Nnterhaltmgsblatt des Horivnrts Nr. 82. Mittwoch, den 26. April. 1903 flammen. (Z!achdruck verb»tcn.) Roman von Wilhelm Hegeler. „Aber Herr Professor, verzeihen Sie—" „Was, was? Ist es nicht wahr? Sind Sie nicht Zeuge? Haben Sie's nicht gesehen? Wir waren noch zwei, noch drei Schritt entfernt, da riß er den Hut herunter." „Ja, aber nur, weil ich ihn zuerst gegrüßt habe." „Was?" „Ja, Herr Professor, das ist doch ganz natürlich—" „Sie— haben— diesen Menschen zuerst gegrüßt?" „Da ich ihn kenne und der jüngere bin— außerdem—" Wuhlmann hatte die Brille von der Nase auf die Stirn geschoben und starrte mit blöde zwinkernden Augen seinen Be- gleiter an. Nach dessen letzten Worten aber stürmte er Plötz- lich davon, indem er den Schlapphut tief ins Gesicht zog. Einen Moment stand Grabaus ganz verblüfft, ehe er sich ent- schloß, ihn einzuholen. Eine ziemliche Strecke gingen die beiden schweigsam die Straße hinunter, dann sagte Wuhlmann, wobei er zur Be> krästigung mit seinem Regenschirm auf das Pflaster stieß: „Wenn Sie nicht dabei gewesen wären, hätte er mich zuerst gegrüßt. Moralisch ist er jedenfalls der Blamierte." Uebellaunig rannte er weiter, bis er am Ende der Straße den Vorschlag machte, umzudrehen. Aus einer Querstraße kam ihnen eine muntere Gesellschaft entgegen, junge Mädchen und Männer, die einen abendlichen Ausflug vorzuhaben schienen. Sie grüßten Grabaus mit hervorgehobenem Enthusiasmus. „Wer sind denn die schon wieder?" brummte Wuhlmann. „Merkwürdige Bekanntschaften haben Sie." „Das sind Zuhörer aus meinem Ferienkursus." „Ach, dieser Ferienkursusi Das ist auch ne recht der- fehlte Geschichte. Wie konnten Sie sich nur dazu hergeben?!" „Herr Professor, die Vorträge, die ich da halte, sind seit langer Zeit wieder glückliche Stunden für mich. Stunden, in denen ich das Gefühl habe, wirklich das zu lehren, was in mir lebendig ist." „Na, hören Sie mal. was lehren Sie denn in Ihren Semestervorlesungen?" Grabaus zuckte die Achseln. „Das würde mich interessieren, was Sie da eigentlich lehren." „Ich wollte schon längst mit Ihnen darüber sprechen.- Als ich hierher kam, da las ich, wie Sie sich vielleicht erinnern werden, im zweiten Semester ein Kolleg über Schillers Welt anschauung. Mein Hörsaal reichte nicht aus für meine Hörer. — Man hat mir von der Fakultät nahe gelegt, ein derartiges Thema nicht wieder zu wählen." „Ja, lieber Freund, was geht Sie als Philosophen der Dichter Schiller an?" „Schön. Ich habe Themata gewählt, die dm Wünschen der Fakultät mehr entsprachen." „Und aus denen Sie selbst auch viel mehr lernen konnten." „Mag sein. Aber weil ich das, was in mir drängte, los- werden wollte, begann ich zu schreiben. Auch das legte man mir nah, in meinem Interesse zu unterlassen." „Ja, glauben Sie, es machte einen guten Eindruck, wenn Ihr Name in allen möglichen seichten halbwissenschaftlichen Blättern prangt? Damit können Sie dem großen Publikum imponieren, aber ein Beweis sür den Ernst Ihres Forschens ist das nicht." „Ich habe also auch das gelassen. Ich habe mich auf meine Fachwissenschaft beschrankt und im übrigen still ge- schwiegen. Aber da Sie mir wohlwollen, Herr Professor, kann ich Ihnen sagen, oft überfällt mich eine wahre Mutlosigkeit und Verzweiflung. Mein Kopf ist zum Zerspringen voll. Ich muß mich mitteilen. Ideen ringen und drängen nach Gestaltung. Aber ich bin einfach abgeschnitten vom Verkehr mit der Jugend, auf die zu wirken doch mein sehnlichster Wunsch ist. Ich bin mundtot gemacht.— Ich weiß nicht, ob Sie diesen Zustand verstehen—" .Mein lieber Grabaus, was wir Ihnen da Schlimmes angetan haben, das ist nur zu Ihrem eigenen Besten. In Jhuell gärt's und ringt's. Junger Freund, in welchem Men schen gärt's nicht, wenn er dreißig ist? Aber glauben Sie. das wäre was Gescheites, was da gärt? Das muß sich mal erst hübsch setzen. Das muß erst mal einen chemischen Zer- setzuugsprozeß durchmachen. Und was dann übrig bleibt—> viel wird's ja nicht sein— das könnte möglicherweise etwas Gescheites enthalten." „Einen chemischen Zersetzungsprozeß durchmachen," sagte Grabaus bitter.„Das heißt mit anderen Worten: der- modern." „Na, wie Sie's nennen wollen," erwiderte Wuhlmann, immer liebenswürdiger werdend.