Ilnterhaltungsblatt des HorwSrls Nr. 66. Sonntag, den April. 1905 (Nachdruck verboten.) »1 Sine PUgerfakrt. Von Johan Bojer. Autorisierte Uebersetzung von Adele Neustädter. Tage und Wochen wartete sie in voller Spannung. Aber der Professor blieb stumm. „Ja so. Regina, man glaubt, es sei nur eine Marotte. Man hat Dich behandelt wie ein Tier, dem man das Junge nimmt, und man glaubt. Du vergißt es nach einigen Tagen. Ja ja, vielleicht behalten sie Recht. Vielleicht bist Du«tuch nicht viel besser." Und sie lächelte gespannt, während der Schaukelstuhl stillestand. Aber nach diesem ersten Schritte mußte ein zweiter getan werden.— Doch— wo sollte sie hin? Alle Wege führten über den Professor. Und wenn er sich weigerte, den Aufenthalt des Kindes zu verraten? Was dann? So glückte denn das Spiel, das nmn gegen sie aufgenommen hatte, und sie konnte wohl niemals ihr Verbrechen gutmachen.— Aber wenn sie jetzt zum Professor reiste, bat, drohte? Und wenn er un- erfchütterlich war? Was dann? Regina, was dann? „Was hast Du angerichtet?" Sie hielt den Schaukelstuhl an und faßte sich an den Kopf. Sie sah den Tag kommen, wo sie den Verstand verlieren könne. „Regina, was hast Du angerichtet?" Und jetzt begannen einige merkwürdige Tage. Sie befand sich in peinlichster Unruhe, entwarf einen Plan nach dem an- deren. Sie geriet in immer heftigere Wut gegen denjenigen, der ihr das LUnd abgelistet hatte, ihre Schuld bedrückte sie schwerer und schwerer, ihre Feigheit erschien ihr stets schlimmer. Die Grübeleien ließen ihr keine Ruhe. Ihre Sehnsucht nach dem Kinde wurde immer brennender. Aber was sollte sie tun? Und inmitten dieses aufreibenden Gemütszustandes be- gann in ihrem Innern ein Glücksgefühl zu entbrennen, sie fühlte sich kräfttger und empfand neue Lebenslust. Die Zu- kunft schien verlockender. Der nächste Tag verursachte kein Grausen, er konnte eine Gabe bringen. Aber warum blieb sie noch hier, da ihr der Boden doch unter den Füßen brannte. Sie benahm sich wie ein lebenslänglich verurteilter Gefangener, der plötzlich einen Ausweg zur Flucht und Freiheit entdeckt — und doch zögert. Weshalb? Es kostet nämlich einen Sprung, einen kühnen Sprung ins Dunkle. Sobald sie ihr Mnd zu suchen begann, konnte es nicht länger verborgen bleiben. Der Weg zur Mutter bliebe auf immer versperrt. Auch die Familie... die Tanten, die Cousinen.... ein Mann, die Achtung aller Welt. Eine Menge schlimmer Wurzeln mußten ausgerissen werden, und ihr ganzer bisheriger Kampf, um es zu verbergen, würde also vergebens gewesen sein. Aber die Wahl bedrückte. Einerseits lockte das Kind. Eine Mehrheit von Sttmmen widerriet andererseits. Bei dem Kinde drohte die Schande der Welt gegenüber, dort der Schimpf sich selbst gegenüber. Die Nächte erschienen endlos. Sie empfand einen Heißhunger, diesen Netzen der Lüge und Verstellung zu entkommen. Für ihr Kind konnte sie vielleicht alles erdulden. Und die Tage verstreichen. Der Winter ist gekommen. IX. Gegen Weihnachten kehrte Regina eines Tages von einem Spaziergange zurück und hatte starken Schüttelfrost und Kopf- schmerzen. Sie mußte sich sofort zu Bette legen und bekam im Laufe des Tages hohes Fieber. Wie sie in ihrem Zimmer lag, befiel sie wieder das be- drückende Gefühl des Alleinseins. Und wenn sie jetzt totkrank wurde? Mutter konnte nicht herkommen. Und wenn sie starb, wie würde es ihrem Kinde ergehen? Hier lag sie unter völlig Fremden durch eigene Schuld. Während die Zähne unter Frostanfällm klapperten, be- gann sie zu jammern, und ein stechender Schmerz ging ihr durch die Brust. Eins der Dienstmädchen kam herauf und setzte sich zu ihr. Es war das grauhaarige bleiche Mädchen aus Norwegen, das bei dem Kroßhändler lest dessen Verheiratung war. Regina frug:„Kommt der Arzt nicht?" Die andere antwortete:„Wir haben zu ihm geschickt. Aber er kann erst des Abends kommen." Das Warten erschien ihr endlos. Das Zimmer wurde dunkel. Napoleon vor Moskau wurde zu einem häßlichen Vogel. Die Zimmerdecke begann zu rollen, daß ihr schwindelte, dann versank sie in glühendheiße Finsternis, sank immer tiefer. Sie erwachte, als Licht angezündet wurde; Doktor Lind« ström stand vor ihrem Bette. Er sprach mit angenehmer, ge- dämpfter Stimme. Sie war ganz wirr, einen Augenblick bildete sie sich ein, er sei ihr eigener Sohn. Saßen sie nicht jeden Sonntag zusammen in der Kirche.und begleitete er sie nicht stets und ehrte sie? Man legte einen Thermometer unter ihre Armhöhle, Dann wollte er ihre Brust untersuchen. Aber da erwachte sie tief erschreckt:„Dann wird er ja sehen, daß ich ein Kind gehabt habe!" dachte sie und begann krampfhaft ihr Hemd mit beiden Händen festzuhalten. Aber er lachte, zog ihre Hände fort und