Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 86. Sonntag, den 30. April. 1306 ez flammen. (Nachdruck verboten.) Roman von Wilhelm Hegeler- Grabaus ließ den Kopf sinken Md vor seinen geschlossenen Augen stand Plötzlich, hell leuchtend wie ein Transparent: Dann bin ich also betrogen! „Du mußt jetzt nicht vom Thema abschwenken," fuhr sie fort.„Das ist auch eine schlechte Angewohnheit von Dir, daß Du immer ausweichst und einen mit schönen Versprechungen tröstest. Aber ich lasse mich nicht mehr so abspeisen. Du mußt jetzt ernstlich was tun. damit Du endlich was Festes bekommst. Das Gescheiteste wäre. Du gingst noch heute zu Wuhlmann und—" Er sprang auf und sagte mit tonloser Stimme: „Verzeih, ich kann nicht mehr—" „Wohin willst Du?" Aber er hatte das Zimmer schon verlassen, ohne eine Ant- wort zu geben. Er saß in der Gartenlaube, einem schwerfällig plumpen Bau, wie die Urväter ihn, nicht schön aber haltbar für eine halbe Ewigkeit, zusammengezimmert hatten, aus dicken, dicht- gereihten Kiefernstämmen, mit niedrige? Tür und undurch- lässigem Dach, von hundertjährigem Efeu eng umsponnen wie ein Grab: kein Sternenschimmer fiel hinein, vom heißen Mittag lastete noch die Schwüle init ihrem Modergeruch darin. Grab- aus saß in eine Ecke gekauert, mit zusammengesunkener Brust und verschränkten Armen. Eine ungeheure Angst umgürtete ihn, ein Gefühl, als wäre ihm der Boden unter den Füßen und dje Luft zum Atmen weggenommen. Betrogen— nicht von seiner Frau, von allen, an die er bei seiner Arbeit je ge- dacht. Es war, als wenn das Leben selbst durch die Stimme seines Weibes gesprochen hätte: Wir brauchen das alles nicht, was du uns bringst. Wir brauchen ganz andere Dinge— und ihm alles vor die Füße geworfeg hätte. Er hatte nie seine Jugend genossen und nie mit nüchternen, ausruhenden Augen in der Welt umhergeschaut. Gerade in den Entwickelungsjahren, als die embryonenhaften Gestalten seiner inneren Welt sich bildeten, war diese eigentümliche Ver- blendung gegen die äußere Umwelt, diese unbewußte Ab- geschiedenheit von der gegenständlichen Wirklichkeit am stärksten gewesen. Bekannte hatte er wohl gehabt, aber nie einen Freund. Um den zu besitzen, hätte er einen Menschen finden müssen, der entweder ihm ebenbürtig oder ein willenloses Werkzeug für ihn gewesen wäre. Denn ohne daß er es wollte, beherrschte er imnier den Kreis, in dem er sich befand, und erfüllte ihn mit dem Geist, der in ihm lebendig war. Aber die Menschen, die er traf, waren doppelgesichtige Mittelmäßigkeiten, Zwei- seelenmenschen, mit einem solid gebauten, unfehlbaren Organ für ihren Vorteil ausgerüstet und einem Seelchen, das sich gern über die gemeine Schätzung der Dinge erhob. Sie berauschten sich an seiner Gegenwart, fühlten sich groß und frei, aber bald zog die innere Schniere sie herunter, und seiner über- drüssig, ließen sie ihn seinen Weg einsam weiter gehen. Er wurde dessen kaum gewahr. Die Menschen, die zu ihm kamen, nahm er enthusiastisch auf und war nicht böse, wenn sie wieder gingen. Erst als er seine Braut kennenlernte, nahm diese ihn ganz gefangen. All die Jahre, währeird sie mit ihrer ruhigen, scheinbar nie müden und so seelenvollen Teilnahme ihn in ihrem Bann hielt, lebte er nur für sie. Sie war ihm Geliebte, Freundin, Publikum. Und so stark und dauernd war diese Selbsttäuschung, daß auch in der Ehe ihre wachsende Gleich- gültigkeit und Stumpfheit sie nicht hätte zerstören können. Ge- waltsam mußte dieser Wahn zertrümmert werden— und das hatte seine Frau heute besser, als sie selbst ahnte, getan. Lange Zeit saß Grabaus wie betäubt und in undurch- dringliches Dunkel gehüllt. So wenig man nach einem heftigen Sturz wagt, seine Glieder zu rühren, so wenig vermochte er in dem dumpfen Chaos irgend einen Gedanken festzuhalten und richtig zu stellen. Schließlich aber stand er auf und ging über die Gartentreppe ins Haus zurück. Er hatte ein in- stinktives Bedürfnis nach Bewegmm. als wenn dadurch die schwergeballte Masse seines Schmerzes zerteilt und lockerer würde. Während er auf dem Korridor Licht machte, um Hut und Stock zu nehmen, trat seine Frau aus dem Schlafzimmer. Sie war schon fast entkleidet, ihr dünnes, fettiges Haar hing in einem Zopf auf dem weißen Frisiermantel. „Da bist Du ja.