Unterhaltungsblatt des Worwürts Nr. 75. Freitag, den 14. April. 1805 (Nachdruck verboten.) is] Sine Pilgerfahrt, Von I o h a n B o j e r. Autorisierte Uebersetzung von Adele Neustädter. XVIII. Im Sommer 1880 las man in den Zeitungen des Haupt- stadt folgende ungewöhnliche Annonce: „Vor zwei Jahren war im Monat März ein Ehepaar in der Entbindungsanstalt und erhielt ein Kind zur Adop- tion. Wer über diese Leute und deren gegenwärtigen Auf- enthalt Auskunft geben kann, erhält reiche Belohnung. Bitte Briefe unter„Mrk. R." an die Expedition dieser Zeitung." Ende Juni konnte man in dem hellgrünen Studenten- Wäldchen um die Mittagszeit stets eine junge schwarzgekleidete Frau unter den Spaziergängern einhergehen sehen. Sie war immer allein. Sie zählte zu den völlig Fremden der Stadt. Sie sah, daß die Leute sich begrüßten, aber niemand grüßte sie. Sie sehte sich auf eine der unbesetzten Bänke, wenn sie des Gehens müde war, und sie stand wieder auf, wenn sie des Sitzens satt war. Zuweilen schrieb sie mit dem Sonnenschirm einen kleinen Namen in den Sand, vor dem Weggehen wischte sie ihn jedoch sorgfältig aus. Die Musik spielt. Jung und Alt geht zusammen spazieren und lacht, aber alles gleitet fern und gleickhzültig an ihr vorbei. Sie zieht>ihre Uhr heraus, bald beginnt im Hotel das Atittagessen, dann folgte wieder ein sich hinschleppender Nachmittag, und gegen sechs Uhr kann sie eine neue Runde bei den Zeitungen beginnen und hören, ob heute vielleicht ein Brief gekommen sei. So führte Regina das Dasein der reichen fremden Dame in einem Hotel. Als sie eines Tages die Rechnung bekäme benierkte sie, daß sie schon einen Monat dort war. Nun ja, sie hatte ja noch Zeit, heute oder morgen kann etwas geschchen, man muß nur geduldig warten. Einmal kommt doch ein Brief. Bei Tische machte sie oberflächliche Bekanntschaften, mit denen sie über gleichgültige Dinge sprach. Sonst lebte sie wie hinter einer Mauer. Jetzt, da sie die Maske abwerfen und sich freigeben konnte, konnte sie sich selbst nicht wieder- finden, und außerdem— trug sie nicht fernerhin Dinge in ihrem Innern, die vor aller Welt verborgen werden mußten? Sie hatte die Geschichte des Kindes dem Advokaten an- vertraut, der ihr Vermögen verwaltete, und er hatte auch alles in Bewegung gesetzt, um es zu finden. Aber er hatte ihr gleichzeitig klar gemacht, auf welche Zufallsspiele sie dabei rechnen müsse. DaS Kind kann tot sein, die Pflegeeltern verstorben oder ausgewandert. Ter Mann oder die Frau kann gestorben sein, der Ueberlebende kann sich wieder verheiratet und ein eigenes Kind bekommen haben, das Adoptivkind kann in andere Hände übergegangen sein. Täglich kann sie ihren Knaben in einem Kinderwagen auf der Straße treffen, aber sie erkennt ihn nur nicht. Er kann in einem Hinterhofe im Schmutze herum- kriechen, weil er seitdem durch soundsoviele Hände gegangen ist. Er kann auf einem Bauernhofe in einem Gebirgstale gelandet sein, oder auf einer Insel wohnen— niemand kann's wisse». Aber angenommen, er sei noch das reiche Adoptivkind, dann haben sich ja die Eltern längst daran gewöhnt, ihn als ihr Eigen zu betrachten und würden unglücklich sein, ihn zu verlieren. Weshalb sollten sie sich dann zu erkennen geben, selbst wenn sie wüßten, daß eine fremde, ihnen nicht nahe- stehende Frau überall herumsucht? Reckitlich gehört er ihnen ja, sie hatte ihn ja freiwillig abgetreten. Unter allen Um- ständen war es wohl das beste, sich auf langes Warten vor- zubereiten. Vielleicht können Annoncen erfolgreich wirken. „Ja," dachte Regina,„so muß ich also warten." Und sie warf alle diese zufälligen Möglichkeiten hin und her. Ter Advokat erfuhr, daß weder die Tante im Hochland, noch die Tante im Nordland ein Adoptivkind habe. Eine Lichmng weniger. Jeden Morgen, wenn sie aufstand, zitterte sie voller Spminung. Was würde heute möglicherweise geschehen? Ihr Leben in Schweden tvar ein unheimlicher Traum ge- Wesen, sie kämpfte, um ihn zu verscheuchen. Sie wollte nur der Zukunft leben, träumte die alten Träume von dem Augen- blixke, da sie wieder mit ihrem Kinde vereint würde. Us de- gann sich zur religiösen Idee auszugestalten, mit dem Kinde sollte sie gleichzeitig Friede und Erlösung ihrer Seele finden. Mit dem Kinde würde sie ein neuer Mensch werden, das Böse bereuen, ihre Sünden würden ihr vergeben werden, und sie wollte allen, allen nur Gutes erweisen und nicht einmal Dan? verlangen. Aber die Zeit fließt hin, die so teuer erkaufte Million hilft nichts, nichts. Das Vertrauen wird dunkler und dunkler, statt dessen steigen die Angst und die bösen Erinnerungen auf« Dies darf nicht geschehen. Dies darf nicht geschehen. Endlich, da sie eines Morgens in eine Zeitungsexpeditioitz tritt, lächelt die Dame hinter dem Tische und sagt: „Heute haben wir etwas für Sie, gnädige Frau." Es waren zwei Briefe. Sie mußte sich setzen, während sie öffnete. Es war einer dieser Augenblicke, die über Leben oder Tod in der nächsten