Anlerhaltungsblatt des Horwärts Nr. 83. Donnerstag, den 27. April. 1905 (Nctchdutck verboten.) 3] flammen. Roman von Wilhelm Hegeler. Gvavaus hatte noch nicht lange gelassen, als heftig die Tür geöffnet wurde, und seine Frau ihren Kopf hereinsteckte. Offen- bar hatte sie ihn nicht im Zimmer vermutet und war nun sehr erstaunt, ihn doch zu sehen. „Du bist da?— Und ich sitze und laure. Ach nö. höre mal. Du hast doch versprochen mich abzuholen!" sagte sie, die einzelnen Vokale recht lang ziehend und voll tönen lassend, wie das die Art der gebildeten Berlinerinnen ist, bei denen der Dialekt gebrochen nachklingt. „Warste etwa allein spazieren?" „Sei nicht böse, Liebling, die Vorlesung hat mich heute so erregt, daß ich lieber allein gehen wollte." „So was! Und mich läßte ganz einfach bei den Jöhren sitzen? Du bist'n schöner Pappi!— Mach ma Tü tu, Mammi- kind," sagte sie zu dem älteren der kleinen Geschöpfe, die sich hinter ihr hereingedrängt hatten, einem vierjährigen, dick- köpfigen Mädchen. Während sich dieses noch besann, war ihr kleiner Bruder an ihr vorbeigestürmt und hatte die Tür aus Leibeskräften zugeschlagen. „Also allein hast Du gebummelt? Ich wette, daß Dich wieder'ne Schülerin angesprochen hat. Da war die bessere Hälfte natürlich überflüssig." „Was Du Dir wieder denkst!" erwiderte Grabaus köpf- schüttelud. „Ra, Iva, gewiß hast Du ein kleines Privatissimum lesen Müssen." Eifersüchtige Männer pflegen ihre Frauen durch gewalt- same Ausbrüche zu quälen. Die Eifersucht der Frauen aber äußert sich meist in unaufhörlichen Sticheleien. Frau Konstanze Grabaus gehörte zu den Frauen, deren Eifersucht schon das Normale übersteigt. Diese sonst so nüchterne und temperament- lose Frau lebte in der beständigen Furcht, ihren Mann zu ver- lieren. Wegen der unschuldigsten Veranlassung und oft auch ohne jeden Grund konnte sie ihn mit Anzüglichkeiten plagen. Dem gleichgültigsten Gespräch verstand sie dann eine Wendung zu geben, die zu diesem Thema führte. Grabaus respektierte die Schwäche seiner Frau als eine ihr treues und anhängliches Wesen notwendig ergänzende Eigenschaft, doch litt er mit der Zeit immer mehr unter ihren Reden wie unter leis bohrendem Zahnweh, das einen auf die Dauer mürber machen kann als der grimmigste vorübergehende Schmerz, und er vermied es ängstlich, je mit ihr über andere Frauen zu sprechen. Das Mammikind, Elsbeth getauft, doch auf alle möglichen Namen hörend, nur nicht auf diesen, hatte sich unterdes am Tisch zu schaffen gemacht. Es besaß eine außerordentliche Vor liebe für alles, was mit Schreibwerk zusammenhing, und war besonders auf seines Vaters Manuskripte erpicht. Jetzt hatte es den Zipfel eines Haufens loser Blätter er griffen und zerrte daran mit ängstlichem Vergnügen. „Ach, Mammikind, Du bringst mir ja die ganze Aesthetik durcheinander. Komm zum Vater! Komm, setz Dich auf meinen Schoß!" Das Kind folgte und war glückselig, als es auf einer leeren Seite in einem fort seinen Namen malen durfte. „Also, mein Herz, sei nicht böse," wandte Grabaus sich an seine Frau.„Was meinst Du. wenn wir den Spaziergang nach dem Essen nachholten?" „Nach dem Abendessen? Im Dunkeln? Nö, da bin ich zu müde. Nun wart ich schon lieber bis morgen. Aber ein schlechter Mensch bist Du doch, mich einfach zu versetzen.— Nicht wahr, schlecht ist der Papi, Mammikind. Böse Papi, uit wah?" Mit ernsten Augen sah die Kleine ihren Vater an und runzelte die Stirn. Aber der Bube kam von der anderen Seite des Zimmers herbeigelaufen. „Nein, dute Papi. Papi eiei! Wiei Papi!" schrie er, indem er nach seinoin Vater die Arme ausstreckte. Die Eltern lachten. „Ach, Du Bmgel!" sagte die Mutter und hob den zappelw den Jungen auf.„Gott— aber wie doch die Männer zw sammenhalten!" „Ich glaube gar, Du bist auf Deinen Jungen eifer« süchtig."•■ „Eifersüchtig?" erwiderte Konstanze geringschätzig.„Ach, wenn ich dazu Anlage hätte—" „Ne na." „Ich hätte ja keine ruhige Stunde mehr. Zum Beispiel, was heute wieder kam— na, das ist aber'ne Ueberraschung. Das erfährst Du erst morgen." „Was ist denn gekommen?" „Heut sag ich's nicht. Strafe muß sein." „Nun sag's schon, Liebling! Du weißt ja, wir Männer sind das neugierige Geschlecht. Uebrigcns—" Er brach ab. Aber aus dem einen Wort, aus seinev Miene, wie er die leise Sorgenwolke verscheuchte, hatte seine Frau schon alles mögliche vermutet. „Was—„übrigens?" Hast Du auch'ne Ueberraschung? Was Schlimmes? Sag mir! „Ach nichts." „Ist Dein Aufsatz zurückgekommen? Hat Wuhlmann Dir was gesagt? Sind wir gesteigert?" „Nichts, nichts. Wir können nachher mal in Ruhe drüber sprechen. Erst sag mir mal Deine Ueberraschung!" Frau Konstanze zog einen Brief aus der Tasche. „Da, lies! Aber werd mir nur nicht zu eitel. �— Ja, wenn ich eifersüchtig wäre! Eine eifersüchtige Frau hätte den Brief längst verbrannt." Grabaus hatte, ohne auf die letzten Worte zu hören, mit dem Lesen begonnen. Es war der Brief eines jungen oder vielmehr alten Mädchens, das ihm für die aus seinen Vor» lesungen gewonnenen Anregungen dankte. Der Brief war überschwenglich, und doch hatte die Verfasserin aufrichtige und zugleich feine, kluge Worte gefunden, sowohl um die Freud- losigkeit ihrer einsamen Existenz früher, wie um ihre frohe Gehobenheit jetzt zu schildern: dieses Gefühl, aus niedriger, dumpfer Sorgen Enge in die freie Atmosphäre einer großen Gedankenwelt geführt zu sein.