Anterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 77. Dienstag, den 18. April. 1905 20} (Nachdruck verboten.) Sine pügerfabrt. Von I o h an B o j e r. (Schluß.) „Es War vielleicht ein armes Kind, das Sie angenommen hatten?" Regina dachte:„Im nächsten Augenblicke sinke ich zusammen." Aber die Frau antwortete:„Ja, wir erhielten es vor einigen Jahren aus der Entbindungsanstalt. Eine Wirt- wir so viel hielten, kam in die Haupt- ja, jetzt ist ja darüber nicht tveiter zu schafterin, auf die stadt und... nun sprechen." Regina verschluckte die letzten Worte, sie empfand sie als wohltuende Erleichterung.„Er ist nicht tot l" durchfuhr es sie. „Gottlob, er war es nicht!" Aber laut sagte sie:„Ja, nochmals vielen Dank, gnädige Frau. Ich werde wohl einen dieser Höfe aufsuchen. Adieu!" Die Frau begleitete sie hinaus. Am Abend saß Regina auf dem Balkon des Hotels und blickte in die lichte Landschaft hinaus. Im Speisesaal lärmte eine neue Reisegesellschaft, einige kamen herauf und setzten sich an kleine Tische und bekamen Kaffee serviert. Sie lachten und lärmten,.Plauderten in verschiedenen Sprachen, sie reisten, amüsierten sich, aßen, tranken, schliefen gut in der Nacht und trugen kein großes dumpfes Unglück ini Herzen. War die Geschichte von der Wirtschafterin erdichtet? Sollte sie glauben, daß ihr eigenes Kind... daß sie ganz vergebens... nein, sie ertrug es nicht. Erhielt sie einmal darüber Gewißheit, was dann? Dann»vürden ja ihre Füße gelähmt werden, sie hatte keine weitere Zuflucht— und die finsteren Mächte, die ihr auf den Fersen folgen— sie würden sie packen— ja, sie würden sie packen. „Nein, nein, mein kleiner Junge lebt. Es war ja das Kind der Wirtschafterin, die prächtige Frau hat nicht gelogen. Gottlob, dn kannst noch reisen, und du besitzest ja eine Million zum Reisen. Und wenn der Weg auch dornenvoll wird, so mußt du ihn aufnehmen. Hast du wohl etwas andres ver- dient? Ist es nicht gut, daß du etwas sühnen darfst?" Aber wohin sollte sie sich jetzt wenden? Hätte sie nur einen einzigen Vertrauten gehabt, den sie um Rat bitten konnte! Aber sie ging einher, allen Verbindungen entrückt, allein einer ganzen Welt gegenüber, jedem Gedanken, jedem Kummer ohne Tröster verfallen. Und so wurde sie vielleicht eine Beute ihrer eigenen Irrungen. Denn wie konnte sie klar denken, richtig überlegen und die besten Wege wählen, da sie kauni mehr einen Gedanken festzuhalten verniochte. Es wurde Mitternacht und noch saß sie hier, jetzt ganz allein. Die Stadt war still geworden. Das Brausen der Bäche und das Spiel der Wellen am Strande klang deutlicher. Die Nacht>var licht, wie am Tage. Die Sonnen- wölken am Himmel glühten noch. „O, Herr, mein Gott!" Aus Christiasand hatte sie telegraphiert, man möge ihr die Postsachen nach Moide schicken. Am nächsten Tage ging sie zur Post. Zu ihrer großen Ueberraschuug erhielt sie wieder zwei Briefe von den Zeitungen. XX. Die beiden Briefe führten sie nach Tröndelagcn und nach Nordland. Während sie nach dem ersten Orte fuhr, loderte neue Hoffnung auf, und sie fühlte sich glücklich, wieder hoffen zu können. Aber sie wurde enttäuscht, und es wirkte wie ein neuer betäubender Schlag. Der Brief aus Nordland klang wohl anr wahrscheinlichsten, und vielleicht steckte doch die Tante dahinter, jedenfalls war er ans derselben Fjordgegend. Und sie richtete sich wieder auf, faßte neue Hoffnung und zog nordwärts. Eines Tages saß sie dort in einem Bote und ließ sich zur Dampfschiffbrücke rudern. Sie wurde wieder enttäuscht. Hatte hier jedoch einen neuen Fingerzeig geivonnen, und so mußte sie nun auch dort hinreisen. Und jetzt begann für Regina ein seltsames Leben. Sie konnte sich nicht mehr ruhig niederlassen, sie war in eine Be- wegung geraten, die sie nicht einzuhalten vermochte, sie reiste unablässig, taumelte von jeder neuen Enttäuschung zu neuer Hoffnung, auf und ab, erhielt Schlag auf Schlag, richtete sich jedoch immer wieder auf, ruhelos und unaufhaltsam. Im Herbst saß sie in einem Kariol, das nach dem Gudbrandsthal fuhr. Der Laubwald stand mit gelben Blättern längs des Landweges. Der Bach floß geschwollen und lärmend im Talgrunde zwischen Wiesen und Höfen. Sie wollte einen Arzt mit einem Pflegekinde überraschen. Als der Schnee gekommen war, saß sie im Schlitten ein- gepackt und fuhr über die breiten Wege nach Toten. Die Schellen erklangen weithin durch die bereiften Wälder, und auf den weißen Schneefeldern lagen große rauchende Höfe. Sie wollte einen Kapitän unversehens überfallen. Jetzt war sie sich völlig klar, daß die Betreffenden das Kind ver- borgen hielten, und daß man wußte, wie sie herumsuchte. Man verbarg sich, und man verbarg ihr Kind, vielleicht führte man sie auch auf falsche Fährte, nur um sie zu verhöhnen. — Und sie begann jetzt in ohnmächtiger Wut