Nnterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 84. Freitag, den 28. April. 1903 flkachdmck verboten.) 41 flammen. Noman von Wilhelm Hegeler. Ein alter pensionierter Briefträger im Nachbar- garten ließ ihm Hülfe angedeihen mit guten � Ratschlägen. die er ihm über den Staketenzaun herüberschrie: wie man den Spaten richtig anfassen und dann hübsch gleichmäßig Scholle auf Scholle umkehren müsse. So kam Grabaus mit der Zeit hinter die uralte Kunst des Grabens. Und allgemach ergriff ihn ein ganz neues, bis dahin nie so recht gekostetes Frohgefühl: daß sein Körper im Schweiß der Arbeit dampfte, während sein Kopf immer sorgenfreier und leichter wurde. Selbst hatte er sich dann— immer den Anweisungen des alten Briefträgers folgend— ein Pflanzholz zugeschnitten und eine Kartoffel nach der anderen ins braune Erdreich vergraben. überzeugt, daß er von ihnen nie wieder etwas zu sehen be- kommen würde. Aber welche Freude, als im Mai die Sonne lauter grüne Schößlinge hervortrieb! Und wie er nun vor wenigen Tagen mit seiner Frau zur Ernte ausgezogen war. da hatte er sich in nitch geringerer Aufregung befunden als ein Adept, der um Mitternacht nach Schätzen gräbt. Sollten da unten wirklich Kartoffeln vorhanden sein? Er grub— und rmtd und sauber lagen sie in die Erde gebettet, nesterweise, aus einer waren bald zehn, bald zwölf, bald acht geworden. Nie hatte er so eigentümlich, so einfach und überzeugend die rätselhafte Fruchtbarkeit der Mutter Erde erkannt, wie bei diesem Anblick. Er hatte das Gefühl, jemandem danken zu müssen und wußte doch nicht wem? Bon dunklen, weiten Ge- fühlen durchströmt, die sein Verstand nicht entwirren mochte, lag er auf den Knien und wühlte behutsam nach immer neuen Schätzen in der lockeren, sonnedurchwärmten Krume und war glücklich in dem Bewußtsein, daß auch er ein Teil sei dieser ewigen, unbegreiflichen und gütigen Kraft, Heute nun sollte er die Kartoffeln essen.''Und während er sich in übermütiger Stimmung an den Tisch setzte, sagte er zu seiner Frau: „Na, Konstanze, heute geht's doch hoch her! Wenn alle Stricke reißen, werde ich Bauer." Seine Frau war mit dem Schälen beschäftigt. Unter Lachen und scherzen verging die halbe Mahlzeit, als ihr plötzlich einfiel, daß er ihr noch etwas erzählen wollte. Der Stiinmung gemäß, in der Grabaus sich befand, be- richtete er auf lustige Weise, welcher Schreck ihn ergriffen, als er das Paar bei der Obsthändlerin entdeckte, dann, was für einen Tobsuchtsanfall Wuhlmann bekoinmen hatte beim An- blick des Geheimrats Teichmann, und wie sie sich zu guter Letzt selbst in die Haare gefahren waren. Aber als Grabaus hiervon sprach, trat unwillkürlich bei seiner Erzählung das heraus, was ihn, ohne daß es ihm selbst zum Bewußtsein gekommen wäre, am meisten getroffen hatte. Nicht, daß er durch seine unkluge Offenheit sich Wuhlmann zum Feind gemacht, und seiner Karriere geschadet hatte. Darüber war er längst hin- weg! Aber das schmerzte und entsetzte ihn, wie Wuhlmann sein übereiltes Wort beantwortet hatte. Diese Art, die eine so niedrige und gewöhnliche Seele verriet, auf ein unerfreu- liches Urteil mit einer persönlichen Gehässigkeit zu reagieren Ter ehrliche und fachliche Mensch in ihm war empört, und verwundet war der arglose Enthusiast, der, so gut er die Schrullen seines Lehrers kannte, doch bis dahin noch immer zu ihm aufgeblickt hatte. Aber mitten im Sprechen sah er, daß seine Frau die Gabel beiseite legte und mit aufgestütztem 5iopf vor sich hinstarrte. „Was ist Dir, Herz?" fragte er erschrocken.„Du wirst das doch nicht tragisch nehme».— I, darum soll's uns doch schmecken." Damit griff er in die Schüssel und wollte ihren Teller wieder füllen. „Laß!" sagte sie finster.„Mir ist der Appetit ver- gangen!" „Warum nicht gar! Komm, mach gleich ein vergnügtes Gesicht." „Ich bitte Dich, laß die Scherze!" erwiderte sie heftig. „Sag mir lieber, was jetzt aus uns werden soll?" „Ja, glaubst Du denn, ich würde meinen Weg nicht trotz- dem machen? Weil ein neidischer Professor mich nicht auf- kommen lassen will, deswegen sollte ich für meine Zukunft fürchten? Du lieber Himmel, das wäre doch einfach kindisch!" Aber seine Frau schien überhaupt nicht zu hören, sondern nickte nur immer düster mit dem Kopf vor sich hin. „Das Hab ich mir doch immer gedacht, daß es mal so kommen würde. Du mußtest Dir ja den Mund verbrennen mit Deiner Unvorsichtigkeit. Nun kannst Du hier als Privat- dozent sitzen, bis Du schwarz wirst. Und paß auf, Dein Stipendium wird Dir von der Regierung auch noch entzogen. Ach, du lieber Gott! Du lieber Gott, was soll denn nun werden?" „Du sprichst, als nagten wir schon am Hungerwche." „Das wird auch noch konunen. Paß nur auf! Wenn Du so weiter machst—" „Nun höre mal zu, mein Liebling! Haben