— Komm doch!" pr schüttelte den Kopf. „Wo willst Du denn jetzt noch hiir?" „Weg— ich muß noch gehen." Sie verzog voller Verachtung ihren Mund. „Dann geh! Aber schön finde ich das nicht. Wenn man Dich in die Enge treibt, dann drückst Tu Dich. Du solltest mir lieber eine klare Antwort geben." Nachdem Grabaus ein kurzes Stück die Straße hinunter- gegangen war, blieb er stehen und dachte: Wenn ich einen Schmuck habe, den ich für Gold hielt und merke, er ist von Blech, dann werfe ich ihn weg. Einem Freund, der nichts taugt, gebe ich den Abschied. Aber an mein Weib bin ich ge- Kunden bis an mein Lebensende. Es gibt Worte, die wir hundermal gehört und selbst aus- gesprochen haben, ohne daß sie uns allzuviel sagten. Dann aber kommt eine Stunde, wo die ganze Schwere ihres Inhalts sich aus ihrer Schale löst und uns zermalmt. Bis an mein Lebensende— das war wie ein schwarzer, tiefer Schlund, der ihn verschlang.... Wenn ich je wieder das Bedürfnis habe, mich auszusprechen,— dachte er— dann ist sie es, an die ich mich wenden muß. Kinder habe ich von ihr. Nachts liege ich an ihrer Seite. Morgens stehe ich mit ihr auf. Sie hat Rechte an mich. Sie und ich, wir sind eins. Aber wer ist sie? Ein fremder Mensch, mit dem mich inner- lich nichts mehr verbindet. Und trotzdem— eins mit ihr bis an mein Lebensende. Als er endlich nach Hause zurückkehrte, hatte er den Ein- druck eines endlos langen, dunklen Weges.Jden er einsam unk» doch als ein Unfreier zurückgelegt hatte, mit einer Kette am Hals, die, je stärker er daran riß und zerrte, sich desto fester zusamnienzog. Und das Gefühl, das so wie dieser Weg seine Zukunft sei, lastete auf ihm während de? ganzen Nacht. Mehrere Tage vergingen, während derer die beiden Gatten in stummem Groll miteinander verkehrten, ohne sich auszusöhnen. Sticht genug konnte Grabaus sich wundern, daß seine Frau, weit entfernt, ihr Unrecht einzugestehen, im Gegen- teil ihn wie einen verstockten Sünder behandelte und durch ihr ganzes Gebaren ausdrückte, daß sie jeden Augenblick darauf wartete, er würde endlich zur Einkehr kommen. Und in der Tat, eine unbedeutende Kleinigkeit bewirkte in ihm eine ganz andere Auffassung. Da in seinem Zimmer die Fenster geputzt wurden, hatte erLch ins Eßzimmer zurück- gezogen, wo er zu dieser MorgenMnde ungestört saß, denn die llinder tollten im Garten. Er hatte sein Buch sinken lassen und schaute auf die Straße. Dort stand seine Frau und handelte mit dem Gemüsemann. Die beiden schienen wegen eines Sackes mit Aepseln nicht einig werden zu können. Der Mann, ein furchtbar ausgemergelter Kerl, schäbiger gekleidet als mancher Bettler, redete aufgeregt auf Konstanze ein, rechnete ihr an den Fingern vor, streckte beschwörend die Arme aus, schlug sich aufs Knie und gestikulierte wie ein leidenschaft- sicher Italiener. Wohl zehn Minuten währte die Szene. Jeden Augenblick dachte Grabaus, nun wäre es genug, seine Frau würde nachgeben. Aber diese blieb unbewegt, bis schließlich der Plann wütend seine Peitsche auf den Wagen warf, den Sack herunterriß und mit dem ganzen Ausdruck eines erbosten Menschen seine Last ins Haus trug. Frau Konstanze aber warf einen Blick zum Fenster hinauf, wobei sie zum erstenmal seit niehreren Tagen wieder lächelte. Grabaus klappte erregt das Buch zu und dachte: wie hätte ich wohl diesen Einkauf besorgt? Offenbar hätte ich nicht bloß sogleich den geforderten Preis bezahlt, sondern womöglich auch noch dem Gemüsemann einen anständigen Rock geschenkt. Und dabei besitzt der Kerl Grundstücke und ist in einer Höheren Steuerklasse als ich. Blannert hätte ich mich und als gänzlich untüchtig erwiesen.... Ich aber verlange von meiner Frau. die eine tüchtige Hausfrau ist, die ihre Kinder in Zucht und Ordnung hält, die feilscht und sorgt und sich abmüht von früh bis spät um unser Wohl— ich verlange von ihr, daß sie die Welt mit meinen Augen ansieht, was ihrer Natur so wenig cutspricht wie das Gegenteil meiner! Betrogen fühle ich mich? War nicht wirklich ich es, der sie um ihr Ich betrügen wollte. der, ohne ihr Wesen zu erkennen, ihr immer vorredete: so bist fn und nicht anders! Ja, weyn ich schon betrogen bin, so hat doch sie nicht Schuld, sondern ich. O. ich Narr, dachte er. Mich selbst sollte ich ausschelten und niemand anders! Während solche Gedanken ihn ergriffen, hatte er zwar noch immer ein bitteres Gefühl von Enttäuschung und Leere. Gleich- zeitig aber regten neue Kräfte sich�. Und während er die Zu- kiinst überschaute, glaubte er sich stark genug, von nun ab be- wüßt auf seinem Wege einsam vorwärts zu schreiten. Nach der stumpfen Niedergeschlagenheit der letzten Tage kamen die Einfälle upd Pläne jetzt in Fülle über ihn. Vor dein Essen ging er noch zu seiner Frau, die auf dem Boden ihre Aepfel auspackte, und sagte, er hätte sich entschlossen, in der nächsten Woche nach Berlin zu reisen, und beim Ministerial- direktor Wohlbold um eine Audienz nachzusuchen. Der Mini- sterialdirektor, dem das gesamte Universitätswesen unterstand, war ein Studienfreund seines Vaters und ihm selbst wohl- gesinnt. Frau Grabaus hörte diesen Plan ruhig an, während sie damit fortfuhr, die Aepsel sorgfältig einen nach dem anderen blank zu putzen. Schließlich sagte sie: ,,Na ja, also bist Tu doch zur Vernunft gekommen. Lange genug hat's gedauert.