herumzureisen, um diese Menschen zu finden, die ihr Leben mit so vielen Qualen erfüllt hatten, sie reiste mit geballten Händen, sie konnte nicht rasten. Um die Weihnachtszeit saß sie im Zuge nach Oesterdalen und blickte über die endlosen Fichtenwälder, die mit glitzerndem weißen Schnee beladen waren. Sie wollte einem Rechtsanwalt in Tönset ins Haus fallen. Und diese Frau, die ihr Geheimnis so verborgen und ihren Kummer so stolz und ohne eine schmerzliche Miene ge- tragen hatte, begann jetzt, sich einem Menschen nach dem andern auszuliefern, wenn sie glaubte, daß man ihr helfen könnte. Sie wandte sich immer wieder an einen neuen Rechts- anwalt und sie ließ das Geld nach rechts und links springen. So oft sie die Tüchtigkeit eines neuen Juristen rühmen hörte. eilte sie zu ihm. Alle wandten sich an die Entbindungsanstalt, wo man über diese Angelegenheit nichts in den Protokollen fand und wo der Professor der einzig Wissende gewesen. Und sie konnte ja selbst nicht einmal Auskunft über den Namen des Kindes geben, wußte nicht, wie die Pflegeeltern hießen, wo sie waren, ob in Norwegen oder anderwärts. Die Rechtsanwälte sagten, sie müsse warten, sie würden schon arbeiten, aber sie müsse abwarten I Das konnte sie ja gerade nicht länger. Sie inußte sich beeilen, ihr Kind zu er- langen, ehe es zu spät war. Wer wußte, wie lange sie noch zu leben hatte. „Nein," dachte sie schließlich.„Du mußt auf dich allein bauen. Und wenn du nur richtig auf der Lauer liegst, so wirst du es doch herausfinden." Eines Tages begann sie mühselig eine undeutliche Er- innerung aus der Anstalt auszuarbeiten. Wie war es doch? War sie nicht einmal erwacht und hatte mit dem Professor zusammen zwei Fremde gesehen? Sie standen freilich etwas entfernt, aber sie schienen sie anzublicken. Wie sahen sie aus? Die Frau? Der Mann?— Und sie zerbrach sich den Kopf, um sich zu erinnern. Hier fand sich natür- lich der Schlüssel, wenn sie sich richtig zn erinnern vermochte, und sie mühte sich krampfhaft, diese Szene recht lebendig heraufzubeschwören. Ja, wie sahen sie eigentlich aus? Dort stand der Professor, und dort standen die Beiden. Der Mann? Seine Nase, der Bart und der Anzug, sein Haar? Jetzt hatte sie ihn bald.— Am nächsten Tage war sie auch sicher, sich der Frau völlig zu erinnern. Jetzt standen sie ihr Beide vor Augen. Aber wo waren sie? Jetzt handelte es sich darum, sie zu treffen.— Und sie mußte sie treffen! Und wenn sie ihr Aussehen beschreiben konnte, so konnten ihr die anderen ja weit besseren Rat erteilen. Sie fiel Leuten in die Hände, die die Gelegenheit wahr- nahmen, sie auszupressen. Und sie ließ es willig geschehen, erkaufte gern für teueres Geld eine neue Hoffnung, selbst wenn sie gelinden Argwohn hegte. Sie konnte doch wieder reisen, wieder vor dem Schlimmen flüchten, das ihr auf den Fersen folgte. Eine Spur führte sie auf einen Ingenieur, der nach Süd- afrika ausgewandert, eine andere auf einen Postbeamten, der wegen Kassendefekts nach Amerika gereist war, eine dritte auf einen norwegischen Konsul in Australien. Sie trieb schließlich die Adressen auf, um sie in der Hinterhand zu haben, wenn alle Reisen im Heimatlande fehlschlugen. Und Wochen und Monate verstreichen. Jede neue Enttäuschung ritzte eine neue Furche in ihr Gesicht und strich eine neue Lichtung durch das einst so dunkle Haar. Im Hotel mußte jeder bei Tische diese schwarz- gekleidete Frau mit dem blassen Gesicht und den langen schönen Augenwimpern bemerken. Sie schien von unbestimm- barem Mter, sie konnte jung und sie konnte alt sein, es war unmöglich zu erkennen. Worauf ihr Auge fiel, was ihr Ohr erfaßte, sie setzte alles nur mit dem Einen in Verbindung, außerhalb dessen nichts auf der Welt für sie existierte. Ein zufälliges Gespräch in einem Eisenbahnwagen konnte ihr eine ausgezeichnete Idee geben, die auf eilte neue Spur führte, einen neuen Ausweg eröffnete. Wenn sie sich unter Menschen bewegte, suchte sie stierend mechanisch die Beiden zu finden, deren sie sich jetzt so deutlich erinnerte.' Und wenn sie sie fand, würde sie sich natürlich nicht genieren. Und je mehr Zeit verfloß, und je mehr sie zn ahnen be- gann, daß sie sich dem Abgrund nähere, wo sie Halt machen müsse, alles aufgeben und bekennen, daß sie einen unschuldigen Mann nutzlos gemordet habe,— um so heftiger und un- geduldiger wurde sie auf Reisen: die Postpferde liefen zu langsam, die Eisenbahnen waren ungeordnet, die Dampf- schiffe nwchten sie rasend, wenn sie füNfMinuten Verspätung hatten. Aber sie besaß ja noch ihren Reichtum und Zeit hatte sie auch noch genügend vor sich, es galt nur auszuharren, es galt nur auszuharren! Da kommt eines Tages ein Brief von einem der Rechtsanwälte, der sie auf einen Augenblick ganz verwirrt macht. Er berichtet, daß ihr Kind ganz bestimmt im Lebensalter von