Nnterhaltungsblatt des Dorwiirts Nr. 68. Mittwoch, den 5. April. ISO? (Nachdruck verboten.) ii] Sine Pilgerfahrt. Von Johan B o j e r. Autorisierte Uebersetzung von Adele Neustädter. Als Regina endlich kauernd zwischen den kalten Bettüchern im Hotel lag, wachte sie doch, das niederdrückende Gefühl des Alleinseins schnürte ihr wieder das Herz zusammen. Die große öde Welt lag ringsum, und inmitten derselben stand sie ganz allein. Sie konnte hier frieren, und sie konnte auch noch ein Wirmes kleines Heim erlangen. Morgen... morgen... was dann? Und unwillkürlich faltete sie die Hände und be- gann zu beten. Sie betete und schluchzte. Ihr Glaube wurde brennend, und schließlich lag sie und jubelte. Sie schien auf sonnenbeschienene Zinnen zu steigen. Wenn sie die Augen schloß, gewannen die Vorstellungen ihrer Kinderzeit Raum, sie sah den Sternenhimmel, der sich ringsum wölbte, und sie schwebte im Räume. Jedes Wort in dem Gebete war eine kleine weiße Taube, die zu Gott aufflog. Jetzt zweifelte sie nicht länger, und wenn sie zweifelte, war es smitchast. Hatte Christus nicht den Sohn der Witwe von den Toten erweckt? Ihr Kind lebte, sie bat nur, es wieder zu bekommen und alles worum Ihr den Vater in meinem Namen bittet, das wird er Euch geben, lind sie schlief endlich ein. voll glücklicher Gewißheit, daß Gott ihr Gebet erhöre. Am nächsten Morgen eilte sie um 9 Uhr fort. Sie war zu unruhig, um nur eine Tasse Kaffee zu trinken, sie verschob es auf später. Als sie 'ich dem Hause des Professors näherte, standen die Türen ge- iffnet, sie wunderte sich, daß mehrere Wagen dort hielten und -ine Menge Leute hineingingen. Als sie hinauf kann standen >ie Türen zum Korridor offen, und sie folgte einigen Menschen .n ein großes Zimmer, in dem sich viele Leute aufhielten. Was bedeutete dies? Ein sonderbares Frösteln machte sie ganz 'teif, und sie vermochte nicht zu denken. Jetzt sah sie die weiß- laarige Frau auf einem Swhle schluchzend sitzen, während sich nehme über sie beugten. Dort war ja auch ein Bett und oarauf lag ja der Professor, und noch war es also nicht zu spät. Sie stürzte ans Bett, ergriff die Hand des Kranken. Sie war 'alt. Sie erregte Aufsehen. Im nächsten Augenblick stand sie ,or der Frau Professor und fnig erblassend:„Haben Sie erfahren, wer mein Kind hat?" Man starrte sie an, jetzt legte sich auch eine Hand auf ihre Schulter. Die Frau des Professors hob ihr verweintes Gesicht �nd sah sie erschreckt am Reginas Augen verrieten Wahnsinn. Die Frau Professor machte eine ungeduldige Bewegung. „Nein, nein, ich habe nichts erfahren, er hat nicht einmal Abschied von mir genommen." Aber jetzt legte sich die Hand schwerer auf Reginas Schulter, und sie hatte die Empfindung, als führe man sie nnaus. Xl. Gegen Mitternacht stand ein Polizist in der Nähe des Westbahnhofes und beobachtete eine Gestalt, die längs des Ouais auf-«ich abwanderte. Hin und wieder blieb sie stehen md blickte über das schwarze Wasser, auf dem sich vereinzelt mgebrachte Lichtsäulen schaukelten. Es mußte eine Frau sein, md sie schien abzuwarten, bis um Mitternacht die Laternen usgelöscht wurden. Plötzlich verlor er sie aus dem Gesicht, und er eilte an -en Quai und blickte starr aufs Wasser. Aber bald gewahrte c sie wieder. Sie hatte sich auf die Pflastersteine am Fuße -ines Telephonpfostens gesetzt. Nun hielt er es an der Zeit, sie anzusprechen:„Ent- chuldigen Sie, Fräulein, sind Sie krank?" Sie hob den Kopf, und der schwache Schein einer Laterne üel auf ihr Gesicht. „Krank? Nein, ich bin nicht krank." „Erwarten Sie jemand?" „Kann ich hier nicht sitzen bleiben? Ich belästige doch 'emand." „Wo wohnm Sie?" „Können Sie mich nicht in Frieden sitzen lassend „Doch, aber ich will Sie nur aufmerksam machen, daß jetzt Mitternacht ist." „Das weiß ich." Der Poli„.st entfernte sich einige Schritte und blieb dann stehen. Sie hatte ihn gleich wieder vergessen. Die Minuten verstrichen. Sie starrte stumpf auss Wasser. „Nein, Regina, Dir wird keine Gnade, Du brauchst nicht darum zu bitten, Gott hört Dich nicht. Wer. sein Kind tötet» findet Gnade. Aber wer es verkauft und Geld annimmt, nein, nein! Du kannst Dich ins Wasser werfen, aber dadurch wir!' Deine Rechnung nicht beglichen. Deine einzige Rettung wäre das Finden des Kindes, aber jetzt ist es ja unmöglich." Sie stand auf und begann wieder zu gehen. Sie wankte wie eine Betrunkene. Es schien ihr unmöglich in die Stadt izurückzukehren, wo alle Menschen Eisblöcken glichen. Ein völliges Flüchten erschien ihr ebenso unmöglich. Es gibt Augenblicke, wo man vom Leben ins Dunkel geworfen wird, und wo sogar der Tod die Aufnahme verweigert. Sie hörte schwere eisenbeschlagene Füße hinter sich gehen. Es war der Polizist. Schließlich ging er neben ihr und jagte, er wolle ihr einen Wagen besorgen. Er entfernte sich, und bald hielt ein Wagen vor ihr, alleS erschien ihr nebelhaft. Kurz darauf