Minute entscheiden. Ihre Hände bebten. Ein Brief war aus Christiansand, der andere aus Rorns- dalen. Beide Schreiber teilten mit, sie hätten das Betreffende gefunden. Eins mußte es also sein. Auf die durch langes Warten Erschöpfte wirkte dieses Ereignis überwältigend. Sie zitterte am ganzen Körper. Diesmal nicht voller Angst, es war ein neues Gefühl— es war das Glück. So fühlte man sich also glücklich. Sie warf dem Mädchen hinter dem Burcautische eine Banknote zu und eilte ins Hotel, um zu packen. Sie warf alles bunt durcheinander in den Koffer, Zuweilen hielt sie ein, um Atem zu schöpfen und lächelte. Schließlich standen die Augen voller Tränen. Dann brach sie in Schluchzen aus und mußte sich setzen. So fühlte man sich also, wenn man glücklich war? Es kam ihr vor, als sei sie bisher aus Eis zusammen» gesetzt gewesen, das jetzt zu schmelzen begann. Denselben Abend saß sie an Bord des großen Bergenser Dampfers, der durch den Fjord seine Furche zog. Biels Reisende waren an Bord, und Regina hatte sich glücklich einen bequemen Rohrsessel gesichert, worin sie nun, mit einem Schal um den Schultern, auf dem Salondeck zurückgelehnt lag. Wer nach langer Abwesenheit zum väterlichen Hof zurück- kehrt, erblickt erst den Schornsteinrauch, wenn er zu Hause an- gelangt ist. Auch Regina glaubte jetzt ihr Ziel erreicht zu haben. In den zwei Stunden, seitdem der erste Lichtstrahl zu ihr gedrungen, hatte die Freude sie förmlich erschöpft. Das Kind saß schon auf ihrem Schöße, sie hörte es schwatzen und lachen, sie hob es empor, sie blickte in seine Augen und empfand eine glückselige.Empfindung, daß ihre Sünde ihr jetzt vergeben, sie wandelte jetzt aus einer neuen Erde, wo kein böses Gewissen, keine ihrer früheren Handlungen sie erreichte. Es war einer dieser Juni-Abende, die den Christianiafjord in ein Feenlaicd verwandeln, lind Regina, die des Morgens in einem finsteren Keller gesessen hatte, war plötzlich in diesem lichten, schönen Sommer zum Mittelpunkte geworden. Der Fjord war ein klarer Spiegel in gold und blau, weil der Himmel golden und blau schimmerte, beide strahlten jedoch ausschließlich für Regina. Auf die Fichtengipfel, die den Fjord umschlossen, streute die Sonne ihr fröhlichstes Licht, und selbst die blauen Schatten, die sich längs des Strandes lagerten, lächelten. Die weißen Badehäuser und Villen längs der beiden Strandlinien winkten ihr zu. während sie sich im Wasser spiegelten. Die Inseln« die mit Villen und duftendem Laub- und Nadelwald vorbei- schwammen, hatten für sie geflaggt. lieber Ackerland begann die Sonne zu sinke», von einem Wolkenparadies umgeben—> nie war sie in ähnlicher Pracht untergegangen. Sie saß ruhig und sah das Ganze und riß die Augen auf, wie ein Bettler, der in einem Torwege stirbt und plötzlich im Paradiese erwacht. Und während der ganzen Zeit rieselts und rieselte ein sonderbarer Strom durch ihr Herz. So fühlte man also, wenn man glücklich war— und sie glaubte, sie sei nun schon seit mehreren Jahren glücklich. * Tic Menschen, die sie umgaben, warm ohne Ilnterschiedi fröhlich und schön, und sie blickten sie so freundlich an, genau, als wüßten sie es auch. Tie Ruderkette, die längs des Relings hin- und herrollte, hatte sogar etwas Rührendes. Die Kolben- schlüge erklangen ihrem Ohre als munterer Gesang. Schließlich begann auf der Kommandobrücke ein Orchester zu spielen, und jetzt fühlte sich Regina wie auf einem Triumphzuge. Ihr HalZ begann sich zusammenzuschnüren, aber hier durste man doch nicht weinen, die Menschen hätten es sonst gesehen. Christiania begann in einem Nebelfleck im Fjordgrund zu verschwinden. „Wann sehe ich es wieder?" dachte sie.„Vorläufig nehme ich ja mein Kind und reise ins Ausland. Wer vielleicht komme. ich einmal zurück, und dann werde ich den Armen Geld geben und besonders den Bedauernswerten in der Entbindungs- anstalt. Nein, mein Sohn soll es tun, damit alle erkennen, wie prächtig er ist!" Die Sonne verschwand, der Himmel versank in eine matte, goldene Dämmerung, die Dämmerung wurde zum bläulichen Dunkel. Eine dieser ersten lichten Nächte brach an, worin man die Landschaft mit Berg und See und grünen Wiesen deutlich erblickt, und gleichzeitig das matte Hervor- treten der Sterne in der Nacht gewahrt. Der Dampfer furchte weiter, hinter sich einen schäumenden Strom, begann sich dann in Deinungen zu schaukeln, die vom Meere hereindrangen. Weit draußen am Himmelsrande erhob sich ein Leuchtturm mit gelblich blitzendem Lichte. Wenn Regina sich am nächsten Tage in Christiansand iZeit nahm, im Hotel etwas Toilette zu machen, geschah es, weil sie in dem Augenblicke, da sie das Kind an sich schloß, rein und schön sein wollte. Aber endlich saß sie in einem Wagen, und er rollte über die breiten hellen Straßen der Stadt nach der angegebenen Adresse. Es währte lange, aber endlich fand sie die namhaft ge- inachte Frau Larsen hinter dem Ladentische eines kleinen Papier- und Modengeschäftes in einer