knöpfte auf. Sie mußte sich setzen. Als er fertig war, sagte er, sie müsse fest zugedeckt liegen bleiben, und als er auf dem Korridor war, hörte sie ihn zum Großhändler sagen, der draußen wartete, daß sie Lungenentzündung habe. Sie dachte nicht darüber nach, dachte bloß immerfort: „Hat er etwas bemerkt? Erzählt er es?" Eine kleine Lampe wurde angezündet, eine Zeitung vor- gehängt, daß das Licht der Kranken nicht die Augen blenden sollte. Während der Nacht irrte Großhändler Flaten, in seinen Schlafrock gehüllt, planlos durch alle Zimmer. Er war asch- grau im Gesicht. In der letzten Zeit hatte er geglaubt, daß dies... daß es überwunden werden könne. Aber jetzt, da sie vielleicht sterben konnte, jetzt... Zwischendurch blieb er manchmal vor dem großen Bilde mit dem Trauerflor stehen, wagte jedoch nicht, hinauf zu blicken und flüchtete in ein anderes Zimmer. Dann stand er wieder oben vor dem Zimmer der Kranken und lauschte an der Tür, wollte jedoch nicht hineingehen. Ging dam» wieder auf lautlosen Filzpantoffeln und mit dem Lichte in der Hand die Treppe hinunter, während der Wintersturm die ganze Nacht hindurch pfiff und heulte. Dann schickte er ein halbbekleidetes Dienstmädchen hinauf. um nachzufragen, und als die Magd sich wieder zu Bett legen wollte, klingelte er wieder, und sie mußte von neuem hinauf- gehen. „Wie geht es jcht?" „Sie phantasiert weiter." Dann irrte er wieder durch die öden Räume mit dem Licht in der Hand. Am nächsten Tage ging er nicht auf'A Bureau, und als Doktor Lindsttöm am nächsten Vormittag von der Kranken herunterkam, bebte die Sttmme des Großhändlers, als er den Arzt ansah und frug:„Nun?"� Der Arzt hoffte, es sei anzunehmen, daß sie mit ihrev jugendlichen Kraft die Krankheit überstehe. Zweimal vierundzwanzig Stunden lag Regina zumeist besinnungslos. Das alte Mädchen blickte oft das junge halb- tote Gesicht mit der weißen Sttrn an und dachte:„Gott weiß, wie das abläuft." Während das Mädchen eines Nachts vor dem Bette saß, schlug Regina die Augen auf und starrte es wirr an. „Hören Sie," sagte sie unnatürlich laut,„Sie sollen einen Brief schreiben." „Einen Brief? Ja, das will ich gern. Vielleicht an �zhrs Mutter?" Die Brust der Kranken ging schwer, sie stierte vor sich hin? „Mutter— nein, sie ist tot. Sie sollen schreiben an—> ich werde Ihnen etwas anverttauen, was sonst niemand wissen darf. Hören Sie— ich... ich habe..." Aber weiter konnte sie wohl nicht, sie versank wieder tll die schlaffe, schwere Betäubung und schloß die Augen. Was hatte sie gemeint? Das alte Mädchen blieb sitzen und sann nach. Aber mitten in der Nacht begann die Krank« plötzlich zu schluchzen:. „Gebt es mir!" sagte sie und streckte die dünnen Arno hoch,„gebt es mir wieder." ».Pst. hst/ sagke LaS alte MädHen. �Tas tv ollen Sie ?a?en, Fräulein?" „Sehen Sie nicht, Hort oben sitzt er und hält eZ im Schoß. Er will es mir nicht wieder geben. Ich habe es getötet. Für mich gibt eS hinfort keine Gnade. Jetzt bin ich verloren!" Das alte Mädchen kniff den Mund ein und begann sie Wieder in die Decke zu wickeln. Einen Monat hütete Regina das Bett. Als sie anfing sich zu erholen und sich in den Kissen etwas aufsetzen konnte, war schon Februar, und die Sonne beleuchtete mehrere Stunden den Fußboden ihres Zimmers. Sie wurde wie eine Prinzessin gepflegt. Bekam Extrakte und stärkende Weine. Der geringste Wunsch setzte das ganze tzaus in Bewegung. Der Großhändler ließ sich auch ferner nicht sehen, aber sie ahnte in ihm den guten Hausgeist, der stets ihrer gedachte. Als sie zum erstenmal einige Stunden aufstand, glaubte sie ein neues Leben gewonnen zu haben und empfand volle Dankesfreude. Selbstverständlich wollte sie in diesem neuen Leben alles frühere gutmachen, deshalb war es ihr ja beschert. Und sobald sie ganz gesund war... ja, was dann? Sie starrte in einen dichten Nebel. Eines Tages ließ sie sich einen Spiegel bringen und fand sich häßlich. „Auch gut," dachte ste, wozu brauchst du auch künftighin Schönheit?" Und nun sammelten sich alle Gedanken für die Zukunft um das Kind. Wenn die Sonne sie umfloß, folgte das Kind. Alle Pläne fanden wie selbswerständlich den Weg zu ihm, genau wie die Pflanze in der Zimmerecke dem Fenster zu- wächst. Je mehr Leben sie gewann, um so inniger verwuchs sie mit dem einzigen, was ihr teuer war. Eine warme, helle Sehnsucht war in ihr, als müsse sie ihr eigenes Herz wieder gewinnen. Wer dem Tode nahe war, ist mutiger. Tie Schwierigkeiten erschienen jetzt gering. Die Verwandten, das Urteil der Leute, die Gedanken an einen Mann, alle diese Wurzeln mußten nicht mehr ausgerodet werden, sie welkten von selbst im Schatten der einen Sehnsucht. Während sie hier herumsaß und gepflegt