„Ich weiß nun"�— schrieb sie —„und darüber bin ich so glücklich, als wenn ich in meinen alten Tagen noch Haus, Herz und Familie gefunden hätte, daß, wenn man nur sein Herz öffnet, man nicht allein zu sein braucht auf der Welt. Mir ist zumut. als wenn Sie mich in einen Kreis von Menschen eingeführt hätten, die, mir unendlich überlegen und tausendmal klüger als ich, mich doch als jemand längst Vertrautes willkommen hießen und das Beste und Intimste, was ihr Inneres bewegt, mir mitteilten. Was früher schön gebundene Bücher für mich waren, Bücher, an denen der Hauch längst vergangener Schulstunden, ernster. pedantischer und mürrischer Männer, die sie mir zuerst öffneten. hing— aus diesen toten Büchern sind lebendige, unverlierbare Freunde geworden. Und das alles, diese Erweckung eines neuen, reichen Lebens in meiner müden und verödeten Brust danke ich Ihnen.—" Nicht ohne Ergriffenheit und Freude hatte Grabaus� die Zeilen gelesen. Er ließ das Blatt sinken und sah seine Frau an, deren Augen gespannt auf ihm ruhten. „Ein schöner Brief, nicht wahr?" fragte sie. „Schön und wirklich echt," erwiderte er. „Ich möchte nur wissen, wer die Person ist?" „Warum? Wenn man sie kennen lernte, wäre man viel- leicht enttäuscht. So hat die Phantasie ihr freies Spiel." „Du! Mal sie Dir nur nicht zu schön aus." „Ach, schöne Frauen schreiben nicht solche Briefe," sagts er mit leichtem Spott. Das Dienstmädchen kam herein und nieldete, daß das BaL für die Kinder hergerichtet sei. Frau Konstanze, welche ihre Kinder selbst zu baden pflegte, schickte sich schon an, hinaus- zugehen, blieb aber noch vor der Tür stehen. „Und Deine Ueberraschung?" fragte sie. „Die erzähle ich Dir nachher." „Es ist doch wirklich nichts Schlimmes?" „Nein, nein. Je länger ich mir's überlege, desto mehr empfinde ich. daß es sogar etwas sehr Gutes ist." Ms Grabaus allein war, nahm er noch einmal den Brie� zur Hand. Eine schöne, frohgemute Stimmung erfüllte ihn jetzt ganz. Vom Garten her flutete, durch das Zweiggewirr der Apfelbäume vielfach zerteilt, der goldrote Abendsonnenschein und ergoß sein gedämpftes Feuer über die lange Reihe der Bilder von Shakespeare, Goethe, Schiller, Kant und all der anderen verstorbenen oder noch lebenden Großen im Geist, die' in dieser Dämmerstunde von dem geheimnisvollen Glanz seit- sam erhellt, beredter und teilnahmsvoller als sonst auf ihn hinabschauten. „Aus toten Büchern haben Sie lebendige Freunde ge- macht," wiederholte Grabaus mit glückverkündendem Lächeln. Nun, dachte er, bin ich denn etwa allein und verloren? Habe ich nicht die Gewißheit, daß diese hier mir Recht geben, und daß mein Wort, mögen auch alle Professoren mich mundtot machen wollen, doch durchdringen wird! Warum sollte ich den Mut sinken lassen? Ach und dann— ich habe ja selbst immer geglaubt und gelehrt, daß, wo nur ein Mensch mit eigenen neuen Ideen erscheint, er auf den stärksten Widerstand stößt. Wenn ich bisher nicht gewußt habe, daß ich etwas bin, so habe ich es heut erfahren. Als Frau Konstanze wieder herein kam, war der Tisch zum Abendessen schon gedeckt. Doch vorher mußten die Eltern den Kindern noch Gute Nacht sagen. Besonders rotbäckig und niedlich wie stets nach dem Baden schauten die beiden Kleinen aus ihren weißen Kissen hervor. Der Bube kroch sofort unter die Steppdecke, indem er vorgab, den Bergmann zu spielen. Seine Mama, die niit ihm immer etwas auf Kriegsfuß stand, drohte mit der Rute und hatte nicht geringe Mühe, bis er sich schließlich zu einer vernünftigen Lage bequemte. Elsbeth aber ruhte höchst sittsam und artig mit ihrer Puppe im Arm, sorg- sam bemüht, das Tüchlein, das man ihr aus Vorsicht unter die nassen Haare gelegt hatte, nicht zu verschieben. Nachdem sie ein etwas lang ausgesponnenes Nachtgebet gesprochen und sich selbst, den Buben, Papa, Maina, die Puppe und den Kanarienvogel der Fürsorge Gottes empfohlen hatte, gaben die Eltern beiden Kindern noch den letzten Kuß und gingen dann zu Tisch. Es gab Pellkartoffeln. Nicht ohne einen gewisse,: Stolz hob Frau Grabaus den Teckel von der blanken Nickelschüssel, und nicht ohne Gnmd brach ihr Mann beim Anblick der so behäbig dicken und runden Knollen in Bewunderung aus. Mit diesen Kartoffeln hatte es seine eigene Bewandtnis: sie waren selbstgepflanzt. Knapp ein halbes