Unterhaltungsblatt des HorwSrls Nr. 71. Sonntag, den 9. April. 1905 (Nachdruck verboten.) w Sine Pilgerfahrt. Von I o h a n B o j e r. Autorisierte Uebersetzung von Adele Neustädter. Seit den fünf Monaten ihrer Verheiratung hatte Regina immerfort eine Inangriffnahme hinausgeschoben. Während der paar Monate, die sie im Auslande verbrachten, hatte sie gedacht:„Erst, wenn wir zurückkehren." Und als sie zu Hause waren, wollte sie erst das Haus in Ordnung bringen. Sie wollte sich nicht eingestehen, daß dieser herzensgute, verliebte Mann auf sie wirkte wie das Kaminfeuer auf den frierenden. ins Zimmer tretenden Menschen: Er erweckte gute Gefühle in ihr. Es war ihr auch völlig neu. daß plötzlich jemand existierte, dem sie die ganze Welt bedeutete. Sie wurde kraft- los. Im Scheine seines Glückes verkrochen sich ihre bösen Mächte. Erst als sie nach und nach einige Fehler an ihm ent- deckte, wagten sie sich wieder hervor. Nu» erwachten tausend Selbstvorwürfe. Aber sie schob alles immer wieder hinaus. Es war so herrlich hinzudämmern, und sie fürchtete den Augen- blick des hellen Erwachens. „Willst Du Dich heute Abend nicht hinlegen?" sagte er, nachdem er ins Taschentuch gespuckt hatte. „Nein," dachte sie und warf sich seitwärts,„jetzt muß es geschehen." Sie begann wie zufällig, den Rauchwolken nachblickend: „Höre, lieber Freund, etwas hast Du mir eigentlich nie erzählt." „So— o?" Es klang etwas schläfrig. Sie rauchte und rauchte.«Sage mir, wieso kam ich eigentlich hierher?" Sie schloß anscheinend die Augen, konnte jedoch trotzdem jeden seiner Gesichtszüge beobachten. „Ich habe es Dir bestimmt schon tausendmal erzählt." „Nein, gar nichts hast Du mir erzählt. Du verheimlichst mir alles." Er lachte.„Ich habe wirklich nichts zu verheimlichen, Liebling. Ich schrieb an meinen Freund Professor Gregerscn und frug an. ob er mir nicht eine norwegische Haushälterin verschaffen könne— das ist alles." „Aber weshalb wähltest Du gerade den Professor bei diesem Auftrage?" Sie öffnete die Augen und versuchte ihn anzulächeln. „Liebling, weil er ein Jugendbckannter von mir und aus derselben Stadt gebürtig ist. Ich erwähnte die Angelegenheit zufällig in einem an ihn gerichteten Briefe. Aber willst Du denn diese Nacht nicht zu Bette gehen?" Er sprach etwas mürrisch. Sie warf die Zigarette fort. Sie mußte sich gewaltsam zusammennehmen, um nicht aufzufahren und in ungeduldiger Wut loszubrechen. Aber sie zwang sich zum Lächeln und blickte in die Höhe. „Höre." sagte sie und schüttelte erstaunt den Kopf,„solch ein Professor in einer Entbindungsanstalt hat wohl viele merk- würdige Frauen in Behandlung?" „Ja. das kannst Du Dir doch denken." „Wenn er Dir nun eine dieser Frauen geschickt hätte?" Er schnappte nach Luft:„Was Du wieder für Ein- fälle hast." Nein, dieser Mann wußte nichts. Um den letzten Nest des Zweifels aus ihrer Seele zu fegen, eilte sie jetzt zu ihm, setzte sich auf den Vettrand. faßte seinen Kopf zwischen den Händen und lächelte ihn liebevoll an. Er fühlte sich glücklich, wollte sie an sich ziehen, aber sie wehrte sich scherzhaft. „Höre, lieber Freund, Du bist doch ein ganz merkwürdiger Ehemann!" „Bin ich das?" Und tollkühn fuhr sie fort:„Jawohl, das bist Du. Du bemühst Dich gar nicht, etwas über mich zu erfahren. Du fragst nie, was ich erlebt habe!" Ein schmerzlicher Zug überflog sein Gesicht. „Nein, Du bist ja über Deine Person stets so wortkarg gewesen." Und er fuhr fort, während er über ihr Haar strich: „Aber ich bin so glücklich. Dich zu besitzen, nehme Dich, wie Du bist. Ich kann auch nicht alles Mögliche zugleich verlangen, aber wenn wir uns völlig zusammen eingelebt haben, und Du mehr Vertrauen zu mir faßt, so kommt mit dem Vertrauen alles wohl von selbst." Er blickte sie mit glücklichen Augen an. Und wieder wirkten diese wenigen liebevollen Worte so sehr, daß ihr Herz erglühte, und ein Schluchzen ihren Hals beengte. � Aber sie beherrschte sich und platzte los: „Höre, Deine unverheiratete Schwester in Christianssand sollte eigentlich ein Kind adoptieren. Es ist doch unangenehm, so allein zu sein." Und sie beobachtete wieder jede Linie in seinem Gesicht und fügte lächelnd hinzu:„Wenn wir zum Sommer nach Norwegen reisen, werden wir dann Deine Schwester besuchen?" „Ja, sie wird sich darüber wohl sehr freuen, und dann kannst Du ihr ja diesen Vorschlag mit dem Kinde machen." Er lachte ein aufrichtiges, ehrliches Lachen. Jetzt gab es keine weiteren Zweifel. Er wußte nichts, und seine Schwester, nein, sie war es nicht. Sie begann sich auszukleiden, und als sie sich niederlegte, schnarchte Flaten schon. Sie blickte seinen großen fleischigen Kops an. Er schlief, schlief, schlief. Der Tanz hatte ihn völlig erschöpft. Er hatte sich ja auch möglichst lange widersetzt, als sie beim Mittagessen den Einfall bekam, man möge nach dem Kaffee versuchen, die Gespenster aus den oberen Sälen heraus- zutanzen. So war dies also auch ins Reine gebracht. Als sie damals vor den? AKare standen, hatte sie sich darauf gesteift, daß er ihr Erretter sei, sie aus dem Elend herausgeleiten würde. Und jetzt? Jetzt blieb??ur der Reichtum übrig. Er selbst jedoch?... Die Nachtlampe warf einen grünlichen Schein über sei?» Gesicht. Der Adamsapfel sprang bei jedem Atemzuge, und sie starrte seine fleischige Gurgel an.