„Ich würde vorziehen, zu sagen: klären. Das Tohuwabohu der Anschauungen soll sich klären, sich niederschlagen zu einigen reinlichen, klaren Be- griffen. Denn Begriffe— erst die sind Wissenschast." „Nun, in meinem Kopf lebt der Begriff schon in den Anschauungen," versetzte Grabaus ziemlich barsch. „Glauben Sie, Ihr Kops wäre besonders konstruiert? Ne» mein Freund, nur. sind Sie noch sehr jung. Sehr jung! Ja, wie alt sind Sie denn? Kaum dreißig! Seien Sie doch froh, daß wir Ihnen noch Gelegenheit geben, zu lernen. Zum Lehren kommt man noch immer früh genug. Lehren sollte man überhaupt erst mit grauen Haaren." „Und totem Herzen. Jawohl!" „Ja, natürlich! Was hat denn das Herz mit der Wissen- schaft zu tun? Die Wissenschast des Herzens— die sparen Sie sich auf für die Weiblichkeit in Ihrem FerienkursuS." „Und doch ist noch kein fruchtbarer Gedanke geboren, Her» Professor, an dessen Werden das Herz nicht seinen Antell ge- habt hätte." „Ach, wirklich!" „Und wenn Sie das nicht glauben, dann beweist daS—* „Nun— was beweist es, bitte?" „Es beweist, daß Ihre Begabung dahin geht, den Ge- danken anderer nachzuspüren, aber daß nie ein eigener Gedanke in Ihnen gelebt hat." „Was?!" Den Schirm horizontal unterm Arm, die Hände übe» dem Bauch gefaltet, starrte der dicke, kleine Herr mit offenem Mund seinen ihn um Haupteslänge überragenden Begleiter an. „Verzeihen Sie meine Offenheit, Herr Professor," mur- melke Grabaus. „Also das ist Ihre Verehrung für mich!" schrie diese» und ergriff ihn heftig am Rockknops, ließ ihn aber sofort wieder los, als wenn es in diesem Falle nicht nötig, oder als wenn sein Abscheu zu groß wäre.„So spricht der Mensch zu mir, der sich als meinen Schüler vorgestellt hat. Heute sind Sie wenigstens ehrlich!— Nun dann will ich auch ehrlich sein. Und ich versichere Sie— mein heiliges Ehrenwort drauf!— so lauge ich lebe, so lange mein Wort noch das geringste Gewicht bei der Fakultät hat: so lange wird hie» nie ein Platz für Sie frei. Verstehen Sie!— Adieu!" Damit rannte er fort, und Grabaus schaute ihm mit der- wundertcru �nd etwas verlegenem Lächeln nach. Tann aber tat er einen kräftigen Atemzug. Trotz allem hatte ihn das doch sehr erquickt. � m Als Grabaus nach Hause kam, ging er an dem Kinder- zimmer, in dem er seine Frau wrißte, leise vorbei, in sein eigenes Zimmer. Er wollte allein sein. In einer sonderbaren Zwiestimmung befand er sich. Nun er die ganze Auseinandersetzung überlegte, kam ihm seine schroffe Antwort höchst ungeschickt vor. Wie zwecklos! dachte sein Verstand. Doch sein inneres Gefühl erkannte den Zweck und die Notwendigkeit sehr wohl, wenn es sie auch nicht be- weisen konnte. Was habe ich gewonnen? erwiderte die andere» Wenigstens ist Klarheit geschaffen. Und nun heißt es über- legen, was geschehen soll. Vor fünf Jahren war der junge Doktor der Phflosophre Heinrich Grabaus zu dem ordentlichen Professor Wuhlmann, bei dem er mehrere Semester gehört hatte, gekommen mit der Bitte, ihm bei seiner Habilitation behiflich zu sein. Wühl- mann war nicht der erste, an den er sich wandte. An größeren Universitäten hatte Grabaus zuerst sein Glück versucht. Mit dieser naiven Sicherheit eines Menschen, der von der Krast der in ihm lebenden und nach Wirkung ringenden Ideen vor- wärts getrieben wird, hatte er die berühmten Professoren einen IlM dem anderen aufgesucht überzeugt ass Freund und brüderlicher Kampfgenosse ausgenommen zu werden. Aber höchst übel hatte man ihn empfangen, wie einen gepäck- beladenen Fahrgast, der zu nachtschlafener Zeit in ein besetztes Abteil steigt. Daß in seinen Schriften, von denen die„Ur- sprünge der Philosophie" als das �uuptwerk galt, vielfach eine neue Wertung der Dinge versucht war, hatte ihn offenbar ver° dächtig gemacht. Als Grabaus zu Wuhlmann kam, war er schon erfahrener und zurückhaltender geworden. Die beiden Männer verstanden sich anfangs ganz gut, indem jeder aus den Worten des anderen grade dos heraushörte, was er wünschte. Aber sehr bald kam es zwischen ihnen durch die Verschiedenheit ihrer Charaktere zu Differenzen. Wuhlmann verdankt- seinen wissenschaftlichen Ruf vor allem seinen Forschungen auf dem Gebiete der Geschichte her Philosophie. Eine rein rezeptive Natur ohne schöpferische Begabung, besaß er eine ungeheuere Gelehrsamkeit und beherrschte die entlegensten Strecken seiner Wissenschaft. Seine Kunst bestand vor allem darin, den Ge- danken nachzuspüren im Laufe ihrer EntWickelung, von ihren ägyptischen, syrischen oder indischen Anfängen an ihre un- bedeutendsten Spuren und vcrkümmertsten Rudimente zu ver- folgen. Aber nie hatte diesem unablässig, maulwurfsartig wühlenden Arbeiter das Licht eines eigenen Gedankens ge- strahlt, nie war ihm auch nur ein fremder Gedanke zum wirk- lichen inneren Erlebnis geworden, dos sein Herz mit jener heiteren Ruhe, die am ZZnde die schönste Frucht aller Philo- sophie ist, erfüllt hätte. Von Machtverlangen und der Sucht nach äußerer Anerkennung geplagt wie nur irgend einer der unfreien und gewöhnlichen Geister, die sich selbst einzig in der Schätzung der Umwelt finden, war er der ärgste Intrigant und Tyrann. Zerfallen mit den Professoren der anderen Fakultäten, die ihu nach seiner Meinung nicht aufkommen lassen wollten, hatte er seine engeren Kollegen, frühere Schülett von ihm, ganz unter seinem Bann. Und diese Stellung eines kanonisierenden Papstes wollte er auch Grabaus gegenüber ein- nehmen. Als er sah, daß der junge Lehrer seine eigenen Wege ging, bestimmte er ihn durch wohlwollend klingende sIrmahnungen, sich einzuschränken. Schließlich stand die ge- samte Fakultät