Wnterhallungsblatt des Horivarts Nr. 73. Mittwoch, den 19. April. 1905 (Nachdruck verboten.) 13 Brennende Liebe. Eine Geschichte aus der Eifel. Von Klara Viebig. Es brannte im Dorf. Immer zur Nachtzeit: bald hier, bald da, nun schon an die acht Wochen. Eben war das Korn auf dem Felde in die Halme geschossen, als an einem dunklen Abend das erste Feuer ausgekommen war: seitdem hatte der rote Hahn wohl auf zehn Hütten gekräht. Viel Schaden war zwar nicht entstanden: dem einen tvar nur das tiefhängende, mit Binsen und Stroh gedeckte Dach ein wenig angesengt worden: beim anderen hatte die vom Winterschwein gesparte Speckseite, die von der Balkendecke herabbaumelte, ein bißchen gebrmzelt: beim dritten hatte das Reisig, das die sammelnden Kinder an der Seitenwand des Häuschens aufgeschichtet, geknackt und geknistert, bis die Frau, die der Säugling wachgeschrien hatte, wähnte, draußen sei einer und hole ihr Reisig weg: beim vierten hatte der Kuh angstliches Brüllen das Qualmen auf dem Futterboden ver- raten: beim fünften ivar's gar nicht erst ausgekommen, ein Regenschutt hatte den Dachstuhl begossen und gelöscht, was etwa im Gebälk nicht geheuer war. Immer war aller Heiligen Schutz sichtbar zu spüren gewesen. Aber doch begann ein heimliches Grausen die Gemüter der Dörfler zu rütteln. „Ech kurantören," sagte ein ganz Kluger und zog das braune Leder seiner Stirn in bedenkliche Falten,„duh es einen Lauskerl, dän et anfänkt!" Ja, so mußte es auch sein! Jemand war da, der das Feuer anlegte! Die Kinder konnten die Schuldigen nicht sein, die lmirden an der Hand und in der Hotte mit ins Feld ge- nommen, oder blieben sie einmal allein zu Haus, so versteckte die Mutter die Schwefelhölzer gewiß auf dem obersten Bord, wohin sie nicht langen konnten. Aber hatte die Ammei, die allein an der Wiege ihres kranken Kindes saß, als alle noch in der Abenddämmerung draußen auf dem Felde schafften, nicht einen vermummten Kerl zum Fenster hereingucken sehen? Und war dem Bräuer'sch Hubert, der in später Nachtstunde noch den Hof aufgesucht, nicht ein schwarzer Schatten vorbei- geschlüpft und im Heckengäßchen zwischen den Gärten ent- kommen?! Es war kein Zweifel mehr, es gab einen Brandstifter — aber wo, wer war der Missetäter? Einer aus dem Dorf—? Nicht möglich! Da kennt ja einer den andern viel zu genau, erfährt's täglich zu sauer am eigenen Leibe, wie schwer das bißchen Lebensnotdurft zusammengeschrabt ist, um aus reinem Uebermut den Nachbar zu ängsten. Nein, es mußte schon einer von weiterher sein: einer vielleicht, der sich in der Welt um- Hergetrieben! Freilich Handwerksburschen, Fechtbrüder, die — wer weiß?!— schon mit einem Bein im Zuchthaus stehen, passierten nicht das Dorf, das einsam auf dem Eifelplateau liegt, seine zwei schnurgeraden, dichtgedrängten Hüttenreihen in den Schuh eines schwarzen Tannenwäldchens stellt, dagegen feine weitentlegenen, dem Oedland abgerungenen Felder allen Eifelwinden und allen Pfeilen glutäugiger Sonne preisgibt. Das kleine Dorf zitterte. Und bei der Angst war Neugier und bei der Neugier Wut. Wenn man den Kerl erwischte, man schmiß ihn von der Straßenböschung herunter in den Bach, daß er nie mehr auf die Beine kam! Oder man stieg hinauf zur Bergkuppe, die wie ein Kopf, auf dem Scheitel mit kurzem Gebüschschopf besetzt, über'm Dorf auftaucht, und hing ihn da an den zähen, im Wind schaukelnden Haselnußbaum, mit dessen Gerten nran ihn erst weidlich verdroschen! Da würden die Kiihe und Schweine, die der Dorfhirt auf kurz- rasigem Anger hütete, was zu gucken haben und ihr Hirt, der Ofen-Willelm auch! Und wie sie an den Wilhelm dachten, stockte ihnen Plötzlich der Atem. War der nicht Heizer gewesen unten im Rhein- land, jahrelang?! Der einzige aus dem Dorf, der nach seiner Militärzeit nicht heimgekehrt war, um den Acker mit seinem Schweiß zu begießen, sondern der unten geblieben war, wo die Welt lockt und die lieben Heiligen nur mehr in den Domen zu finden sind, aber nicht mehr aus den Straßen. Es hieß, daß mp in den Fabriken auch schwer arbeiten mußte,— mochte sein, aber sicher doch lange nicht so schwer, wie man hier oben arbeitete, wo einem im Mai gar oft noch die Feld, frucht erfror und die Kartoffel schon wieder im September- Der Ofen-Willelm hatte da unten weiter nichts zu tun gehabt als Glut zu schüren. Heizer war er gewesen, Nachtheizer in der Fabrik: aber alle Tage hatte er verschlafen können, in einem faulen Leben sein sicheres Geld verdient— bloß für's Feueranzünden! „Hm!" Der Gemeindevorsteher kratzte sich den Kopf„ als ihn etliche mit der Nase auf den Ofen-Willelm stießen. Was, der sollte das Feuer gelegt haben?!'s war freilich ein merkwürdiger Kerl, ja, da hatten sie wohl recht, ein ganz Kurioser, anders wie andere, das kam eben