— Das mit Wohlbold leuchtet mir sehr ein. Ich Hab an den gleich gedacht." „Sooo?" „Das ist doch ganz klar, daß Du Dich an den wenden mußt. Aber ihr Philosophen braucht ja immer erst drei Tage Gedankenarbeit, che ihr das findet, was'ne Frau sofort sieht. -- Uebrigens, Du"— rief sie ihm nach—„wenn Du nach Berlin reist, mußt Du mir bei Wertheim Verschiedenes be- sorgen. Meine Schwestern möchte ich nicht damit betrauen, die machen bei solchen Gelegenheiten immer einen Schmu sür sich." 2. Weißschimmernde Lichtkugeln in bläulichem Dunst und vom Horizont her ein Sprühen rotgoldener Funken, letzter Goldglanz über den bräunlichen Blättern, die längsam hier eins und dort eins in kreisendem Tanz zu Boden fielen, ein Fluten von Menschen und Wagen über den breiten Platz und die endlose Straße hinunter, ein Aufleuchten blitzender Augen, seidener Stoffe, künstlicher Blumen, ein Wogen, Hasten, Lärmen, Klingeln und Rasseln— und das alles doch ge- dämpft, wie ausgetrunken von der weichen Herbstabeirö- dämmerung: in diesem ersten Eindruck, den Grabaus nach langem Fernsein von Berlin empfing, lag etwas von festlicher Feier, als wenn die große Stadt sich nach vollbrachter Sommerschlafenszeit zur Winterauferstehung rüstete. Er selbst fühlte sich gehoben, leichter, mutiger; die Sicherheit und Energie, mit der all diese Tausende ihren Zielen entgegeneilten, wirkte ansteckend auf ihn, vom Sturmschritt der Menge fühlte er sich fortgerissen, von ihrem Leichtsinn sich angesteckt, vom heißen Atem ihrer Begierde durchwärmt, wie berauscht von diesen brandenden Wogen, das aus Millioneneniardgovniatxgdoviat Atem ihrer Begierde durchwärmt, wie berauscht von diesem brandenden Wogen, das aus Millionen Wellen zusammen- klingend, ein einziges zu verkünden schien: Leben! Wie war das anders, als wenn er in Jena durch die nachtschlafenden Straßen schritt, an dunklen Häusern vorbei, ein einsamer Spätling, dessen hallender Schritt allein die stummen Ge- danken begleitete. Fast hätte er gewünscht, um diesen Abend allein genießen zu können, sein Freund, der Maler Fritz Gebhard, den er zu besuchen sich vorgenommen hatte, wäre nicht dahLtm. Und nachdem er die vier Treppen eines Hauses in der Potsdamer- straße hinaufgestiegen war und ziemlich rasch hintereinander geklingelt hatte, ohne daß jemand öffnete, wollte er schon um- kehren. Doch da blickte Fritz Gebhard gerade durch den Türspalt. „Raa?" fragte er in mißtrauischem Ton. „Kennst mich wohl nicht mehr?" „Ja— was? Du bist's?!" Ja, was treibt Dich denn hierher? Wer das ist ja großartig!'n Tag!'n Tag!" Dabei schüttelte der Maler ihm beide Hände. Dann folgten Fragen und Antworten, nach Befinden, Reife, wie es Frau Konstanze und den Kindern ginge, was. die Kunst, was die Wissenschaft machte— dabei standen die beiden noch immer zwischen Tür und Angel. Schließlich sagte Grabaus: „Höre, da ich Dir hoffentlich nicht lästig bin, könntest Du mich eigentlich auffordern, einzutreten." „Hm— nämlich— ich habe Damenbesuch!" „Ach-- das heißt, eigentlich hätte ich mir das ja Henkm können/' «Es geniert ja weiter nicht. Nur— sprich, bitte, nicht darüber." „Na hör mal!" Während Grabaus seinem Fmtzid durch den schmalen Gang folgte, hielt er ihn noch am Rockärmel fest. „Ach erlaube— es ist doch nicht eine verheiratete Frau?" „Gott bewahre." „Das wäre mir auch etwas peinlich." „'n junges Mädchen wäre doch eigentlich noch peinlicher," murmelte Gebhard. Sie traten in das von einer Bogenlampe erhellte Atelier. In einem Winkel saß da an einem Teetischchen, ihnen halb den Rücken zukehrend, eine verschleierte junge Dame, die den einen Handschuh halb ab- oder wieder übergestreift, eifrig und un° verwandt ihr eigenes Bildnis auf einer in der Mitte des Ateliers stehenden Staffelei lorgnettierte. Bevor Gebhard noch seinen Freund vorstellen konnte, erhob die Dame sich eilig, aber mit der vollkommenen Natür- lichkeit einer ihrer selbst sicheren Weltdame und sagte: „Es tut mir sehr leid, Herr Gebhard, aber mein Kutscher fährt mir davon, wenn ich nicht komme. Das Bild hat mir ausgezeichnet gefallen, und