Wnterhaltungsblatt des Horwürks Nr. 79. Donnerstag, den 20. April. 1905 (Nachdruck verboten.) 2] Brennende Liebe. Eine Geschichte aus der Eiset. Von Klara Viebig. Der Gendarm hatte den, deswegen sie kamen, schon beim Kragen gepackt und ihn niedergeduckt mit einer Faust, die an Widerstreben gewöhnt war. Ofen-Willelm dachte nicht daran, sich zu sträuben: scheu die Schultern hochziehend und den Kopf zwischen die Schultern steckend, duckte er sich. Nur einen unzufriedenen, unbehaglichen Laut stieß er aus, wie unsanft aus dem Schlaf gestörte Kinder tun. Die Alte, die der laute Ruf des Gemeindevorstehers nicht geweckt hatte, wurde jetzt sofort wach und setzte sich im Bette auf: „Willelm, wuh biste? Wat haste, Willelm?" „Hän es hei— nor ruhig," sagte der Gemeindevorsteher und tappte nach dem Herd, die Glut aufzustören, daß sie hell leuchtete.„Kathrein, seid eweil verstännig, maacht kein Ambra!') Dan Willelm hei, dän hole mir eweil ebbes mit, dän— dän soll— dän muß— dän--" „Dän Willelm mitholen— waor dann?!" Das Weib stutzte.„Dän Willelm, nä, dän bleiwt hei," sagte sie kurz ent- schlössen und tastete nach ihren Röcken auf dem Schemel am Bett. „Bleiwt nor liegen, bleiwt noren! St---!" Der Gemeindevorsteher wollte ihr die Hand auf den Mund legen, aber schon hatte sie die goldenen Knöpfe der Uniform Klinkern sehen, und in sinnloser Angst vor'm Gen- darmen einen hellen Schrei ausgestoßen. Mit beiden Füßen zugleich fuhr sie aus dem Bett und stand nun zitternd vor den Männern. Was wollten die hier?! Bei Nacht noch dazu?! In verständnislosen! Entsetzen irrten ihre Augen von einem zum andern. Nun sah sie den Griff, mit dem der Gendarm ihren Willelm gepackt hielt. Was, was hatte ihr Willelm getan?! Nichts hatte der getan, loslassen sollten sie ihn, gleich auf der «stell'! Zeternd ging sie gegen den Gendarmen an, aber der schob sie unsanft beiseite. „Halt Euer Maul, Frau," sagte er kurz,„macht Euch kein Ungelegenheit. Voran!" Er stieß den Verhafteten zum Fortgehen in den Rücken. Aber die alte Frau packte ihn am Uniformschoß und hielt ihn fest mit ungeahnter Kraft. „Dän Willelm, dän Willelm," schrie sie in höchsten Tönen, „wat haot hän dann gedahn, wat haot hän dann gedahn?! Hähr Schandarm, och, laoßt hän doch hei, dän maocht jao sein Läwen kein Schpitackel, dän gieht jao gleich in't Bett, dän säuft net, dän zankt net, dän es alleweil ruhig— och, duht ihm neist! Jeses Maria, Hähr Schandarm, liewer Hähr Schandarm, duht dem Könd neist!" Die Zähne klapperten ihr in Furcht und Schluchzen: sie hatte den Uniformschoß fahren lassen und versuchte nun. ihren<>n Sohn dem eiserne� Griff zu entwinden. Sie wußte wohl! �..Männer �bauden und setzten die Mandeln aus. und die ahffottegrafiere laoßen siR sein Modder— on se alle Jaohr uf einen Dag besucht! Och, hän es esu gud, glauwt et doch noren! Ech will stärwen uf der Stell, wann ech net de pure Waohrheit saonl Nikla"— sie wandte sich flehend an den Ortsvorsteher—„Nikla, dir kennt mech seit Menschegedenk', saot, haon ech Eich je wat fürgemaach? Helft mer doch! Laoßt hän doch hei!" Sie machte Anstalt, seine Knie zu um- klammern. „Seit doch net esu gäck, Kathrein," murmelte der Orts- Vorsteher zurückweichend,„Eier Willelm kömmt jao bal redur, et es nor für dat hän sich ausweist— dat hän— hm—!" Verlegen mied er den angswoll sich einbohrenden Blick der Frau.„Hm, dat mer et zu wissen krieht— no, dat hän et net es, dän hei alleweil dat Feuer anfänkt!" „Dat Feuer— hei dat Feuer—?!" Ganz verwirrt glotzte die Frau nach ihrem Herd.„Nä, dat sänken ech immer sälwer an!" „Och was!" Der Gendarm wurde ungeduldig: ohne viel Aufhebens hatte man den Kerl fortschaffen wollen, und nun dauerte das Gezeter schon so lange, daß bald die ganze Straße voll Neugieriger stehen würde.„Dummes Weibsbild, von dem Feuer is ja gar keine Red'! Brand hat er angelegt, der Schubjack! Voran jetzt, marsch!" Er stieß seinen Häftling der Tür zu. Der Willelm Brand angelegt?! Die alte Frau hob ver- wundert die Hände. Es konnte einer glauben, ihr Willelm hätte Brand angelegt?! „Jeses Maria," sie schlug ein Kreuz und faltete dann die Hände,„esu en Sünd!" Das war ja ein Verbrechen! Ihr Willelm ein Verbrecher? Das war ja beinah zum Lachen! „Ha, ha!" Sie stieß ein kurzes, aufgeregtes Lachen aus: „Nä, Hähr Schandarm, su ebbes duht dän Willelm net!" „Allans," sagte der Gendarm und schob den Willelm zur Tür hinaus.