einigen Monaten gestorben sei, die Pflegeeltern seien eine HardcSvogtfamilie in Drammen. Aber der Mann fei auch gestorben und die Witwe sei nach dem Auslände verzogen. Der Rechtsanwalt war überzeugt, daß hier das Geheimnis läge, und jetzt wollte er versuchen, die Witwe zu finden. Aber nach Verlauf eines Tages fand Regina diesen Gc- danken, daß ihr Kind gestorben sei, allzu unmöglich. Nein, in allem mußte doch ein Sinn liegen. Diese Rechtsanwälte— man konnte nie auf sie bauen. Wer wußte, ob dieser nicht ini Einverständnis mit den wirklich Betreffenden war und sie auf Jrrtvege fiihren wollte? Nein, es sollte nicht glücken, siejetztnochzumAnfgeben zubringen, essollte ivahrlich nichtglücken. Und sie reiste wiederum, aber von jetzt ab öffnete sie nicht mehr die Briefe dieses Rechtsanwalts, sie wollte nicht wissen, ob er die Frau fand. Man konnte an nichts glauben, sie durfte nur auf sich bauen. Aber während Leiden und Beschlvcrdcn dieses Kind immer kostbarer machten, begannen gleichzeitig ihre Vorstellungen über dieses Kind sich anders zn gestalten, nahmen ihre Zuflucht zu märchenhaften Trärimen. Es stand vor ihr auf einem kleinen, sonnenbcschienenen Streifen Erde, in einem gelobten Lande, wohin sie einmal gelangen sollte, um fiir ewig auszuruhen. Es wurde schließlich zu einem»nbestiinnibarcn Paradiese, wo keine Sünden und keine Rene die Pforten überschreiten, und wo sie erlöst würde, sobald sie nur hingelangt fei. Man mußte nur ausharren, man mußte nur ausharren! Schließlich begann sie einzusehen, daß sie an den ver- schicdenen Orten, wo sie gewesen war, nicht die richtigen Fragen gestellt, den Leuten nicht hinreichend scharf in die Äugen geblickt habe, als sie antworteten. Sie konnte sich eine ganze Stacht hindurch grämen, daß sie nicht so gefragt habe— und so— und so. Schließlich begann sie wieder zu diesen Leuten zn reisen— und immer wieder zu anderen. Da benachrichtigt sie eines Tages der Advokat, der ihr Vermögen verwaltet, daß Flatens Schwestern Schritte getan hätten, daß das hintcrlafscne Vermögen zwischen ihr und dem Sohne geteilt werde, ehe die Mutter alles verschwende. Eine von Flatens Schwestern bat auch um die Erlaubnis, den Knaben bei sich erziehen zu dürfen. Regina ging auf alles ein, uni von dieser Seite in Frieden gelaffen zu werden. Aber sie empfand es doch als aufziehendes Ungewitter, diese erste selbständige Botschaft des kleinen Flaten, der un- aufhaltsam wuchs, unaufhaltsam näherte sich die Zeit, der Tag, da er kommen konnte. Und kommen würde er.— Eile tat also not, solange es Zeit war. XXI. Und die Zeit streicht hin. Regina liegt unter den fcuchtkaltcn Hotelbctttüchern und zittert Und blickt ins Dunkle. Sie ist nicht ivach, aber sie schläft auch nicht. Sie reist, aber das Schiff fährt viel zn langsam, sie reist ununterbrochen. aber der Zug hält an und bleibt stehen, es ist zu toll, aber er steht und weigert sich Ivciter zu fahren. Nein, dieses Mal ist es nicht die Eisenbahn, sie schreitet über einen Weg, sie läuft, aber die Füße sind zu schwer und versagen den Dienst. Sie ist auf einer Heide, dort ist es ganz dunkel, darüber wölbt sich gelbschimmernder Sturmhimmel, an dem große, schwarze Wolken in dampfendem Wirbel hinjagen. Sie ringt sich vorwärts gegen den kalten Wind. Hinter sich hört sie Fußtritte, und sie erkennt sie gut und beginnt zu lausen. Sie wagt sich nicht umzusehen, und doch sieht sie während der ganzen Zeit dieses fleischige Gesicht mit dem Knebclbart und den guten Augen. Er will ihr auch jetzt nichts Böses antun, er will ihr nur sagen, daß er ihr auch dieses vergibt... Dieses, sie tveiß tvohl schon.„Warte ein wenig, laufe nicht so schnell, meine liebe Gattin, Du hörst ja, ich will Dich nur umarmen und Dir sagen, daß ich alles vergebe. Freilich verstreust Du jetzt in alle Winde das Geld, das ich gesammelt habe, aber es macht nichts. Du hörst ja, ich sage, ich verzeihe Dir." Und sie läuft und läuft, um fortzukommen. Ihr folgt ein Vogelschwarm, jawohl, es sind ihre Erinnerungen— diese und— jene— und diese. Einige locken so milde, andere schreien so häßlich, und sie können niederschlagen, wenn sie nur stillestcht, nur stillesteht, sie darf es nicht. Und doch wollen die Füße nicht folgen, sie kleben fest, und sie kommt nicht Iveiter. Sie fahrt plötzlich im Bette auf nnd springt auf den Boden, zündet ein Licht auf dein Nachttisch an und bleibt dann auf dem Bettrande sitzen. ,,O, mir träumte gewiß etwas Schlimmes, und es ist erst ein Uhr. Regina, weshalb kehrst du nicht um, du mußt diesen Alp abschütteln." „Aber dann mußt du alles bereuen. Da mußt du dich ihn« auf Gnade oder Ungnade ergeben, ganz willig sein, das Teuerste opfern. Und dann? Dann hast du ja alles ver- gebens getan. Dann fängst dn»vieder von vorn an. Nein, das verniag ich nicht— ich muß zuerst den Knaben finde». Aber angenommen, Dn stirbst diese Nacht.