saß sie im Wagen, sie nannte das Hotel und ließ sich willenlos hinfahren. Unterwegs kam ihr jedoch ein plötzlicher Gedanke: „Folden— Dr. Folden. Er wohnt in dieser Stadt. Natür- lich hat er die Hand im Spiele, er hat das Kind versteckt. Er weiß, wo es ist. Er will sein Ktnd nicht Not leiden lassen, deshalb hat er für dasselbe gesorgt. Im Grunde glaubte er ja auch für mich zu sorgen. Er hat mir ja eine Stellung ver> schafft. Die Menschen sind besser, als Du glaubst." Der Wagen schwankte, und die Räder rasselten auf den Pflastersteinen. Jetzt kreuzten sie die Karl Johannstraße, die leer im Halbdunkel lag. Plötzlich schrie sie dem Kutscher zu' „Hören Siel Wissen Sie, wo Dr. Folden wohnt?" Der Kutscher hielt an und blickte sich nach ihr um. „He?" „Dr. Folden! Wissen Sie, wo Dr. Folden wohnt?" Der Kutscher zog ein Taschenbuch heraus und schlug darin nach, beim Lichtschein einer Laterne. Er fand die Adresse, und Regina bat ihn, dorthin zu fahren. Der Wagen kehrte um. Er ftihr über die Universitäts» straße, und bald hielt er vor einem Haustore. Regina bezahlte den Kutscher, der weiter fuhr. Sie blickte sich um. Foldens Schild war am Eingänge angebracht. Er hatte eine besondere Nachtglocke, und halb unbewußt klingelte sie. Sie mußte lange warten. Schließlich setzte sie sich auf eine zunächst liegende Steintreppe. Hin und wieder hörte man einen durch die Stadt rollenden Wagen. Der Lärm der großen Stadt war im Ersterben. Sie war zu müde zum Denken. Sie hatte eine Em» pfindung, als stehe sie jetzt auf der äußersten Grenze des Handelns. Sie kreuzigte jeglichen Stolz, da sie diesen Mann aufsuchte. Aber wozu bedurfte sie künstig des Stolzes? Endlich wird ein Fenster im dritten Stock geöffnet. Ein Mädchen steckt den Kopf heraus und fragt:„Ist jemand da?" Regina antwortete:„Ich will Herrn Dr. Folden sprechen." Das Fenster wurde geschlossen. Einige Minuten später wird das Tor geöffnet, und sie folgte dem Mädchen die finsteren Treppen hinauf. Das Mädchen ging mit einer Laterne voran. Man glaubte zweifellos, es handle sich um einen Kranken» besuch, und ein junger Arzt wagt nicht, sich in der Nacht ver- leugnen zu lassen. Auf der oberen Treppe verlangsamte Regina jedoch ihre Schritte. Ihr Herz begann zu klopfen. „Was tust Du!" dachte sie.„Mitten in der Nacht! Wird er Dich nicht für verrückt halten!" „Bitte," sagte das Dienstmädchen und öffnete, die Korridortüre. Dann wurde Regina in ein Wartezimmer ge- führt, und das Mädchen zündete eine Lampe an und ging hinaus. Todesstille herrschte im Hause, aus der Straße nicht dep geringste Lärm. Eine Wanduhr tickte. Die Lampe begann zu qualmen, das Oel ging aus. Die Vorhänge und die weiL ge- strichene Tür waren das einzig Sichtbare in der schwachen Be- leuchtung. Regina saß zusammengesunken in einem Stuhle. Minuten verstrichen. Endlich vernimmt man herannahende Schritte. Die Tür geht auf, Dr. Folden tritt ein. Er hatte sich nicht verändert. obgleich ein spitzer Vollbart den Knebelbart abgelöst hat. Um den Hals hatte er in der Eile ein seidenes Tuch statt eines Kragens gebunden. Er bot guten Abend, blieb inmitten des Zimmers stehen und sagte: „Sollen wir nun gehen l Ist Gefahr vorhanden?" „Guten Abend!" sagte Regina und stand auf. Die Stimme kam ihm bekannt vor. und er trat näher. Regina konnte keine Worte finden, deshalb blieben Beide stehen und starrten einander an. Schließlich strich er sich die Augen, um sich zu versichern, daß er nicht träume. Dann flüsterte er: „Was... tws ist... irren Sie sich nicht, Fräulein! Oder wollten Sie doch den Arzt holen?" (Fortsetzung folgt.x (Nachdruck verdaten.) Die Sntstekung des ftumiisbodcna/0 (Schluß.) Damit ist eS erklärt, warum sich die Bakterien überall finden: in jedem Boden, in der Ackererde, dem Waldboden, in dem Schlamm der Sümpfe, in jedem Wasser, sei es süß oder salzig. Ueberall, wo es organische Verbindungen zu losen gibt, stellen sie sich ein. Wir Menschen sind mit einer weiten Sphäre der Bakterien umgeben. Um alle Wohnstätten finden sie sich, für uns jetzt leiclit begreiflich im Boden zu Millionen. Man berechnete, fdaß ein Gramm Tonboden etioa 500 000 Individuen enthalte. Von ganz besonderer Wichtigkeit scheinen die Salpeterbakterien zn sein, weil sie nickit nur im Boden die Nitrate bilden, sondern auch nach neueren Untersuchungen von Münz an der Verwitterung der Fetten und ihrer Um- Wandlung in fruchtbare Erde hervorragend beteiligt sind, da sie in die feinsten Poren und Risse des Gesteins hinabdringe» und dort ihre chemischen Zersetzungen einleiten können. Nicht.minder wichtig scheint jedoch auch die Arbeit der Pilze im Erdboden zu sein. Mit jeder neuen Unten nchimg, deren man sie würdigt, sieht man mit Entaunen, daß nian ihre Bedeutung siir die Erhaltung deS höbercit Pstanzenlebens noc!, immer unterschätzt hat. Einer der ersten RaNirforscbcr, dem das Verständnis hierfür aus- ging, war