„Das wird sich ja finden. Hat der Kerl's nicht getan, werden se'n Euch schon bald retour schicken!" Ja, das würden sie auch! Des war sie ganz sicher. ** So bald, wie die Witwe Driesch sich's gedacht hatte, kam ihr Willelm nun doch nicht zurück. Viermal schon war sie darum in des Ortsvorstehers Haus gewesen, und auf der Straße, auf dem Acker schrie sie ihm nach: „Häh, Nikla, wanneh kömmt dän Willelm redur?" Auch er wußte nichts, zuckte nur die Achseln und ver- tröstete sie. sah er ihr banges Gesicht und ihre verlangenden Augen, mit seinem steten:„Seid doch net esu gäck, Kathrein, hän kömmt bal redur!" Nun waren schon vier Wochen ins Land gegangen: das Tannenwäldchen beim Dorf strömte überstarken Harzduft aus, langsam sickernde, bernsteinfarbene Rinnsale tränten die rissigen Stämme hinab, alle Feuchtigkeit schien den Bäumen entwichen, Durch die Stille des Augustmittags hörte man das Fallen der Nadeln und das Knistern von Zweigen und Zweiglein. Zu sehr hatte die Sonne ob ihnen geglost. Heber die Felder kam mehliger Duft: das Korn war ge- hauen. In Schwaden lag's am Boden: die Weiber rafften, selbst nicht, daß sie dabei kratzte und kniff. Der Gendarm hatte alle Mühe, die Frau abzuschütteln, zumal sein Arrestant, durch das Beispiel der Mutter angesteckt, sich auch zu sträuben begann. Endlich schaffte ein kräftiger Stoß die Alte beiseite, und Handschellen, im Nu aus der Tasche gezogen, fesselten den Verbrecher. „In't Kittchen—?!" Der gellende Schrei der Frau hallte von den rußigen Wänden wider. Sie lag auf den Knien und rang die Hände:„Nikla, Nikla! Höhr Schandarm! Hährgott im Himmel! Wat haot hän dann gedahn?! Ech schwören, dän es esn unschullig wie neugeboren! Dän fchnied't ke Gros uf andrer Leut's Wies, dän bricht ke Aestche im Wald ahl— dän es noch nie öwer dän Zaun gestiegen, für Aeppel zu plücken beim Hähr Pastor— glauwt et, glauwt et doch, bei meiner ewigen Säligkeit, dän es esu ene gude Jung! Hän haot mer immer Kaffee on Zucker erufgeschickt, on en schwaarz Schürz für nach der Kirch ze giehn, on hän haot sich •). embarras. Kinder, die jetzt frei an der geschlossenen Schultür vorüber durften, liefen über die Stoppel und sammelten die verstreuten Behren. Das Dengeln der Sensen am Feierabend, diese ein- tönige Musik des Dorfes, hatte aufgehört, dafür knarrten jetzt am Tage die Ochsenwagen über die zu tennenhartem Lehn ge- brannte Straße hinaus, und„hott und Hahr" und Peitschen- knall erschütterten die Luft über den flimmernden Feldern. Alles war draußen. Nur Kathrein Driesch nicht: die hatte nichts zu ernten. Still faß sie in ihrer Hütte und hörte, war das Rattern der ausziehenden Wagen verstummt, nichts als das Surren der Fliegen und das Knastern des Reisigfeuers, im Herd. Sie schürte, wie immer, denn wenn er heimkam« sollte er's doch nach seinem„Ehs"') finden. Und wie sie jo dasaß, lässig die Hände,— sie konnte nicht arbeiten, was auch, wozu auch, er war ja nicht da— kamen ihr die Gedanken: Jesus, wenn sie dem Willelm was antaten?! Wie lange hielten sie ihn denn nur da?l Nun glaubte sie dem Nikla nicht •) ä son aise. wehr— der log ja, krotz seiner grauen Jpaarel Der wich ihr aus; gestern abend hatte sie's deutlich gemerkt. Da war sie auf ihn zugelaufen, gerade als er vorm be- lodenen Erntewagen her heimschritt, die Heugabel über der Schulter. „Wanneh kömmt dän Willelm?.!" Er aber hatte den Kopf auf die Seite gedreht und übers Wetter angefangen mit seinem Sohn, dem Matthes, der hinter ihm schritt. „Höh, Nikla?" War er taub? Sie hakte ihn angepackt, am Hemd vorn bei der Brust, und hatte ihm ins Gesicht ge- schrien: „Wanneh kömmt hän?" Nun mußte er's doch hören! Aber statt ihr Antwort zu geben, war er unwirsch ge- worden: «Loaßt mech in Ruh," und hatte den Ochsen, die unterm Joch, die Köpfe gesenkt, mühselig daher schnauften, mit der Peitsche eins übergehauen:„Höh, höh. Luderzeug, voran, höh, höh," und war schnelleren Schritts weitergezogen mit Sohn und Knecht und mit dem Enkelkind hoch oben auf den goldenen Korngarben. Und sie hatte ohne Antwort dagestanden und wie tief- sinnig zur Erde auf die weißen Schaumflocken gestiert, die den angestrengten Ochsen aus dem Maule geklext waren. Warum hatte ihr der Nikla nicht standgehalten?! Die ganze Nacht hatte sie darum nicht schlafen können, und wenn sie auch fleißig gebetet hatte, Ruhe hatte sie doch nicht ge- funden. Sonst hatte der Nikla doch gern mit ihr ein Wort ausgetauscht, nie war er ihr vorbeigegangen?! Jäh ward sie des plötzlich inne: auch andere wichen ihr aus! Ihr Nachbar zur Linken, Heids Joseph, dessen Häuschen sich so dicht cm das ihre lehnte, als wären die zwei eins, sah