entlegenen Gegend der Stadt. Es war eine ältere Matrone, dick, grauhaarig, mit eingefallenem Munde und kleinen steckzenden Augen. „Dri guter Gott!" dachte Regina,„weiter fehlte nichts, als daß sie das Kind während der ganzen Zeit hatte." Sobald die Matrone hörte, wen sie vor sich hatte, öffnete sie die Klappe des Ladentisches, lächelte, nickte und sagte: „Bitte, gnädige Frau, wollen Sie freundlichst eintreten, damit wir nicht gestört werden." Sie führte Regina in ein dunkles, kleines Zimmer hinter dem Laden und bot ihr einen Platz auf einem Sofa hinter einem großen runden Tische, worauf einige Schalen mit Photo- graphien und verblichenen Visitenkarten standen. Frau Larsen setzte sich in einen Schaukelstuhl zur anderen Seite des Tisches, faltete die Hände über dem starken Leibe und begann redselig Über die schlechten Zeiten zu sprechen. Regina unterbrach sie ungeduldig: „Sie glauben also zu wissen, wo mein Kind ist?" Die Frau schaukelte, der Stuhl knarr«? unter ihrem Ge- wicht, sie warf einen forschenden Blick auf Regina, als ahne sie eine delikate Geschichte und taxiere sie jetzt auf ihren Reichtum. „Ja," begann sie endlich, während sich ihr breites Unter- kirnt vorschob,„das ist eine schwierige Sache,. Ich sollte ja schweigen, aber... eine arme Witwe mag auch nicht immer im so schlechten Verhältnissen bleiben. Mein Mann, wissen Sie,.." Regina sprang schnell auf: „Kann ich Ihnen mit etwas helfen— mit Geld z. B., so nennen Sie die Summe. Aber sagen Sie jetzt sofort, was Sie wissen! Ich möchte mich möglichst beeilen." Die Frau zupfte an einigen verblichenen Seidenstreifen ihres Kleides, während sie über ihr Modegeschäft sprach und sah wehmütig drein.. Eine ausländische Firma drohte sie in Konkurs zu teiben, und dann war sie ganz verloren. Aber vielleicht war es eine Fügung Gottes, in die sie sich ergeben mußte. Oder vielleicht war Regina jetzt der Engel, der sie retten würde, denn sie hatte gebetet— und nun begann sie Tränen zu wischen. Regina wurde fast heftig: „Nennen Sie die Summe! Ich habe augenblicklich etwas Geld. Können Sie mir sagen, wo mein Kind ist, so nennen Sie mir die Summe!" „Ich schulde der Firma 500(1 Kronen!" Die Matrone blickte Regina mit einem ängstlichen Lächeln an und fügte hinzu: „Natürlich dachte ich nur an ein Anlehen, falls es möglich wäre." „Haben Sie Feder und Tinte? Sie sollen eine Anweisung bekommen." Die Frau stand auf, während der Schaukelstuhl sich Wetter wiegte, und während Regina schrieb, stand die andere daneben, blickte mild zur Seite und seufzte. � Endlich legte Regina die Hände auf ihre Schulten -„Bei wem ist es also?'' Die Frau hatte jetzt die Anweisung bekommen, drehte sie zwischen den Fingern und hatte nasse Augen. Vor allen Dingen hoste sie, Gott möge die Dame segnen. Aber jetzt konnte Regina sich nicht länger beherrschen und rief aus: „Nein, jetzt müssen Sie sagen, was Sie wissen, oder ich zerreiße die Anweisung." Das half. Die andere faltete die Hände, sah seitwärts. und seufzte: .„Ja, wahrhaftig, es ist mein eigener leiblicher Bruder. Er ist in der Straße Kaufmann. Er ist ein böser Mann, ich muß es schon sagen— und ich hätte es nie verraten, wenn mir das Kind nicht leid täte. Aber Sie müssen mir zu- schwören, gnädige Frau, daß Sie nicht verraten, wer Sie auf die Spur gebracht hat." Regina hörte nicht mehr, sondern frug atemlos: „Und wie geht es dem Kleinen jetzt?" „Dem Kleinen? Ha, ha— ja, rein körperlich ganz gut. Aber in einem solchen Hause ist nicht gut aufwachsen. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, was mein eigener leiblicher Bruder mir getan hat..." „Wo wohnt er?" Und als die Adresse genannt war, flog Regina zur Tür hinaus. (Fortsetzung folgt.� I�aturwiflenscbaftlicbe Qcbcrlicht Von Curt Grottewitz. Mitten durch ganz Deutschland zieht sich eine lange Kette von Gebirgen, die deutschen Mittelgebirge. Nicht allzu hoch, nicht ganz lückenlos mit einander zusammenhängend, und in der mineralischen Be- schaffenheit ihrer Gesteine von einander verschieden, scheinen sie wenig Zusammengehörigkeit zu einander zu besitzen. Und doch sind alle diese Bergzüge von dem rheinischen Schiefergebirge, ja schon von den belgischen Ardennen an, über den Harz, Thüringen bis zum Riesengebirge die Glieder eines einzigen großen Gebirges. In altersgrauer Zeit, einst im Verlaufe der Steinkohlenperiode wurde dieses ungeheure Gebirge, das den Alpen an Ausdehnung wenig nachgegeben haben mag, aufgerichtet. Auch an Höhe dürfte es den Alpen, die sich erst in der Tertiärzeit aufgetürmt haben, nicht nach- gestanden haben. Es war ein gewaltiges Hochgebirge, das aber im Laufe der Zeit durch die Zerstörungskraft des Wassers stark ab- getragen und in einzelne Gebirgsstöcke zerteilt wurde. Im Westen strahlte von diesem gewaltigen Hochgebirge der Steiniohlenzeit nach Süden zu ein langer Bergzug aus. Vom Taunus und Spessart an bildet der Odenwald und der Schwarz- wald auf der rechtsrheinischen Seite, auf