine lichte Träume um sich und leuchtete klarer und klarer. Villi Der Herbst war mit warmen milden Tagen gekommen. Aepfel- und Birnbäume standen mit roten und gelben Früch- ten; das Laub rötete sich im Sonnenlichte. Und wenn sie durch die weißbestreuten Wege ging, blieb sie oft stehen und blickte auf die sinkende Linie der Fichtengipfel hinab, wo der Sonnennebel wallte und wo gelbe Rosetten welker Laubwälder die langen Fichten- und Kieserwaldrücken bestickten. Ter Himmel konnte so blank und klar sein, daß die einzelnen Fichten ihre Spitzen in mellenweiter Entfernung abzeichneten. Aber nach Süden hinab versanken alle Wölbungen in der Ebene, die sich gegen den fernen Horizont am Meeresrande abtönte. Dann folgten Tage mit Sturm und Regen, und wenn sie über den großen Hofraum lief, jagte der Wi-O oft die Hobelspäne aus den Fabriken über ihren Kopf. Wenn dann der Abend kam, die Jalousien herabgerollt und die Lampen angezündet waren, lagerte eine unendliche Leere in diesen großen Räumen, denen nur zwei Menschen Leben einhauchten. Regina Pflegte des Abends im Speisezimmer zu nähen> während Flaten sich in dem kleinen Zimmer seiner ver- storbeuen Frau aufhielt. Eines Abends kam er jedoch heraus und sagte zu ihr: „Hören Sie, liebes Fräulein, wir haben wirklich nicht nötig, es hier noch leerer und ungemütbicher zu machen. Wollen Sie sich nicht zu mir hereinsetzen? Dann ist keiner allein." Sie folgte ihm schweigend. In dem kleinen behaglichen Räume, wo Nähkasten, Kissen, Schreibzeug und Potographien an die verstorbene Hausfrau erinnerten, hatte er den Kamin angefeuert, und die Flamme verbreitete eine behagliche Wärme. Wenn sie an diesen Herbstabenden zusammen saßen, sie über die Näharbeit gebeugt, er ein Buch in der Hand hielt, dann war es nicht zu vermeiden, daß sie einander uöher traten, sie waren ja auch Landsleute in einem fremden Lande. Er er- zählte ihr von seiner Jugend in Hamar und sprach über seine Abenteuer in ausländischen Städten. Sie erwartete, daß er sie auch näher ausfragen würde. Wenn er diskret ivar, so war es eigentlich verdächtig. Frug er hingegen, so mußte sie wieder zur Lüge greifen. Aber er frug nicht. Er wußte vielleicht alles. An- genommen, daß er alles wußte? Man hatte sie wohl aus Berechnung hergeschickt. Sie fern verborgen, danüt das Kind und sie sich niemals finden sollten. Man glaubte, sie würde es schnell unter neuen Ein- drücken vergessen, sich vielleicht verlieben, wieder verheiraten, man hielt sie für so oberflächlich, alles möglichst schnell zu vergessen. Sollten sie recht behalten? Und mitleidig hatte man ihr das Geld in die Hand gedrückt:„Bitte, nun gehört das Kind uns! Verschwinde und zeige Dich nie mehr!" So tief war sie gesunken.— Und sie fand sich drein. Sie aß, schlief, lachte. Ja, weiß Gott, sie fand sich in alles. Sie irrten sich nicht. Sie war nicht besser. Sie ließ sich gebrauchen. Sie besaß keinen Stolz. Der Großhändler las anscheinend, sah sie jedoch oftmals an. Sie saß vor dem Feuer, über die Näharbeit gebeugt, und sah so jung, so ernst und so schön aus. Das dunkle Haar fiel zu beiden Gesichtsseiten nieder, verbarg die Ohren und war tief im Nacken zu einein Knoten zusammengewundcn. Die langen gesenkten Augenwimpern machten den Blick so rätselhaft, der Mund war straff geschlossen. Sie trug täglich ein dunkel- wollenes Blusenkleid, ohne jeden Schmuck, keine Brosche am Halse, nicht einmal eine Uhrkettc. „Fräulein Asolt, woran denken Sie?" Der Groß- Händler lächelte sie an. Sie fuhr aus ihrem Brüten auf. Aber sofort gewann sie wieder Macht über ihr Gesicht und lächelte: „Ich? An nichts Besonderes." Dann las er wieder und sie nähte weiter. Ja so, er beobachtete sie. Er amüsierte sich vielleicht, daß sie hier dem Anscheine nach das junge unschuldige Mädchen spielte. Und wenn er nun wirklich wußte, daß sie ihr Kind an Frenlde weggeworfen und dafür Geld genommen hatte—• mußte er sie dann nicht verachten. War es zu verwundern, ivenn er eines Abends an ihre Türe klopfte. Die Nadel flog immer schneller. Der Großhändler blickte sie wieder an. Er sah nur ihre roten Hände in dem roten Schein der Flamme, die jungen glatten Finger, ganz unberingt. Hatten sie jemals einen ge- tragen? Er hätte nach tausend Dingen fragen mögen, schob es immer wieder auf, aus einer unerklärlichen Angst vor jgnt- täuschung. Aber jetzt steht er plötzlich auf und sagt gute Nacht, ob- wohl es ungewöhnlich früh ist. Er bemerkt, daß sie ganz erregt ist. Worüber mochte sie nur immer