der schon mehrfach genannte Däne P. E. Müller, der bei seinen mit liebevoller Geduld unleniommenen zahl- reichen Untersuchungen des Wald- und MoorhumuS immer wieder den ganzen Boden mit zahllosen Pilzsäden dnrchspomien fand. Er sagt darüber:„So weit hinunter im Boden, als sich Spuren von dem organischen Leben der Oberfläche finden, kommen mich Pilze vor. und namentlich sind der Mull und der Erdgrund so mit mikroskopisch feinen Myceliensasern der verschiedensten Gestalt und Farbe durchwebt, daß auch nicht der kleinste Erdklumpen unter das Mikroskop gelegt werden kann, ohne daß diese Fäden sich zeigen; in größter Menge scheinen dabei die glasklaren, leicht zcrsetzbareu Fasern vorzukomnien. Wenn man bedenkt, daß dies ganze Gewimniel von toten organischen Resten des Waldbodens oder von den organischen Stoffen des Erdreichs lebt, so Ivird es einleuchten, welche eminente Rolle sie bei der Humusbildung spielen und wie wesentlich der Charakter der Pilzflora für die Richtung fem mutz, welche die Humusbildung nimmt." Und diese anschauliche Schilderung bat auch recht behalten. Die unscheinbarsten aller Pflanzen sind in dem Geuieinwesen der Natur die nützlichsten und dürfen nicht gering geschätzt werden. In noch un- glaublicheren Mengen finden sich gewisse Pilze(Cladosporiulnartcn) in dem Torfe, in dem Myriaden schwarzbratmer Fäden alles zu» sammenspinnen und zu dem dichten und festen Filz veriocben, als welchen wir den Tors kennen. Leider sind wir noch relativ wenig über die biologische Rolle dieser ungeheueren Pilzmassen orientiert— es sind eben aus jedem Gebiete der Naturwissenschaft bisher immer nur die Oberflächen und die auffälligsten Erscheinungen, welche wir kennen, und darum macht jener ErlenntniShochmut auf den Wissenden immer einen naiven Eindruck, der da glaubt, in unserem bescheidenen Matz von Einsicht könne man bereits mit Erfolg darangehen, die letzten Rätsel des Seins auch wirklich zu lösen. Wir wissen nur. daß ein Teil dieser Pilze parasitisch auflebenden Wurzeln lebt, während der überlviegende bereits vorhandene orga- nische Stoffe verarbeitet, sich davon nährt und mit seinem Tode den Boden um eine Menge solcher Verbindungen bereichert, welche die höheren Pflanzen brauchen können. Nur in einem speziellen Falle find wir ziemlich genau über daS Wie dieser Verhältnisse orientiert, und dieser Fall ist dadurch eines der interejjantesten Blätter der neueren Naturgeschichte. Schon seit sehr langer Zeit wußten die Trüffelzüchter allent» halben, daß dieser Pilz in einem gewissen geheimnisvollen Zusammen- hange mit lebenden Baumwurzeln stehe. An baumlosen Stellen kann man keine Trüffeln züchten. Es dauerte lange, bis sich die botanische Wissenschast für diese merkwürdige Tatsache interessierte — aber dann kam auch plötzlich Klarheit in diese Frage. Die zwei Botaniker Rees und Frank stellten fest, daß die von der Trüffel ausgeheirden, sich weithin in den Boden verzweigenden Pilzfäden sich auf das innigste mit den feinsten Wurzelzweigen der in der Nähe befindlichen Kiefern verspinnen, und da lag es nahe, anzu- nehmen, daß der Pilz den Baumwurzeln Nahrungsstoffe eittziehe. Frank untersuchte daraufhin auch die Wurzeln anderer Waldbäume und überzeugte sich, daß die Wurzeln von Blichen, Eichen, Bielen, Tannen, Fichten und vieler anderer Bäume ganz allgemein mit Pilzfäden überzogen sind. Dieser Pilzmantel wächst mit den Wurzelspitzen weiter, wird aber an den festeren Teilen der Wurzeln abgeworfen, so daß er sich stets nur an den allerfeinsten Saugwurzeln findet. Aus seiner allgemeinen Verbreitung ließ sich slbiießen, daß er auch für den Baum nicht ohne alle Bedeutung sein könne, so daß wir in dieser, Pilzwurzel(MykorMza) genannten Erscheinung wieder eine neue Form der schon vielfach bekannten Pflanzen- chen vor uns hätten, bei ioelchen zwei Pflanzen zur gemeinschast- lichen befferen Existenz gemeinschaftlichen Haushalt führen. Seit jenen ersten Untersuchungen sind mehr als zwanzig ffohre vergangen, und heute haben wir uns davon überzeugt, dag die Mykordiza eine Erscheinung von größter Verbreitung und Be- dentung im Pflanzenleben ist. Man hatte durch Kultnrversnche nachgewiesen, daß die Pflanzen, deren Wurzeln Mykorhizen besitzen, in sterilisiertem Boden nicht gedeihen, und wir baden uns daran gewöhnen müssen, anzunehmen, daß die Wurzel- bewohnenden Pilze den Humusboden nnfschlietzen und die ent- stehenden Substailzen den betreffenden Pflanzen als Nahrungsmittel zuführen. Es hat sich im Laufe der Jahre herausgestellt, datz alle die mannigfaltigen Pilze, welche unsere Wälder schmücken, die Blätter- slbwämme, die Fliegenpilze, die Erdsterne und die vielen miß- farbcnen oder grell gekleidete» Schwämme, die im Herbst m jedem Wald zu Tausenden aufschießen, die Frnchtkörper dieser unterirdischen Pilzfäden sind und in innigstem Zniammenhange mit den Wurzeln der Bäume und