Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 86. Mittwoch, den 3. Mai.' 1905 (Nachdruck oevdoten.) 6J flammen. Roman von Wilhelm'Hegeler. Auf dem schönen Gesicht des Fräulein Thon verrieten Bestürzung, Verwirrung, Scham, Besiegtheit von der kecken Weise ihres Freundes sich in einem so reizenden Spiel der Züge, daß Grabaus von dieser lieblichen und so schnell sich ihm menschlich nähernden Erscheinung ganz entzückt war. Der großen Dame aus der Gesellschaft machte er eine mehr als tiefe Verbeugung, das schöne, liebenswürdige Mädchen gewann ihm ein herzliches Lächeln ab, die Schauspielerin betrachtete er mit neugierigen. Geheimnisvolles ahnenden Augen. Nachdem Grabaus so als Freund vorgestellt war. ver- tauschte Fräulein Thön ihr zurückhaltendes und würdevolles Wesen mit einer anmutigen Vertraulichkeit. Sie legte Schleier und Handschuh ab, goß dem Gast Tee ein und holte von einem Wandbrett ein Kästchen mit allerhand Knusperzeug ge- füllt, das sie herumreichte. Sie selbst zündete sich eine Zigarette an. Dann fragte sie Grabaus, wie lange er sich in Berlin aufzuhalten gedächte, und als dieser antwortete, er wollte nur einige Tage bleiben, um seine Angelegenheit zu ordnen, meinte sie, er müßte doch auch von den Anregungen Berlins, den Theatern und Konzerten etwas genießen. Während die beiden so ins Plaudern kamen, warf Geb- hard dazwischen: „Was hast Du eigentlich für heute abend vor?" „Einstweilen nichts. Falls Du frei bist—" „!Es tut mir riesig leid, aber ich muß nachher zu einer Komiteesihung. Und wenn die zu Ende ist—" Maggie biß sich auf die Lippen und sagte: „Also willst Du wirklich dahin?" „Ich kann nicht anders. Es ist doch nicht zum Vergnügen — einfach Dienst." „Minnedienst!" sagte sie etwas höhnisch.„Dich lockt ja bloß die schöne Frau Platen." „Tata!" machte er und zog die Stirn hoch.„Was Du für Ideen hast!" „Warum gehst Du denn sonst hin?" „Ich muß. Ich hab's versprochen. Wenn ich mich nirgendwo zeige, wie soll ich dann Aufträge bekommen?" „Laß doch die Leute zu Dir kommen." „Aber wenn sie nicht wollen?— Die Kunst geht nach Brot." „Ach! Glauben Sie das alles nur nicht!" wandte Maggie sich an Grabaus.„Die Kunst ist ihm nur ein schöner Vor- wand. Verliebt ist er. Verliebt wie ein Primaner in eine herzlose, kalte, stolze Frau. Ach, was die Leute nur an der finden! Da kommt sie her aus ihrem Provinznest, und alle liegen vor ihr auf den Knien. Aber unterhalten Sie sich nur mal mit ihr! Eine Puppe! So fad! So fad!— Ich Hab sie gesehen. Auf'nem Basar. Vor lauter Stolz hat sie den Kopf nicht bewegt, aus Angst, ihre siebenzackige Krone fiele herunter. Dabei ist sie nicht mal von Adel." „Erlaube," sagte Gebhard nicht ohne Wichtigkeit,„sie ist eine geborene von Hellen." „Sekt hat sie verkauft. Mit'ner Miene wie'ne Mutter Gottes, die den Segen austeilt. So kredenzt man doch nicht Sekt.— Schau, Liebster, was hast Du an der Frau? Meinst Du, die würde Dich je erhören! Ach, ihr Männer! Nein, nein, was seid ihr für ein Volk!" „Recht so! Bravo!" sagte Gebhard.„Ich würde zur Bekräftigung gleich eine Teetasse zerschlagen. Eine ganz ordi- märe, niederträchtige Gesellschaft sind wir Männer. Man sollte uns allen— oder vielmehr euch allen die Kehle abschneiden. Nur Du dürftest am Leben bleiben— Du und um Dich kniend hunderttausend Mannsbilder." „Ach, mach keine Scherze. Tatsache ist. daß Du in die Frau verliebt bist und mich abscheulich vernachlässigst." „Aber wenn ich Dir nun sage, daß Frau Platen überhaupt heute abend nicht da ist? Und wenn ich Dir verspreche. Dich vom Theater abzuholen?" „Wirklich?" „Ich schwöre." «Ach, Du bist Doch ein lieber Kerl.