ich werde nicht verfehlen, der Baronin—" „Ach, Maggie," sagte der Maler leichthin,„das hier ist mein bester Freund,'n anständiger Mensch obendrein." „?lber— Herr--" unterbrach Maggie ihn in leicht befremdetem, doch nicht unwilligem Ton. „Weißt Du, Schatz, ihm gehören all die Taschentücher H. G. in meiner Kommode. Seit sechs Jahren hat er sie noch nicht zurückverlangt, die gute Seele. Daraus kannst Du doch sehen, was für gute Freunde wir" sind. Heinrich Grabaus, Philosophieprofessor. Maggie Thön vom Deutschen Theater." lJortsetzung folgt.), 1>Iai-R.eglenieiit. Ein Mailüsterl hat mir ein Blatt Papier zugeweht, das beweist, wie die Obrigkeit doch allmählich die Oberflächlichkeit verlernt hat, mit der sie bisher die Revolution zu bändigen unternahm. Was hat man insbesondere gegen die Maifeier, diese weltdurchjubelnde Fanfare des Umsturzes, wirksames versucht? Man hat die Soldaten in den Kasernen konsigniert, jedwedem IS Patronen zugemessen, man hat die Anfzüge verboten, die Unternehmer haben die Feiernden mit jAussperrungen bestraft. Aber die Maifeier wuchs trotzdem unter den Verfolgungen, sie würde zum festen seelischen Inhalt der nach Befreiung drängenden Menschen, auch wenn sie äußerlich nicht die Macht hatte, sich in voller Kraft zu entfalten. Die Aussaat des Grassamens wird festgetreten, damit er aufgehe. Auch das Proletariat und seine Feste blühen empor unter den Tritten der Gegner, die Feinde sein wollen und Gärwer werden. Das haben schließlich auch die Regierungen aller Länder ein- gesehen. Die taktlose Verwegenheit des ersten Mai, daß er Heuer m Rußland sogar mit dem heiligen Feste der christlichen Auf- erstehung zusammenprallt— nur die Maifeier geht selbst auf der Uhr des Zaren nicht 13 Tage hinter. der Weltzeit zurück— hat das Maß der regierenden Geduld erschöpft. In aller Stille sind Vertreter sämtlicher Kulturstaaten, d. h. aller Staaten, welche sähig sind, sich untereinander mit Rohrrücklaufgeschützen und sonstigen auf der Höhe der Technik angelangten Instrumenten auszurotten. im Berliner Polizeipräsidium beisammen gewesen und haben eine internationale Polizeiverordnung gegen die Maifeier in ihren Grund- sätzen abgefaßt, die unverzüglich in allen Vertragsstaaten in Kraft gesetzt werden soll. Selbst Japan hat einträchtig mit Rußland an dem großen Werk mitgearbeitet. Diese Regelung geht von dem richtigen Gedanken auS, daß eS nicht sowohl die politische Maifeier an sich ist, die den Bestand der herrschenden Gesellschaftsordnung bedroht, sondern der Mai« charakter überhaupt. Die revolutionäre Gefahr liegt, so erkannte man, in der innersten Natur dieses Tages und dieser Jahreszeit. Mit Recht wurde darauf hingewiesen, daß, sofern die Arbeiter durch- aus wollten, nichts im Wege stünde, wenn sie ihr Jnternntionalfest etwa auf den 1. November verlegten. Der Tag ist unschädlich. Er weckt keine frechen und schamlosen Triebe. Er entzündet nicht die gesetzlose Sehnsucht nach Freiheit, er erinnert vielmehr an Tod und Verwesung, an Moder und Stockschnupfen, an teure Kohlen und frostige Obdachlosigkeit. Kurz, dieser Tag würde die Menschen zu der frommen Demut beugen, ohne die ein geordnetes Staatswesen, eine gesunde Industrie und Landwirtschaft nicht existieren kann. Aus diesen Erwägungen heraus verständigte sich die� internationale Anti-Mai-Konfercnz, endlich den Mai durch eine gründliche Reglenienticruna seines durch und durch kontraktbrüchigen Wesens ,-U entkleiden. Der Mai soll zivilisiert und, seine üppige wilde Regellosigkeit, die sogar dem Proletarier den staatsfeindlichen Wah» einflöht, als habe er ein Recht auf Tanz und Sang, auf Küffen und Umarmungen, auf Kunst und Freude, auf Träumen und Schien- dern, auf Sinnen und Denken,— dieser ganze polizeiwidrige Frühlings- drang wird in ein sauber abgestecktes, sorgsam kanalistertes, alten- mätzig vorgeschriebenes Bett geleitet. Natürlich verbietet es die internationale Polizeigerechtigkeit, datz auch die Unschuldigen, die es nicht nötig haben, zu arbeiten, die also den Arbeitsvertrag auch nicht eigenmächtig zu brechen verführt werden können, unter dieser notgedrungenen Nkaireglementierung leiden. Die Verordnung wird deshalb ausdrücklich für die Gegenden autzer Kraft gesetzt, wo sich die Inhaber der höheren Einkommen und Vermögen angesiedelt haben; man hofft dadurch auch eine noch reinlichere, lokale Scheidung der besseren und niedrigen Elemente der Menschheit zu bewirken, als bisher erreicht worden ist. Für die eigentlichen Volksquartiere aber sind die folgenden Vor- kehrungen