Jahr war es her, daß der junge Privat- dozent,-dem der Arzt freie Luft und körperliche Arbeit ver- ordnet hatte, in aller Herrgottsfrühe mit dem Spaten in den Garten gegangen tvar, um die Erde umzugraben. Höchst un- geschickt hatte er sich bei dem Geschäft angestellt, und als er nach einer Stunde das bearbeitete Stück Land überschaute, das mit seinen Löchern und Hügeln den.Eindruck erweckte, Hühner hätten drauf mit Maulwürfen um die Wette gehaust, war er nicht wenig verzagt. (Fortsetzung folgt.x (Nachdruck verboten.) Ver stille Ozean in ftandd und Krieg. Schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zeichnete Karl Marx mit genialem Blick in lapidaren Strichen die Bedeutung des Stillen Ozeans für die Weltwirtschaft der Zukunft.„Zum zweiten Male", so sagte er,„bekommt der Welthandel eine neue Richtung. Beide Küsten des Stillen Ozeans werden bald ebenso bevölkert, ebenso offen für den Handel, ebenso industriell sein, wie es jetzt die Küste von Boston bis New Orleans ist. Dann wird der Stille Ozean dieselbe Rolle spielen, wie jetzt das Atlantische und im Mittelalter das Mittelländische Meer— die Rolle der großen Wastcrstratzen des Welt- Verkehrs, und der Atlantische Ozean wird herabsinken zur Rolle eines Binnensees, wie sie jetzt das Mittelmeer spielt. Die einzige Chance, daß die europäischen, zivilisierten Länder dann nicht in dieselbe industrielle, kommerzielle und politische Abhängigkeit fallen, in der Italien, Spanien und Portugal sich jetzt befinden, liegt in einer gesellschaftlichen Revolution, die, so lange es noch Zeit ist, die Produktions- und Verkehrsweise nach den aus den modernen Pro- duktionskräften hervorgehenden Bedürfnissen der Produktion um- wälzt und dadurch die Erzeugung neuer Produktionskräfte möglich macht, ivelche... die Nachteile der geographischen Lage aus- gleichen." Ter gewaltige industrielle Aufschwung, den die Vereinigten Staaten von Nordamerika in den letzten Jahrzehnten genommen, war ein großer Schritt nach dieser Richtung. Von entscheidendem Einfluß aber dürste der Riesenkampf lverdcn, der sich gegenwärtig zwischen Rußland und Japan abspielt. Mag das Streben des letzteren sich zunächst darauf beschränken, die Küstenländer des Ja» panischen, Gelben und Chinesischen Meeres zum industriellen Pro- duktionsgebict der mongolischen Völker zu machen: der amerikanische. australische, indische und japanisch-chinesische Wirtschaftskreis mit ihrer gewaltigen Inselwelt greifen heute bereits mächtig und in engen Verschlingringen ineinander, mit Riesenschritten über die Be- deutung hinauseilend, die der Handel des Stillen Ozeans seit Jahr» Hunderten für Morgen- und Abendland besessen. Der erste, der über die Handelsstätten des Stillen Ozeans aus eigener Anschaung verläßliche Kunde nach dem Westen gebracht hat, ist der Venetianer Marco Polo. Während einen Handelsreise, die sie nach der Krim unternommen, und infolge einer Reihe von Zufälligkeiten waren sein Vater und Onkel, die Brüder Nicola und Maffia Polo, wider ihre ursprüngliche Abficht schließlich zum Reich der Ntandschu gelangt, die nach der Eroberung Chinas in dem alten Herrschersitz Cambalu(Peking) ihren Thron aufgeschlagen hatten. Nach vieljährigem Aufenthalt entließ sie der Chan Kubla mit einer Sendung nach dem Westen, deren Hauptzweck die Heranziehung christlicher Missionare war. Die Sendung schlug fehl. Doch kehrten die Brüder nach zweijährigem Aufenthalt im Abendlande in Be» gleitung von Nicolas Sohn Marco nach dem Osten zurück. Im Frühling 1275 erschienen sie wieder vor Kubla Chan in dessen Sommerresidenz Tanddu(Shangtu). Erst 1294 sahen sie Venedig wieder, nachdem sie am chinesischen Hofe in den verschiedensten Ge- schäften tätig gewesen; besonders der junge Marco hatte sich in einer Anzahl von Gesandtschaften als Beauftragter des Chans hervorgetan. Zu Marco Polos Zeit hatte China eine Kulturstufe erreicht, die der gleichzeitigen der fortgeschrittensten europäischen Länder zum mindesten nicht nachstand. Marco rühmt den betriebsamen Gewerbefleiß und Handelsstnn des Volkes, der die Warenproduktion bereits zur vollen Entfaltung gebracht und zum herrschenden Er- werbszweig gemacht hatte. Von dem Leben und Aussehen der Stadt Oinsay(Kiahing)— wegen ihrer wundervollen Lage in- mitten eines fruchtbaren Seengebiets„Himmelsstadt" genannt— entwirft Marco Polo aus eigener Kenntnis eine geradezu enthu- siastische Schilderung. Ihre Straßen und Gasten sind lang und breit, die Marktplätze sehr geräumig. Von einem Fluß und vielen Kanälen durchzogen, besitzt sie unzählige Brücken, deren höchste über den Hauptkanälen die Schiffe mit aufrechtem Mast durchlassen. Der Hauptmarktplätze, von den kleineren in größeren Nebenstraßen abgesehen, gibt es zehn, alle von quadratischer Form und in be- stimmten Abständen an der Hauptstraße gelegen, die vierzig