— Und ihm wiederbegegnen— ihm— und aus seinem Munde hören, daß er Dir vergibt, daS wäre schlimmer als alles, ich vermag es nicht, ich will es nicht aushalten. Wenn man sicher wäre, daß es kein Jenseits gäbe? Wenn man verschwinden könnte— wie ein weißer Rauch? Aber niemand weiß es, niemand weiß es. Dieses Leben— es ist ein merkwürdig buntes Tuch. Ich lege selbst Schlinge auf Schlinge, der Faden länft in meiner Hand, aber ein einziger Fehlgriff kann nie nngefchehe» ge- macht werden, er zerstört nnerbittlich das kostbare Tuch... Wie groß ist wohl meine erste Schuld? Damals— hätte ich fünf Kronen mehr gehabt, so daß die Anstalt bezahlt werden konnte— so wäre jetzt vielleicht alles anders. Aber jetzt kann es nicht umgeändert werden— in Zeit und Eivigkeit kann es nie geändert werden. Hier liegst Du, und Gott sei gelobt, daß noch nicht alle Hoffnung geschwunden ist. Dil mußt nur noch etwas stand- halten. Vielleicht liegt morgen alles ganz anders. Und da— und dann? Alles wird vergessen sein, und ich will danken und preisen. Aber hier liegst Du nnd lässest die Zeit verstreichen, und falls er jetzt bei dem Pfarrer ist? Falls er krank ist nnd in dieser Nacht sterben kann?— Hier liegst Du, bist Tu ganz von Sinnen? lind sie springt auf, klingelt im Hotel und beginnt sich eilig anzuziehen. Sie muß wieder klingeln nnd endlich kommt das schläfrige Mädchen. Sofort Postwagen bestellen. Jawohl, es ist Nachtzeit, aber nehmt doppelte Bezahlung, der Wagen muß augenblicklich bereit sein. Und in der Nacht rollt ein Kariol lärnlcnd von bannen. ferienn>anäerungen der VolksrcbUler. Unsere Volksschule ist nicht imstande, ihre Nnfgaben zu erfüllen. Mangelhaste Organisation, mizeitgemätzo Methode und vielfach ganz unzulängliche Vorbildung der Lehrkräfte hindern sie daran. Der Schul- wagen— ein Bild von Pestalozzi— steckt tief iin Sumpfe. Die körperliche Erziehung der Jugend wird so gut wie völlig veniachlassia«, die geistige schreckt durch ihre Uufruchtbarkeit und Einseitigkeit, die sin- liche ist verfel>lt in ihren Mitteln und ihrer Tendenz. Um aber doch Erfolge aufweisen zu können, greift man zu den verschiedensten Hülfen und Hülfsmitteln. Wenig wählerisch oft und meist ohne die Fähigkeit zu deren sinngemäßer und zweckmäßiger Anwendung. Und— aus- gerechnet!— nie mit. sicherem Grifte das erfassend, was einzig wirklichen Erfolg verspricht. So richtet man Oualitätsklasfen ein, ändert am Lehrplan herum, verpflanzt die Kunst in die Schule, verlegt den Unterricht auf den Vormittag, veranstaltet Ferien- Fortbildungskurse für Lehrer— was weiß ich noch. Der Erfolg ist aber immer negativ und die Schulerziehung bleibt ein ewiges Ex- pcrimentieren. Auch bei den Ferienwanderungen, die neuerdings von Leipzig aus aufgekommen sind und nun auch in Berlin ein- geführt werden sollen, handelt es sich unr ein Experiment. Um gegen die einseitige geistige Beschäftigung und das qual- volle stille Schuledasitzen der Kinder und gegen die daraus sich er- gebende frühzeitige geistige Abspannung und körperliche Erschlaffung ein Gegengelvicht zu schaffen, hat auf Anregung des Leipziger Schul- direltors Dr. Beyer die Leipziger Ortsgruppe des Deutschen Vereins für Volkshygiene 1900 die Einrichtung getroffen, Schüler und Schülerinnen der Volksschule während der Ferien Gelegenheit zu kleineren und größeren Wanderungen in Verbindung mit physischer Arbeit zu gebe». Eine Art Arbcitsunterricht in zwang- losester Form. Um die Befriedigung des Tätigkeitstriebs der Kinder ist es der Veranstaltung in erster Linie zu tun, doch soll die Arbeit nicht„stubenhockerische Handarbeit", sondern„ambulatorische Fuß- arbeit" sein, die das Freie und die frische Luft liebt, sie soll„durch erzieherisch erdachte Aufgaben abwechseluugsreich und interessant gc- mach:" werden und die Jugend in der Heimat fcsthaltcil, damit diese die heimatlichen Felder und Fluren kennen lernt und lieb gewinnt. Die Anbahnung eines engeren Freundschaftsverhältnisses zwischen Großstadtlindern und Natur ist die zweite große Hauptaufgabe der Wanderungen. Besonders sollen die Kinder solcher Eltern heran- gezogen werden, die ihren Kleinen während der Ferien nichts zu bieten vermögen! statt daß diese Kinder auf der Straße liegen und verwahrlosen, sollen sie unter Führung kinderfreundlicher Erwachsener� angeleitet werden zu nützlichen Be- schäftigungen aller Art, zu Spiel und körperstärkendeni Aufenthalt im Freien. In Leipzig haben sich bis jetzt nur schulpflichtige Kinder(1904 insgesamt 1329) an den Wanderungen beteiligt, doch soll auch, wie in München, in Zukunft die schulentlassene Jugend heranzuziehen vcr- sucht werden. Nach einer Schilderung der Leipziger Einrichtung, die Dr. Beyer in den„Blättern für Volksgesundheitspflege" veröffent- lichte, werden