- O, hatte sie wieder in einen? Augenblick gehandelt, da ihre Urteilskraft aus VerzweisiNng blind war, und sollte sie jetzt ganz erschreckt über ihre Tat erwachen? Falls diese Ehe sie nun ihrem Ziele nicht um einen Schritt näher brächte? Wenn sie statt dessen nur Zeit vergeudete, im Wohlleben indole??t wurde, oder sich durch tägliche Sorgfalt ui?d Liebe überwinden ließ? Sie hatten vielleicht damit gerechnet, alle diejenigen, die ihr das Ki??d gestohlen. Vielleicht bildete diese Ehe ein Glied in ihrer Berechnung. Und sie irrten sich nicht. „Nein, sie behalten recht!" klang es zornig in ihr.„Du verschläfst Deine heiligste Lebensmission. Wenn man Dir nur die Wa:?ge streichelt, so fällst Du sofort zu Füßen?ind vergißt jede Schmach von gester??. Sie irrten sich nicht!" Dra??ßen blies; der Wii?tersturm heftiger ui?d he??lte???:- heimlich durch die Nacht. XIV. Als Regina sich entschlossen hatte, Flaten zu heirate??, ver- mochte sie nicht zu überlegen, wie sie?vieder von ihm loskommen köni?e. Aber jetzt ko?i!?te diese Frage nicht länger zurückgehalten iverden. Falls sie den Gedanken nicht aufgebci?»vollte, ihr Kind einmal>viederzufii?den, so daß sie die Maske abwerfen und endlich tvieder ehrlich??i?d ivahrhaft lverdcn konnte, so mußte sie jetzt einen Ausweg finden, voi? ihm losz?iko?nmen. Er>var nicht lä?lger der Erretter, u??d er war??icht allein über- flüssig, er hielt sie??ur geb?li?den. In den finsteren Wintertagen ging sie allein durch die großen Zim???er, lvährcnd Flaten auf dem Bureau war. Jede Arbeit war ihren Händen entrissen,>veil sie an Flaten u??d ihre Ehe erinnerte. Weni? es in den Zimmern dämmerte, ?????ßte sie ihn erwarten. Wenn jedoch seine Rückkehr nahte, befiel sie ein Grauen. Te??n seii?e Liebe?i?>d Sorgfalt ent- ivaffneten sie und machten sie schlvankend. Was sollte sie t????? Woche auf Woche verstrich, m?d sie ließ die Zeit verstreiche?? und legte die Hände in den Schoß. Der Mutter schrieb sie kurze, fast geschäftsmäßige Briefe. Statt liebevoller Worte legte sie eine Bai?k??ote bei. Die Briefs der Mi?tter steckte sie ii? die Tasche?ind ließ sie tvochenlai?g uneröffnet. Als erblicke sie in der Schrift der Mutter ein Gesicht, das sie sich anzusehen schäinte. Während der finsteren Vormittage saß sie in dem kleinen Ziminer, das jetzt für sie bestimmt war. und vertrieb sich tm Bril tnlf Teetrinken imS Fsgareltenrau'chm. Die Glut im Siomin spiegelte sich slammeiid in der silbernen Kanne und dem schönen Porzellan, und der Rauch spannte sich in feinen, dlauen Streifen durch den kleinen finsteren Raum. Und je länger sie das tatkräftige Handeln hinausschob, um so mehr verlor sie sich in schöne Träume über ihr Kind. Sie erforderten kein Verbrechen, sie verursachten kein böses Gewissen. Wenn sie ihren Sohn endlich fand, wie wollte sie ihn dam» erziehen! Und sie sah sich als stolze grauhaarige Mutter, er war ein hervorragender Mann geworden, den alle achteten tind liebten. Sie würden im Auslande wohnen, und sie würde wieder ihren Mädä)eniiainen annehmen, und sich Frau Asolt nennen. Ter Knabe sollte auch ihren Namen tragen. Sie schloß die Augen. Und sie wohirte später mit ihm in einer Villa am Mittelländische» Meere, und sie ging in einem großen Blumengarten spazieren»md pflegte nur ihre Lieblingsblrimen. Tes Abends, wenn der Mond über den dunklen Cypressen stand. würden sie sich auf einen Balkon setzen und Heiinatslieder singen. Sie schritt an seinen» Arn» durch die Kirche, die Orgel ertönte in dem großen Getvölbe, aber jetzt erregte sie nur ihre Freude. Sie hatte alle Sünden gesühnt, und sie lebte rein und entsagend»vie eine Nonne. Wenn Flaten an der Korridortüre den Schlüssel drehte, fuhr sie jäh zusammen. Der Traun» verflog und die Wirklich- keit verlangte ihr Recht. Wie lange sollte dies wohl noch dauern? Wie lange sollte sie eine Liebe heucheln,»vodurch sie sich immer widenvärtiger erschien, die ihr das Gefühl verlieh, sie sei»im kein Haar besser, als eure Straßendirne. Sie versuchte sich hier durch Träunie und leere Vorsätze .ZU beruhigen. Und die Zeit verstrich, verstrich. Angenommen, ihr Kind wäre krank.