Ilnterhaltlmgsblatt des Horwärts Nr. 81. Sonntag, den 23. April. 1905 Machdruck verboten.) Ii flammen. Roman von Wilhelm Hegeler. 1. Als der Privatdozent der Philosophie. Heinrich Grabaus, das auditorium maximum der Universität betrat, saß die zuhörende Schar bereits dicht gedrängt auf den Bänken. Das Sommersemester war längst geschlossen, das Kolleg, das der junge Lehrer las, über die klassische Zeit der deutschen Literatur, gehörte zum Ferienkursus. So befanden sich nur wenig Studenten unter der Zuhörerschaft: alle möglichen Stände waren vertreten, behäbige Rentiers, Offiziere, Volks* schullehrer, sogar einige Handwerker. Den größten Bestand- teil aber bildeten die Fraven. Grabaus, ein Mann von dreißig, mit dem lang auf- geschossenen, eckigen und unfertigen Körper eines Jünglings, auf dem ein nicht schöner, aber ausdrucksvoller Kopf saß, von dunkelblondem, zurückgestrichenem Haar begrenzt, eine etwas zu große, strenge und klare Gelehrtenstirn, darunter lebhafte, nervöse Augen von wechselnder Färbung, bald heller, bald dunkler, jetzt scharf aufblitzend wie Politikeraugen, jetzt von so verlorenem Ausdruck, als wenn sich fremde Welten darin spiegelten, dazu eine ziemlich spitze Nase und unter graublondem Schnurrbart ein frischer, naiver Mund— dieser so beschaffene Grabaus hatte seinen Schlapphut auf den Nagel gehängt, das Katheder bestiegen und wollte gerade sein Manuskript auf- schlagen, als er unter dem eingelassenen, etwas vorstehenden Tintenfaß einen Veilchenstrauß bemerkte. Duftend und tau- frisch. Er konnte erst vor kurzem dorthin gelegt sein. Un- willkürlich streckte seine Hand sich danach aus, doch im nächsten Augenblick glitt sie zurück. Indem er das Manuskript öffnete, sagte er: „Meine Damen und Herren, wir kommen heute zu Goethes Faust. Nachdem ich Sie durch eine an Schätzen wahr- haftig nicht arme Welt geführt und Ihnen Schönheit und Tiefsinn, reiche Gestalwngskraft und ethisches Pathos gezeigt, und, soweit es in meinen Kräften stand, gedeutet habe, geht es mir heute wie jenem Wächter des Zauberschlosses, der seinem mit der wunderbegabten Lampe ausgerüsteten Begleiter alle Schätze gewiesen und beleuchtet hatte: die Säle, die mit Erzen gefüllt waren, die Säle, worin die Kristalle glitzerten, die Säle voll schimmernder Edelsteine— doch vor dem Eingang des letzten Saales hieß er die Lampe auslöschen und sagte, indem er die Türe öffnete:„Knie nieder und staune."— Meine Damen und Herren, das Werk, an das wir kommen, ragt aus den Dichtungswerken seiner Zeit empor wie jene allergrößten Berge, die wir nicht in der Kette der anderen nennen. Sie bilden eine Gruppe für sich. Mit ihrem breiten und mächtigen Grund steigen sie aus sonnigen Geländern empor, Lieblichkeit, Fülle und Anmut umgürten ihren Rumpf, aber ihr Haupt ragt in die ätherklare, überirdische Ferne. So steht das Werk da, riesengroß, mit dm anderen Werken seiner Epoche nicht zu vergleichen. Ein ganzes Jahrhundert hat sich daran genährt, es ist übersetzt in die Sprachen fast aller Völker. Und wo immer man ein Wort daraus zitiert, schlägt das Herz schneller und spürt man den Strom einer magischen Lebenskraft wie im Luftstrom, der von den Alpen herniederfährt. Alle möglichm Stände, die heterogensten Weltanschauungen haben den Faust als Vertreter grade ihrer Meinung in Anspruch zu nehmen versucht. Aber zu groß für alle einzelnen, ist er in Wahrheit der Repräsentant der modernen Menschheit, die aus mittelalterlicher Gebundenheit befreit und auf sich selbst gestellt, dmnoch das schöne Erbe vergangener Zeiten nicht zertreten hat. So, zwischen den Zeiten stehend, schließt er sie beide in sich und ist der Zu- sammenstrom vergangenen und künftigen Denkms. Das Werk des reichsten Lebens, das je vollendet wurde, ist es wie kein anderes reich an Fülle des Lebens. Und ich kann mir nicht denken, daß irgend ein Mensch dieser Gestalt ins Antlitz zu schauen vermag, ohne darin seine eigenen Züge und seine Empfindungen in unendlicher Steigerung wieder zu erkennen. Wer die klingendste Saite und der stärkste Ton dieses Mensch- heitsliedes ist doch der Sehnsuchtsüberschwang der an ihrer eigenen Kraftfülle verbrennenden Jugend, ist Faust der Titan, der Uebermensch, von dem Mephisto sagt, daß „— alle Näh und alle Ferne Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust." Dieser Faust lebt in der Vorstellung jedes Gebildeten: geliebt, bewundert, umstritten— doch niemals völlig erschöpft. Ja, meine Damen und Herrm, eine Armee von Gelehrten, mit besseren Waffen ausgerüstet als ich. hat sich gemüht, die Größe, die Schönheit, den Tiefsinn dieses Werkes in ihre Bücher zu pressm und es als Ganzes zu deuten. Vergeblicht Werden Sie nun begreifen, wenn ich am liebsten sagte: „Kniet nieder und staunt!