— Und Sie, Herr Doktor? Hätten Sie vielleicht Luft, mit ins Theater zu kommen?. Wir haben heut Hero und Leander, mit mir als Aante." „Das wäre eine Idee!* sagte Gebhard vergnügt.„Nach- her speisen wir alle bei Maggie zu Abend. Was es halt gibt. Kinder, das wird sehr gemütlich!" „Mögen Sie?" wandte Maggie sich mit liebenswürdigem Lächeln an Grabaus. „Ja, wenn nicht—" „Ach, nur keine Höflichkeiten! Sie können mir keinen größeren Gefallen tun, als mit mir ins Theater zu kommen, Wenn ich einen Bekannten dort weiß, geht's mit dem Spiel gleich viel besser. Und ihm tun Sie den größten Gefallen. wenn Sie uns nachher begleiten." „Ohne'ne kleine Spitze geht's doch nicht," lachte Gebhard. „Das soll keine Spitze sein!— Aber Herrschaften"— sie hatte ein Uehrchen aus dem Busen gezogen, das sie mit komischem Entsetzen anstarrte—„es ist allerhöchste Zeit. Ich will mich nur geschwind abbürsten, gleich bin ich wieder da." Sie verschwand in des Malers Kammer, und kaum war sie draußen, als Gebhard seinen Freund bei der Hand nahm. „Liebster, vor Mitternacht kann ich unmöglich aus der Sitzung sein. Nicht wegen Frau Platen. Die ist gar nicht da. Aber— na, ich kann einfach nicht. Wenn ich Maggie das gleich sagte, wäre sie vor Eifersucht außer sich. Ich Hab sie furchtbar gern, wirklich, sie ist reizend, gut, lieb, ein be» zauberndes Kind— aber eifersüchtig! Du mußt sie ein bißchen trösten, nimm Dich ihrer an, sag ihr einige Süßig- keiten, dann merkt sie gar nicht, wie die Zeit herumgeht, bis ich komme." Grabaus machte ein etwas entsetztes Gesicht. „Ja— aber—" „Sprich mit ihr über ihre Kunst. Vertreib ihr die Zeit, Mein Gott, sie ist doch kein Drache!" „Nein, wahrhaftig nicht!" „Na, also! Du verplauderst eine reizende Stunde mit ihr, und ich komme viel zu früh. Ach, Du Glücklicher, und ich muß in diese blödsinnige Sitzung. Wenn wenigstens Frau Platen da wäre— ja, das ist's eben, es lassen sich famose Wirkungen erzielen, aber die Geschichte hält nicht," fuhr er in demselben Ton ohne die geringst� Unterbrechung fort, als Maggie wieder hereingekommen war. „Was hält nicht?" fragte diese. „Wir sprechen von Oel und Pastell, mein Liebchen. Mit Pastell lassen sich famose Wirkungen erzielen, aber die Ge- schichte hält nicht. Ist eben'ne oberflächliche Sache. Oel aber, das dringt tief ein. Das ist der große Unterschied." „Ja," sagte Maggie.„Pastell und Oel«— das ist wie die Liebe bei Männern und Frauen." „Sehr fein gesagt! Maggie, da hast Du Dir'neu brillan- ten Abgang verschafft. Aber nun macht auch, daß Ihr fort- kommt!" Gleich darauf saß Grabaus mit seiner niedlichen Nach- barin im Wagen und fuhr zum Deutschen Theater. Während der Fahrt fragte sie ihn über ihren Freund aus, Grabaus mußte erzählen, wie sie zusammen die Schulbank gedrückt hatten, was für tolle Streiche Fritz schon als Gymnasiast verübt hatte. Auch wollte sie wissen, wie viele Geliebte er besessen? Darüber aber erklärte Grabaus nichts zu wissen. „Ach," seufzte Maggie,„es hackt eben keine 5krähe der anderen die Augen aus. Nur die gerechnet, die er ableugnet. geben ein ganzes Register. Ilnd von wie vielen weiß ich nichts!" Im Theater ließ sie es sich nicht nehmen, für ihn ein Billett zu besorgen. Nachdem sie sich seinen Platz gemerkt hatte, eilte sie schnell durch den Schauspielerraum in ihre Garderobe. Es war noch ziemlich leer, und Grabaus hatte einige Zeit zum Stachdenken. Daheim brachte um diese Zeit Frau Kon- stanze die Kleinen zu Bett, und Mammikind würde den ab- wesenden Vater gewiß