getroffen: l. Während des ganzen Monats Mai, und bei schönem Wetter auch schon in der zweiten Hälfte April wird allgemein eme 24 stündige Schichtzeit eingeführt. Die sämtlichen Arbeiter und sonstige An- gestellte minderer Entlohnung dürfen während dieser Zeit nicht die Fabriken, Bergwerke usw. verlaffen. Nicht erwerbstätige Familien- angehörige haben das Haus zu hüten. Sollten Wohnungsfenster nach der Stratze hinausgehen, so sind diese dicht zu verhängen. Schulkinder haben in den Schulräumen zu verbleiben. Säuglingen ist der Gummipfropfen während dieses Zeitraumes mittels geeigneter Stoffe zwischen den Lippen festzukitten. Wäsche darf nicht gewechselt werden. Die Sonntagsruhe ist aufgehoben. 2. Zur möglichsten Verhinderung eines schönen Maiwetters haben die Armeen in der kritischen Zeit unausgesetzt Granaten in den Himmel zu schieben, um dadurch die Wolken zu feuchten Nieder- schlagen zu veranlassen. Im Jntereffe der Erniedrigung der Tem- peratur sind in angemessener und ausreichender Weise Schwefel- äthennassen zu vergaben. 3. Das Scheinen der Sonne wird beschränkt: vomüttags auf die Zeit von 4 bis 5. nachmittags von 1 bis'/z2 Uhr. 4. Das Lachen ist verboten, insbesondere auch das Lachen des Himmels. 5. Die Geschlechter werden streng getrennt gehalten. Jede An« Näherung wird als Blutschande geahndet. 6. Vögel, die singen lvollen, haben eine polizeiliche Konzession vorher zu erwirken, wobei zugleich der Text resp. der Sinn der beabsichtigten Lieder aktenkundig zu machen ist. Die Polizei hat das Recht, Melodie und Tendenz entsprechend den Gesetzen der Moral abzuändern. Liebeslieder können unter keinen Umstanden gestattet werden. Zuwiderhandelnde Vögel werden abgeschossen. 7. Bäume, die auszuschlagen und zu blühen beabsichtigen, haben bei der Polizei genau anzugeben, wieviel Blätter bezw. Blüten sie zu treiben gedenken. Die erlaubte Zahl ist dann gcmätz den Bedürf- nisten der Bevölkerung zu kontingentieren. 8. Blumentöpfe und sonstige Pflanzen können nur nach be- sonderer Erlaubnis geduldet werden, und auch dann nur, wenn sie durch übergedeckte Konservenbüchsen die Geheimniffe ihres Werdens der Oeffentlichkeit entziehen und der lüsternen Sinnlichkeit der Menschen keinen Vorschub leisten. V. Frühlingsgefühle jeder Art und Richtung unterliegen der be- hördlichen Genehmigung, Das Träumen von Freiheit, Glück, Freude ist strengstens untersagt. Der Text aller anderweitigen Träume ist vorher auf dem zuständigen Polizeibureau einzureichen; erst nach Abstempelung dürfen die betreffenden.inge geträumt werden. 10. Der erste Mai ist aus de.« Kalendern aller Vertrags- staatcn gestrichen; der Monat beginnt gleichmätzig mit den, 2. Mai und endigt daher mit dem 32. Mai. So weit das mir zugegangene Protokoll. Ich zweifle nicht: Jetzt wird nun endlich die Maifeier und alles, was mit ihr zusammen- hängt, von Grund aus vernichtet. Keine anderen Mittel gibt es, de« Nebels Herr zu werden.„ Die vorbezeichneten führen aber auch sicher zum Zieh—_ Joe. lNachdruck verboten.) Der'Cclch. Von E. Preczang. Meine nähere Bekanntschaft mit unserem Nachbar, dem alten Bechtmeier, rührte von seinen Pflauincnbäumen her. So schöne Pflaumen wie hier fand man im ganzen Tors nicht wieder: grotz wie Hühnereier, gelb und weich wie Butter. Darüber gab es nur ein Urteil unter der Schuljugend. Heute glaube ich, datz der alte Bechtmeier sein Vergnügen fand an den Pfiffen und Kniffen, die aufgewandt wurden, um seine herrlichen Früchte vor dem Los des einsamen Berfaulens zu bewahren. Meistens sah er nichts oder wollte nichts sehen. Einmal holte er mich aus den Aesten. Mit dem Stock? Nein. ,:Du wirst Dir die Cholera an den Hals essen, Junge I Bitte: aussteigen I" Von dem Tage an waren wir Freunde. Sein Obstgarten war mein Obstgarten. Ging's nicht anders, durfte ich sogar seine Leiter benutzen. Bald zog mich aber noch etwas anderes hin. Der alte Graubart wußte so wunderhübsche Geschichten. Sie haben niemals in emem Buch gestanden. Aus fich selber nahm er alles, aus sich und sein?m Leben. Dieses Leben war äußerlich ziemlich ruhig verlaufen, so vie! man davon wußte. Desto mehr aber mochte es wohl in seinem Innern gestürmt haben. Eine verschlossene Natur war's, einsam und bitter. Lebte von aller Welt in seinem kleinen, sehr kleinen Häuschen, kochte und wusch für sich selber. Kaninchen, eine Ziege, eine Katze,.ein Hund neben einer reichlichen Stiege Hühner waren autzer ihm die einzigen lebenden Wesen, denen seine Sorge galt. Allenfalls noch die Vögel in seinem Garten. Auch uns Kindern