grübeln? ./Gut« Nacht. Fräulein Asolt! Schlafen Sie Wohl!" Sie olieb fitzen und lauschte seinen Fußtritten, die hinter ter Tiir erklangen und auf den Treppeil verhallten. Und die Flammen erloschen im Kamin, weil sie das Anfeuern vergaß. Und Regina faß dann auf dem Betttande und starrte in eine kleine Lampe auf dem Nachttische. Dieses Grübeln über den Aufenthalt des Kindes konnte sie wie eine plötzliche Krank- hett befallen. Heute abend war ihr Plötzlich eingefallen, daß der Vater des Kindes seine Hand im Spiele habe. Ob er es wohl durch den Professor bei zuverlässigeil Leuten unter- gebracht und ihr aus Mitleid dieses Geld gegeben hatte? Man muß sich doch gegen ein solches kleines Mädchen gentil benehmen! Und fiir das Kind wollte er sorgen, sie erschien ihm nicht würdig, dessen Erziehung zu leiten._ Sie schloß er aus. Schickte sie ins Ausland. Verhielt es sich so? Krän- klingen vermochte sie zu ertragen, von ihm jedoch keine weiteren. Von ihm niemals wieder. Sie mußte es heraus- bringen. Sie mußte es sofort wissen. Am iiächsten Morgen drangen wieder neue Mutmaßungen durch. Alle waren gleich wahrscheinlich, weil sie nur wußte, daß das Kind irgendwo in der Welt weilte. Und sie sah das Kind bei der Taute in Nordland und zerbrach sich den Kopf, wieso die Geschichte zu ihr gedrungen sei. Sie sah es dann bei der Tante im Hochland, lind dieser Gedanke brachte sie zur Raserei. Sie dachte an eine der Schwestern des Groß- Händlers, die kinderlos war, und die obendrein in Christian- fand wohnte. Und je mehr sie die verschiedenen Möglichkeiten hin- und herwarf, um so lebendiger stieg das Äind in ihrer Seele auf, und um so iingeduldiger sehnte sie sich nach Auf- klärung. Wer wußte, ob es ihm gut erging? Hier wandelte sie einher und ließ die Zeit verstreichen, aß, schlief, wurde rot und dick als schleppe sie nicht die geringste Schande nach. Sie konnte sich wohl ärgern, sorgen, Tränen vergießen. Aber handeln? Nein.— Und sie erregte sich durch Selbstvorwürfe, Tag für Tag. Nacht fiir Nacht— bis sie eines Tages an den Professor schrieb. Sie wollte vor- fichtig anfangen. Sie wollte bloß durch ihn erfahren, wie es lhrem Kinde ginge. l Fortsetzung folgt.) (Nnchdnick verboten.) Etwas vom Aloknen. Nicht von der proletarischen Behausung soll im folgenden die Rede sein, wenigstens nicht von der, die wir armen Grohstädtcr kennen, nicht von den licht- und freudelosen Pferchen, die Menschen- Wohnung heißen, nicht von den dumpfen, lustarmeu übervölkerten Gelassen, in denen das arbeitende Volk in duldsamem Nebeneinander zur Welt kommt, leidet, schafft, kocht und wohnt, lernt, strebt, in denen so viele flügellahm werden, che sie noch recht flügge geworden, in denen das Volk schließlich dahinsiecht und stirbt. Nicht davon wollen wir heute miteinander ein Viertelstündchen plaudern, sondern von den oberen paar Hundert, die nicht nur das nötig« kleine und große Geld dazu haben, sondern auch den Geschmack und Verstand zum wohnen mitbringen, und von den vielen Tausend anderen, die ihren Geschmack lind Verstand trefflich nützen können, um ohne großen Aufwand ihre Wohnung in ein Heim umzugestalten. Von moderner Wohnungskultur soll die Rede sein, von der Bewegung, die von Eng» land ausgehend in Lichtwark und Schultze-Naumburg die vornehmsten deutschen Vertreter gefunden hat und deren Werben auch vor den fchwarzgclbcn Grenzpfählen nicht Halt machte. Gerade bei uns war es ja so notwendig. Nirgends sonst in der Welt wird der groß- städtische Bodenwucher gleich begünstigt wie in Wien und die traurigen Folgen dieser Erscheinung sind: unerhörter Mietwucher und in folgerichtiger Fortsetzung: Herabdrückung des Wohnungsbedürf- nisses aus ein Minimum. Ter Hausbesitzer heißt in Wien Haus- Herr. Schon diese sprachliche Bildung charakterisiert in Wien das Verhältnis des Mieters zum Besitzer. Ter Hausbesitzer ist der Herr. Die Miete heißt Zins. Zinsen muß der Besitz tragen, hohe Zinsen und je höhere, desto mehr si'igt das Herrenbewußtsein in dem einen, das Gefühl der Unterdrücktheit, tributpflichtigen Sklaventums in dem anderen. Das Gefühl, daß der Hausbesitzer ein Kausinann ist, wie jeder andere und daß seine Ware Wohnung heißt, hat man in Wien nicht. Mietervereine oder Micterorganisationen sind in Wien noch Zukunftsland. Auch von Mieterschutzgesetzen träumen wir noch. Der Mieter ist jeglicher Willkür ausgesetzt. Es gibt in Wien Häuser, wo Klaviere, Hunde unk— Kinder nicht geduldet werden. Andere Gemütsmenschen wieder nutzen die