sie früher nie hinten im Gärtchen Unkraut jäten oder ihren Kappes be- gießen, ohne daß er sich über den Zaun lehnte, mit ihr ein Schwätzchen zu halten— und ihre Nachbarin zur Rechten, die Schneidersch, eine Wittib wie sie, die nur die Hand zum Fensterchen herauszustrecken brauchte, um an ihrem Fensterchen zu pochen, hatte auch schon seit Tagen nicht mehr bei ihr an- geklopft. Was hatten die denn— sie war sich keiner Un- sreundlichkeit bewußt und einen Klatsch hatte sie nicht an- gefangen— war's etwa wegen dem Willelm?! Jesus, der arme Jung, was hatten sie nur gegen den? Und er hatte das Vieh doch so sorgsam gehütet; jede Kuh war ihm lieb, und war ein Ferkel müde, so trug er's heim auf den Armen. Nein, einen so guten Hirten kriegten sie nie wieder. Jetzt mußte das arme Vieh immer im dunstigen Stall bleiben, niemand fand während der Ernte Zeit, es ins Freie zu treiben. O je, die würden schon noch einsehen, was der Willelm wert war! Aber so waren die immer gewesen: ist einer lange in der Fremde draußen, der ist nicht mehr einer von ihnen— und nun gar der Willelm, der besonderer war als alle, den guckten sie scheel an. Mochte auch sein, daß sie ihm das Geld, das er als Rente bezog— wie ein pensionierter Herr— neideten, ihm's vielleicht auch nicht gönnten, daß er dazu noch den Posten als Gemeindehirt gekriegt hatte. Es langte nun so schön für sie beide; nun brauchte sie auf ihre alten Jahre nicht mehr in Tagelohn gehen wie früher— ach ja, was war ihr der Willelm doch für ein Glück! Andere Männer in seinem Alter haben längst Frau und Kinder, aber sie hatte den Sohn noch so ganz für sich allein! In der Stille ihrer Einsamkeit rief sich die Mutter alle Tage des Beisammenseins zurück. Viel geredet hatten sie nicht miteinander, der Willelm war ein Stummer; aber zu- Zeiten, wenn ihn das arge Kopfweh plagte, dann hatte er den Kops an sie gelehnt wie ein Kind, das sich duckt, und sie hatte ihn gestrichen, immer sacht über den Schädel, immer' sacht, und er hatte geschnurrt dabei wie der Kater. Das war schön gewesen! Ach, wenn er nur erst wieder da wär'! Es drängte sie allgewaltig, sie mußte nieder auf die Knie fallen, hier in der Stube genau so wie in der Kirche, und der heiligen Mutter auf dem höchsten Thron eine Kerze geloben von weißem Wachs, wenn die ihr den Sohn schickte. Unter Tränen, die, ohne daß sie's merkte, ihr über die runz- ligen Wangen rollten, versprach sie: „Ech gelowen dir en Kerz für deinen Altar, Maria voll der Gnaden! Ech sänken dir en Kerz an— die soll brennen esu hell, esu hoch!— heilige Maria, Modder Gottes, erhör mech um deines Sohnes, um deines Sohnes willen!" Inbrünstig wiederholte sie das viele Male. In der nächsten Nacht glaubte sie seinen Tritt zu hören. jSie fuhr auf, das Herz klopfte ihr hart. Aber die Tritte hielten nicht an, sie trabten borüber:'s war wohl einer, der spät aus der Wirtschast nach Hmise ging. Ach, zu ihr ging keiner ein! Und sie weinte, und ein Verlangen stieg in ihr auf, daß sie hätte hinkriechen mögen, hin auf Händen und Füßen, bis wo ihr Sohn war. Wo war der?! Im Kittchen. Das hatte ihr heute die Schneidersch zugeschrien, als sie's nicht ausgehalten und bei der angeklopft hatte. Im Kittchen— ja, das wußte sie, aber was sollte er da, was machte er da so lange? Das hatte die Schneidersch auch nicht gewußt— oder wollte die's am Ende nicht sagen? Und warum war er da?! Ja, darauf hatte die Nachbarin auch nicht geantwortet, aber sie hatte ein großes Gejammer angefangen über die böse Welt und die schlechten Leut' und sich vielmals bekreuzt:„Gott bewaohr uns, Gott behüt uns, heilige Modder bitt für uns— esu en Kerl, esu en Scheusal!" Und dann hatte sie geseufzt: „Kathrein, ech muß en Dauer met Euch Haan— nä, nä, esu en Kreiz!" Bei der Schneidersch war kein Trost zu finden gewesen; im Gegenteil, seit Kathrein bei der angepocht hatte, war eine noch verzehrendere Unruhe über sie. gekommen. Sie trippelte in ihrer Stube hin und her, vom Bett zur Bank, von der Bank zur Truhe, von der Truhe zum Herd, nahm bald dies zur Hand, bald jenes, jetzt den Eimer, dann den Napf, jetzt das Messer, dann den Löffel— es hatte alles nicht Zweck noch Ziel. Im Ställchen hinten meckerte kläglich die vergessene Ziege. Mitten im Trippeln hielt das Weib dann plötzlich an und faßte sich nach dem Kopf; aber sie erinnerte sich nicht der vergessenen Ziege— was, was hatte die Schneidersch gesagt? „Ech muß en Dauer met Euch haon"— und„Esu en Kerl, esu en Scheusal" � wen meinte sie damit? Wer war ein Kerl, wer