Schritte breit die Stadt von einem Ende zum anderen durchquert. Während dreier Tage einer jeden Woche strömen hier 49 000 bis 50 000 Menschen zum Verkauf der verschiedensten Viktualien zusammen. Täglich werden vom nahen Ozean den Fluß heqauf gelvaltige Mengen Fisch gebracht, so daß man glauben sollte, es sei unmöglich, sie zu verkaufen, und doch ist alles in wenigen Stunden dahin. Die Marktplätze sind von hohen Häusern umgeben, in deren Unter- geschossen sich Werkstätten von Handwerkern oder Kaufläden befinden mit aller Art Waren, wie Gewürze, Perlen, Edelsteine und nur in wenigen Reiswein. In einem besonderen Viertel, von wo aus die Märkte leicht erreichbar, besitzen die indischen Kaufleute ihre Lager- Häuser. Sie sind aus Stein gebaut, die übrigen Häuser der Stadt dagegen aus Holz. Bei Feuersgefahr schafft man Waren und sonstiges Gerät in steinerne Türme, deren jede Straße mehrere aufweist. Ein Hauptprodukt der Gegend und zugleich ein Haupt- zufuhrartikel ist Seide.„Es existieren dort zwölf Hauptgcsellschasten oder Zünfte, deren jede 1000 Stände hat; in jedem Stand sind zehn, fünfzehn oder zwanzig Mann an der Arbeit und in einigen vierzig unter einem Meister." Auch der Gewürzhandel stand in hoher Blüte. Nach einer genauen Berechnung, die Marco Polo von einem Zollhausaufseher der Stadt erhielt, betrug der tägliche Pfefferverbrauch 43 Sonima, jede Somma zu 223 Pfund. Nicht nur war in dem stromreichen Lande die vielfach mit Zug» Pferden betriebene Flußschiffahrt eine rege— so sah Marco Polo in einer der kleineren Uferstädte an die 5000 Barken— auch über Meer unterhielt man einen lebhaften Verkehr. Allerdings lag dieser vorwiegend in den Händen indischer Kaufleute. Ihre Schiffe be» schreibt Marco Polo als Eindecker aus Föhrenholz, die meist zwanzig, manchmal mehr, manchmal weniger Kabinen für Kaufleute auf- wiesen. Neben einem starken Steuer besaßen sie zwei oder vier Masten mit ebensoviel Segeln. Bei größeren Schiffen� zerlegte man den Binnenraum in getrennte und geschlossene Teile, um im Falle der Havarie das eindringende Wasser zu beschränken und das Leck um so leichter stopfen zu können. Die Plankcnwände bestanden aus doppelten Bohlen und waren mit einer besonders präparierten Masse gedichtet. Nach der Größe des Fahrzeuges betrug die Mann- schaft 150 bis 300 Mann. Die kleinsten Schiffe trugen 1000, die größten zwischen 5000 und 0000 Ballen Pfeffer. Auch Ruder waren in Gebrauch, deren jedes von vier Mann bedient ward. War ein Schiff«in Jahr auf See, so erhielt eS eine dritte Plankenreihe und so fort bis zu sechs; dann brach man es auf. Nach Japan gingen zu Marco Polos Zeit nur wenige Kauf- leute, da. wie er sagt,„der König die Goldausfuhr nicht gestattet". Häufiger lief man die Philippinen an. Der Kurs ging durch das chinesische Meer an Formosa vorbei. Die Philippinen führten südwärts zu den kleinen und großen Sundainseln und über diese zur Südspitze von Hinterindien. Von hier ging der Lauf über die Inselgruppen der Nicobaren und Adamanen nord» wärtS die hinterindische Küste entlang oder westwärts«ach Ceylon. Dann folgte man der vorderindischen Küste bis hinauf nach Ormus am Eingang des persischen Meer- busens, dem grohen Stapelplatz des indisch-arabischen und afrikanisch- äthiopischen Handels. Auch hier war der Verkehr in der Hauptsache, wie wir das am chinesischen bereits gesehen, Produktenhandel; er umfaßte vorwiegend Perlen. Edelsteine, Gold, Elfenbein, Spezereien, Gewürze, kurz alle die Erzeugnisse, die die Gestade und ihre reichen Hinterlande in tropischer Fülle boten. Von Ormus aus ward dann der Handel über das Euphrat- und Tigrisland auf dem Karawanen- Wege nach der Levante vermittelt, wo die Kauffarteiflotte der Venetianer und Genuesen ihn aufnahm. Wie jnian die Fahrt nach dem Osten fortsetzte bis hinauf nach Japan, so beschränkte man auch die nach Westen nicht auf die Küsten des Roten Meeres sArabien, Aegypten und Aethiopien), sondern dehnte sie aus das ostafrikanische Gestade über- Haupt aus. In Ormus erhielt Marco Polo auf seiner Rückreise deutliche Kunde von Madagaskar und Sansibar, deren Elsenbein- Handel er hervorhebt. Hatten doch die Araber bereits im 10. Jahr- hundert an der afrikanischen Ostküste Kolonien angelegt, so in Lamu, in Mombas und in Sansibar selbst, das von Marco Polo als eine große und volkreiche Stadt bezeichnet wird. Be- sonders die Kaufleute von Oman, an der Südostecke Arabiens und der Straße von OrmuS gelegen, waren hier die Hauptbeteiligten. Als Vasco de Gama 1493 die Küste besuchte, traf er auf gutgebaute und reiche Städte, die mit Indien einen schwunghaften Verkehr unterhielten, und noch heute liegt ja der dortige Handel weit überwiegend in den Händen von butd'nstischen Banjanen, feueranbetenden Parsen und mohamme- dänischen Hindus, die fast ausschließlich die Geschäfte der