Ilcberlcgenhcit ihres Gcldsacks gegenüber der Abhängigkeit beS Proletariats zu dem Gebot der acht- tägigen, ja selbst der dreitägigen Kündigung zu beliebiger Zeit aus und fügen zu allem Wohnungsjammer noch das ewige Zittern um das armselig« Sein innerhalb d«S aufgemauerten ZiegelhaufcnS hinzu. Das Gespenst der Obdachlosigkeit macht mürbe. Sofern diese Krprcssung nur kontraktlich festgelegt, ist das Gesetz machtlos, das 1 eine mindesten» Ittagige Wohnungskündigung, wenn sonst nichts ver- einbart ist, vorschreibt. So beim Proletariat. Aber auch das Bür- gertum, die Beamten, die Geschäftsleute können in Wien nicht wohnen. Auch sie sind bedrückt und zum Schweigen verurteilt, auch sie zittern vor der Kündigung, die auch sie jederzeit ohne Angabe eines Grundes treffen kann, und gegen die sie nicht Einsprache er- heben können, soferne nur der gesetzliche Termin«ingehalten ist. lind über diesem Jammer weht jetzt auch in der„Kaiserstadt an der Donau" frischer Frühlingshauch. Allerbescheidenstc Anfänge noch sind zu verzeichnen, aber sie sind da. Bon einer zur Vereinigung„Secefsion" gehörenden Kunst- lergruppe gehen sie aus, diese Bestrebungen, das Wohnungs- bedürfnis in Wien zu wecken: das gute Beispiel und Aufklärung mit Schrift und Stift find ihre Mittel. Was der Architekt Josef H 0 f f m a n n und sein künstlerischer Sozius der Maler Belo Moser im Verein mit dem Groß- industriellen Fritz Wärndorfer in der„W iener Werkstätte" geschaffen haben, davon soll vielleicht ein anderes Mal die Rede sein — auch davon vielleicht, was die jüngere Wiener Architektenschule unter dem Einfluß des Lehrmeisters Oberbaurat Otto Wagner im edelsten Sinne für die Erweckung des Wohnungsbedürfnisses ge- tan hat— für heute will ich mich auf die Besprechung einer Er- schcinung, die uns mit Zukunftsfreude erfüllt, beschränken. Ein junger Wiener Kunstschriftstellcr, Joseph August Lux, führt seit einigen Jahren einen erfreulichen Kampf gegen alle Un- kultur und Kulturwidrigkeit im Wohnen und hat als Niederschlag seiner in Wien, in England und Teutschland betriebenen Studien eine Fülle von sachgemäßen Anregungen ausgestreut, die revolu- lionierend wirken müssen.„Allein das Zeugnis, das die Bewohner für die persönliche Kultur der Besitzer ablegen", sagt er in einem seiner vortrefflichen und reicht mit Beispielen ausgestatteten Bücher*), ist nur in seltenen Fällen ein günstiges. Ich habe die Wohnungen aller Stände gesehen und vor allem des Mittelstands, der den Hauptteil der Stadtbevölkerung ausmacht, und ich habe sast durchwegs nur Variationen eines Themas gefunden, das nichts Er- quickendes bot. Auf die falsche Note des erborgten Luxus, der den Schein höher stellt als das Sein, ist noch heute das meiste gestimmt. Auf jeder Schwelle, die ich überschritt, hatte ich die Empfindung, als schallte mir eine widerliche Reklamestimme entgegen:„Schmücke Dein HeimI" Den traulichen Blumenflor, den uns die lebendige Natur, den Frühling in die Stube zaubert, fand ich ersetzt durch die künst- lichc Palme, eine erbärmliche Karikatur, die ihre starren Blätter- finger verzweiflungsvoll nach allen Richtungen ausstreckt in der offenbaren Absicht, das Marrartbukett traurigen Angedenkens an Geschmackswidrigkeit zu übertrumpfen." Und dann erzählt er von den „kläglichen Imitationen der Glasmalerei", die dem Licht den Eintritt wehren, von den dunklen, schweren Stoffvorhängen, die demselben Zwecke dienen, scheinbare Traulichkeit hervorzurufen, in Wirklichkeit aber den Schmutz verbergen zu Helsen, der in der Wohnung Heimstatt hat.„Man braucht nur damit zu beginnen, statt der künstlichen Pflanzen lebende, echte ins Zimmer zu bringen, um Freude an ihrer Echtheit und ihrem Gedeihen zu gewinnen, und«ine Revolution ist fertig. Zuerst würden die schweren verdunkelnden Stossgardinen fallen, um wieder Licht und Luft in die dumpfen Räume einzulassen. Wir müßten den echten Blumen, so wir sie erhalten wollen, dieses Opfer bringen, und es wäre eine gerechte Wiedervergeltung, denn gerade diese verdüsternden Stoffgardinen waren es, die zur Zeit, als der Makartsche Atelierstil Mode wurde, unsere Blumen ver- drängt haben. So nun aber das Halbdunkel jener romantischen Rembrandtstimmung vor der TageShelle gewichen ist, entpuppt sich die Lächerlichkeit des Stimmung machenden Krimskrams an den Ge- simsen, aller der Krüge, die keinem Gebrauch dienen, die weder Wasser noch Wein fassen, der Vasen, die keine Blumen aufnehmen können, der Teller, die zu keiner Mahlzeit