vom Leben draußen aber ein Brandstifter? Nein! War nicht seine Mutter,. die Witwe Driesch, ein kreuzbraves Weib, eine gottesfürchtigs Frau dazu, vor der jeder die Mütze heruntertun konnte?! Weit wies der Gemeindevorsteher die Petzer und Zu, träger von sich: aber als ihm bald darauf, in einer Sonntag» nacht, der Heuschober abbrannte, den er am Samstag abends erst fertig gesetzt hatte, dicht hinter seinem Zaun, begann er doch auch zu schnuppern. Von des Ofen-Willelm Hütte her fing es auch ihm cm, brenzlig zu riechen. Was, sollte am Ende der Ofen-Willelm das Feuerstochen nicht lassen können?, Ter war seit Winter wieder im Dorf: im grauen Winter war nie etwas ausgekommen, aber nun, seit die Sonne schien, seit die am Himmel lohte, die Hütten und die Tannen, die Aecker und den Bergkopf Tag für Tag mit ihrer roten Glut über- schüttete, seit der struppige Gebüschschopf flammte und die Kiesel im versiegten Bach Funken sprühten und auf sonnen» harten Wegen der trockene Staub blendete, seitdem--! In des Gemeindevorstehers Kopf wogten seltene Ge, danken: er besprach sich mit dem und jenem, recht heimlich. Hinter der Scheunenwand tuschelten sie wie verliebte Paare, oder weit draußen auf flachem Feld, wo nur die heiße Luft zitternd lauschte. Mit den Gerichten was zu tun zu haben, ist immer eine üble Sache, man weiß nie, ob man Recht kriegt oder Unrecht; doch eh' man sich das Dorf anstecken ließ, jetzk gerade, da der Brunnen anfing spärlich zu spenden, jetzt, da selbst der Bach im kühleren Grund nur mehr ein dünnes Rinnsälchen über blanke Steine sickern ließ, jetzt, da man der Ernte gedenken mußte— sie war heuer reichlich, aber wer konnte Mut haben, sie in die Scheunen zu sammeln?.— hieß es: lieber verklagt, als beklagt. Ein warmer Abend war's nach sonnenfrohem Sommer» tag, als der Fußgendarm aus der nächsten Bürgermeisterei und der Gemeindevorsteher zusammen nach der Hütte dev Witwe Driesch stapften. Kathrein Driesch kochte das Abendmus. Eben hatte ihr Willelm die Herde eingetrieben: noch zitterte der letzte Ton seines Tuthorns in den Lüften, jede Kuh war gehobenen Schwanzes in ihren Stall gerannt. Nun hatte der Hirt auch Feierabend. Er saß beim Herd auf dem Schemel, hatte den Napf im Schoß, den Löffel in der Hand, und die Mutter tat ihm auf. Aber er sah nicht die bräunlichen Speckgrieben, die wie leckere Fischchen im Mehlbrei auftauchten: unverwandten Blickes schaute er ins Herdloch, drin Funken sprangen. Die Mutter sprach: „Jong, esu äß doch!" fischte aus ihrem Napf die Speck» grieben und tat sie ihm auch noch auf. Ihr Willelm aß die gern, und war der Speck auch sündhaft teuer, der Jung mußte alle Abend sein Geschmelztes haben. Was hatte er denn sonst auf der Welt? Gar nichts! Der arme Jung! Von fünf Söhnen war er der letzte— zwei klein gestorben, zwei in Frankreich gefallen— immer hatte sie sich drein geschickt und Amen gesprochen. Aber daß der Willelm da unten sich so zu Schairden gearbeitet hatte, daß er inS Krankenhaus gemußt und dann für invalide erklärt worden war auf seine besten Jahre, das grämte sie. Er hatte nun freilich hier oben den Posten als Gemeindehirt bekommen—• aber war das wohl ein Amt für einen, der immer klüger ge- Wesen war wie die anderen von seinem Jahrgang? Der heut noch klüger war als alle, die nach ihm dem Lehrer durch die Finger gelaufen, der eigentlich geistlich hätte werden müssen« fltenn'S©elS?azu ssochanLen gewesen Ware?'Säue hüten Und Kühe treiben, das tann auch ein Trottel! Die Mutter unterdrückte einen Seufzer und strich ihrem Willelm den buschigen Haarschopf aus den Augen. Er brummte nur, und als sie ihm ermunternd zuredete: »,Esu äst doch,— esu lecker— Schweinsgriewen un Buchweizenmehl!"— löffelte er sich gedankenlos etwas ein und liest es bei der anderen Mundecke wieder herauslaufen. Seine Stirn blieb gerunzelt, und vom Hinterkopf, wo der Schädel durch spärliche Haarreste nur unvollkommen gedeckt war, schien ihm ein Zucken herabzulaufen nach dem Genick und den Rücken lang in einem leichten Rieseln. Seine Augen blieben starr, ganz abwesend, bis sie jetzt Plötzlich an zu rollen fingen von oben nach unten, von rechts nach links; unstet folgte sein Blick den springenden Funken im Herdloch. Die Mutter betrachtete den Sohn unverwandt, während sie leise, ohne das gewohnte Schlürfen und Schnalzen des Be- Hägens ihren Napf auslöffelte. Sie verscheuchte die Katze, die sich schnurrend heranschlich und ihren Kopf an den Beinen des Mannes rieb, mit stmnm-drohender Gebärde. Sie selber wagte kaum zu atmen. Was mochte der Willelm denken, daß er so stzimm war? Früher, im Winter, war er viel parlanter gewesen. Was hatte er da nicht alles erzählt von den Fabriken unten mit ihren Rädern und Walzen, mit ihren Schornsteinen und