besonders warm dem lieben Gott empfehlen. Und morgen früh würde er zeitig ausstehen und sich in Frack und weißer Binde aufs Ministerium begeben müssen- Angenehme Aussichten! Doch weder das Morgen noch sein« Familie komste seine Gedanken beschäftigen, als wäre das alleS Sm'ch eine Kluft Som heutigen NVenL getrennt, als wäre es unwirklich und unwahrscheinlich— während jenes reizende Mädchen, das gleich vor ihm auftauchen würde, Wirklichkeit war. Sie schwebte ihm vor, und er fragte sich, was eigentlich das Hübscheste an ihr sei? Die biegsame und doch volle Ge- stall mit dem wunderbar feinen Gliederbau, ihre Augen, deren sammetdunkle Sterne so weich und tief in der weißen Netzhaut ruhten. Ihr Wesen suchte er zu ergründen, die Bedingungen ihrer Existenz, ihre Herkunft, Erziehung— doch kaum hatte der trockene Verstand diese Fragen gestellt, als eine hastige und energische Stimme sagte: Sie ist so, wie sie ist! Wie könnte sie wohl anders sein? Reizend ist sie. Ihre Hand— man denkt, sie müßte abbrechen vom Arm. so fein ist das Gelenk, und doch wie fest ist ihr Druck! Und Fritz muß einfach der- rückt sein. Ein kalter, gefühlloser Unmensch! Ich werde sie trösten nachher! Mit aller Kraft meiner Ueberzeugung werde ich ihr zureden, daß sie sich losmachen soll von ihm, ihn ver- gessen, um— nun was um? Um sich in mich zu verlieben? Bin ich denn verrückt?— Er blickte nach oben, der Kronleuchter begann sich zu drehen, die Lichter flössen auseinander und wieder zusammm. Ihn schwindelte. Da ertönte ein Klingel- zeichen. Er nahm den Theaterzettel, und während er die Namen durchlas, atmete er bebend und erwartungsvoll. lFortsetzung folgt. Z. R-öntgenKongreß. i. Vom Sonntag, den SO. April, bis zum Mittwoch, den 3. Mai, tagt in der Berliner Ressource, Oranienourgerstr. 18, ein von der Berliner Röntgenvereinigung zur Feier des zehnjährigen Bekannt- seins der Röntgenstrahlen einberufener, nicht nur aus Deutschland, sondern auch vom Auslande, ja selbst von Amerika reichbeschickter Kongreß von Techniken«, Praktikern und Forschen« auf dem Gebiet der Röntgenlichtkunde. Mit dem Kongreß ist auch eine Ausstellung verbunden. Der Eröffnung des Kongresses am Sonntag wohnte zum allgemeinen Bedauern der zahlreich Versammelten der gefeierte Entdecker Wilhelin Konrad Röntgen, der seine folgenreiche Eni- deckung im Dezember 1895 in Würzburg«nachte, jetzt an der Mllnchener Universität als Professor der Physik wirkt, nicht bei; man mußte sich begnügen, statt der ihm persönlich zugedachten Ehrungen ihm ein Huldigimgstelegrainm zu senden. Der Vorsitzende der Berliner Röntgenvereinigung. Professor Eberlein, gab«n seiner Eröffnungsrede eine gedrängte historische Uebersicht über die EntWickelung der Röntgentechnik und ihrer Anwendung auf die praktische Medizin. Unter den« Drange der Notwendigkeit und angespornt von den Forderungen der Aerzte wurde die ursprünglich einfache Röntgenröhre so vervollkommnet, daß sie heute einen fernen Apparat darstellt, mittels dessen die feinsten krankhaften Verände» rungen in« menschlichen und tierischen Körper schnell und mühelos erkannt und im photograpbischen Bilde festgehalten werden. Natürlich wurden auch andere praktische Verwendungen der X-Strahlen, lvie fie der bescheidene Röirtgen nannte, ausgefunden: Die Durchforschung sonst undurchsichtiger Rohstoffe auf ihre Güte, die Unterscheidung zwischen echten Stoffen««nd Nachahmungen sind hier an erster Stelle zu nennen. Aber das Hauptanwendungsgebiet bildet doch stets der lebende Körper. Nun stellte fich bald heraus, daß durch die Einwirkung der