verwendet werden können, und die sich als dürftiger Gschnas vor dem Tageslichte schämen, als nicht minder die dunkel gehaltenen Wände, die so beliebt sind, weil man den Schmutz darauf nicht sieht. Im Schmutze leben, das macht nichts, nur sehen darf man ihn nicht. Nun aber wird der ob seiner Nichtigkeit entlarvte Prunk unerträglich, und es beginnt ein lustiger Umsturz, vor dem nichts niet« und nagelfest ist. Vom Hundersten kam man in Tausendste. Vom Fenster zu den Wänden und den Bildern, und von diesen zu den Möbeln, bis ins kleinste herab. Es ist fast unabweislich, in allen Einzelheiten des Wohnraumes die neue Wohnungsästhetik zu erhärten. Der Ausgangspunkt dieser neuen Aesthetik aber ist, daß wir allen sogenannten Luxus aus unseren Häusern fortschaffen und zur Aufrichtigkeit und Einfachheit zurückkehren, wenn wir wollen, daß die Kunst wieder im Hause be- ginne. Epochen mit hochentwickelter volkstümlicher Kultur haben gezeigt, daß die Kunst immer vom Hause ausgeht und von hier aus auch das äußere Leben ergreift. Darum mutz unsere Sorge darauf gerichtet sein, daß wir nicht die goldene Regel verletzen, die uns William Morris gegeben:„Behalten Sie nichts in ihrem Heim, wovon Sie nicht wissen, daß es nützlich ist, wovon Sie nicht glauben, daß es schön ist l" So predigt Lux, und wir lauschen ihm gern und folgen gerne seinen Winken, die auch dem Proletarier zugute kommen. Tausende und abertausend« Arbeiterhaushalte werden im Jahr gegründet. Warum sollen hier die neuen so vernünftigen und schönen Ideen *) Joseph August Lux:„Die moderne Wohnung und ihre Ausstattung." Wiener Verlag. Preis b Kionen. nicht miteinziehen, warum soll hier diese Revolution Halt machen? Warum soll das»sprechende" Dutzcndmöbel, das schlecht aus Hart- holz gefügt, einen Stil borgaukelt, zu dem die blaue Arbeitsbluse einmal nicht paßt, nicht dem billigeren, weißlackierten Weichholz- möbel von geraden, einfachen Linien ohne aufgepfropftes„Alt- deutsches-" oder„Rokko!o"-Ornament Platz machen? Warum sollen nicht lebende Topfpflanzen in der Arbeiter-Wohnung wieder zu Ehren kommen, an Stelle der präparierten, warum nicht gute Re- Produktionen künstlerisch wertvoller Bildwerke in glatten weiß- lackierten Rahmen an Stelle der grauenhaften Oeldrucke, die sich der kunstfremde Mann ins Zimmer hängt, um dem prunkvoll erscheinen- den Plunder, der Rahmen heißt, eine Daseinsmöglichkeit zu geben? Der großstädtische Arbeiter zahlt das bißchen Lust und Licht teuer genug, als daß er Anlaß hätte, es sich noch selbst abzusperren. Das alles ist aber mit demselben Aufwand möglich zubeschasfen, wie der heutige Tand, der unsere Wohnungen füllt. Und aus der Wohnung heraus wird sich das neue Haus entwickeln, die neue Stadt. Davon spricht Lux in einem anderen Buche„Das moderne Landhaus.�) Landhaus gebraucht Lux im englischen Sinne, wo der Zug aus der Stadt auf das flache Land am weitesten entwickelt ist. Die Stadt den Geschäften, das Land dem Wohnen. Berlin ist diesem so vernünftigen Prinzipe ja schon sehr gefolgt. Bei uns in Wien ist auch hierin noch fast alles zu tun. Vor allem sind die vorhandenen Verkehrsmittel noch so aus- zubauen und auszunützen, daß sie diesem Zwecke dienstbar werden. WaS Lux in seinem„modernen Landhaus", nnterstittzt von vorzüglichen Illustrationen, darstellt, ist wieder nur der Umsturz. Auch hier ist die oberste goldene Regel: Rückkeh» zur Einfachheit, zum Vernunftgemäßen, zum gesundheitlich Nottvendigen, und dadurch Auffinden des Schönen. Er führt uns in die Wiener Künstlerkolonie auf der„Hohen Warte" zu Füßen des Kahlenbergs, die sich würdig dem dort noch zum Teil erhaltenen reizvollen Stück Alt-Wien an- gliedert, in dem Beethoven gewandelt, wo Körner, Bauernfeld und die Therese Krones abseits vom Lärm der Großstadt Ruhe und Er- holung gesucht haben. Hier war es Architekt Joseph Hoffmann, anderswo der Architest Leopold Bauer, der fich seine Motive aus den« Bauernhaus holt, dem vollstümliche Bauweise„das Volks- lied der Architektur" ist. So strömen auch aus diesem Bande eine Fülle von Anregungen aus! und was mich in diesen Rahmen nicht gezwängt werden konnte, das lebt sich erst recht in der von Lux seither begründeten Zeitschrift „Hohe Warte"—) aus. Für die künstlerischen, geistigen und wirtschaftlichen Interessen der städtischen Kultur ist diese apart ausgestattete und zugleich illustrierte Schrift begründet, und schon die vorliegenden ersten zehn teste zeigen uns, daß es da ein reiches Feld zu bebauen gilt. Einige