Hlntcrhaltungsblatt des Horwärls Nr. 70. Freitag, den 7. April. 1905 (Nachdruck verboten.) 1SZ Sine pilgerfadrt. Von Johan Bojer. Autorisierte Uebersetzung von Adele N e u st ä d t c r. Wenn aber der Großhändler das Geheimnis kannte? Ob seine Schwester wohl...? Dann hätte er nicht um sie an- gehalten. Ja, war dies so sicher? Wenn sie richtig nachdachte, hatte er nicht damals und damals— verdächtige Dinge gesagt? Sie klammerte sich an die Möglichkeit, wie man nach einem schwachen Lichtschein in einer endlosen Finsternis ausschaut. Vielleicht war es kein Licht, aber ein anderer Schimmer war überhaupt nicht zu gewahren. Oder sollte sie vielleicht alles aufgeben, und die anderen siegen lassen? Ja, nicht wahr, das sollte sie vielleicht tun! Er war jedenfalls reich. Es gab also auch einen Ausweg, daß sie selbst reich werden und Macht erringen konnte. Hinter dieser Sache erblickte man so unglaublich viel. Eine Stunde verrann. Sie warf sich im Bette hin und her. Sie prüfte andere Auswege, in dem Gefühle, als schlage sie einen falschen Weg ein. Aber sie gewahrte keinen anderen. Sie konnte allem ein Ende machen und ins Meer springen. Ja, aber das war noch feiger. Und angenommen, der Groß- Händler wußte alles... und sie... sie vermochte es nicht ein- mal, zu versuchen... Vielleicht war der kleine Lichtpunkt gar kein Licht, aber es war kein anderer zu erblicken, und sie starrte so lange darauf, bis er ihr blendend klar erschien. Sie stand auf und kleidete sich an. Wer auf einem gckcnterten Boote sitzt, überlegt seine Schritte nicht lange. Bald setzte sich Regina hin und schrieb an Großhändler Flaten. Sie bereue, daß sie abgereist sei, erinnere sich seiner Güte und bftte ihn, zurückkommen zu dürfen. Plöblich legte sie den Federhalter fort und stützte den Kopf aus die Hände:„Herr Du mein Gott," dachte sie,„gibt es wirklich keinen anderen Ausweg?" „Doch," sagte eine Stimme spottend,„Tu kannst ja ins Meer springen." Bald darauf setzte sie sich und schrieb weiter. Aber bald hörte sie wieder auf. „Was hat Dir dieser Mann denn getan, daß Du ihn so mißbrauchen willst?" Sie sprang auf und irrte hin und her:„Nein, er hat Dir nichts getan. Aber haben andere mich nicht auch gebraucht, und was hatte ich ihnen getan? Zuerst Folden— er gebrauchte 1 mich, um den Sommer angenehm zu verbringen, er mußte wissen, daß er zugleich ein Herz brach und ein Leben zerstörte, aber er gebrauchte mich trotzdem! Dann gebrauchte man mich in der Anstalt. Sie lernten an mir, obgleich ich voller Scham verging. Und die Fremden und der Professor, die mir mein Kind entlockten, sie alle ge brauchten mich. Ja, und wie handelt Gott. Ich habe ihn angefleht, aber er findet wohl auch, daß es bei diesem Mädchen nicht so genau darauf ankommt. Mag sie sich beklagen, es hat nichts besonderes auf sich. Ein Ehepaar braucht ein Kind, gebrauchte das Mädchen, sie bleibt vielleicht ewig unglücklich. Aber gebraucht sie doch! Bei dem Mädchen kommt es nicht so genau darauf an!... Und sie setzte sich und schrieb mit verkniffenem Munde weiter. Aber da faßte sie einen plötzlichen Gedanken und hielt die Feder an:„Höre, Du hattest ja damals Deinen freien Willen! Du gabst Dein Kind diesen Leuten aus eigenem Entschluß. Sie lief wieder hin und her, hetzte sich jedoch auf und fand Gegenbeweise. Ich war eigentlich nicht frei. Das böse Schicksal wartet immer auf den Augenblick, da wir schwach und machtlos sind. Dann stürzt es auf uns ein. Dann entpreßt es uns das Teuerste. Und ferner: Wenn wir dann bereuen und es un geschehen machen wollen, dann verfährt es wie ein Pfand leiher, der in der Not unseren teuersten Schmuck bekommen hat. Er wirft uns hinaus und sagt:„Du hattest Deinen freien Willen. Es ist ein ehrlicher Handel! O, o,.. o!" Und sie setzte sich wieder, schrieb den Brief weiter, und atmete freier auf, als er beendet war. Wie sie später aufs Geratewohl durch die Straßen trieb, starrte sie die Vorübergehenden an und dachte:„Blickt mich nicht so an! Ich bin doch nicht schlimmer als Ihr." So schritt sie denn dem Lichtpunkte entgegen, wo das Glück ihrer wartete. Jetzt konnte sie nicht umkehren. Wie lange sollte diese Ehe währen? Wie lange sollte sie gezwungen fein zu leiden, dulden, Verbrechen zu begehen und zu mildem, Komödie spielen und Liebe heucheln, wie lange? Wann würde sie sich hinsetzen können, um den erbebenden Kinderkörper an sich zu drücken und ihren Schmerz ausweinen zu können? Sie vermochte jetzt nicht daran zu denken. Sie wollte sich lieber über den unternommenen Schritt freuen. Wenn man einen Felsen erklommen hat, vermag man nicht daran zu denken, daß dahinter