— Jetzt war es ein und ein halbes Jahr .alt, konnte sprechen und hatte Zähne. Und sie ging hier herrim. Wenn sie ileue Kleider bekam, konnte sie sich sogar vor dem .Spiegel daran erfreuen, gerade als seien diese Kleider nicht durch Schmach erkauft, sFortsetzinig folflt.X (Nachdruck verboten.) Zitate/) Bon Leo Berg. Warum, zitieren wir eigentlich? Was bedeuten die Zitate in unseren Darlegungen? Durch die Häufigkeit und die Art ihrer Zitate scheiden sich die Schriftsteller geradezu in verschiedene Kate- gorien. Was aber das Zitat fast immer zu einer Zweideutigkeit und großen Lüge in der Darstellung macht, ist das Durcheinander von Motiven beim Zitieren, und daß bei einer undisziplinierten Literatur das Zitat beinahe jedes Mißbrauchs fähig ist. Zunächst war und ist das Zitat ein Beweis. Koma locuta est. In der Bibel steht geschrieben. Das Zitat ist hier nicht mehr und nicht weniger als die höchste und letzte Autorität, die alle Meinungs- Verschiedenheiten oder Auslegungen schlägt. Das Zitat hat also die Tendenz, alle Kritik und jeden Zweifel zum Schwengel» zu bringen und einen Sinn nur dort, wo eine Autorität anerkannt wird. In der Wissenschaft zum Beispiel, indem entweder ein Gelehrter ein so große? Ansehen genießt, daß er als eine Art höherer Einheit wissen- fchastlichen Geiste» gilt, sei es wegen seiner ganz allgemeinen Bc- deutung(als Philosoph), sei eS wegen seiner umfassenden Kenntnis vieler oder aller Spezialgebiete(als Polyhistor), oder indem er gerade»vegen seiner Fachgelehrsamkeit ein bestimmtes Gebiet allein beherrscht, so daß mau sich bei des einen oder anderen Diktum bc- ruhigen muß und sich sagt: besser kannst du'ö auch nicht wissen und kein anderer sonst. Heute gelten namentlich die letzten Autoritäten, »veil sich die Wissenschaften derartig zersplittert haben, daß jeder auf die Resultate und Anschauungen anderer angewiesen ist und nan«cntlich die von ihnen gefundenen Tatsachen annehmen muß. Eine Statistik ist weiter nichts, als das Zusammenfassen vieler Einzelarbeiten, also die Quelle ebenso vieler Irrtümer wie Wahr- hciten. Ein« besondere Form des Beweises wird das Zitat als eine ftemonstrstio s<> oculos; näinlich in der Kritik, wenn es gilt, die Güte oder Schwäche eines Werkes zu zeigen. Um das lobende oder tadelnde Urteil einer Gedichtsammlung zu begründen, zitiert man gern ein paar Verse oder Lieder. Und hier beginnt bereits die große Lüge eines Zitats, denn es bekommt eine suggestive Bedeutung. Wenn man eine Dichtung über den grünen Klee lobt, so wird jedes Zitat auf naive Gemüter in diesem Sinn« wirken, und die dümmsten Verse können beweisen, daß einer ein hervorragender Lyriker ist; sollen und können es. Denn die Kritik hat den Leser in jene Stimmung versetzt oder doch vorbereitet, nunmehr Tiefsinniges, *) Aus der Halbmonatsschrift„Da» li t« rgr ische Echo". sverlin, Egon Fleischcl u. Co.' Feine» oder Dumine» zu vernehmen. Und dann vernimmt er e» auch. Macht man«in Buch lächerlich, so wird ein Zitat sehr leicht lächerlich wirken, auch ohne es zu sein. Es wird ihm ein« Beweis. kraft zugeschrieben, die es gar nicht hat, ganz abgesehen davon, daß man dem Kritiker ja schon glauben muß, daß er auch wirklich charakteristische Stellen zitiert und das Zitat nicht außerdem dadurch fälscht, daß er es aus dem Zusammenhang reißt, gar nicht davon zu reden, wenn er überhaupt falsch zitiert. Hier ist das Zitat kein Beweis mehr, sondern besten Falles nur ein Beispiel, ein charakterisierendes oder darstellendes Moment. Wie der Dichter einen Menschen charakterisiert durch das, was er ihn tun oder sagen läßt, so charakterisieren wir den Dichter durch das, was wir von ihn» zitieren. Um einem Kritiker Zitate zu glauben, muß man ihn schon für einen darstellenden Künstler halten. Die Richtigkeit des Zitats genügt hier so»venig, wie eine einzelne Realität beim Dichter. Es kommt nicht darauf an, ob«in bestimmter Zug in einer Dichtung richtig oder falsch wiedergegeben ist, sondern ob er sich eignet, eine Gestalt oder Situation zu veranschaulichen. Das Zitat soll den Leser zwingen, ein Werk so anzusehen, wie es der Kritiker ansieht oder angesehen wissen will. Dieses scheinbar ob- jektivste Kritcriuin(denn was kann man mehr tun, als den Dichter selbst zu Worte kommen zu lassen?) ist in den n»«isten Fällen gerade das subjektivste Moment der Kritik. Sehr häufig soll ja ein Zitat nur ein Urteil, ein« Meinung oder eine Kritik unterstützen. Es wirkt also nur, tvenn Urteil, Meinung oder Kritik in sich selbst schon begründet smd. Hier beginnt aber der allergrößte Schwindel, der init Zitaten getrieben wird. Der Zitierte bekommt die Bedeutung des Gewährsmannes; zu solchen wird er indessen häufig genug»oilllürlich gestempelt. Jemand verficht eine Meinung oder stellt eine Theorie aus und glaubt, sie dadurch stützen zu können, stützen zu müsse», daß er sich auf die Meinung anderer beruft. Zunächst appelliert er an den Aberglauben, etwas sei»oahr und dürfe geglaubt werden, weil es auch andere oder gar viele für wahr halten. Ztveitcr Aberglaube:»venigstens die Meinung derer sei beweiskräftig, die auch sonst hohes Ansehen unter den Menschen genießen. Sich auf Aristoteles, Kant oder Goethe berufen, gilt vielen immer noch als berveisen. Wofür diese Herren alles her- halten müssen, spottet jeder Beschreibung, es spottet sogar jeden Spottes. Deshalb, weil Goethe oder Kant etlvas gesagt hat, muß es noch nicht wahr sein, es muß nicht einmal für sie selber tvahr sein, es braucht auch nicht einmal ihre Meinung gctvesen zu sein; denn daß Schriftsteller oft zitiert werden mit Sätzen, in denen sie gerade das bestreite», was sie bctveisen sollen, ist ja keine seltene oder unbeachtet gebliebene Erscheinung in der wissenschaftlichen Literatur. Und wenn er es auch positiv so gemeint