Bankiers sowie die des Groß- und Kleinhandels besorgen. Die Handelskonkurrenz gegen Venedig iind Genua trieb Spanier und Portugiesen, den Seeweg nach den Schätzen Indiens zu suchen. Nach langjährigen Schwierigkeiten und unsäglichen Mühen gelang den letzteren die Umsegelung der Südspitze Afrikas. Damit war die Berührung mit dem indisch-arabischen Handel zur See hergestellt und die Straße nach Indien gewonnen. In Malinda konnte Vasco de Gama, von den» mohammedanischen Sultan gastlich auf- genommen, einen Lotsen aus der Halbinsel Gudscherat in Pflicht nehmen, der sein Geschwader über den Ozean»ach dem Hafen Calicnt an der Küste von Malabar führte. Eine zweite Erpedition unter Cabral brachte es, von den Streitigkeiten der indischen Radjahs unter sich begünstigt, dahin, daß der Herrscher von Cotschin die Erbauung des Forts Santiago gestattete. Doch der Handelsneid der indischen und ägyptischen Kauflente, die ihr Monopol gegen die Eindringlinge zu wahren trachteten, ward bald rege. Schon 1504 hatte das Fort den Angriff des Herrschers von Calcutta zu bestehen. ES glückte, denselben siegreich und unter großen, Menschenverlust— die Inder sollen 18 909 Mann eingebüßt haben— abzuschlagen. Als ihre nächste Aufgabe betrachteten die Portugiesen naturgemäß die Mono- polisierung des indisch-arabischen Seeverkehrs. Almeida war eS. der erste „Vizekönig" in Indien, der dieses Projekt in einer Reihe von Kriegen zur glücklichen Vollendung führte. Die Städte Ouiloa, Mombas, Kananor, Kalicut, Kollam und andere wurden von ihm teilweise erobert, teilweise sicherte er sie durch Kriegswerke und befestigte Faktoreien. Aegypter und Venetianerß schloß er von den wichttgsten Märtten aus und sperrte zugleich den arabischen und persischen Meerbusen. Als es darob Anfang des Jahres 1896 zum Kampfe kam, schlug sein Sohn Lorenzo die indische Flotte vor dem Hafen von Kananor entscheidend aufs Haupt. Zwei Jahre später versetzte Mmeida dem ägyptischen Handel den vernichtenden Stoß: er stürmte und zerstörte den festen Handelsplatz Dabul und zertrünimerte die ägyptische Seemacht an der Halbinsel Kathiawar im Hasen von Diu. Damit war die Seeherrschaft der Portugiesen im indischen Ozean unbestritten. Aber schon die Bedeutung des indischen Handels für die weiter östlich gelegenen Länder, vor allem der ungeheure Produktenreichtuni der dazwischen befindlichen Inselwelt mußte den Blick der Eroberer bald auf Hinterindien und darüber hinaus lenken. Alineidas Jndienpolittk Ivard von der seines Nachfolgers Slbuquerque beträchtlich überholt. Wohl festigte auch er die Stellung der Port»- giesen im indischen Ozean und dehnte ihren Besitzstand aus. Er eroberte die Insel Socowra und 1519 die reiche Stadt Goa, die als Zentrum des neuen Kolonialreiches wie geschaffen war; 1513 unternahm er einen Zug nach Arabien und bemächtigte sich nach einem vergeblichen Sturm auf Aden aufs neue der Insel Orncus, die er stark befestigte und zu einem Hauptstützpunkt des portugiesischen Ostindienhandels umschuf. Im Jahre 1511 jedoch war er bereits unter furchtbaren Kämpfen in Malakka eingedrungen, das als Hauptstadt der malahischen Halb- insel und als Mittelpunkt des Gewürzhandels von allen Handel- treibenden Nationen des fernen Ostens besucht war. Damit war für die europäische Schiffahrt die Bahn nach der Welt der Sundainseln zum Stillen Ozean gebrochen. Albuquerque ist zweifellos eine der bedeutendsten Persönlichkeiten, die das Zeitalter der Entdeckungen hervorgebracht, deren Blick.die indischen Gewässer vom Eingang des Roten Meeres bis zu den Molukken und der Bucht von Canton umfaßte. Die Wirkungen seiner Jndienpolittk traten auch bald zu Tage. Die Herrschast der Portugiesen dehnte sich über Hintcrindien, die Sundainseln, die Molukken auö; schon 1542 konnten sie mit Japan in Verbindung treten und mit Recht gelten sie als.die Herren deS Handels von Indien und Aethiopien". So schnell aber das portugiesische Kolonialreich zur Blüte gekommen, so schnell sank es von seinem Gipfel herab. Nach den, Tode des Kardinals Henrique, des letzten Sprossen aus dem regierenden Königshause, kam der portugiesische Thron in bis Hände Philipps II. von Spanien. Hatte dessen Vater der aus- strebenden Macht des spanischen Bürgertums durch enge Beschränkung der Cortez bereits einen schweren Stoß versetzt, so ging Philipp IL einen förmlichen Bund ein mit Adel und Geistlichkeit, in deren Taschen die Schätze der Kolonien auf Kosten des Bürgertums abgeleitet wurden. In Spanien hatte dies den Ruin der Nation, in den Niederlanden den Unabhängigkeitskrieg gegen die spanische Despotie zur Folge; und wie Spanien die Tyrannenlaune mit dem Abfall seiner betriebsamsten Provinz, so zahlte sie Portugal mit der Ein- büße seiner besten Kolonien vor allem im Stillen Ozean, die an die Holländer verloren gingen.