Waldsträucher stehen. Also auch sie haben ihre ganz bestiminte Aufgabe bei der Erhaltung des Waldes, der sich dem Naturforscher immer mehr als ein wunderbar gegliederter Organismus darstellt, dessen einzelne Teile genau einander angepaßt und sich gegenseitig uneittbchrlich sind. Aber die Beziehungen der Pilze zu dem HumuS stehen erst in den allgemeinsten Züge» fest, und in den Details gibt es noch sehr viele Punkte, in denen die Anschauungen der Forscher nicht unbettächtlich von einander abweichen. Ganz ähnliche Ernährungsgenoffenschasten bilden sich auch unter Umständen zwischen den höheren Gewächsen und den Bakterien. Wenn man irgend eine der Leguminosen, also z. B. Bohnen, Erbsen oder Lupinen sorgfältig ans dem Boden zieht und von der an- haftende» Erde reinigt, wird man geivahr, datz an den Wurzeln zahlreiche kleinere und grötzere Knöllchen festsitzen. Diese als Wnrzcltnöllchen bezeichneten Gebilde sind Anschwellungen der Wurzeln, die vollständig mit Spaltpilzen aus der Gattung Rhizobinm erfüllt sind. Die Rlstzobien haben die Fähigkeit, den freien Stickstoff, der auf die uns schon betannte Art im Boden vorhanden ist, zu höheren Produkten innzuarbeiten, die sie in ihrem Körper ausspeichern. Wir verstehen also leicht, warum die Pflanzen Interesse daran haben, mit diesen Bakterien zusannnen zu leben. Es ist eine regelrechte Ttschgenossenschast; die höhere Pflanze ernährt sich von den stickstoffhaltigen Substanzen der Bakterien, und diele ernähren sich voii den Kohlenhydraten, welche sie ihrem Wirte entnehmen. Diese Tatsachen genügen wohl, um die gewaltige Rolle, welche die LodenorgaiiiSmen gelegentlich der Humusbildung spielen, an- schaulich zu machen. Die lebenden Wesen bilden eng zusammen- gehörige Gruppen, die nur durch einander bestehen können. Und durch ihre Leiber wandert in rastlosem Kreisläufe die Materie. Die grünen Pflanzen nehmen sie aus dem Boden ans und verwandeln die toten Mineralien zur lebendigen Substanz. Wenn diese abstirbt, gerät sie in den tteriscken Körper und Ivird durch ihn aus dem Zusammen- hang der Formen gerissen. Erst diese Vorbereitung macht den Stoff wieder tanglich, von den niederen Pflanzen aufgenommen zu werden, und diese fuhren ihn wieder den höheren zu. So wandert dasselbe Körnchen durch die Jahrtausende, bald tot. bald belebt, bald als Pilz, bald als Tier, bald als Baum oder Blume, und verkündet uns die größte und tröstende aller Wahrheiten: daß Leben und Tod eigentlich dasselbe sind und nur wechselnde Zustände,. die sich im Reigen drehen. Weiß man dies alles, so sieht man leicht ein, daß die Art der Bodenorganismen es bestimmt, wie der Boden wird, in dein sie leben. Da die Batterien in anderer Weise chemisch wirksam sind als die Fadenpilze, da die Arbeit der einzelnen Regenwurmartea von einander und von jener anderer Tiere verschieden ist, so gibt es so viele verschiedene Humusböden alS Faktoren, die sie hervorrufen. m allgemeinen hat nian bemerkt, daß die Batterien an mildes lima gebunden sind. Haben sie eine grötzere Zahl warmer Tage zur Verfügung, so vermehren sie sich ins matzlose und besorgen eine gleichmäßige Zersetzung der organischen Abfälle. Unter gleichen Umständen kann auch reiches Tierlebcn gedeihen. Ein ungeheuere» Lchwarm von Insekten und Regenwurm ern durchpflügt dann den Boden auf das gründlichste. Wenn sich infolgedessen die Pflanzen- reste in ein bis zwei Jahren vollständig chemisch und mechanisch zersetzen, so bildet fich ein Boden gesegneter Fruchtbarkeit, auf dem die herrlichsten Wälder gedeihen oder, wenn sich der Mensch seiner bemächtigt reiche Ernten die Arbeit lohnen. DaS sind die Mull- böden, denen Mitteleurpa und Nordamerika ihren Reichtum verdanken. Ganz anders gestaltet sich jedoch derselbe Mneralboden, wenn überwiegend kühle Temperatur und viel Niederschläge die Bakterien- flora beeinträchtigen. Da überwuchern bald die Fadenpilze, die Zer- fetzung der Abfallstoffe schreitet nur langsam vorioärts. sie lagern sich bald zn festen, zähen Massen zusammen, in denen die Regenwürmer ungünstige Existcnzbedmgmtgeu finden, weshalb sie auch ausbleiben. Auch die sonstigen kleinen Bearbeiter der Erde find nur spärlich vor- Händen, weshalb der Boden roh, unbearbeitet bleibt. Das sind die Rohhumusböden, welche die Länder arm machen. Denn nur wenige Pflanzen können sich mit solcher Armut an brauchbarer Nahrung begnügen; die Buche und Fichte bildet zwar noch Wälder, aber diese haben immer die Neigung, in Heide- und Moorbildung überzugehen. Daher rührt das düstere und einförnnge Landschasts- bild, das die nordischen Gegenden oder die Hochlagen unserer Mittel- gebirge bieten. Der kleine Unterschied zwischen Bakterien- und Pilz- böden entscheidet dann an der Kette des Geschehens über das Antlitz der zivilisierten Erdteile. In der Sprache der Bodenchemie drückt man diesen Unterschied sehr verständlich aus. Der Chemiker