war ein Scheusal? Ihr Willelm doch nicht gar? Oho! In den sanften Augen der alten Frau begann es zu flammen, sie hob die Faust und schlug an die Stubenwand, daß die nebenan es hören mußte, und schimpfte dabei: „Frech Mensch, Lügenersch!" Nein, ihr Sohn war kein Kerl und auch kein Scheusal! Der Gedanke an ihn sänftigte ihren Zorn, aber die Unruhe vermochte auch er nicht zu bannen. Wenn sie nur wüßte, warum er so lange nicht wiederkam?! Ach, daß er doch jetzt hier wäre, von dem guten Essen kostete, das sie alle Tage frisch für ihn kochte, und das dann doch die Katze fraß, weil er immer noch nicht kam. Sie selber trank nur einen Kaffee, kein fester Bissen mehr wollte ihr die Kehle hinunter, der Hals war ihr wie zugestrickt. Und auf der Brust lag es ihr wie ein Stein; nichts wälzte den mehr ab. Andere Jahre hatte sie sich mitgefteut, wenn die Ernte- wagen, schwerbeladen, an ihrer Hütte vorbeischwankten, wenn die Nachbarn das Korn drin hatten, reif und trocken ohne Ungemach. Mochte jetzt der Himmel sich auftun und Wasser ohn' Ende herabschütten, daß alles niedergeschlagen ward wie mit Hämmern! Sonst war sie alle Morgen in die Messe gelaufen und hatte fleißig gebetet um gnädige Be- Wahrung vor Wettersnot. Mochten jetzt Donner nieder- dröhnen und Blitze Niedersohren und Hagel niederprasseln, dick wie Eier,— warum kam der Willelm nicht?!— Es war heuer eine gesegnete Ernte. So viel totreifes Korn hatten die Eifeler noch nicht trocken in ihren Scheuern gehabt. Wenn das gute Wetter nur noch ein wenig anhielt! In zwei Tagen würde das letzte geborgen sein. Das Dorf war froh, alle zweihundert Seelen freuten sich, Mann und Weib, Junge und Mädchen. Selbst die ganz kleinen Kinder grahlten lustig am Feldrain, wo die Mütter sie unter einem notdürftig schattenden Busch neben dem Trink- krug und dem blechernen Eßnapf niedergesetzt hatten, derweil sie emsig chren Ehemännern halfen. Am müden Abend noch klang Ziehhanuonika, und die Mädchen lachten am Brunnen. (Schluß folgt.) (Nachdruck verboten.) Im friibUng. Von W. Matschinsky. Deutsch von S. W i n i ko f f. (Schluß.) Ms der Wagen borübergefahren war, kam Pistschichin aus seinem Versteck heraus. Er war wie im Fieber. Es trieb ihn gleichzeitig zu weinen und zu lachen. Er weinte über sein kläg- liches, farbloses Schicksal und über seine Verlassenheit, und dann wieder erfteute ihn der Gedanke, daß es auch noch etwas anderes gab und nicht alle so ein armseliges graues Leben führten wie er. — 315— Und ein Durst nach Glütf. das Verlangen, einen Freund zu finden, jemand sein eigen zu nennen, ihn zu umarmen und zu küssen, nur an ihn zu denken und für ihn zu sorgen, wuchs stärker und stärker in ihm und erfüllte ihn mit einem neuen, unbekannten Gefühle der Traurigkeit und Unruhe. Er ging nach Hause, tief in sich versunken. Und die ganze Um- gebung erschien ihm wie in einen Nebel gehüllt. Zu Hause, als der Abendtisch gedeckt wurde, schalt seine Mutter auf da? Mädchen Gruscha. Die Alte war überhaupt zänkisch und anspruchsvoll; sie schirupfte laut auf das halbwüchsige Ding und schien nicht weit entfernt, fich an dem Mädchen zu vergreisen. Gruscha, die vergeblich versuchte, fich zu rechtfertigen, stand leise schluchzend, mit Tränen in den Augen da und wischte fich fort- während mit ihrem schmutzigen Aennel das Gesicht. Pistschichin, der dieser Szene zusah, fühlte zum erstenmal das Widerwärtige einer solchen Situation. Ms er beim Abendbrot das verweinte ernste Geficht der Gruscha sah und ihre schlanke, biegsame Figur, erschien sie ihm sehr anziehend und lieblich trotz ihres kind- lichen Aussehens, trotz ihres sehr vertragenen Kleides, trotz ihrer schmutzigen Hände und ihrer zerzausten Haare, und unwillkürlich er- faßte ihn ein Unwillen über diesen Schmutz und diese Nachlässigkeit, an der zum größten Teile seine Mutter Schuld war. Warum trat er nicht für sie ein? DaZ junge Ding überhäufte man mit schmutziger, über ihre Kräfte gehende Arbeit, man ließ ihr keinen Augenblick zuni Ausruhen, ernährte sie schlecht und zankte obendrein noch mit ihr, der Wehrlosen. Und er beschloß, es ferner nicht mehr zuzulafien, daß man ihr Unrecht tat. Als sie ins Zimmer kam, sah er sie wieder verstohlen von der Seite an.... Wie hübsch es doch ist, dieses blonde, gut- gewachsene Ding, das gekränkt, mit gesenkten Augen hereinkommt I Wie lebhast, voll halbkindlicher Grazie und jugendlicher Kraft sie doch ist l Und den ganzen Abend fühlte er etwas Gutes und Frohes in fich aufleben, das seine besten Eigenschaften weckte