ätze aus deni Programmartikel werden uns sagen, was die„Hohe Warte" sein lvill. Vor allem„keineswegs eine Kunstzeitschrift mehr",' wer sie will der starken Bewegung zur„Pflege des ästhettschen Lebens" ein Sprachrohr sein, sie betont nicht den Unterschied zwischen modern und unmodern, sondern zwischen gut und schlecht. Sie dient, das zeigen die bisherigen Hefte, im besten Sinne der Heimatskunst, sie wirbt neue Freunde, sie erweitert den Blick der alten. Di« besten Wiener Künstler find mit am Werk, und mit ihnen teilen sich Lichtwark und Schultze-Naumburg in die Arbeit, die es da zu leisten gibt. Die wichtigsten Programmpunkte der„Hohen Warte" find: Künstlerische Stadtpflege in dezug auf die öffentlichen und privaten Bauten, Denkmäler, Brunnen. Gärten? Preisausschreiben; Wohnungspflege und Wohnungsausstattting; Villenbau; Kunstpflege im Hause. Volksbildungsbestrebungen, Hygiene. Konsum, Wohlsahrts- einrichttmgen, städttsche Wirtschaftspolitik! künstlerische und gewerb- ttche Organisationen, Ausstellungswcsen, Volkskunde und Volkskunst, HeimatSschutz; Beispiele arls skandinavischen, englischen, amerikanischen Städtekulttiren. Literatur; Städteberichte aus allen Ländern und Provinzen. Bisher hat die„Hohe Warte" gehalten, was sie versprochen, und die Gemeinde, die sie um fich versammelt, wird von Tag zu Tag größer, zur Freude aller Freunde der ästhetischen Kultur, die uns in der Erwerbshast und den harten Kämpfen unserer Tage wenn schon nicht verloren gehen wollte, so doch zu verkümmern drohte. Hier Halt geboten zu haben und von neuem aufzubauen, was in der Zeiten Lauf zerstört wurde, ist ein verdienstliches Werk. Das wollte ich einmal sagen.— Max Winter- Wien. kleines feuilleton. ee. Nekrolog.— Der Regen klatschte an die Fenster, und der Wind pfiff in der Straße. Wenn man hinausblickte, sah man die gegenüberliegende Häuserwand nur durch feuchte graue Schleier und aus Damm und Steig schmutzige Lachen. ') Das moderne Landhaus. Ein Beitrag zur neuen Baukunst voi» Joseph August Lux. Wien, Verlag von Anton Schroll u. Cie. Preis 10 Kronen.) —) Illustrierte Halbmonatsschrift für städtische Kultur. Verlag von Lux und Lassig. Wien I. Wallfischgasse 4. „Gottlob, daß wir es hinter uns haben!" sagte der dicke Holz« Händler Petersen zu dem Kolonialwarenhändler Arndt. Der nicktet „Schauderhaftes Wetter, ich habe morgen sicher den Sch, rupfen. DaS lange Stehen an, Grabe— der Pfarrer hätte es auch kürzer inachen können. Ist ja ganz schön im Sonrmer, aber im März, wo's heute warm und morgen kalt ist. nee!" Er schüttelte den Kopf.„Hoffent- lich kriegen wir bald was Warmes,'neu ordentlichen Schluck Kaffee, noch besser iväre«in Gilka, aber daran ist ja nicht zu denken, die Frau scheint ja ganz aus dem Häuschen zu sein!" Petersen zuckte die Achseln:„Gott, wenn nran bedenkt, vier Kinder I Und nicht zu wissen, wovon man leben soll. Ja," er pfiff leise und kurz vor sich hin,„da ists schwer normal zu sein. Offen gestanden, ich habe diesen Möring nie begriffen. Unpraktts, durch und durch! Eigentlich gar keine Ahnung von Geschäft. Bloß immer künstlerische Ideen I Nun schön, er war ja Architekt. Aber von solchen Ideen lebt man doch nicht und hinterlassen tut man noch weniger. Billig und schön war seine Devise. Er hat immer so'ne großpratschigen Reden geführt, daß einem ganz schlimm werden konnte: von Kunst ins Volk tragen und ähnlichem Unfinn. Aber all das konnte meinetwegen noch hingehen, wenn er nur auf seinen Borteil sich verstanden hätte. Aber er war geradezu blöde. Von einer ml- heimlichen, schon bornierten Ehrlichkeit— Sie wissen ja, Arndt, wie ichs meine— man nimmt eben mit, was man kriegen kann. Das ist man fich und seiner Familie doch schuldig, nicht wahr? Aber er — ich Hab mit ihm darüber hundertmal geredet und ihm klar zu machen gesucht, daß er sich sozusagen ins eigene Fleisch schneidet. Aber nichts hat genutzt. Gelächelt hat er nur, beleidigend gelächelt. Na jetzt würde er es nicht niehr tun. Jetzt würde er vielleicht doch mir recht geben." Arndt nickte:„Man sollte es nicht für möglich halten, was für Menschen es gibt. Gar nicht, als ob sie auf der Erde leben. Immer in höheren Regionen. Dazu gehörte dieser Möring auch. Ich kann ja nicht über ihn klagen. Er hat immer pünktlich bezahlt. Aber wie soll das jetzt werden? Sie sind doch mit der Frau weitläufig ver- wandt. Da werden Sie wohl ran müssen, Petersen, hleibt Ihnen gar nichts anderes übrig." Der Holzhändler seufzte:„Wo denken Sie hin. Arndt? Ich