wurde und nichts arbeitete, vermengten sich ihre Vorstellungen immer inniger mit dem Kinde. Sie kleidete es an und aus. Sie nähte seine Kleider. Sie blickte in seine Augen, fühlte das feine, weiche Gesicht an ihrer Brust, bemerkte den eigenartigen Kindergeruch— alles envachende Erinnerungen aus der An- stalt. Wenn jemand hereintrat, konnte sie sich wundern, daß man das Kind nicht mitbrachte und sagte:„Wir haben es gefunden. Hier ist es." Und die Februarsonne schien hell durch die mit Eisblumen bezogenen Fenster, und der Frühling näherte sich, und sie saß hier glücklich mit fröhlichen Augen und blickte den Sonnen- strahlen wie einem lichten Beschluß entgegen. Als sie ihre gewohnte Tätigkeit in den Zimmern wieder vufnahm, folgte ihr das Kind auf jeden Schritt. Jetzt wurde eS bald ein Jahr. Es lachte, hatte ein paar kleine Zähne, es sagte vielleicht Mama— zu einer anderen. Es wurde von sremdm Händen gewaschen, es wurde in den Schlaf gesungen ... nein, sie hielt es nicht aus! Was sie anfaßte, erinnerte sie an das Kind. Die Bilder auf dem Steingutservice, die Blumen im Zimmer, die Nippsachen, alles konnte als Spiel- zeug dienen. Ja, sie brauchte nur Nadel und Zwirn zu nehmen, um die kleinen Kinderhosen, die geflickt werden mußten, vor sich zu sehen. Und so schreibt sie dem Professor wieder, dieses Mal verlangt sie den Aufenthalt des Kindes zu erfahren. Ihr Plan ist fertig. Sie will ihren kleinen Jungen nehmen, nach Amerika reisen, sich dort verkriechen, arbeiten, waschen, nähen, gleichviel was, nur sich und ihr Kind versorgen. Wochen verstreichen, der Professor bleibt stumm. (Fortsetzung folgt.) Oxeuftiemas �agebucb. Ich werde es nie wie mein seliger Namensvetter zum Kanzler bringen. Bleib mein Lebtag ein armseliger Geheimrat, der schwerlich auch nur Excellcnz werden wird. Das kommt daher:$ ch weiß wenigstens noch, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird. Die anderen aber, die vorwärts kommen, regieren zwar nach OxeiistiernaS ewiger Einsicht, aber sie werden sich dessen nicht bewußt. Ja, beim Glase Wein spotten sie vielleicht über ihr Handwerk, aber nur um die geistige Ueverlegenheit zu dokumentieren. ES ist Auf« geblasenheit, was selbst w ihren Zynismen über sich selbst steckt. Ich aber weiß, daß ich ein Schacher und Betrüger bin. Ich fühle die Hochstapelei unseres Berufs. Und wenn ich nicht vier Heirats« fähige Töchter hätte, ich würde äm Ende noch ein ehrlicher Flick» schuster. Wenn... � � Das ist das Aufregende für mich: Keiner von den Hunderten und Tausenden, die in den Amtsstuben und Hofbureaus arbeiten. tritt einmal hinaus, alle Lasten der Lüge abwerfend, und schreit in die Welt: So ist eS, das ist die Wahrheit, laßt Euch nicht weiter zum Narren halten! Kein einziger findet den Mut. Es scheint, sie haben alle heiratsfähige Töchter, oder sie kleben am dummen Ehr- geiz, an der leeren Geschäftigkeit. Und diese stumme Hehlerei nemicn sie am Ende Beamtenpflicht, Patriotismus oder sonstwie, was klingt. Fünfzig Jahre später, nach ihrem Tode, findet man bestenfalls ihre Aufzeichnungen und schafft sie in die Druckpreffe. Wenn die Wahrheit von vorgestern nichts mehr nützt. Und außer» dem lügen sie selbst vor dem weißen Papier. Sie wollen der Nachwelt doch aufbinden� wie wichtig sie gewesen. Geschichtsquellen l Die revolutionärste Forderung, die jemals erhoben, ist die Oeffentlichkeit. Ja, wenn wir im Schaufenster arbeiten müßten, hinter Spiegelscheiben. Dann verliert Oxenstierna fc'bst die Badehosen der Weisheit. Ssiehlt ein Bettelweib ein Bündel Reisig, so genießt sie vor Gericht den Schutz der Oeffentlichkeit. Stehlen ein halb Dutzend Narren, die sich Minister nennen, ganzen Völkern das Recht auf Leben, auf Glück, betrügen sie die Zeit, den Weltgeist, die Notwendigkeit selbst um ihre Ansprüche, dann ist Diskretion Ehren- fache. Es bleibt alles in den Akten und Archiven. Die Opfer dürfen nicht erfahren, woher und wohin und wodurch. Die Pfaffen haben die Logik der Vorsehung imverwnndbar gemacht. Ein Höllenwitz: Ihr jammert, daß Ihr die Wege der Vor- sehung nicht begreift, nichts fühlt von ihrer Weisheit und Güte! Welche Verblendung! Das war ja gerade die tieffte Weisheit und Güte der Vorsehung, daß ste Euch das Verständnis für ihr geheimnisvolles Walten nahm. Wie könnt Ihr, unfähig für das Begreifen des Unbegreiflichen, an der Weisheit und Güte des Un- begreiflichen zweifeln? Das haben die Pfaffen der Diplomatie der Kirche gut abgeguckt. Me dürfen die Völker mit den Regierungen hadern I Sie wiffcn ja gar nicht, waZ die Lenker bestimmt. Und das ist gerade die aller- heiligste Pflicht der irdischen Vorsehmrg. die Geheimniffe ihres TunS nicht auf den Markt zu bringen. Das Wissen