sich unsere Verhältnisse nicht einfach glänzend gestaltet, nachdem wir mit dreihundert Mark Vermögen geheiratet haben, und die ganze Welt uns das schönste Elend prophezeit hat? Habe ich nicht gleich im ersten Jahre so viel Vorträge gehabt, daß wir allein davon zur Not hätten leben können?" „Aber die hast Du jetzt doch nicht mehr!" „Narr, ich habe sie aufgegeben, um mich lieb Kind bei den Kollegen zu machen. Um mir den Nimbus des gelehrten Mannes zu wahren, für den das große Publikum nicht existiert. Aber die Rücksichten brauche ich jetzt doch nicht mehr zu nehnren. Jetzt, wo ich frei wie ein Vogel bin—" „Ja, ja, vogelfrei! Das stimmt." „— jetzt kann ich doch schreiben und Vorträge halten, so viel ich will." „Ach, aber das alles ist doch nichts Festes. Vorträge—• Vorträge—" „Na, und glaubst Du, es gäbe nicht mehr Universitäten? Ich versuch's eben anderswo." „Als ob Du jetzt irgendwo ankämst! Bilde Dir doch das nicht ein. Nein, wie kann man nur? Wie kann man nur so dumm sein?! Sich selbst alles verderben." „Liebe Konstanze," sagte Grabaus plötzlich scharf,„nun ist es wirklich genug. So sollte meine Frau nicht sprechen. Du kannst sagen:„Du hast Dich wie ein Esel benommen, aber in gewissen Fällen muß sich ein anständiger Mensch eben wie ein Esel benehmen."— Siehst Du, ich dachte. Du würdest mir die Hand drücken und sagen:„Dumm von Dir, aber auch schön von Dir! Ich hätt's auch so gemacht." „DaS fehlte noch! Das möchte Dir so passen, daß ich das auch noch schön finde." „Ja, wär's Dir denn lieber, ich hätte still geschwiegen?" „Natürlich! Was denn?". Ein leiser Ausruf des Schreckens entfuhr ihm. Er sprang auf. Während er das Zimmer verließ, hörte er, wie seine Frau ihm nachrief: „Du hättest auch wohl Deine Serviette falten können!" Sie schellte dann dem Mädchen und befahl diesem in ihrem ruhigen gewöhnlichen Ton, bei dem Herrn die Lampe anzustecken. Grabaus saß in seinem S'uhl, die Arme über der Brust fest zusammengepreßt, als sucht? er sein aufgeregt poche's Herz zu beruhigen. Das alles war ja so plötzlich gekommui! sagte er sich. Ein unüberlegtes Wort des Zorns bei ihr so gut wie vor einigen Stunden bei ihm. Sie würde zur Be- sinnung kommen, und sich dann als die treue und hochherzige Frau bewähren, für die er sie bis heute gehalten... Sein Blick fiel auf das Bild der heiligen Barbara über dem Bücher- gestell, das vom Lampenschimmer gerade hell bestrahlt war. Dies Bild hatte er während seiner Verlobungszeit gekauft als einzigen Schmuck seines kargen Studentenlogis, da er in den sieghaften und edlen Zügen jener Frau Aehnlichkeit mit denen seiner Braut entdeckt hatte. Nun richtete sich sein Auge wieder darauf, und all die Erinnerungen einer gläubigen, verehrungs- vollen Liebe, die ihn Jahre hindurch erhoben hatte, kehrten zurück. Aber heimlich stechende Angst umschnürte ihn zur selben Zeit enger und enger, während längst verklungen« Worte, plötzliche Erleuchtungen, die aber, ehe sie noch Gesicht 334 and Gestalt deutlicher Wirklichkeiten bekommen hatten, davongehuscht waren, eine ganze Schar böser Eindrücke aus dunklen Winkeln hervorkrochen. Seine Frau trat ins Zimmer mit noch trägeren Bewegungen als sonst, schraubte die Lampe ein wenig niedriger und setzte sich ihm dann gegenüber. „ Das ist doch gar keine Art, so ohne gesegnete Mahlzeit Savonzurennen," sagte sie ruhig. „ Entschuldige. Er lächelte und schlug einen scherzenden Ton an, aber die Angst schaute verräterisch aus seinem Gesicht, während er Sprach: „ Schau, Herz, ich bin doch wirklich nicht der Phantast, für den Du mich hältst. Ich weiß so gut wie Du, daß man im Leben paktieren muß. Daß es sinnlos ist, jedem mit der Wahrheit ins Gesicht zu fahren. Es kommt mir doch wahr haftig auf eine Notlüge nicht an. Aber in diesem Falle ist es doch nicht so, als wenn ich heute zufällig einen Faurpas gemacht hätte. Sondern es mußte einfach so tommen. Und wenn es nicht an mich herangetreten wäre, so hätte ich hingehen müssen, um Klarheit zu schaffen. Denn da, worin ich lebe, was mich einfach zu dem macht, der ich bin, da kann ich auf die Dauer doch nicht lügen. Das hieße einfach meine Ehre vernichten und mich selbst auch. Das mußt Du doch einsehen!" Sie blidte ihn noch einen Augenblick an, wie er bang an ihren Lippen hing, dann zog sie müde und gleichgültig die Stirn hoch und erwiderte in einem durchaus nicht erregten, sondern wie selbstverständlichen Tone: " Das alles klingt ja ganz schön. Aber schließlich sind das doch nur Phrasen. Aber ich und Deine Kinder, wir sind feine Phrasen. Und für uns hast Du mal in erster Linie zu forgen." Hab ich das nicht getan?" " Nein. Immerfort hieß es:" Ich! Ich! Ich! Meine Ideen! Meine Weltanschauung! Meine Ehre!" Wie wir dabei wegkamen, das war Dir höchst gleichgültig." " Tas