Kesseln, mit ihren Ocfen, die einen Bauch hatten wie ein Vierfast zur Kirmes— nein, noch viel gröster, grost wie die leibhafttge Hölle, darin ellenhohe Flammep brennen! Er war an die Hitze gewöhnt, nun fror er immer, der arme Jung! Jetzt, selbst im Sommer, wo andere den Schatten suchen, stellte er sich in die pralle Sonne oben am Anger, kaute an seinem Kanten Brot und blickte starr ins feurigeGold amHimmel. Aber Heist genug, sagte er, würde ihm doch nicht; den ganzen Tag mustte sie im Herd feuern, so viel Reisigholz und Tannenäpfel war sie sonst im strengsten Winter nicht sammeln gegangen. Sich den niederrinnenden Schweiß vom Gesicht wischend und das kattunene Tuch am mageren Hals ein wenig lüftend, raffte Kathrein Driesch ein neues Bündel Reisig vom Estrich hinterm Ofen auf, brach's knackend über dem Knie in kleine Stücke und stopfte alle zugleich noch dem Herd in den Rachen. Der platzte fast. Aber mit einem Stöhnen, mit einem Schauer des Frierens rieb sich der Sohn jetzt die Hände, und dann sagte er langsam, stockend, als mache ihm jedes Wort Mühe, und doch mit innerer Hast: „Modder— gieh— schlaofen!" „Jao, jao," sagte sie und faßte schon nach ihrer Haube, wußte sie doch, daß, wenn der Willelm nicht seinen„gud Schuhr"*) hatte, er leicht ungeduldig wurde. So wollte sie ihm denn rasch den Willen tun, sich's Deckbett über die Ohren giehn, wenn auch draußen noch Leben war. Von fern klang Mädchengekreisch und das Dengeln von Sensen. Auch Willelm lauschte. Er war jetzt aufgestanden; den Kopf weit vorstreckend, daß sich ihm die Stränge am Hals gerrten, verharrte er unbeweglich. Die Knie hielt er ein- geknickt, die Lippe hing ihm. Nur die Augen des finsteren Gesichts fuhren beständig umher, lauernd, geängstet wie bei einem Tier, das gejagt wird und das doch selber jagen möchte. Die Nüstern der stumpfen Nase blähten sich witternd. Durch die tiefer und tiefer werdende Dunkelheit der Mauernstube tönte jetzt das betende Leiern der Alten: „Ge grüßet seist du, Maria, voller Gnaden, Der Herr ist mit dir, Gebenedeit bist du unter den Weibern Und gebcncdeit die Frucht deines—" Sie unterbrach sich, ihres Sohnes gedenkend: „Willelm I" Und als er nicht kam, kletterte sie noch «einmal aus dem Bett, tappte sich auf bloßen Füßen zum Sohn hin, machte dem Vierzigjährigen, wie sie es einst dem Vier- zährigen getan, das Zeichen des Kreuzes auf Stirn und Brust und� tappte dann befriedigt wieder zurück. Gleich darauf schnieften schon ihre ruhigen Atemzüge. Ein seltsames Lachen verzog das düstere Gesicht des Sohnes: nun schlief sie— nun schlief sie— nun ging er— seine Oefen anstecken— huh, ihn fror— da wurde er wieder warm—• hei, wenn die Funken tanzten und die rote Glut fmichte, einem entgegen schlug, als wollte sie einem das Hirn ausdörren— heiß, immer heißer---— ha, wer kam da, wer wollte ihn stören?! •11 ioiir.' Zusammenschreckend blieb er plötzlich stehen, die Siim wie im Schmerz krampfend. Außen drückte eine Hand kräffig auf die Klinke; die immer unverschlossene Tür gab nach, und aus der weichen Dämmerung des milden Sommerabends traten der Gendarm und der Gemeindevorsteher in die überheizte Dunkelheit der Witwenstube. „Schlaoft Ihr eweil schon?" sagte etwas verlegen der Gemeindevorsteher.„Häh, Kathrein, exkusört! Hört ehs!" l Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Im fniWmg. von SB. M a t s ch i n s k y. Deutsch von S. Winikoff. I. Der junge Postbeamte Agathon Pistschichin machte an einem Festtage einen Spaziergang in dem dicht bei der Stadt gelegenen Walde. Es war Anfang April, ein schöner warmer Tag. Der Himmel war klar, nur zeitweilig zogen weiße Wolken vorüber, die so licht waren, daß sie nicht den Sonnenstrahlen Einhalt taten. Auf dem Waldwege standen viele kleine Wasserpfützen und zu beiden Seiten schimmerte auf den schneefreien Stellen zartes, junges Grün. In der Tiefe des Waldes hatte der Schnee auch schon fem winterliches Weiß verloren, zahlreiche kleine Wasserbäche rieselten von den Hügeln in die tieferen Stellen hinab. Der alte mürrische Kiefernwald, der vieljährige Zeuge all dieses Wechsels, rauschte leise und dumpf, von leichten Frühlingswinden bewegt. Pistschichin ging in seinem alten Dienstrock, schlechten, aus- getretenen Gummischuhen, die Hände in den Taschen, mit gesenktem Kopfe den Waldweg entlang. Zuweilen sah er nach den Seiten oder hob den Kopf zu den Baumkronen, die über ihm rauschten. Er war heute den ganzen Tag in einer sonderbaren Stimmung gewesen, die ihn schließlich in den Wald getrieben hatte. Aber der Anblick der Natur verstärkte noch dieses erstellende und zu- gleich beunruhigende Gefühl in ihm. Bald empfand er eine große Zärtlichkeit für alles, was ihn umgab, und konnte sich nicht sattsehen an den grünenden Stellen des