Hlnterhattimgsblatt des Horwärks Nr. 76. Sonntag, den 16. April. 1905 (Nachdmck verboten.) ist Sine pilgerfakrt. Von Johan Bojer. Autorisierte Uebersetzung von Adele N e u st ä d t e r. Als Regina vor dem Hause stand,. in dem die ganze erste Etage von einem großen Kolonialgeschäst eingenommen »vurde, blieb sie einen Augenblick stehen und sah zum zweiten Stock hinauf. Dort hingen hinter den Fenstern freundliche, Weiße Gardinen, und man gewahrte Blumentöpfe und blühende Rosen. Dort— dort hatte ihr Kind diese ganze Zeit hindurch gelebt, dort war es jetzt. Endlich sollte ihr Leiden aufhören— endlich I Wie eine Trunkene wankte sie die Treppen hinauf, klingelte, nahm sich gar nicht die Zeit, auszudenken, wie sie zu Werke gehen solle, fand nur, es dauere eine Ewigkeit, bis das Dienstmädchen öffnete. „Ist die gnädige Frau zu Hause?" „Nein, sie ist ausgegangen." „Ist der Herr zu Hause?" „Nein, er ist in Christiania." Ein schneller Entschluß durchflog Regina:„Da nehme ich es sofort." Und sie trat in den Korridor und sagte, während sie ihre Jacke aufknöpfte:„Ich will auf die gnädige Frau warten." Das Mädchen führte sie in ein großes Helles Zimmer, wo die Lust etwas muffig war. Aber im nächsten Augenblicke hörte sie in dem anstoßenden Zimmer eine Kinderstimine. Regina faßte sich einen Augenblick an die Brust, als sei sie den: Zerspringen nahe. Aber in der nächsten Sekunde stürzte sie zur Türe, öffnete sie, trat in ein großes Schlaf- zimmer, wo ein Mädchen sich an einem Tische mit Wäsche beschäftigte, und wo ein kleines Kind, das ein Kleidchen trug, auf dem Boden herumbalancierte. Regina starrte es an, sagte allerlei zu dem Mädchen, beugte sich nieder und hob das Kind hoch, und begann dann plötzlich zu lachen, lachte wie eine Wahnsinnige, während sie am ganzen Körper zitterte. Sie drückte das Kind vorsichtig an sich und küßte es auf den Kopf, aufs Gesicht, aufs Haar— und während der ganzen Zeit lachte sie krampfhaft und wild, während die Tränen rannen und rannen. Das Kind begann zu schreien. Das Dienstmädchen trat jetzt heran und faßte sie am Arm:„Was soll dies?" sagte sie.„Sie dürfen das Kind nicht erschrecken. Geben Sie es her!" Und als Regina es nicht losließ, rief das Dienstmädchen erschreckt:„Was wollen Sie mit dem Kinde— wer sind Sie? Sind Sic ganz verrückt?" Aber Regina schob sie fort und lachte weiter. „Lassen Sie mich los l" sagte sie,„das ist mein Kind." „Ihr Kind l Aber sind Sie ganz von Sinnen! Geben Sie mir das Kind, hören Sie nicht, wie es sich ängsttgt!" „Ja, es ist wirklich mein Kind I" sagte Regina und be- gann mit dem Kind hin und her zu gehen.„Sagen Sic mir, wie er heißt. Heißt er Olaf? Wenn er nicht Olaf heißt, so werde ich ihn umtaufen. Pst, pst, süßer Kleiner, mein Junge! Wie acht es Dir? Wie geht es Dir— O— O I" Das Mädchen war jetzt fest überzeugt, eine Wahnsinnige vor sich zu haben und antwortete heftig: „Er I— Er ist ja gar kein Knabe. Es ist ja ein Mädchen. Sie heißt Inga." Regina blieb plötzlich stehen, stierte sie einen Augenblick an und ließ das Kind dann plötzlich auf den Boden fallen. „Was sagen Sie— ein Mädchen I— Wollen Sie mir das einreden l... Ha, ha I Sie sagen also, es sei ein Mädchen!" „Ja,' sehen Sie doch selbst zu l— Aber in Herrgotts Namen, was wollen Sie eigentlich hier? Soll ich die Leute aus dem Geschäft heraufholen?" .Mein, nein," sagte Regina leise und strich sich über die Stirn. Dann schloß sie die Augen und flüsterte:„Nein, ja so, es ist ein Mädchen. Entschuldigen Sie freundlichst. Ich werde gehen. Es war ein— ein Mißverständnis. Verzeihen Sie I Jetzt will ick aeben." Und sie ging langsam, wie im Schlaf, hinaus und begann sich die Treppen hinabzuschleppen.. XIX. Gegen Mitternacht wanderte sie nach dem Hotel durch einen Park, in dem sie mehrere Stunden gesessen hatte. Es hatte geregnet, die Bäume erschimmerten in schwerem nassen Laub, und aus den erhitzten Straßen stieg ein nasser, schweißiger Geruch auf. Ein Axtschlag hatte ihren Kopf getroffen und eine Weile hatte sie halb ohnmächtig gelegen. Aber dann raffte sie sich wieder auf, dem: sie wagte nicht liegen zu bleiben.