die Kinder immer in Gruppen von 25 bis 30 Teilnehmern eingeteilt, unter denen stets einige kostenlos mit- gcnonnnen werden. Jede Gruppe steht unter Führung einer erwachsenen Person, die nicht gerade dem Lehrerstande anzugehören braucht, wemi sie mir sonst für die eigenartige ErziehuiigSmifgabe, die hier vorliegt, pädagogisches Verständnis hat. Die Beschäftigungen finden in allen Ferien statt, vorläufig allerdings noch mit Ausschluß der Weihnachtsserien, für die aber bei gegebener Veranlassung auch noch solche Beschäftigungen eingerichtet werden sollen sEislauf, Schlittenfahrten, Schneeballenschlachten, Bau von Schneemännern. Schneeburgen, Schneeschanzen nslv., Skilaufe», Rennwolffahren). Beschäftigt wird die Jugend einen Tag um den anderen. An jedem beschäftigungsfteien Tage der Sommerferien nehmen die Kinder in einer Bade-Anstalt ein Bad. wozu sie von, Verein die Marken bekonunen. Auch auf den Wanderungen läßt man sich ein Bad nicht entgehen, sobald es die Umstände irgend erlauben. Diejenigen Tage, an denen zugleich geivandert, gebadet, womöglich auch noch gespielt wird, stehen bei den Kindern am höchsten in der Erinnerung. Der Wechsel von Wandern und Baden soll der Anfang einer geregelten Körperpflege sein und hat sich als solcher auch be- lvährt. Die Wanderungen sind fast ausschließlich eintägig, die Kinder kehren also in der Regel abends wieder nach Hause zurück. Gruppen, die sich auf ihren Wanderungen bewährt haben, können die Erlaubnis erhalten, Versuchstveise zwei- oder auch mehrtägige Wanderungen zu machen. Für die Verpflegung der Kinder während der eintägigen Wandeningen dürfen nur ganz miniinale Kosten erwachsen: in der Regel mir die Straßenbahngroschen, um früh auö der Stadt hinaus und abends wieder herein zu gelangen. Für den Tagesbedarf sind die Kinder vom Eltern- hause aus mit Proviant zu versehen, ein alkoholfreies Erfrischungs- getränk führen sie in der Feldflasche mit sich. Eingekehrt in Wirts- Häusern wird so wenig wie möglich. Neuerdings wird häufig Koch- geschirr zur Bereitung eines einfachen Mittagessens sBrühwürftchen, Erbswurst-c.) im Freien, sowie Kaffees oder Kakaos auf die Wanderfahrten mitgenommen; gerade solche Fahrten gelten bei den Kindern als die gelungensten. Am Schlüsse einer Anzahl von Wanderungen loird ein Fest gefeiert. So am Schlüsse der Somnierferie» ein Spielfest in einem'großen Parkrestaurant, daS eine eigene Spielwiese mit allerlei Spielgerät für die Jugend eingerichtet hat, am Schlüsse der Herbstferien ein Kartoffelfcst, zu dem sich die Schüler die Kartoffeln auf freiem Felde selbst hcrauSgraben und am Kartoffelkrantfeuer rösten oder kochen. Knaben und Mädchen haben dabei bestiinmte Arbeiten zu leisten, bis ein frugales, aber frohes Mahl— bestehend aus Kartoffeln, Gurken, Butter und Kaffee— daS Fest beschließt. Leider betragen die Kosten der Wanderungen für alle Ferien— obwohl der Rat der Stadt Leipzig im letzten Jahre hierzu 2000 M. bewilligt hat— pro Ztind noch immer S bis 9 M., eine Summe, deren Höhe manchem armen Kinde die Teilnahme an den Wanderungen und Arbeiten nicht gestattet. In einem Vortrage, den im Jannar d. I. Herr Dr. Beyer in Leipzig über die Fericnbcschäftiglnig von Schulkindern hielt, erwähnte er, daß viele Klassenlehrer Leipziger Schulen wünschen, die Leitung der Wanderungen selbst zu übernehmen, um bei dieser Gelegenheit machen, im Unterricht etwas stiefmütterlich behandelten oder nicht genügend verstandenen Stoff noch etwas vertiefen zu können. Dies führt auf die pädagogische Bedeutung der Ferienwanderungen. ES ist ganz natürlich, daß im Gedächtnis der Kinder derjenige Unterrichts-» stoff viel besser hastet, der dem Verständnis auf dem Wege eine« lebendigen Anschauung zugeführt worden ist, als derjenige, de» gelernt, eingetrichtert, erbüffelt werden muß. Die vier Wände des Schnlziinmers schließen den Unterricht ab von aller Ratur, allem Lebendigen, von der ganzen Welt der Anschauung und des Erlebens, Man operiert mit Worten, Begriffen, leeren Formen, das Kind lang» weilt sich und ermüdet, das Jntercffe stumpft ab, die Sinne er» lahmen infolge des andauernden Nichtgebrauches, der Erwäg des Unterrichts ist ein Gehäufe toten, dürren Materials, für die wirk» liche Erziehung des Kindes ist nichts gewonnen. Da flößen nun die Ferienlvanderiiiigcn dem trockenen Schulbetricbe neues Blut und neues frisches Leben ein. Die historischen Be» Ziehungen der Gegend werden an der Hand der Anschauung klar gemacht, der Betrieb der Landwirtschaft wird in verschiedenen Er» scheinungSfornien, beim Kleinbauern und auf dem Rittcrgnt, vcr» folgt, der Bai, einer alten Bockwindmühle, einer Wasscrmiihle alter Konstruktion, einer großen modernen Dampfmühle wird erläutert, eine primitive Töpferei, eine kleinere und größere Gerberei, eine