Waldes, an den Riesenbäumcn und an den schräg durch das Dickicht fallenden Sonnenstrahlen. Bald aber bekam eine quälende Unzufriedenheit in ihm die Oberhand, eine Sehnsucht nach Glück, und er versank in Gedanken. Sein Leben war wie das vieler in seinem Stande grau und kläglich verflossen. Zweiundzwanzig Jahre der Not und der Langen- weile hatte er in seiner kleinbürgerlichen Familie verbracht, in der man ohne jedes Gefühl der Anhänglichkeit nebeneinander lebte. Der Bater schneiderte. Er verdiente zwar genug für das Leben in einer Kreisstadt, aber er trank stark, und die Familie war groß. Und die Not rief Feinschast und fortwährende Erbitterung bei den einzelnen Familienmitgliedern hervor. Im Dienste war es auch nicht viel besser. Für ein kärgliches Gehalt mußte er bis zur Erschlaffung arbeiten. Die Borgesetzten waren insgesamt hochmütig, die Kameraden langweilige, entweder verschlossene düstere Gesellen oder Trinker. Mit keinem von ihnen verbanden ihn kameradschaft- liche Gefühle. So floß sein Leben dahin, öde und freudlos. Und da mit einem Male erweckte dieser Sonnentag in ihm das Verlangen nach einer Abwechselung, nach einem Ausruhen in anderer Umgebung. Sein Weg führte nach dem Dorfe Ternowka, das vier Werst von der Stadt entfernt war. Dort Ivohnte eine dem Pistschichin bekannte Bauernfamilie, deren halbwüchsige Tochter bei seinen Eltern im Dienst war. Bei ihnen wollte Pistschichin vor dem Rückwege Rast machen. Nicht weit vom Dorfe begegnete Pistschichin zwei Spazier- ängern, einer Dame und einem Herrn. Beioe waren jung und übsch und fein gekleidet. Pistschichin erschienen sie ganz besonders intcreffant. Die Dame war von schlankem mädchenhaftem Wuchs. Sie hatte etwas Anziehendes, Liebliches in ihren Zügen. Ihr leichter Gang, die edle Einfachheit ihrer Belvegungen, ihre freie stolze Haltung, der Ausdruck ihres Gesichtes, das von Glück erstrahlte, das alles war außergewöhnlich und interessant. Ihr Begleiter war brünett, hatte ein kluges, feines Geficht und tiefe sanftblickende Augen. Er glich der Dame in seinen ruhigen und sicheren Bewegungen. Sie gingen nahe bei einander, ohne Eile, in einer Gangart, der man sogleich die Gewohnheit des Zusammengehens ansah. Als eine große Wafferlache vor ihnen den Weg versperrte, half der Herr der Dame, die seine ausgestreckte Hand bereitwillig und vertrauensvoll ergriff und ihn dabei so lieb ansah, daß sich Pistschichins Herz unwillkürlich krampfhast zusammenzog. Er ließ das Paar vorübergehen und blickte ihm eine ganze Weile nach. Erst als der Herr sich aus der Ferne umsah und ihn bemerkte, wurde er verlegen und setzte seinen Weg fort. Pistschichin kannte das Paar dem Namen nach. Er wußte, daß die Dame die Frau des Steuerinspektors war, eines gesetzten älteren — 311— Herrn. Ihr Begleiter, ein Beamter deZ Gouvernements, war kürzlich erst von der Universität gekommen. Man sprach in der Stadt schon davon, daß die beiden sich nicht gleichgültig seien, und selbst Pistschichin hatte etwas davon gehört, obgleich sich das alles in einer ihm unzugäng- lichen fremden Lebenssphäre abspielte, unter gebildeten, sorglos lebenden Menschen, die ein abgesondertes Leben führten und Leuten, wie Pistschichin keine Aufmerksamkeit schenkten. Und auch er dachte bisher ebensowenig an sie, weil sie ihm fern und fremd waren. Jetzt aber berührte in diese Begegnung stark. Der Anblick dieser glücklicken Menschen, die sich liebten und ein frohes, mteresianteS Leben führten, regte ihn tief auf. Eine brennende Neugier und Sym- pathie, vermischt mit unbewußtem Neid, erfüllte ihn. Und wie von selbst verstärkte sich das Gefühl seiner Einsamkeit und daS Be- wußtsein der totenden Armseligkest seines kläglichen Lebens. Es war, als ob sich für einen Augenblick vor ihm ein Borhang lüftete, hinter dem ein neues unbekanntes, berauschendes Leben erstrahlte. Und er ging weiter, den Kopf tief gesenkt. Er sah nicht mehr den Frühling, mcht mehr die Sonne, nicht den Wald, dessen düsteres Rauschen über ihm wie das Echo seiner drückenden Gedanken erschien. Und unablässig begleitete ihn dieses unruhige Gefühl der Neugier und der dumpfen Beklemmung den ganzen Tag über. Immer stand es vor ihm, das Bild dieser Menschen, die Seite an Seite gingen, so schön und glücklich. Erschöpft kam er am Abend nach Hause, wo ihm alles unendlich langweilig und fremd erschien. 