— Lassen Sie mich mit Ihnen knien und schweigen?"" In der grüngoldenen Dämmerung der Lindenbäume, die ihre breiten Arme bis dicht an die großen, geöffneten Fenster streckten, zwitscherten und tirilierten Vögel aller Art, von dem ferner liegenden Platze drang Kinderlärni, Wagengerassel und dumpfes Dröhnen von Steinsetzern. Trotzdem schien im Saal selbst lautlose Stille zu herrschen. Die Zuhörer saßen alle noch in den verschiedenartigen Stellungen, die sie zu An- fang eingenommen hatten, aber die erwartungsvolle Spannunz gab all diesen einander höchst unähnlichen, jungen und alten. behäbigen und schwärmerischen Köpfen einen gemeinsamen charakteristischen Zug. Wo nur irgend ein Funke geistigen Feuers im Innern glühte, trat er jetzt hervor und spiegelte auf den Gesichtern den Ausdruck eines neuen, bis dahin ver- schleierten, jetzt aber erkennbaren Lebens. Am meisten verändert war das Gesicht des jungen Dozenten selbst. Die fröhliche Offenheit war verdrängt von der Kraft einer gewaltigen Konzentration, und wie er jetzt auf die Menge hinunterschaute, jedem einzelnen ins Auge zu starren schien und in Wirklichkeit doch keinen bemerkte, sah er um Jahre gealtert aus, und in seinen Zügen lag etwas wie verborgene Sehnsucht oder heimlich getragenes Leid. „Wenn ich so vom Bewußtsein meiner Unzulänglichkeit erfüllt und überzeugt bin"— fuhr er fort—„daß, was auch immer ich über dieses Werk sage, ich von der Größe seines Wesens nicht mchr zu enthüllen vermag, als der durch das Spektrum gebrochene Sonnenstrahl dem Forscher vom Wesen der Sonne enträtselt, so will ich dennoch den Versuch wagen. Aber ehe wir zum Werke selbst kommen, lassen Sie mich ver, suchen, Ihnen den Seelenzustand seines Schöpfers zu schildern, des jungen, aufbrausenden Genies, das den Urfaust schnf..." Als die Uhr sechs schlug, schien es den Zuhörern, dag eine unsichtbare Hand den Zeiger schneller als natürlich um- gedreht hätte. Noch hielten sie den Atem an, nachdem dey Vortragende schon geschlossen hatte. Dann begann ein all- gemeines Stampfen, zum dumpfen Dröhnen doppelt besohlter Stiefel gesellte sich das aufgeregte, wirbelartige Trappeln spitzer Damenhackcn. Grabaus erhob sich, während er sein Manuskript, auf das er kaum hin und wieder einen flüchtigen Blick geworfen hatte, zusammenklappte, legte er zwischen die ersten Seiten den Veilchenstrauß. Darauf verließ er, begleitet von dem rauschenden Wirbel der stampfenden Füße, das Auditorium. Auf der engen Straße flutete an diesem schönen Herbst- nachmittag ein reges Kleinstadtleben. Säbelrasselnde Offiziere, Frauen mit großen Körben, Pennäler mit bunten Mützen und studentisch kecken Gesichtern, dazu Scharen von niedlichen jungen Mädchen drängten sich auf dem schmalen Trottoir. Einen Augenblick blieb Grabaus nachdenkend stehen. Eigentlich hatte er beabsichtigt, seine Frau zu einem Spazier- gang abzuholen. Doch während ihn bei dem Gedanken daran ein leises Unbehagen beschlich, beschloß er, lieber allein zu gehen. In dieser Stunde fühlte er sich glücklich und froh. Mochte das Leben in seiner Einförmigkeit und Enge auch noch so trostlos sein, diese Vorträge, in denen er ausschütten konnte, was sein Herz und seinen Sinn bedrängte, gaben ihm immer wieder neue Spannkraft. Als wenn alles, was er in seinen Hörern aufgerüttelt hatte, in ihm doppelt stark flutete und schäumte, fühlte er sich über die Schranken seiner Wirklichkeit hinausgehoben unt> in den wirbelnden Strom jener reichen SZrenden, wilden und frohen Zeit hineinversetzt, die er soeben geschildert hatte. Und nicht mehr ferne Vergangenheit war sie— ihm schien, als könnte sie seine eigene nahe Zukunft werden, als könnte er die tausend Stricke, die ihn hier fest- hielten, zerreißen, als müßten da und dort, wie Schößlinge aus der friihlingsschwangeren Erde, Freunde auftauchen, eine stürmende, gleichgestimmte Schar, als würde alles leicht und rein und kristallisch gestaltet ans Tageslicht treten, was in den dunklen Schächten seines Innern lebte. Glücklich fühlte er sich wie seit langer Zeit nicht, sehnsüchtig, aber auch hoff- nungsgeschwellt, gleich einem jungen Baum, unter dessen Rinde die Säfte schießen, und dessen Kospenhüllen von den Strahlen der Sonne zerspringen. Da erblickte Grabaus plötzlich auf der ihm entgegen- gesetzten Seite des Marktes, den er soeben überschreiten wollte, vor den Körben einer Gemüsehändlerin ein Ehepaar: beide, Mann wie Frau, klein und dick, beide in lange Mäntel ge- hüllt, die ihre Gestalten noch unförmiger machten. Die krausen Hosen des Mannes und die Röcke der Frau waren so kurz, daß sie kaum die Gummizjige der ausgctreteiren Schuhe be- deckten. Ter Mann hatte auf seiner oben breiten und nach unten spitz zulaufenden Nase eine dunkle Brille, die bläuliche Schatten iibgr sein blasses, schwammiges Gesicht warf. Ein schwarzer, runder Vollbart hätte die Backen bis zu den Augen hin bedeckt, wenn nicht ein Teil der Wangen ausrasiert ge- Wesen wäre. In der einen