noch ein höherer liegt. Zur Dämmerungsstunde kam sie an einer Kirche vorbei, deren Türen offen standen: Einige Menschen gingen hinein. Ohne näher nachzudenken, folgte sie ihnen, die Zeit mußte ja vertrieben werden. Die Kirche war erleuchtet, und die Orgel erfüllte den Raum mit Tönen. Jetzt erinnerte sie sich erst, daß Sonntag war, und daß jetzt Abendgottesdienst abgehalten wurde. Sie hatte»och nicht lange gesessen, als ihr Hals sich förmlich zusammenschnürte. In diesem erleuchteten Hause zwischen den Kirchgängern und der Orgel erschien sie sich als ein böser Geist, der an geheiligter Stätte auftauchte. Ilnd als der Pfarrer die Kanzel betrat, schlich sie sich still hinaus. Aber sie setzte sich auf die Treppe und verbarg das Gesicht hinter den Händen. Die Worte des Pfarrers klangen wie fernes Summen. Gute Mächte schienen ihr die Hände zur Rettung entgegen zu strecken. Sie versprachen, ihr den Weg zu ihrem Kinde zu zeigen, wenn sie sich ihnen in die Arme werfen wolle. Aber wie? Wieder eine neue Revolution. Das vermochte sie jetzt nicht. Nein, das vermochte sie nicht. Xlll. Bei Großhändler Flaten war große Gesellschaft gewesen und in der kalten Wintcrnacht wurde das Tal von Schellen- geläute erfüllt, während Schlitten auf Schlitten über die breiten Landstraßen flogen, und die Laternen sich schließlich in der Finsternis verloren. Und oben zwischen den dunklen Fichten lag das große, vollerleuchtcte Haus, dessen Fenster in beiden Etagen noch im Lainpenlichte erglühten. Dann wurde eine Lampe nach der anderen gelöscht, zuerst hinter den Fenstern des zweiten Stockes, dann in den unteren Zimmern. Schließlich war nur noch ein Fenster der großen Fassade beleuchtet. Herr Flaten hatte eine Ronde durchs Haus gemacht und trat jetzt ins Schlafzimmer, die Quasten seines Schlafrockes tanzten vor ihm her. Er war von Tanz und Wein etwas müde und abgespannt. Er blieb mitten im Zimmer stehen und blickte Regina einen Augenblick an, die sich in einem weißen Frisiermantel auf eine Chaiselongue geworfen hatte und eine Zigarette rauchte. Sie war bleich, hatte zwei flommendrote Flecken auf den Wangen. Die Augen leuchteten noch in seltsamer Glut. Aber»vie schön fand er sie. Das gelb- seidene Kleid mit dem venetianischcn Spitzenkragen lag über einer Stuhllehne, und in dem schwachen Lampcnscheine er- glänzten einige Schmuckstücke auf einer Kommode. „Na, es ging ja ausgezeichnet?" sagte er fragend. „Findest Du nicht?" „Es waren gemütliche Menschen," sagte sie und rauchte. Er begann den Schlafrock aufzuschnüren, die breite Henid- brüst mit den Brillantknöpfen und die weiße Llrawatte wurden sichtbar. Er entkleidete sich, saß eine Weile auf dem Bett» rande und sah sie fragend an. Aber sie rauchte weiter und beachtete ihn gar nicht. „Du tanzest ausgezeichnet!" sagte er und lächelte. „Ich habe es nie ordentlich gelernt." „Hast Du bemerkt, wie die Herren Deine Toilette bs» wunderten?" Sie lächelte wie ein vergniigtes Kind. „Aber die Damen— ich hörte wohl, wie sie hinter meinem Rücken zischelten." „Was sagten sie?" Seine Augenbrauen zogen sich ängstlich zusammen. ,.O, mir ist's ganz gleichgültig. Aber gehört Hab' ich» Loch— und werd's ihnen gedenken." „Willst Du Dich jetzt nicht zu Bett legen?" Er schwang die Füße ins Bett und zog die Decke über sich. Draußen fiel der Schnee in leichten Würfen gegen die Fenster, und der Wind begann zu blasen. Eine Pause entstand. Sie richtete die Augen auf ihn und frug:„Wenn ich Dir über ettvas erzählte, was mich am tiefsten beleidigt hat, würdest Du mir Genugtuung verschaffen?" „Du fragst mich noch?" Und er lächelte sie vorwurfsvoll au.„Was ist vorgefallen?" Sie blickte ihn unverwandt an. Obgleich seine Augen sich bestrebten, interessiert zu blicken, fielen ihm fast die Augen- lider zu. Ter Arme hatte ja getanzt. Beinahe brach sie in Lachen aus. „Nein," dachte sie,«jetzt muß eS endlich einmal geschehen." lFortsetzung folgt.) (Nochdruck verbotm.) Die Kammerjungfer. Von Q u i s s e. Deutsch von Gertrud David. Frau von Parmc bestand darauf, daß ihr Gatte sie auf das Mictsbureau begleite. „Tu bist Physiognomist; Du kannst mir eine Kammerfrau aus- wählen helfen, denn ich bin in der unangenehmen Lage, von hcure auf morgen Ersatz für die meinige finden zu müssen." Herr von Parme versuchte einige Einwendungen:„Ich werde Dir mehr im Wege sein, als ich Dir helfen kann. Ucbcrhaupt, sich an ein Mietsburcau zu wenden, welch' verzweifelter Entschluß! Wie kommt es, daß keine Deiner Freundinnen Dir eine Perle empfehlen kann? Gewöhnlich ist doch Ueberfluß an brauchbaren Personen vorhanden! Das ist wirklich ein