2. Während der folgenden Tage suchte Pistschichin unentwegt daS Paar wiederzutreffen. In seiner dicilstsreien Zeit ging er imnier wieder denselben be« kannten Waldweg. Als er es hier nicht fand, änderte er seine Richtung und ging überall dahin, wo er hoffen konnte es zu sehen. Da er aber die beiden nirgends fand, so konzentrierten sich seine Gedanken mehr und mehr auf diesen Punkt. Er trug ein brennendes Ber- langen danach, daS reizende geheinmisvolle Bild ganz zu sehen, von dem er zufällig einen Schinimer bemerkt, und das seine Phantasie so stark ausgeregt hatte. Endlich gelang es ihm, dem Paar zu begegnen. Es war auf demselben Waldwege. Er erkannte sie sogleich an ihrer Gestalt und Haltung und auch an ihrem Begleiter. Sie gingen vor ihm, eng unter- gefaßt. Oft streifte ihr Hut seinen Kopf, sie sah ihn dann lachend von der Seite an, setzte sich den Hut zurecht und schmiegte sich eng an seinen Arm. Pistschichin, der nicht bemerkt werden wollte, ging ganz lang- fam hinter ihnen und blieb später durch eine scharfe Biegung des Weges gedeckt. Und das war gut, denn bald kehrten sie um, ohne ihn zu benrerken. Pistschichin aber, der dies sah, verbarg sich im Dickicht, hin sie von dort aus zu beobachten. Langsam näherten sie sich ihm, er konnte schon ihre gedämpfte Unterhaltung verstehen. „Weißt Du, wir beunruhigen die Phantasie der Eingeborenen," sagte er lachend. „Wirklich?" und ihre ironisch hochgezogenen Brauen gaben ihrem Antlitz einen lieblichen, spöttischen Susdruck.„Hast Du etwas davon gehört? Das wäre interessant I" „Interessant, was sich die Eingeborenen über unS denken?... Ja freilich.... Bielleicht wäre es gar nicht so übel zu hören, wie unsere Gefühle in ihren Spießergehirnen verwandelt, ausgelegt und umgearbeitet werden. Das muß ein ganz interessantes Bildchen geben, aber ich fürchte, es würde Dich erschrecken.. „Warum?" In ihrer Stimme lag ein Ton des Stolzes und der Unabhängigkeit. „Ganz einfach, siehst Du... Bei ihnen werden nur diejenigen Seiten unseres Gefühles unterstrichen, ausgemalt, sogar breitgetreten. die ihnen am meisten zugänglich und verständlich sind. Nun, und welche dies sind, das kannst Du Dir ja vorstellen. Sie find bei UNS auch da, ganz natürlich, wie bei jedem gesunden Gefühl. Aber einen Teil bereden und den anderen verschweigen, heißt doch alles entstellen I" „Meinst Du, ich würde das außer acht lassen, wenn ich das Bildchen zu sehen bekäme?" Sie sahen einander in die Augen und lächelten. Am Wege lag ein alter, dicker Stamm. „Setzen wir uns hierher, so lange niemand da ist", sagte er. Sie fetzten sich. Ihre Gesichter waren nach der Seite gewandt, wo sich Pistschichin Versteckt hatte. Und ihr Gesichtsausdruck machte sein Herz erzittern. So atmeten sie Glück, so aufrichtig und ganz gingen sie ineinander auf und genossen den Anblick und die Nähe des anderen. Sie saßen ganz still. Dann nahm er ihre Hand, sie rückte näher zu ihm und mit einem zärtlichen Lächeln der Liebkosung imd des Vertrauens blickte sie zu ihm auf. Er legte seinen Ann um ihre Taille, drückte sie an sich und sah ihr in das Gesicht. Sie lehnte ihren Kopf an seine Brust, und dann umfing er sie mit beiden Armen, und feine Augen tief in die ihrigen versenkend, drückte er einen langen Kuß auf ihre Lippen. Rasch bog sie ihren Kopf nach hinten, und mit geschlossenen Augen preßte sie sich noch fester an ihn und war wie erstarrt unter seinen Liebkosungen. Seine Kliffe bedeckten ihr Geficht. ihre Augen, ihr Haar und ihr Kleid auf der Brust. Dann sprach er zu ihr, wahrscheinlich etwas sehr Sckiönes und Starkes, denn sie lächelte glücklich und lehnte ihren Kopf in seinen Arm. Als er sie etwas fragte, antwortete sie, ohne die Augen zu öffnen, kaum hörbar mit einem einzigen Wort, aber mit eigentümlich ver« änderter Stimme, und ihr bleich gewordenes Geficht nahm einen besonders ernsten rätselhaften Ausdruck an... Er schwieg und lange sah er in ihr Gesicht mit den geschlosienen Augen... Und in diesem Blick und in dieser stummen Bewunderung lag un- endlich viel Gutes mid Schönes. Still genoß sie dies alles, be» rauscht von der bezaubernden Wirkung seines Blickes. Hinter der Biegung des Weges knarrte ein Wagenrad. Sie sah sich schnell um. In der Ferne sah nian durch die Aeste einen lang- sam dahinsahrenden Wagen. Nachdem sie sich beruhigt hatte, sah sie ihn wieder an, fast als bedauere sie etwas, küßte ihn stürmisch und stand auf. Sie gingen langsam den Weg entlang. (Schluß folgt.) kleines feuilleton. es. Internationale Ausstellung künstlerischer Photographien. Zum erstenmal wird in Berlin der Versuch gemacht, einen ständigen Ans- stellungsnnttelpunkt fiir die Bestrebungen in der künstlerischen Photo» graphie zu schaffen. Andenvärts, in London, in Paris, in Brüssel existieren schon solche Salons. Die internationale Ausstellung künst- lenscher Photogramme, die in der Akademie der Künste in der Pots- damerstraße stattfindet, bildet den Anfang hierzu. Diese Ausstellung umfaßt 337 Arbeiten, eine geringe Zahl gegenüber den zahlreichen Einsendungen der Amateure aus allen Ländern. Die Jury ist be- merkenswert. Es gehörten ihr an: Walter Leistilow, Max Liebermann. Direktor