hat, so braucht er es doch nicht sein ganzes Leben la»»g so gemeint zu haben. Ein Geist wie Goethe revidiert doch seine Ansichten fast jedes Jahr; was er»nit dreißig Jahren gemeint hat, braucht er doch nicht auch mit sünsunddreißig Jahren gemeint zu haben. Es ist also gar nicht die Meinung Goethes, die zitiert wird, sondern Goethes im ein- unddreißigstrn Jahre, also in einem bestimmten Entwickelungs- moment. Weil das aber der Leser nicht immer selbst wissen oder kontrollieren kann, so nimmt er als die Meinung Goethes, was dieser nur ein Jahr oder eine Woche lang selbst geglaubt hat. Das schlimmste, weil gefährlichste, ist, daß dieser Schwindel gewöhnlich gar nicht bewußter- oder gewollterweise inszeniert wird, sondern »ncistens ganz naiv entsteht. Nämlich aus folgende Weise: weil wir glariben, daß wir etwas beweisen oder doch bekräftigen können, wenn wir uns auf die Ansicht anderer beglaubigter Autoren berufen dürfen, so durchstöbern wir die Weltliteratur nach Sätzen, die unsere Gedanken belegen können. Und dann ist uns natürlich alles recht, was uns in den Kram paßt, genau wie dem Politiker oder Natur- forscher jede Tatsache, die ihm für seine Zwecke tauglich scheint. Tarin war schon Schopenhauer ein wunderbarer Heiliger. Es kam ihm nicht darauf an, einen Autor, den er uns eben selbst verdächtig gemacht hat, zu zitieren, wenn er ein Wort bei ihm fand, das seine Ansichten unterstützen konnte. Etwas Komisches ist in dieser Hinsicht jüngst Fritz Mauthner passiert. In seiner sonst famosen Schrift gegen Aristoteles geht er gerade von dem Manne aus, dem Aristoteles im modernen England fast einen neuen Ruhm verdankt, Lewes, und der als Fcuilletongeist nicht einmal was bctveisen würde, wenn er sich wirklich für Mauthner benutzen ließe. Der Mann, den Mauthner als seinen Vorgänger betrachtet, l>eginnt seine Schrift über Aristoteles mit Sätzen wie:„Es ist schwer, von Aristoteles ohne Uebertreibung zu sprechen... Die Geschichte... staunt ihn mit Bewunderung an... sein« Leistungen übertrafen die aller bekannten Philosophen." Und wo er von seinen Mängeln spricht, fügt er hinzu:„wir dürfen aber nicht zugeben, daß diese Mängel die wirkliche Größe seiner Leistungen verdunkeln". Und von diesem Manne behauptet Mauthner, daß er ebenso den Denker wie den Beobachter in seiner ganzen Blöße gezeigt habe und sich nur im Schlußkapitel bor seinem Namen beuge, wo es nämlich u. a. heißt: „ich ging an meine Aufgabe voller Enthusiasmus für die Größe des Aristoteles", und„er steht höher als die meisten von denen, die die Wissenschast mit großen Ideen erleuchtet haben... so hat doch keiner wi: er neue Pfade eröffnet", und von feiner Kraft geredet wird als einer,»die in der EntWickelung der Menschen Epochen gründet". Man würde d«rgleichen nicht verstehen, wenn man nicht wüßte, wie es gemacht wird. Erstens das Zusammensuchcn von Tatsachen, Zitaten, Autoritäten, hinter die man sich versteckt, und zweitens die Sucht, Gelehrsamkeit zu zeigen, die immer imponiert. Bei uns geschieht dies namentlich dadurch, daß man unglaublich diel gelesen zu haben vorgibt, während man tatsächlich nur seine Zitate und Autoritäten zusammengesucht hat, die man zu allen möglichen Zwecken anwenden kann. Wer bestimmte Gebiete der Wissenschaft verfolgt, wird mit Staunen bemerken, daß die heterogensten Dinge über den- selben Gegenstand aus demselben Schriftsteller und demselben Literaturgebiet belegt und bewiesen werden. Was ist nicht schon alles über Shakespeare, Goethe und Heine aus ihren Schriften heraus unwiderleglich dargetan worden I Jemand will beweisen, daß Heine sein Ldkn lang ein guter Jude war, und er beweist es aus seinen Schriften; ein anderer, daß er ein guter Christ war, und er beweist es aus seinen Schriften, und beide zitieren vielleicht unter Umständen richtig, wir finden bei beiden dielleicht dieselben Zitate, die, weil sie nichts beweisen, eben alles beweisen. Da die meisten wissen, wie gedankenlos der moderne Mensch zu lesen pflegt, dürfen sie sich hier eigentlich alles erlauben. Da wird ein Zoologe für eine soziologische Meinung in Anspruch genommen, ob er gleich in der Soziologie derselbe Laie ist, der jeder andere auch ist, vielleicht noch unwissender als umncher gebildete Laie; oder es wird ein Satz zitiert, der mit dem Inhalt dessen, wofür er zitiert wird, gar nichts zu tun hat; man darf immer hoffen, der Leser wird den Blödsinn schon nicht merken. Ein Beispiel: die Homosexuellen sind die wahren Adels- oder llebcrmenschen, hörte ich einmal jemand deduzieren; sagt doch schon Schopenhauer:„Seltsame Menschen... können nur durch seltsame Verhältnisse glücklich werden.. usw. Der§ 598 der„Neuen Paralipomena", dem diese Worte entnommen sind, hat mit dein Thema des Homosexualismus nicht das geringste zu tun, und Schopenhauer ist überhaupt kein Gewährsmann für solche Be- urteilung. Aber es ist doch immerhin Schopenhauer, und wenn der Spießer Schopenhauer oder Goethe hört, dann meint er, die Sache sei schon ganz in Ordnung und braucht sein Verstandskästchen nicht weiter anzustrengen. Hier