ist nicht wahr." doch!" Die schwärzeste Ungerechtigkeit ist das!" " Durchaus nicht. Ich sage nur ganz einfach, wie die Dinge liegen. Gewiß gehungert haben wir noch nicht. Das fehlte auch gerade noch! Aber wie leben wir denn eigent lich? Du merkst das freilich nicht, was es heißt, sich einschränken und mit hundertfünfzig Mark Wirtschaftsgeld austommen. Dir ist ja auch höchst gleichgültig, was Du auf dem Leibe frägst. Mir aber nicht. Ich will min endlich auch mal anfangen und was vom Leben haben. Als wir verlobt waren, hast Du immer renommiert, in zwei Jahren wärst Du Professor. Aber nun sind fünf Jahre vergangen, und Du bist noch immer Privatdozent und auf das Stipendium angewiesen. Und Wilhelmi, der damals um mich anhielt, ist jetzt Bauinspektor. Und die anderen Männer von meinen Freundinnen haben auch alle ihr festes Einkommen. Nur wir nicht." Er hatte ihre Hand ergriffen und wies auf das Bild der Santa Barbara an der Wand, das jetzt im Dunkel, dem leiblichen Auge kaum erkennbar, doch so stark vor seinem geistigen stand. Frau Grabaus aber machte unwillig ihre Hand los. „ Ach, das ist doch langweilig, dies ewige Vergleichen! Was geht das Bild mich an? Das bin doch ich nicht." Und doch habe ich dies Bild geliebt!" „ Aber mich hast Du geheiratet." ( Fortsetzung folgt.) Der Dichter des ,, Don Quixote". eine unverwüstliche Lebensdauer beschieden sein sollte: der„ Don Vor dreihundert Jahren erschien in Spanien das Buch, dem Quigote". Es erging ihm nicht so, wie es sonst wohl einem Werk von hervorragender Bedeutung geht, daß es sich erst langsam seinen Weg erfämpfen muß, womöglich gänzlich unbekannt bleibt, bis der Verfasser erst durch seinen Tod das, was er schuf, zum Leben erwedt. Es erlebte sofort nach seinem Erscheinen viele Auflagen. In diesem Wert erhob sich die spanische Erzählerkunst mit einem Male zu einer Reife und Höhe, wie sie in ganz Europa unerhört spanischen Malerei; und man denkt bei dieser parallelen Erscheinung war. Plößlich geht dieses Gestirn auf. Ebenso erging es der unwillkürlich an das heiße, südländische Klima, das überraschend schnell die Früchte reifen und mit einem Male einen Reichtum des Wachsens aufschießen läßt, wo vorher Dürre war. Lange vor= her mühten sich Italien und Deutschland in einer Reihenfolge von Jahrhunderten um die Ausbildung des malerischen Könnens. Stufe nach Stufe wurde bedächtig erklommen, und ein Meister übernahm Und während in diesen beiden vom anderen, was der errungen. Ländern die Entwickelung beinahe abgefchloffen ist, blüht in Spanien plötzlich die Malerei zu einer beinahe seltsamen Reife und Vollendung auf und schenkt der Welt einen Velasquez. Die Spanier dieser Blütezeit waren Vollmenschen, umfaßten in gleicher Weise die Höhen und Tiefen der Vorstellungskraft ihrer Zeit. Nehmen wir einen anderen spanischen Maler, Murillo. Bei ihm finden wir auch noch jenes Nebeneinander von Phantasie und Lebenstreue erhalten. Er malt Madonnen und Straßenjungen, beides mit der gleichen Liebe, beides mit der gleichen Wärme und Feinheit. Und indem Cervantes den Jdealismus und den Realis= mus seiner Zeit zu einer unlöslichen Einheit in seinem Hauptwerk verbindet, schuf er den modernen, humoristischen Roman, der späterhin immer wieder Nachahmer fand, aber nie auch nur annähernd erreicht wurde. Miguel de Cervantes Saavedra ist wahrscheinlich am 9. Oftober 1547 zu Alcala de Zenares geboren. Wegen eines Streites wurde er 1568 ausgewiesen, geht nach Italien und macht 1571 die Seeschlacht bei Lepanto mit, freiwillig, als Gemeiner. Er wird fchtver verwundet. Dennoch zieht er weiter mit, bis vor Tunis und Genua unter der Führung Don Juans d'Austrias. 1575 kehrt er heim. Unterwegs fängt das Schiff ein algerischer Kreuzer auf, bie er bei sich trägt, retten ihn zwar vor dem Tode, bringen ihn er wird gefangen genommen. Empfehlungsschreiben Don Juans, aber zugleich bei den Korsaren in die Verlegenheit eines so großen Ansehens, daß diese ein unmäßiges Lösegeld fordern. Fünf Jahre Konstanze, alles das ist doch nicht Dein Ernst? Das wird er gefangen gehalten. Fünf lange Jahre ist er im Ungewissen fann doch nicht Dein Ernst sein! Was hab ich Dir denn zuleid über sein Schicksal. Er ersinnt die tollfühnsten Pläne und untergetan, daß Du so sprichst?" nimmt die berwegensten Befreiungsversuche. Schließlich will er mit einer Handvoll Gleichgesinnter die ganze Stadt überrumpeln. Endlich erfolgt, 1580, die Auslösung. In der Heimat angekommen, tritt Cervantes in Portugal von neuem in Kriegsdienste. Darauf versucht er sich in der Literatur und schreibt den Schäferroman Galatea", verheiratet sich, arbeitet für das Theater und erhielt endlich einen Boften als Kommissar und Steuereintreiber. Man verdächtigte den Redlichen, und die Regierung belästigt