— EttvaS Dunkles folgte ihr und wollte sie fassen, falls sie liegen blieb, deshalb mußte sie aufstehen. Und sie faßte sich an den Kopf und sagte:„Dies ist vorüber. Damit war's nichts. Ja, es ist jetzt ganz vorüber— und ich muß weitergehen." Sie hatte ja noch einen Brief, es war kein Grund vorhanden, den Mut zu verlieren. Und während sie ins Hotel geht, beginnt sie sich freudig und hoffnungsvoll über den Brief zu erregen. Uebermorgen würde sie in Ronsdalen sein, es würde nur eine herrliche Vergnügungsreise werden— und dann! Schon übermorgen würde sie ihr Kind ganz bestimmt haben. Und sie verbringt eine neue Nacht allein in einem Hotel in einer fremden Stadt. Die Sonne geht früh auf, deshalb kann sie wohl nicht schlafen, vielleicht stören sie auch ein paar summende Fliegen, oder vielleicht denkt sie zu viel an Rons» dalen. Die Haut brennt, die Augen stechen, der Hinterkopf hämmert wie nach einem Schlage, die Augenlider sinken so schwer und müde, aber die Bilder, die vorüberziehen, sind zu mannigfach und lebendig. Weshalb werden Füße und Hände so heiß? Wer noch seine Hände falten und sich in die Arme eines erlösenden Gebetes werfen könnte! Aber dann muß sie ja bereuen, und falls sie durch Gottes Wille die volle Vergebung ihrer Sünde durch Nichterlangung ihres Kindes erhalten soll. Das kann sie nicht. Nein, erst will sie dieses Kind finden, um dessenwillen sie gesündigt hat, und dann— dann kann sie umkehren und ihre Schmerzen ausweinen. Aber etwas Dunkles folgt ihr, es will sie packen, und um es in Abstand zu halten, muß sie hoffen und die glückliche Ueberzeugung haben, daß sie dieses Kind finden wird. Es hält die Verfolger in Abstand. Man darf nicht zurückblicken— nur vorwärts, vorwärts I Und am nächsten Tage ist sie wieder auf der Reise. Während das Schiff vor Jäderen in See sticht, sitzt sie auf dem Hinterdeck und hält sich krampfhaft an einem Eisen- geländer fest. Sie bemerkt nicht, daß sie seekrank ist. Vielleicht kommt eine minder gute Nacht. Aber am nächsten Tage ist man in Bergen und dann fährt man lange Strecken innerhalb der Scheren in stillem Wasser. Es ist wirklich eine Vergnügungsreise. Die kahle dunkle Küste zieht mit tausend kleinen Inseln und'Klippen vorüber, umschwärmt von See- vögeln. Senkrechte schwarze Berge erheben sich gen Himmel, hier und da erblickt man kleine Fischerhütten in einem grünen Gehege, durch das die Sonne vielleicht nie dringt, und am Fuße des Berges schaukelt ein kleines Boot am Taue. Regina saß auf Deck, hatte eine kleine Reisemütze auf- gesetzt und den Kragen des wollenen Capes hochgeschlagen. Diese finstere Natur hauchte eine seltsame Kälte aus und er- regte unwillkürlich finstere Gedanken. „Angenommen, Du reisest dieses Mal auch vergebens. Vermagst Du eine neue Entäuschung zu überleben?" Der Hals schien sich zusammenzuschnüren und das Herz erschauerte. Aber als man in die Bucht in der Richtung nach Molde glitt, brach ein klarer, heller Sommertag an, und alles er- strahlte wie in einer neuen Welt. Alle Passagiere standen am Reling und sahen sich um. Die breite Bucht lief mit lichten leichten Wellen dem freundlichen Strande zu. Die Laubhalden erfüllten die Lust mit frischem kühlen Dust». Höher oben erblickte man Schneegipfel, die am strahlenden Himmel erglänzten. Wasserfälle strömten aus Klüften und nahmen halbe Felsen in einem Satze. Und im Talgrund« lagen reiche Ortschaften zwischen Fichten- und Laubwald. Dann tauchte die kleine Stadt auf. Eine Menge von Ville» in einem Garten. In dieser Lust, In diesem schönen Sommer wus, e Regina frischen Mutes werden I Bei Tagesanbruch saß Regina im Kariol und fuhr schaukelnd zu dem Landmann, der den Brief gesandt hatte. Engländer trabten auf allen Straßen in Kniehosen, mit Angelruten auf den Schultern und Zigarrenstummeln im Munde. Hier war großer Reiseverkehr mittels aller möglichen Fahrgelegenheiten, die Wege dampften unter Pferdehufen und Rädern. Der Postillon kannte den betreffenden Mann. Und nach einer Stunde Fahrt bogen sie nach einem großen Bauernhofe ab, in dem das weißgestrichene Haus, der große rote Vieh- stall und der prächtige Garten Wohlstand verrieten. Der Landwirt stand in Hemdsärmeln im Hostaum, als Regina ein- fuhr. Ein wahrer Riese mit großem Vollbart und einer ganz kleinen Schirmmütze auf dem Schöpfe einer dicken dunklen Haarmähne. Er hatte die Hände in den Taschen und einen Zigarrenstummel im Munde. Zuerst blickte er etwas verächtlich auf den kleinen Postfalben, der sofort in dem grasbewachsenen Hostaum zu ftessen begann. Endlich trat er heran, lüftete die Mütze vor Regina, die ausgestiegen war. „Sind Fremde draußen?" sagte er und nahm den Stummel aus dem Munde. Als er hörte, wer sie sei, setzte er schnell eine wichtige Miene auf und steckte den Stummel wieder in den Mund. Tann wurde Regina in ein großes Zimmer geführt, indem eine Menge von Fliegen summten. Sie mußte sich aufs Sofa setzen, eine Frau brachte Milch und ein Glas— und dann begann der Großbauer, sich räuspernd, hin- und herzugehen. Regina trank ein Glas der warmen Milch und begann ihn erwartungsvoll anzublicken. Er rannte auf und ab und begann auf den neuen Hardesvogt loszuschimpfen. Kannte sie ihn? Ja. Jedenfalls mußte