Verhängnis!" „Allerdings; selbst der Abbe Merveille, der sonst aus dem Patrouatsorden so vortreffliche Dienerinnen bekommen kann, hat im Augenblick nicht eine zur Verfügung. Es ist ein ausge- suchteS Pech!" „Wie kommt es denn, daß Deine Kammcrjungfcr nicht ein paar Tage zugeben kann?" „Nicht wöglich! Ihr Vater ist schivcr krank und verlangt nach ihr." Frau von Parme setzte ihren Hut auf. „Das Bureau ist ganz in der Nähe. Komm, sei nett. Es ist höchstens zehn Minuten weit. Wir gehen gemütlich hin und sehen uns unterwegs die alten Stiche und Raritäten an. In Deiner Be- glcitung werde ich viel größere Sicherheit gegenüber der Direktion der Anstalt haben." Herr von Parme begleitete seine Frau in der Hoffnung, sie an der Türe des Etablissements verlassen zu können. Aber Frau von Parmc zwang ihn mit der Zähigkeit unfehlbarer Frauen, mit hinaufzugehen. Sie legte wirklich großen Wert auf seinen Beistand. Sie gehörte nicht zu jenen Frauen, die sich nicht um die Sittlich- kcit ihres Hauspersonals kümmern. Auch nahm jeder Dienerschaft»- Wechsel bei ihr den Charakter eines Ereignisses an. „Du wirst also die Zeugnisse, die die Kammerzofen bei sich haben, lesen; Du wirst prüfen, ob sie ehrlich gemeint sind. Denn Du weißt Wohl, daß es Leute gibt, die gewissenlos genug sind, um da zu loben, wo sie hätten tadeln sollen. Wäre es Dir recht, wenn ich eine Frau, die nicht ganz anständig wäre, unter mein Dach, unter das Dach meines Sohnes führte?" „Athanasius ist dreizehn Jahre alt; wir haben noch viel Zeit vor uns!" „So? Und Ludwig der Vierzehnte? Hast Tu das vergessen? Du bist von einem Lcichtsiim..." „So nimm eine alte." „Uebcrlege erst, ehe Du etwas sagst. Die kleine Hintertreppe vom Parterre zur ersten Etage ist etwas steil und eng. Für eine alte Dienerin wäre sie unbequem und gefährlich." „Dann kann sie ja �die große Treppe benutzen." „Das geht nicht. Solche Leute sind derb. Sic würde mir im Vorübergehen meine Blumen zerknicken. Und überdies wünsche ich nicht, daß die Dienstboten eine Treppe benutzen, die mit Ccdcrn- holz belegt ist." Sie sind an Ort und Stelle: Das Etablissement sieht gut aus. Man geht durch einen großen bepflanzten Hof, und obgleich die Treppe, die zum Bureau führt, die bescheidenste des ganzen Hauses ist, so ist sie doch hell und ein Tcppich bedeckt die Stufen, die von den elegantesten Hausfrauen betreten werden. Dieses Bureau vcr- sorgt das Faubourg Saint-Gcrmain! In dem Entrcezimmer sind die Stellesuchcndcn auf Stühlen plaziert, und warten darauf, daß eine Frage die Aufmerksamkeit der Vorsteherin auf sie lenke. Es sind da etwa dreißig oder vierzig Frauen, größtenteils junge: Engländerinnen mit Haarfrisurcn von der Form einer Orange und Deutsche mit vollem Oberkörper. Alle französischen Provinzen sind da vertreten, und die Neuangekommenen erscheinen in ihren Nationaltrachten. Sie beschäftigen sich in der Regel mit kleinen Handarbeiten und sind bemüht, ihre Vorzüge ins hellste Licht zu setzen. So stellen sie sich den ankommenden Kunden vor, der durch dieses Zimmer hindurchschreiten muß. Herr und Frau von Parum wurden in das zweite Zimmer geführt, da» der Salon der Vorsteherin ist, und wo diese an einem Schreibtisch sitzt, vor sich das Register der Angebote und Nach- fragen. Dann findet eine Unterhaltung statt, die sich bei jedem Besucher wiederholt. Was für eine Bedienung wünscht Madame? Eine Kammerfrau oder eine Köchin oder eine Haushälterin? Muß sie verstehen Kleider zu machen, zu frisieren, zu waschen? Gibt die gnädige Frau eine Hülfe für die Küche? Welches Alter? Welcher Gehalt? Wieviel Dienstboten hat Madame? Geht die gnädige Frau im Sommer aufs Land? Während Frau von Parme auseinandersetzte, was bei ihr zu tun wäre, betrachtete Herr von Parme den Salon, auf dessen silbergraucr Tapete Bilder aufgehängt warerj, wie„Ter treue Kutscher",„Die Dienerin mit der Medaille" usw. usw. Die Vorsteherin, die viele Verwandte der Frau von Parme kannte, wollte sich durch eine besonders glückliche Wahl empfehlen. Sie befragte alle Blätter ihres Registers, während Frau von Parme ihre Erklärung fortsetzte: „Um neun Uhr kommt meine Kammcrjungfcr zu mir herein und serviert mir die Chokolade. Gegen elf Uhr werde ich frisiert." „Legt Madame Wert auf die Nationalität?" „Nein, aber auf die Religion. Sie mutz Katholikin sein." „Wenn es Madame nicht auf die Höhe des Gehalts ankommt, so habe ich etwas Passendes." „Ich gebe 75 Franks monatlich; aber ich würde weiter gehen, wenn es sein müßte." „Nun, dann kann ich Madame ein wahres Geschenk machen: Christine Pechelin, 27 Jahre alt, geboren in Dresden." Das Blatt über die betreffende