und ihm eine unklare Hoffnung gab, daß es ihn aus der Verzweiflung, in die er zu verfallen drohte, herausreißen würde. Am Abend schlief er zwar unruhig und mißtrauisch ein, aber er war nicht mehr in jener verzweislungsvollen Stimmung, in der er vom Spaziergange heimgekommen war. Im Traume sah er die junge interessante Dame mit dem mädchen- hasten Wuchs. Auf ihrem Geficht lag derselbe Ausdruck des Vertrauens und der Zärtlichkeit, den er im Walde beobachtet hatte. Und so sah sie ihn, die Reizende, Unerreichbare, von der Ferne an, und er zitterte vor Unruhe und Glück. Plötzlich aber sah er neben sich an einen Riesenbaumstamm gelehnt die kleine Gruscha. Sie steht, das Geficht mit dem Aermel verdeckt, und weint bitterlich, und ihr schmutziges dünnes Kleidchen zittert auf ihrem jungen, geschmeidigen Körper. Er weiß nicht, was er tun soll; aber es zwingt ihn etwas, nicht zu zögern.»Es ist Zeit, höchste Zeit," hört er eine Stimme. Aber was tun? Kalter Schweiß bedeckt seine Stirn und nun entschließt er fich... Und wieder vernimmt er dieselbe Stimme. .Es ist Zeit", sagt sie... Und Pistschichin erwacht. Vor ihm steht fern Vater mit spöttisch ernstem Blick, wie immer nach seiner Trunkperiode und zieht ihm die Decke vom Bett herunter. 3. Es war Feiertag, und wieder wie damals bei der ersten Be- gegnung des Paares im Walde strahlte die Frühlingssonne. Plstschichin fühlte, wie dieselbe trübe Stimmung der Verlassenheit und des UeberflüssigseinS von neuem an ihn heranschlich, und seine Seele lechzte nach Teilnahme und Liebkosung. Als Gruscha nach dem Tee das Geschirr forträumte, bemerkte er, daß sie leise vor sich hinweinte. Er ging auf sie zu. .Aas ist Dir, Gruscha?" Sie fing an, bitterlich zu weinen, ohne zu antworten. Pistschichin neigte fich zu ihr und sagte teilnahmsvoll:.Nun, worüber weinst Du denn, und warum willst Du es mir nicht sagen? Vielleicht kann ich Dir helfen." .Ich habe gebeten, nach Hause gehen zu dürfen... aber sie läßt mich nicht.... Ich habe mich schon für heute angesagt... es ist doch heute Feiertag," sagte sie schluchzend. „Nun, weine nicht, Gruscha, ich will mal zu ihr gehen, viel- leicht läßt es sich doch machen. Nun hörst Du, weine nicht, sag' ich Dir, na!" Er nahm ihre Hand, Gruscha bemerkte dies kaum. Sie zog ihre Schürze vom Geficht und hörte auf zu weinen. Beide schwiegen. „Sie werden es der Frau Mutter sagen? Sie wird es aber doch nicht erlauben!' sagte sie mißtrauisch und sah ihn mit ihren naiven Kinderaugen, die noch voller Tränen standen, groß an. .Sie wird es schon erlauben... mir zuliebe." Und er streichelte langsam-ihre kleine Hand. Dann maß er sie mit einem traurigen Blick und sagte: .Gruscha, auch heute läufft Du so schmutzig umher. Warum ziehst Du Dich nicht an? Heute ist doch Festtag... Alle putzen sich heute...." .Ich wollte ja auch... dachte, wenn ich nach Hause gehe... im Dorf da gehen sie alle heut spazieren" sagte fie noch immer seufzend. „Welchen Weg willst Du gehen? Durch den Wald? Weißt Du was, dort treibt fich jetzt allerlei Volt herum, man kann Dir dort was antun... Ich werde mtt Dir gehen, ich werde Dich Flesten... ich wollte sowieso dort heute spazieren gehen," sagte „Wenn fie mich man läßt," sagte Gruscha gedankenvoll nach einem Punkt starrend. Aber Pistschichin war fest entschlossen, es durchzusetzen, und ging zur Mutter. In einer halben Stunde war alles in Ordnung. MS er es Gruscha mitteilte, wurde fie gleich heiterer Stimmung und begann wie besessen im Zimmer herumzurennen, um schnell die begonnene Arbeit zu beenden. Rachher ging fie in die Küche, um die Vorberei» tungen für den Weg zu treffen. Bald erschien fie sauber angeputzt und fröhlich im Zimmer. Es war etwas Neues an ihr zutage getreten, eine junge unbewußte und deshalb anziehende Grazie. Pistschichin sah fie, indem er Toilette machte, verstohlen von der Seite an. Er war verwundert und bestürzt über das Reue, das er unerwartet an ihr bemerkte. Sie gingen zuerst lange Zeit schweigend nebeneinander her. Ms fie im Walde waren, erschien plötzlich ans Gruschas Geficht, das er beobachtete, ein Schatten, fie runzelte die Stirn. „Was hast Du, Gruscha, was machst Du denn für ein Geficht?" Sie senkte die Augen. .Und zu Pfingsten, wenn fie mich nicht ausgehen läßt, werden Sie dann wieder ein gutes Wort für mich einlegen?" Cr blieb stehen. .Natürlich, Gruscha, wie sollte ich das nicht für Dich tun? Ich werde für Dich alles wn. Du bist em so gutes, prächtiges Mädchen I" Und er streichelte ihre Hand. Gruscha schwieg. Sie