unterscheidet in dem Humus saure Verbindungen, die reich an Humussäure find, und hochoxydierte neutrale Stoffe, die sich nur bei sorgfältiger mechanischer Durch- arbeitung, also in lockerem Boden bilden können. Tie Humussäuren sind ftir die Pflanzen wohl ebenso schädlich wie Salzgehalt und Kalkreichtum— ihnen können fich nicht alle Gewächse anpassen, und das bedingt eine besondere monotone Vegetation der Rohhumus- böden, vielleicht auch besondere Schutzanpassnngen der Pflanzen an sie. Der saure HumuS wird in den einschlägigen Schriften ge- wohnlich als Torf bezeichnet, welcher Ausdruck aber vielleicht des- halb nicht besonders glücklich gewählt ist, weil man sich gewöhnt hat, unter Torf nur eine besondere Form der Rohhumusböden, den bei übermäßigem Wafferzutritt entstehenden nassen Torf, zu Per« stehen. Mit diesen Kenntnissen kann nian sich die Melgestaltigkeit der heimatlichen Natur leicht erklären. Man versteht nun den lieb- kichen Wechsel zwischen Heiden, Wäldern, Mooren und üppigen Wiesen. Das Wasser bestimmt ihn in großen Zügen, im Dctail hängt er von der Bodenstora ab. Dort, wo heftige Winde unmittelbar zum Boden gelangen und ihn übermäßig austrocknen, verschwinden Bakterien und Regenwürmer. Der Boden wird fester, die Pflanzenreste bilde» einen schlecht durchlüfteten Filz, in dem die Bodenpilze üppig gedeihen. Das schwarze Cladosporinm, das wir schon erwähnten, stellt fich zu Myriaden ein. Aus dem Mull wird Rohhumus— und die Vegetationsdecke des Bodens muß wechseln. Ist eS eine trocken« Stelle, dann siedeln fich mit Vorliebe die be- scheidenen Heidekräuter an, und aus Wald oder Wiese wird schwer- mutig düstere Heide; ist die Stelle geeignet zum Wasierzusammen- fluß oder sehr vielen Niederschlägen ausgesetzt, so bedeckt sie sich langsam mit Moosen, zuerst mit vielgestaltigen Ast«, bald mit ein- förmigen Torfmoosen. Es entsteht ein Hochmoor. Das gleiche wiederholt sich aus tausend anderen lokalen Ur- fachen. Ucberall, wo Trockenheit, Kälte oder Näffe die Boden- bafterien vertreiben, fiedeln sich die Pilze an, und es entstehen die Heiden und Moore. Ter moderne Forstmann weiß das genau und fiihrt deshalb einen steten und erbitterten Kampf mit� den Bodenpilzcn. Er liebt die dem Naturfreund so trauten Farnkräuter, die Heidel- und Preißelbeeren, das zierliche Heidekraut nicht, denn sie sind Pflanzen des RohhmnuS und Anzeichen der Waldboden- Verderbnis. Er weiß, daß sie alle flach wurzeln und daß ihr Vor- handensein ein Zeichen ist, daß die tieferen Bodenschickten schlecht durchgearbeitet werden. Bei jedem Kahlschlag, den er aus irgend welchen Gründen vornehmen muß, hat er Angst: nun kommt die Heide oder das Moor in seinen Wald hinein. Fast alle Moore des Nordens und unserer Gebirge sind durch unvorsichtige Waldverwüstung entstanden. Prächtige Beobachtungen über die Umwandlung � der Flora.durch Aenderung der Bodenbeschaffenheit machte P. E. Müller in Jütland. Dort tobt gegenwärttg ein erbitterter Kampf zwischen den Eichenwäldern und dem Heidekraut. DaS Land ist von kleinen Plateaus durchzogen. auf denen sich merkwürdige KrankheitS- erscheinungen in den Eichenwäldern zeigen. Der Wald ist offen, die Beslockung mangelhaft, die Bäume elend und verkrüppelt, mit Flechten behangen. Das Unterholz ist nur sehr unvollständig ge- schlössen. Dazwischen wuchert Heidekraut, und je mächtiger und üppiger eS grünt, desto verfallener wird der Wald. Schließlich finden sich nur noch abgestorbene und umgestürzte Stämme, an deren Stelle sich dichtes Eichengebüsch erhebt, das noch viele Kilo- meter weit in die jütische Heide hineinreicht. Das sind die Reste der alten berühmten Eichenwälder, die feit einiger Feit von der Heide verdrmrgt werden. Der Boden geht langsam in Rohhimms über— vielleicht waren es zunehmende Westwinde, vielleicht unvor- fichtige, an ungeschickten Stellen angelegte Kahlschlage, die Windtore öffneten und damit den Sieg der Heide über die hundertjährigen Bäume ermöglichten. Und was in Jütland geschieht, zeigt sich auf der LLnebnrger Heide, an den Küsten der Nordsee, im Osten Deutschlands, sin nördlicheren Europa überall, wo man aus Unkenntnis oder Leichtsinn es der Natur ermöglicht, den Mull in Roh« Humus umzuwandeln. Dies geschieht sehr leicht. Schwer hingegen ist es, einen sauer gewordenen Boden wieder„milde" zu machen, wie es die Praftiker nennen. Die Förster wissen davon ein Lied zu singen. Demi die natürliche Waldverjüngung auf Roh- Humus macht große Schwierigkeiten. Man versucht sich zu helfen, indem man ans jede Weise dem Tierleben nachzuhelfen sticht oder selbst den Boden bearbeitet— aber es gelingt nur mit misäglicher Mühe. So wurde die Hmmisstage auch einer jener Punkte, an dem sich die Lebensbedürfnisse mit der abstraktesten Wissenschaft die Hand reichen, und wo aus den scheinbar ganz ferne liegenden Forschungen unmittelbarer Nutzen für die Allgemeinhett quillt.