—° H. L a u s e n b e r g. Kleines Feuilleton. — Der Mensch. Von Karl Spitteler, den» schiveizer Poeten, veröffentlicht das„Wiener Extrablatt" die folgende„natnr- wissenschaftliche Elegie" über das Thema«Der Mensch": Der Mensch hat stamme Augen, eine frohe Stirn, Gespaltne Seele und ein doppeltes Gehirn. Er kann auf einen» Grundsatz oder Stai»dpui»kt steh»» Und nach Bedürfnis seine Ueberzeugluig drehn. Sein Kleid besteht aus Wolle, Leder oder Leinen, Im Rückgrat hat er den Charakter oder keinen. Stets siehst du ihn mit einem Tügendchen im Mund, Woran er kaut. Das hält ihn aufrecht und gesund. Der Mensch ist klug, er hält den Finger an die Nase Und jeder Oberwitz versetzt ihn in Ekstase. Kein Rätsel ist so schwer, er löst Dir's ohi»e Schnaufe»», Nach rechtshin deutet er und wird nach linkshin laufen. Der Mensch lebt nicht allein, er wohnt ii» Völkerherdcn, Weil er befürchtet, sonst nicht duinm genug zu werden. Als Wunderwerk der Schöpfung wird der Mensch betrachtet Und jeder wird von seinem Nebenmann verachtet. Der Mensch ist stolz. Doch äußert sich sein Stolz verschieden; Nach oben hündelt er»ind bläst sich aus nach nieden. L u z e r n im April. — Sturmvcntile niif Dächern. Im.Prometheus" lesen»vir: In der alten dänischen Stadt Ribe, wo oft heftige Weststürme wüten, findet sich von Alters her auf einigen Dächern eine Art von Sturmklappen oder Sicherheitsventilen, die sich»»ach außen öffnen. Wenn ein starker Windstoß de» Lustdruck auf der Leeseite des Daches plötzlich verrnindert, so werden durch den Luftdrrlck von innen die. Klappen geöffnet, so daß dadurch die Druckdifferenz zwischen Innen- und Außenseite der Dachfläche ausgeglichen wird und eine „Sprengung"(Ausreißen von Dachsteinen und dergleichen) nicht eintreten kaum Eine Lustverdünrmng, die die Klappen öffnet, kann auch aus andere Weise entstehen, zun» Bei- spiel, wenn lokale Hindernisse den Wind nach oben leiten, oder wenn Wirbelwinde(speziell Windhosen) über das Dach gehen. Es ist kaum zweiselhast, daß die meisten und größten Sturmschäden an Dächern durch solche Lufldruckverminderuiigen entstehen. Auf dem wahrscheinlich mehr als hundertjährigen Dache des Deines in Ribe waren solche Sturmklappen angebracht. Als der Dom dann aber ein neues Kupferdach bekam, wurden keine Klappen eingebaut, toeil der Architett ihre Bedeutung nicht kannte. Diese Unterlassung rächte sich bald dadurch, daß ein Stunn einen Teil des neuen Daches fortriß. Jetzt wurde man auf die Bedeutung der Klappen aufmerksain und baute in das Dach eine Anzahl sehr kleiner Giebel ein, welche durch senkrecht herabhängende Klappen geschlossen waren. Bei Stürinen hat man später genau beobachtet, wie jeder Windstoß einige von den Klappe»» zlvei bis drei Zoll naih außen bewegte, und es läßt sich nicht wohl beziveifeln, daß die letzteren einen wirklichen Schutz gewähren. Der Schall des Rück- schlags wird durch Guminileisten gedämpft. In der dänischen Zeitschrift.Jngeniören", wo über diese Sache berichtet wird, ist die Vernmtung geäußert, daß die Sturmvcntile sozusagen eine autochthone Erfindung, de»» speziellen Bedürfnissen Rrbes entsprungen, seiei». Der erste Schritt z»» dieser Erfindung be- stand wohl darin, daß man absichttich einzelne Dachsteine au ge- wissen Stellen entfernte, weil»nan bemerkt hatte, daß Dächer mit zufällig fehlenden(durch frühere Stünne fortgerissenen) Steinen häufig bei weiteren Stürmen unversehrt blieben.— Medizinisches. ie. D i e bisherige»r wissenschaftlichen Ersah« rungen über die Geirickstarre. Die Genickstarre, die jetzt wegen ihres epidemischen Auftretens, übrigens nicht nur in Deutsch- land, so viel von sich reden macht, ist eine Krankheit, die zu der Gruppe der Gehirnhautentzündungen gehört. Die Gehirnhaut stellt die Umhüllung des Gehirns dar, die sich in gleicher Weise als Um- kleidung des Rückenmarks fortsetzt. Sie besteht aus einer serösen Oberfläche und emen» darunter befindlichen losen Bindegewebe, das die Blutgefäße für daS Gehirn und das Rückenniark enthält. Daraus erklärt es sich bereits, daß eine Erkrankung der Gehirn- baut stets mich eine solche des Gehin»S selbst bedeutet. Die Krankheitskeime können auf verschiedene Art in diesen Körperteil gelangen, entweder durch das Blut oder durch den Uebergriff ansteckender Vorgänge von benachbarten Organen. Hauptsächlich sind es drei Lebelvesen aus der Gruppe der Bakterien oder eigentlich der Kokken, die zu solchen Krankheiten Veranlassung geben: der J?icsuinococcus, der Streptococcus und der Diplococous intracel- lularis meningitidis. Der letztere wurde zuerst im Jahre 1887 von Weichselbaum beschrieben und 1895 von Jäger als Erreger der epidemischen Gehirnentzündung oder der Genickstarre genannt. Der Diplococcus hat die vergleichsweise gute Eigenschaft, eine schwache Lebensfähigkeit zu besitzen, aber dieser Umstand bringt auch den