er aus dem südlichen Nor- wegen stammen. Aber er glaubte Ivohl, er könne mit selb- ständigen Bauern nach Belieben Verfahren, he, hei Und der Großbauer trocknete sich den Mund und blickte sie lauernd an. Regina zwang sich verständnisvoll zu nicken. „Ja so," sagte sie,„also so einer ist er?" Der Großbauer bedurste keiner größeren Aufmunterung, um sich über den Hardesvogt zu verbreiten, über all seine Vergehen gegen selbständige Bauern. Regina erschien die Zeit endlos, und sie hörte nur obenhin, daß er jetzt be- absichtige über die Großnase etwas in die Zeitungen zu bringen. Regina unterbrach ihn schließlich:„Meinten Sie ihn vielleicht in Ihrem Briese?" Der Mann blickte sie mit listigen Augen an. während er sich abmühte, seinen Stummel wieder anzuzünden. „Ich habe nicht gesagt," sprach er,„daß er es ist. Aber Sie können ja versuchen, mich auszuhören, he he." Und jetzt setzte er sich neben sie auf's Sofa, während sein Stummel dampfte, und dann fuhr er mit der dunkeln, behaarten Hand, an der der eine Finger steif und gespreizt war in der Lust herum. „Hören Sie nur zu Ende he, he! Aber ich habe es nicht gesagt." Ich weiß nichts." „Hat er einen Knaben, und hat er ihn aus der Entbindungsanstalt?" „Das habe ich nicht gesagt I" Und er lachte-- fest überzeugt, daß er nicht zu denen gehöre, die sich verschwatzen. Eigentlich konnte man ihn über nichts weiteres fragen. Als Regina wieder im Kariol saß, folgte er ihr, fuhr wieder mit der Hand mit dem steifen Finger in der Luft herum, während die andere Hand den Zigarrenstummel hielt: „Und wenn Sie ihn auf gerichtlichem Wege fassen können, so treiben Sie ihn tüchtig in die Enge, ordentlich in die Enge!" Und er lachte und nickte ihr nach, lüftete dann die kleine Mütze zum Abschied. Regina>var übel zu Mute. Welchen Dingen reiste sie eigentlich nach? Alles in allem hatte die Frau in Christians- fand nur ihrem Bruder zu Leibe gehen und gleichzeitig Geld verdienen»vollen. Und dieser hier erdichtete vielleicht die ganze Geschichte, um dem Hardesvogt einen Schabernack an- zutun. Sollte Sie sich dorthin bemühen? O ja, sie mußte wohl, es gab keinen andern Ausweg. Der kleine Falbe schlenderte ruhig weiter, der Weg lief längs eines kleinen schäumenden Baches, der häufig durch dichte Laubhecken verborgen wurde. Die Sonne begann zu sinken, die trockene warme Fichtenlust wurde durch kühle Dust- strömungen der Vogelkirschen und des taubeschlagenen Grases abgelöst. Zur einen Seite lag die steile Berghalde, zur andern wogte die hügelige Landschaft mit kleinen Waldungen und Höfen, die der entgegengesetzten Berghalde zu lagen. Der Weg lag schon im Schatten, aber die Mückenschwärme spielten in der Sonne wie Goldfliegen. Der Kuckuck rief, die Schwalben schössen hin und her. Die grünen Wiesen wallten aus dein Talgrunde immer höher hinauf und stiegen schließlich so hoch, daß sie sich in der sinkenden Sonne röteten. Als sie beim Hardesvogt klingelte, bebte sie voller Unruhe. Sie mußte hineingehen und doch zitterte sie vor dem Augen- blicke, da sie wieder enttäuscht werden würde. Sie durfte nicht ftoh sein, wagte kaum zu hoffen. Eine ältere blaffe Dame mit weißer Haube auf dem Haare öffnete. Regina machte ein möglichst unbefangenes Gesicht und frug, ob die Dame ihr einen Bauernhof in der Nähe nennen könne, wo man Sommergäste aufnehme. Die Frau erschien etwas verwundert, bat sie jedoch ein- zusteten. Regina wurde in ein großes helles Gartenzimmer geführt, mit offenen Türen nach dem Tale und dem Gebirge. Regina nannte ihren Namen und nachdem sie sich beide gesetzt hatten, erwähnte die andere mehrere Höfe, wo man Gäste auf- zunehmen Pflege. Regina versuchte mit ihr darüber zu sprechen, dachte jedoch immerfort:„Was soll ich tun— bald muß ich gehen und was dann?" Die alte Frau war freundlich und hatte ein gutes gewinnendes Gesicht. Die Sttmme war so sanft und rein. Regina begann sich zu schämen, daß sie ihr diese Komödie vorspielte, und hatte Lust, sich ihr an den Hals zu werfen und alles zu erzählen. Da wurde sie daran ver- hindert, denn die Frau sagte, während sie sich die Augen strich:„Sie müssen entschuldigen, daß ich ettvas ermüdet bin." Das hieß einfach:„jetzt können Sie gehen." Regina stand unsicher auf. Da fügte die andere mit schwermüttgem Lächeln hinzu:„Wir haben nämlich in der letzten Zeit die Nächte durchwacht." „So!" rief Regina aus, fast atemlos. 