gegen den jungen Gelehrten, der die Wahl hatte, entweder auf ein Weiterkommen an der Universität über- Haupt zu verzichten oder sich zu fügen. Fünf Jahre lang hatte er sich gefügt und den lebendigen Strom eingedämmt mit der Geduld eines Menschen, der fühlt, daß er innerlich wächst, und weiß, daß seine Stunde kommen wird. Aber immer stürmischer war seine Sehnsucht geworden, brennender und verlangender der Wunsch, zu sein, was er wirklich war. Nun hatte heute ein einziges unüberlegtes Wort alle Frucht des langen Wartens zerstört. Und doch war er, je länger er sie bedachte, desto weniger entmutigt durch diese schnelle Tat. Ihm schien, nicht, daß er heute den Bruch herbeigeführt habe, sei das Verkehrte, sondern daß er den Druck so lange getragen. Aber was sollte nun werden? Bilder verschiedenster Art stiegen aus dem so plötzlich geöffneten Schoß der Zukunft empor. (Fortsetzung folgt.), '(Nachdruck verboten. Deutfcher(ZrnalÄ.� Wer an einem klaren Sommerabcnd oder duftigen Frühlings- morgen nach der bayerischen Hauptstadt reist, weiß, wie sich da um die bunte Schar der aus aller Herren Ländern zusammenströmenden Fcrienretsenden stets sachte, aber immer merllicher das Band einer allgemeinen Erwartung und heimliche» Spannung legt. Stundenlang keucht der Zug durch eintönige Heiden und mattgrüne Fichtenwälder, die sich wie eine vielfach gemusterte Samtdecke über das ganze ober- bayerische Land spannen— das anfangs erquickte Auge er- müdet bald in diesem steten Wechsel sanfter Hügel voll Wald und friedlicher Talmatten, die sich bis in die fernste Ferne ziehen. Immer findet sich ein Neuling, der sich nicht enthalten kann, sich laut zu verwundern, daß man bei München, dem Eingangstor der Alpcnwelt, gar keine Berge sieht — da auf einmal zerreißt auf dem Scheitel einer der sanften Höhen der grüne Schleier des Waldes, weithin blickt das Auge über das stille Land bis dorthin, wo im Süden der Himmel die Erde küßt— und in staunender Bewunderung verstummt nun auch der Unzu- friedenste: unsäglich schön und schimmernd, wie aus Tau und Himmelsblau gewoben, steht dort ein Band zackiger Bergeshäupter, daran schneeweiße Punkte leuchten als Gruß der fernen Tiroler Gletscher. Das sind die deutschen Alpen, ein Bild, so ergreifend und erhaben, daß jeder ernst vor seinem Anblick wird. •) Aus: R. H. France„Das Leben der Pflanze". k. Lieferung. Stuttgart. Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde.— Ihre Glanzpunkte, die Königsschlösser, das Berchtesgadener Land, das Tal von Garmisch und Mittenwald, den zauberhaften Kranz der bald schwermütig düsteren, bald schelmisch heiter blitzenden Seen, lernen alljährlich Hunderttausende kennen; von all ihren Bergesgipfeln schallt im Sommer das Jauchzen entzückter und von so viel Genuß übermütig gewordener Menschen— aber mag sich auch eine Völkerwanderung über diese Zauberwelt ergießen, sie hat noch immer einsame und nicbesuchte Täler und verlassene Berges- hänge, in denen sich noch Schöneres birgt, als alle Reisebücher preisen. Dorthin möchte ich' denjenigen fuhren, welcher der Pflanzen geheimnisvolle Urwelt erkennen will, denn dort eröffnet es sich ihm erst ganz, wie die heimische Natur eigentlich ist. Und damit möge auch ihre Schilderung beginnen. Ich rate meinem Wanderer, sich die merkwürdig kontrastreiche Gegend des Tegernsees anzusehen. An den Ufern aller Luxus mondainer Menschen, lachende Gärten, elegante Villen, stetes Kommen und Gehen; ein Bild von italienisch« Heiterkeit. Aber darüber ein Kranz wie grämlich blickender, düsterer Bergeshäuptcr, deren manches schon eine Fclsenkrone trägt und in seinem finsteren Schweigen uns die Sage zurückruft vom rätselhaften Alten vom Berge, dessen Sinnbild es ist. Woher denn alle die düsteren, etwas ängstlichen Sagen kommen, die in diesen Gegenden von den Bergen von Mund zu Mund gehen? Sic kommen wohl noch aus jenen Zeiten, wo weit und breit kein Haus sich erhob, nur die Klosterburg am Tegarinsee; wo der Einbaum über den See fuhr, jeder fröhliche Ton in der Totenstille der unermeßlichen Wälder ringsum erstickte, und die ganze Natur so ernst und riesenhaft das Zwerglein Mensch anblickte, wie noch jetzt im Söllbachtal, wohin ich den Naturfreund führen will. Eine Stunde Bergwanderung bringt mit jedem Schritt in die Vergangenheit hinein. Hinter dem Bergrücken des Ring» bergcs, den wir zwischen uns und den jetzigen Mode-Ort Tegernsee legen, versinkt Kultur und Menschheit. Eine grandiose Wildnis nimmt uns auf. Nie ist sie schöner, als in den Spätherbsttagen, wo die Bergeshänge in prangenden Lichtern erglühen— die Tanne dunkelgrün, die Buchen rotbraun, die wilden Birnen brennendrot, und der mächtige Bergahorn, der sich hier in manchem Vielhundert- jährigen Riefen einfindet, lodert hellgelb, daß man es ordentlich knistern zu hören meint, wie er brennt. Schroffe Halden stürzen sich zu einem schäumenden Bach hinab— Gerölle steigen