kamen an eine große Pfütze. Pistschichin ging zuerst hinüber und reichte ihr die Hand, Gruscha faßte fie wie ein Kind mit beiden Händen und sprang leicht hinüber. Von nun ließ er ihre Hand nicht mehr los. Zuerst wurde fie etwas verlegen und errötete, im Gespräch aber vergaß sie das später. Die Unterhaltung stockte zuerst. Er war sehr verlegen und auf- geregt, und Gruscha. der die Situation neu und außergewöhnlich war, wußte nicht, was fie sagen sollte, sie fürchtete sich zu reden. Als fie an den alten Baumstamm kamen, sagte Pistschichin, in» dem er fie zurückhielt, mit veränderter Stimme: „Warte mal, wir wollen uns hier ein wenig setzen." Gruscha sah ihn naiv verwundert an und setzte fich. Nach eine» Weile ergriff er wieder ihre Hand. „Gruscha, woran denkst Du?" „An nichts I... Mutter wird schon ungeduldig werden.., Wenn sie bloß nicht ärgerlich wird!" „Weißt Du, an wen ich denke?" Sie sah ihn erstaunt an. „An Dich, Gruscha,... Du bist so lieb, so heiter..." Sie schwiegen, Gruscha zuckte leicht mit den Achseln. „Wenn's nur nicht kalt wird zum Abend," sagte fie leise. Ihre Stimme klang eigentümlich. Plötzlich verstummte sie unter dem Banne seines durchdringenden Blickes. „Ist Dir kalt? So rück doch zu mir, Gruscha... Lehn' Drch doch an mich!" Er legte seinen Arm um ihre Taille. Sie fühlte fernen Atem, fühlte wie er fie lange bittend ansah. Es wurde ihr unheimlich zu Mute, sie getraute fich aber nicht sich zu rühren. Es entstand eine Verlegenheitspause. Plötzlich umarmte er fie fest und drückte sie an fich: „Gruscha I Liebste I" Und sich herabneigend, begann er stürmisch ihr Lippen, Augm und Gesicht zu küssen. Das Mädchen schien erstarrt vor Schreck und Ucberraschung, ern Krampf in der Kehle verhinderte sie aufzuschreien. Aber gleich nach« her fing sie mit Tränen in den Augen an sich loszureißen und schließlich schluchzte fie laut. Pistschichin gab erstamrt und mederge- schlagen ihre Hände frei. Gruscha sprang auf und lief fort. „Gruscha. Gruscha I Wohin willst Du denn allem?' schne er ganz bestürzt und wollte ihr nachlaufen. t.. r_ „Ich fürchte mich nicht allem I" weinte fie laut und l,ef schnell dem Dorfe zu...... Lange vernahm man noch in der Stille des alten, m Damme- rung eingehüllten WaldeS ihr kindliches Schluchzen.--» Und Pistschichin ließ fich traurig mrd kraftlos auf den Baum- stamm nieder. Unbeweglich saß er und fühlte, wie langsam die ihm bekannte Verzweiflung von seiner Seele Besitz nahm.— kleines feirilleton. k. Magie und Zauberei im alte« Aegypten. Von den viel- verzweigten Formen der„Magie und Zauberei im alten Aegypten spricht Professor Alfred Wiedemann in einem kürzlich erschienenen Hefte des„Alten Orients". Zunächst macht der Gelehrte darauf aufmerksam, daß in der Mythologie der Aegypter, obwohl sie so wie etwa die homerische die Verhältnisse der Menschen mS Gott- liche übersetzt, von einem eigentlichen Götterkönigtum, wie es in dem griechischen Zeus sich so deutlich darstellt, nicht die Rede sein könne. Vielmehr machten sich viele Götter den Vorrang streitig, und würden von verschiedenen Seiten, je nach- dem sie sich mächtig und Hilfteich erwiesen, anerkannt. So wurde z. B. von den Pharaonen der 13. bis 21. Dynastie Aman als Obergott verehrt; der Gott Ptah gab aber seine bis- herige Stellung als Herrscher der Welt nicht auf. So wurde auch von den meisten bedeutenden Göttern Aegyptens behauptet, sie hätten die Welt erschaffen, und in den Hymnen, mit denen man die Götter umschmeichelte, gab man dem Gott, an den man sich gerade wandte, alle erdenklichen Ehrennamen und schrieb ihm alle möglichen Wunder und Taten zu. Wenngleich so kein organisiertes Götterreich in Aegypten bestand, so gab es doch merkliche Unterschiede und Abstufungen im Range der Götter. Zu den obersten und größten Göttem beteten gewöhnlich nur die Pharaonen und die hohen Beamten. Der ägyptische Bauer flehte nur in höchster Verzweiflung zum Amon oder Ptah. m seinen alltäglichen Gebeten aber wandte er sich an eine unzählige Schar kleinerer Götter. Da waren zunächst die Hausgötter in Schlangen- gestalt oder als Sperber, Gänse, Widder dargestellt, vor deren käsig- artigen Kapellen man seine Andacht verrichtete. Auch an heilige Bäume, an Pflanzen, Steine, allerlei Geräte und Gebäude wandte sich der Landmann flehend in seiner Not. Von höchstem Einfluß auf sein Schicksal und Ergehen aber waren die Gottheiten der Jahre, Monate, Tage und Stunden. Die Monate waren Gottheiten weiblicher Gestalt, doch auch für jeden Tag, ja fttr jede