4, Die Frau seufzte:„Ja, wir hatten ein kleines Kind und letzte Nacht starb es. Die Sommercholerine ist ein schlimmer Gast." Und die Frau zog ihr Taschentuch aus einem seidenen Beutel und trocknete sich die Augen, während sie wehmüttg lächelte. Regina zwang sich aus alter Uebung zur Ruhe und ftug in diskretem Tone:„War es vielleicht ein Enkelkind?" „Nein, das war es nicht." Regina streckte die Hand aus:„Besten Dank für die gute Auskunst. Hätte ich es gewußt, so hätte ich Sie selbst- verständlich nicht belästigt." Und indem sie anscheinend sich zum Gehen bereitete, wandte sie sich Plötzlich um und sagte: „Ja, ich habe selbst ein Kind an Sommercholerine verloren. Wie alt war Ihr Kind?" „O, nur ein paar Jahre." (Schluß folgt.) (Nachdruck verlöten.) Oer Sieger. Skizze von Alfred Semcrau. Es war das letzte Haus im Torf. Dort, wo daS schmale, von schtvankcm Gras und dünnem, magerm Schilf eingefaßte Fließ eine Biegung, beinahe einen Bogen machte, spiegelte es sich an klaren Tagen im Wasser— ein Bild des langsamen, aber stetig weiter- schreitenden Verfalls, der unaufhaltsamen Zerstörung. Das niedrige Dach, wie bei den meisten Häusern im Torf, mit Rohr und Schilf belegt; grüne Mooskolonien hatten sich auf ihm angesiedelt. Ehemals hatte ein Storchenpaar oben auf dem Dache seine luftige Wohnung gehabt, und daS ganze Torf hatte damals gemeint, nun könne es den Bitzkers nicht fehlen: aber die Störche kümmetten sich nicht im mindesten um sie. und unter dem, Dach schrie kein Erbe die Wände an. Vielleicht wärx. wcnn er gekommen wäre, alles anders geworden. Nun erinnerte nichts mehr an die vereitelten Hoffnungen wie das leere Storchnest, das so gut gebaut war, daß es noch kein Hcrbststurm hatte hcrabfcgcn können, und das die beiden alten Leute immer von neuem daran mahnte, daß all ihre Arbeit acht eignem Fleisch und Blut zugute komme. Wie es vor fünfzig Jahren gebaut worden war. stand jetzt noch daS Haus. Nur das allernotwendigste war geschehen, um es instand zu halten, und es war em Wunder, daß die Mauern sich noch auf« recht hielten. Der aus roten Ziegeln gebaute Backofen hatte sich poch am besten gehalten, weil er aus dem dauerhafttjtm Ewsf hergerichtet tvÄr. aber die Wände bon den Ställen, die einst in leuchtendem Weiß geprangt hatten, lvaren vom Regen und Schnee, Wetter und Wind mitgenommen, abgebröckelt und schmutzig grau; durch den Schuppen, in dem allerlei Gerat stand, pfiff der Wind und kenn der Regen, obwohl der alte Bitzker geteerte Pappe am Dache und an den Wänden festgenagelt hatte, und die Scheunen waren so baufällig, daß selbst die Bäuerin jedes Jahr den Plan faßte, sie gründlich auszubessern, ein Plan, der allerdings nie zur Ausführung kam. Sie sah eben jedes Jahr von neuem, daß es auch so ging, und der Bauer behielt recht, wenn er sagte:»ES kostet nur Geld und ist unnütz!" Man nannte sie weit und breit die reichen Bitzker und erzählte sich allerlei Geschichten von ihren Schätzen. Jedes Jahr, hieß es, wenn die Blätter fielen, verschlossen Mann und Weib alle Türen im Hause und zählten die Taler, die Vieh, Ernte und Pacht ihnen gebracht. Je hundert kamen in einen Lederbcutel, und alle Leder- beute! wurden versteckt— niemand wußte wo. Unter den Dielen, meinte man, in der Erde— im Stall, in den Scheunen— jeder nannte einen anderen Bersteck. Für wen sparten sie nur? Im Dorfe hatten sie eine Ver- wandte, eine Base, die aus Tagelohn ging, ein mageres Weib mit starten, beinahe männlichen Zügen, die im seltsamsten Gegensatz zu ihrem unterwürfigen Wesen standen. Die Koal half den Bitzker so gut wie anderen Leuten bei der Feldarbeit und dem Grasschnitt, aber ihre reichen Verwandten bezahlten ihr weniger als die anderen, vielleicht weil sie sich infolge der Jamilicnzugchörigkeit dazu be- rcchtigt glaubten, und die Koal keine höheren Forderungen stellte, weil sie auf ein Erbschaststcil spekulierte: Mal mußten doch die beiden Alten sterben! Die reichen Bitzker lebten wie die ärmsten Leute und taten, als würden sie aus Rot nicht den nächsten Tag erleben; nur an den drei großen Feiertagen gönnten sie sich ein Stückchen Fleisch, und mit einem Pfund Kaffee reichten sie ein Vierteljahr, dreimal wurde jedes Lot gebrüht. Kam der alte Bitzker vom Acker, so brachte er regelmäßig etwas mit, ein Stück Holz, ein altes zerbeultes Eisen, eine Hacke, an der die Zähne fehlten, und alles wurde von ihm sorgfältig, als seien es Kleinode, im Schuppen untergebracht, wo rS vermoderte und vom Rost zerfressen wurde. Jedes Bindfädchcn wurde von dem Bauern gesammelt und jeder Nagel, als könne er auf diese Weise wenigstens einen Teil von dem einsparen, was ihm jedes Jahr die Reise nach Kottbus kostete, die er im Interesse guter Geschäfte machen mußte und von der er die teueren Pulver für die Bäuerin heimbrachte, die ihr gegen das Asthma verschrieben waren. Diese Pulver wurden in siedendes Wasser geschüttet, den Dampf mußte die Bäuerin einatmen, und bei jedem