der linksrheinischen die Kette der Vogesen die Glieder dieses Gebirgsflügels. Heute ist dieser durch die breite Rheinebeue in zwei lange Hälften geteilt. Eine der merkwürdigsten Katastrophen nämlich hat diesen alten Gebirgsfliigel betroffen. Durch eine Auseinanderzerrung der großen Erdscholle, auf der er sich erhob, entstand eine breite Spalte und in dieser versank der ganze mittlere Teil des langen Gebirgsflügels. Er rutschte hinab in die Tiefe, so daß also die Schichten, aus denen er zusammengesetzt ist, ebenfalls in die Tiefe zu liegen kamen. Und an der verschiedenen Lage der Schichten im Gebirge rechts und links des Rheins und in der Rheinebene selbst kann man ja erkennen, daß der Boden der Rhcinebene in die Tiefe hinabgesunken ist. Der Strom benutzte später diese berühmte„GrabenverseUkung" des Rheinthales, um seine Wassermassen hier nach Norden zu führen. Wollen wir uns eingehender über das Schicksal des gewaltigen Hochgebirges der Steinkohlenzeit unterrichten, so müssen lvir uns ein einzelnes Glied desselben geologisch genauer ansehen. Da hat z. B. über die Oberflächengestaltung im Odenwald Fritz Jäger(Forschungen zu der Landes- und Volkskunde, XV 3, Stuttgart Igttts eine kleine Schrift versaßt. Auch der Odenwald ist nur ein kläglicher Rest und ein durch Versenkung und Erosion der benachbarten Teile ab- gesprengter Block des ehemaligen Hochgebirges. Die Gesteins- schichten, aus denen er besteht, sind zum Teil kristalline Schiefer. also alter Urgebirgsboden unseres Planeten, zum Teil sind sie im Altertum der Erde bis in die Steinkohlenzeit hinein abgelagert worden. Bis auf die untere Karbonstufe sind nämlich die Schichten parallel— in der Geologie sagt man kon- kordanr— übereinander gelagert. Es folgen aber darauf noch Schichten der oberen Karbonzeit, und diese liegen nicht parallel aus, sondern diskordant. Daraus folgt, daß die Auffaltung zum Gebirge zwischen unterer und oberer Steinkohlcnperiode erfolgt ist. Denn nur bis zum unteren Karbon sind die Schichten von der gebirgsbildenden Kraft eingefaltet und emporgewölbt worden. Als die Auffaltung zum Gebirge erfolgte, lag der Odenwald zum größten Teile noch unter dem Meeresspiegel, er bildete eine mächtige Erhebung über dem Meeresgrunde, die teilweise als Insel eniporragte. Der Ozean lagerte aus dem submarinen Gebirgsstock, während der Karbonzeit und auch noch später bis ins geologische Mittelalter hinein seine Sand-. Kalk- und Tonmassen ab. Natürlich sanken diese Abfallmassen in die Tiefe und füllten diese aus. So sind diese späteren Schichten also nicht konkordant, sondern diskordant über das Unterlarbon ge- lagert. Aus der Schichtenlagerung ergibt sich also die Zeit der Ent- stehung des Gebirges. Wir können genau dieselbe Schichtenlagerung auch in den übrigen Teilen des großen Gebirges verfolgen, also zum Teil im rheinischen Schiefergebirge oder im Harz. Nur erhoben sich diese wie die meisten anderen deutschen Mittelgebirge von der Stein- kohlenzeit an stetig über dem Meeresboden,(sie blieben im ganzen Mittelalter der Erde, wo das übrige Deutschland von den Meeren der Trias, des Jura und der Kreide wiederholt überflutet wurde, ein kontinentaler Gebirgsstock. Im Odenwald zeigen nur die aus kristallinem Schiefer bestehenden Höhen die ehemaligen, über den Wasserspiegel hervorragenden Berge des Gebirgszuges an. Sonst ist die Oberfläche des Odenwaldes zum großen Teil aus Buntsandsteiu gebildet, der in der Trias abgelagert wurde. Damals muß sich also noch ein großer Teil des Gebirges unter Wasser be- funden haben. Allerdings war damals und auch noch während der Jura- und Kreidezeit Deutschland ziemlich hoch mit Meeres- Wasser bedeckt. An den Küsten des großen mitteldeutschen Gebirgsstockes brandeten die Wogen des Ozeans und lagerten hier sowie in den Tälern, den ehemaligen Meerbusen, und an den unter dem Wasser befindlichen Vorbergen große Schichten ab. Nur in den Zeiten, wo das Meer sich zurückzog, mag sich diese gewaltige Gebirgsmsel in ihrer ganzen alpinen Höhe gezeigt haben. Wieder- holt war Deutschland seit der Karbonzeit Festland, aber erst seit Beginn der Tertiärzeit ist es bis auf einige Stellen, wo das Meer noch einige Male in seichten Einbuchtungen hereinbrach. Kontinent geblieben. Schon in der Tertiärzeit aber war das mächtige Ge- birge, das Sueß das variskische genannt hat, bis auf einzelne Sumpf- stellen abgewogen. Harz und Thüringen, die heute durch ein weites Becken getrennt sind, hingen unmittelbar zusammen. Wer das Landstück, das sie verband, wurde schon in alter Zeit abgetragen und neue Ablagerungen jüngerer Zeit verdeckten dann völlig den ehemaligen Zusammenhang. Die Abtragung des Gesteinsniaterials des großen variskischen Gebirgszuges erfolgte um so eher, je mürber die Felsartcn waren, aus denen irgend ein Teil desselben bestand. Der alte wistallinc Schiefer im rheinischen Schiefergebirge und im Odenwald, das Ur- gebirge in Thüringen und im Erzgebirge