Hab' doch allein genug zu krebsen. Denken Sie mal, ein Junge studiert, einer ist Offizier— rechnen Sie mal gefälligst nach, was das kostet. Und dann drei Mädels. Gott, die wollen mal unter- gebracht sein. Da muß man beizeiten an die Aussteuer denken. Ich kann beim besten Willen nichts für Mörings tun. Für anderer Leute Kinder sorgen, das können Sie nicht gut verlangen. Er hätte was tun müssen, nicht in den blauen Dunst hinein Wirt- schasten. Bei der Villa von, Kommerzienrat Büchsei hätte er allein fünfzigtausend Mark verdienen können— schlecht gerechnet. Mehr noch, wenn er bloß ein bißchen schlau gewesen wäre. Aber nein— eS war ihm eine Ehre, daß der Kommerzienrat ihn seinen Ideen folgen ließ. Da hat er sich geschmeichelt gefühlt, und Büchse! hat sich ins Fäustchen gelacht. Einen billigeren und besseren Architetten konnte er gar nicht finden. So ein Schaf, was? Das soll einen nicht giften I Na, Gott Hab' ihn selig. Zu ändern ist nun nichts mehr daran!" „Aber schade ist es doch I" meinte der Kolonialwarenhändler, der Umschau gehalten hatte nach etwas Warmem. Noch war an Kaffee nicht zu denken. Was war das bloß hier für eine Wirtschast. Da war man nun das Ende bis zum Kirchhof mitgelaufen, hatte eine halbe Stunde am Grabe gestanden, dann den langen Weg zurück und nun— einfach unglaublich. Diese Frau Möring wußte doch gar nicht, was sich gehörte. Trauer— gewiß I Das war ja sehr schön, aber man hatte doch Rücksicht auf die Leidtragenden zu nehmen I „Schade?" sagte nach einer Weile Petersen,„ich halte es sogar für ein Glück, daß er jetzt schon gestorben ist. Denken Sic bloß, wie es nach zehn Jahren gewesen lväre I Wenn die Kinder schon mehr herangewachsen wären. Was hätte da erst die Frau angefangen? So kann sie sich wenigstens allmählich an ihre Lage gewöhnen. Meiner Ansicht nach ist' die Frau auch an ihrer jetzigen Situation schuld; sie hat Möring noch immer bestärkt in seinen verrückten Ideen. Ein Herz und eine Seele I Im Anfang war sie ganz ver- nünftig, das läßt sich nicht leugnen. Aber er hat sie allmählich ganz zu seinen Anschauungen bekehrt, bis sie zuletzt auf ihn schwor. Kurz und gut, ich sage Ihnen, Arndt," Petersen erhob erregt seine Stimme, „mit der Gesellschaft war eben nichts anzufangen." Der Kolonialwarenhändler legte beschtvichtigend seine Hand auf den Arm des Holzhändlers:„Pst, pst, nicht so laut, man sieht schon her." In der Tat hatten die anderen Leidtragenden. als sie Petersen so deutlich vernahmen, ihre gedämpfte Unterhaltung unter- brachen und zu den Beiden hingeblickt. „Ach was," sagte Petersen etwas leiser.„Glauben Sie, die sind anderer Meinung? Fragen Sie sie mal auf Ehre und Gewissen! Ein Mensch hat einfach die Pflicht, für die Seinen zu sorgen. Und wenn er das nicht tut, dann ist er für mich erledigt. Und Möring ist weiter nichts als ein Phantast gewesen. Gewiß, in einer Art ganz tüchtig, aber von» Geschäft nicht eine Idee! Und darauf kommts gerade an. Die Leute haben ihn ausgenutzt. Ich bitte Sie, ein Mensch von seinen Fähigkeiten und seinem Ruf und hinter- läßt keinen gebogenen Heller. Ja. ist das glaublich?" Petersens Augen blitzten zornig und er runzelte die Brauen, Da fühlte er eine leichte Hand auf seiner Schulter; als er sich hastig wandte, stand die junge Witwe vor ihm. „Lieber Vetter, komm. Der Kaffee ist fertigt' Selbst durch diese alltäglichen Worte zitterte ein trauervoller Ton, Petersen nahm ihre schmale, blasse Hand:„Arme Marie I" sagte er, und in sein Gesicht trat der Ausdruck offizieller Trauer.— a. Zaun und Grenzstein. Der Uebcrgang von der Viehwirtschast zum Ackerbau bei den Germanen verlieh dem Grund und Boden einen früher unbekannten Wert, Um so notwendiger erschien es nun, die Eigentumsgrenzen fest zu bestimmen und kenntlich zu machen. Darum legten auch die alten germanischen Gesetze auf Zaun und Grenzstein ein hohes Gewicht, Als älteste und früheste Grenzzeichen treten Erdhaufen oder Wälle auf. Nachdem sie mit den römischen Sitten und Gebräuchen bekannt geworden, errichteten die Germanen dann Steine, gewöhnlich in Quadratform, mit eingehauenen Zeichen. Unter die Steine legte man wohl auch noch besondere Merkmale, wie kleine Kugeln, Kohlen- stücke usw. Daneben dauerte der Gebrauch von Bäumen mit ein- gehauenen Kreuzen oder eingeschlagenen Nägeln, sogenannten Mal- bäumen, als Grenzzeichen fort. Auf der Verrllckung und Zerstörung solcher Grenzzeicheu standen große Strafen, ebenso auf Unter- schiebung und Errichtung falscher Zeichen. Das