Mal dachte der Alte unter einem tiefen Seufzer:«Jetzt sind wieder drei Groschen hin!" Und wenn die fünfzehn Pulver alle waren, und die Bäuerin nach wie vor unter ihrem Asthma litt, sagte er:„Alles Flunkerei l Hätten das Geld lieber zu dem übrigen legen sollen. Stöhnst so wie so!" Jahrelang war es mit den baufälligen Scheunen so gegangen, da bedurfte doch die eine Torhälfte entschieden einer Aufbesserung. Nachdem der Alte erst selbst einige Tage sein Heil versucht und um- sonst Zeit und Mühe verschwendet hatte, machte er sich schweren Herzens zum Tischler Graßmuck auf den Weg, fest entschlossen, erst ganz genau nach dem Preis zu fragen und dann ein gut Teil herabzuhandeln. Er hatte aber kein Glück, Graßmuck war. wie Bitzker merkte, übler Laune, und da er wußte, der Bauer käme erst zu ihm, wenn er selbst nichts ausrichten könne, ließ er nicht mit sich scilschen, und Bitzker mußte ihm alles bewilligen und noch froh fein, wenn er überhaupt kam. Als der Bauer die Werkstatt verlassen wollte, stutzte er. Er sah einen Sarg in der Ecke der Tischlerei, und da ein solcher Anblick bei Graßmuck nicht zu den alltäglichen gehörte, und Bitzker von keinem Todesfall erfahren hatte, sah er fragend zu dem Tischler hin. Der zuckte ärgerlich die Achseln, sagte aber kein Wort, bis Bitzker dringlicher wurde. Und nun erfuhr der Bauer, daß der Sarg an Graßmucks übler Laune schuld war. Lcttkas ältester Sohn lag todkrank, und der Arzt hatte keine Hoffmmg mehr gegeben. Und um nicht erst zu dem teueren Stadttischler gehen zu müssen, hatten sie bei Graßmuck zeitig einen Sarg bestellt, damit er nur zur rechten Stunde fertig würde. Wider Erwarten, wie dem Tischler zum Possen, hatte sich Lcltkoö Acltester wieder erholt, und nun hatte Graßmuck den Sarg ans dem Halse, denn Lcttkas brauchten ihn nicht und wollten ihn auf keinen Fall. «Da seht mal, Bitzker. welch gute Arbeit I So solide, da kann diu Graf drin schlafen. Festes Holzl Fimfzöllige Bretter I Und all die Arbeit umsonst!" Graßmuck gab erbittert dem Sarg einen Fußtritt, daß es dumpf polterte:«Aber ich verklage sie, und der Kasten soll sie teuer zu stehen kommen I" Ter Tischler hob drohend die Faust. «Gericht, Gericht!" Ter Bauer schüttelte den Kopf:»Da gibts Nur Koste». Vielleicht werdet Ihr ihn anderweit lost" „Wie kann ich denn das?" brummte Graßmuck.„Er ist doch nach Maß gemacht!" Nun wußte Bitzker auch nicht mehr, was er dem Tischler zum Trost sagen könnte. Endlich fiel ihm etwas ein:„Vielleicht stirbt einer, der so groß und breit ist wie der Lettla-Wilhelml" „Vielleicht— vielleicht!" Der Tisc�cr blickte den Bauern höhnisch an.„Vielleicht fällt extra einer vom Himmel, der rein- paßt. Kaust Ihr ihn doch, dann bin ich ihn gleich los!" .Ich?' Ditzk-r mußte sich mühsam fassen.„Wie kommt JB» darauf? Wozu sollte ich ihn brauchen?" „Denkt Ihr etwa ewig zu leben, und die Bäuerin wird doch auch mal sterben. Da habt Ihr weiter keine Umstände mit dem Sargl" lachte Graßmuck. Auf dem Heimtvege dachte der Bauer wider Willen an die Worte des Tischlers. Ter Sarg war wirklich solide und fest, man brauchte sich seiner nicht zu schämen— fünfzöllige Bretter— stärkere be» kam man in der Stadt auch nicht. Und dann, was den Ausschlag gab, der Sarg würde billig sein. Graßmuck mußte froh sein, wem» er ihn überhaupt los wurde. Da könnt- man wirklich ein gutes Gc. schüft machen. Und paffen würde der Sarg schon. Rur schlau an» saugen mutzte mau es, um den Sarg wohlfeil zu bekommen. Als am nächsten Tag Graßmuck wegen des schadhasten Tor» slügels kam, begann Bitzker nach mancherlei Umschweif auf das zu kommen, was ihn belvcgte. Er drückte sich aber so dunkel aus, daß der Tischler ihn nicht verstand. Endlich entschloß er sich, gerade auf das Ziel loszugehen.„Wieviel wollt Ihr denn für den Sarg haben, Graßmuck?" fragte er nach einigen überleitenden Worten. Ter Tischler sah überrascht von seiner Arbeit auf:„Wollt Ihr ihn denn kaufen, Bitzker?" „Vielleicht, wenn Ihr nicht zv teuer seid— zehn Mark Ivürde ich geben!" »Ihr seid wohl verrückt, Bitzker? Die Bretter kosten schon mehr, und für die Arbeit soll ich nichts haben?" Graßmuck hobelte an dem Brett weiter, das er in den Torflügel einsetzen mutzte. Nach einer Weile fragte der Bauer:„Nun, wieviel wollt Ihr denn haben?" Der Tischler überlegte, ohne in seiner Arbeit innezuhalten; dann sagte er:„Dreißig Mark— weil Ihr es seidl" Bitzker fuhr wie von einem Schlage getroffen zurück und ging ins Haus, ohne ein Wort zu sagen. Als Graßmuck sich sein Geld holte, sagte er mit kräftigem Kopfschüttekn:„Dreißig Mark— nick Fünfzehn würde ich geben." Er sah den Tischler fragend an. Der schnitt nur eine Grimasse