können wir sehen, wie autoritätslustig der Mensch doch ist. Der Teufel kann sich auf die Schrift berufen und der moderne Gelehrte auf Schopenhauer für alles, was er je wird zu beweisen haben: Darwinismus, Antidarwinismus, Jdealis- mus, Realismus u.s.f. Beinahe noch größerer Beliebtheit erfreut sich heute bei den Zitatcrichen Goethe, dessen Lied„An den Mond" auch schon den höheren Wert der Jünglingsliebc„bewiesen" hat, ob es gleich einem Mädchen in den Mund gelegt ist. Ein reizendes Beispiel führt einmal Karl Spitieler an. Ein Zoolog« beschreibt, wie«ine Heuschreckenart in Amerika zufolge der menschlichen An- siedelungen aus einer Gegend vertrieben wird, und schließt dann wie folgt:„So erfuhren die Heuschrecken die Wahrheit des goetheschen Wortes:„Nichts auf Erden ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen"." Man muß sich das nur in die Seele der Heu- schrecken hineindenken! Denn selbst die Heuschrecken müssen am Ende erfahren, daß Goethe immer recht hat. Sonst könnte sein Ruhm vielleicht doch noch nicht ganz fest stehen auf Erden. Hier soll nun Goethe freilich nicht die Richtigkeit der Tarstellung des Soziologen beweisen, das Zitat ist hier nicht mehr Beweis oder Beispiel, sondern Redeschmuck. Es zeugt nämlich von Bildung und Gelehrsamkeit, besonders wenn man wenig bekannte Aussprüche noch weniger bekannter Autoren zitiert. Da kommt sich der Leser gleich so unwissend und dumni vor, daß er dem Schriftsteller auf den ersten Schreck hin alles glaubt, was dieser zu schwätzen für gut findet. Denn der Leser schließt unwillkürlich, daß, wenn der Schriftsteller etwas zitiert, nicht nur das Zitat richtig und beweiskräftig ist, sondern daß er auch Werk und Autor, aus dem er zitiert, ganz genau kennt. Und wenn er sogar Werke und Autoren kennt, von denen er, der Leser, nie etwas gehört hat, wie wird er da erst die Literatur kennen, die er, der Leser, sogar kennt! Diese scheinbar gewaltige Belesenheit imponiert immer. Mit ihr imponieren sogar solche Schriftsteller, die Geist, Talent und Kenntnis genug besitzen, daß sie dergleichen Autorenmätzchcn eigentlich nicht nötig hätten. Denn dies« Zitate beweisen gewöhnlich mehr für ihr Gedächtnis, ihren Jleiß und ihre Sammelwut, als für ihre Urteilskraft. Diese Zitier- Wut ist fast immer ein Zeichen von literarischem Parvenutum. Gc- wohnlich aber ist diese sogenannte Belesenheit der reine Schwindel; und was sie zitieren, haben sie vielleicht den Tag vorher selber erst als Zitat übermittelt bekommen. Sie sagen dann nicht: ich habe bei dem oder dem ein tiefes oder schönes Wort von dem oder dem gelesen. Das würde keinem imponieren; denn das kann ja jedem mal zuteil werden. Sondern bei irgend einer Gelegenheit, wo man an diese Stelle dieses Autors zu allerletzt denken würde, überfallen sie uns hinterlistig und ganz plötzlich mit diesem Worte, als hätten sie nur nötig, die ganze Literatur so aus den Manschetten fallen zu lassen. Kolossaler Kerl! Diese Zitate imponieren dann je nach dem Grade der Unbildung des Lesers. Ich konnte über dieses Thema jüngst einem Freunde«inen erbaulichen Vortrag halten. Er er- zählte mir, er wäre bei seinen Literaturstudien auf den Namen eines Autors aus alten vergangenen Tagen gestoßen, der einem sehr berühmten modernen bis auf die Schreibart gleich sei und auch auf demselben Gebiete sich betätigt habe. Er frug mich, ob das nicht ein dankbares Thema für«in Feuilleton sei, das jeder Redakteur mit Kußhand nimmt. Ganz gewiß, war meine Antwort, aber so dürfe «nan sein Gut nicht verschleudern. Im Gegenteil: gar nichts über diesen alten Autor verlautbaren lassen, aber ihn mal ganz gelegent- lich heraufbeschwören und dann verwundert tun, daß es immer noch so ungebildete Leute gäbe, die nicht wüßten, daß wir zwei Autoren desselben NamenS besitzen, die nur den jüngeren gelesen haben, während jeder Mensch, der tknsgermaßen auf Bildwffg hält, doch jcS» Zeile auch des älteren kennen muß; daß es sogar Literaturhistoriker und Spezialgelehrte des jüngeren Autors gäbe, die nicht den älteren auswendig wissen, und die Gewissenlosigkeit moderner Literaten also schon wirklich keine Grenze mehr zu haben scheint— hier ist ein« vortreffliche Stelle, loszudonnern auf das ungebildete Pack, und de? Schulmeister zu spielen, was in Deutschland immer nützlich ist. Das, wie gesagt, ganz plötzlich, ohne daß jemand sich eines Bösen versieht. So müßte«r's machen und sein literarischer Ruhm sei auf dreißig Jahre begründet. Auf diese unvorhergesehene sieg» reiche �Attacke hin �glaubt man ihm alles, was er je gesagt hat oder noch zu sagen lustig sein wird. Sich nur nicht ü. die Karten gucken lassen. Jmmev tief entrüstet sein, daß nicht alle Welt weiß, wag man eben'erst selbst'erfahren hat. Erste Regel des Journalisten. Alles ist Technik, auch das Zitieren. Statt wie jene Gelehrtest oder Schönredner, von denen oben die Rede war, Zitate zu einem Essay zu suchen, suche'man sich lieber den Essay zum Zitat, schreibet ihn um dieses herum, nur där� man es sich nicht merken lassest, sondern man zitiere, als ob einem das