Stellmacherei, eine Dorfschmiede, eine städtische Kunstschmiede, eine Seilerei älteren Betriebes und eine moderne Seilfabrik usw. werden aufgesucht. Welche Fülle von Anschnumtgen dringt damit auf das Kind ein! Weiter wird in den Flüsse» gefischt, gekrebst, gepatscht; Sandbänke werden aufgeführt, Wafferlänse gegraben, Dämme errichtet, Wehre gebaut, kleine Teiche ausgehoben, Sandmodellicrarbeitcn an- gefertigt zc., künftig soll auf einem brachliegende» städtischen Grund- stücke auch Gartenarbeit verrichtet werden. Der Drang nach Tälig« keit findet nach langen Wochen systematischer Knebelung durch unsere Schulerzichung endlich Gehör, die Muskeln strecken sich, die Sehnen spannen sich, die Lunge atmet tief auf— das Kind ist lvicdcr in seinem Lebenselement. Und doch sind die Ferienwanderungen nur ein Palliativmittelchen, ein Notbehelf. Sollte ihr segensreicher Einfluß eine tiefere, um» gestaltende Wirkung auf den ganzen heutige» Schulbetricb, auf den mangelhaften Organismus und die unfruchtbare Methode ausüben, müßten die Wanderungen zu einen, integrierenden, organischen Bestand» teil des Unterrichts werden. Nicht bloß während der Ferien wären Unter» richtsstoffe zum Zwecke einer tieferen Erfassung an die Anschauung, die Arbeit und daS Erleben anzuknüpfen, die Selbsttätigkeit des Künde» hätte überhaupt in den Mittelpunkt des Unterrichts zn rücken. Heute kommt man über gutgewollte Ansätze, Versuche, Experimente nicht hinaus. Sie sind nicht zum Schaden, gewiß nicht, aber man schätze ihren Gewinn für das Ganze nicht zu hoch ein. Niemand kann über seinen Schatten springen, und die Gesellschaft von heute kann bei Gefahr eigener Vernichtung dem Volke keine Schule geben, die wirb- liche Erziehungsarbeit leistet. Das Gut« und Gutgemeinte, lvaii einzelne Philanthropen schaffen und zu schaffen streben, fei gern und freudig entgegengenomnicn, nie aber sei dabei vergessen, daß ganze und fertige Arbeit auf allen Gebieten der Kultur daS Volk selbst zt» verrichten hat.(X R. Klcinee fcnillcton. — Ucber die Zucht rnid den Rnbau von Lluwcnzwicbel» ver» offentlicht der vom auswärtigen Amt»ach den Niederlanden ent» sandte deutsche landwirtschaftliche Sachverständige Dr. Frost in den „Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts- Gesellichaft" eine lesenswerte Studie: Tie Blumenzwiebelkultur� ist in Holland bereits sehr alt und stand im 17. Jahrhundert in besonderer Blüte. Man zahlte in jener Zeit für eine einzige Zlviebck Preise, die bis z» 19 000 M. gingen. Diese Liebhaberei ging in dem nächsten Jahr» hundert sehr zurück, aber noch heute werden in England und Amerika für besonders seltene und schöne Zwiebeln außerordentlich hohe Preise angelegt. Im Laufe der Zeit hat sich die Zwiebclkultur längs de» ganzen holländischen Küste ausgedehnt. Der Hanptsitz der Züchterei fft Südholland, wo 2159 Hektar mit Blumenzwiebeln angebaut sind. Ii, Nordholland find eS 910 Hektar: der Anbau ist den andere« Provinzen ist„„wesentlich. Für die Kultur kommt nur der schmale Sandstrich in Betracht, welcher zwischen den Dünen des Strandes und dem landeinwärts gelegenen Marschweidelaud liegt, die so» genannte Geest. Man nimmt an, daß diese Böden durch Ab» fetzungen von MeereSarmen gebildet wurden, die das jenseits de» Dünei, liegende Meer ins Land hineinsandtc. Infolge der dadurch entstehenden eigenartige,, Beschlickung sind die Böden dieser späte» ausgetrockneten HaffS ein gut Teil wertvoller und gehaltreicher an Pflanze,, Nährstoffen als der Seesand am Strande. Acnßcrlich ist dieser Boden, aus de», die holländische Gartenkunst cm wahres Paradies geschaffen hat, an, besten vergleichbar dem Inhalte einer Streusandbüchse. Der Sandboden, in de», die holländischen Vlumeiizwiebeli, gezüchtet werde», muß künstlich befestigt werde«, .„n, nicht bei heftigem Winde fortzufliegen. Das ganzc Garten» lanb ist von niedrigen Hecken durchzogen, welche die Felder der »nzelnen Gärtner abgrenzen und als Windschutz dienen: auch sieht man, daß gerade so, wie die Dünen am Strande mit Sandgras, dem' sogenannten Helm bepflanzt werden, um gegen den Wind standzuhalten, auch in den brachliegenden Zwiebelfeldern Büschel bsn Weizenstroh in kleinen, regelmäßigen Abständen in den Sand gesteckt sind, um den Boden festzuhalten. Auf diesen Boden werden die Zwiebel» gezogen, die in alle Welt gehen und deren Zucht nirgends eine Konkurrenz hat. Der Zweck der Züchterei ist die Erzeugung von Zwiebeln und nicht etwa die von Blumen. Die Hyazinthenblllten selbst Iverden in großen Massen aufgeschichtet und vernichtet. Nur verhältnismäßig recht kleine Mengen werden in den holländischen Städten als Schnittblumen zum Verkauf ge- bracht. Der Anbau der Zwiebeln ist mit großen Schwierigkeiten verbunden und noch viel mehr die Züchtung neuer Sorten. Die feineren Kulturen werden auch in der Blmnenzwiebelzüchterei unter Glas getrieben, doch ist die Anwendung von solchen Treibbeeten und Treibhäusern in diesem Zweige der holländischen Gärtnerei nicht bedeutend. Insgesamt werden in der Blumenzwiebelgärtnerei etwa S63 Geviertmeter Glasfläche mit künstlicher Erwärmung, 5538 Geviert- »neter Glasfläche ohne Erwärmung verwandt. Die Zwiebeln, die im Winter aus der Erde genommen werden, kommen in sehr gut ficreiingtcin Zustande und nach sorgfältiger Auslese in Scheunen, wo ie in ganz dünnen Schichten auf Holzgestellen aufbewahrt werden.