Hand hielt er einen Vorsintflut- tichen Regenschirm, mit der anderen aber hatte er seine Frau an einem der großen Knöpfe ihres Mantels ergriffen, den er eifrig hin und her drehte, während er auf sie einsprach. Die Frau nickte ununterbrochen, vielleicht weil sie den Aeußerungen ihres Mannes zustimmte, vielleicht auch nur, um ihm der- ständlich zu machen, daß sie zuhörte. Gleichzeitig aß sie näm- tich eine Birne und verzog dabei ihr Gesicht zu einer Grimasse, die zu sagen schien, das Obst wäre längst nicht so gut, wie die Händlerin ihr angepriesen hätte. In dem Gesicht der dicken Obstfrau, die hinter ihren 5körben stand, prägte sich ebensosehr Verwunderung wie Entrüstung aus. Sie sagte nichts, aber ihr Achselzucken und die Blicke, die sie zu den Weibern rechts und links schweifen ließ, schienen allen zu- zurufen: Habt ihr je ein so kurioses, lächerliches und dabei nnverschämtes Pack gesehen wie diese beiden? Grabaus hatte kaum das Pärchen erblickt, als er er- fchrocken stehen blieb, im Begriff sich auf dem Absatz umzu- drehen und davon zu machen. Aber schon war die Frau seiner gewahr geworden. Sie ließ den Ueberrest der Birne auf die Erde fallen, zeigte der Obstfrau durch ein einfaches Kopf- schütteln an, daß es mit dem Handel nichts wäre, und machte dann ihren Gatten auf Grabaus aufmerksam. Diesein blieb nichs übrig als näher zu kommen und durch ein freundliches Gesicht seinem Vergnügen über dies unverhoffte Zusammen- treffen Ausdruck zu geben. Der Professor— welcher Wuhlmann hieß— begrüßte seinen jüngeren Kollegen und sagte: „Sie wollen wohl gerade spazieren gehen? Da schließe ich mich Ihnen an. Ich möchte Sie ohnehin etwas fragen." Nachdem die Frau Professor sich verabschiedet hatte, setzten die beiden den Weg gemeinsam fort. Die ersten Minuten gingen sie schweigend, dann sagte Grabaus: „Ich muß Ihnen gestehen, Herr Professor, daß ich Ihren Aufsatz noch nicht gelesen habe." Dieser hielt im Gehen inne und ergriff seinen Begleiter nn einem Knopf seines Nockes, was iinmer seine Gewohnheit war, wenn er mit jemandeni sprach, gerade als wenn er fürchtete, daß der Zuhörer ihm davonliefe. „Soo? Na, das tut ja nichts. Sie müssen nicht etwa denken, daß ich Sie danach fragen wollte. Mein Aufsatz ist ja auch nicht zum Gelesenwerden. Shldiert will er sein! Aber niacheu Sie sich nur mal dahinter. Sie werden da manche Nuß zu knacken finden. Jaa, mancher liebe Kollege wird sich da die morschen Zähne ausbeißen.— Aber hören Sie mal, was treiben Sic denn? Erzählen Sie doch mal. Beschäftigt Sie irgend ein bestimmtes Problem? Wein sind Sie denn momentan auf der Spur?" „Nun, es gestaltet sich so allerlei." erwiderte Grabaus, den das Ausgefragtwcrden verdroß. »Allerlei?" Na, hoffentlich auch was Bestimmtes.— Er- gcchlcn Sie doch? Ich habe Sie in der letzten Zeit so wenig zu Geiicht bekommen. Warum ließen Sie sich nie sehen? Sie wissen doch, daß ich es gut niit Ihnen meine." »Davon bin ich vollkommen überzeugt, Herr Professor." ».Äaa, aber Sie dürfen es auch nicht vergessen/ Ich habe nur Ihr Bestes im Auge. Es gibt wenig Menschen, für die ich mich interessiere. Aber von Ihnen hoffe ich noch be- deutende Dinge. In gewissem Sinne hoffe ich"— er machte Halt und vor seinen Begleiter hintretend, starrte er ihm ge» rade ins Gesicht—„daß Sie mal mein Nachfolger werden könnten." Grabaus hatte das Gefühl, etwas sagen zu müsseil, oben auch die unklarste und verschwonimenste Form, seine Freude auszudrücken, erschien ihm noch zu sehr als Lüge. Er nickte nur stumm mit dem Kopf. „Aber warum schließen Sie sich so ab?" fuhr der Pro- fessor fort.„Da Sie nicht dazu gekommen sind, meinen Aufsatz zu lesen, der— seit acht Tagen!— bei Ihnen lagert, welche bedeutenderen Werke haben Sie denn so gefesselt?" Wenn ich ihm nun sagte, daß ich Maupassants„Kotre coeur" gelesen habe, was würde dieser Maulwurf dann wohl für Augen machen? dachte Grabaus. Aber er kam überhaupt nicht zu einer Antwort, denn im selben Augenblick stieß ihn sein Begleiter in die Seite und sagte erregt: „Passen Sie auf! Passen Sie auf! Sie werden ein Schauspiel erleben. Ein— Schauspiel!" Ihnen entgegen kam ein stattlicher Mann, der trotz des Schlapphuts und des lockeren Havelocks etwas militärisch Straffes in seiner Erscheinung hatte. Es war der Geheimrat Teichmann, Leiter des bakteriologischen Instituts der llni- versität, unlängst noch ein simpler Stabsarzt, jetzt aber nach Erfindung eines Heilserun� eine weltberühmte Größe, dem aus der Verwertung seiner Erfindung jährlich ein Vermögen zufloß. Neben ihin ging seine Frau, eine junge, reizende Dame ans der eleganten Gesellschaft. Sobald Wuhlmann des Paares ansichtig geworden war, hatte er den Schirm unter den Arm geschoben und beide Hände so tief wie möglich in die Taschen seines Nockes der- graben. Mit starrem Gesicht und einem Blick, als wenn er ihnen die Pest