und antwortete nicht. Als er gegangen war, ärgerte sich der Bauer: fünfzehn Mark waren auch zu wenig. Zwanzig Mark konnte er gut geben. Da machte er noch immer sein Geschäft. Wenn nun einer starb, dem der Sarg paßte, oder Venn nun einer wie er ihn für die Zukunft kaufen wolltet Nein, ihm durfte niemand zuvorkommen. Bitzker ging zu Graßmuck und machte ihm sein neues Angebot. Der Tischler zeigte keine Lust, darauf einzugehen, er wollte seine runden dreißig Mark. Der Bauer stuchte innerlich über diesen habsüchtigen Kerl, aber mehr zu bieten, konnte er sich nicht entschließen. Der Gedanke an den Sarg verließ ihn aber nicht. Wenn er hörte, daß jemand im Dorfe schwer erkrankt war, zitterte er förmlich: Nun kommt dem der Sarg zugute, dachte er ingrimmig. Und als der alte Mylau gestorben war, trieb es ihn zu Graßmuck hin, er mußte sich überzeugen, ob er nicht etwa den Sarg verkauft hätte. Er atmete auf, als er ihn nach wie vor in der Ecke sah. Eines Tages erschien der Tischler bei Bitzker, er brauche Geld und wollte den Sarg für fünfundzioanzig Mark verkaufen. Jetzt weigerte sich der Bauer: Mehr wie zwanzig gäbe er nicht. Graßmuck schlug auf den Tisch, daß Bitzker zusammenfuhr, und fluchte, daß der Bauer ihn ausraube— aber er willigte ein, er mußte nachgeben. Wie eine kostbare Beute schleppte Bitzker den Sarg nach Hause, sein faltiges Gesicht leuchtete ordentlich vor Wonne, und die Runzeln verschwanden beinahe vor lauter Freude. Als die Bäuerin ihn kommen sah, ließ sie die Eimer voll Waffer, die sie nach dem Stall schleppen wollte, fallen, daß eine große Lache entstand. Ter Bauer mußte verrückt geworden sein, anders war es nicht möglich. Schnaufend und stöhnend entlud sich Bitzker seiner Last und indes er sich die Schlvcißtropsen von der Stirn wischte, erzählte er von dem guten Geschäft. Die Bäuerin fand keine Worte, sie vermied es ängst- lich, den>sarg anzusehen. Ter Bauer sagte, da er sah, daß er nicht das erhoffte Verständnis für den glänzenden Kauf fand:„Er wird einst mir oder Dir dienen, wir sparen manchen Taler später— und vorläufig kann man ihn als Kasten benutzen. Er macht sich schon bezahlt." Mit der Zeit gewöhnte sich die Bäuerin an den sonderbaren Anblick. Der Sarg fand seine Unterkunft in einer Kommer neben der Küche und wurde nach Kräften ausgenützt; man packte Kartoffeln, Zwiebeln, Mccrrettig und Gurken in ihn hinein. Es war wirtlich nur eine Kiste mehr im Hause. Doch eines unbehaglichen Gefühls wurde die Bäuerin nicht ledig, lvenn sie den schwarzen Teckel zurück» klappte, um eine Handvoll Zlviebeln herauszuholen. Ihr war immer, als sei der Tod im Hause und lauere nur auf die günstige Gelegenheit, sein Opfer zu packen. Ihr Widerwille gegen den Sarg wuchs immer mehr, am liebsten hätte sie ihn zerhackt und ins Feuer geworfen, und der Bauer mußte schließlich, was im Sarg steckte, selbst holen. Allmählich begann sich der Widerwille der Bauerin auch ihm mitzuteilen, und eines Tages schleppte er ihn, um ihn nicht stets vor Augen zu haben, nachdem er ihn seines Inhalts entledigt, auf den Boden, wo er mit Mcerrcttig gefüllt wurde, den man nicht hatte absetzen tonnen. Anfang September begann ganz unvermutet starker Regen zu fallen bei grauem Himmel und kaltem Wind, wie wenn schon der Winter begönne. Und der Bauer fuhr eilig auf seinem größte» Kahn bis Leipe, wo noch ein Heuschober stand, der noch, ehe er durch» näßt war und der Fäulnis preisgegeben, unter Dach gebracht werde» mußte. Der Bauer verlud ihn, brachte ihn noch halbtrocken heim, timßte sich dann aber legen. Ein starkes Fieber schüttelte ihn und warf ihn aufs Bett. Die Bäuerin versuchte alle Hausmittel, nichts ihalf. Sie wollte die Koal in die Stadt zum Arzt schicken, da raffte sich der Kranke auf zu kräftigem Widerspruch. Wenn's schon ge- starben sein mutzte, konnte man den teuren Arzt sparen. Gut, daß man schon den Sarg hatte! Dieser Gedanke gewährte dem Kranken einige Erleichterung. Aber sonderbar, datz er, der fünf Jahre jünger wie die Bäuerin war, zuerst sterben mutzte. Dagegen empörte er sich und mit zäher Gewalt klammerte er sich an das Leben. Er wollte nicht sterben, die Reihe war nicht an ihm. Die Bäuerin aber stieg am zweiten Tage der Krankheit hinaus zum Boden und nahm den Mcerrettig aus dem Sarg. Man brauchte ihn jetzt und sie lietz den Deckel am Boden, damit der Sarg auslüfte. Ihre Mühe war aber umsonst. Dank oder trotz der mannig- fachen Hausmittel starb Bitzker nicht, seine starke Natur half ihm, nach acht Tagen stand er auf. Als er auf dem Boden den leeren Sarg sah, lächelte er höhnisch und packte den Meerrettig wieder hinein: er lebte noch und wollte noch lange leben. Er