in das enge Tal nieder, da und dort tritt der Felsen Nacktheit aus dem bunten Waldkleid hervor und zwingt uns in das Düster einer engen Klamm. Der breite Fahrweg wird auf einmal zum trittschmalcn Saumpfad und führt jäh hinab zum Wildbach, den wir überschreiten müssen. Fast senkrecht geht es an der anderen Taltocmd hinauf. Von Baum zu Baum muß neuer Halt gesucht werden; manchmal heißt es in dem Steinstrom klettern, schließlich nimmt uns ein ebener Pfad auf, der längs dem Berghange läuft, aber eigentlich eine Wasser- mulde ist, bedeckt mit zähem Morast, den wir auf schmalem, schwan- kendem Prügelsteige überschreiten. Die Talwände rücken näher zu- sammen, die finsteren Felsenhäupter sind zum Greifen nahe ge- kommen— schließlich macht ein gewaltiger Ouerrücken das Tal zur Sackgasse, erfüllt von einem Hochmoor, in dem das Weiterdringen mühsam, ja gefährlich wird. Das ist die S ö l l b a ch a u— einer der letzten Reste des deutschen Urwaldes. Schon während unserer Wanderung war der lichte, wolst- gepflegte Forst bald hinter den Ufern des Tegernsees zurückgeblieben; wo so viel Wald ist, wie hier im tagetveiten Revier, da muh die Pflege zurücktreten. Bald versagen alle die wohlbekannten Begriffe von Waldesschönheit und Größe; eine fremde, unheimliche Kraft scheint hier zu walten, und mit einem Schlage wissen wir, warum die Sagen der Urmenschheit immer erfüllt sind von den Gefühlen des Grauens, voll von Absonderlichkeiten, von Schrecken, mit einem Hintergrund heimlicher Angst vor der Natur, einem Gemisch von Furcht und Bewunderung, so wie man einen unendlich mächtigeren Feind haßt, dem man nicht beikommen kann. In diesen Bergsagen verhallt der letzte Wiederilang der Ur» natur. Wer diese grandiose Wildnis nicht gesehen hat, weiß gar nicht, wie„unnatürlich" unser licbgewohnter, deutscher Wald doch ist. Dort, wo nur die Natur das selbst wieder zerstört, was sie aufgebaut, stellt sich erst das richtige Verhältnis zwischen ihren Ge- schöpfen und uns her, und dabei verlieren wir unendlich. Alles nimmt dann gigantische Formen an, wenn nicht als Einzelwesen, so durch seine Masse. Aber trotzdem wird unser, uns von der Schule überkommener Begriff des Urwaldes enttäuscht. Wir erwarten nach dem Analogon der tropischen Wälder ein undurchdringliches Dickicht der Stämme, durchsponnen von Schlingpflanzen und durchwuchert von Hecken deS mannigfachsten Gesträuches. So ist aber unser deutscher Urwald nicht. Wohl wird auch in unserem Himmelsstriche der Wald, wenn er sich selbst überlassen bleibt, undurchdringlich, aber nicht durch die Ueppigkeit der Vegetation, fondern hauptsächlich, indem die durch Alter und Windbruch gestürzten Riesenstämme mit ihrem Aftwerk und Moder den Weg versperren. Die Bäume selbst stehen nicht sehr dicht, und nur dann, wenn in das Loubdach eine Lücke gerissen ist, durch welche Sonnenschein hereinflutet, spricst aus dem Moder und Moos ein Dickicht fröhlich grüner Bäumchcn unglaublich rasch hervor. Erst wenn man genauer hinblickt, sieht man, wie der Boden allenthalben besetzt ist mit den Keimen und einem zarten Anflug von Buchen und Fichten, nur gedeihen diese in dem Halbdunkel, halb erstickt von dem Moder, der- kümmert durch die gewaltigen Eltern jahrzehntelang, manchmal ein Jahrhundert hindurch nur auf das kläglichste. Erst wenn der sie bedrückende Riese fällt, und helles Licht hereinflutet, schießen sie wie Pilze auf und holen bald nach, was sie in den Jahren der Kümmernis versäumt. Aber so wie in der menschlichen Gesellschaft Übersicht man die durch Druck und Armut klein gebliebenen Helden des Alltags nur zu leicht, gegenüber dem Glänze der Großen. Deren Pracht wird jedoch im Urwalde reichlich aufgewogen durch die Verwesung und Verwüstung, über die sie sich erheben. Denn in zwei, drei Reihen liegen die Pflanzenleichen übereinander, wie in ein grünes Leichen- tuch gehüllt durch die üppigen Moose, die alles überwachsen. Der Boden wird modererfüllt durch das Gewirr fallender Stämme, die den Regenabfluß verlangsamen, nicht minder durch die das Wasser begierig aufsaugenden Moose stets feucht und morastig erhalten, so daß man auf den liegenden Stämmen und Stümpfen, manchmal tief in den faulenden Mulm einbrechend, mühsam und halsbrecherisch über den übelriechenden Sumpfboden hinwegklettern muß; dazu in stetem Kampfe mit dem Geäst und schlangenartig sich empor- windenden Wurzeln toter und lebender Bäume, zwischen denen stets ein dunstiges Dämmern ist. Dazu kommt die absolute Stille dieser Einöde, der völlige Mangel an Blumen und Vögeln, mit Ausnahme emsiger Spechte, so daß der Gesamteindruck unheimlich und durch die Monotonie der sich darbietenden Bilder schließlich auch lang- weilig ist. Dafür aber fesselt der Urwald das Interesse des Botanikers aufs höchste. Wenn er erwarten konnte, daß dort, wo die Natur sich bollkommen allein überlassen bleibt, sich auch alle ihre bei uns heimischen