wünschte, ging er den beiden entgegen, und erst als er bemerkte, daß der Geheimrat seinen Hut zog, lüftete auch er den seinen. Aber kaum war er einige Schritte weiter gegangen, als er Grabaus an einem Knopf ergriff und in einem erschütternden Flüsterton, wie man ihn sonst nur auf dem Theater hört, hervorstieß: „Haben Sie's gesehen? Haben Sie's gesehen? Er hat uns zuerst gegrüßt—" „Verzeihen Sie, Herr Professor—" „Er hat mich zuerst gegrüßt! Dies Faktum nagele ich hiermit öffentlich fest. Trotzdem eine Dame bei ihm war, und er warten mußte, ob ich ihn grüßen würde, hat er—" „Aber Herr Professor—" „zuerst den Hut gezogen? Was nützt ihm das nun, daß der Staat sich nicht geschämt hat, ihn über den Kopf der Fakultät hierherzusetzen? Er ist sich doch seiner Würdelosig- keit bewußt. Dieser Krämer! der aus der Wissenschaft ein Geschäft macht. Dieser Ignorant! Dieser hergelaufene Lazarettgehülfe! Er möchte, daß wir ihm seine schmutzigen Millionen verzeihen. Deshalb kriecht er vor uns. Des- halb lFortsetznng folgt.)] Huferetchungen- Die Erlösung, die gekreuzigt nach drei Tagen das Grabgewölbe sprengt, ist ein menschliches Symbol, das auch deren Herz bewegt, denen das formulierte Dogma leer und tot ist: vielleicht datz die Geschäftsträger der kirchlichen Versteinerung eigentlich am wenigsten berufen sind, die? Sieges- und Heldenlied des Lebens innerlich zu verstehen, des Lebens, das am Kreuze nicht gebrochen, im Fels- gemäuer nicht vermodert. Auf jeden Fall war es der Beruf der Ltirche in der Menschheitsgeschichte, nur den ersten Teil des gewaltigen Daseinswunders immer wieder zn erproben. Im Kreuzigen bewährte sie ihre Kunst, nicht in der Wieder- crweckung zum Leben. Der Karfreitag wurde verewigt, nicht daS Ostern des fruchtbaren Lebens, das seine heidnisch-fröhliche Art, sein vergnügliches, mit derben Wahrzeichen des Irdischen spielendes Be- kenntnis znm' Leben durch alle jenseitigen Verzückungen hindurch triuinphierend behauptet hat. Em gut Stück des Schicksals der Menschheit in zwei Jahr- tausendeü erschöpfte sich darin, die Kraft des Menschlichen zu er- proben, indem man e-Z tot schlug. Der AuferstehungSglaube bot die Rechtfertigung fiir das Experiment, in Marten: die Beglaubigung des Lebens zu erproben. Die Umlehrung der mephistophelilcherr Weisheit galt als göttliches Gesetz: Alles was z» Gnnrde gerichtet wird, ist wert, daß es besteht. WaS nicht auf- zuerstehen vermag— trotz Kreuzung und Grust— hat keinen zureichenden Gmnd seiner Existenz, verdient also erst recht ausgerottet zu werden. Im Martyrium wurde der ttefste Zauber der menschlichen Natur gepredigt. So fand man immer einen tristigen, christlichen Grund zum Morden, Quälen und Würgen. Irgendwo, irgendwie, irgendwann wird Auferstehung lohnen! Freilich die Mächte und Klassen, die Kreuz und Kette als Werber ihrer Interessen errichteten, zogen für ihre Person das Leben dem Opfertode vor und sie steckten lieber die ganze übrige Welt in Brand, ehe sie sich selbst zu dem Experiment hergaben, durch irdischen Untergang daS Wunder der Auferstehung an sich zu versuchen. Der Glaube war der Trost stir die Massen, die für eine fremde Sache in den Tod geschickt wurden, er ward aber auch in der höchsten Veredelung und Vergeistiguna der idealistischen Zuversicht in den Kulturberuf der Menschheit Stab und Stütze der großen Be- freier. Der Glaube au ein helleres Diesseits, an eine Auferstehung ihrer Gedanken in der Wirklichkeit, an eine Rückerstattung der Opfer in der Zukunft des Menschengeschlechts— dieser revolutionäre Enthusias- nms ließ Pein und Tod, Entsagung und Verkümmerung leicht er- tragen und der Held des Aufstiegs' der Menschheit fand im Unter- gang so die feinste Wollust des Daseins: Nach dreien Tagen muß die heilige Sache dennoch auferstehen! Uud diese Hoffnung, daß alle Not nicht umsonst vertan, daß das aus den Adern entströmende Blut nur den Acker der Zukunft befruchtet, ist vielleicht die herrlichste Kunst der menschlichen Natur und sie läßt sich durch keine vernünftelnde Nüchternheit beirren, die rechnend bclveist, daß einmal Verlorenes unwiderbringlich verloren ist, daß der Tod nicht auferstehen kann und das Leben nur einnral blüht und reift. Gewiß, im individuellen Dasein bleibt die Gruft für ewig geschlossen, aber im Dasein der Menschheit geht keine Arbeit und Mühe verlöre!: und auch jede Vernichtung, die an sich eine Minderung des Menschheitsgutes ist, wird— für ein großes Ziel gewagt und ertragen— ein Element der Auferstehung..... •** * Wie das große Wunder des neue Bewegung, geformte Kräfte engenden Lebens im gemeinen Gebrauch wohl zu den läppischen Wundern geweihter Zeugfetzen und unsauberer Kurpfuscherei erniedrigt wird, so spielt die Speftilation gern auch Falsifikate der Auferstehung aus. Im Grunde ist die ganze Geschichte der christlichen Kirche solch eine unterschobene