— kleines feuilleton. so. Artistcnumzug. Es ist ein hohes Mietshaus am Weidenweg. Der Hof ist schmutzig, auch wenn es nicht geregnet hat, und so klein. daß von ihm zu sprechen sich nicht lohnt. Die fünfzig Kinder, die zum Hause gehören, bilden lebendige Hindernisse für all« Wagen, die die Straße zu passieren haben, und erfüllen bei ihrem Kreisel-, Reifen- und Klippspielen die ganze Gegend samt den anderen Hälfs. scharen, die ihnen vom Baltenplatz zuströmen, mit ungestümem Lärm. Die unvermeidliche Prozedur des Säuberns des Treppen- flurs findet mit Rücksicht auf das Heervolk der Kinder nur einmal wöchentlich statt, und daß die Treppen nicht mit Läufern belegt sind, versteht sich«on selbst. Im Hause wohnen nur„kleine Leute", auf jeder Seite zwei Parteien, Küche und Stube, ein kleiner schmaler finsterer Flur steht beiden Parteien zur Benutzung frei. Ganz oben, vier und eine�halbe Treppe, hundertundzehn Stufen hoch, kann man rechts zwei Schilder sehen und zwei Briefkästen, die die Türflügel schmücken. Hier wohnen Lemkes und Schnurz'. Bei Schnurz' ist heute alles in Bewegung und die Ruhelosigkeit hat fich Lemkes mitgeteilt, wenigstens ver Frau Lemke, er, als Straßenbahnschaffner, hat Dienst. Schnurz' ziehen. Unten steht der Möbelwagen, ein Bierwagen mittlerer Größe, mit einem Plan bedeckt. Schnurz hat oft bei Micklich gesungen, und der Gastwirt hat ihm für den Umzug diesen Bierwagen ausgewirft. Ter ganze Umzug kostet ihm so nicht mehr wie sechs Mari, natürlich ist da das Bier, was der Kutscher, Schnurz und der alte Bink, der mir hift, trinken, nicht eingerechnet. Die kindlichen Spiele sind selbstvcrständ» lich unterbrochen, und rings um den Wagen, zu lebhafter Be» unruhigung der beiden Gäule, hat fich die Jugend m, gesammelt. Das Trottoir ist vollständig gesperrt, denn die Kinder bilden zu beiden Seiten der Haustür Spalier, sodaß die Möbel gerade noch durchgctragen werden können. Bernhard und Kurt, die Jungen von Schnurz', erfreuen sich beute der höchsten Ehren und sind Gegenstand des größten Neides. Sie erklären die Sachen, die einer Erläuterung bedürfen, und helfen von Zeit zu Zeit mit. Es ist eben kein gewöhnlicher Umzug, wie man ihn so und so oft sehen kann, sondern Schnurz' sind außer» gewöhnliche Leute, er ist Artist— das weiß die ganze Straße— � und Frau Schnurz hat auch einmal„gespielt". Und das gibt ihr heute nach Jahren noch einen interessanten Nimbus. Wer sie jetzt sieht, wie sie vor dem Plättbrett steht und Manschetten, die sie für ein großes Geschäft zu liefern hat, plättet, erkennt in ihr die ehe- malige Artistin nicht wieder. Mittelgroß, dick, mit Schweißtropfen auf der Stirn steht sie da, und das Eisen gleitet über die Lein- wand. Die Kunst bringt nicht viel ein; namentlich ivenn man zwei Jungen hat, muß man sich einschränken, und so plättet Frau Schnurz, wie sie es ehedem als junges Mädchen getan, die Man» scheiten, die sie auch selbst hat nahen müssen. Für's Dutzend gibt es fünfzehn Pfennig und man muß auch alles mitnehmen. Schnurz ist auch nicht mehr der Jüngste und denkt schon lange daran, sich ebenfalls von seiner Künstlerlaufbahn zurückzuziehen. Wenn man dreißig Jahre lang Couplets gesungen hat, in durchqualmten Varietes dritten Ranges, hat man's schon satt bekommen. Aber vorläufig muß man noch aushalten. In der Küche ist eine schlechte, heiße Luft. Der Herd glüht, ein Bolzen hält nicht lange vor und der zweite muß dann schon bereit sein. Es nützt nichts, daß die beiden oberen Scheiben des Küchen- fensterS offen stehen. ES kommt kaum ein ftifcher Lustzug hinein. Es riecht nach den ftisch gestrichenen Küchenmöbeln, nach Wäsche, nach Tieren. Die Schnurz plättet so schnell sie kann. Daß sie auch gerade heute noch liefern mußl Sie kann sich vorläufig um nichts kümmern. Die Männer sollen sehen, wie sie fertig werden! Die Stube ist unter der willkommenen Hülfe der Frau Lemke so gut nne ausgeräumt. Was noch da ist, können Bernhard und Kurt hinunter- tragen. Bernhard schleppt eine Büste, in deren Gyps fich der Staub so eingefressen hat. daß sie grau aussieht; Kurt hänHt sich über den Arm drei verdorrte Lorbeerkränze, deren breite, lange Schleifen In- schriften zeigen, deren Buchstaben schon stark verblaßt sind. Das Spalier unten schenkt der Büste kaum einen Blick, mustert aber die Kränze mit dem größten Interesse. „Du Kurt," sagt einer und fährt mit der Hand über d?e Blatter, „die streuen ja schon!" Quatsch— nimm die Finger weg. Fritze, sonst kriegste wasl brummte Kurt,„bis galten noch'ne Zanze Weile. Die sind von Vätern seine Benefize. Kiek mal da— Kliemt, Hasenheide, kennst« nicht, wat? Oller Dussel l Und da— Schippanowsky— fein, wat?" Damit legte er die Kränze vorsichtig auf eine lange Schachtel,, sehr vorsichtig, denn Fritz hat recht: siestreuen wirklich. Aber Kurt kann doch aus die Kränze nichts kommen lassen! Der Kutscher und der alte Birk bewundern die Schleifen: „Seide und so breit," und ihre grossen abgearbeiteten Hände fahren zart über den Stoff. „Mir wär's lieber gewesen," sagt Schnurz,„sie hätten meiner Ollen'ne Aluse geschenkt I" Er ist aber doch stolz auf die Kränze. „Det is noch jar nischtl" nimmt unter den Jungen Bernhard das Wort.