Person wurde verlesen:„Kann nähen, frisieren, Spitzen waschen, Zither spielen, ist katholisch, spricht deutsch und englisch, ist Pedicure und Maniküre"), versteht etwas Medizin, die Haltung der Bücher, die Massage und das Schach- spiel..." „Die Person, um die es sich handelt," fuhr die Direktrice fort, „besitzt ausgezeichnete Zeugnisse." „Aber es scheint mir, daß sie viel mehr versteht, als wovon ich Gebrauch machen kann. Ist sie hübsch in ihrem Acußeren?" „Sie stellt etwas vor; sie ist stattlich von Aussehen." „Ich glaube, daß ich etwas Gewöhnlicheres brauche." „Sieh sie Dir immerhin an," meinte Herr von Parmc, ein bißchen neugierig gemacht. Christine Pechelin stellte sich mit einer gewissen Fertigkeit vor. Sic war groß, üppig und blond. Die aschblonden Haare bedeckten die Stirn bis zu den blaugrauen, langbcwimperten Augen, deren Ausdruck von einer großen Sanftheit war. Dieser obere sehr rein geformte Teil des Gesichtes saß auf einein stark entwickelten, ein wenig eckigem Kinn; und trotz des etwas aufgeworfenem und gutmütig lächelnden Mundes erkannte man, daß Christine überlegt lnd wohl etwas eigensinnig sein mußte. Ihr dunkelviolcttes Kleid wurde in der Taille durch einen Ledergürtel zusammengehalten, der geschickt die Rundungen des Oberkörpers und die Fülle der Hüften hervortreten ließ. Der schwarz« Strohhut war klein genug, um einen üppigen Haarwuchs sehen zu lassen, und die gutsitzenden schwarzen Glacehandschuhe vollendeten dieses einfache und dennoch außer- ordentlich kleidsame Kostüm. Das Eintragungsblatt hatte der Herrin Auskunft gegeben, jetzt war die Reihe zu fragen an der Dienerin. Würde Madame hundert Frank monatlich geben? Christine hatte niemals weniger bekommen. Würde sie Wein erhalten; und welchen Wein trank man? Christine aß für sich Wieviel Ausgänge bewilligte Madame monatlich? Hatte sie die Wäsche zu überwachen, wenn man in der Sonnnerfrische war? Hatte Madame Puppen, auf die ihre Toiletten gezogen wurden, solange sie sie nicht trug? Wurden die falschen Haare der gnädigen Frau auf unsichtbare Weiss befestigt oder trug sie einen falschen Scheitel? Hatte sie die Hände und Füße der Madame alle acht oder vierzehn Tage zu besorgen? Nahm die gnädige Frau Touche»? Wandte sie die Massage an? Ließ sie sich in der Nacht vorlesen, tvcnn sie nicht schlafen konnte? Ließ sie ihre Kammerfrau i» Wagen erster Klasse fahren? Wan das Zimmer, welches sie bekommen würde, lustig? Vertraute die gnädige Frau ihre Schmucksachen ihrer Zofe an? Würde sie sich jeden Abend von ihr entkleiden lassen? Würde die Kammerjungfeo iiber einen Kochraum verfügen, um den Tee. den Kaffee, die Schokolade und die Arzeneigetränke herzustellen? Während dieses langen Examens sah Frau von Parum mehr- mal» zu ihrem Gatten hinüber, ob er nicht die Geduld verlöre, Einmal beugte sie sich sogar zu ihm hin und sagte: „Ich glaube, daß diese Aufschneiderin durchaus nicht daS ist, was ich brauche. Ich denke, es ist überflüssig, fortzufahren." „Meine Liebe, nachdem Du Dir nun einmal die Mühe gemacht hast, geh auch bis zu Ende. Vielleicht ist es besser, einige Opfer mit in Kauf zu nehmen, als fortwährend zu wechseln,, So wurde die Unterhaltung fortgesetzt. *) Gelernte Fuß- und Haudpflcgcrin. — 279— Die Zofe bestand auf der Massage. Offenbar war Madame nervös; ste hatte ausgezeichnete Erfolge mit dieser Behandlung er- zielt. Tann ging sie zu der Pflege des Haares über: sie hatte die Gewohnheit, selbst die kosmetischen Mittel herzustellen, die ihre Herrinnen anlvandtcn. Sie hatte wunderbare Rezepte. „ Erlauben Sie mir auch, Madame, Ihnen zu sagen, dah Ihr Zahnfleisch zu blaß ist; wir müssen es etwas beleben. Ein Ent- Gärungsmittel ist durchaus notwendig, um Ihren Augenbrauen die richtige Gestalt zu geben. Was sehe ich da, eine Unterbrechung der Linie, die sie bilden sollen!... Und drei Haare hängen auf die Schläfe herab! TaS ist ja eine schreckliche Unordnung l Und dam» ist Diadame schlecht geschnürt; das Korsett könnte zwei Zenti- metcr tiefer sitzen. Die Turnüre fällt mcht genug ab. Ich kenne die Zeichnung. Madame hat einen kurze» Oberkörper, den man ver- längern muß..." Herr von Panne fühlte sich etwas geniert durch diese Ab- Handlung der Kammerzofe. Er schnitt ihre Rede kurz ab, indem er seine Frau aufforderte, sich die Zeugnisse anzusehen.— „Lies Du sie, bitte, mein Lieber.