Stunde gab es ein an- gebetetes Wesen, das man sich als eine Frau mit einem Tierkopf oder auch als ein Tier vorstellte. Auch die Sterne hatten ihre Gottheiten, und alle diese Mächte der Zeit verbanden sich mit astrologischen Be« rechnungen und unheilkündenden Erfahrungen zu einem prophetischen Kalender, wie er uns in einem Papyrus um 1300 v. Chr. erhalten ist. Für jeden Tag wird eine Deutung gegeben, ob er günstig sei oder unheilbringend. Am vierten Paophi soll man ja nicht sein Haus verlassen, und wer an diesem Tage geboren ist, stirbt an schwerer Krankheit. Wer am fünften das Licht der Welt erblickte, wird durch Liebe sterben. Vielfach stehen diese Prophezeiungen mit religiösen Legenden, besonders mit dem Osiris-Kult zu- sammen, vielfach aber sind sie durch jene Erfahrungen er- zeugt, wie sie Völker ftüher Kulturen so gen, aus einer abergläubischen Kausalverbindmig zweier Ereigniffe ab« leiten. Wenn man eine Mißgeburt entdeckte, und ein König starb um dieselbe Zeit, dann war sein Tod durch dieses Zeichen ange- kündigt, und der Tag wurde zu einem Unglückstag. So wurde das Leben des Aegypters durch unendlich viel Gottheiten bestimmt und geleitet: das Hauptziel seiner religiösen Uebungen war es, sich den Gott günstig zu stimmen. Sein Verhältnis zu seinem Gotte war ein durchaus materielles. Er baute ihm ein Haus, er brachte ihn, Speise dar, daß er seinen Hunger stille, Kleidung, Weihrauch und Schminken, daß er stattlich auftrete; dafür verlangte er aber auch, daß ihm der Gott Glück und Wohlstand beschere. Tat er dies nicht, dann entzog der Aegypter dem Gotte seine Nahrung, vertrieb ihn aus dem Tempel, und er mußte nun als ein armseliger Dämon hungernd an den Toren der Dörfer lauern und sich vom Abfall und Kehricht mühsam ernähren, denn auch ein Gott konnte nicht nur Not und Elend leiden, er konnte sogar nach dem ägyptischen Seelenwanderungsglauben sterben. Tötete man den Apisstier, so starb der große Ptah, doch erstand er in einer neuen Gestalt als Dämon und suchte sich nun natürlich an seinem Mörder zu rächen. Deshalb war es ein gefährliches Unternehmen, den Gott zu töten. Man schlug die Götter, warf sie ins Wässer, wenn sie nicht willig waren, vor allem drohte man ihnen. Solche Drohungen wurden an den Gott gerichtet, indem der Beschwörende sich selbst für einen Gott oder eine Göttin ausgab und dadurch seinen Flüchen mehr Nachdruck gab. Noch öfter aber versuchte man mit Schmeicheleien die Herzen der Götter gnädig zu stimmen, und die noch erhaltenen Lobeshymnen enthalten endlose Häufungen preisender und verehrender Redensarten, atmen ganz den überschwenglich demütigen Geist höfischer Schmeichelkunst. Einfluß auf die Götter zu gewinnen, suchte man auch durch.magische Formeln', von denen eine sehr große Anzahl wieder bekannt geworden ist. Bei Krankheiten und lonstigen Unglücksfällen sagte der Magier und Priester bestimmte Formeln her, die er mit Gesten begleitete und bei denen er sich häufig noch eines schlangenfönnigen Zauberstabes oder eines Amuletts bediente. Die Aegypter meinen, jede Krankheit werde durch das Eindringen eines Dämons in den kranken Körperteil ver- ursacht. Manche Gottheiten hatten überhaupt heilende Kraft, wenn man sie anries; außerdem aber gab es nach den Ausweisen des Totenbuches LS Gottheiten, denen die 36 Teile, aus denen nach ägyptischer Ansicht der Körper bestand, zu besonderem Schutze anvertraut waren, und an die nian sich bei Erkrankungen wandte. Auch mit Lärm und Geschrei suchte man unheflpolle Geister zu vertreiben, eine Sitte. die noch heute im Niltale vvelommt. Auch gegen wilde Tiere gab e« wirksame Beschwörungen, denn in diesen lebten nach dem ägyptischen Tierkult dämonische unheilbringende Wesen. Vor solchen Tieren hatte man eine verehrende Scheu, vor allem vor den Katzen, die bis heute andauert, und die man jetzt nach dem Islam dadurch zu erklären sucht, daß Mohammed diese Tiere bevorzugt habe. Auch im Totenreich noch half die magische Formel dem armen hilflosen Verstorbenen in dem Zwischenzustand semer einsamen Schatten- Wanderung.