erholte sich schnell und konnte wie alljährlich seine Reise nach Kottbus machen. Die Pulver, die er heimbrachte, halfen noch weniger der Bäuerin als sonst. Man konnte ihren Husten schon hören, wenn man vor der Tür war, die Atemnot nahm zu, und sie glaubte oft, ersticken zu müssen. Jetzt bereute sie es, datz sie, als die Wasser die Wiesen zu überschwemmen begannen, durch das feuchte Grün gestapft war und sich nicht in acht genommen hatte. Die Reuo kam aber zu spät. Eine Lungen- entzündüng raffte sie in wenigen Tagen dahin. Die Koal kam und wusch die Bäuerin, kleidete sie an und wollte sie in den Sarg legen. Das ging aber nicht an. Die Bäuerin war etwas zu breit. Die Koal meldete es Bitzker. Der fuhr sie zornig an:„Patzt nicht, patzt nicht! Ich Hab' das Geld doch nicht ge- stöhlen, dumme Gans!" Er kam selbst, rührte und rückte die Bäuerin.„Verzeih'!" brummte er,„aber es mutz sein," und nun drückte er sie mit sanfter Gewalt hinein. Es ging nicht gut, aber es ging doch. Er faltete ihr die Hände über der Brust und legte ihr den Kopf zurecht.-- Am zweiten Tage setzte sich der Leichenzug in Bewegung, das halbe Dorf nahm teil an ihm. Im ersten Kahn lag der Sarg, und langsam fuhr er dahin, Flietz auf, Flietz ab zum Kirchhof nach der Stadt; im zweiten satz die Koal, der alte Bitzker ruderte, er war im Feiertagsstaat. Aufrecht stand er, nur wenn er das Ruder ins Wasser stieß, neigte er sich ein wenig vor. Seine grauen Augen blickten ernst, aber um seine schmalen, zusammengepretzten Lippen schien ein leises Lächeln zu zucken— wie es für ihn selbstverständlich gewesen war und wie es nach gesundem Menschenverstand hätte ge- fchehen müssen: er war Sieger geblieben.— kleines Feuilleton. de. Pomadig.—„Wenn so wat in meine Familie vorkommen tät, wäre ick gleich Feier und Flamme," sagte Kohlenhändler Schwarz im Laufe einer Unterhaltung.„Det kommt davon, bat Du mit Kohlen und frischen Kien handelst, Willem. Ick latz mir davon nicht ufregen, dazu bin ick ville zu pomadig," erwiderte Schuster Pech. „Det wird schonst alles wieder ms Lot kommen." Was Schuster Pech meint, weitz jeder. Er will sagen, datz viel dazu gehört, ihn aus seiner Ruhe und Gemütlichkeit herauszubringen, daß er den Borkommnissen, derentwegen andere in Aufruhr geraten, gleichgültig gegenübersteht. Alles ganz schön und gut. Was hat das aber mit der Masse zu tun, womit der Verschönerungsrat die widrigsten Borsten in eine herzbezwingende Prachttolle verwandeln kann V Kommt es vielleicht daher, datz die meisten Pomadenhengste im Grunde ihrer Seele wahre Jammerlappen sind und jedem dreisten energischen Widerstande feige aus dem Wege gehen? Keineswegs. Pomade bleibt Pomade, stammt ursprünglich vom italienischen pomata, und heißt so, weil einer ihrer Hauptbestandteile von dem Apisapsel(pomo) genommen ward. Da wir also an dem romanischen xommade keinen Anhalt finden, müssen wir uns schon bequemen, uns zu unseren östlichen Nachbarn, den Slaven, auf den Weg zu machen. Und in der Tat finden wir hier die richtige Auskunft. Im Russischen bedeutet malui klein, gering, die sächliche Form von diesem Wort heißt male, wenig. Die Redensart rnalo-po-rnalo, die im Polmschen und Czechischen ähnlich lautet, bedeutet so viel wie das französische peu k peu,' da« plattdeutsche lütt bi lütt, das hochdeutsche nach und nach. Im Bairisch« Oestcrreichischen trifft man auch die richttgeren Formen pomale, pomali an, aus denen sich dann die Form pomalig entwickelte und weiterhin, weil das Vorstellungsvermögen hieran bald keinen Anhalt mehr fand, pomadig gemacht wurde. Wohin übrigens das Boll in seinem Streben nach Anlehnung an bekannte Wörte geraten kann, sieht man daran, daß bei dem Worte pomale nicht nur die Pomade hat herhalten müssen, sondern daß der Sachse dabei sogar an Bohmöl sBaumöl) gedacht hat, indem hei ihm mancher bohmölig zu Werke geht.— � Ueber Schallgefäße in dänischen Kirchen hielt Dr. phil. M a ck e p r a n g in der archäologischen Gesellschaft in Kopenhagen vor kurzem einen Vorttag. In der Strandby-Kirche bei Lögstör in Jütland fand man vorigen Sommer während der am Dache vor- genommenen Arbeiten eine Reihe großer, in der Mauer angebrachter irdener Töpfe. Die Sitte, in den Kirchen solche Schallgefätze an- zubringen, war ja außerhalb Dänemarks allgemein verbreitet. In Dänemark hat Dr. Mackeprang, der über diesen Gegenstand sorg- fälttge Untersuchungen angestellt hat, nur in neun alten Kirchen solche Gefäße gefunden. Dieselben sind zwar auf verschiedene Weise, jedoch immer im Chore, entweder in der Mauer oder der Wölbung desselben angebracht und wenden immer die Mündung gegen die Kirche. Gewöhnlich sind sie