stand er meist freundlich gegenüber. Nicht allen. Er suchte sie sich aus. Die wohlhabendsten waren es nicht. Man erzählte sich, er sei in einer benachbarten größeren Stadt Beamter gewesen, dann aber vorzeitig pensioniert worden— seiner Sonderlichkeitcn wegen. So wie er heute in der Erinnerung vor mir steht, glaube ich, datz seine Hauptsonderlichkeit in einem Mangel an Anpassungsfähigkeit, in einem über die Durchschnittshärte ge- festigten Rückgrat bestand. Vielleicht unterschied er sich auch in manch anderer Hinsicht von seinen lieben Mitmenschen. Seiner- Unnahbarkeit wegen und weil er alle anknurrte, die ihm irgendwie in sein Geleise kamen, hießen sie ihn: Knurrhahn. Aber davon soll heute die Rede nicht sein. Vielmehr davon, wie der kleine Teich auf jener Wiese hinter dem Obstgarten entstand, wo Bechtmeier zu Zeiten seine Ziege und seine Kaninchen hütete. Stand man am Ende des Gartens und blickte über die niedrige Mauer, über die Wiese hmweg, so stieg rechts vor den Augen der dunkle Wald auf und zog sich bis heran zu dem Fluß, der, von links kommend, in der Entfernung von einigen Hundert Metern sich wie ein helles breites Band durch die Landschaft zog. So um die Zeit des ersten Frühlings war's. Wir hatten im Garten gegraben und gesät. Einige Stunden am Nachmittag. Bis die Sonne sich sacht auf die dunklen Baumwipfel neigte. Bechtmeier zündete sich eine Pfeife an und besichtigte noch einmal die Beete. zog hier einen Zweig herab, betrachtete dort die grün knospenden Stachelbeerbüsche und nickte befriedigt. „Der Frühling ist da, mein Junge. Sieh Dir nur mal die Kastanie anl Du guckst ja nach den Pflaumenbäumen!"(Es war gar nicht wahr!)„Tarauf wart' nur noch ein bißchen." „Ich will gar keine Pflaumen. Aber wenn Sie mir eine Ge» schichte erzählen wollten, Herr Bechtmeier..." „Eine Geschichte?" Er setzte sich auf die Bank an der hinteren Gartenmauer und sah über die Landschaft.„Mir fällt keine ein. Das ist manchmal so. Aber, sage mal, hast Du dort drüben den kleinen Teich schön gesehen?" Er beugte, sich über die Mauer und zeigte hinüber nach der Wiese. Dann schüttelte er ganz ernsthaft den grauen Kopf.„Sonderbar. Ich dachte, ich hätte es geträumt aber es mutz wohl wirklich passiert sein." „Was ist passiert?" Er tat noch immer so, als könne cr's gar nicht glauben. „Kuriose Dinge geschehen auf der Welt!" Er neigte sich geheimnis-' voll zu mir:„Dort auf der Wiese hat sich der Frühling mit dem Winter gestritten."• „Och..." „Ruhig. Ich hob's gesehen« Ich sehe manches, mein Junge, was andere Leute überhaupt nicht bemerken. Bei Tage und bei Nacht. Mitunter, kann ich schlecht schlafen und dann spaziere ich hier draußen herum. O, es geht vieles vor, sage ich Dir! Vieles* Neulich in aller Frühe bin ich dort drüben am Waldrand. Ich denke doch, mich reitet der Teufel! Liegt da einer unterin Busch und schnarcht wie eine Sägemühle. Ein kurioser Kerl! Grotz und dicl und— wcitz! Alles weiß. Nase, Wangen, Stirn— wie ein richtiger Schneemann. Finger wie Eiszapfen. Und der ganze Koloß eingewickelt in einen mächtigen dicken Schneepelz. Hallohl denk ich, wenn das nicht der gestrenge Herr Winter in höchsteigener Person ist! Und wie ich mir noch so das Ungetüm betrachte, kommt ein anderer über die Wiese: ein flotter, kräftiger Bursch mit sonnigen, lachenden Augen, und ruft:„He, Alter! Hier wird nicht geschnarcht! Machst mir zu kalten Wind! Verzieh Dich nach dem Nordpol und ruh Dich aus, alter Isegrim." Der Winter knurrte nur und wälzte sich auf die andere Seite, denn er war sehr müde. Ter junge Bursch— es war natürlich der Frühling— sagte: „Oho, alter Dickhäuter! So ist's nicht gemeint! Deine anders Seite will ich gar nicht sehen. Hier, probiere mal diese kleine Prise, Er nahm einen Sonnenstrahl und kitzelte den Schläfer unter dev Nase. „Hatschi! Ha— atschill Ha— a— atschilll" Das war wie ein kleines Erdbeben. Als der Winter sich em. wenig aufrichtete, grollte es noch vom Flusse her. „Was ist das für ei» Geräusch?" „Das Eis platzt, ehrwürdiger Herr!" „Das Eis—?" Der Winter ritz seine Augenlider, die wie Eismuscheln aussahen, in die Höhe, und starrte seinen Besucher an. „Was willst denn Du, mein Jungchen? Ich glaube gar, Du hast mich gekitzelt, Naseweis! Wer bist Du, daß Du wagen darfst alt« Leute im Schlaf zu stören? He, rede! Lache nicht fortwährend, oder ich blase Dir unter Deinen dünnen Kittel eine Gänsehaut!— Ach so." er betrachtete ihn genauer,„Du bist der sogenannte Früh«. ling, was? Ich merke schon lange, daß da unten etwas vorgeht� Es wird g-wühlt! Der Boden ist gelockert— man konspiriert gegen mich!" „So ist es," lachte der Frühling.