* Herr von Panne erhob sich, um sie entgegen zu nehmen. Christine trat einen Schritt vor. Der Gatte und die Zofe, beide ungefähr von derselben Größe, befanden sich einander ganz nah gegenüber. Christine sah Herrn von Parme dreist an; dann lieb- koste sie ihn mit einem sinnlichen Blick, der einer starken Heraus- forderung gleichkam. Frau von Panne, die bei sich überschlug, welche Erhöhung das Haushaltungsbudget durch das Engagenieiit dieses Mädchens erfahren würde, sah wo anders hin, Hundert Frank Gehalt monat- lich; das Essen extra serviert, was immer etwas teurer war; Billette erster Klasse auf der Reile statt zweiter, wie man sie gewöhnlich für die Dienerschaft nahm: im ganzen wenigstens tausend Frank jährlich mehr. Aber auch was für eine Kammerjungfer I Immerhin inußte man erst überlegen, die Ausgabenbücher nachsehen. Das Jahr hatte nicht gut begonnen... Während dieser Ueberlegungen las Herr von Panne laut die Zeugnisse vor, die Christine ihm alle offen übergab, und auf denen allerlei wappengeschmückte, höchst komplizierte Siegel prangten: „Der Unterzeichnete bescheinigt, daß Christine Pechelin während acht Monaten in feinen Diensten gestanden hat und daß er nur Ursache hat, ihren Fleiß und ihre Sorgfalt zu rühmen. Sie verläßt das Haus nur, weil die Aerzte dem Prinzen einen Aufenthalt am Nil verordnet haben. Dies der der Wahrheit entsprechende Sach- verhalt. Prinz Navrocordato, Nizza.* «Ich bezeuge, daß Christine Pechelin meinem Haushalt als Vor- leserin nieiner Frau, der Gräfin Boutcrline, angehört hat, die sich nur infolge einer Krankheitslaune von ihr gettennt hat, ohne daß ein ernsthafter Grund für Christincns Abgang vorhanden gewesen wäre. Sie kann auf meine Unterstützung rechnen, sobald sie dieselbe nötigDhaben sollte. Graf Bouterline, Paris, Hotel Pyramidal.* „Der Unterzeichnete bescheinigt, daß Christine Pechelin bei Ihrer königl. Hoheit, der Herzogin von Toledo, als erste Kammerftau in Diensten gestanden hat, und daß Ihre königl. Hoheit so zufrieden gewesen ist, daß sie ihr die Reisekosten nach Paris zurück und außer- dem eine ansehnliche Gratifikation gegeben hat. Für Ihre Hoheit die Herzogin von Toledo der Chevalier Dalovida Majordomns. Rom.* „Wer,* sagte Frau von Parnie,„alle Ihre Zeugnisse sind von Herren ausgestellt, Fräulein?" „Ich wünsche es so,* antwortete Christine.„Sie sind die ein- zigcn, die ernst genommen Ivcrden können.* Herr und Frau von Parme gingen plaudernd nach Hanse. „Drollige Anstalt! Wie hast Du Dich entschieden?" „Ich habe gesagt, daß ich morgen schreiben würde. Was rätst Du mir, mein Lieber?" „O, nichts, die Sache ist schwierig. Dieses Mädchen ist keine gewöhnliche Kammerjungfcr. Ich finde sie zu großartig für ein so einfaches Haus wie unseres.* „So sehr einfach doch nicht! Es gehen bei uns zehn bis zwölf- tausend Frank monatlich draus." „Möglich! Aber dieses Mädchen ist an fürstliche Haushaltungen gewöhnt." „Das ist mir gleichgültig.* „Also auf Wiedersehen, ich gehe in den Klub. Ich habe dort zu tun." „Du bist schrecklich! Niemals gibst Du einen Rat.* „Was willst Du, ich bin mir selbst noch nicht klar." „Dir fehlt es wahrhaftig in trauriger Weise an Entschiedenheit. Immer muß ich mich allein aus der Affäre ziehen.* Am nächsten Tag ging Frau von Parme selbst nach dem Bureau, um Antwort zu geben und zu bitten, daß man ihr Christine zuschicke. Sie war entschloffen, fie zu nehmen. Die Vorsteherin nahm den Auftrag entgegen und schrieb an die angegebene Adresse: Hotel Monsigny. Christine erschien weder auf dem Bureau noch bei Frau von Panne. „Sie wird ausgezogen sein," meinte die Direktrice. Man ließ einige Tage verstreichen; dann schickte man nach dem Hotel Monsigny: m der Tat, Fräulein Pechelin war fortgezogen, ohne zu sagen, wohin sie ging. «Haben Sie Geduld", sagte die Vorsteherin zu Frau von Parme. „Ich bin überzeugt, daß sie dieser Tage hier vorbeikommen wird, denn sie ist mir noch etwas schuldig für die Eintragung und die Korrespondenz. Sie ist ein anständiges Mädchen, das mir keinen Schaden zufügen wird." Frau von Parme, der eS die Talente Christinens angetan hatten, kam noch einmal zum Bureau zurück. „Sie ist dagewesen. Sie hat mir 100 Frank gegeben und hat gesagt, ich hätte ihr Glück gebracht. Hier ist ihre Adresse: Rue de Toqueville öl." Frau von Parme ging hin. Zweite Treppe links. Sie schellte. Man antwortete nicht gleich. Trotzdem hörte sie in der Wohnung Plaudern und Lachen. Sie schellte ein zlveites Mal. O Unvollkommenheiten einer rasch fertiggestellten Haus- einrichtung I Ein kleiner fröhlicher Streit im Innern; dann öffnet« jemand die Tür. Es war— Herr von Parme.