Tschudi und Professor Wölfflin von der Universität. Die Strenge der Sichtung tut der Sache gute Dienste. Gerade die unnachfichtliche Kritik hebt die Ausstellungen dieser Liebhaber» Photographen auf ein Niveau, das der Sache der Photographie immer mehr vorurteilslose Betrachter gewinnen wird. Viele, die diesen Bestrebungen fernstehen, werden überrascht sein, wie man davon so viel Aufhebens machen kann. Wer aber die Jahrgänge der zahlreichen photographischen Zeitschriften durch» sieht, der kommt dahinter, wie viel ernstes, künstlerisches Streben hier tätig ist. Nach und nach, aus kleinen Ansängen, hat sich diese Kunst entwickelt. Manche Irrtümer, manche Uebcr- treibungen liefen mit unter, wie das immer der Fall ist bei neuen Versuchen. Mit der Zeit aber erstarkte, was bis dahin nur schüchtern sich hervorwagte. Jetzt haben wir in allen Ländern zahlreiche Vereine, die in tätiger Verbindung mit einander stehen. Jedes Land hat seine besondere Richtung, seine besonderen markanten Persönlichkeiten. Und so ist hier im Stillen etwas gewachsen, an deffen Früchten wir uns jetzt zu freuen beginnen. Seit der Erfindung des photographischen Apparats find wir nämlich in der Benutzung desselben ein gut Stück weiter gekommen. Ursprünglich gebrauchten wir diesen uns fremden Apparat eigentlich in ganz mechanischer Weise. Das Technische trat in den Vorder» grmid. Wir mußten uns erst gewöhnen, die Mittel gehörig zu be» herrschen. Danach begannen wir dann, auch das Künstlerische mehr zu be» tonen Wir wurden freier, der Zwang des Technischen beherrschte uns nicht mehr so ausschließlich. Hier befinden wir uns jetzt. Es ist natürlich, daß diese auf Erneuerung gerichteten Be« strebungen, die schon eine ganze Literatur zeitigten und viel Streit und Reden brachten, von den Amateuren, und nicht von den Berufs» Photographen ausgingen. Diese haben nicht die Zeit dazu, nicht die Frische. Es ist kennzeichnend für unsere EntWickelung, die Zeit der „Berufe", daß eine Auffrischung eigentlich meist nicht von Fachleuten. sondern von sogenannten Liebhabern ausgeht. Jeder, der unbefangen vor diese Bilder tritt, wird über die Fülle malerischer Reize erstaunt sein. Die Zeit schemt nicht mehr fern, wo ein solches Photogramm, nach der Rawr, im Freilicht aufgenonimen, so klare, künstlerische Qualitäten, so feine Kontraste des Schwarz-Weiß zeigt, daß wir uns nicht scheuen, es als Wandschmuck in unsere Zimmer zu hängen. Die größere Billigkeit, die ein solche« Photogramm vor einem anderen Bild voraus hat. die Möglichkeit der eigenen Arbeit spricht zugunsten dieser neuen Kunftübung. In Amerika ist man uns in der praftischen Durchführung all dieser theoretischen Pläne längst voraus. Dort sind seit langem viele Kräfte tätig, das neue Gebiet auszubauen. An der Spitze marschiert ein Künstler E. Strichen, der, selbst Maler, berufen ist, mit immer neuen Versuchen voranzugehen. Um seine künstlerische Person» lichkeit wird viel gestritten. Die„reinen" Photographen stimmen nicht mit ihm überein. Er scheut sich nämlich nicht, manchmal seinen Pinsel zu Hülfe zu nehmen. Abgesehen davon bietet er noch genug des Guten, ja Vortrefflichen. Namentlich seine Akte sind künstlerisch gesehen. Die Haut des menschlichen Körpers ist weich und blühend übertragen. Eine ganze Reihe anderer Namen schließt sich hier an. die nur genannt werden können: Gertrud Käsebier, A. Stieglitz, Eva Watson Schütze, Clarence White. Rächst Amerika schneidet England am besten ab. Auch hier eine Fülle der Erscheinungen, Bemington, Blounts, Cadby, Craigie, Emanuel, Evans, Keighley. Beinahe gleichwertig steht Deutschland daneben. DaS ist umso überraschender, als Deutschland in schnellstem Tempo nachholen mußte, waS England und Amerika schon feit längerem besaßen. E» ist nicht zuviel gesagt, wenn man betont, daß Deutschland sich im ganzen neben diesen beiden Ländern sehen lassen kann. Die besten Bilder stammen von: Klara Behmle, Dühren. Ehrhardt, Erfurth, Gerhard, Emmh Lange, Hilsdorf, Perscheid, Raubt, Schatz, Stuck, Weimer. Oesterreich-Ungarn besitzt in Henneberg. Kühn, Spitzer drei Künstler von ausgeprägtem Charakter. Sie alle pflegen die schwierige Technik des Gummidrucks, in dem sie große, bildartige Eindrücke malerisch festhalten. In umfangreichen Kunstmappen ist ihr Werk schon gesammelt. Belgien und Frankreich stehen merkwürdig zurück, ja sie Versagen jetzt beinahe vollkommen. Eine gewisse Feinheit ist da. Aber die Sützlichkeit des Tons, die Gegenwärtigkeit des Anekdotenhaften stört den künstlerischen Eindruck. Noch eins verdient hervorgehoben zu werden, das Arrangement. Die ganze Ausstellung ist so übersichtlich und geschmackvoll gegliedert, daß unsere Kunstausstellungen, die immer gleich mit Tausenden von Bildern operieren und sich damit nur selbst schaden, sich daran ein Muster nehmen könnten. Man geht hier hindurch und nicht ein einziges Mal ermüdet der Blick. Sachlichkeit, strengste Auswahl, Geschmack, denen man überall begegnet, machen den Besuch zu einem Vergnügen, das ungewollt manch' tiefere Ueberleaung auslöst. Auch der Katalog ist in seiner Ausstattung ein Muster guter und vor- nehmer Druckart. Der Umfang ist doppelt so groß als der unserer Kuustkataloge, das Papier äußerst kräftig, eine Reihe ausgewählter Abbildungen sind je nach ihren, Inhalt in besonderer Art gedruckt, die Type ist sehr schön groß und deutlich, und dennoch kostet dieser Katalog nur 50 Pf.