ist der Tod. Es vereitelt die Erfolge und schafft Verderben. Der Diplomatie kann dermaßen niemals etwas passieren. Die anderen erfahren immer erst, wenn fie's am eigenen Leibe fühlen. Geht's gut. so war es das Ber- dienst überlegener Weisheit. Gerät's schlimm, so dürfen sie sich nicht beklagen, denn sie kennen die Motive und Schwierigkeiten der Eingeweihten nicht. Ihr wollt diese Motive und Schwierigkeiten gar wissen? Verblendete Toren— der Verrat würde Euere Lage nur verschlechtem! In der Tat, wir find gepanzert. �# Ein chiffriertes Telegramm, das die Weisung enthält:»Kaufe tO Oov Tonnen Roggen", ist für die Nichtbesitzer des Schlüssel» ge- heimnisvoller, schwerer zu lösen, als die letzten Rätsel der Natur und Menschheit. Das ist unser Handwerkskniff: Wir regieren chiffriert. Sie ver- muten hinter den dunklen Runen tiefste Offenbarungen. Aber wir. die den Schlüssel habe», wissen, daß in besseren Fällen ein kleines Ge» schäft, in schlimmeren eine große Dummheit gehandelt wird. Ich be« greife nicht die Zeitungsschreiber, daß sie sich mit den vergeblichen Dechiffriemngsversuchen abouälen, anstatt entweder den Schlüssel zu verlangen oder uns zu ignorieren. Ich schäme mich vor dem Scharffirni der Konjekturalpolitiker, die große, ge wattige Zusammen- hänge unseres Wirkens konstruieren, anscheinend ahnungslos, daß >oir nur irgend eine Uebernächtigkeit, einen Schnupfen, eine Eitelkeit, einen hysterischen Anfall, eine Posiengrillc, ein Geldbedürfnis chiffrieren. Mein Kollege empfängt jeden Mittag die Zeitungshändler der großen Politik, die lieber einen Geheimrat als ihren Verstand zu Rate ziehen. Eigentlich wohl nicht»lieber". Sie müssen. Die Verleger heischen'S. Wir haben nicht nur da? Glück der Diskretion, sondern auch das der Information. Jeder Verleger zittert, daß der Konkurrent eine Information bringt, die er nicht hat.� Dafür müssen min ihre Schreiber nur wiederkäuen, was wir ihnen in den Trog legen. Wahres Hundefutter mit Informationen, die noch schlechter als Hundefutter sind. Im Blatte liest man dann, von Ost bis West, von Stord bis Süd. wa» der Kollege tieffinnig geschwatzt. Wir sollten alle wegen Bestechung und geistiger Nahrung»- fälschung angeklagt werden. •»" Die Diplomatie macht dennoch Fortschritte. Früher redete sie. um ihre Gedanken zu verbergen. Jetzt plaudert sie, um überhaupt nicht denken zu müssen. �# Gerade ein Jahr ist'S her. Da kam der Ehef in mein Zimmer und verlangte den Hoflalender. Er blätterte, las und sagte dann: »Sagen Sie, ste reden drüben viel über Marokko. Frankreich und England wollen einen Vertrag schließen; man hat ihn uns zur Kenntnis geschickt. Das geht uns doch nichts an!"»Gewiß nicht/ erwiderte ich höflich!»Mer da giSts bei uns Kerle, die wollm alleS mögliche annektieren, sogar Marokko, waS ja wohl am Mittelmeer liegt. Na, ich werde ihnen beweisen, daß wir nicht Hans Dampf in allen Gassen sind/... Der Chef übertraf sich im Parlament selbst. Die Marokkaner wurden ausgelacht. Die Preßleute brauchten diesmal gar nicht zum Trichter- Kollegien zu kommen, sie verherrlichten auS Eigenem den Triumph besonnener und glänzender Staatsmannskunst. Heute ist Marokko nationale Lebensfrage. Die ganze Bureaukratie studiert Brockhaus und Meyer. Warum? Ein paar Leute haben von dort geschrieben, daß sie in« folge des französischen Einflusses geschäftlich geschädigt werden. Der Erfolg der Franzosen war allerdings so groß, daß irgend ein Rummel ausgeheckt loerden nmßte, um zu beweisen, daß auch wir noch auf der Welt sind. Der Chef selbst schreibt iin Maschinen- gewehrstil gegen Frankreich. Unsere Ehre liegt plötzlich in Marokko fest. Wozu haben wirSoldaten, Kanonen und Millionen von Menschen, die sich töten lassen, wenn's befohlen wird? Marokko ist in der Tat ein interessantes Land. Eine souveräne, absolute Monarchie, die seit 1200 Jahren unverändert besteht Die einzige wohl in der Welt. Man kann dort studieren, was die Monarchien leisten.' Der Staat besteht aus Räubern und Be° raubten. Mer man ist dort tolerant: die Parteien tauschen auch die Rollen. Die Räuber lassen stch mal berauben, und die Be- raubten räubern. Ausgleichende Gerechtigkeit! Hingegen bei uns müssen die beiden Berufe in dauernder Scheidung bleiben. Man nennt das historische Weltauffassung, kontinuierliche Entwickelung, Erhaltung des Bestehenden, mit einem Worte: Kultur. Wenn bei uns die Beraubten mal ihrer geschichtlichen Mission überdrüssig werden und»ach den Räubern schielen, heißt's gleich: Umsturz, Hochverrat! Jeder bleibe bei seinem Leisten I So will's Gott. Wenn die Herrschaften von der Zunft sich jetzt begrüßen, sagen sie statt„Guten Morgen l"„Was wollen wir in Marokko V Und alle grienen