— kleines feuilleton. ßc. Auf dem Meeresgründe. Ein englischer Tiefscetaucher, der im Dezember mit einem älteren BenffSgenosien die genaue Lage eines gesunkenen Schiffes feststellen sollte, gibt von seinen Empfindungen während seiner ersten unterseeischen Reite folgende Schilderung. Als er nach den Ohnmachtsanwandllingen, die der ungewohnte Druck der Waffersäule bei dem Neuling verursacht, zur Besinnung ge- kommen war, fand er sich auf einem Sandbett stehend, das sich weiß wie gutgcbleichte Leinwand zu seinen Füßen hinzog. Scharen riesenhafter Schnecken und Würmer, die Schlangen glichen, um- schwärmten sie— der Taucher sieht bekanntlich alles mehrfach ver- größert. Leicht und ftei, wie in der Luft, trotz des schweren An- zuges— und der schweren Bleisohlen an den Füßen— gingen fie etwa 100 Meter auf dem Meeresboden weiter. Aus den pflanzen- bedeckten kleinen Hügeln und Tälern schössen ganze Schwärme filber- und goldglitzender Fische, Blitzen gleich, hervor und hinter ihnen durch die Flut. Schließlich erkannten sie in einem großen dunklen Körper vor sich das untergegangene Fahrzeug. Das Tages- licht drang noch so weit in die Tiefe, daß es schien als sähe man durch dickes Glas. Es war also hell genug, um das Leck zu finden. Plötzlich wurde der Lichtkegel über ihnen durch eine schwarze Wolke verdunkelt. Unwillkürlich aufwärts blickend, bemerkten sie einen großen Körper, der sich über ihren Körpern hin und her beivegte. Das Herz stand mir still, ich sah in den geöffneten Rachen eines riesigen Haies. Wohl schien das Scheusal bedeutend größer als es wirklich war, aber auf alle Fäll«, war„der Schrecken des Ozeans* über uns und spielte um unsere Lustschläuche und Rettungsleinen— ein neugieriger Biß, und es wäre mit uns vorbei gewesen. Unheimlich langsam aber sicher näherte sich uns das Ungeheuer. Ich hielt mich schon für verloren, als der Hai einige Meter vor mir stehen blieb, unverwandt uns beobachtend, wie eine Katze, die sich zum Sprunge auf die Maus fertig macht, den Schwanz bewegend. In diesem Augenblick schnellte mein Gefährte plötzlich die Arme aus und ab, der Hai schien verdutzt und entfernte sich langsam, blieb aber über uns stehen. Volle fünf Diiuuten standen wir nun wieder regungslos, und diese an sich kurze Zeit schien mir ungeheuer lang, bis endlich der Schatten sich verzog. Mein Kamerad und ich gingen nun vollends um das Wrack, ich mit zagendem Fuß, herum, damit wir über die genaue Lage des Schiffes berichten konnten, und ich hatte mich schon etwas beruhigt, als plötzlich der verteufelte Schatten abennalö sich über uns blicken ließ. Ein Grausen ergriff mich— ich wollte zurücklvcichen, da packte mich ctwaS, ich Ivehrte mich aus Leibeskräfte», daß vom Meeresboden dicke Sandwolken aufwirbelten, plötzlich schien, wie aus Iveiter Entfernung, eine menschliche Stimme zu mir zu dringen: „Sei kein Narr, Du hast wieder die Rettungsleine aus der Hand gelassen. Der Hai lauert ja nur auf die Körper der Matrosen aus dem Schiff." Mein Gefährte stand dicht neben mir; ich hängte mich an ihn und schrie aus Leibeskräften:„Hinauf, hinauf, ich will nach oben!" Die fürchterlichen Eindrücke hatten mich halb wahnsinnig gemacht, und halb tot erblickte ich das Licht der Sonne wieder.* Kein Wunder, daß von hundert Männern, die sich dem Taucher- berufe ividmen wollen, vielleicht zwei bis drei auf die Dauer ihm treubleiben.— Kulturgeschichtliches. a. Briefpost im 16. Jahrhundert. Der Brief- und Nachrichtendienst im genannten Jahrhundert war mit vielen Schwierigkeiten verknüpft, trotzdem Maximilian I 1516 einen regelmäßigen Postdienst zwischen Wien— Brüssel— Rom, JnS- brück— Tricnt— Rom eingerichtet hatte. Wer in der Lage war, diesen Postdienst benutzen zu können, Ivar der Schwierigkeiten ent« hoben, die sich sonst beim Briefverkehr reichlich boten. Wer außer- halb der neu eingerichteten Postrouten lag. wie die Schweiz, war noch nichts gebessert und mutzte sich noch der alten, üblichen Mittel beim Briefversand bedienen. In den Züricher Archiven liegen gegen 8000 Briefe, die während der Reformationsperiode die Züricher Zwingli, Bullinger usw. mit fast allen europäischen Ländern gewechselt hatten. Biele dieser Briefe ttagen noch den Vermerk, wie und durch wen sie nach Zürich gebracht worden, und geben daher über das Wesen des damaligen Briefverkehrs reichlich Ausichlutz. Kaufleute, Fuhrleute, Schiffer waren die beliebtesten Briefboten. Die Kaufleute von St. Gallen besuchten regelmätzig die Messen von Leipzig, Paris, Lyon und unterhielten direkten Verkehr mit Italien und Spanien. Sie nahmen gar manches Brieflein mit. Der St. Gallener Kaufmann Johannes Linner besorgte Briefe fiir Bullinger nach Genf und Frankreich und brachte„Zeitungen" für Zürich von dort mit. Zweimal im Jahre, im Frühling und Herbst, bezog der Züricher Buchhändler Froschauer die Frankfurter Messe. Er nahm