Geschöpfe in sinnverwirrender Fülle drängen werden, so mag er jetzt höchlichst überrascht sein über die Armut der ihm da entgegentretenden Flora. Außer den Banmriesen gibt es vor- wiegend nur nieder« Pflanzen. Pilze, Moose, Flechten, Bärlappe, Schachtelhalme und Farnkräuter, die sind freilich von einer außer- ordentlichen Mannigfaltigkeit. Ungeheuere Baumschwämme schmarotzen allenthalben an den Stämnien, und im Moder ersteht überall die bunte Schar übelriechender, abenteuerlich gefärbter Pilz- hüte. Am meisten treten durch ihre Masse die Moose hervor. Sie doininieren im Urwalde unbedingt. Da gibt es tausendfach zart- gefiederte Wedelchen, Urwälder im Kleinen, schwellende Polster, grüne Dickichte von Lebermoosen, breite Rasen des Widertons, schwammige, mißfarbene Hügel der Torfmoose, eine Vielheit von Formen und Nuancen des Grüns, welche in einer tieferen Kategorie von Größe und Gestaltung den Formenzauber unserer Wqlder noch überbietet. Ungeheuere Massen der mannigfachsten Flechten über- spinnen totes und lebendes Astwerk mit fahlen Farben. An den Tannen hängen die tvallenden, geisterhaften Büschel der Bartflechte, des„Hirnschalenmooses" traurigen Angedenkens, dessen Besitz einst genügte, um als Hexe überführt zu werden, da es nach der Natur- kenntnis des XVI l. Jahrhunderts nur auf den Schädeln Gehenkter wuchs. Dort wo noch Platz bleibt, erhebt sich Gestrüppe von Bär- läppen oder ein Urwald hoher Schachtelhalme. Aber es fehlt die liebliche Schönheit unserer Waldblumen. Alles, das, was sonst die Waldwanderung so sehr verschönt, die vielen hell- und dunkeläugigen� Blumen, die entzückenden, blütengestickten Teppiche der Lichtungen— davon ist im Naturwalde keine Spur. Was die Krhptogamen freilassen, das hält noch die Pestwurz besetzt, und sonst verkriecht sich höchstens das eine oder andere schattenliebende Pflänzchen, der Sauerklee, die Moderorchideen oder die bleiche Ge- scllschaft der Schuppenwurzen im ewigen Halbdunkel dieser Ge- strüppe. Den Naturkenner überrascht daher auch nicht das Fehlen der von den Blumen unzertrennlichen Insekten. Nur moderliebende Holzwürmer, Käfer und Maden durchwühlen die gefallenen Stämme. Die in eitel Rubinen-, Saphiren- und Diamantglanze prangenden, zirpenden, schnarrende», schwirrenden Schnaken, Fliegen, Grillen und Schmetterlinge, die unsere Kunstwälder im Sommer mit einem holden Klingen erfüllen, sie alle fehlen. Leblos erscheint die un- gestörte Natur, und der einzige Laut in der Stille ist das Hacken der Spechte, das schwermütige Seufzen des Windes in den Wipfeln und das heisere Knarren sich reibender Aeste. Dementsprechend sind auch die höheren Tiere spärlicher ver- treten, als man es im vorhinein erwartete. Schlangen sind sehr selten, Amphibien fehlen ganz— sie fänden ja keine Nahrung. Auch die auf Insekten angewiesene Vogelwelt nieidet das vielhundert- jährige Dickicht. Nur einige kann der Urwald ernähren: den Fichten. nadeln und Buchcnknospen verzehrenden Auerhahn, die maden« suchenden Spechte und die großen Räuber: die Urwaldeule und noch größeres Raubzeug. Auch die vierfüßigen Lebcnsgenossen des Ur- Waldes lassen sich an den Fingern herzählen. Seltsamerweise gibt es Hasen, besonders viele Marder und Füchse, nicht minder Hoch- wild, natürlich auch die morastliebenden Wildschweins. Aber damit ist das Lebensbild des deutschen Alpenurwaldes er- schöpft. Fichte und Tanne herrschen in ihm, dann noch Buchen im regellosen Gemisch, sehr selten noch Ahorne, Ulmen und andere Bäume eingesprengt. Fast kein Unterholz, dafür aber alle jene niederen Pflanzen, welche dem Walde die Feuchtigkeit erhalten. So ist es in der Söllbachau, und so ist es nach den Schilderungen der Botaniker auch an jenen, wenigen anderen unzugänglichen Stellen deutschen Bodens, wohin sich die letzten Reste der wirklich unver- änderten heimischen Natur zurückgezogen haben: im Kubani-Urwald des Böhmerwaldes, welcher das großartigste derartiger Gebiete ist und für„ewige Zeiten" erhalten bleiben soll; wie denn auch der bayerische Staat als Besitzer der soeben geschilderten Söllbachau meinem Vernehmen nach geneigt ist, diese..naturhistorische Stätte ersten Ranges" in ihrer Unberührtheit zu belassen. So ist es in den Urwaldresten der Schweizer und Oesterreicher Alpen, so in den Sudeten der schlesischen Grenze, wo sich(bei Goldenstein in Mähren)! desgleichen findet, so scheint es durch die Naturgesetze für das Klima und die Bodenverhältnisse Mitteleuropas überhaupt vor- geschrieben zu sein. Das sind die Wälder, die den Römern Grauen einflößten, als sie von dem Alpenwall niederstiegen; deshalb kam Germania dem Tacitus traurig und unwirllich vor. Der echts deutsche Wald unserer Vorfahren gewährt wohl ein großartiges. aber durchaus nicht erquickendes Bild, und unsere Fantasie, die sich die Helden der Nibelungen in einem Eden vorstellt, welches alles das, was in unseren, Walde entzückt, in