widerstand der Kraft des Wassers viel besser als die späteren Sedimentschichten, die leicht zer- stört wurden. Dieses alte Urgebirgsgestein, in dem>nan die alte Erstarrungskruste der Erde hat erkennen wollen, gleicht in seiner Festig- keit den sogenannten plutouischen Gesteinen, die als glutflüssige Masse aus dem Erdinnern hervorgedrungen find, ohne daß sie übrigens immer bis direkt au die Oberfläche emporgeflossen wären. In älteren Zeiten ist namentlich der Granit so aus dem Innern hervorgeflosseu und hat sich durch abgelagerte Schichten hindurch und in sie hinein- gezwängt. So hat zum Beispiel der mächsige Granitblock des Brockens nnd des Ramberges die Devon- und Unterkarbonschichten des Harzes durchbrochen/ und während diese ringsum durch die Gewalt des Wassers zum großen Teil abgetragen sind, ragen die Granitberge noch hoch über die Umgebung hinaus. Auch der Kyff- Häuser, der sich ganz isoliert im Süden des Harzes auftürmt, ver- dankt seine Widerstandsfähigkeit dein granitnen Gestein, aus dem er besteht. Merkwürdigerweise ist aber die petro- graphische Beschaffenheit dieses Berghorstes erst vor kurzer Zeit durch O. Lüdecke(Neues Jahrb. f. Mineralogie ll. S. richtig erkannt worden. Friiher hat man nur in einem Teil des Khffhäusers eine Zusammensetzung aus plutonischem Gestein ge- sehen, während man von einem anderen Teile annahm, daß er aus Gneis bestehe. Gneis gehört gleich dem kristallinen Schiefer zum Urgebirge, in dem noch keine Fossilien enthalten sind, ja, er ist noch früher als der kristalline Schiefer entstanden. Es wäre nun iutcr- essant gewesen, wenn in der Nähe des Harzes, der kein Urgebirgs- gestein enthält, solches im Kyffhäuser zutage gewetcn wäre, wie in dem entfernten rheinischen Schiefergebirge, im Odenwalde und Thüringer Walde. Allein der Granit des Kyffhäusers hat durch Gebirgsdruck, also vielleicht durch Pressungen von der Seite her oder durch die Last der Schichten, die früher über ihm lagerten, eine gneisartige Struktur bekommen. Gneis nnd Granit bestehen petrographisch aus denselben Mineralien, aus Feldspat, Quarz und Gümmer. Aber die Strukwr ist eine andere, und an den angeblichen Gneisen des Kyfihäusers konnte Lüdecke durch mikroskopische Untersuchung die Quetschung der Mineralien, wodurch die gestreckre oder schieferige Swuktur der Gneise entsteht, nachweisen. So ist denn auch der Kyffhäuser ein großer plutonischer Gesteinsblock aus Granit, ein ehemals glutfliissiger Erguß aus dem Innern der Erde wie der Brocken, dem er in seiner Gesteinsausbildung übrigens ganz ähnlich ist. Dadurch, daß der Granit die Schichten des Ober- karbons, die sich an ihm abgelagert haben, nicht beeinflußt hat, läßt sich erkennen, daß er vor ihnen, also etwa zu Ende der unteren Steinkohlenzeit, ebenso wie die Granitmassen des Harzes aus dem Erdinnern hervorgequollen ist. War so die Steinkohlenzeit für die Oberflächengestaltung Deutsch- landö von höchster Wichtigkeit, so haben doch auch später noch mehrere Male die gcbirgsbildenden Kräfte große Veränderungen im Bodenrelief unseres Vaterlandes erzeugt. Während aber in dem unendlich langen Mittelalter der Erde die geotcktonischen Mächte fast ruhten, und die Ober- fläche Deutschlands nur durch die horizontalen Ablagerungen des Meeres stellenweise aufgehöht wurde, um andererseits an hochgelegenen Stellen abgetragen zu werden, also während im Mittelalter der Erde sich keine Gebirgsauffaltung vollzog, war die Terttärzeit wieder erfüllt von geotettonischen Ereignissen. Damals vor allein wurden die Alpen in kunterbunter Einfaltung ihrer Schichten in die Höhe gepreßt. Damals aber erfuhr auch das alte variskische Gebirge zweimal gewaltige Zusammenpressungen, welche sich in der Streich- richtung des Gesteins noch erkennen lassen. Die eine dieser beiden gebirgsbildenden Tätigkeiten erzeugte Linien in der Richtung von Süd nach Nord. Sie ließ auch das Terrain der heutigen großen Rheinebene zwischen Odenwald und Schwarzwald einerseits und Hardt und Vogesen andererseits in die Tiefe sinken. Dieses Einsinken eines langen Landstreifens setzt sich übrigens auch nördlich von der Rheinebene fort. Als hessische Senke läuft der Einbruchs- graben am Osttande des rheinischen Schiefergebirges weiter nord- wärts. Der Rhein benutzte freilich nur bis Mainz diesen gewaltigen Graben, um sich dann mehr in nordwestlicher Richtung durch daS rheinische Schiefergebirge durchzubrechen. Die Geschichte dieses Teiles des Rheinlaufes hat vor etwas mehr als Jahresfrist Erich Kahser auf demKölner Geographentage sehr anschaulich vorgettagen. Ob- wohl auch hier einzelne beckenartige Einbrüche wie bei Neuwied und Köln dem Strome den Lauf erleichterten, so mußte er sich doch im allgemeinen quer durch die Gebirgsschichten durcharbeiten, ohne ihrer Stteich- richtung folgen zu können. Im allgemeinen hat sich daher der Rhein im rheinischen Schiefergebirge� sein Bett selbst gegraben. Er hat sich nach und nach immer tiefer eingebohrt, so daß die alten Terrassen, auf denen er früher geflossen ist, in Höhen von zimi Teil mehreren hundert Metern über dem heutigen Niveau an den Ge- birgsrändern zu erkennen sind. Für die Entstehung von Flüssen sind natürlich die Gebirge von ausschlaggebender Bedeutung, und es ist kein Zweifel, daß der Rhein seine Entstehung jener gewaltigen Auf- faltnng der Alpen verdankt, die nach der Bildung des variskischen Gebirges das größte geotektonische Ereignis war, das Deutschland bettosten hat.