— — Der Rattenfänger von Meßkirch. Der„Köln. Ztg." wird geschrieben: Hinreichend bekannt ist der Rattenfänger von Hameln; gar wenig spricht die Jetztzeit aber von dem Rattenfänger von Meßkirch im Badischen. Ueber ihn berichtet die Zinnerische Chronik: Won altersher bis 1538 seien die Ratten in Meßkirch eine große Plage gewesen. Oftmals sei es so schlimm gewesen, das Ungeziefer habe so überhand genommen, daß man für jede gefangene Ratte einen Heller ex pnbltoo gezahlt habe. Freiherr Gottfried Werner von Zinnern, damals Herr zu Meßkirch, ließ mehrere Male Sant Ulrichs-Erde von Augsburg kommen, wie denn der„gemeine Leu- rnnnd" geht, das sei ein untrüglich Mittel,— aber„es wolts nit tuen". Da kam 1538 kurz vor Weihnachten ein Abenteurer nach Meßkirch und erbot sich, in der kommenden Weihnacht alle Ratten zu vertteiben. Wiewohl er„am unnachpar Person"(mißachtet) und die Leute ihm so etwas nicht zutrauten, hat aber der Bürgermeister die vier oder fünf Guldin, die er verlangte, zugesagt, wenn er die Ratten austriebe. Als nun die Christnächt gekommen, durchging er alle Gasten und Gäßchen. Das trieb er die ganze Nacht bis Mittcr- »rächt, daß man schreckte. Um zwölf Uhr ging er auf das Markt- brucklin(Marktbrückchen) und verbannte alle Ratten aus der Stadt. Was er für Zeremonia und Wort dazu gebraucht, das hat niemand gehört noch gesehen, dann er nicnranden hat zusehen oder zuhören lassen. Wie es aber auch sei, die Ratten sind von der nächsten Woche ab dermaßen verschwunden, daß von derselbigen Zeit kein Ratt »lie mehr gesehen, auch jetztmals allda von den Gnaden GotteS deß- halber frei und gesäubert ist.— Einfacher hatten es die Veringer (tm heutigen Hohenzollern). Die waren ganz frei von Ratten seit »rndenklichen Zeiten. Das soll Sant Ulrich von Augsburg ihnen, sagt man,„umb Gott erworben haben", weil er »nüttcrlicherseits ein Graf von Beringen und zu Beringen mich geboren sein soll.—.Heutigen Tages gibt es wieder Ratten zu Weringen. Derselbe Chronist, der seine Chronik um 1563 schrieb, Ivcitz auch, daß auf dem Domstift zu Tier keine Schwalbe nistet, selbst nicht einmal darauf ausruhen können sie, weil sie sonst herabfallen und sterben.„Soll auch uscr einen verborgenen gaistlichen nrsach kommen." Darauf fährt der Chronist mit ergötzlicher Kindlichkeit fort:„Wer will dann die nrsach finden, daß uf keinen Inden Hans die storken (Störche) nisten? und da ein Jnd in ein Behausung zeuht, darauf die storken, so verlassen sie doch das»est und fliegen darvon." Trierer Domstist und Jndenhäuser haben also doch eine ornitho- logische Aehnlichkeit. Ucbrigens kennt der Chronist auch die traurige Geschichte vom„Hammeler" Rattenfänger und gibt den Hammelern „ob irer aigenen dorhait und karkhait" die Schuld. Die Stadt Hammel setze aber seit dem Unglück auf ihre Briefe»eben dem Datum noch—„und nach verlicrung unserer Kinder in dem oder dem jar."— Medizinisches. — en. F u ß s ch m e r z e n. Die Klagen über Schmerzen in den Füßen sind so häufig und können oft so wenig begründet werden, daß es dem Arzt schwer fällt, ihre Entstehung aufzuklären und die richtige Abhülfe zu finden. Gewöhnlich denken die Leute un Rheumatismus und, wenn sie alt genug dazu sind, an Gicht und unternehmen es wohl gar, auf eigene Faust Heilung in irgend einer Art der Behandlung oder in Bädern zu suchen. Dr. Jdestohn uns Riga weist in der„Peteröurgcr Medizinischen Wochenschrift" darauf hin, daß sich ganz sicher eine nicht geringe Zahl von Kranken eine kostspielige Badereise hätte ersparen können, da eine gründ- lichere Untersuchung über die Ursache der Schmerzen die Nutzlosigkeit der betreffenden Kur und die Notwendigkeit einer anderen Be- Handlung ergeben Hütte. Der genannte Arzt hat seine Er- fahrungen während einer Reihe von Jahren in dem liv- ländischen Badeorte Keinmern gesammelt, dessen Schwefelquellen namentlich gegen Gicht und Rheumatismus benutzt werden. Daraufhin bespricht er verschiedene Arten von Fußschmerzen, tvobei er jedoch solche ausscheidet, die ohne Zweifel mit löerantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: örtlichen Erkrankungen der Knochen oder Gelenke, mit Geschwulsten im Becken oder im Rückenmark, sowie mit Rückenmarksschwindsucht oder