Röntgenstrahlen— diesen Namen hatte Professor Köllicker in Würzburg!der neuen Lichtart in der denk- würdigen Sitzung des physikalisch- medizinischen Verems in Würzvurg am 23. Jaiiuar 1896 gegeben—- das bestrahlte lebende Gewebe selbst ttefgreifende Veränderungen erfährt. Das hatte zweierlei Folgen. Erstens nrußten Vorkehrungen getroffen werden, um die mit dem Röi«tgenlicht arbeitenden Aerzte ui«d Jbie seiner Einwirkung unterstellten Pattenten vor schädlichen Wirkungen zu schützen, und zlveitens machte man den Versuch, ob man vielleicht durch diese Wirkung der Strahlen kranke Gewebeteile so zerstöre«« könnte, daß als Effekt eine Heilung resultiert. Beides gelang in überraschender Weise, und man braucht fich also heute nicht mehr vor Verbrenirungen durch Röntgenstrahlen zu fürchten, hat aber andererseits viele unangenehme Hautkrankheiten, die stüher nicht zu eilen wäre««, geheilt, ja sogar oberflächlich gelegene Krebsgeschwüre eseitigr. Der erste Vcrhandlungstag. der Montag, war sowohl in der Vormittags- wie in der Nachmittagssitzung' mit Vorträgen über die Anlvendung der Röntgenstrahlen zu diagnosttschen Zwecken aus- gefüllt, während in einer Abendfitzung interessante Demonstrattonen vorgeführt wurden. Als erster Redner gab Professor v. L e y d e n eine Ueberficht über das Anwendungsgebiet der neuen Untersuchungs- Methode. Für sie komme«« hauptsächlich die Krankheiten der Lungen, des Herze«ls, der großen Blutgefäße, deS Magens und seiner einzelnen Teile in Betracht. Die Leberkrankhellen konnte man im allgemeinen auch ohne Röntgenlicht genügend erforschen, nur die in ihrem Gebiet sich bildenden Gallensteine konnten besser erkaimt, namentlich koimte stcher festgestellt werden, ob im Einzelfall zu ihrer Beseitigung ein G<tver Eingriff nötig ist, oder ob die unblutige Behandlung genügt. Genauer ging dann Profeffor d. Lehden auf die ver- Wendung der Röntgenphotographie bei Wirbel- und Rückenmarks- erkrankungen ein. Hier hatten, da man es mit einem von außen nicht zugänglichen Krankheitsfeld zu tun hat, die sonst üblichen diagnostischen Mittel oft völlig versagt, jetzt aber hat man mit einem Blick das ganze Krankheitsbild vor fich. man sieht, ob man es mit einer Quetschung des Rückenmarks zu tun hat, ob mit dem Bruch eines Rückenwirbels oder mit welcher Erkrankung sonst. Charakteristisch ist, daß Professor Lehden selbst einen Pattenten ein volles Jahr behandelt hatte, ohne zur Klarheit darüber zu kommen, woran er litt, bis endlich die Entdeckung der Röntgenstrahlen zeigte, daß der Bruch eines Wirbels vorlag. Profeffor G r u n m a ch, der Leiter des Röirtgeninstituts der Charitö, er- ioähi«te einen weiteren Fall, in dem man eine später als Bruch der Wirbelsäule erkannte Krailkheit vorher als Rheumatismus behandelt hatte! Dieser Redner führte weiter aus, daß ein wesentlicher Vorzug des Röi«tgei«verfahrenS darin liegt, daß es die Krankheiten in ihrem ersten Stadium, wo fie also noch leichter zu heilen sind, erkennen läßt, und daß es auch da noch nicht im Stiche läßt, wo das Ohr des Arztes, der durch das bekannte Hören der Geräusche im Körper die Diagnose vorzunehmen versucht, versagt. Freilich muß man Be- dacht darauf nehmen, daß die Röntgenstrahlen in senkrechter Richtung den Körper treffen, und Professor Grunmach selbst hat einen Apparat konstruiert, der den Arzt diese senkrechte Richtung innezuhaltei« zwingt.