Aufcrstehilng der christ- lichen Schöpsimg. Die Vergangenheit ist wehrlos, und der Tod muß jeder Mißhandlung gefügig sein. Hundert Jahre schon genügen, um die geschichtliche Persönlich- keit und Richtung ins Wolkcnhafte aufzulöten, der jeder Wind- hauch eine neue Gestalt gibt. Je ärmer geistig eine Gesellschaft ist, umso eifriger bemüht sie sich, die Geister der Vergangenheit zu zitieren, ihre Oede mit den toten Heroen auf- zuputzen, die man zur Auferstehung zlvingt, nachdem mau sie gemäß dem eigenen Bilde geknetet und verstümmelt. In den Särgen der älteren Brandenburger Fürsten sollen statt der Gebeine von Gottes Gnaden, damit doch etwas Stoffliches darinnen sei, das der Anbetung fähig wäre, Hundeknochen deponiert sein. Ein Kult der Hundsknochen kommt allemal bei uns heraus, wenn unser Bürgertum das Bedürfnis empfindet, an den Altären der Vergangenheit zu schwärmen. Die Toten, die auferstehen, sind gefälschte Puppen. Und je unwiderbringlicher ein Genius sein wirklich wirkendes Leben verloren hat, um so mehr Ivird er angelärmt, bis er ans dem Frieden seines Grabes hervortaumelt. Der Leichnam wird so lange mit Ruten gezüchttgt und immer aufs neue ans Kreuz geschlagen, bis er aufersteht. Schon sammeln sich die Gruppen zum Fcstzug Friedrich Schillers. Alles ist dabei.'Voran marschiert der Minister des preußischen Geistes. Auch diePfaffcn sind von der Partie, und im Festausschuß für den Sänger der Götter Griechenlands sitzen die Anbeter des Gerippes, das den Olymp gestürmt. Um die Posse zu vollenden: Der Kanzler sollte wirklich das Tanzbein seiner formvollendeten Rhetorik höchstfelbst schwingen. Herr Arendt mag die Festpredigt dann für die Ganz- Christen übersetzen. Die ganze feiernde Welt der großen Glocke, die Ivindigen Ruhm in den Tag hineinheult, huldigt dem Poeten, der in einer Sttmde des Niederganges einmal die Philister- Glocke geläutet I Auferstehungen, die den T o d besiegeln!..» *** Daß die Wissenschaft den Affen im Menschen auferstehen lasse, das beschwerte den Frommen im Lande die Trauer der Karwoche mit verstärktem Gram. Es war in Wahrheit ein Aufftand des Affen im Menschen! Auf der einen Seite umtobten Leute, die die Ihrigen selbst höchst sorgsam taufen oder beschneiden lassen und gar nicht daran denken, der kirchlichen Genossenschast zu kündigen, den„Monisten", der zugleich den Moneyismus in seiner Person bewährt zu haben scheint, wenn eS loahr ist, daß er stch von einer.Konzertagentur— jeder Vortrag Stück für Stück 1000 Mark— hat anwerben lassen. Im anderen Lager keiften die Inhaber der rechten Lehre gegen den Affenprofessor, diese seit- samen Prediger der aristokratischen Abstanimung des Menschen, die es für vornehmer halten, daß der Mensch seine Familie von einem aufgeblasenen Erdenkloß als von einem Schimpansen ableite. Unter diesen Umständen ward die Argonautcnfahrt zur Wahr- heit und zur wiffenschaftlichen ErkennttiiS jener blöde Häckellärm, der ein paar Augenblicke austobt, um spurlos zu verwehen. Und die Menschheit, die mit Erfolg um ein Billett sich die Hälse gebrochen hatte, zieht weiter die Wege deS Wahns. Wie immer«S unr die wissenschaftliche Beglaubigung der Deszendenztheorie bestellt sein mag, sie ist die einzige Lehre über die Herkunst der Menschen, die geeignet ist, dem aufrechten Kultur« stolz der Menschheit zu schmeicheln. Indem die Kirche die.Affen« schände" deS Menschen als eine Erniedrigung seiner Natur zu verheimlichen sucht und die höhere Vornehmheit der göttlichen Urzeugung behauptet, handelt sie insofern konsequent, als sie den Ueberniut des Bewußtseins der eigenen Kraft und der selbstschöpferischen Kultur« arbeit seit jeher zu brechen bemüht ist. Nur sollte ste nicht be- haupten, es sei vornehmer, inspirierter Gnade als mühseliger Ent- Wickelung das Menschentum zu verdanken. In der Entwickelungslehre reift vielmehr der Auferstehungs- gedanke zur Vollendung. In jedem Menschen steht die gesamte Lebensarbeit der organischen Wesen und der Erttag der Menschheits- geschichte wieder auf. Das ist nicht in dem Sinne einer groben. die Rätsel nur noch mehr verrätselnden Mystik gemeint, daß in der Keimzelle des Menschen bereits alle Arbeit der Vergangenheit über» tragen wird. Als Aufgabe jedes Individuums vielmehr ist es gegeben, daß es in sich den Gesamtertrag vergangener Kulturarbeit zur lebendigen Auferstehung bringt und ihn durch die eigene Leistung, wie bescheiden immer, vennehrt. In dieser ewigen Wiedergeburt der Kolleftivarbeit der Menschheit liegt die Möglichkeit der Enlwicke« lung zur höheren und reicheren Form des Daseins. Und in den Dienst dieser erhabensten Aufgabe sind letzten Endes alle poli- tischen und sozialen Bestrebungen gestellt, die darauf abzielen, eine Ordnung der menschlichen Gesellschaft zu beseitigen, die es aus alle Weise verhindert, daß der einzelne Mensch die Arbeit der Vergangen- heit in sich auferstehen zu lassen vermag, geschweige, daß er den übernomineneir Schatz vermehrt. Die allen Reichtum der Vergangenheit lebendig emeuende Auferstehung aller Menschen zur Höhe der Zukunft— das ist die Menschheit der EntWickelung, die Öster-Erde.