Briefe sowie Geld mit nach Basel, dem Elsah, der Pfalz, nach Hessen. Während seines Aufenthaltes in Frankfurt diente sein Laden als Sammelbecken für alle nach der Schweiz zu sendenden Briefe. Dr. Emich aus Bremen schreibt einmal nach Zürich und setzt auf den Brief die Zwischenstatton:„Abzugeben in Franckfurt in Froschauetts Laden bey Rodbertus Camberius". Die einzelnen Universitäten, die fürstlichen Staatskanzleien, der deutsche Orden unterhielten damals regelmätzige Läuferposten, die gelegentlich gegen Geld und gute Worte bei ihren amtlichen Reisen auch Privatbriefs endungen besorgten. So ist einer der ge- brachten Briefe von dem landgräflich hessischen Boten Jost besorgt worden, einen Brief nach Polen nimmt der Ziiricherische Stadtläufer Johann Walder mit. Einmal wird in einem dieser Briefe bemerkt, datz man von Konstanz nach Augsburg 20 Meilen Wegs rechne und dem Boten dafür 5 Dickpfennige zahle, wenn er auf öffentliche Kosten reise.WieZürich unterhielten auch andere grötzereStädte wie Kö ln.Breslau, Nürnberg. Frankfurt a. M. eine regelmätzige Läuferpost zur Be- sorgung ihrer Briefe. In einem Schreiben an Zwingli heitzt es einmal„Stratzburg habe während des Reichstags zu Augsburg im Sommer 1S30 eine Post dargelegt, datz sie alleweg in 30 Stunden Botschaft dar oder bannen haben mögen." Dreitzig Stunden für einen regelmätzigen Dienst zwischen den beiden Städten mutz für damalige Verkehrsverhältnisse, die bekannt- lich nichts weniger als alles zu wünschen übrig lietzen, als eine ganz autzerordentliche Leistung bezeichnet werden. Die Stadt Sttatzburg scheint auch über Antwerpen nach England einen organisierten Postverkehr unterhalten zu haben. Die Porto- auslagen fiir Benutzung dieser Post müssen jedoch unangemessen hoch gewesen sein, denn in einem Briefe vom 25. Juni 1550 schreibt der evangelische Flüchtling Richard Hilles aus London an Bullinger,„der Grund, warum Deine Briefe bisweilen sehr spät hier abgegeben werden und sich lange auf dem Wege verstecken, ist der, datz Johannes Wurcher sie von Zeit zu Zeit Strahburger Schiffsleuten übergibt, auch Fuhrleuten und Reuttern, welche Ware den Rhein hinab nach Antwerpen führen. Das tut er vornehmlich deshalb, weil die Briefbündel so grotz wie möglich sind. Er wäre nähmlich sonst genötigt, den Posten für jede-Unze Gewicht 10 Kreuzer zu Speyer und nicht viel weniger auch zu Antwerpen und London zu geben, wenn sie von dort durch die Post vermittelt würden. Denn zu Antwerpen bekommt die Post für ein Blatt Papier,„das sie nach London befördert, zwei brabantische Stifteri, überdies in London ebensoviel, also vier Stifteri für ein einziges, ganzes Blatt. Dagegen wenn wir die Briefe den Kaufleuten zur Beförderung übergeben, so zahlen wir weder hier noch dort etwas." Neben den Städten unterhielten auch die Zünfte mit einander regelmätzigen Nachrichtenwechsel und besorgten dabei wohl auch ge- legentlich Privatbriefe. Die grötzte Zahl der in Zürich vorhandenen Briefe war jedoch durch Gelegenheit und guten Willen der nach der Schweiz reisenden Privatpersonen mitgenommen und befördert worden. Diese Art des Briefverkehrs durch Vermittelung von Privatpersonen war durchaus die am meisten in Anspruch genommene. Ein Schreiben aus Krakau wurde durch den Polen Threcius, der Zürich besuchte, abgegeben. Ein Leipziger sendet Briefe durch die Diener des Fürsten von Rad- ziwill, der nach Stratzburg reist. Alle Bekannten eines Reisenden benutzten damals die Gelegenheit, denselben mit ihren Briefen zu beladen. Im Herbst 1538 machte Gwalther von Basel aus den Bullinger darauf aufmerksam, datz gute Gelegenheit für Briefe nach England sei. da Hans Holbein dahin reise. In einem Briefe aus Lausanne bittet der Schreiber um Entschuldigung wegen der Flüchtigkeit des Briefes. Er sei aus dem Stegreif geschrieben,„weil sich just die Gelegenheit durch einen königlichen Typographen gezeigt habe". Natürlich mutzte oft auch recht lange nach einem zuverlässigen Boten gesucht werden. Thomas Platter schreibt einmal ans Basel nach Zürich:„Deinen Brief nach Stratzburg werde bestellen und mich sobald als möglich umsehen, tvem er sicher übergeben werden kann". Und gar beweglich über die Schwierigkeiten des Briefverkehrs klagt der Bischof Edivin Sand, indem er am 15. August 1575 aus London schreibt:„Sehr spät antworte ich auf Deinen so freundlichen Brief, weil die Boten sehr selten sind, welche meine Briefe von hier Eu Euch bringen. Das Meer ist nach allen Seiten bloquiert, alles efindet sich in kriegerischem, mörderischem Aufruhr. Die Briefe werden gar häufig abgefangen, kein Reisender ist sicher." Da ging denn oft so ein Brief durch zweite oder dritte Hanfv und die Boten waren gar säumig. Auf einem der vorhandenen Briefe steht der Vermerk„nach Zürich gekommen am 17. Juli, ab« gegeben den 4. August 1573". Auf einem anderen,„einer von den durch Aberlin abgegebenen Briefen, die dieser erst nach drei Monaten bestellt hat". So sind denn die Briefe gar verschieden lange unterwegs ge» wesen.