außerordentlich witzig. Den Chef hörte ich heute memorieren:„Der sozialdemokratische Herr Abgeordnete fragte mich nach unseren Absichten und Gründen. M. H.I Wir lassen uns unsere Pflichten nicht von jener Seite vor- schreiben. Richtung, Inhalt, Termine der Weltgeschichte bestimme i ch, nach meinem Ermessen. Ich frage aber den Herrn Abgeordneten, er soll endlich das verschleierte Bild des sozialistischen Zukunftsstaates enthüllen. Er schweigt. Er Iveiß also nichts. Ich aber kann ihn versichern, so lange ich an dieser Stelle stehe, so lange es eine preußische und deutsche Monarchie gibt, werde ich zu verhindern verstehen, daß dieser Zuchthausstaat, ja. meine Herren, Zuchthausstaat Wirklichkeit werde." Nach dieser Tirade klatschte er stürmisch in die Hände und rief Bravo I Welcher Tertianer dürfte solche Logik ungestraft wagen! Zwar wissen wir nicht, waS morgen sein wird, aber wir verlangen genau zu erfahren, wie es in einem Jahrhundert aussehen wird. Dann behaupten wir und machen es den Roten zum Borwurf, niemand könne sagen, wie der sozialistische Staat aussehe, und dann wissen wir es selbst doch wieder ganz genau, daß es ein ZuchthauSstaat sein wird. ### Jit der Leipziger Straße sah ich heute einen Anfänger in der Kunst des Zeiwngshandels, der klagend zu einer Benifsgenofsin ging, weil er feine Ware nicht loS wurde.„Sie müssen was aus- rufen', rief die erfahrene Frau.„Ja. WaS denn? Ich finde nichts", erwiderte der andere verzagt.„Rufen Sie: Selbstmordversuch des Zaren!" empfahl die Händlerin. Alsbald schrie sie auch mit schriller Stimme:„Sclbstinordversnch des Zaren!" Und ich— ich kaufte richtig das Blatt und las irgendwo eine Notiz, daß die Gerüchte Von einem Selbstmordversuch des Zaren völlig sinnlos seien. Welch tiefe Psychologen find doch diese ZeitungShändler I Ist «S nicht auch unsere ganze RegierungSkunst, immer irgend was Packenoes auSzuschreien? O, wir ZeiwugSschreier der Historie, die wir verhunzen I Ich beginne mich immer mehr für Marokko zu begeistern. Ich wäre bereit, für die„Rorddeutlche" zu schreiben. Es ist ficher das vorurteilsloseste Land der Erde. Denkt man bei uns daran, bei allerhöchsten Enipfängen Einbrecher aus den Zuchthäusern zu koinmandieren oder gar noch nicht abgefangene Raubmörder gegen Zusicherung freien Geleits zur Huldigung zu veranlassen? In Marokko ijt man über solche kindischen Bedenken erhaben. Der große Räuber hat dort seinen Preis. Raisuli ist der Repräsentant marokkanischer Herrlichkeit. Sollte die Szene nicht aber doch ein wenig unvorsichtig arrangiert sein? Wie nun, wenn in Raisuli plötzlich der Lösegeldappettt erwacht und der deutsche Reichstag in seiner berüchtigte« Knauserigkeit an seiner Forderung Abstriche «lacht?.,._ J 0 o, kleines feuilleton. — Sächsische B-lkswSrter. Für Gebcchte sagt man(um Lommatzsch) mich Bucht, in Laufigk ist Bucht so viel wie Haufen, I z. B.«ächten hamse enne ganze Bucht Riem'(RüvNi)' gemaust; Sit Erzgebirge dient Bucht als Sammelbegriff für allerhand abgenutztes Gerät, alten Kram, Wäsche(an gcmz Bucht Wesch), dann überhaupt im Sinne von Menge, Gesellschaft: de Kinnerblicht, meist verächtlich von schreienden, tobenden Kindern; so spricht man um Waldheim- Leisnig von Zigamerbucht und Rdausebucht, in Olbernhau ist Bucht schlechtweg Bande, Pack, liederliche Gesellschaft. So wird das Wort auch in Dresden gebraucht, gleichzeitig aber von den damit gemeinten Personen mich auf die Oertlichkeit übertragen, die sie bewohnen, die Bucht ist ein liederlicher Winkel, ein kleiner, enger Raum zum Wohnen und Schlafen. In Leipzig ist Bucht sowohl für Dorf wie» für Bett gebräuchlich, man haut sich in die Bucht, trenn man sich schlafen legt. Mit der Buchfl läßt sich der Huttch oder Hottch zusammenstellen, womit ebenfalls Pack, liederliches Volk, überhaupt Volk in verächtlichem Sinne bezeichnet wird(oben saß das Komitee und unten der ganze Hottch), ein zweifelhaftes, rcchrs„Chor"(Ver- wcchflung mit Korps), auch Schrütz genannt(von schroten=- zer-> schneiden); wer zum Hottch gerechnet wird, läßt es mindestens an „Benehmche" fehlen, hält nicht genug auf Anstand. Wie man da den Hottig von baute volee ableiten will(Mitteilungen des B. f. sächs. Volksk. 