ihn bon nun ab zum Dank für seine treuen Dienste Jahr um Jahr mit VorEr wurde sogar ladungen zu Verhören und Rechtfertigungen. gefangen gesezt. Im Gefängnis beginnt er, an dem„ Don Quixote" zu arbeiten. Wieder freigeworden, schreibt er dann noch die feinen Musternovellen", die heiteren Zwischenspiele" und eine Reihe anderer Arbeiten. Lange schon tränkelnder litt an der Wassersucht stirbt er am 23. April 1616. So zieht sein Leben vorbei. Viel Freude erlebte er nicht. Er opferte fich auf und erntete Undant. Es ist bezeugt, daß er edel und warmherzig für alle eintrat, die irgendwie zu kurz gekommen. Wäre das auch nicht der Fall, es wäre aus seinem Werk heraus zulesen. Jede Seite erzählt von seinem großen Verstehen der Lebenszusammenhänge, von seinem tiefen und feinen Erfassen der menschlichen Seele. Ach, warum sollst Du mir was zuleid getan haben, wenn ich Dir die Wahrheit sage?" fuhr sie mit dieser trägen, etwas weinerlichen, unerbittlichen Stimme fort. Ich will eben auch mal Klarheit schaffen, wie Du Dich ausdrückst. Fünf Jahre habe ich mir blauen Dunst vormachen lassen. Aber nun hat das ein Ende, Und Du mußt. Dich auch mal drauf befinnen, wofür Du denn eigentlich auf der Welt bist, und sehen, daß Du endlich was Festes bekommst. Denn Deine Bücher bringen doch auch nichts ein. Die liest ja doch kein Mensch." lind wie hast Du davon gesprochen, als wir noch verlobt waren!" ,, Na ja, da habe ich eben geduldig zugehört, wenn Du mir stundenlang vorlast. Das war auch langweilig genug. Und begriffen hab ich nichts davon, will ich Dir nur gestehen. ' ne Frau kann das überhaupt nicht begreifen. Aber so seid ihr Philosophen ja: man braucht bloß sagen, großartig, dann denkt ihr, man hätte das tiefste Verständnis. 4 Ihm standen Tränen in den Augen. Seine Lippen zuckten, Im Jahre 1605 erschien der„ Don Quixote". 1615 fam der und er machte krampfhafte Anstrengungen, um nicht laut auf- aweite Teil heraus, da 1614 ein pfeudonymer Schriftsteller ihm zuschluchzen. mit der Veröffentlichung einer Fortsetzung zuborgekommen war. Dieser zweite Teil ist philosophischer, abgeklärter, nicht so lebenstroßend. " Konstanze! Konstanze! Du trittst Dich ja selbst mit Füßen. Besinn Dich doch, wer. Du bist. Beschimpf Dich doch nicht! Sieh Dein Bild an, Konstanze!" �— 3: »Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Ouixote von la Mancha". Auf diesen vielversprechenden Titel folgt die Widmung, die nach damaliger Sitte einem Grafen, Herzog oder Fürsten galt. Hier ist es der Herzog von Bejar, Graf von Benalcazar, Banares und Alcocer, dem die Ehre zuteil wird,„im Vertrauen auf die gute Aufnahme und Achtung, die der Genannte allen Produkten der Literatur erweise", wie in der darauf folgenden Erklärung devotest auseinandergesetzt wird. Es folgt ein Prolog in Prosa, der dem „müßigen Leser" gilt und mit der naiven Versicherung beginnt: »Ohne Schwur magst Du mir glauben, daß ich wünsche, dieses Buch, das Kind meines Geistes, wäre das schönste, lieblichste und der- ständigste, das man sich nur vorstellen kann". Ebenfalls verlangt die Sitte, daß nun eine Reihe von Gedichten sich anschließt, in der bekannte Personen von Rang und Stand das Buch begrüßen. Cervantes machte sich die Sache leicht und zitiert allerlei phan- tastische und romanhafte Personen, die nie und nirgends gelebt haben und füllt mit ihren absichtlich teils ungeschickten, teils prä- tentiösen Versen die ersten Seiten. Mit launigem Geist gesteht er diese Freiheit der Erfindung im Prolog selbst zu und bereitet darauf vor. Da erscheint Urganda die Unbekannte, die dem Buche allerlei gute Ratschläge gibt und die Künstlichkeit und Feinheit ihres Gebarens damit beweist, daß die letzte Silbe jeder Zeile immer fehlt, beim Lesen aber durch den Reim sofort leicht ergänzt wird. Es folgt Amadis von Gallia, der Held eines weitberühmten Ritter- rowans des Mittelalters, beginnend mit: Du, der Du usw. Dann Don Belianis von Graecia, gleichfalls als Romanheld weitberühmt, die Dame Oriana, die die Heldin des Cervantesschen Romans, die Dulzinea von Toboso, ansingt; Gandalin, der Stallmeister des Amadis verherrlicht Sancho. Dann sprechen Sancho und das edle Rotz Rosinante selbst in Versen; der rasende Roland redet Don Ouixote an, und nach einigen anderen Apostrophierungen beschließt ein Gespräch zwischen den heldenmütigen Gäulen Babieca und Rosinante diese umständliche Einleitung, die uns gleich einen Be- griff gibt von spanischer Grandezza und Feierlichkeit, und uns zu- gleich über diesen prätentiösen Formelkram hinweghebt und lachen läßt, da Cervantes nur spottend diesen Brauch nachahmt. Ohne daß wir es merken, sind wir mit einem Male damit in dieser fremden Welt heimisch und lesen voller Spannung und Laune den Beginn:„In einem Dorfe von