— bL Sensationsgier. Im Pariser„Kasino" ist dieser Tage Mlle. Marcelle Randal mitten in einem„Todeswirbel", einer Art „looxmg the loop" mit einem Automobil, von einem Schlaganfall betroffen worden und kurz darauf verschieden. Dieser Vorfall gibt dem„Gaulois" Anlaß zu Betrachtungen über die moderne Sensationsgier. Er vergleicht unsere Zirkusschauspiele mit den Zirkusspielen der alten Römer und den spanischen Stierkämpfen, die wir so gern als Barbarei verschreien. Wenn man zu einem Duell Tribünen errichten und Plätze für 25 Frank und 5 Frank verkaufte, so würde die Menge sich dazu drängen; man sieht ja bereits, wie sich Leute mit photographischen Apparaten dazu einfinden. Aber wir haben ja genug Schauspiele, bei denen der Zuschauer seinen Sensationshunger befriedigen kann. Früher drängte man sich scharenweise herzu, um Löotard, den„fliegenden Mann", zu sehen, der hoch oben im Zirkus mit schwindelndem Schwung von einem Trapez zum anderen mit der Leichtigkeit eines Balles flog. Seitdem ftihren viele Akrobaten dieses Kunststück aus; einige machen den Sprung in der Lust, andere lassen sich von einer Höhe von vier Stock in das Netz fallen. Blondin wurde weltberühmt, weil er auf gespanntem Seil die Niagara- fälle überschritt. Unzählige haben dies Schauspiel genossen. das die Gemüter lange in Aufregung hielt. Man sah ihn zögern, schwanken und wieder weiterschreiten. Es wurde ge- wettet:„Fällt er.— Fällt er nicht." Er ist nie gefallen und hat sogar in einer Schubkarre einen Mann hinübergebracht. Andere Leute wollten ihn noch übertrumpfen. Ein gewisser Smith wollte in einer Tonne die Niagarafälle hinunterfahren. Tausende eilten herbei und sahen, wie er in die Tonne ging. Dann erschien das Faß im Strudel oben, in der Mitte und unten, und dann nicht wieder. Man durchforschte alle Sttomschnellen, ohne jenmls wieder etwas zu finden. Gewonnen hatte, wer auf den Tod gewettet hatte. Ein anderer wollte die Strudel durchschwimmen, die der Niagara nach dem Fall bildet. Er Ivarf sich tapfer ins Meer, verschwand, tauchte weiterhin wieder auf, verschwand wieder und ward nie mehr gesehen. Eine Akrobatin, die in Paris austrat, hing an den Beinen und trug an einem Lederriemen, den sie zwischen den Zähnen hielt. einen Mann. Gewöhnlich trug sie in dieser Weise mit der Kraft ihres Gebisies ihren Ehemann. Einmal aber mußte sie nießen, und der Mann fiel zerschmettert zu Boden. Der„Fischmensch" blieb ziemlich lange unter Wasser und hielt eine brennende Zigarette im Munde. Einmal aber bekam er vor den Augen des Publikums einen Schlaganfall und ertrank in seinem Aquarium. Auch die Tierbändiger leben davon, daß die modernen Menschen so sehr Geschmack an starken Nervenerregungen finden. Wenn siedenKopf in den Rachen einesLöwen halten, haben die Zuschauer eine Empfindung, als ob Knochen zer- malmt würden und das Gehirn herausspritzte. Das Märtyrertum der Tierbändiger ist lang, und man begreift den sagenhaften, phleg- matischen und gelangweilten Engländer, der gleichsam ein Symbol dieser Sensattonsgier des Publikums war, der einem Bändiger überall hin folgte und allen Vorstellungen beiwohnte, in der Hoff- nung, daß er eines Tages von den Tieren zerrissen würde! Und wie traurig sind die Spiele, die man für die am wenigsten gefähr- ltchen hält I In dem alten Pariser Hippodrom machten zwei eng- lische Klowns, zwei Brüder, die tollsten Possen und gefährlichsten Sprünge. Plötzlich stürzte der eine zu Boden und blieb lang ausgestreckt auf dem Boden liegen. Der andere stürzte sich auf ihn, nef ihn, schüttelte ihn und stieß herzzerreißende Schreie aus. Alle Zuschauer lachten und klatschten Beifall, die Komödie war wirklich Vortrefflich gespielt. Aber der arme Spaßmacher war gestorben... D�r Unterschied zwischen unseren modernen Vergnügungen und den Ztrkusspielen im alten Rom ist nicht so groß. Freilich galt damals' Nerantlvortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: das Fest nur als bollendet, wenn es Tote gab. Heutzutage sollen die Leute nicht sterben; aber man setzt sie der Todesgefahr aus, und da die Konkurrenz auch auf diesem Gebiete