bayerische Gesetz bedrohte den Freien mit sechs Schilling, den Knecht mit zwanzig Prügel. War die Verrückung des Grenzzeichens nur durch Zufall und ohne böse Absicht geschehen, erfolgte die einfache Wieder- Herstellung. Das westgothische Gesetz bestrafte den Freien für jedes Zeichen mit 20 Schilling, den Ltnecht mit 50 Prügel. Rothari, König der Langobarden, setzte schon auf Verrückung der Grenzsteine, oder Verbrennung der Malbäume für den Freien 30 Schilling, für den Knecht den Tod oder 40 Schilling, wenn ihn sein Herr für solchen Preis löst. Wer nun Zeichen in einem fremden Walde machte, büßte als Freier mit 40 Schilling, als Knecht mit der Hand. Noch strenger war das burgundische Gesetz. Hier verliert auch der Freie die Hand oder löset sie mit seinem halben Wehrgeldc. Bei Grenzstreitigkeiten entschied das Gottesurteil durch Zweikampf. Nach allemanischem Gesetz behielt dtbei der Sieger das Land, und die Besiegten büßten 12 Schilling, weil fie denr Eigentum widersprochen. Die spätere mittelalterliche Urbargesetzgebung steigerte die Strafen für Marksteinverletzung bis zur blutigsten Barbarei. Wer zu Weder- mendig an der Mosel einen Markstein beschädigte(der marksteen außvere oder grübe),„den soll man gleich dem gürtel in die erden graben vnd soll ihm mit einem pflugh durch sein herz fahren". Und im Stifte Fulda sollte derjenige, welcher die Grenzmarke an einem Acker weggepflügt hatte, bis an den Hals in die Erde gegraben und ihm sodann mit einem Pfluge über den Kopf gefahren werden. Unter eben solchem Schutze standen die Zäune. Jeder Hof, jedes Stück Land oder Feld, auch das Neuland mußte mit Zaun oder Graben umgeben sein als Zeichen des Besiyrechtes und zum Schutze gegen' das Vieh.„Wer vuch ein Hofstatt hat, der soll zünen, hinden hin, also daß die güter hindenan fride Heigen ze allen zitten", heißt es in den alten Gesetzen. Das alte bayerische Gesetz schreibt die Höhe eines solchen Zaunes dergestalt vor, daß einer niittleren Person ein solcher bis an die Brust reichen mußte. Aehnlich die späteren mittel- alterlichen Weistümer. Im Stifte von Lindau war vorgeschrieben, ein Zaun solle sein so hoch,„daß er einem ziemlichen Manne ouder die Uchsßeln gange und so starck gemacht ond geflochten wann ein ziemlicher Mann darnff stand, daß die nit niederbrechen, ond so dick, daß kein swin hindurch schliefen müge". In der Wetterau sollte der Friede, d. h. der Zaun, so gemacht sein„also hoch ond fest, daß zwey gespannte perde nit können darüber.kommen, ond daz sol geschehen vor Walburge". Die Zeit, in welcher auf den Feldern das Sonnner- oder Winter- gctreide eingezäunt werden mußte, war den Gemeinden ebenfalls genäuestens vorgeschrieben. In den Dörfern standen die Zäune unter steter Gemeinde-Aufficht. So heißt es in dem Weistume der Gemeinden Winß und Berschweiler vom Jahre 1550:„Es sollen die Heimberg alle 14 Tage, doch ein tag 2 oder 3 ongefahrt, die Pfleg Zeun besehen, ond da einer ein luck in solchen Zäunen Hütt, soll derselbig 3 Pfennig zur Buße geben". Die Strafen für Zaunverletzungen waren in den alten Gesetzen ziemlich mild. Wer nach dem bayerischen Gesetze von einem Lattenzaun eine Latte abbrach, büßte einen Schilling, ebenso wer von einem Rutenzaun eine Bindcgcrte entwendete. Stahl einer aber einen Querbalken, so kam der Spaß 3 Schillinge. Höher ging das salische Gesetz. Wer nach diesem einen Zaun verletzt oder anzündet, büßt 15 Schillinge. Am barbarischsten war natürlich wieder das Mittelalter. Nach dem Wendhageuschen Bauernrechte sollte man demjenigen, der eine Zannweide abgeschält hatte,„den Bauch auf- schneiden und nehmen seine Gedärme, und lassen ihm den Schaden bewinden, kann er das verwinden, so kann es die Weide auch ver- winden".— Notizen. — In Deutschland gibt es 00 000 öffentliche Volks- schulen, in denen 125 000 Lehrer und 23 000 Lehrerinnen jährlich neun Millionen Kinder unterrichten.— — Die Studentenschaft der Technischen Hoch- schule in Brau n schweig plant die Aufführung von„Wallen- Bcrantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: st eins Lager" unter freiem Himmel am Fuße des lfluß- berges. Gegen 400 Personen werden fich an der Ausführung be- teiligen.— —„Unsere Tochter", ein Schwank von Marco Brociner und H. Köhler erlebt noch in dieser Spielzeit die Uraufführung im Wiener Deutschen Volkstheater.— — Huniperdincks neue Oper„Die Heirat wider Willen" geht am 11. April im Opernhause zum erstenmal in Szene.