la Mancha. dessen Namen ich mich nicht entsinnen mag, lebte unlängst ein Edler, einer von denen, die eine Lanze auf dem Vorplatz haben, einen alten Schild, einen dürren Klepper und einen Jagdhund". Die Welt war damals überschwemmt von Ritterromanen, die sich entwickelten aus den alten Heldensagen des Mittelalters. Man kann aber genau verfolgen, wie die Bearbeiter dieser Stoffe allmählich zum Leben hindrängten. Das Leben solch eines irrenden Ritters wurde in aller Breite und Ausführlichkeit geschildert. Er kam durch alle Lande und die Beschreibung der fremden Sitten nahm einen breiten Raum ein. In kindlicher Weise suchte der sich nach der Ferne, nach dem Fremden sehnende Geist sich so zu genügen. Die Annäherung der Menschen, die Ueberbrückung nationaler Gegensätze hat hier schon ihren Anfang. Nur mußte das Leben noch in Aben- teuer verkappt sein. Es war nun kennzeichnend, daß die Ritter- romane nur den Adel berücksichtigten. Durch die Abschließung kam eine Un Natürlichkeit des Tons, eine Verschrobenheit der Vorstellungen, eine Uebcrtreibung und Verzerrung alles Natürlichen— wir brauchen nicht weit zu sehen, um diese groteske Äcrbildung noch jetzt bei uns wahrzunehmen, wenn ein Stand sich' allzu erhaben über andere dünkt und dazu weiter nichts als den Zufall der Geburt und des Geldes mitbringt— in die Darstellung und Auffassung des Lebens hinein, die schließlich unerträglich wurde, von der Masse der Leser — und das waren damals nur die Gebildeten— aber wie Kolportageroman c verschlungen wurden. Das Lesen dieser Erzeugnisse grassierte wie eine 5trankheit. Auf diese Krankheit wirkte Cervantes„Don Ouixote" wie eine Kaltwasserkur. Er schrieb diese Satire, um die Welt von dieser Krankheit zu heilen. Er parodierte alles, was bis dahin angestaunt wurde. In ihm triumphierte das Leben, das sich von dem Alb der Vorstellungen befreite. Der neue Roman trat in Kreise, die bis dahin ihm verschlossen waren, das Volk wurde geschildert als natür- kich, arbeitsam, lustig, gesund. Damit war eine lange Entwickelung abgeschlossen und zugleich eine neue angebahnt. Der alte Ritter- roman— der in unseren Kolportageromanen, zuweilen auch in den fogenannten besseren Romanen in anderer Verkleidung immer noch spukt— war zu Grabe getragen. Er war tot. Cervantes hatte sein Amt gründlich besorgt. Zugleich aber gibt er einen Anfang. Der Roman erobert sich das wirkliche, umfassende Leben und strebt nach Wahrheit. Die eigentiunliche Schönheit der Cervantesschen Diktion besteht darin, daß er noch jede Einseitigkeit vermeidet, er wird nicht platt. Phantastjk und blühendes Lehen ist dicht nebeneinander hei ihm. Ter Eindruck der Fülle und einer höheren schöpferischen Wahrheit ist die Folge. Und Don Ouixote und Sancho, die in ihrer Gegenüber- stellung zwei ewig gültige Lebensprinzipien darstellen— der überspannte Phantast und der zufricdensattc Rationalist— find Typen, die uns in allen Landen, hei allen Völkern, in allen Gesellschafts- klaffen wieder begegnen. Es sind zwei Extreme, zwischen denen die ganze abwechselnde Skala der menschlichen Charaktere, die eine immer wieder neue Mischung dieser beiden Faktoren darstellen, sich bewegt. Diese beiden Helden reiten hinaus, das Leben liegt vor ihnen. In natürlicher Reihenfolge ergibt sich so die Form der Erzählung. Und wir begrüßen diese ungezwungene, naive Form, die uns natürlich anmutet, wenn wir die vielen gequälten Versuche der Romandichter daneben halten. Es ist die ursprünglichste Art des Erzählens und Erlebens. Alles, was wir sehen— darin liegt wieder die höhere Bedeutung—, erhält dadurch einen vorübergehenden Wert. Personen tauchen auf und verschwinden. Das Leben geht weiter. So wie ein Fremder durch ein Land reitet, allerlei erlebt, darüber berichtet und weiterzieht. Cervantes wollte eine Satire gegen die Ritterromane und die sich darin aussprechende Unnatürlichkeit und Weltflucht schreiben. Unter der Hand aber erwuchs ihm ein eigenes Werk, das die Parodie nur noch zum Teil als Mittel benutzt. Er wollte Uickraut ausjäten und ehe er sichs versah, hatte er das Land so sorgfältig und liebevoll bereitet, daß unversehens Blumen um ihn hervorblühten und er in einem Garten stand, in dem es duftete, glänzte und lachte. Früchte hingen über ihm an schönen, kräftigen Bäumen. Und überall jubilierte das Lebe». Möge es jedem so gehen, der tatkräftig auszieht, um Altes zu stürzen I— _ Ernst Schur. Kleines feuületon. k. Neues von Fritz Reuter. Unter dem Titel„Heiteres und Weiteres von Fritz Reuter" veröffentlicht soeben A. Römer ein Buch sBerlin, Mayer u. Müller), das einige wertvolle Beiträge zuni Leben und Schaffen des Dichters bringt. Die interessanteste Gabe wird allen Freunden des Dichters die hochdeutsche U r g e st a l t der„Festungstid" sein, die