— Darnacki legte Profeffor H o f f a vom Berlmer orthopädischen Universitäts-Jnstttrtt dar, daß man zur Feststellung angeborener Knöcheldeformationen nicht versäume«« dürfe, die Entwicklung auch der normalen Knochen durch zahlreiche Röntgenaufnahmen zu studieren, weil man»«ur so zu Vergleichsbeobachtungen kommen könne. Von den mittels der Röntgendurchstrahlimg genauer studierten Knochenmißbildungen find wohl besonders erwähnenswert die bekannten und oft vorkonimenden X- und O-Beine; mai« weiß jetzt, an welcher Körperstelle die Heilung dieser Deformationen anzusetzen hat. Professor Hoffa hatte auch Gelegenheit, den be- kanntlich künstlich Verkrüppellen Fuß der Chinesinnen mit Röntgenlicht zu photographieren; in einem hiesigen Zirkus traten mehrere Chinefiimen im Alter von 19 bis 35 Jahren, deren Füße die Einwirkung der Fußschnürnng in verschiedenen Stadien zeigte, auf. Die vorgestihrtcn Diapositive ui«d Projekttonsbiloer ließen erkennen, daß bei dieser F«lßschnllrung sämtliche in Bestacht kommenden Knochen statt, wie normal ist, horizontal zu wachsen, senkrecht nach unten zu wachsen. In dieser Weise erfahren Ballen, Mittelfußknochen, Zehen eine ungehörige Eni- Wickelung, und«nan sah mit Erstaunen, daß die Zehen bis zur Sohle des Fußes gewachsen waren, so daß es unbegreiflich ist, wie die Chinesinnen mit einem so deformierten Fuß überhmcht«ur trippeln können. Man mutz sofort daran denken, daß auch bei unseren Damen das fortgesetzte Tragen des Korsetts die Brustwirbel und nainentlich die Rippen zu ähnlichen Deformationen führen muß. Dr. Len- harz und Dr. Kißling aus Hamburg besprachen einen recht interessanten Fall, in dem die durch Röntgendurchleuchttmg festgestellte Diagnose es ermöglicht hatte, einen Kranken völlig zu heilen, bei dem nach einander fiinf brandige, schwere Erkrankungen der Lungen aufgetreten waren. Die Projektio««sbilder zeigten die verschiedenen Krank- heitsstadien sowie das Bild deS schließlich völlig wiederhergestellten, arbeitsfähigen ManneS. Prof. Miller, der Vorsteher des zahn- ärztlichen Instituts der Berliner Universität, führte ebenfalls mit Projektionsbildern Erkrankungen der Zähne vor, die nun mittels Röntgenlicht erkannt werden können: Getoisse Wurzeleittziindungen, die, wenn emmal erkannt, durch Wurzelresektion leicht zu beheben find, ungünstig gelagerte Weisheitszähne, die durch benachbarte Zähne am Durchbrechen gehindert sind und nicht selten zu tödlichen Blut- Vergiftungen Anlaß gaben, die aber jetzt leicht zu heben und zu ex- stahieren find, Neubildungen im Zahninnern, die zu sehr schmerzhaften Neuralgien ftihrten. jetzt aber einer leichten Behandlung unter- liegen. Aber alle diese schöne«« Wirklingen der Röntgenstrahlen, die den Menschen die gräßlichen Zahnschmerzen zu lindern berufen und geeignet sind, können den Berlinern««icht zuganglich gemacht werden — denn im Berliner zahnärztlichen Institut hat man keinen Raum für einen Röntgenapparat I Eine große Reihe der übrigen Vorträge behandelte Einzelfälle von Krankheiten, die durch Röntgenbestrahlmig in ganz spezieller Weise sttidiert werden konnten, die aber nur Jntereffe für Aerzte haben: darunter find freilich sehr wichttge Reuerungen, so die Eni- fernung von Fremdkörper«« auS dem menschlichen Körper, chirurgische Behandlmig von schweren Lungen- und Nierenerkrankungen. All- gen, eines- Jntereffe hat wohl der Vortrag des Dr. Ludloff auS Königsberg über Verletz«mgen der Lendcnwirbelsäule und des Kreuz- beins und ihre Erkennung durch Röntgenphotographie. Diese Ver- letzungen steten mit besonderer Häufigkeit bei gewissen Arbeiter- kategorien auf, man konnte sie früher unter keinen Umständen diagnosttzieren und hielt die Pattenten deshalb für Simulanten. Jetzt ist das ganz anders