Nachteil mit sich, daß der Keim schwer zu züchten und deshalb in seiner Entwickelung schwer zu studieren ist. Von sachverständiger Seite ist bereits darauf aufmerksam gemacht worden, daß das Auf- treten vereinzelter Fälle von Genickstarre wenig zu bedeuten hat, weil solche vereinzelte Erkranktingen in den meisten Ländern der gemäßigten Zone fast alljährlich vorkommen. Die meisten Erfahrungen, sowohl mit solchen wie mit den eigentlichen Epidemien der Genickstarre hat man in den Vereinigten Staaten gesammelt. wo 1805 wohl über- Haupt die erste derartige Epidemie zu beobachten war. Seitdem haben sich die Seuchen von Genickstarre in einzelnen Gebieten dieses Landes in verhältnismäßig kurzen Slbständen wiederholt. Die Er- kennung der Krankheit ist, auch wenn ihre eigentlichen Keime nicht gefunden werden, ziemlich leicht, weil das Krankheitsbild eine gewisse Eigenart besitzt. Immerhin ist eine genaue Statistik über die Häufigkeit und Ausbreitung der Genickstarre noch ein dringendes Bedürfnis zu nennen. Vor allem wird man den vereinzelten Fällen eine höhere Aufmerksamkeit schenken müssen, weil in ihnen die Er- klärung für das plötzliche Auftreten von Epidemien zu suchen ist. Der verantwortliche Diplococcus geht unter Trockenheit und starker Belichtung rasch zu gründe, unter den gegenteiligen Umständen aber, also beispielsweise in einem so feuchten und sonnenlosen Winter wie dem letztvergangenen, vermehrt er sich vermutlich so stark, daß dadurch das Entstehen einer Epidemie erklärlich wird. Ueberhanpt sind diese Epidemien im Spätwinter und Frühling am häufigsten und befallen vorzugsweise junge Erwachsene und Kinder. Oft iverden die ersten Erkrankungen in den Garnisonen bemerkbar. Glücklicherweise breiten sich die Epidemien gewöhnlich nicht schnell aus und bleiben vielmehr auf ein kleines Gebiet beschränkt. Gleich anderen ansteckenden Krankheiten ist die Genickstarre übertragbar, doch weiß man noch nicht genau zu sagen, auf welchem Wege. Einige Sachverständige schreiben die Ansteckung hauptsächlich der Uebertragung des Keims durch die Lust zu, andere ausschließlich der durch unmittelbare Berührung. Infolge der Abschließung des KraukheitSvorganges in einem inneren und wenig zugänglichen Teil des Körpers ist die Gefahr der Ansteckung wahrscheinlich ver- hältnisniätzig gering; immerhin fehlt es nicht an Beispielen, daß in einer Familie mehrere Personen nacheinander von der Genickstarre ergriffen wurden, obgleich die Uebertragung der Krankheit auf Aerzte oder Wärter in Krankenhäusern nach den in Amerika gesammelten Erfahrungen mit einer Ausnahme niemals vorgekommen sein soll. Die Krankheit setzt meist plötzlich ein und beginnt mit starkem Kopfweh und Schmerzen iin Halse und im Rücken, Ivozu bald ein Gefühl der Steifheit in den MnSkeln hinztitritt. Bei Kindern können sich auch Krämpfe einstellen. Zu- »veilen geht eine kurze Zeit allgemeinen Uebelbefindens voraus, das mit einem Frostschaner endet. Die Temperatur des Körpers steigt, während der Puls verhältnismäßig wenig beschleunigt, aber tm- regelmäßig wird. Andere Merkmale sind Erbrechen, Delirium, Ver- wirrung des Bewußtseins, Lähmung verschiedenen Grades und verschiedene Arten von Hautausschlag. Der Verlauf deS Leidens ist in tödlichen Fällen ein sehr schneller und spielt sich in wenigen Stunden oder doch in wenigen Tagen ab. Bei weniger heftigen Erkrankungen kann sich die Wiederherstellung doch sehr lange hinziehen. Nach dem Tod findet sich die Haut um das Gehirn wie um das Rückenmark mit Blut überfüllt und von Eiter durchsetzt, auch die Gewebe des Gehirns und des Rücken- marks selbst zeigen bis auf seltene Ausnahmen beträchtliche Verletzungen, an denen namentlich diezweiten, fünften und siebenten Kopfnerven folvie die Wurzeln der Nerven de? Rückenmarks beteiligt sind. Luiigenentzüudung ist eine häufige Komplikation bei Genick- starre. Auch Nase und Nachen können von der Entzündting ergriffen iverden, und die Sinne des Geruchs und Geschmacks kommen in Verlust. Auch völlige Taubheit stellt sich oft durch eitrige Ent- zündung des Ohrlabyrinths oder des Gehörnerven als Folgeerscheinung ein. Damit auch das vierte bedeutende Sinnesorgan nicht fehle, iverden auch die Augen oft von schweren Entzündungen ergriffen oder die Augenmuskeln gelähmt, ferner entzünden sich häufig die Gelenke. Die Zahl der roten Blutkörperchen wird wenig verändert, die der weißen stets vermehrt. Daß die geistige Tätigkeit bei einer solchen Erkrankung schwer leiden muß, versteht sich von selbst. Im allgemeinen' ist auch die Aussicht auf Ge- nefung gering, jedoch ist die Sterblichkeit, die man nameut- lich bei den zahlreichen Epidemien in Amerika fest- gestellt hat, recht verschieden und schwankt zwischen 20 und 70 Proz. der Erkrankungen. Immerhin sind auch unter den günstigsten Um- ständen die Folgen noch