� ehe sie dem Empfänger ausgehändigt wurden. E. Egli hat in der Züricher Schrift„Zwingliana" die Laufzeit einer Anzahl der vorhandenen Briefe berechnet. Von 42 Briefen, die von Genf und Augsburg eingegangen lvaren, war der schnellste 3, der längste 48 Tage gelaufen, im Durchschnitt hatten sie 15 Tage gebraucht, um nach Zünch zu komnien. Von Basel brauchte der schnellste 2, der längste 25 Tage, der Durchschnitt bettug 8 Tage. Briefe von Bern brauchten 10, folche von Mutten 13 Tage. Von Heidelberg brauchte der schnellste 7, der Durchschnitt betrug 26 Tage. Von Augsburg lief der schnellste 4, der langsamste 35. der Durschnitt war 12 Tage; von Nürnberg der schnellste 8, der langsamste 42, der Durchschnitt 20 Tage. Von Frankfurt a. M. kamen Bttefe in 10— 23 und 44 Tagen, von Sttatzburg in 11 und 55 Tagen an. Unter den übrigen Briefen finden sich Laufzeiten Danzig—52, Bremen— 87, Rostock— 116, �Dessau--- 104, Paris— 26 und 38, Montpellier— 58, London und Oxford— 38, 57, 80 und 216, Krakau— 45 und 65 Tage. Da mutzte denn auf Antwort recht lange gewartet werden und Geduld war das not- wendige Requisit im damaligen Briefverkehr.— Humoristisches. — Auf einer Tiroler Alm.„Ich moan alleweil,'S war a Norddeutscher, der Touttst." „Woll, woll,— schaugst amal's Frcmdeubüachl nach, wann er wa? d i ch t' t hat, nachher i s ch t er a P r e i tz."— — Kindermund. Der kleine fünfjährige Hans wird zum ersten Male in die Kinderschule geschickt. Als er nach Hause kommt, ftagt ihn die Mutter, wie es ihm gefallen habe. „Es war schön Muttt, aber ich kann doch auch zu Hause brav seinl"—(„Jugend.") — Aus einer pfälzischen Volksschule. Fragt da in einer der untersten Klassen der Herr Schulinspektor, ob jemand ein Verschen oder Gedichtchen hersagen könne. Es meldet sich so ein kleiner Knirps und zitiert zum nicht gettngen Schrecken der Lehrerin, die ihren Pappenheimer schon kannte, mit grotzem Pathos folgende Verse: Zwei Knaben gaben sich einen Kutz,— der eine hietz Antonius; der andere hietz Kätchen,— ich glaub', es toar ein Mädchen I— Notizen. — W i e Schrift st eller arbeiten. Jules Verne schrieb seine Romane zunächst mit Bleistift. Später zog er das Geschriebene Sttich für Strich mit Tinte nach. Was ihm nicht gefiel, wurde weggestttchen. So kam die Reinschrift zustande.— Noch origineller ist die Arbeitsweise des englischen Dramattkers Bernhard Shaw. Charles Wyndham erzählte jüngst einem Ausfrager:„Bei unserem eisten Zusammentreffen trug Shaw weiche Hemden und lang herabfallende Krawatten, stind mit seinem gelb- braunen Haar und dem langen roten Bart sah er wie ein alter Wiking aus. Er kam herein und setzte sich an den Tisch. Dann steckte er die Hand in seine rechte Hosentasche und zog langsam ein kleines Notizbuch heraus; darauf wühlte er in der linken Seitentasche und brachte ein zweites heraus. Ich wattete. Nun steckte er die Hand in eine Rock- tasche und fischte auch daraus ein Buch hervor, und so kamen noch mehrere zum Vorschein. Endlich hielt er mit seinen Forschungen inne, sah mich an und sagte:„Sie Wundern sich wohl über die vielen kleinen Notizbücher? Aber da schreibe ich ja meine Stücke hinein, wenn ich oben auf dem Omnibus in London fahre."— — Im Lessing-Theater wird am 14. April Schillers „Demetrius" aufgeführt.— — Hauptmanns„ E l g a" wird bereits vor halbleeren Bänken gespielt.— — Matkowsky bezieht vom Schauspielhaus eine Jahresgage von 30 000 M. Er soll der bestbezahlte von allen fest- engagierten Berliner Schauspielern sein.— — Für Anfang Mai ist an der Frankfurter Oper die erste Aufführung von„Benedikt und Beatrice" von B e r l i o z in der Bearbeitung von Felix Mottl in Aussicht genommen.— — Eine Lenbach-Büste für die Nationalgalerie hat der Bildhauer C. A. B e r m a n n vollendet. Sie wird in nächster Zeit aufgestellt.— — Die lLipperheide'sche Helmsammlung ist als Leihgabe den Museen überlassen worden und hat im Alten M u s cum Aufstellung gefunden.— — Ernst Höckel spricht am 14. April, 8 Uhr abends, in der Singakademie über„Entwickelungslehre oder Kirchen- glauben".— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 9. April. Kercnttwottl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanjtaltPaul Singer LrCo..Berlin L>V.