„Ihr sollt man erst unfern Nuckel sehen und unseren Pip, ei weil" Er schnalzt. „Wer ist denn det?" fragt einer. Bernhard sieht ihn vo» oben bis unten an:„Weess der nich, wer Nuckel ist'n Karnickel, aber toat for cenS, nich Vater? Det hoppft uff Kommando und wackelt mit de Ohren, wenn man will, stellt sich uff die Hinterbeene— wat det alles for Zicken macht, nich Kurt?" Er k«nn die Autorität des Vaters nicht mehr anrufen, denn Schnurz hat sich mit dem Kutscher und dem alten Birk an das Ausräumen der Küche gemacht. Kurt nickt:„Und Pih, det is erst'ne Nummer! So wat von Hahn! Mit'n blauen Kamm, er is ihm im Winter angefroren. Un frech is er gegen Nuckel, hackt ihn immer uff'n Kopp, wenn er ihm sieht. Und der hoppst denn." Kurt lacht. Da? Spalier reiht Mund und Augen auf. Es ist voller Spannung und wartet mit Sehnsucht dieser beiden Wunder- tiere. Endlich werden sie herab gebracht und mit ihnen in einem kleinen Käfig zwei Tauben, die«ine ist eine Brieftaube, wie Bern- Haid erklärt. Und alle Tieve hat Schnurz ausgebildet, wie Kurt sagt. Und was sie alles können, kann man gar nicht aufzählen. Früher hatten Schnurz' noch Hunde, denen hatte er alle möglichen Kunststücke beigebracht, weil er mit ihnen auf„Tornee" gehen wollte, wie Kurt sagt, aber sie gingen ein, wohl weil ihnen zu viel zugemutet wurde. Nun ist alles unten, bis auf das Plättbrett, zwei Stühle, auf denen es ruht, und Frau Schnurz, die noch nicht fertig ist. Eine halbe Stunde vergeht noch, dann hat sie die Arbeit geschafft, acht Dutzend Manschetten, eine Mark zwanzig Pfennig hat sie verdient. Nun kommen auch Plättbrett, Stühle, Bolzen, Eisen herab, zuletzt Frau Schnurz. Der Wagen rattert dahin, Schnurz auf dem Wagen, Bernhard und Kurt hinterdrem, um aufzupassen, dass nichts fällt. Frau Schnurz geht liefern.— 1k. Wie Kinder Fische sangen. Die grosse Aufmerksamkeit, mit der die Kinder im Freien„was da kreucht und fleucht" beachten und betrachten, ist allgemein bekannt. Die Kinder der Ärossstadt haben allerdings selten Gelegenheit, in der freien Natur sich umzuschauen, und so gelangen sie nie mit ihr auf einen so vertrauten Fuss, wie die Dorf- und Kleinstadt-Jugend, die unerschöpflich ist iü allerlei primi- tivcn Fangmethoden, mittelst deren sie ihre Beute erjagt. Zwei Fischfangarten norddeutscher Schulbuben lernte ich kürzlich kennen. Wenn im Frühjahr die Seen und andere Gewässer über die Ufer treten und die Wiesen unter Wasse setzen, dann toandern auch die Fische zum Teil in die Wiesengräben, und häufig kann man dann hier spannenlang« junge Hechte beobachten, die wagerecht ruhig im Wasser„stehen" und bcwegringslos von der geringen Strömung sich treiben lassen. Die Fischsänger von der Schulbank nehmen dann Getreidehalm«, formen aus dem dünneren Ende eine einfachst Schlinge, die sich beim Anziehen von selbst schlicsst, und stellen sich so bewaffnet breitoeinig über die Gräben. Die leicht geöffnete Schlinge wird in ausreichender Entfernung vor einem der langsam heran» treibenden Hechte vorsichtig in das Wasser gesenkt und unbeweglich in richtiger Höhe festgehalten. Der Hecht treibt ahnungslos hinein und sobald er die Schlinge bis etwa zu einem Drittel passiert hat, zieht der junge Fischer die durch das Wasser geschmeidig gewordene Schlinge mit einem Ruck an und schleudert die Beute auf den Strand. Origineller noch ist die sehr einfache Art, wie Schuljungen bei Swinemünde Stichlinge fangen. Sie arbeiten zu Zweien. Der«ine Junge hält einen Bindfaden mit dem einen Ende ins Wasser und die ebenso neugierigen wie gefrässigen Tierchen schnappen auch sehr bald zu. In diesem Augenblick wird der Bindfaden aas dem Wasser gezogen. Der Stichling erkennt die Täuschung unl lässt los. Ehe er aber sein Element erreicht, hat der zweite Jäger seine Mütze zwischen ihn und das Wasser gebracht.— Geographisches. — In einer Beschreibung der Dresdener Heide entwirst C. Gebauer fLeipzig, Jnaug.-Disi. 1904) ein geographi>chcS Landschaits- bild. Das Gebiet umfasst etwa 100 Ouadratkilometer, das auf alten Karten viel deutlicher hervortritt als in der letzten Zeit, wo Ab- Holzungen usw. die Begrenzungen vielfach verschoben haben. Ver- fasser legt dar, wie sich das Gebiet im Laufe der geologischen Perioden mehr und mehr herausgebildet hat, wie Meer, Plutonische Kräfte und Flnssbildung im Wechselspiel allmählich das erzeugt haben, was man heute unter dem Namen Dresdener Heide zusanrmenfasst. Es zeigt sich, daß wir einen einheitlichen Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner» Berlin.