Rückenmarksentzündung zusammenhängen. Die unteren Extremitäten nehmen als Körperteile eine gewiffe Sonderstellung ein, die ihre Neigung zu gelviffen Erkrankungen erklärlich erscheinen läßt. Sie müssen die schwerste Arbeit verrichten und sind den Ein« flüssen des Wetters am meisten ausgesetzt. Bor allein stehen sie aber unter den ungünsttgsten Bedingungen mit Rücksicht auf den Säftekreislauf, einmal wegen der weiten Entfernung von dessen Zentrum und ferner wegen der Gegenivirkung der Schwerkraft, die zu Stauungen in den Ädern führen kann. Endlich wirkt auch die Macht der Mode noch oft dazu mit, den Beinen ihre harte Arbeits- leistung zu erschweren. Dr. Jdelsohn bespricht im ganzen 183 Fälle, in denen er wegen Fußschmerzen zu Rate gezogen wurde. Die häufigste Erkrankung ivar die Ischias. Unter diesen Kranken waren 32 Männer und 21 Frauen im Alter zwischen 18 und 76 Jahren. Die Erkrankung fand sich 21mal auf der rechten und 32mal auf der linken Seite; doppel- seifige Ischias ist dem Arzt überhaupt nie vorgekommen. Die Er- scheinungen dieser Krankheit sind leider sehr bekannt. Sie äußern sich hauptsächlich in Schmerzen beim Sttecken des im Hüftgelenk gebogenen Beines und Nachlassen der Schmerzen bei der Beugung des Kniegelenkes, Verschlimmerung während der Nacht, schmerzhafte Rückwirkung des Niesens und Hustens usw. In der Häufigkeit kommt der Ischias am nächsten die Entzündung und Verkalkung der Adern(Arteriosklerose) an den Füßen. Das äußere Merkmal dieses Leidens ist zeitweiliges Hinken. Es kann an den Füßen häufig ganz unabhängig von anderen Körperteilen auftreten, und zwar namentlich schon in verhälfinsmäßig jungen Jahren, sogar schon vom dritten Jahrzehnt des Lebens an. Dr. Jdelsohn hält dies Uebel für häusiger, als man bisher angenommen hat. Wodurch es entsteht, weiß man noch nicht. Erb hat es auf den Tabaknnßbrauch zurück- führen wollen, wofür Jdelsohn keinen Anhalt gefunden hat. Dieser Arzt hält den Einfluß kalter Luft, das Stehen unter freiem Himmel bei Winterkälte, ferner Syphilis, Alkoholismus, Zuckerkrankheit und den Plattfuß für bedeutungsvoller mit Rücksicht auf den Ursprung dieser Krankheit. Sie scheint sehr viel häufiger bei Männern als bei Frauen zu sein, denn unter den Patienten des Rigaer Arztes be- fanden sich nur 3 Frauen neben 31 Männern, vierzehnmal war die Erkrankung rechtsseitig, zwölfmal linksseitig und achtmal doppelseifig. Die Kranken empfinden die Schmerzen oft beim Stehen stärker als beim Gehen und leiden auch inehr, wenn sie in Pantoffeln gehen als in Stiefeln. Die Gicht äußert sich in den Füßen häufig durch Schmerzen in der Ferse oder in der Gegend der Achillessehne, auch in der vorderen Hälfte der Fußsohle. Die so oft bespotteten Gichtanfälle in der großen Zehe(Zipperlein) scheinen weniger häufig zu sein. Durch Verdauungsstöningeir können sich schmerzhafte Ent- zündungen in den Füßen entwickeln. Bei sehr fettleibigen Leuten stellen sich Schmerzen in den Füßen einfach deshalb ein, weil den Beinen das Tragen eines zu großen Gelvichts zugemutet wird.— Hilmoristisches. — Aufklärung. Fremder:„Es ist mir aufgefallen, daß die Herren der Hofgesellschaft ihre Augen immer so sehr zusammen- kneifen." Einheimischer:„Ja, wissen Sie, unser neuer Fürst hat von Natur sehr winzige Sehorgane und seitdem sind kleine Augen modern." — S ch u l h n m o r. In dem Aufsatze eines Elfjährigen über „Luther in Worms" war zu lesen: „Der Herzog von Braunschweig schickte dem Luther eine Kanne voll Eimbecker Bieres; dieser aber sprach: Hier stehe ich, ich kann nicht mehr, Gott helfe mir. Amen."— („Jugend".) Notizen. — Sächsische Redensarten.„Nee das heeßt, sehn Se, hörn Se, wissen Se. warte mal, loie war Sie denn das?"—«Das will ich Sie gleich sagen, das weeß ich Sie selber nich."— — Das Neue Theater ist für die Zeit vom 12. Mai bis 30. Juni von zwei Unternehmern gepachtet worden. Sie wollen das Stück eines jungen Wiener Autors aufführen.— — Max Burckhards Komödie„Rat Schrimpf" hat bei der Erstaufführung im Deutschen Volks- Theater zu Wien Erfolg gehabt.— o. Das größte Theater der Welt, das New Aorker „Hippodrom", ivurde am Mittwochabend eröffnet. 6000 Leute waren anwesend; jeder Platz hatte 160 M. gebracht. Das Gebäude hat einen Aufwand von 6 000 000 M. erfordert; es soll als Zirkus und für Balletts, Melodranien, lebende Bilder und Wasserschauspiele dienen.— — Für eine aus dem Jahre 1763 stammende Sövres-Vase wurden unlängst auf einer Londoner Auktion SO 000 Mark be- zahlt.- — Mitte Mai werden in London sechs afrikanische Waldzwerge eintreffen. Sie haben sich dem cnglischep Eorschungsreisenden Harrison freiwillig angeschlossen. Die kleinen eilte, deren Alter 13—31 Jahre ist, sind zwischen 3 Fuß 8 Zoll und 1 Fuß 6 Zoll groß. Vorwärts Buchdruckerei u.Vcrlagsanstalt Paul Tinger LcCo., Berlin SW,