geworden: man weiß, daß es hier fich um eine ernste Erkrankung handelt, und der Patient kann nicht nur geheilt werden, sondern tonunt auch in Genuß deS Krankengeldes. Prof. Eberl ein von der Berliner tterärztlichen Hochschule be- richtete über die Anwendung des Röntgenlichtes in der Tiermedizin. Bei Tieren ist in einer gewissen Hinficht die objellive Sichtbar« machung noch wichttger als bei Menschen, denn Mensche«« können dem Arzt doch auf die gestellten Fragen Bescheid aeben und ihr Be- finden beschreiben, Tiere aber sind dazu nicht imstande. Man«nutz aber bei der Verwendung des Röntgenverfahrens in der Tierheil- Zünde scharf unterscheiden zwischen kleineren und größeren Tieren; bei ersteren hat es sich vielfach wohl bewährt, bei letzteren aber find bei der Größe und Dicke der Tiere so gewaltige Fleischmassen zu durchstrahlen, daß die bisher angeferttgten Apparate dazu kaum ausreichen. Hier werden die Techniker also für größere und empfindlichere Apparate sorgen müssen. Dann aber sind die großen Tiere sehr widerspenstig, sie setzen der Durchleuchtung Widerstand entgegen, und ihn zu besiegen, hat man bisher noch kein Mittel. Fesseln darf man die kranken Tiere nicht, weil man. namentlich wo Entzündungen und andere Erkrankungen der Gelenke in Betracht kommen, die Krankheit durch Fesselung noch verschlimmern könnte; also ist auch hier den Praktikern ein großes Feld gegeben, geeignete Wittel zu erfinden, durch die die Tiere in harniloser Weise gebändigt werden können. Die am Abend vorgeführten Demonstrationen brachten im wesentlichen Illustrationen zu dem am Tage Vorgetragenen. Unter dem sonst Gebotenen dürste das Projektionsbild einer zirka 3000 Jahre alten Mumie das interessanteste gewesen sein. Das Siöntgenbild enthüllte noch jetzt zahlreiche Einzelheiten der Extremi- täten und des Kopses, sicherlich ein Beweis für die Vorzüglichkeit der damaligen Eiichalsamierungsmethoden, denen die heute in An- Wendung befindlichen bekanntlich erheblich nachstehen.— Kleines feuületon» hl. Auf der Höhe des Himalaya. Die höchste Bergeshöhe erreicht zu haben, die je eines Menschen Fuß betrat, kann sich der bekannte Reisende A. Henry Gavage Landor rühmen, der im Sep- tember 1399 die Lumpa-Spitze, einen der höchsten und unzugäng- lichsten Gipfel des Himalaya-Gebirges, bestieg und über dieses schwierige Unternehmen nun in„Harpers Weeklh" berichtet. Wit zwölf erprobten und kräftigen Begleitern begann er den Aufstieg nach der Lumpa-Spitze, die nahe an der Grenze von Tibet im Bezirk von Nepal liegt. Es hatte während der Nacht geschneit und gehagelt und ein eisiger dichter Nebel umhüllte die Reisenden, als sie zähneklappernd sich zum Abmarsch rüsteten. Allmählich riß der Nebel, und unter den zerflatternden Schleiern erschien ein heller und klarer Himinel wie ein günstiges, Hoffnung weckendes Zeichen für das Unternehmen. „Wir waren noch nicht lange gewandert", so erzählt Gavage Landor,.und klomnien den Hauptgletscher hinan, als uns wieder eine dichte Nebelmasse umzog und unserem Streben Verwirrung und Mühsal entgegensetzte; dichter und dichter lastete der Nebel auf uns nieder, je höher wir den Gletscher hinanstiegen. Dicht an- einandergedrängt tasteten wir uns vorwärts und machten bald an Gruben und Gletscherspalten Halt, bald krochen wir über Geröll und Eis mühsam fort. Wir waren nicht aneinandergeseilt, damit nicht ein Mann die anderen mit sich fortreißen könnte. Außerdem ist das Seil ein großes Hindernis für den Bergsteiger und erschöpst nutzlos seine Kräfte, indem eS die Freiheit seiner Bewegungen hemmt. So