gesteigertem Maße enthält, ist übel beraten. Es bewährt sich eben auch in der Natur das viel- erprobte und uralte Gesetz des Schönen. Wahrhaft schön ist nur eine Mannigfaltigkeit von Eindrücken, deren einzelne Faktoren zu einander in harmonischem Verhältnis stehen. Indem wir im Laufe der Jahrhunderte die Urnatur ausgerottet, gewissermaßen gezähmt und in unseren Dienst genommen haben, indem unsere Forstkultur den Wald lichtete und zu einem Kunstprodukt umschuf, benahm sie ihm zwar seine Großartigkeit, aber sie schaffte dadurch Raum für die fremden Waldgäste: das Buschwerk, die Waldwiese, die Blumen- schar mit ihrem Gefolge von Licht, Leben, Duft und Farben. Erst sie, welcher der Naturschwärmer grollen zu müssen vermeint, läßt jenes Mosaik von Sonnenschein und Schatten, von Dickicht und weiten Perspektiven erstehen, welches allein, wie wir erst jetzt er- kennen, die Waldwanderung so heiter, erquickend und schön macht.— Kldnce Feuilleton. — Räkoczys Schädel. Man schreibt der„Franks. Ztg.": Die Zeit rückt imnier näher, in welcher die Ueberreste„Rökoczhs des Rebellen" in die Heimat zurückgebracht werden sollen aus dem fernen Türken- lande. Ob mit oder ohne Schädel. In der Vorrede zu dem Lebensbilds, das Freiherr v. Hclfert von seinem Freunde AloyS Fischer entworfen, heißt es, Fischer sei nicht unempfäng- lich für einen guten Spaß gewesen;„denn ich meine schier, es sei die Anekdote von den zwei Schädeln des„großen Rakoczy", die ich Dir damals<1848 in Olmütz) zum besten gab, gewesen, was Dich mir zuerst näher brachte; mutzte ich sie Dir doch so oft wieder erzählen!" In den Anmerkungen schreibt dann Helfert mit Bezug darauf:„Dies heitere Ouiproquo hat zwei Varianten. Die bekanntere spielt in einem Raritätenkabinett, wo der Fremde einen Totenschädel gewahrt. „Das is Kopf von große Rakoezy 1" belehrt ihn der Führer. „Und dieser kleinere daneben?" „Is auch Kopf von große Rakoezy, wie wor zehn Johr olt." Nach einem anderen Gewährsmann erblickte der Besucher auf dem Schreibtische seines Freundes einen Totenschädel. „Potztausend l Seit wann sind Sie denn Anatom?" „Nix Anatom! Dos is gor berühmter Schädel, dos is Kopf von große Rakoezy!' Wie? ist mir doch, als hätte man mir schon irgendwo den Schädel Näkoczys gezeigt l" .�mios. werden Sie on zwanzig Orte kommen, und wird mon sogen: Dos is Kopf von großen Rakoezy. IS olles nit wohr l Existieren in gonze Welt mir z w a i echte Exemplare: ains iS in Nationalmuseum von Pest und ondereS hob ich!"— Theater. Deutsches Theater.„DerPrivatdozent." Ein Stück aus dem akademischen Leben in vier Akten von Ferdinand Wittenbauer. Der Autor, selbst Professor an der technischen Hochschule in Graz, leuchtet mit erfrischender Rücksichtslosigkeit in die Streberci und das Günstlingsleben der akademischen Welt hinein. Nicht nur, daß der Staat die„Freiheit der wissenschaftlichen Lehre" einengt, in dem er die Besetzung der Lehrstellen von seiner Genehmigung abhängig macht und die Vertreter einer unerschrockenen Gesellschaftskritik oder sonstiger staatlich approbierter Gesinnungen nach Möglichkeit von den Universitäten fernhält, nicht nur daß so politische Rückgratlosigkeit und Leisetreterei hier systematisch gezüchtet wird,— auch davon abgesehen, findet Talent und Können, das in dem Dienst der Wissenschast Wertvolles zu leisten vermöchte, hundert Schlagbäume errichtet. Eine jahrelange unbesoldete Dozenten- tätigkeit, von der auch die tüchtigsten, wissenschaftlichen Arbeiten nicht dispensieren, schließt von vornherein die Mittellosen aller Fälle von dieser Laufbahn aus; wie denn ja durchweg in der heutigen Gesellschaft die Entwickelung und Betätigung von Anlagen großen- teils nicht so wohl davon, was einer von Natur, als davon, was er von den Eltern mitbekommen, abhängt. Aber zu dem Klassenwesen, das dem Wissenschaftsbetrieb durch die soziale Gesamtoraanisation notwendig aufgeprägt ist, gesellt sich obendrein eine deutlich merkbare Tendenz zum Kastenwesen. Wer den Vor- sprung, den Besitz gibt, durch verdoppelte Arbeit einholt, stößt hinter den sozialen hier noch auf neue sehr viel engere Schranken. Da spiel-n Bei den Wahlen zum besoldeten Lehramt, zur Professur alle nröglichen persönlichen Rücksichtnahmen und Motive in die sachliche Entscheidung hinein. Da fragt sichs, wird der Kandidat auch ein angenehmer Kollege sein, pasil er zu uns, ist er gesellschaftlich korrekt, hastet kein Makel des Judentums ihm an, zu welcher wissenschaftlichen Schule gehört er, welches sind seine Konnexionen usw. Die zarten Bande der Verwandtschast verlangen Anerkennung. Schwiegersöhne und solche die es werden möchten, find Gegenstände ganz besonderen Wohlwollens. Eine Statistik der Verschwägerung und Berfiopung unter den Wortführern der offiziellen Wissenschaft würde vermutlich interessante Resultate liefern. Wozu sind denn Privatdozenten da, heißt es in dem Stücke, als daß die Prosessorentöchter