Zitat gerade eben bei passender Gelegenheit' einfalle, passend nämlich, weil dem Zitat an» gepaßt. Wenn jemand solche unerwartete Kenntnis vorbringt. wird man dem'je glauben, daß es irgend einen Dichter, Philo» sophcn oder Gelehrten gibt, den er nicht kennt? Indessen, kann das Zitat auch der Ausdruck liierarischer Be» scheidenheit und Ehrlichkeit sein, indem man nämlich das zitiert, was man nicht'selber gedacht, sondern bei anderen gefunden hat. und ebenso das, loas man zwar selber gedacht, aber«in aude?ev schon vorher gesagt und besser gesagt hat, als man es selber ist jenen, Augenblick auszudrücken, vermag. Es ist etwa? anderes, wenn ich eine Meinimg habe, die Goethe auch schon gehabt hat, und ich sie nun in Goethes Worten ausdrücke, weil ich eben kcina besseren und passenderen Worte zur Verfügung habe, und es ist etwas anderes, wenn ich meine Meinung durch ein EocthischrI Zitat z» beweisen glaub«. Ich kann auch noch eist literarpädagogi» sches Motiv zu dergleichen Zitaten haben, indem ich es dem Leser erleichtere, wenn ich ihm bei einer bestimmter Gelegenheit bekannt« Worte statt neuer sage, iveil sie'ihm bequemer und verständlicher sind und glatter eingehen. Auch verlernl der Spießer so viel und fällt so oft und so tief in scheinbar überwundene Zustände d«S Denkens zurück, daß Zitate noch den besonderen Zweck habest können,' ihn daran zu«rinnern, daß gewisse Kühnheiten des Denkens für einen, gebildeten Kopf gar keine Kühnheiten mehr, sind, daß man mst seinem Denken an Stellen sich befindet.' die er er» reicht'haben muß, tonin er an einem Gespräch oder einer Unter» suchung teilnehmen will, und daß er sich gefälligst auf dieses Niveau zu erheben hat. Das Zitat als Merkzeichen. Für anders hat es mehr ästhetischen Reiz. Emerson z. B.'waren die Zitat« die Blumen auf dem Teppich der Gedanken. Er schmückte seine Red« gern mit den lieblichsten Worten, Bildern, Vergleichen, die er'finden konnte, und es war ihm sogar gleichgültig, ob er sie bei sich odeo anderen fand. Er nahm die Zitate nicht ihtcr'Autorität, sondern ihrer Schönheit wegen. Ost wußte er selbst nicht einmal, in ivessei» Garten seine Blumen aufgeblüht waren. Und wenn er es an» gab, so'war es nur die Ehrlichkeit des Schriftstellers, der sein« Quelle nennt. Die Zitate, die bei den Gelehrten in der An- merkungen stehen, haben gewöhnlich diese Bedeutung. Aber man sieht, selbst hier ist das Moralische und das Schöne nicht zu vcr». einen. Beim Zitieren kommen so ziemlich alle Tugenden und Un, tugcnden zur Geltung. Auch des Lesers, der. indem er das Mo!»» des Zitats verkennt, unter Umständen den Autor noch nachträglich� fälscht. Wenn Zitate überhaupt etwas beweisen, so gewöhnlichj das Gegenteil dessen, was sie beweisen sollm, nämlich die Armut und nicht den Reichtum des Schriftstellers. Selbst der Kritiker kommt mit einem Minimum von Zitaten aus. wenn er den Gegen-, stand'durchdrungen hat. Am meisten zitieren gewöhnlich die. die dem Werke, das sie besprechen, am unfreiesten gegenüberstelle«, Bücher, die angeschwollen sind durch Zitate, Quellen, Briefe, Akten usw., sind ein Beweis, daß der Autor seinen Stoff noch nicht verdaut'hat, denn sonst brauchte er weniger zu zitieren. Je selb» ständiger der Kritiker oder Gelehrte dem Gegenstand gegenüber- steht, je besser er und womöglich auch der Leser ihn kennt, um sst geringer wird das Bedürfnis nach Zitaten sein.' Man kann heute eist Buch über Goethe schreiben, ohne ein einziges Goethe-Zitat. weil man annehmen darf, daß man vollkomntett verstanden wird unK auch ohne Zitate sagen und beweisen kann, was man will. Di« Zitate laufen dann nämlich unterhalb der Rede oder Bewußtseins» schwelle von selber mit. Wenn ich z. B. vom Spinozismus in» „Faust" red«, werde ich die'berühmten Verse doch nur zitieren. wenn ich ungebildete oder unsichere Zuhörer habe.. Den Gebildeten würde ich geradezu beleidigen durch das Zitat, vorausgesetzt, daß! das Zitieren nicht ein Rezitieren wird'und den'Zweck hat. da» Zuhörer? nicht zu belehren, etwas zu beweisen oder zu belege«. sondern ihn bielmehr künstlerisch zu erfreuen, eine vielleicht nüchterne Deduktion angenehm zu unterbrechen und den Höre« in eine poetische Stimmung zu versetzen. Das Zitat als oratorischeS Mittel. Hiermit hat man abe� seinen eigentlichen Kreislauf»er» lassen. Der Redner verschwindet und'überläßt einem'Höheres das Wort.