Reuter im Jahre 1855 als„Eine heitere Episode aus trauriger Zeit" in dem heute fast ganz der- schollenen„Unterhaltungsblatt für beide Mecklenburg und Pommern" herausgegeben hat. Fritz Reuter hat diese Wochenschrift ein Jahr lang redigiert, und er folgte vielleicht einer Anregung Hoffmann- Fallerslebens, der im Jahre 1844 nnt dem Dichter zusammen- getroffen und von dessen humorvollen Erzählungen aus leinem siebenjährigen Gefängnisleben so entzückt war, daß er ihn mehrmals bat, alles gerade so aufzuzeichnen, wie er es eben erzählt habe, als er sich 11 Jahre später entschloß, diese erste Niederschrift seiner Festungstid für die Leser seines Unter- Haltungsblattes abzufassen. Wenn man nun die jetzt zugänglich gewordene hochdeutsche Fassung mit der 7 Jahre später geschriebenen plattdeutschen, allbekannten„Festungstid" vergleicht, so wird man zunächst über die starken Abweichungen im Inhalte überrascht sein. Daß Reuter in der Erzählung seines Gefängnislebens Wahrheit und Dichtung sehr frei gemischt hat, hat die Forschung ja schon genug- sam gezeigt; aber der Leser sieht doch aus diesem praktischen Beispiel mit einigem Erstaunen, wie weit er darin ge- gangen ist. Die„Episode" behandelt nur den Aufenthalt in Graudenz einschließlich der Reise dorthin, während das spätere größere Werk schon in Glogau einsetzt und den Leser auch nach Magdeburg führt. Der allgemeine Rahmen der Erzählung ist, soweit Graudenz in Betracht kommt, natürlicki derselbe; aber in der Folge und Motivierung der Szenen zeigen die beiden Fassungen die größten Verschiedenheiten. Der Stil in diesem hochdentschen Versuch könnte denen zu denken geben, die den ganzen Reuter ins Hochdeutsche zu überwogen versuchen.„Als Sprachmeister", schreibt Römer,„ist Fritz Reuter\m Hochdeutschen nicht der Dichter ersten Ranges: sein Stil wirkt hier zuweilen recht geziert und in der gesuchten Bilder» spräche recht gekünstelt. Da denkt man nicht selten an einen Land- man», der echt, urwiichsig und originell nur im Alltagsrocke erscheint, im Sonntagskleide aber sich nicht immer natürlich zu bewegen weiß. Die plattdeutsche Sprache selbst zwingt den Autor zur Ernfachheit des Gedankens, des Ausdrucks; da ist er ganz in seinem Element. Andererseits fehlt es auch in der„heiteren Episode" nicht an kost- lichen, phantasiereichen Schilderungen, die den Dichter, den Humo- rissen erkennen lassen." Die„heitere Episode" ist die Schilderung des Liebeswetteifers der beiden Hallenser Stnbenburschen, des„Kapi- täns" und des„Kopernikus". Aber der humorvollen Darstellung fehlt auch nicht der wagische Hintergrund. So mag als Stilprobe wiedergegeben werden, was der später nach Graudenz kommende „Kopernikus" noch von der Behandlung der gefangenen„Dema- zogen" in Magdeburg erzählt:„Denkt Euch bloß einmal, da sitzt der„Erzbischof" und ich gerade und essen das schauderhafte Gericht. welches in Pp. unter dem Namen„Kartoffelstürze" passiert, als die Klappe in der Tür aufgeschlossen wird und das alberne Gesicht des Majors v. B. hineinsieht, das gleich darauf einem anderen sehr vor- nehmen Gesicht Platz macht, welches neugierig umherschaut und end- lich mit den Motten:„Also dies sind zwei von den Demagogen?" sich aus der Klappe zurückzieht.„Zu Befehlen, Exzellenz, dies sind zwei derselben."—„Sie essen jetzt wohl gerade?" iMich wunderte, daß der vornehme Herr nicht fragte:„Sie werden wohl gerade gefüttert?")—„Was essen sie?"—„Herr Inspektor," fragte der zweite Kommandant Major v. B.,,„was essen diese Staatsverbrecher?—„Kartoffelstürze, zu Befehl," war die Antwott des Inspektors.—«Also Kartoffelstürze? So, so? Kattoffelstürze." sagte die Exzellenz.„Ist doch wähl ein gesundes Essen?"—„Sehr, Exzellenz, sehr!" versicherte der zweite Kommandant.—„Mr ist gesagt worden, die Gesundheit dieser jugendlichen Verbrecher soll in■ dem Gefängnisse hier leiden. Ist eS der Fall?" fragte die Exzellenz. —»Ja, Herr Inspektor, ist es der Fall?" repetierte der zweite Kommandant.... Der Inspektor, der als ein gutmütiger Mann geschildert wird, wand sich wie ein Wurm, und endlich kam er denn mit der Wahrheit zu Raum.„Leiden? Exzellenz, fünf Jahre I Da stellt sich denn so allerlei ein. Von den vierundzlvanzig Jnhaftaten sind dreizehn im Lazarett, einer wegen Taubheit, einer wegen kontuberkulöser Lungenschwindsucht, einer ist wegen Rückenmarkschwindsucht entlassen, einer wegen Wahn« sinn, ein anderer wegen Wahnsinn in die Charitö nach Berlin gebracht, und krank sind eigentlich alle, wenigstens haben alle bis auf einen, der vor einigen Tagen versetzt ist, graues Haar bekommen." —„So? graues Haar?" sagte der zweite Kommandant.»Herr Inspektor, das hätten Sie doch melden müssen."