— Kleines fcuületon. k. Wie Geschichte gemacht wird. Octave Mirbeau erzählt in„La Revue" ein nachdenkliches Geschichtchen. Es handelt sich um den Professor Elmc Caro, der auch bei uns durch sein Buch über die „Philosophie Goethes", noch mehr aber dadurch bekannt ist, daß seine Gestalt das Urbild jenes Damen- und Salonprofessoren ist, der in Paillerons„Welt, in der man sich langweilt", seine endgültige Ausprägung gesnndcn hat. Diesen schöngeistigen Herrn und eleganten Causeur hol Mirbeau einmal durch ein seltsames Miß- Verständnis als einen robusten Bauern geschildert.„Es ist mir einmal passiert," so erzählt Mirbeau,„daß man mir in der Nähe von Damps, einem Dörfchen im Departement Eure, ein Landhäuschen zeigte und mir erzählte, da wohne M. Caro. der ein großer Philosoph sei und ein wahrer Stoiker, ein Mann, ausgerüstet mit allen Tugenden eines arbeitsamen und abgehärteten Naturmenschen. Ich fühlte alsogleich das Verlangen einer ungeduldigen Gcrechtigkeitsliebe. die Meinung über diesen so arg verleumdeten Gelehrten umzustimmen, den unver- schämte Menschen als einen lächerlichen Salonprofessor, eine Art Hansnarr für reiche Damen schilderten. Unerschrocken schilderte ich nun M. Caro ab, solvie ich niir ihn nach dein kleinen Häuschen und den Schilderungen vorstellte, in blauer Arbeitsbluse und Holz- Pantoffeln, einen breiten Strohhut auf dein Kopf, die Haut ge- bräunt, die Hände voller Schwielen und durchgearbeitet, als einen, der ini Schweiße seines Antlitzes die Erde umgräbt. Holz hackt und sein Stück trockenen Brotes mit seinen Kleinen teilt, an denen er mit abgöttischer Liebe hängt. Sie sehen. bis zu welchem Enthusiasmus ich mich in meinem einmal entfesselten Gerechtigkeitsgefühle hinreißen ließ I Aber die Auskunft, die ich er» halten hatte, war falsch; sie hatte sich in der Person des betreffenden Caro getäuscht und redete von einem unbekannten M. Ludovie Carran, auch einem Professor der Philosophie, aber nicht dem be- rühmten Elme Caro. Ein wenig beschämt über meinen lyrischen Erguß, stellte ich den Irrtum, sobald ich davon ersiihr, richtig. Aber ach, das war ganz unnütz... Ein Jahr nach dem bedauerlichen Mißverständnis hielt Jules Simon in einer feierlichen öffentlichen Sitzung der„Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften" die Leichenrede auf Elme Caro. Wie groß war mein Erstaunen— soll ich es sagen?— mein Stolz, als ich Jules Simon n, einen Bericht wieder zitieren hörte, durch ge- dämpftes Zittern der Stimme und weinerliche Beschreibungen noch rührender und ergreisender gemacht.„Ja, meine Herren," meinte der große Redner mit tränenerstickter Stimme,„zerstören wir die Legenden, gebieten wir Schweigen der Lüge. Caro haßte die Welt der Gesellschaft, er verabscheute nichts so als die nichttgen Erfolge des Salons. Ja, das>var ein Naturmensch rmd, scheuen wir uns nicht, es auszusprechen, fast ein Wilder. Er lebte zu Damps. einem verlorenen Fleaen in der Einöde eines fernen Departements. Er lebte dort einsam, unzugänglich in einem Häuschen, was sage ich, in einer niederen kleinen Hütte. Er hatte nur Freude an schwerer Arbeit, beim Graben und Holzhacken fühlte er sich wohl; und er lehrte armen, einfälttgen Wesen, die seine einzigen Freunde waren, abends am Herd die Schönheiten eines sittlichen Lebens. Er arbeitete, säte, pflanzte, erzog... Er war ein Heiliger.. So wurde mein Irrtum von der Geschichte gleichsam geheiligt, und bielleicht wird man noch in einem Konversationslexikon einen Artikel veröffentlichen in der Art:„Coro(Eime» Marie), berühmter französischer Landwirt usw."— — lieber de» Familiennamen Meier veröffentlicht I. B u ch e r in den„Basler Nachrichten" eine Plauderei, der wir folgendes ent- nehmen: Der Familienname Meier wird in der deutschen Schweiz wahrscheinlich von keinem anderen an Häufigkeit übertroffen. Mag der Name nun Meier oder Mejer oder Meyer oder Maier oder Mayer oder Maire geschrieben werden: immer ist er entstanden aus dem lateinischen Komparativ„major" und heißt wörtlich der„Größere", der„Höhere", der„Mächtigere". Meier wurde sehr früh im Deutschen eingebürgert, während der aus der gleichen Quelle stammende mili- tärische Titel Major erst viel später eindrang. Bereits im 7. Jahr- hundert erhielt der Name Meier eine sehr vornehme Bedeutung. Die Hausmeier nämlich, die schon vorher unter Fürsten verschiedener deutscher Stämme das Amt von Aufsehern über den Haushalt und von Verwaltern kleiner