kamen wir langsam vorwärts über cntgegengelagerte Wälle von Eis und Schutt, die von Nordwesten nach Südosten sich hinzogen; endlich etwa in einer Höhe von 15409 Fuß über dem Meeresspiegel hörten diese einzelnen Wellen entgegenstehender Gletschcrmasien auf, und wir sahen uns, da die Sonne durch den dichten Nebel brach und grelle Strahlen auf das Bild über uns warf, vor einem eng aneinanderliegenden Wald hoher Spitzen. Zu unserer Linken reckten sich steile Gebirge aus grauen Felsen; auf unserer rechten Seite dehnten sich flachere Risse und Schluchten, meist von dichtem Schnee bedeckt. Wir er« reichen nun das halbmondförmige Lumpa-Becken, das von einer Mauer schneebedeckter Gebirge umlagert ist, aus der wieder drei höchste Spitzen herausragen. Ein Windstoß zerriß die hangenden Nebel, so daß sie wie ein Vorhang auf dem Theater sich spalteten, und nun breitete sich in vollem Sonnenschein dies erhabene Panorama vor mir aus. Jetzt wandten wir uns der 23 490 Fuß hohen Lumpa-Spitze zu, zunächst auf dem Gletscher weiterwandernd, dann uns auf einem höchst unsicheren und gefährlichen Terrain fortbetvegend, auf dem fortwährend ungeheure Schlünde gähnten, tiefe Abgründe sich öffneten und kleine Risse sich zeigten. Ueber riesige Schneefelder ging nun der Weg, wo stete Fährnisse lauerten. In einer Höhe von 20 000 Fuß überfiel einige meiner Leute die Bergkraiikheit, so daß sie kaum noch folgen konnten. Sie bluteten stark aus der Nase und wurden von so heftigen Schmerzen erfaßt, daß ich sie zurückließ. Nur vier Männer folgten mir, da sie sich in guter Verfassung befanden. Jmnier unsicherer ward der Boden und schien unter unseren Füßen zu weichen. Geröll stürzte nieder unter unserem Tritt, gewaltige Felsblöcke lösten sich, und einer traf einen der Leute so stark, daß er mehrere Fuß weit von der Wucht des Anpralls geschleudert wurde und heftige Beulen und Erschütterungen davonttug. Auf einmal löst sich hoch über uns etwas Schnee los und stürzt in rasender Schnelle hernieder; tausend kleme Bälle folgen nach, sie schwellen an, formen sich zu einer dunklen Maffe, und dicht neben unS donnert eine Lawine zu Tal gerade in der Richtung, nach der die zurückgelassenen Leute sich gewandt hatten. Nie werde ich die Angst vergessen, die mich erfüllte, als ich so unheimlich rasch daS Ungeheuer wachsen und mit einem atemraubendcn Lustdruck an mir voruberbrausen sah. Er- leichtert atmete ich auf, als sie auch an den Leuten unten vorüber- ging. Ms wir endlich die Spitze dieser ansteigenden Fläche«» reichten, kamen wir zu einem Grat, der so schmal und so scharf wie die Spitze eines Messers gegen den Himmel sich abhob, seine Seiten stürzten so jäh herunter, daß selbst kein Schnee auf ihm hasten konnte. Wir mußten hinüber und so balanzierten wir denn darüber hin, fast wie Seiltänzer, auf einer Kante, die höchstens einen Fuß breit war, Abgründe von vielen tausend Fuß zu jeder Seite. Obwohl der Grat nur wenige Fuß lang war, schien unS sein Ueberschreiten Ewigkeiten zu dauern, denn wir wußten, daß ein einziger Fehltritt uns herabstürzen lassen würde, zu einer formlosen Masse zerschmettert, und die dünne Lust erregte außerdem Schwindel im Kopfe, beengte mrs die Brust und ließ uns noch schwerer und qualvoller atmen. Der Herzschlag wurde so unregelmäßig und kam in so starken, plötzlichen Schlägen, daß meine Leute nach der Anstrengung halbohnmächtig hinfielen und sich erst nach einigen Minuten wieder erholten. In einer Höhe von 22 000 Fuß zeigten sich noch bemiruhigendere Symptome. Er» brechen und fortwährendes Nasenbluten