— Joe. Kleines feuilleton. wr. Diddish.— Unlängst wurde gemeldet, daß die eng- tische Regierung ihre im Osten Londons in Stellung befindlichen Polizisten im Diddish unterrichten lassen müsse, damit sie sich mit den dort zahlreich ansässigen Juden verständigen könnten. Viele Leser werden es sicherlich gerne sehen, wenn sie etwas Näheres über diese eigentümliche, mit vielen deutschen Ausdrücken versetzte Sprache erfahren. Die nach den Verfolgungen des Mittelalters von der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts an aus Deutschland nach dem Osten ausgewanderten Juden bewahrten in der Fremde mit besonderer Zähig- keit rhre deutsche Muttersprache, die sie mit hebräischen Ausdrücken und Fremdwörtern durchsetzten und zu einem eigentümlichen Jargon aus- bildeten, der sich bis in die Neuzeit erhielt und in der religiösen lvie in der Volkssprache zur Schriftsprache wurde. Als späterhin ruhigere Zeiten eintraten, die der jüdischen Bevölkerung es er.nvg- lichten, sich nach dem kultivierten Westen zurückzubegeben, wurde diese Sprache beibehalten, und heute noch ist sie die Umgangs- spräche nicht nur vieler Juden deutscher Herkunft im Osten Europas, in Rußland, Polen, Ungarn, sondern auch in den Ländern, in denen Jargon redende Juden eine neue Heimat fanden, in Deutschland uitd Holland und vor allen Dingen in England und Amerika. In Deutschland schwand dieser Jargon, Judendeutsch genannt, immer mehr und mehr, seit Moses Mendelssohn durch seine deutsch Bibel- Übersetzung den Sinn für deutsche Sprache und Wissenschaft bei seinen Stammesgenossen belebt hatte. Nur in den übrigen genannten Ländern ist eS noch heute nicht nur im Verkehr allgemein gebräuch- lich, sondern er erscheinen auch viele Zeitschriften politischen und belletristischen Inhalts in dieser Sprache und zwar in hebräischer Schrift. Das eigentliche ältere englische Bettler- und Gaunerkant feank! Geplärr, Znnstsprache, Knndensprache) enthält verhältnismäßig nur wenige hebräische Wörter. Dieser Umstand ist aber kaum verwnnder- lich, wenn man bedenkt, daß in den Tagen der Tudors und Sttiarts, als das zünftige Gaunerwesen noch auf seiner Höhe stand, und der Galgen, für den so viel Kosenamen vorhanden sind, vergebens mit dem Verhrechertum aufzuräumen suchte, die Inden aus Groß- britannien verbannt waren. Schon Eduard I. hatte die Juden der- trieben, und erst unter Cromwell(1655), nachdem der Kampf zwischen Baptisten und Calvinisten zur Duldung der Inden geführt hatte. wurden sie wieder in Großbritannien zugelassen und geduldet, so daß 1657 die Rkaranos oder Krypto-Juden in London gewisse Bürger- rechte erlangten. Das neuere Diddish, ein Sprachgenrengsel, das ans den eingangs angegebenen Gründen sehr viel mit unserem Judcndcutsch gemein hat, ist seit Jahrzehnten in HoundSditch(Hundegrabcn, eine Judengasse im Osten Londons) und da, wo die Juden in London Verkehr treiben, hinlänglich bekannt. Zu seiner heutigen Blüte aber gelangte eS erst durch die große Einwanderung von Juden aus Polen und Rußland, besonders seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die in dieser Volkssprache vorkommenden hebräischen Wörter find durchaus nicht immer der gelehrten Sprache der Rabbis entnommen, sondern selbst bereits entartete Kinder der großen semitischen Mutter, z. B. xonnok(Schurke), sbokal(nachgemacht), shickster Mädchen). Ebenso haben deutsche Wörter in ihren Bedeutungen Wandlungen durchgemacht, so de Bnfe nicht recht, nicht fromm Kebeuiet. Die englischen Bestandteile treten in dem Aiddish noch verhältnismäßig in geringer Anzahl auf, so daß eS verständlich erscheint, wenn die Regierung Polizisten und Eerichtsbeamte zu Dolmetschern ausbilden muß.— Uc. Hungerblümchen. Der letzte Angriff deS Winters ist ab- geschlagen. So schnell wie er kam, mußte der Schnee auch wieder weichen und mit dem reichlichen Schmelzwasser die durstenden, keimenden Gewächse erfrischen, statt ihnen zu schaden. Noch herrschen in der unscheinbaren Vegetation die Weiden und andere Kätzchen- träger vor; nach eigentlichen„Blumen" muß man in den sandigen Gefilden der Mark noch suchen und mit manchem Zlvergpflänzchen zufrieden sein. Solch ein Zwerg ist auch das Hungerblümchen, das an den Rändern sandiger Waldwege und sonst in Feld und Flur überall wächst. Lange kann man darüber hinweggehen, bis man das Zwerglein gewahrt. Aber stellenweise wächst es in dichteren Haufen beisammen, und dann geben die kleinen weißen Blütcken einen Strauß, der ins Auge fällt und zum Bücken veranlaßt. Auf einem zarten, wenig verzweigten senkrechten Würzelchen sitzt eine zierliche