3, 149) bleibt selbst unter Zuhülfenahme des„vor- nehmen Pöbels" unklar; aber auch mit dem Hüttchen steht das Wort nicht im Zusammenhang. Vielmehr gehört es zu dem in Sachsen weniger gebräuchlichen Hudel für Lumpen im eigentlichen Sinne z den moralischen Lumpen bezeichnet die ältere Sprache als Hottel. das Lumpenpack als Hudelmanns Gesinde(eigentlich Lumpen- sarirmlers Gefolge). Wir haben vom Hudel(in Oberbobritzsch) das Zeitlvort hudeln— plagen(nörgeln, Pegau) und daS Hauptwort Hudelei— Unordnung, Schwierigkeit. Dieser Herleitung des Wortes zufolge wird man den Hottig zunächst nicht in vornehmen Stadt- teilen suchen, er wohnt vielmehr uffn Hottch oder uffn Ficbg, d. H, in minderwertiger, unschöner Lage. Diese Bedeutung läßt sich un- schwer aus dem ursprünglichen Begriffe Viebg, d. i. Vichweg, ableiten. Er bezeichnet aber nicht nur einen dem Vieh vorbehaltenen! Weg, im östlichen Erzgebirge meist einen Hohlweg, sondern auch die Viehtrift; in Niederschönau bei Freiberg heißt noch jetzt ein Anger vor dem Dorfe Viebch und in Oberbobritzsch ist der Name auch für den in Felder verwandelten Viebch beibehalten. Was heißt aber ubchn Viebch in Winzch? Nur wer zu Geithain Beziehungen hat, findet die Deutung: oberhalb des Viehwegs in Wenigossa. In Dresden gab es wohl keinen Viebch, wohl aber eine Kuhbläke und Wernickelgemeende, ehemals jedenfalls eine nur für Huttch geeignete Wohnungslage in der Gegend am Elias-Friedhofe und am Terrassen» ufer oder in der Gokelvorstadt, d. i. die Pirnaische Vorstadt mit den früheren Holzhöfen. Wernickel heißt eigentlich die Weidenrute, mit der je ein Bund„gespellteS" Holz zusammengebunden wird.(Zu- schriften werden erbeten au den Ausschuß zur Sammlung sächsischer BolkSwörter, Dresden-A., Breitestraße 7, l.)— — Pellagra. Als Pellagra bezeichnet man eine ursprünglich mir in Oberitalien beobachtete eigentümliche Krankheit, die ihrem endennschen Auftreten entsprechend auch als mailändische Rose und lombardischer Allssatz angesprochen wird. Später konnte man die Krankheit auch in Südfrankreich, Rumänien und anderwärts in allen den Gegenden häufig beobachten, Ivo namhafter Maisaubau betrieben wird. Reuerdings tritt die Pellagra muh in Italienisch- Tirol auf, vornehmlich in den abgelegenen Seitentälern des EtschtaleS und im Saeratal, und eS sind bereits gegen 150 Gemeinden davon so ergriffen, daß durchweg 2—5 Proz. der Bevölkerung als pellagrös gelten, in einigen Gemeinden steigert sich dieser Prozentsatz auf 25—30 Proz., während in Terragnolo Sei Rovereto sogar die Hälfte der Bevölkerung miter dem Uebel leidet. Dabei befällt die Krankheit fast ausschließlich die unbenlittelte bäuerliche Bevölkerung der betreffenden Gegenden, und zwar durch- weg nur die Erwachsenen beiderlei Geschlechts in mittlerem Alter, welche inl Freien und womöglich unter brennenden Sonnenstrahlen viel und angestrengte körperliche Arbeit verrichten. Als Erreger der Krankheit vermutet man auf den Maispflanzen schmarotzende Pilze, die Entstehung der Krankheit aber wird auf linge, lügende Ernährimg, insbesondere auf den andauernden Genuß von nicht ausgereistem oder verdorbenem Mais zurückgeftihrt. Die ganz bestimmten Symptome der Pellagra sind allerlei Störungen in der Verdauung mit Nervenleiden; sie führen zu vorzeitigem Kräfte- versall und jahrelangem Siechtum, verbmiden mit geistiger Rieder- geschlagenhelt, die sich zu Melancholie. Wahnsinn und Blödsinn steigert und auch oft in ernem miwiderstehlichen Drange zum Selbst- mord äußert. Die.Krankheit beginnt iin Frühjahr, verschwilldet aber während des folgenden Winters gänzlich, kehrt jedoch im kom» Menden Frühjahr verstärkt wieder, verschwindet mich im zweiten Winter wieder, allerdings imr kürzere Zeit, nm vom dritten Frühjahr ab ständig anzuhalten, bis fast stets vor dem siebenten Krankheitsjahr der Tod eintritt.— In der Hauptsache sind es die ungünstigen ErwerbSverhältnisse niancher Gegenden, welche der Pellagra den Boden ebnen. Die geringe Ergiebigkeit des Ackerbaues, bei welcher der Landm-mn einen überaus harten Kanrpf un,S Dasein führt, und der gänzliche Mangel an anderweitigen Erlverbsquellen, die es ihm ernivglichen würden, die Kargheit deS heimatlichen Bodens im Wege des«ustansches anderer Werte gegen Nahrungsmittel wett zu machen, haben— wie in einzelnen Gegenden OberitalienS und Frankreichs— der Krankheit auch in Südtirol Eingang vrrschaflt, und fie erscheint auch hier wie anderwärts als der gefährlichste und hartnäckigste Feind der Volkswohlfahrt.—(»Prometheus.") ka. Das menschliche Elend in den englischen Obstkammern schil» dert in anschaulicher Weise A. G. G r a n t in seinem von uns be- reits angezogenen Werke„Internationaler Obstbau und der Welt» markt."