—, m Klcinca fcuUleton. — Tiroler Idylle. Der Wiener„N. Fr. Pr." wird geschrieben: In Siidtirol zieht schon der Frühling ein, die Bergwiesen werden grün, Apselbänme blühen und der lone Wind trügt den Wohlgeruch aus dem Garten durchs offene Fenster ins Zimmer. Aber im Herzen Tirols gibt es noch Sonnnerfrischen, die tief im Schnee liegen ,md wo jetzt noch arger Winter herrscht. Da liegt ein Dörfchen in einem breiten Tal, überragt von den Zackenkronen der Dolomiten. Im Sommer herrscht hier regstes Leben. Durch die breite Strohe fahren vollgepfropfte Hoteloinnibnsse, vor den Gasthäusern stehen betreßte Porncrs, ein ganzes Voll von. Kellnern und Kellnerinnen, Grooms und Bergführern nimmt den Reisenden in Empfang, der froh sein ntuh, wenn er noch irgend ein Zimmer findet. Verschlafen liegt jetzt das Dorf im Schnee. Manche Häuser sind fast ganz eingesargt im weihen Mantel, die kleinen Gähchen sind durch Dachlawinen versperrt. Kein Mensch auf den Straßen. Im großen Hotel wohnt ein einziger verirrter Gast. Wenn er abend? in der Wirts- stube sitzt, erzählt ihm die Wirtin von den winterlichen Freuden des Ortes. Im Soinmer herrscht hier der Fremde. Alles beugt sich vor ihm, alles eilt, ihm zu dienen. Von seinem Gelde lebt ja das Dörfchen das ganze Jahr hindurch. Im Winter aber führt der Propst hier ein strenges Regiment. Er kam aber. auch auf die Idee, zur Erheiterung, und zum Wohle der Gemeinde Theater spielen zu lassen. Es gibt ei« Theaterchen im Orte, und dafür schafft der . Propst Repertoire und Spieler. Frauen dürfen auf dieser Biihne , nicht austreten. So gibt man den.Freischütz" mit Weglassung der Franenrollen und der Musik. So gibt man fromme Märchen, in ' denen nur Männer vorkommen dürfen. Wird irgendwo in der Um- ' gcbnng getanzt, flugs setzt man eine Theatervorstellung an. damit die Bclvohncr durch die Teilnahme ain Tanze nicht Scelenschaden nehmen.— dr. Das WerwerhältniS von Gold zu Silber ist ein ständig wechselndes, der größte Teil der WährnngSfragcn ist durch die Richtständigkeit dieser Wertverhältnisse bestimmt. Schon da? Alter- nun rechnete mit diesen Schwierigkeiten, deren Aufklärung für die Geldgeschichte von großer Bedeutima ist. Den von der sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften veröffentlichten Untersuchungen über .die ptolomäischen Münz- und Rechnnngsloerte" verdanken ivir einige Aufhellungen dieser wirtschaftsgeschichtlich bedeutsamen Tat- fachen. Die Wertmetalle Gold, Silber und Kupfer standen nach der Münzordnung Ptolomaios I.(um 305 v. Christi Geburt) in festen Werbältniffen zu einander. Das Silber galt 120 Mal so viel wie Kupfer, das Gold stand zum Silber im Verhältnis von 1: 11'/« bez.: 12. In Babylonien und Assyrien sowie später im Persischen Reiche ist das Gold bei den königlichen Kassen zum IZ'/zfachen Werte des Silbers gerechnet worden. Für Aegypten seit Chnfns Regicrung bis zu den Zcitcir der Perserherrschaft haben sich Wertverhältnisse von 11— 11"/, zu 1 ergeben. In Athen ist um das Jahr 410 v. Eh. ein Gewicht Goldes zum llfachen Werte des Silbers geschätzt Ivorden. Die persische Währung, die die griechische beeinflußte, kannte das Verhältnis 1 zu 13. Ausnahmsweise war in Griechenland und Italien das Verhältnis von 10 Silber— ein Gold, sonst in Griechenland 1— ll'/2— 14. Die Werte des Kupfers sanken. Betrugen sie unter den Ptolcmäern 1 Silber— 120 Kilpfer, so später 1 Silber—131'/, bis 133�/, Kupfer, gegen Ende des zweiten Jahrhunderts v. Chr. und später 1 Silber— 375— 500 Kupfer, im ersten Jahrhundert». Chr. 480 oder 560 oder 580 Kupfer— 1 Silber. Geographisches. — Die t y p i s ch e n F o r in e n d e r M e e r e s k ü st e n zählt H. Retzlaff im Progr. d. Domgymnas. zu Kolbcrg für 1004 auf, und zwar unterscheidet er als Typen an Längslüsten den norwegischen oder Fjordtypus und den dalmatinischen. Unter ersterein verstehen wir lange, enge, von überaus steilen Wänden eingefaßte, nach dcni Innern des Landes zu sich verzweigende Meeresbuchten. Beim Dal- tnatiucr Typus bilden mit geringen Ausnahmen Längstäler die tief ei ilschneidcnden Buchten, zu denen oft mir enge, gefährliche Eingänge führen. Die Typen an Qnerküsten kann man in den Rias- und den algerischen Typus einteilen. Der erstere ist gewissermaßen der dalmatinische Typ an Onerküsten. Beim algerischen TypuS sind der kräftig wirkenden Brandungswelle die weicheren Ge- steine unterlegen, während die festeren als weit vorspringende Halb- inseln stehen bleiben: positive Strandverschiebnng verstärkt die Wirkung der Brandungswelle; so finden wir den Typus der beinahe balkreisförmig von hohen steilen Vorgebirge« begrenzten Buchten. Als Typen an Schollenküsten stellt Retzlaff auf den Limantypus, den großbritannischen, den normannischen, den schwedisch- fimiische« und kimbrischen. Bei erstere« werden bei un- verändertem Meeresstrand die Golfe allmählich von dem Fluß- alluvinm ausgefüllt; beim britannischen Typus— namentlich an der Südküste Englands— tritt uns das Beispiel einer durch Flußmündungen wohl aufgeschlossenen neutralen Hochküste entgegen; das Gegemeil bringt der normannische mit seiner unnahbaren Küste. Der schwedisch-fimiische TypuS zeichnet sich durch dichte Schwärme kleiner Küsteninseln, durch geringe Erhebung der Küste und geringe Tiefe der McercSeinschnitte ans. Im kimbrischen Typus stoßen wir auf vielverzlveigte Mccresarme von mäßiger Tiefe, durch die daS flachbpdige Land in regellos gestaltete große und kleine Inseln auf» gelöst wird; namentlich die Nordküste Nordamerika? und der vor» gelagerte arktische Archipel bieten schöne Beispiele. An den Schwemm» lüften haben wir es mit dem hinterindischen, Lagunen«, gaskogni» scheu, friesischen, Guayana- und pawgomschen Typus zu tun.