Blattrosette, dem Boden angepreßt. Aus deren Mitte er- heben sich ein bis mehrere Stengelchcn von einigen Millimetern bis einigen Zentimetern Höhe. Sie sind oben geteilt und tragen einen lockeren Blütenstand aus vierblättrigen Blümchen, die das Pflänzchen in die große natürliche Gruppe der Kreuzblütler verweisen. Während an den unteren Blüten schon die Blumenblättchen abfallen und da- für niedliche grüne Schötchen aus deu Kelchen herausgewachsen sind, stehen die oberen Blüten noch im vollen Flor, ja sind zum Teil noch gar nicht aufgeblüht. Dieses Hungerblümchen hat in neuerer Zeit eine gewisse wissen- schaftliche Berühmtheit erlangt. Es war längst bekannt, daß das Pflänzchen klein und groß, niedrig und höher vorkam und auch sonst sehr veränderlich in gewissen Merkmalen war, die man aber stets für nebensächlich hielt, wie etwa die verschiedenen Farben bei den Tieren emer Kuhherde. Ein französischer Botaniker, Alexis Jordan, der sich das Studium der Abgrenzung von„Arten" erwählt hatte, suchte sich besonders unser Hungerblümchen als Versuchspflanze, bezw. als Studienobjekt aus. Lange Jahre hindurch überwachte und studierte er das Hungerblümchen und seine Formen, und nach lang- wierigen Arbeiten teilte er der wissenschaftlichen Welt vor nunmehr bald dreißig Jahren mit. daß man das Hungerblümchen bisher irrtümlich als eine Art bettachtet habe; er sei vielmehr imstande, gegen zweihundert verschiedene Arten des Hungerblümchens sicher zu unterscheiden, Arten, die nicht etwa ihre Merkmale änderten, sondern in auf einander folgenden Generationen beibehielten. Andere Forscher haben die Beobachtungen fortgeführt und bestättgt. Ob die Zer- teilung des Hungerblümchens in zweihundert verschiedene Formen, die einem Laien allerdings kaum als wesentlich verschieden auffallen würden, eine neuere Erscheinung oder ob sie alt ist, das wissen wir nicht. Beobachtungen, die der berühmte holländische Botaniker De Vries an einer anderen Pflanzengattung, den Nachtkerzen unserer Bahndämme und Felder, gemacht und in seiner Mutattonstheorie verwertet hat, haben gezeigt, daß gewisse Pflanzen bisweilen in eine sogenannte Mutationsperiode ein- treten, in der sie plötzlich neue Formen aus sich heraus entwickeln, ohne daß äußere Vorgänge hiermit nachweislich in Verbindung ge- bracht werden können. Hiernach gibt es außer der sehr allmählichen und meist unmerklichen Umbildung der Arten zu neuen Formen im Sinne des Darwinisnnls durch natürliche Auslese im Kampfe ums Dasein auch mehr sprunghafte Neubildungen von Arten, über deren Ursachen wir bis jetzt so gut wie gar nichts wissen. Wir wissen nur, daß diese Mutationen tatsächlich vorkommen. Vielleicht gehört auch das Hungerblümchen zu den Pflanzen, die erst vor nicht langer Zeit in eine Mutattonsperiode eingetreten sind.— Aus der Vorzeit. Eine präh ist arisch e Sta d ta nla g e. Der„Franks. Z." wird geschrieben: Die unter Leitung von Profes?or Fnrtwängler auf Ll e g i n a veranstalteten Ausgrabungen der Bayrischen Akademie der Wissenschaften haben zur Entdeckung einer merkwürdigen prähistorischen Stadtanlage auf der Spitze des höchsten Berges der Insel, dem Oros, geführt. Hier befand sich in historischer Zeit nur ein Altar des panhellenischen Zeus, dessen großes Heiligtum unterhalb des Oros dieselben bayrischen Ausgrabungen nachgewiesen und untersucht haben. In uralter Zeit aber befand sich oben rings um die Spitze herum eine ausgedehnte Ansiedelung, deren Haus- und Terrassenmauerir zum Teil noch heute über den mit Geröll übersäten Boden emporragen. Diese prähistorische Stadt erhob sich in malerischer Weise in niehreren übereinanderliegenden, zum Teil durch Treppen verbundenen kiinst- lichen Terrassen, deren zyklopische Mauern, Ivie die Ausgrabung zeigt, zum Teil noch über drei Meter hoch stehen. Eng gedrängt' reihte sich Haus an Haus, mit einem zum Teil mehrere Meter tiefen ur- alten Schutte bedeckt, über den die klassische und die spätere Zeit nur eine dünne Schicht gebreitet hatte. Das besonders Merkwürdige an den Funden in diesen alten Häusern ist die nahe, bisher in Griechenland noch nirgend vorgekommene Verwandtschaft mit speziellen Eigentümlichkeiten der Schliemai mschen Funde von Troja. So finden sich hier die Troja so charakteristische Gefichtsvase, so der Basendeckel mit Henkelgriff, so gewisse trojanische Verziernngsweisen der Vasen. In einem Hause wurde auch ein Schatzfund von veraittwortl. Redakteur: Paul Biittuer, Berlin.