—„Zu Befehl, Herr Major, aber mit den grauen Haaren kommt das so allmählich, daß man den wirklichen Anfang des Grauwerdens schlecht bestimmen kann." Weiter wird nun geschildert, wie die Exzellenz die Zelle be- tritt, um sich durch Augenschein zu überzeugen, daß die„poli- tischen Verbrecher" wirklich graue Haare bekommen haben; er konnte es freilich nicht begreifen, wie das mög« lich war, da sie ihm doch sonst alle so jung vorkamen... tt. Saurer Boden. Jeder hat wohl einmal davon gehört, daß die Erde in einem Blumentopf sauer geworden ist, oder er hat von saueren Wiesen sprechen hören. In beiden Fällen handelt es sich also um saueren Boden. Der Name rührt wohl daher, daß die Pflanzen, die auf solchem Boden wachsen, einen saueren un- angenehmen Geschmack besitzen, weshalb sie auch vom Vieh nicht gern genommen werden. Aber sauer ist der Boden noch in einer andere,: Beziehung, er ist nämlich reich an Humus säure. Diese bildet sich in solchen Böden, in denen die Lust wenig Zutritt hat. Und das ist überhaupt die Entstehungsweise des saueren Bodens. Die Luft kann in ihn nicht eindringen. Die saueren Wiesen haben einen so hohen Grundwasserstand, daß ihr Erdreich ganz mit stehendem Wasser durchsetzt ist. Das Wasser gestattet der Lust nicht den Zutritt, dadurch treten auch nicht die üblichen Bakterien auf, um die organischen Stoffe im Boden in Nährstoffe für gesunde Futterkräuter und Süßgräser umzuwandeln. Anstatt dessen entsteht die Humussäure, die den meisten Pflanzen verderblich wird. Auf den saueren Wiesen wachsen vor allen, Sauergräser,„an, entlich Seggen, dann Binsen, Schachtel- Halme, Hahnenfußarten, Fieberklee, Klappertopf, Augentrost, Minze. Das Heu von solchen Wiesen entbehrt vollständig des angenehmen Duftes, der sonst dem Heu eigen ist, es riecht geradezu widerlich. Nur höchst ungern nehmen die Kühe— und auch diese nur allein— das Heu von solchen Wiesen. Aber die Minderwertigkeit dieser Nahrung gibt sich sofort in einem starken Nachlassen des Milchertrages kund. Saure Wiesen können durch Entwässerung und eine, Bodenbearbeitung, welche der Luft den Zutritt gewährt, verbessert werden. Entwässerung ist aber nicht immer angängig, häufiger»och ist eine Auftragung leichten Bodens zweckmäßig, da die Wiesen meist von höher gelegenen Terrains begrenzt werden, von denen mittels Feldbahnen sehr leicht Erde auf die niedriger gelegenen Wiesen gebracht werden kann. Dadurch wird der saure Boden an und für sich nicht verbessert, aber die Wiesen bekommen eine höher gelegene Erdschicht, in der gute Futterpflanzen gedeihen können. Auch wenn in Blumen- töpfen oder auf Saatbeeten in Gärten die Erde sauer wird, so ist mangelnde Durchlüftung die Ursache. Solche Erde wird meist sehr stark gegoffen, und sie wird oft jahrelang nicht durch- gearbeitet. Es bildet sich obenauf eine niedrige Moosdecke, die aber so dicht ist, daß sie keine Lust durchläßt. Selbst um den Stengel der Pflanzen, die in Blumentöpfen oder auf Saatbeeten stehen, legt sich das Moospolster so dicht herum, daß keine Luft ein- dringen kann. Die Folge davon ist, daß die Pflanzen in solcher sauer gewordenen Erde eingehen. Ihre Wurzeln, denen kein Sauer- stoff zugeführt wird, die im Gegenteil gezwungen sind, scharfe, ungeeignete Stoffe aufzunehmen, gehen an Fäulnis zu Grunde. Meist ist gerade Moosbildung ein sicheres Zeichen für das Sauerwerden der Erde. Die Pflanzen, die in solchem sauren Boden stehen, sind aber leicht zu retten, wenn sie in frische lockere Erde verpflanzt werden.— Ztunstgewerbe. es. Die Neuerwerbungen des Kunstgewerbe- museums sind im Schlüterzimmer ausgestellt. An Möbeln ein einfacher Schrank vom Niederrhcin aus dem IS. Jahrhundert, ein Zylinderbureau mit vergoldeten Bronzebeschlägen von David Roentgen gearbeitet, der in Neuwied am Rhein von 1743— 1807 tätig war, eine kraftvolle, architektonisch strenge Arbeit, an der be- sonders der weiche, braune Ton des Holzes ausfällt, zu dem das Gold vorzüglich paßt. Zierlicher ist eine Mahagoni-Ktedenz mit hellen Einlagen aus England zirka 1780, die Flächenfärbung ist auch glätter. Von dem im vorigen Jahre im Lichthof ausgestellten sogenannten Batiks, deren vom Maler Fleischer(.Grunewald) nach javani- scheu Arbeiten übertragene Technik, damals erläutert wurde, ist ein Stück als Gescheut dem Museum überwiesen worden. Die Technik ist hier in allen Stufen zu übersehen. Sec� Grade sind zu unter- scheiden, die sich an dem ausgestellten Stück deutlich trennen. Zuerst beginnt die Aufzeichnung mit flüssigem Wachs auf die eine Stoffseite. Mehrmaliges Kaltfärben mit Rot folgt, womit das Stück fertig zum Abschmelzen ist. Danach beginnt die Aufzeichnung zugleich nr Decken der größeren Flächen auf einer Stoffseite, dem die Auf- Zeichnung mit Decken auf beiden Stoffseiten folgt. Damit ist der Stoff wieder fertig zum Färben. Das Wachs wird nun