— — Die von der preußischen Volksvertretung bewilligten Mttel für die Denkmäler deutscher Tonkunst werden ähnlich wie für ihr Vorbild, die Hoimmsiita. Germaniao historica, im wesentlichen für Honorierung von Musikforschern und Herausgebern verwandt.— — Der Berliner Bildhauer B r ü t t ist an die K u n st s ch u I e in Weimar berufen worden. Brütt fing als Steinmetz an.— o. Ueber die Ausgrabung eines großen Tempels in Aegypten wird aus Kairo berichtet: Prof. Flinders Petrie hat den alten Tempel von Serabit El Khadem ausgegraben, der südlich von Suez liegt und von dort in fünf Tagen zu erreichen ist, wenn man die Reise auf dem Kamel zurücklegt. Der Tempel ist semitischen Ursprungs und unterscheidet sich von jedem anderen ägyptischen Tempel, den man bisher kennt. Er besitzt zwei Höfe für Waschungen und eine lange Reihe unterirdischer Kammern, die nacheinander von den Königen der 18. bis 20. Dynastie hinzugefügt wurden. Außerdem förderte Flinders Petrie viele bisher unbekannte Hieroglypheninschristen zutage, die sich auf Bergwerksexpeditionen in Aegypten beziehe».— — Höfe um den Mond. Die sogenannten Höfe oder Ringe, die fich am häufigsten um den Mond zeigen, aber auch bei der Sonne nicht selten sind, gehören zu den interessantesten optischen Erscheinungen der Atmosphäre. Die am häufigsten vorkommenden kleinen Ringe oder Kränze, deren Durchmesser meist etwa 2 Grad beträgt, werden Aureolen genannt; sie entstehen durch Beugung der Lichtstrahlen an den Körperchen zarter Wolken oder Nebel in der Atmosphäre— ähnlich dem Lichtkranze, der bei starkem Nebel fast um jede Straßenlaterne zu sehen ist. Von der Größe dieser Wasserkügelchen, die im Durchschnitt etwa ein Hundertstel Millimeter beträgt, hängt der Durchmesser des Lichtkranzes ab; je größer die Kügelchen, um so kleiner sind die Aureolen. Wenn die winzigen Körper von möglichst gleicher Größe und Verteilung sind, erscheinen die Höfe sehr schön aus- gebildet und zugleich farbig(mit vorherrschendem Rot), andernfalls überdecken sich die Farben, und der Ring erscheint uns weiß. Die größeren Höfe, auch Halo genannt, die einen Durchmesser von meist 22 Grad aufweisen und bald weiß erscheinen, bald Regenbogenfarben in umgekehrter Reihenfolge(das Rot innen) zeigen, entstehen durch Brechung des Lichtes in den kleinen Eiskristallen, die selbst im Sommer in den höheren Regionen der Atmosphäre schweben. Be- sonders häufig sind diese Erscheinungen in Polargebieten wegen der Menge der in der Lust schwebenden Eiskristalle.— („Kosmos", Stuttgart.) t. Indischer Glimmerbergbau. Der Glinimer, der in seiner farblosen, in großen Platten vorkommenden Spielart in der Industrie mannigfache Verwendung findet, wird in großem Maßstab inr südlichen Indien gewonnen. Aus den Minen wird er zunächst in schüsselförmigen Körben nach den Schuppen gebracht, wo das Zuschneiden erfolgt. Der Werkführer wählt die besten Platten aus und spaltet sie selbst mit einem Bandeisen oder einem Messer in flache, dünne Stücke, die höchstens Vs Zoll dick sind und nicht die geringsten Flocken oder Trübungen aufweisen dürfen. Diese Platten kommen dann in die Hände von Frauen oder Kindern, die mit einem Messer oder mit einem Stück Zinn oder Zink ein Rechteck darauf einritzen müssen, so groß es hinauf- gehen will. Dann werden längs dieser vorgczeichncten Linien von Männern mit gewöhnlichen Gartenscheren die Vierecke heraus- geschnitten. Die Scheren sind mit einem Ende gewöhnlich fest in einen Holzblock eingebettet, der im Boden eingegraben ist, so daß die schneidende Fläche genau senkrecht steht. Die minderwertigen Glimmertafeln werden ebenso behandelt. Die gewonnenen vier- eckigen Platten werden schließlich in Bündel nach verschiedenen Größen und nach der Güte vereinigt. Im Glimmerbergwerk von Nellore werden etwa 150 Tonnen Glimmer jährlich gewonnen.— gc. Im amerikanischen Westen starb ein Advokat. Auf seinem Grabstein war zu lesen:„Ein Advokat und ein ehren- hafter Man n." Nach langen Jahren wurde in demselben Ort eine Versammlung des Farmerbundes abgehalten, und die Landleute besichtigten unter auöcreu Merkwürdigkeiten den Friedhof. Von dem oben erwähnten Grabstein konnte sich einer der Landleute gar nicht treuneu. Nachdenklich und kopfschüttelnd betrachtete er lange die Inschrift.„Was hast Du denn?" ftagte man ihn.„Ich wundere mich nur," antwortete er,„warum man gerade in dies Grab zwei Tote hineingelegt hat."— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 2. April. Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo., Berlin SW.