Hofgüter versehen hatten, schwangen sich bei den fränkischen Königen zur einflußreichsten Stellung empor, indem sie Vorsteher des Gesindes, Verwalter der Krongüter, Anführer im Kriege und Stellvertreter ihrer Monarchen wurden. Der letzte frän- lische Hausmeier, Pippin der Kleine, schickte den schwachen König Childerich III. in ein Kloster und bestieg selbst den Thron. Nicht so großartig wie die Hausmeier treten die Meier in späteren Zeiten nuf, aber doch in sehr bedeutsamen Stellungen bis tief ins 13. Jahr- hundert hinein! ja, das Amt des Kirchmeiecs besteht heutzutage noch da und dorj. Er hat das Kirchenvermögen zu hüten: früher mußte er auch an einzelnen Orten den Lehrern ihre„Batzen aus- brösmen", wir Jeremias Gotthelf im Schulmeister berichtet. Der Meier war gewöhnlich der vornehmste grundherrliche Beamte eines„HofeS", das heißt einer Gemeinde. Er hatte die Aufsicht über die Bewirtung des Bodens von seite der Hof- genoffen, die Polizei und die niedrige Gerichtsbarkeit auszuüben. Bisweilen hatte er allerdings einen zweiten, ihm untergeordneten Beatmen neben sich, den Keller, der dann die Verwaltung zu besorgen, insbesondere die Gefälle, meist landwirtschaftliche Erzeugnisse, ein- zuziehe» und dem Grundherrn abzuliefern halte. Ob einer oder zwei, das hing von der Größe und Leistungsfähigkeit des Hofes ab. Eine Luzerner Urkunde erklärt, mancher„Hof" sei so arm,„das der Meger sMejer) mus Keller vnd Meger sin". Dem Stande nach war der Meier in den älteren Zeiten den übrigen Hofgeuossen gleich, also auch unftei und hörig, lveim es die anderen waren. Aber ihrer viele stiegen rasch in die Höhe und konnten leicht zu einem ansehn- kicken Wohlstand gelangen; denn ihnen war jeweilen das beste Stück Land zur Bebauung angewiesen, der Meierhof, dessen Name heutzutage noch in einem gewissen romantischen Glänze erscheint. Der alte Spruch:„Wenn man den Edelmann setzt zum Meier, er- ' hält der Fürst weder Hühner noch Eier" deutet an. daß ncancher Meier fiir seinen Vorteil übermäßig besorgt war. Eine genaue Kontrolliernng war, namentlich was die verhängten Bußen betrifft, oft unnwglich, zumal wenn der Grundherr weit weg wohute. Viele Grundherren, besonders die Aebtissinnen, hielten die zwei jährlichen Gerichte auf ihren Höfen nicht selbst ab, sondern überließen den Vorsitz ihren Meiern. Der letzteren Selbstgefühl wurde da- durch mächtig gefördert und ihr Ansehen bei den Hubern, das heißt bei den Inhabern der Hufen, gehoben. An manchen Orten wußten die Meier ihr Amt erblich zu machen: sie schwangen sich zu wirklichen Gerichtsherren enrpor und wurden so eigcnt- kiche Gemeindemonarchen für einen bisweilen sehr großen Jurisdiktionsbezirk. Bildete doch das ganze Glarner Land bis 1273 einen einzigen Hof. Der„Meier von Glorus" herrschte sonnt über ein Gebiet, das den Flächeninhalt des Fürstentunis Schaumburg- Lippe beträchtlich übertrifft. Mit dem Gesagte» haben wir die erste und eigentliche Bedeutung des Wortes Meier genügend erklärt. Im abgeleiteten Sinne koimte es auch Dorfvorsteher, Pächter, Groß- bauer, endlich in Bayern anch Mcisterknecht heißen. Es gibt aber auch Meierformcn, die keinen Erklärungsversuch gestatten. Wenn z. B. ckaooduo major sJakob der Aeltere) mit Jakob Meier wieder- gegeben wurde, so war das einfach ein drolliger Uebcr- setzungsfehler. Von allen Bcamtentiteln war einst der. Meier der volkstümlichste, das heißt der mn häufigsten ge- nannte. Daher riihrcn die enorm häufigen Zusammensetzungen. Nnr wenige Zusammensetzungen lauten geringschätzig, z. B. Strudelmaier (gleich flüchtiger Arbeiter); fast alle bezeichneten eine ehrenwerte Amtstätigkeit. Aus den zahlreichen Beispielen seien einige erwähnt. Der Grendelnieier war der Wächter bei einem Grendel, d. h. bei einem Pallisadenlverke an einem Gewässer(verwandt mit dem Tor- Wächter). Der Hardmeicr halte in Zürich die Aussicht über das Gut Hard. Der Geißmeier bestellte als Borsteher einer Genoffenschaft von Ziegenbesitzern den Hirten und beherbergte ihn auch bisweilen. Der Gescheidmeier war in Basel der Präpdrnt eines Gescheides. eines Marken- und Flurgerichts, das über Marken, Zäune usw. zu entscheiden und einschlägige Frevel zu beurteilen hatte. Sehr viele andere Meier sind ohne weiteres verständlich, z. B. Alpmeier, Holz- rneier, Waldmeier, Klostermeier usw.