sehr groß ist, muß jeder bemüht sein, die Gefahr auf das höchste zu steigern, damit da? Wagnis am aufregendsten wirke... — Zitternde Familien. Dem„Neuen Wiener Tagblatt" wirb geschrieben:„Die Biologen kämpfen einen erbitterten Kampf ans, um zu entscheiden, ob erworbene Eigenschaften sich vererben lassen oder nicht. Die Prakttker haben diese Frage längst entschieden. Sieht man doch gewisse Eigentümlichkeiten bei bestimmten Familien auftreten, die sich nur durch eine von gemeinsamen Borfahren er- erbte Disposition erklären lassen. So gibt es gichtische Familien, Familien, in denen Migräne heimisch ist, und, wie Obermedizinalrat Dr. Schmalz in der„Münchener medizinischen Wochenschrift" ausführt. auch„zitternde Familien". Der Laie kennt diese Erscheinung des Zitterns lehr genau und mißt ihm eine üble Bedeutung bei. die sie gar nicht hat. Es gibt Familien, in denen beispielsweise 45 Zitterer nachgewiesen werden konnten, ohne daß deshalb alle diese Personen krank sein müffen. Es ist einfach eine Eigentümlichkeit wie die Kurzsichtigkeit oder ein schwacher Magen, die diese Zitterer einem zitternden Ahnherrn verdanken. Freilich waren die früheren Aerzte der Ansicht, daß diese Ahnherren viel zu häufig und viel zu tief ins GlaS geguckt haben. Auch übermäßiger Kaffeegenuß und leidenschaftliches Rauchen des Stammhalters soll die lebhasten Be- wegungen der Nachkommenschast verschuldet haben. Vernünftigerweise schwimmt Dr. Schmalz nicht mit dem Strome der Zeit, die alle Farben und Freuden des Daseins mit Rücksicht auf ihre Gefahren verlöschen will. Er weist darauf hin, daß in einer Zitterfamilie, die er beobachtet hat, gerade die Nüchternheit und der geordnete Lebensgang der Vorfahren besonders betont wird. Das Zittern kann eine Generation überspringen und vererbt sich in gleicher Weise durch männliche wie durch weibliche Personen. Als Kuriosum ist zu erwähnen, daß in der einen Familie eine Zitterin der zweiten Generation einen mit ihr nicht verwandten Mann heiratete, der gleichfalls von Jugend an geztttert hatte. Von diesem Ehepaar stammten dann noch mehrere Zittercr ab. Das Zittern beschränkt sich bei den meisten auf die Hand, ist jedoch nicht bei allen Tätig- ketten gleich. So konnte ein Zitterer kein Glas halten, ohne den Inhalt zu verschütten, war aber trotzdem ein guter Schütze. Auf die Gesundheit hat das Zittern keinen weiteren Einfluß. Die Zitterer können jenes hohe Alter erreichen, wo sie aufhören, ein„merk- würdiger Fall" zu sein. Denn im Alter zittern die meisten Menschen. Die Erscheinung des Zitterns ist also kein Grund für die davon Be« troffenen, für ihr Leben zu zittern."— Humoristisches. — Gutes Beispiel.„Papa, was versteht man unter Optimismus?" „Wenn zum Beispiel ein Autler bei der Abfahrt„Auf Wieder- sehenl" sagt."— — Kindermund. Mama:„Seit ihrem letzten Besuche ist Tante Emma noch dicker geworden." Die kleine Berta:„Ja, die Tante nimmt wirklich überhand."— — Strafe. Sommerfrischlerin(versuchend, eine Kuh zu melken, die ihr aber den Eimer umwirfts:„Undankbares Vieh, jetzt laß dich wieder von den gewöhnlichen Kuhmägden melken I"—(„Meggendorfer-Blätter") Notizen. — Von Heinz TovoteS neuestem Buche„Klein Jnge� erscheint in den nächsten Tagen bereits die sechste Auflage.— — Zu dem vom Verein deutscher Schriftsteller und Künstler in Böhmen„Concordia" in P r a g anläßlich der Schiller-Feier erlassenen dramatischen Preisausschreiben waren 78 Stücke eingelaufen. Die Jury hat jedoch keines von ihnen den Bedingungen entsprechend gefunden, weshalb von der Zuerkennung des Preises abgesehen wurde.— — Im Nationaltheater wird während des Juni eine italienische Operngesellschaft gastieren.— — In der Wiener H o f o p e r hat ein neues Ballett „ChopinS Tänze", vielen Beifall gefunden.— — Von den zur Großen Berliner Kunst aus st ellung 1905 eingesandten Werken wurde nur der vierte Teil an- genommen. — Auf der Feldmark von G r ä b s ch e n bei Breslau ist ein altheidnischer Friedhof aufgedeckt worden. Bisher sind gegen 300 Grabstätten bloßgelegt. In jeder Grabstätte befinden sich mehrere Urnen, Teller, Schüsseln. Töpfe und Schalen, ferner bronzene Nadeln, Broschen und andere Schmuckgegenstände.— — Eine heitere Szene spielte sich dieser Tage bor einer Pariser Strafkammer ab. Ein Rechtsanwalt, der einen Weinsälscher zu verteidigen hatte, sagte in der Verteidigungsrede pathetisch: „Nein, mein Klient hat den Wein nicht gefälscht, sein Wein ist echtt Diese Rechnung hier beweist, daß er aus ftischen Trauben hergestellt ist. Diese Rechnung ist gewifsermassen die Geburtsurkunde deS Weines..."—„Haben Sie den Taufschein auch hier?" fragte der Präsident unter schallender Heiterkeit der Zuhörer."—_ Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer lkCo.,BerlmSiV.