entfernt. Zum Schluß wird noch eine leichte Ueberfärbung vorgenommen. Der Stoff ist waschbar und hält dem Licht stand. Die Porzellansammlung erfährt eine ergänzende Be- rcicherung. In emem Schrank stehen gute Stücke im üblichen Genre der Nippesfiguren— Bacchus, Bacchantin, Vasen— aus Berlin, Meißen, Chelsea, alle aus dem vorigen Fahrhundert. Bei den Porzellanvasen von Chelsea fällt das schöne Karnioisinrot der Färbung auf. Auch aus Paris, Kopenhagen und Wien sind in einem anderen Schränkchen feine Stücke aufgestellt. Unter dem chinesischen Porzellan steht eine gleichmäßig braune Vase von 1700 obenan. Von 1770 stammt ein anderes Stück, eine Vase mit blauer Unterglasurmalerei. Fayencen aus Persien aus dem 17. Jahrhundert zeigen das schöne. reichverschlungen« Blattwerk des persischen Ornaments. Unter dem Steinzeug ist besonders eine Schüssel aus dem 17. Jahrhundert aus Samarkand(Russisch-Turkestan) hervorzuheben, oberen blaugrüne, dunkle Färbung eine schöne Einheitlichkeit zeigt. Merkwürdig und kunstgcschichtlich sehr bedeutsam wegen mannig- facher Sttleinflüsse sind die arabischen und altäghptischen Erwer- Hungen, die weit zurückgehen in der Zeitrechnung. Manches Tonzeug zeigt metallisch schimmernden Glanz. Primitiv ist die FormengebMg und die Farbe. Aber gerade darum, als Zeiterscheinung und als Einfluß, sind diese Arbeiten wichtig. Einige Ledereinbände zeigen in ihrer sicheren Einfachheit wiederum einen reinen Stil. Die Ornamentik ist noch mibeholfen. Auch Stoffreste sind vorhanden, auch hier ist die Färbung dunkel und eintönig, wie wir sie oft bei den Völkern Aegyptens finden, ein mattes Schwarz, ein dunkles Rotbraun herrscht vor, aber gerade diese Einfachheit wirkt vornehm. Diese Funde— als solche sind sie zu bezeichnen, denn ihre Erwerbung ist sehr schwierig— berühren sich mit den im Kaiser Fricdrich-Museum aufgestellten Stücken aus der gleichen Zeit.— Geographisches. — n. Land oder Meer am Nordpol? Nördlich des Festlandes von Eurasien— mit diesem Namen bezeichnet man den zusammenhängenden Kontinent von Europa und Asien— dehnt sich ein Sockel in einer Breite von 300 bis 350 Seemeilen nordwärts aus, der durchschnittlich nicht tiefer als 90 Meter unter dem Meeres- spiegel liegt. Nansen entdeckte dann weiter nördlich davon jenen überraschenden untern, eerischen Absturz, der bis zu einer Tiefe von mehr als 3500 Metern hinabgeht. Die Enthüllung dieser Tatsache war das merkwürdigste Ergebnis der Nansenschen Reise, denn damit schien die Unmöglichkeit bewiesen zu sein, daß in, Nordpolarmeer ein Festland vorhanden sein könnte, das aus einem so tiefen Weltmeer emporstiege. Es bleibt aber die Frage offen, wie die Verhältnisse nördlich von Amerika liegen. Man weiß, daß das amerikanische Festland sich in hohen Breiten in zahlreiche Inseln auflöst, aber man hat dort noch nicht feststellen können, wie weit sich der Festlandsockel gegen den Pol hin ausdehnt. Beachtenswert ist in dieser Hinsicht das Vorhandensein von Fjorden im nördlichsten Amerika, die ebenso wie die entsprechenden Bildungen in Schottland oder an der Westküste von Norwegen eine große Tiefe besitzen. Daraus darf man den Schluß ziehen, daß der Rordrand de« Sockels oder die Grenze des seichten Meeres nicht weit nordwärts über die heute bekannten Inseln im nördlichsten Amerika hinauSreichen kann. Der Hydrograph Spencer, der diese Fragen auf Grund der bis- herigen Kenntnisse genau untersucht hat, hält es für wahrscheinlich. daß 50 bis 100 Seemeilen nördlich von der jetzt bekannten Insel- zone auch in diesem Teil de? Polargebiets ein tiefes Meer beginnt. Weiterhin wird darauf die Vermutung aufgebaut, daß man in einem Umkreise von etwa 300 Seemeilen um den Nordpol Land zu finden nicht erwarten dürfe. Wichtige Inseln werden daher wohl auch auf der amerikanischen Seite der Nordpolargegend nicht mehr zu entdecken fein. Vielleicht wird die neue Expedition von Peary neues Licht über diesen Punkt verbreiten.— Hninoristisches. — Der Prinz.»Jetzt habe ich schon wieder den Befehl ver- gessen, ich kann mir das Zeug„ich merken. Schadet nischt. In sechs Jahren kommandiere ich doch Ke Brigade.— — Bierologie.„Sagen Sie mal, was ist für ein Unter- schied zwischen Bock und Salvator?" „Daß S' mit'n Bock bis Mittag an Rausch holln und mit n Salvator erst auf d' Nacht!" »Also ist Bock so bedeutend stärker?" „Na I Aber der wird in der Fruah anzapft und der Salvator Mittag I"—(»Simpl.") — Die höhere Tochter. Mama(im Landaufenthalt): „War das nicht eine Kuh. was ich soeben schreien hörte?" Tochter:»Ich glaube, dem Dialekt nach wars eher ein Ochse 1"-_(»Jugend".) Die nächste Nummer des Ifnlerhaliungsblattes erscheint am Sonntag, den 30. April._ Berantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer L-Co., Berlin SW,