— Druck und Verlag: Charakter unseres Gebiete? erst seit, geologisch gesprochen, neuerer Zeit erkennen können. Der Entstehung der Lausitzer Haupt- verwerflmg und der Anschwemmung des Heidesandes verdankt das Gebiet seine geologische Einheit. Von Gesteinen seien der Granit mit seinen charakteristischen Zermalmungsprodukten, der Syenit und nanientlich der Heisesand genannt, der sicki als ein gleichmässig fein- körniger Ouarzsand mit reichlicher Feldspatführuug und Glimmer- blöttchen darstellt. Dann spielen Humusbildungen eine grössere Rolle unter den oberflächlichen Gebilden der Dresdener Heide. Der Wind ist für die morphologische Beschaffenheit dieses Land- striches von grösster Bedeutung, insofern er sein Spiel mit dem Heidcsand treibt und dadurch Dünenlandschaften geschaffen hat, lvie sie besonders im westlichen Teil schön ausgebildet sind, aber auch im Osten vielfach die Stimmung beherrschen. Die Dünen erreichen Höhen bis zu 20 Meter und einzelne noch grössere. Durch das Eingreifen des Wassers erhalten viele Gegenden der Dresdener Heide einen eigenen Charakter. Die Depressionen mit ihrer örtlichen Verdichtung des Lebens gewähren einen ganz anderen Anblick als die dürre Dünenlandschast. Zlvei Pflanzen- gebiete greifen hier ineinander, durch deren Vermischung etwas dem Gebiet Eigentümliches entsteht. ES milchen sich hier die Gruppen des herzynischen Florenbezirkes nach Drude, das Hügelland der mittleren Elbe und das Lausitzer Hügelland; echte Erzgebirgspflanzen stehen neben örtlichen Pflanzengeiiossenschaften. Ist die Dresdener Heide den Kiefern- und gemischten Nadelholzwalduiigen zuzurechnen, so kann sie doch nur als ein südlicher Ausläufer der letzteren be- zeichnet werden, für welchen daS Fehlen der auszeichnenden nord- deutschen Moorpflanzen belonders charakteristisch ist; ste bildet ein pflanzengeographisches Uebergangsgebiet, daS sich auch in anthropo» geographischer Beleuchtung so darstellt.—(„Globus".) HuinoristisckieS. — Kinder!„Ja, was ist denn mit Euch, Kinder. Die Tante wollte Euch doch in den Schlaf singen!" „Ach, das ist uns zu langtveilig geworden und da haben wir die Tante in den Schlaf gesungen."— — Aus Fritzchens naturgeschichtlichem Auf. sah. Das Kamel hat einen Buckel. DaS ist aber kein Buckel, denn er gehört dazu.— — Seine Auffassung. Lehrer:„Weisst Du, welches die günstigste Zeit zum Pflücken der Aepfel ist?" F r a n z e l:„Wann der Bauer mit seinen Leuten i n d e r Kirch' ist und der Hund an der Kette hängt."— („Mcggendorfcr Blätter".) Notizen. — Ein chinesisches Sprichwort sagt:„Es gibt zwei gute Menschen: der eine ist tot, der andere noch nicht ge- boren."— — FelixWeingartner hat seine Stellung beim Münchencr Kai m-Orchester gekündigt. An seine Stelle tritt im Herbst ein junger Finnländer, Georg Schneevoigt.— — Im tschechischen National- Theater zu Prag kam dieser Tage die vieraktige Märchenoper„Scbneetwittchen" von R i in S k y- K o r s a k o w zur ersten Aufführung. Die Aus« stattung hat sehr gefallen.— — Auf derGrossenBerlinerKunstausstellunglgOS sollen die Hauptwerke der deutschen Landschafts- malerei deS 19. Jahrhunderts vorgeführt werden.— — Die künstlerische Hinterlassenschaft Menzels ist einer Schätzung unterzogen worden. Wert— 1 Million Mark.— — Ein Museum für asiatische Altertümer soll demnächst in Berlin begründet werden.— c. Für die EntWickelung der w e st l i ch e n O a s e n A e g y p t e n S wurde durch eine kürzlich ausgcsandte Expedition eine wichtige Entdeckung gemacht. Eine grosse Wassermenge wurde in einer Tiefe von 145 Fuss mit Hülfe von Keystonc-Bohrcrn gefunden; zwanzig englische Meilen nördlich von Kharfa flicsst reichliches Wasser wenige Fuss unter der Oberfläche. Ruinen von alten römischen Kastellen und ein vollständiges System römischer Bewässerung wurden an dieser Stelle gefunden. ge.„Der Kaiser kann alles". Als das Grossherzog- tum Oldenburg zum Kaiserreich Frankreich kam. ärgerte sich der Präsekt nicht wenig über die gewaltigen Moore der dorfigen Gegend. Denn erstens entkamen mehrmals Personen, die von den Franzosen verfolgt wurden, durch die Flucht aufs Moor; der Kmser hätte mehrere Regimenter ausschicken müssen, wenn er ihrer in dieser Gegend hätte habhaft werden wollen. Zweitens ist der Moorrauch für jeden, der nicht daran gewöhnt ist. ganz unerträglich. So berief also der Präfekt einmal eine grosse Versammlung nach Olden« bürg, um sich Ratschläge über Abichaffung des Moorbrennens und über eine Verbesserung der Moorkultur geben zu lassen. Allgemeines Achselzucken der Bauern.„Et geiht nich!" hiess es von allen Seiten. „Was." ruft der Präfett,„es geht nicht? Der Kaiser kann alles!" „No." sagte da ganz gelassen einer der Bauern,„wenn de Kaiser allens kann, da kann he ja man veer Wecten lang Kohmess(Kuh- dünger) regen laten; denn kannt't woll gahn, aber annerS geiht't nich!"—__ Vorwärts Buchdruckerei u.Verlag»anstaltPaul Singer&Co..B«rlinLW,