„Mit Deinem Throne steht's wacklig, alter Herr." „Hohol" Der Winter stand auf; es war eine Riesengestalt. „Sieh Dir diese Fäuste an. mein Junge l" Er zeigte zwei Eis» klumpen mit je fünf Zapfen. „Was Du für ein Prahlhans bistl" Der Frühling richtete wieder einen Sonnenstrahl unter die Eisnase des Alten. „Hatschi!... Du, das laß sein, ja?" „Gut. Aber jetzt wollen wir mal ein ernstes Wort mit einander sprechen, wenn's gefällig ist, Majestät." „Rede." Der Winter lieh sich berdriehlich auf einen Baum- stumpf nieder.„Aber komme mir nur nicht mit Versen und der- gleichen. Ich weih wirklich nicht, was die Leute an Dir haben, dah sie Dich mit Reimen überschütten. Und was sie alles von Dir er- warten— hahahal" „Willst Du mich jetzt anhören?" „Bitte, Herr Frühling!" Der Winter tat sehr spöttisch.„Be- freien Sie Ihre Leber. Es wird mir ein Vergnügen sein." „Ein Vergnügen? Wer weih auch, alter Herr. Die Sache ist die: Deine Zeit ist längst um, aber Du klebst noch immer an Deinem Thron und mähest Dir eine Herrschaft an, die Dir nicht mehr zu- kommt." „Ohol" „Ja. Ein Blick in den Kalender könnte es Dich lehren." „Hab' ich den Kalender gemacht, Jüngling? Was schiert mich Menschenwerkl" „So nimm einmal einen Deiner Eiszapfen da an der Hand und bohre ihn hier in den Acker. Betrachte Dir genau, was Du emporgehoben." „Allerlei Geschlinge," murrte der Winter. „Junge, wunderbar feine Fasern sind's. Da, sieh, da ist sogar ein gelbgrüner Kein:. Der wollte just mit dem Kopfe an's Licht. Und so weit Du sehen kannst, überall und überall harren Millionen. unzählige Mengen von Millionen Fasern und Keimen. Das möchte heraus aus den: Dunkel, das möchte wachsen, in Halm und Stengel sÄiehen, das möchte blühen und schliehlich Frucht tragen. Aber— es stößt sich den Kopf an der Decke! An Deiner harten Decke I Und Wo es schon früher hindurchgekommen, da trittst Du mit Deinem plumpen Fuß auf und tot ist eS. tot I Schäinst Du Dich nicht, Alter, ein Mörder zu sein am Aufstrebenden und Frischen, am Guten und Schönen?" „Was das Schämen anbelangt," sagte der Winter und strich sich seinen Bart,„so hat das seine Not. Denn Du kannst Dir wohl denken, dah meine kalten weihen Wangen nicht rot werden können. Im übrigen, niein lieber junger Mann, macht Dir der Idealismus alle Ehre, aber was es der Welt nützen soll, wenn ein jeder seinen Kopf ans Licht steckt und womöglich anfängt zu räsonnieren, das kann ich nicht einsehen. Die Köpfe sollen nur rubig da unten bleiben im Winterschlaf. Inzwischen sorge ich hier oben schon. Basta!" Er stand auf.„Willst Du sonst noch etwas?" „Abdanken sollst Du!" rief der Frühling.„Wir alle sind Deiner tyrannischen Herrschaft müde." „Puh I Hu— hu— hu I" Der Winter lachte, dah die Eis- zapfen in seinem langen Barte klingelten.„Sagte ich nicht, es wird mir Vergnügen machen?"� „Lange wird Dein Vergnügen nicht mehr dauern!" Der Früh- ling ward zornig.„Kri»g I wo Du gehst und stehst." Und er begann heftig an einein hohen Baum zu rütteln: der stieh seine Nachbarn an und plötzlich brauste ein furchtbarer Sturm daher: er schüttelte den Schnee von den Bäumen und rih klaffende Wunden in das Eis des Flusses. „Oho I" schrie der Winter.„Das paht mir sehr gut. Freund Sausewind. Ich will sowieso meine Betten ein tvenig lüften und schütteln." Da flog es auch schon in großen Flocken auf Wald und Wiese nieder. Und je stärker der Frühling rüttelte, desto eifriger tanzten die weihen Sterne in der Luft herum, desto toller und dichter wurde das ganze Gestöber. „Barbarl" schrie der Frühling und hielt inne.'' Ein dröhnendes Lachen antwortete:„Bist Du schon müde, Kleiner?" Aber im selben Augenblick verstummte er jäh: der Früh- ling hatte eine Handvoll Sonnenstrahlen erwischt und hielt sie ihm gerade in die Augen, daß es sofort von den Lidern tropfte. „Weine man nicht," höhnte der Frühling.