offen, nur einzelne Stellen mit einem hölzernen Deckel, mtt oder ohne Löcher, versehen. In der Regel sind sie leer, nur in einen, der in der Strandby-Kirche gefundenen Gefäße entdeckte man ein Stück eines Schafschädels, der wahrscheinlich von einem Vogel dort hingeschleppt worden war. In mehreren der Gefäße in der Frauenkirche in Svendborg auf Fünen wurde Asche gefunden. Am besten sind die Töpfe in der Odumkirche zwischen Aarhus und Randers in Jütland bewahrt. Sie sind dort, wie überall, nur im Chore angebracht und gleichzeittg mit der Aufführung der Mauer eingesetzt. Dieser Punkt ist von Wichtigkeit. Di« neun Kirchen, in welchen man die Schall- gefätze findet, rühren nämlich alle von der romanischen Zeit her, woraus hervorgeht, daß die Sitte schon sehr früh in den südlichen Ländern, aus welchen nian in Dänemark die Kirchenbaukunst erhielt, verbreitet war. Bisher hat man in Deutschland nur wenige solcher Fälle gekannt(Burgfelden in Württemberg und eine kleine Kirche in Bayern), und man hat daher gemeint, daß die Sitte erst anläßlich der durch die Gottk hervor- gerufenen Bauveränderungen eingeführt worden sei. Uebrigens findet man Schallgefäße auch in vielen anderen Ländern Europas, doch sind sie auf andere Weise als in Dänemark angebracht. Mit den ältesten Kirchen(besonders derjenigen von Burgfelden) ist die Aehnlich- keit am größten. Betteffend den Zweck dieser Gefätze hat man verschiedene Er- kläruugen gegeben. Der Umstand, datz sie nur im Chore an- gebracht sind, scheint die Möglichkeit, datz sie der Orna- mentik der Kirchen gedient haben oder, wie viele annehmen, die Feuchtigkeit von den Gemälden ableiten sollten, völlig auszu- schließen. Um Reliquien darin zu verwahren, sind sie auch nicht geeignet, und die wahrscheinlichste Erklärung dürste daher sein, daß diese Gefätze dazu bestimmt waren, den Gesang zu verbessern und den Laut zu verstärken. Natürlich ist eine solche Annahme ganz irrtümlich, indem nur einzelne Töne dadurch gestärkt werden, wo- durch der Gesang im Gegenteil nur verschlechtert wird. Daß man jedoch mit den Schallgefätze» eine solche Meinung verbunden hat, ist eine historische Tatsache und geht aus einem vom Direktor eines Klosters in Metz im Jahre 1432 ausgestellten Befehl hervor, in welchem ausdrücklich angeordnet wird, irdene Töpfe für den ge- nannten Zweck in die Mauer einzulassen. Die Klosterchronik fügte jedoch später hinzu, diese Veranstaltung habe ihren Zweck nicht erfüllt und nur Gelächter hervorgerufen.—(„Globus.") Medizinisches. Irr. Wasserbehandlung bei Bleichsucht. Wasser- anwendungen sind bei Bleichsucht schon lange im Gebrauch, vor allem die Stahlbäder, bei welchen aber neben dem Eisen der Kohlen- säuregehalt wirksam ist. Bäder sind überhaupt bei der Bleichsucht von Nutzen, seien es nun einfache Bäder oder Salzbäder. Auch systematische Kaltwasserkuren sind vielfach mit Erfolg bei Blutarmut gebraucht wotben. Neuerdings werden Dampfbäder mit nachfolgenden kalten Abwaschungen vielfach angewendet. Die Wirkung der Wasser- anwendungen bei Bleichsucht ist so zu erklären, datz die An- rcgung der Haut auf die Blutbildung von Einfluß ist. Im Sanatorium Beelitz hat man jüngst vergleichende Versuche angestellt, welche Heilwirkungen kräftiger sind, diejenigen der Wasser- Prozedur oder die alte Methode der Eisenbehandlung der Bleichsucht, indem man eine Anzahl Patienten mit Dampfbädern, eine andere mit Eisen behandelte und hierauf die Blutbcschaffcnheit untersuchte. Es ergab sich, daß beide Methoden zum Ziele führen. Die Bäder vermehrten die Zahl der roten Blutkörperchen rafcher, dagegen hebt das Eisen mehr das Körpergewicht. Die Kopfschmerzen, die Schwäche und das Herzklopfen verloren sich rascher unter der Bäder- behandlung.— Humoristisches. — Scheinbarer Widerspruch.„Ich sag' Dir, Emma, so eine Vernunftheirat ist immer das B e st e— folg' mir, sei gescheit!" „O nein, Mutter— s o d u m m bin ich nicht!"— — Selbsttäuschung. Du glaubst nicht, Mama, wie un- musikalisch unsere heutigen Gäste sind I Ich Hab' eben etwas gespielt aus dem„Lohengrin"— und niemand hat's erkannt!— — Unterschied. Drogist(dem Lehrling die Vorräte zeigend):„Wir haben hier also vier Sorten Honig: im ersten Glase ist feinster Bienenhonig, im zweiten reiner Bienenhonig, im dritten Bienenhonig und im vierten— Honig!"— — Bevorzugung. Bauer:„Sie, könnt'n S' mir net an'n Advokat'n verrat'n?" D i e n st m a n n:„O ja— hier sind zwölf l... Was wollen Sie denn für einen?" Bauer:„No, den g r ö b e r' n halt I"— („Fliegende Blätter'.) Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. �— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LcCo..Berlin LVk.