— Druck und Verlag: Bronzegeräten gemacht, deren Typen(Sicheln, Messer, Meißel und Werkzeuge verschiedener Art) zum Teil neu und mannigfalttger sind, als die m Troja gefundenen. Ferner ist ein prächttges Idol von bemalter Terrakotta zu erwähnen, eine weibliche Göttin, die von den gewöhnlichen mhkenischen Idolen sehr verschieden ist. In den massenhaft gefundenen Vorratsgefäßen waren zum Teil noch ver- kohlte Zerealien erhalten. Die Zeit der Blüte der Ansiedelung scheint, nach den gefundenen mhkenischen Vasen zu urteilen, die der sechsten Trojanischen Stadt gewesen zu sein. Wie der nahe Zu- sammenhang mit Troja zu erklären ist. bleibt weiterer Forschung vorbehalten. Jene alten Ansiedler auf der kegelförmigen Spitze deS Oros-Gebirges, der vulkanischen Ursprunges ist, haben sich jeden- falls nicht nnr eine gegen feindliche Angriffe sehr gesicherte, sondern auch besonders schöne Lage ausgesucht; die Oros-Spitze bietet eiue der schönsten und weitesten Rundsichten in ganz Griechenland.— Meteorologisches. ot. Die relative Regenarmut der deutschen Flachküsten. Noch bis vor kurzer Zeit galt es als eine fest- stehende Tatsache, daß das Küstenland infolge der Nähe des Meeres den meisten Regen bekomme und daß der Reichtum an Nieder- schlügen nach dem Binnenlaude hin ständig abnehme. Indes nach dem neueren Beobachtungsmaterial, das die jetzt zahlreich an der Küste errichteten Wetterstationen liefen,, kann kein Zweifel mehr bestehen, daß die Landstriche am Meere weniger regenreich sind als das unmittelbar an sie anstoßende Binnenland. G. Hollmann, der dieses Material bei der Herstellung von Regenkarten für den preußischen Staat bearbeitet hat, ist jüngst in den Berichten der Berliner Akademie der Wissenschaften dieser Erscheinung auf den Grund gegangen. Nach dem Beobnchtungs- Material haben die deutschen Flachküsten in der Regel eine durch- schnittliche Regenhöhe in, Jahre, die um 10—60 Millimeter, also um zirka l'/z— 10 Proz. niedriger ist als die der direkt anstoßenden Teile des Binnenlandes. Diese meteorologischen Verhältnisse beziehen sich jedoch nur auf die flachen Küsten. Wo die an, Meere gelegenen Landstriche gebirgig sind, herrscht großer Reichtum an Regen. Da- gegen ist die relative Regenarmut der Flachküsten keine Er- tcheinung, die auf Deutschland beschränkt ist, sondern die sich nach Hollmauns Untersuchungen ebenso an den Flachküsten von Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark und Rußland zeigt. Sie muß also ganz allgemeine Ursachen haben. Es ist sehr auffallend, daß diese relative Regenarmut der Küste gegenüber dem angrenzenden Binnenlande nicht zu jeder Jahreszeit die gleiche ist, und zu manchen Jahreszeiten überhaupt nicht besteht. In der kälteren Jahreszeit ist nämlich der Unterschied sehr gering, in manchen Monaten hat das Küstenland sogar ein wenig mehr Regen. Dagegen macht sich in der wärmeren Jahreszeit der Unterschied sehr bemerkbar, und besonders im Juli, August und September hat das Binnenland eine Iveit größere Rcgenhöhe aufzuweisen als die Flachküste. Die Ursache dieser meteorologischen Erscheinung liegt darin, daß sich an den Flachküsten der die Luftschichten erfüllende Wasserdampf nicht kondensieren und darum nicht als Regen nieder- fallen kann. Die in starken Depressionen vom Meere her ans Land rückenden feuchten Luftschichten finden noch nicht an der flachen Küste, wohl aber etwas mehr landeinwärts die kühle Temperatur, bei der sich ihr Wasserdampf in Wasser verwandeln kann. Die feuchten, vom Meere her kommenden Wolken werden erst im Binnenlande, das trockener ist als die Meeresküste, in die nötige klare und trockene Lust geführt, in der sie zum Aufsteigen gezwungen werden. Beim Auf- steigen dehnen sie sich aus, und das Ausdehnen verursacht Abkühlung. Nur aufsteigende, sich abkühlende feuchte Luftmassen aber ergeben reichliche Niederschläge. Denn natürlich ist die Luft an der Küste im allgemeinen feuchter und trüber als im Binnenlande, aber sie gibt doch dort ihre Feuchtigkeit nicht in starken Regengüssen ab. Daß aber der Sommer gerade im Binnenlande viel regenreicher ist als an der Flachküste, liegt daraii, daß Gelvittcr mit ihren kolossalen Regen- mengen sich nicht hier, sondern fast nur im Binnenlande bilden. Am Meer sind die Gegensätze der Luftschichten nie so starr ivie im Binnenlande, wo warme und kalte, feuchte und trockene Luftschichten sich häufig begegnen und dann zur Entstehung von Gewittern und Gewitterregen die Veranlassung gebeir.— Humoristisches. — O p t i m i st i s ch.„... Weil der Sepp sich ein Lotterie« los kaufen will, hast Du ihm einen Taler gepumpt?" „Ja, er hat gesagt, wenn er den Haupttreffer macht, kauft er sich ein Haus, und dann krieg' ich den Portierposten I"— — Empfindlich. Professorin(die Zeitung lesend): „Denk' Dir»ur, Immanuel, eine Fliege kriegt in vier Wochen dreißig Junge!" Professor:„Ich bitte Dich, Eulalia— verschone mich mit Familiennachrichten I"— Vorgesorgt.„Mir scheint, das erleben wir alle zloci nicht, Herr Doktor, bis mein Prozeß aus sein wird!" „Das inacht ja nichts, Hiesel, Sie haben einen Sohn, und ich Hab' auch einen, der jus studiert!"— („Fliegende Blätter.") Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagsanstaltPau! Singer LcCo., Berlin SIV.