„Sonst trinken meine Blumen und wachsen recht schön!" Aber der Winter muhte so heftig weinen, dah die Tränen wie ein Regen niederströmten. Dann flüchtete er und drohte im Laufen zurück:„Warte nur, bis es Nacht ist l' In den Büschen ver- schwand er. „Schlafen wirst Du. Alter." lachte der Frühling, Und aus Freude über seinen ersten Sieg begann er zu singen, wanderte hin und her auf Wiese und Feld, in Walt und Garten und lockte die Keime aus der Erde, die Knospen aus der Rinde. Im tiefen Gebüsch des Waldes aber sah der Winter, wartete und brütete Rache. Die Sonne neigte sich tief zum Horizont, da begann eS mächtig in dem Gebüsche zu schnaufen. Der Winter kroch hervor. In kalten grauen Schwaden dampfte es aus Mund und Nase und hüllte die Welt ringsum in einen dichten, eisigen Nebel. Der Frühling erschrak und stieg nieder in seine Höhle, tief unter der Erde, um den Acker zu heizen. „Pah auf, dah Du keinen Schnupfen kriegst!" höhnte der Winter hinter ihm her. „Wir sprechen uns morgen I" schrie der Frühling und verschwand. Als er am frühen Morgen des anderen TageS wieder herauf« stieg, sah er mit Schrecken die Verwüstung, die der Winter nächt- licherweile angerichtet. Erftoren war alles, das sich jung und frisch herausgewagt hatte ans Licht. Zarte Halme hingen die Spitzen, schwellende Knospen sanken welk in sich zusammen. Und über Blatt und Zweig zog sich hart und weih eine festanliegende Kruste. Der Frühling wartete auf die Sonne. Aber die Sonne kam nicht. Die ganze Nacht war der Winter an der Arbeit gewesen. Zuerst leimte er die zersprungenen Schollen deS Flusses zusammen. Dann hatte er sich auf diese Wiese gesetzt und so geschnauft, dah sein Atem den ganzen Himmel verfinsterte. Zu schweren, düsteren Wolken ballte er sich und verhing der Sonne alle Aussicht. Und wie sie auch bohrte und bohrte hinter dem grauen Vorhang, sie kam nicht hindurch. Da lachte der Winter in seiner kalten grählichen Weise. Der Frühling vergoß ein paar milde Tränen. Dann stieg er von neuem hinunter in seine unterirdische Werkstatt. Denn sein Tag muhte ja kommen. Und an jedem Morgen stieg er hinauf, nach dem Winter zu sehen. Der mühte sich mit allen Kräften, seine Herrschast zu erhalten. Was es kostete, danach fragte er nicht. Eines Morgens in aller Frühe ging wieder der Frühling umher, mit blutendem Herzen die nächtlichen Opfer deS Winters betrachtend, und kam dabei auch an den Hühnerstall. Nach den ftühen Küklein einer Henne wollte er sehen. Da lagen sie, elf an der Zahl, steif und tot. Verzweifelt irrte die Mutter im Stalle umher, stieß ihre Äükelchen mit dem Schnabel an und lieh kurze und dumpfe Schmerzens- töne hören. Ein furchtbarer Grimm erwachte in: Frühling. Er lief zum Walde, rüttelte an den Bäumen und rief einen Sturm herbei, wie ihn der Winter noch nie gesehen. Der ganze Himmel geriet in Aufruhr. Die grauen Wolken verfärbten sich in Gelb und Schwarz. Donner grollten in furchtbarem Zorn. Blitze zuckten wie Riesen- schwerter gegeneinander. Der Hagel prasselte nieder... Und plötzlich sank die Wollenwand zum Horizont hinab wie eine zerfetzte Theaterkulisse. Die Sonne stand strahlend und heiter an: Himmel. Aber der Frühling ruhte nicht. Er verfolgte den Winter. Auf der Wiese, dort, wo jetzt der Teich ist, sank der Flüchtende nieder:„Gnade!" „Mörder!" rief der Frühling.„Tausendfacher Mörder! Laß' ich Dich wieder, so endet der Kampf nie 1" Und in beide Hände nahm er ein mächtiges Bündel Sonnenstrahlen und leitete sie auf das eisige Ungetüm. „Gnade!" wimmerte eS leiser und leiser. Aber sie wurde ihm nicht. Erst schmolz sein Pelz, dann Kopf, Leib und Beine. Nichts blieb übrig. Oder doch: der Teich. Nun ist's ein hübsches kleines Wasser. An seinem Rande stehen Gräser.und Blüten in buntem Kranze. Und nicht iveit davon, unter den Waldwipfeln, singen die Vögel ein jubelndes Danklied dem tapferen Frühling...*— Humoristisches. — Der Bergfex.„Grüah Di' Gott, Ochsenwirt, alter Spezi l... A' Vicrt'l Not':: und a' Tellerfleisch krieg' i' I' „Gleich, mein Herr— wie Sie befehlen!" „Ja, wie kommst denn Du dazua, hochdeutsch z'red'n I" „Ja wia kimmst denn Du, Lalli, dazua, a so g' schert z'reden?"— — Höchste K n n st. Bürgermeister:«Unser neuer Gendarmeriewachtmeister— das ist ein Mann, wie man ihn nicht gleich wieder trifft l Ich sag' Ihnen, der bringt alles 'raus— sogar das, was unser neuer Bezirksamtmann geschrieben hat I"— — Alle zusammen. Richter:„Nun, Droschkenführer. Sie sind also beschuldigt, den Zeugen Meier mit Ihrem Wagen niedergestoßen zu haben?" Angeklagter:„Ich bin unschuldig. Herr Richter I Es ist g'rad' ein hübsches Mäderl vorbeigegangen und da hat er halt danach umg'schaut.. Zeuge Meier:„Sie haben ja selber umg'schaut!" Nicht er:„Schutzmann, sagen Sie einmal, wie war denn die Sache?" Schutzmann:„Verzeihen Sie— entschuldigen Sie... ich hab'... auch umg'schaut..." Richter(ärgerlich):„Da wäre also, scheint es, wirklich das Pferd der einzige Zeuge deS Vorfalles..." Droschkenkutscher:„Herr Gerichtshof, d ö S hat ja auch umg'schaut!"—(„Fliegende Blätter.") Berantwortl. Redakteur: Paul Büttner. Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcTo., Berlin SW.