(Verlag von Fr. Meyer, Hamburg-Eilbeck.) Die Löhne, welche die Pflücker des Obstes in den Beerenobstjustrikten ver» dienen, sind so geringe, daß kein„anständiger Mensch" sich als Tagelöhner in die Plantage begeben will. Profitgier und Konkurrenz haben die Jagd nach billigen Arbeitskräften auf den höchsten Gipfel des Erreichbaven getrieben und die Arbeiter auf das niedrigste Niveau der Lohnsklaverei gebracht. Das ausbeutungsfähige Menschen- Material finden die Obstfarmer in den Parias der Gesellschaft, den Ausgestotzenen, die als heimatlose„Vagabunden" ohne Obdach und Verdienst das Stratzenpflaster der Großstädte treten, jenen tramps, die in einer Anzahl von 37 000 allein in London vorhanden sind und in ihrem offen zur Schau getragenen krasien Elend die christlich. bürgerliche Gesellschaft in der fürchterlichsten Weise anklagen. Für jene zerlumpten und niit Ungeziefer aller Art behafteten Leute, die oftmals seit Wochen„keinen warmen Löffelstiel im Leibe gehabt" haben und seit Monaten selbst die Nächte obdachlos verbrachten, be- deutet die Obstsaison oft den einzigen Lichtblick in ihrem kümmer- lichen Dahinvegetieren. Wenn in Kcnt die Kirschen zu reifen be- ginnen, dann hebt in London die Auswanderung dieser Aermsten der Armen nach den herrlichen Obstgärten an; sie erreicht ihren Höhepunkt, wenn die Erdbeerenernt« in vollstem Schwünge ist. Tausende von tramps und„SIum"-Bcwohnern verlassen dann die Riesenstadt an der Themse und wandern durch die südöstlichen Vor- städte nach dem Dorado der Beerenobstkultur, wo sie sich einzeln oder gruppenweise den Farmern zur Ausbeutung zur Verfügung stellen. Da für die Beherbergung dieser Proletariermasscn nur in den selten- sten Fällen irgendwelche Vorkehrungen getroffen sind, so Hausen Männer, Frauen, Knaben und Mädchen oft unter den schauderhaste- sten sanitären Verhältnissen, die geradezu eine Gefahr für die be- nachbarten Gemeinden in sich schließen. Weit größer aber noch ist die Gefahr für die Obstkonsumenten. Die medizinische Zeitschrift „Lancet" schrieb kürzlich, der größte Teil der Früchte werde gepflückt von den zerlumptesten und schmutzigsten Leuten,„die reinlich veran- lagte Menschen nicht einmal mit der Zange anfassen würden." In der Tat wollen selbst die Landleute in den Obstdistrikten, mögen sie noch so arm sein, niemals Früchte anfassen, die durch solche?ruit- pickers gepflückt wurden. Di« einzige gerechte Tatsache im Ver- laufe der Dinge ist die, daß jene von schmutzigen, mit Ungeziefer bedeckten und durch das elendeste Proletarierleben mit Krankheiten verseuchten Menschen gepflückten Früchte eben nicht bloß von den Arbeitern der Großstädte, sondern auch von jenen„Zierden der Ge- scllschaft" genossen werden, deren enormer Luxus nur möglich ist durch die Proletarisierung, ja Vertierung ungezählter Menschen- kinder. Nur wenige Obstfarmer haben bisher diese unglaublichen Zustände zu ändern getrachtet.— Auch in Deutschland werden übrigens Lumpenproletarier vielfach während der Obsternte ver- wendet, z. B. in Mitteldeutschland. Schreiber dieses entsinnt sich, während einer Bauarbeiteraussperrung einen Streikbrecher unter einem auf der„Herberge zur Heimat" in Halle aufgelesenen Trupp Desperados angetroffen zu haben, dessen einziges Legitimationspapicr ein Entlassungsschein war, auf welchem geschrieben stand: Beruf: Kirschenpslücker.— Medizinisches. hr. Die epidemische Genick st arre. Die starke Aus- breitung der epidemischen Genickstarre in den verschiedenen Gegenden Deutschland scheint, zumal wenn man die Statistik der letzten Jahre zum Vergleiche heranzieht, daraus hinzudeuten, daß diese gefährliche Krankheit in der Zunahme begriffen ist. Denn in Preußen wurden im Jahre 1902 125 Erkrankungsfälle gezählt, während diese Zahl 1900 bloß 99 betrug. 70 Prozent der Erkrankten starben, während im allgemeinen die Sterblichkeit an dieser Krankheit bloß 30— 40 Prozent beträgt. Die Genickstarre gehört zu den jüngsten Volks- krankheiten, sie ist erst im letzten Jahrhundert aufgetreten, in Deutsch- land ist sie erst seit den KOer Jahren heimisch geworden, seitdem ver- geht kein Jahr, in welchem nicht eine mehr oder minder ausgebreitete Epidemie zu verzeichnen ist. Die Krankheit ist eine eminent soziale Krankheit, hygienische Mißstände, wie schlechte Ernährung, schlechte Wohnungsverhältnisse, Mangel an Luft und Licht begünstigen ihr Entstehen, daher sind die Insassen der Gefängnisse und Arbeitshäuser besonders bedroht. Epidemien treten mit Vorliebe in Keller- und Hofwohnungen auf, wo arme, kinderreiche Familien zusammengedrängt wohnen. Mit Vor- liebe wird das Militär befallen und von diesem oft die Krankheit nach anderen Orten verschleppt. Bei der Entstehung der Militärepidemien werden oft körperliche und geistige Ueberanstrengungen als Ursache beschuldigt. Besonders häufig werden Rekruten von der Krankheit ergriffen; in Frankreich hat man mehrfach die Wahrnehmung ge- macht, daß möglichste Erleichterung vom Dienste das wirksamste Mittel war, um die Epidemie zum Erlöschen zu bringen. Auch meteorologische Einflüsse scheinen sich geltend zu machen, denn ge- wöhnlich treten die Epidemien im Winter und Frühling auf. Vor- wiegend