— Aus dem Tierleben. — Laichplätze des Flußaal und Heilbutt. Seit- dem durch die Italiener Grassi und Calandruccio in den 90er Jahren das Rätsel der Vermehrung des Flußaals gelöst ist, steht fest, daß die geschlechtsreifen Aale— umgekehrt wie die meisten Flußfische, die zum Laichen nach dem Oberlauf der Flüsse steigen— zum Meere ziehen und dort ihre Brut ausbringen, welche die erste Jugend im Meere verlebt und erst später in die Süßwasser wandert. Es steht ferner fest, daß die Aalbrut— ebenso wie die Neunaugen— eine Metamorphose durchläuft, und daß die Zwischenform, d.h. also die echten Larven des Flußaals, die kurzschnäuzigen Glasfische sOeptooexbalus brsvirostris), Tiefseebewohner sind. Die genannten italienischen Forscher haben dies einerseits durch den Zuchtversuch aus frei im Meere treibenden Aaleiern nachgewiesen, andererseits geht auch aus der Zahl der Wirbel und anderen anatomischen Beftmden die Un- anfechtbarkeit der dargelegten Aalentwickelung hervor. Unklar war man aber bisher darüber, wo der Aal und ebenso auch der Heil- butt, die größte aller Schollen Hixpogflossus vulgaris), in den nordeuropäischcn Meeren ihre Laichplätze haben; denn wenn man auch wußte, daß der Aal seine Eier iu Tiefen von wenigstens 500 Metern absetzt, so hat man doch die Larven derjFlußaale außer im Mittelmeer nur ein einziges Mal noch, und zwar an der Küste Südamerikas gefunden. Nunmehr hat Joh. Schmidt s.Deutsche Fischerzeitung', 1904) bei seinen Untersuchungen in den Gewässern um Island herum die Aal- brut schwebend im' Wasser gefunden in großen Tiefen von mehr als 1000 Faden(1 Faden engl.= 1,8288 Meter), und zwar zwischen Island und den Far-Öer; die Brut war drei Zoll lang, ganz durch- sichtig und beiderseitig flach zusammengedrückt wie ein Band. Die Brut des Heilbutt fand man in bedeutenden Mengen westlich von Island in tiefem Wasser außerhalb der großen Heilbuttbänke. Da« durch ist erwiesen, daß der nordeuropäische Aal seine Laichplätze in großen Meerestiefen weitab von den Küsten sucht, womit auch eine weitere Erklärung gegeben ist, weshalb das Aalproblem so schwer zu lösen war.—(.Prometheus.') Astronomisches. is. Die Höhe der Sternschnuppen. Es ist unter gewissen Voraussetzungen möglich, die Höhe zu bestimmen, in der das Aufleuchten der Meteore über dem Erdboden erfolgt. Die nöttgen Vorbedingungen sind nicht leicht zu erfüllen, deshalb gibt es nicht allzuviel derarttge Beobachtungen, doch hat es der hervor- raaendste Erforscher der Meteorschwärme, Professor Denning, durch- gesetzt, wenigstens von einer ziemlich großen Anzahl der Stern» schnuppen verschiedener Gruppen die Höhe des Aufleuchtens und de? Verschwindens zu ermitteln. Im allgemeinen werden nach seinen Untersuchungen die schnellfliegenden Meteore in einer größeren Höhe fichtbar als die langsamen und kommen der Erde andererseits nicht so nahe. Die Meteore aus den berühmtesten Schwärmen der Leoniden(im November) und der Perseiden(im August) haben immer einen verhältttismäßig geschivinden Flug, aber die Leoniden leuchten im allgemeinen höher auf als die Perseiden. Denning verfügt über Höhenangaben von 25 Leoniden, die im Durchschnitt 135 Kilometer über dem Erd- boden sichtbar wurden und 90 Kilometer hoch verschwanden. Das Aufleuchten der Perseiden, von denen 40 beobachtet wurden, erfolgte in 128, ihr Erlöschen in 86 Kilometer Höhe. Für sehr langsame Meteore scheint die mittlere Höhe des Erscheinens 104 Kilometer und des Verschwindens in 61 Kilometer zu liegen. Denning unterscheidet unter ihnen noch zwei Gruppen, je nachdem die Laufbahn de» Meteors zwischen 102 und 77 oder zwischen 106 und 45 Kilometer Höhe gelegen ist. �Besonders lehrreich für die Eigenschaften eines Meteors ist eine Beobachtung von Rosenberg, die jetzt in den .Astronomischen Nachrichten' veröffentlicht wird. Es handelte sich um ein ungewöhnlich helles Meteor, depen Leuchtkraft auf etwa ein Viertel des Vollinondlichts geschätzt lvurde. Die Länge der ficht- baren Bahn der Sternschnuppe betrug 385 Kilometer, die Flugzeit etwa 9 Sekunden, die mittlere Geschwindigkeit 42,8 Kilometer in der Sekunde, die mittlere Höhe der Flugbahn über der Erdoberfläche nur etwa 30 Kilometer.— Humoristisches. — Der Theaterhut. A.:.Sie sind gestern Abend im Theater gewesen?' B.:.Jawohl I' A.:.Und was haben Sie gesehen?' B.:.Eine Masse Chiffon, ein paar Schildpattkämme, ein paar riefige schwarze Straußenfedern und einen ausgestopften Vogel.'— — Das L i cht im Leben desKindes. Photograph: .Leider, gnädige Frau, reicht das Licht heute nicht mehr zu einer Aufnahme.' .Ach, für das kleine Kind wird's schon noch langen I'— — Sittliche Forderung..Wüßten Sie nicht einen Mann für meine Ella? Schön braucht er nicht zu sein, das ist sie selber; jung braucht er nichts» sein, das ist sie auch selber; reich braucht er rflcht zu sein, das ist sie auch selber; aber an- ständig muß er sein.'—(.Lustige Blätter'.) Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo., Berlin