recht bedenklich, weil selbst nach der Hebung der eigentlichen Krankheit oft schwere Schäden zurückbleiben. Ein spezielles Heilmittel gegen die Genickstarre ist nicht bekannt. In Zukunft mag eS gelingen, ein Antitoxin nach Art der verschiedenen bei Diphtherie, Typhus usw. zur Jntpfung angewandten Mittel aus der Züchtung des Diplococcus iutracsllularis zu gewinnen, aber eS läßt sich schon jetzt einigermaßen voraussehen, daß ein solches Gegen» gist bestenfalls mehr eine vorbeugende als eine heilende Kraft be- sitzen würde. Da die Krankheit zu den ansteckenden und Übertrag» baren gehört, so besteht das beste Mittel zu ihrer Bekämpfung darin, die Kranken zu isolieren und auf eine Desinfektion der Aus- scheidungen aus Nase, Ohren und Lungen hinzuwirken. Auch sollten die Patienten unter die günstigsten hygienischen Verhältnisse gebracht werden.— Humoristisches. — Die Witwe.„Mein Mann war mit 100000 Mark ver- sichert, das gibt 4000 Mark jährlich Zinsen. Verdient haben wir 6000. Himmel l Da wäre es beinahe besser, wenn er nicht ge» starben wäre!"— — Derb. Müller:«Herr Doktor, ich habe Sie rufen lassen, aber ich muß Ihnen offen gestehen, daß ich gar kein Ver» trauen zur modernen Heilkunst habe." Arzt:«O. das macht gar nichts, lieber Herr Müller. Der Ochse hat auch kein Vertrauen zuin Tierarzt, der ktiriert ihn doch."— — Ein Vorzug.«Sehr schön und besonders jung ist ja meine Frau nicht, aber sehr sauber und eigen. Netilich hat sie sich auf einmal sieben Zahnbürst'l gekauft, fürjeden Zahn eins."— («Lustige Blätter".) Notizen. — Herweghs„Gedichte eines Lebendigen" er- scheinen demnächst bei Mar Hesse in Leipzig in einer wohl- feilen Ausgabe. Preis 60 Ps.— — An der Technischen Hochschule in München können fortan Mädchen die das Reifezeugnis eines deutschen humanistischen Gymnasiums oder eines deutschen Realgymnasiums besitzen, als Studierende eingeschrieben werden.— — Anton Ohorns Drama„Brüder von Sankt Bernhard" hatte neben„Traumulus" den größten Erfolg in der eben ablaufenden Spielzeit.— — Der Kunst verein für die Rheinlande und West- falen stiftete 15 000 M. für zwei künstlerisch auszuführende Wand- gemälde, die das Foyer des neuen Theaters in Barmen zieren sollen.— — Für den von der Dresdener Kunstgenossenschaft geplanten Bau eines Künstlerhauses waren auf Grund eines Preis- ausschreibens 23 Entwürfe eingegangen. Vier davon wurden preis- gekrönt. Sie stammen alle von Dresdener Architekten.— — Die italienische Negientng hat einen Wettbewerb unter den Medaillenkünstlern Italiens ausgeschrieben, um Modelle für neue Gold-, Silber-, Nickel- und Kupfermünzen zu erlangen; es sind Preise von 1000 bis 4000 Lire atisgesetzt und den Künstlern keinerlei Einschränkungen in der Kam- Position auferlegt.— c. Die bedrohten Pinguine. Ernste Befiirchtungen über das Schicksal der Pinguin-Brutplätze auf der Matquarie-Jiisel und den Auckland- Inseln äußerte kürzlich Dr. E. A. Wilson, der Assistenzarzt der englischen antarktischen Expedition auf der „Discovery" war. Er machte darauf aufmerksam, daß die Gesellschaft zum Vogelschutz sich dieser Tiere annehmen müßte, da sie sonst sehr bald ein Opfer habgieriger Gesellschaften werden würden. Seit einigen Jahren betreiben Spekulanten einen stets wachsenden Handel mit Pinguinöl; erst kürzlich sind hundert Tonnen dieses Oels auf den Markt gebracht worden, fiir das Taufende von Vögeln gesotten werden mußten. Jetzt sollen große Kessel nach den Auckland-Jnseln geschickt werden, um den Handel zu erleichtern. Wilson meint, daß däktn bald der letzte dieser Vögel verschivunden sein wird.— — Die Eindringkraft von Wurzeln. Der Botaniker van Harefeld hat nach der„Umschau" neuerdings interessante Unter» suchungen über die Größe der Eindringkraft von Wurzeln gemacht. Er hat sich dazu keimender Samen bedient, ivelche auf einem durch eine dünne Schicht Wassers bedeckten Quecksilberbade schwimmen. Der Versuch ist im Grunde nicht neu, doch waren die früheren Resultate widersprechend, und erst jetzt ist es eriviesen, daß die Würzelchen die Kraft besitzen, in das Quecksilber einzudringen. Das Bemerkenswerte daran wird uns erst dann klar, wenn wir berücksichtigen, daß das Quecksilber eine sehr große Dichtigkeit besitzt, dreizehnmal so groß lvie Wasser.— t. Die ältesten peruanischen Silberminen sind die von Cerro de Pasco, die schon seit dem Jahre 1630 be- arbeitet werden. Heute wird allerdings die Gewinnung Haupt« sächlich auf die Bearbeitung alter Schlacken und Halden beschränkt. Die peruanische Regierung hat jetzt eine Untersuchung über den Zu» stand des Bergwerks vornehmen lassen, und dabei hat sich die merk» würdige Tatsache herausgestellt, daß unter den alten Silberminen Kupferminen liegen.—__ VeraiUwortl. Redakteur: Paul Büttner. Berlin.— Druck und Perlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo..Berlin5