— Aus dem Tierleben. — Vervollkommnung des Nachtigallenschlages. Im freien Tierlebcn der Großstädte herrsche» allgemein die Vögel vor; H. Krohn zählt z. B. für Hamburg 110 heimatberechtigte Brut- Vögel auf, und unter ihnen ist die Nachtigall in den parkahnlichen Gärten der Alstergegend einer der verbreitetsten Vögel, obwohl mit der Ausdehnung der Großstadt naturgemäß auch ihre Brutplätze be« schränkt worden sind. Ungemein zahlreich aber ist die Nachtigall noch in den unterholzreichen großen Parks unterhalb Hamburgs an der Elbchaussee bis nach Blankenese und Schulau. Nun macht M. Graemer(Zweiter Bericht des Ornithologisch-zoologischeu Vereins zu Hamburg 1902/1903) darauf aufmerksam, daß je nach dem Wohn» ort ein großer Unterschied im Gesang der Nachtigallen besteht. Nach seiner mehr als zwanzigjährigen Beobachtung zeichnen sich die Nachtigallen der Elbufer, namentlich aus der Gegend von Blankenese, durch einen bedeutend befferen Gesang vor ihren binnenläudischen Artgenossen aus; dasselbe ist beim Rotkehlchen der Fall. Der Grund' dafür dürfte nach Graemer„in dem ununterbrochenen Rauschen des Waffers zu suchen sein, welches den Vogel zu immer neuem Gesänge reizt"; werden ja auch die Finken, welche im Harze in unmittelbarer Nähe der rauschenden Waldbäche leben, als die besten geschätzt.— Und doch ist diese Erklärung falsch I Die Nachtigall, wie jeder andere Vogel, singt nur, was sie gehört und gelernt hat. Jedes zusammengehörige Nachtigallenpaar grenzt zwar sein Gebiet ab, in dem keine Artgenossen geduldet werden; die Männchen sind aber größtenteils in der Mehrzahl vorhanden. Wo sich nun in wasserreichen belvohntcn Gegenden mit vielem Unterholz die Nachtigallen zahlreich ansiedeln, wie das in der Gegend der Elb- chaussee der Fall ist, liegen die Reviere der Paare dicht zusammen. Die Nähe eines anderen singenden Männchens steigert aber den Eifer im Singen ganz beträchtlich, und mit der Zahl der werbenden Männchen steigt auch die Leidenschaftlichkeit des Schlages. Wo aber die Möglichkeit einer Wahl vorhanden ist, fliegen dem besten Sänger die Weibchen anch am ersten zu, so daß sie rascher und jedenfalls sicherer beweibt werden, als stümperhafte Sänger. Damit aber dürfen wir annehmen, daß anch die Gesaugsfähigkeit der Nachtigall und anderer Singvögel ihre Ausbildung und Vervollkommnung der geschlecht« lichcn Zuchtwahl verdankt; denn die besten Sänger haben die sicherste Anwartschaft auf Nachkomnnmschast; diese aber folgt in der Gesangsleistung wiederum dem Bater. Daniit lväre endlich auch der Weg gefunden, auf welchem einzelne Singvogelartcn in ihnen be- sonders günstigen Gegenden besser singen lernen, als ihre Artgenossen unter weniger zusagenden äußeren Lebensbedingungen, wo der spärlicheren Besiedelung halber der alle Fähigkeiten steigernde Wett- bewerb der singenden Männchen ausbleibt. Widerlegt ist damit auch die alte theologische Behauptung, daß die Tiere— im Gegensatz zum Menschen— keine„Perfektibilität" zeigten, und daß die Nachtigall schon zu Adams Zeiten ebenso gesungen habe, wie beute. („Prometheus.") Notizen. ». In das Ein sch r ei b eb u ch für Besucher, das in Schillers Geburtshaus zu Marbach am Neckar auflag, schrieb unter den enthusiastischen Erguß eines Schillerverehrers(in den 80er Jahren) ein Mucker:„Christum lieb habe» ist besser denn alleS Wissen." Unmittelbar darunter schrieb ein anderer Besucher: Ein jedes Ding hat seine Zeit, Ein jedes Ding hat seinen Ort; Die Kirche ist von hier nicht weit, Wer pred'gen will, der pred'ge dort.— — Zugegangen ist uns das vom Württeni bergischen Goethebund herausgegebene Schiller-Bild. Stuttgart. Kommissionsverlag I. Engelhorn. Preis IM.— Ferner; Das I. Heft des von der Deutschen Berlagsanstalt in Stutt- gart herausgegebenen Sammelwerks„Klassiker d e r K u n st." Preis des HefleS 50 Pf.— —„Der P r ü g e l j u n g e", ein einaktiges Versspiel von Hans LÄ r r o n g e wird in der nächsten Woche im L u st s p i e l- haus zur Aufführung koinmen.— — Die Ausstellung des Deutschen Künstler- b u n d e s soll am 15. Mai eröffnet werden, wenn— das neue Secessionsgebäude bis dahin fertiggestellt ist.— — In den Jagdbezirken Bayrischzell und Fischbachau bei S ch lji e r s e e sind infolge des strenge» Winters Hunderte von Gemsen, Hirschen und Rehen eingegangen.— — K a f f e e f ä l s ch n n g e n. Im„Moniteur«cientifique" be- spricht E. Bcrtarelli die Gewichtsfälschungen gerösteten Kaffees durch Zusatz von Wasser und Borax. Chemiker, welche Gutachten über gerösteten Kaffee abzugeben haben, beschäftigen sich gewöhnlich nur wenig mit der Frage, ob diesem Waffer zugesetzt ist. und zwar weil er solches überhaupt sehr schlecht in sich anfninnnt. Rohkaffee geringerer Sorte verliert beim Brennen über 20 Proz seines Ge- wichts, und ein Ersatz dieses Verlustes durch Wasser bei oder nach dem Rösten bedeutet also für den Händler einen bedeutenden Gewinn. Einfach befeuchteter Kaffee ist jedoch schon daran zu erkennen, daß er beim Mahlen klebrig und teigig wird. Fälscher helfen diesem Uebelstande dadurch ab, daß sie dem Kaffee noch Borax zusetzen, der den Wasserüberschuß verdeckt und obendrein das Gewicht noch weiter erhöht. Eine 4— öprozentige Boraxlösimg soll den Kaffee nänilich bis 12 Proz. schwerer machen. Bertarelli hält jeden gerösteten Kaffee mit mehr als 4 Proz. Wassergehalt für gefälscht.—(„Köln. Ztg.") Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 16. April. Verantwortl, Redakteur: Paul Büttner, Berlin.»»Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u, Berlagsanstalt Paul Singer LeCo..Berlin SW.