ausgeheiratet werden. Wittenbauer macht seinem Grimme über diese Vetternwirtschaft gründlich Lust. Man hätte wünschen mögen, die Grenzen der Satire wären Iveiter gezogen, politische Beziehungen mit hinein ver- flochten, aber auch so. in diesem engeren Rahmen tat sie ein gutes Werk. Der treuherzig bärbeißige Obermayer, der Bauernsohn vomHoch- land, dem nach zehn Jahren ungewöhnlich arbeits- und erfolgreicher Dozentur ein glatter Karriereschnaufer, Bräutigam eines Professoren- töchterchens, vom Kollegium vorgezogen wird, vor allein aber sein wackerer Fürsprecher, der alt« kaustische, cholerisch aufbrausende Pro- fessor Prutz sind gut gesehene, scharf umrissene Gestalten. Auf der Gegenseite herrscht steilich die Schablone vor: die Handlung hat reichlich Risse und Brüche. Dem Konventikel der klatschenden Professorenfrauen gebrichts an Originalität der Komik, und der Hof- rat, der in der Abstimmung gegen bessere Ueberzeugnng zugunsten seines künftigen Schwiegersohnes den Ausschlag gibt, ist in den vorher- gehenden Szenen so synrpathisch gezeichnet, daß manihm diese Schamlosig- reit nicht recht zutraut. Aber irgend eine glückliche Wendung, ein scharf geprägtes, spitzes Wort regt da» Jnterefie immer wieder an. Der Sckilußast mit der Katzenmusik vor den Fenstern des Hofrats, dem Abschied Prutz' und Obermaher'S von der Universität, der stillen Liebeswerbung des von den» Streberbräutigai» befreiten Mädchens, die Obermayer, trotzig wie stüher, nicht verstehen will, hatte darüber hinaus eine Reih» lebendiger Stimmungsreize. Das Publikum, von der Tendenz gefesselt, folgte mit un- verkennbar starkem Interesse. Jeder Ausfall wurde dankbar mit lautem Sachen begrüßt. Einen sehr gewichtigen Anteil am Erfolge hatte die sorgsam gefeilte Aufführung. Herr Mary als Obermayer, Margarete Otto Körner als herrschsüchtige Pro- fefiorengatttn, Paula Müller in der Rolle der Tochter spielten mit stischer Verv«. Sine brillante, in jedem Zug vollkommen indi- vidualisierte Figur, drollig und rührend zugleich, war Arndt» Professor Prutz.— St. Berliner Theater.»Die eiserne Krone". Schau- spiel in fünf Akten von Fedor V. Zobeltitz.— DaS Stück spielt irgendwo unten in einem kleinen Balkanstaate. TS wimmelt im Theaterzettel von.interessanten' Namen: BereSco, Maffeo, KoSkull usw., deren Träger obendrein noch in der Mehrzahl leib- haftige Minister find. Wäre nicht der pathetisch schwungvolle»eiserne Kronen'-Titel gewesen, so hätten sich Optimisten nach dem Zettel auf irgend«ine politische Satire, die, um sich freier zu regen, halb orientalische» Kostüm umgeworfen, spitzen können. Statt dessen bekam man etwa» im Stil einer Erzählung sür die reifere Jugend aufgetischt, die szenisch« Einschlachwng eines Zobeltitzschen in der Scherl-. Woche" erschienenen Roman». Die.tllyrischen" Minister nebst Anhang hatten keine andere Mission, als den Borzüglichleiten eine» preußischen Offiziers zur Folie zu dienen. Die patriotische Erbaulichkeil wurde nur noch durch die Langeweile übertroffen. So viel drania tische Unzulänglichkeit im Laufe der Saison über die weltbedeutenden Bretter geschritten, die.Eiserne Krone' schlägt ziemlich den Rekord. Bon Charakteristik, Handlung, Aufbau, Dialog völlig zu schweigen, nicht einmal zur Erzeugung von einem kleinen Bißchen äußerer Spannung hat die Erfindungskraft trotz Hinzu- ziehmig von Verschwörung und Attentat gelangt. Dabei gab sich der Autor, hierin die klassische Tradition bewahrend nicht unter bollgezählten fünf Akten zustieden. Eine Deputation aus Jllynen überbringt dem Grafen und Garde-Offizier Schöning die eiserne Krone de? Landes—, ein stierlicher AktuS, der wie der Zettel mit naturalistischer Genauigkeit und zur Erhöhung der Wirklichkeitsillusion uns mitteilt, in.einem Zimmer im Hotel de Rome in Berlin" sich zuträgt. DcS Grafen echt königlicher Sinn betätigt sich vor allem darin, daß er. kaum warm geworden auf dem Thron, wegen:mer Grenzverletzung das arme kleine Land Hals über Kopf entgegen dem Willen der Minister in einen Krieg stürzen will. Seine heldenhafte Herrscherseele geizt nicht mit solchen Kleinigkeiten wie dem Blut der Uuiertanen. Auch der alte Kanzler Veresco wäre in dieser Hinsicht wohl nicht weniger spendabel, wenn:r nicht von dem Feld- zug eine Popularität des Fürsten befürchtete, die seiner eigenen Wacht gefährlich werden könnte. Darum treibt er Obstruknons- und als das nicht mehr durchschlägt, auch einige VerschwörungS- Politik. Seine Tochter ist höchst bösartig, eine.dämonische" Natur. Obwohl verheiratet, möchte sie Frau Königin werden, drängt sich an die neue Durchlaucht in gespielter Liebcsleidenschast heran und brütet, tugendhast von ihm zurückgewiesen, dann unerhörte Rache._ Den Schluß bildet glanzvoller Triumph der Tugend und des Krieges. Die Nationalversammlung der Illyrer bekleidet Durchlaucht mit diktatorischer Gewalt, und die Kugel, die dem Fürsten zu- gedacht war, durchbohrt den reuigen Veresco. Bei allem Fleiß vermochten die Schauspieler aus den papiernen Figuren nichts zu machen. Trotzdam gab es in dem ausverkauften Hause großen Beifall und mehrfache Hervorrufe des Dichters.