werden Kinder und jugendliche Personen befallen, Personen, welche das dreißigste Jahr überschritten haben, erkranken selten. Di« Krankheit besteht in einer eitrigen Entzündung der weichen Gehirn- und Rückenmarkshäute, doch setzt sich dieselbe auch häufig auf das Gehirn und das Rückenmark selbst fort. Die Symptome sind die» jenigen eines schweren Gehirnleidens: Kopffchmerzen, Erbrechen, Be- nommenheit und Steifheit des Nackens. Die eitrige Entzündung setzt sich sehr häufig nach dem Gehörorgan fort, daher bleiben andauernde Gehörstörungen sehr häuftg nach Ablauf der Krankheit zurück. Bei kleinen Kindern kann Taubheit die Folge des Gehörverlustes sein. Die Dauer der Krankheit beträgt mindestens 3— 4 Wochen. Die Krankheit wird durch einen Parasiten hervorgerufen, der öfters im Nasenschleim der Kranken gefunden wurde. Da die Ueber- tragung der Erkrankung von einer Person zur anderen in vielen Fällen wahrscheinlich ist, so ist zur Verhütung der Weiterverbreitung der Erkrankung notwenig, daß die Erkrankten abgesondert werden und daß die Familiengenossen vom Schulbesuch ferngehalten werden. Die Wohnräume, die Kleider, die Wäsche, namentlich die Schnupf» tücher, müssen desinfiziert werden. Auswurf und Nasenschleim dürfen nicht auf den Boden gebracht werden. Infizierte Wohnräume müssen unter Umständen gänzlich geräumt werden. Notwendig ist die Besserung der Lebensverhältnisse derjenigen Menschenklassen, welche von der Seuche besonders bedroht lverden, namentlich hinsichtlich Er- nährung, Luftgenuß usw. In Epidemiezeiten mutz der Einzelne in bezug auf körperlich und geisfige Anstrengungen Maß halten und sich vor Exzessen jeder Art in acht nehmen.— Huiuoristisches. — Belohnung. Junge Frau(beim Mittagessen er- zählend):„... Zuerst Hab' ich der armen Frau zwei Teller Suppe gegeben, und dann hat sie noch fünfzig Pfennig bekommen!" Mann:„Die hatte sie auch verdient I"— — Ein Praktikus. Tourist(zum Führer):„Früher fand man auf dieser Höhe Quellen, aus denen frisches Trinkwasser sprudelte..." Führer:„Ja wissen S', gnä' Herr, die hat der Wirt vom Unterkunftshaus alle verstopfen lassen I"— — Ein moderner Junge.«Na, Karlchen, heute ging'S ja wieder'mal recht lebhast zu im Arbeitszimmer Deines Vaters! Was war denn da los?" „Weißt Du. Onkel, ich und Vater waren wieder einmal ver« schiedener Meinung in einer Sache, und dabei überschreitet er leicht die Grenzen sachlicher Würde und betritt das persönliche Gebiet!" „Aha, und das flatscht dann immer so I' („Fliegende Blätter".) — Aus dem Gerichtssaal. Der„Franks. Z." wird ge- schrieben: Vor dem Schöffengericht einer kleinen rheinischen Stadt steht der Jupp(Joseph) Schnütz. Er ist angeflagt, unberechtigter- weise gefischt zu haben. Auf die Frage des Vorfitzenden, weshalb er an dem Bache geangelt habe, erklärt Jupp, daß er sich als Ein- wohner seines Dorfes dazu berechtigt geglaubt habe. Vorsitzender:„Also Sie fischten mit bona fickes?" Schmitz:„Nä. Herr Präsendent, mit ner Wurm." Vorsitzender:„Sie verstehen mich nicht. Ich meine, ob Sie in gutem Glauben fischten?" Schmitz:„Dat versteht sich, römisch-katholisch 1"— Büchereinlauf. — Grotthuß, Jeanuot Emil Freiherr von: Bücher der Weisheit und Schönheit.— Maxim Gorki. Auswahl aus fernen Schriften, herausgegeben von August Scholz. Stuttgart. Greiner und Pfeiffer. Preis geb. 2,50. Mark.— — Duimchen, Theodor: KopfundHerz. Roman. 3. Auflage. Berlin. Hüpeden rr. Merzyn.— — Krauß, Fried r. S.: Kulturgeschichtliche Ro» m a n e. Band I. Leo Norberg: Fräulein Kapell» meister. Band II. Leo Norberg: Millionenwahn» sinn. Leipzig. Deutsche Vcrlags-Aktiengesellschast. Preis je 3 M.— — MarroPratesi: VenezianischeErinnerungen. Deutsch von E. Müller-Röder. Berlin. Hüpeden u. Merzyn.— — Oppeln-Bronikowski, Friedrich von: Aus dem Sattel geplaudert. Zweite, völlig umgearbeitete und be- deutend vernrehrte Auflage. Berlin. Hüpeden u. Merzyn. Preis 2 Mark.— — F. A. Esche: Ritter der Landstraße. Nach den Tagebuchblättern eines Handwerksburschen. 4. Auflage. Kiel. Robert Cordes. Preis 1 M.— — F. 28. F ö r st e r: Lebenskunde. Berlin. Georg Reimer. Preis geb. 0 M.— — Aus Natur und Geistesleben.— R. Vater: Dampf und Dampfmaschine. Mit 44 Abbildungen.— R. Börnstein und W. Marckwald: Sichtbare und unsichtbare Strahlen. Mit zahlreichen Abbildungen im Text.— Tb. Volbehr: Bau und Leben der bildenden Kunst. Mit 44 Abbildungen. Leipzig. B. G. Teubner. Preis des gebundenen Bändchens 1,25 M.— — Alfred Groß: Elektrizität und MagnetiS» mu s. Mit 285 Abbildungen. Stuttgart. Strecker u. Schröder. Preis geb. 3 M.— iLeranttvortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: VorwärtsBuchdruckereiu.VerlagsanstallPauI Singer LiCo.,BerlinLV/,