— („Globus.") Medizinisches. lrr. Die Schwindsucht bei den verschiedenen Rassen. Bei der großen Ausbreitung der Lungenschwindsucht ist es auffallend, daß dieselbe in gewissen Gegenden, z. B. in manchen Gebirgsgegenden und auch in manchen Tiefebenen selten vorkommt. Man hat dies auf klimatische Einflüsse zurückführen wollen und den Bewohnern dieser Gegenden eine gewiffe Immunität zugesprochen. Tatsächlich ist das Vorkommen der Tuberkulose aber weniger von klimatischen als von kulturellen Einflüssen abhängig. Wenn diese einwirken, so bleibt keine Rasse verschont. So kennen die Aeghpter, wenn sie als Nomaden in der Wüste leben, die Schwindsucht nicht; sie werden aber davon massenhaft befallen, wenn sie �den un» günstigen Lebensverhältnissen Kairos ausgesetzt sind. Interessante Studien über das Vorkommen der Tuberkulose bei den verschiedenen Rasse» hat Dr. Hnber in New Jork angestellt, welche Stadt für derartige Studien einen besonders günstigen Boden abgibt. Er fand, daß die Neger der Schwindsucht in außerordentlichem Maße ausgesetzt sind, seitdem die Zivilisation der Weißen zu ihnen gelangt ist. Ebenso blieben die Indianer von der Schwindsucht verschont bis zu ihrer Berührnug mit den Weißen. Sehr groß ist die Sterb- lichkeit der Chinesen an Tuberkulose infolge ihrer unhygienischen Lebensweise. Von den europäischen Völkern werden die Iren und Italiener am meisten mitgenommen. Am wenigsten werden die Juden befallen; als Grund hierfür wird ihre Mäßigkeit im Genüsse alkoholischer Getränke sowie ihr Festhalten an den jüdischen Speise- gesetzen angegeben.— Meteorologisches. g. Warme Sommer— kalte Winter. Eine meteoro- logische Regel sagt, daß auf einen sehr warmen Sommer ein sehr kalter Winter zu folgen Pflegt; freilich gilt diese Regel nicht aus- nahmslos, aber in der größeren Zahl von Beobachtungsfällen trifft sie zu, und es scheint, als ob die Zahl derjenigen Fälle, in denen die Regel nicht zutrifft, dadurch ungebührlich vergrößert wird, daß oberflächliche Betrachtungen die Berhältutsse anders darstellen, als sie tatsächlich sind. Ein Beispiel dafür liefert die Zusammenstellung des jüngsten Sommers nnt dein eben zu Ende gegangenen Winter. Dag der Sommer des Jahres 1904 insofern zu den heißesten über- Haupt beobachteten zu rechnen ist, als in ihm ungewöhnlich lange Perioden ununterbrochener Hitze zu beobachten waren, kaim nicht bezweifelt werden. Dagegen macht der Winter 1004/1005 auf den ersten Anblick den Eindruck eines gelinden, mindestens eines nicht sehr kalten, und es scheint danach, als ob er eine Ausnahme von der meteorologischen Regel darstellt. Aber wenn man den Dingen genauer ans den Grund geht, stellt die Sache sich doch etwas anders dar. Man wird sich noch erinnern. daß bei Begirnt des Jahres 1905 in ausgedehnten Landstrichen eine plötzlich eingetretene große Kälte herrschte. In Pola am Adriatischen Meer sank in der Silvesternacht das Thermometer auf Null Grad und am 1. Januar noch weiter, es hielt sich während des ganzen ersten Januartages bei 3 Grad unter Null und sank in der darauffolgenden Nacht ziemlich schnell noch weiter; um 4'/« Uhr am Morgen des 2. Januar hatte es seinen tiefsten Stand mit 89ll0 Grad unter Null erreicht. Dieser Stand ist aber der tiefste, den das Thermometer dort anfwies, seit in Pola überhaupt meteorologische Beobachtungen registriert werden, und da? ist der Fall seit dem Jahre 1865. Da- mit verbinde man die Tatsache, daß am gleichen Orte die Mittel» temperatur des Monat Juli die höchste ist, die ebenfalls seit dem Jahre 1365 konstatiert wurde, sie betrug nämlich 266ll0 Grad; dann hat man in der Tat das Zusannneutreffen, daß auf die größte Sommerhitze seit 1865 unmittelbar ein Winter folgte, der die tiefste Temperatur aufwies, und der Fall, der sich bei ungenauer Prüfung als eine Ausnahme von der Siegel zu erweisen schien, verändert bei sorgfältigem Zusehen seinen Charalter dahin, daß er sich als Be- stäligung der Regel darstellt.— Hninoristisches. — Ein treues Weib. Der Herr Oberlehrer Schneckle hat ein Trauerspiel verfaßt, das endlich aufgeführt wird.— Als man am Schlüsse den Autor herausklatscht, erscheint auch seine vor Glück strahlende Gattin— und bedankt sich.— — Begreiflich. G ast:„.. Na, das muß ich schon sagen, so kleine und so teuere Portionen wie hier sind mir mein Lebctag noch nicht vorgesetzt worden I... Wie kommt da? nur?" Kellner:„Unter uns gesagt... unser Chef ist ein ver- krachter Apotheker I"— — Rücksichtslos.«Na, Hnberbauer, warum denn so wild?' «Ja, Teifi, soll ma' da net wild werff I.. Wie Sie ja wisfln, is mei' beste Sau am Hinwerd'n. Da hat mir der Bader den Rat'gebär, ich soll' s' ans d' Landstraß'n leg'« und von an Auto- mobülcr z'samnifahr'n laii'n.— Richti', i' bring' mei' Sau auf d' Landstraß'n— da kommt schon so a' Stinkkast'» herg'flog'n. I' g'schwind hinter an' Zaun. Jetz' is's gut— Hab' i' mi denkt!... Wissen S', was g'scheh'n is?... A u S g' w i ch' n is er. der Tropf, der miscrablige I"—(„Fliegende Blätter.") Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruck«« u.VerlagSanstalt Paul Singer LeCo., Berlin SV/*