— St. — Freie Volksbühne..Kabale und Liebe." Ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Akten von Friedrich Schiller. Es war beinahe eine Ueberraschnng, wie merkwürdig frisch dieses vor � mehr als hundert Jahren geschriebene Stück wirkte. Bei der Lektüre fallen oft langatmige Stellen auf, spitzfindige RäsonnementS, in denen sich die gefühlsmäßig überschwängliche und doch auch kritisch veranlagte Zeit gefiel. Dieses zeitliche Gewand ist aber nur die Oberfläche. Wir sehen es nicht mehr bei der Aufführung, da kommen die bleibenden Worte heraus. Es ist auffallend, wie straff Schiller hier die Fäden � zusammenzieht. Im Gegensatz zu den .Räubern' ist in diesem Sttick der dramatische Auf- bau so lapidar, und die Szenen folgen sich in so schnellem Wechsel, daß keine Ueberlegung, keine Ermüdung ein« tritt. Immer wieder sieht das Ange den Fortgang der Handlung, und alle Geschehnisse lenken hin zu einer Fülle menschlicher Motive. Diese Rücksichtslosigkeit im Fortstürmen der Leidenschaften läßt Schiller auch alles genaue Berücksichtigen der Wahrheit der Situationen. der psychologischen Vertiefung gering achten. Die theatralische Begabung kommt gerade in diesen, Stück deutlich zum Ausdruck. Man bedauert, daß die Zeit damals eine so enge war, daß selbst ein Schiller zum Schluß in klem-persönliches Unglück sich verstricken läßt und weinerliche GefühlSientimentalitäten gibt, während doch die beiden ersten Aste so groß und kraftvoll sind, daß man meiitt, die Linien dieser Kunst müßten zur Höhe einer univer» salen Menschheitstragödie hinaufführe». Man hat oft den naturalistischen Stücken gegenüber angeführt, sie marterten die Nerven. ES läßt sich aber kein modernes Stück denken, daß so austegend und andauernd aufstachelnd wirst wie diese.Kabale und Liebe". Das geht manchmal soweit, daß Schiller sich durch dieses Forcieren selbst um die Wirkung bringt und die Spannung übertreibt. Dann aber versöhnen wieder der festgefügt« Bau des Ganzen, fein beobachtete Eiuzelzüge, deutliches Heraus« arbeiten der Charaktere. Aus dem Ganzen redet Schiller, und die Persouen sind sein Sprachrohr, ein vielstimmiger Chor, der seinen Willen, seinen Abscheu, seine Hoffnung kundgibt. Die Darstellung war in allen Teilen gut und der Frische und Leidenschaftlichkeit des Stückes entsprechend. Die Darsteller trugen ihr Teil dazu bei, das Ganze glaubhast hinzustelleu. Ernst Pittschau als Präsident. Weigert als Ferdinand, Kuhnert als v. Kalb, auch Marie Franendorser in der schwierigen Rolle der Milford, die so leicht unglaubhaft erscheint, trugen zu dem Ge- lingen bei. Willy R o h l a n d schuf in dem Stadtmusikanten Miller einen vollen Charakter. In Marianne B r a t t war eine vorzügliche Darstellerin der Luise gesunden worden. Sie gab eine abgerundete Leistung, deren Ratürltchkeit die Hörer oft spontan ergriff, so daß einmal der Beifall bei offener Szene einsetzte.— s. s. Humoristisches. — DaS Schrecklichste..Sie waren also auch bei dem Eisenbahnunglück dabei, gnädige Frau, und wurden verletzt?" .Ja, denken Sie sich nur. wie schrecklich I Durch die Wucht de» Stoßes bin ich von der zweiten Klasse m die dritte geschleudert worden."—■ — Zweifel. Köchin:.Bei meiner jetzigen Herrschaft kemte ich mich rein nicht auS; überall bleiben f alles schuldig, entweder find f s o feine Leute oder sie haben wirklich nix!"— — Auch noch. Kranker Onkel(der von seinem Neffen, einem jungen Arzt, behandelt wird):.Schrecklich, jetzt will er auch noch meinen Magen auSpumpenI"— f.Meggendorfer-Blätter".) Notizen. — Die württembergische Gruppe des Schiller« Verbandes Deutscher Frauen hat dieser Tage 20 235 M. als Beitrag für die Schtller-Stiftung abgeliefert.— —.Der Froschkönig", eine dreiastige Komödie von Dietrich Eckart, ist vom Leipziger Stadttheater und vom Intimen Theater in Nürnberg erworben worden.— — In Braunschweig wurde etn Harzer Bergtheaterverband begründet. Der Verband bezweckt in erster Linie die Förderung des Wachlerschen Unternehmens in Thale i. H.. will dann aber auch die Idee, LandschaftStheater an anderen durch Ortssage, Geschichte und Mythos bekannten Punkten Deutschlands zu begründen, der Verwirklichung näher zu bringet, versuchen.— — Der Radierer AloyS Kolb- München ist an di« Kunst» gewerbeschule in Magdeburg als Lehrer berufen worden.— — Der Deutsche Künstlerbund hat in Florenz eine Villa erworben. In dem Gebäude werden Ateliers errichtet, deren Benutzung auf den Ausstellungen des Künstlerbundes statt de» sonst üblichen Preise älteren und jüngeren Künstlew zugesprochen werden soll.— "'rantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Druck und Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin S W,