stellten sich ein. Die Leute klagten über ein heftiges Hämmern in allen Gliedern, vor allem ein Pochen in den Schläfen, ein Sausen in den Ohren, daß sie meine Stimme kaum vernehmen konnten. Bei 23 000 Fuß Höhe bekam auch ich heftiges Nasenbluten, aber es erleichterte mich, nahm mir den beklemmenden Druck von der Brust. Doch unsere Erschöpfung war unbeschreiblich. Obgleich der Ausstieg nun leichter war, schleppten wir uns doch nur mühsam hinan. Die Glieder waren so schwer wie Zentner Blei und zogen uns nieder; die Anstrengung, nur die Beine zu heben, war so groß, wie sonst kaum die Zurücklegung einer großen Wegstrecke. Ich hätte lieber den steilsten Gipfel ersteigen wollen, als in solcher Höhe auf einer fast ebenen Fläche mich fortbelvegen. Einem meiner Leute, dem kräftigsten unter ihnen, platzte ein Blutgesäß, wenige Fuß vom Gipfel entferitt; er wand sich in Schmerzen, und obwohl es uns gelang, ihn herunterzubringen, ist er schließlich doch daran gestorben. Endlich standen wir auf der Spitze, 23 490 Fuß hoch, so hoch, wie nie ein Sterblicher je gestanden. Um uns reine, klare, helle Lust, unter uns Nebel und Wolken, un- gewiß wogend; neben uns ragten einige Gipfel wie majestätische weiße Inseln in die Höhe; tiefe Stille in den senkrecht nieder- stürzenden Abgründen, nur selten das Donnern einer herabbrausenden Lawine, die in der Nähe unter uns entstanden. Wir setzten uns nieder und ruhten aus, was uns unbeschreiblich wohl tat, dann schrieben wir unsere Namen in einen Stein und aßen Schokolade und Pastillen von Fleischextrakt; dann begannen wir langsam den Abstteg...."— — Die«euere» Petroleumvorkommcn in Kalifornien schildert Br. Simmersbach in der„Zeitschr. für Berg-, Hütten- und Salinen- Wesen". Während des Ibjährigen Zeitraums von 1880 bis 1895 fand eine regelmäßige Zunahme der Erdölgewinnung statt; sie er- reichte in dem letztgenannten Jahre die Höhe von 1 200 000 Barrels. Im Jahre darauf blieb die Petroleumgewinnung noch fast die- selbe, um dann eine erhebliche Steigerung zu erfahren, die in dem folgenden Zeitraum außerordentlich schnell zunahm. Jedenfalls nähert sich die kalifornische Petroleumgewinnung derjenigen der östlichen Staaten Nordamerikas. Da auch Texas von 4 Millionen Barrels im Jahre 1901 auf 16 im Jahre darauf stieg, wird Amerika auf dem Petroleummarkt der Haupt- Produzent an Stelle Rußlands. Noch 1900 förderte dieses 85 gegen 62 Millionen Barrels der Vereinigten Staaten. Die alten Gelvinnplätze des Erdöls in Kalifornien liegen den zahl- reichen Gebirgsfaltungen im Süden des Landes entlang auf den beiden Sattelflächen im Gebiete von Los Angeles; die neueren Felder befinden sich dagegen mehr im Norden in den geologisch regelmäßig gelagerten Teilen Mittel- kaliforniens am Ost- und Westabhange der Grande Vallöc. Die produktivsten Petroleumlagerstätten ziehen sich einesteils entlang mehrere Züge paralleler Sättel von teilweise nur geringer Breite oder im Norden'in Schichten, welche den Untergrund des Grande Vallöe bilden; elftere sind mehr horizontal, letzlere mehr aufgerichtet ge- lagert. Konglomerat, Schiefer und Sandstein bilden für die ganze Gegend das Hauptkennzeichen in geologischer Beziehung. Das Petroleum findet sich in allen diesen verschiedenen Höhenlagen, jedoch besonders an der unteren Grenzlinie des Schiefers, dann in dem braunen und gelben Sandstein, jedenfalls besonders in den eocäncn Formationen. Die verschiedenen geologischen Verhältnisse lassen die amerikanischen Geologen zu der Annahme gelangen, daß das Pettoleum sich in größeren Tiefen gebildet habe, dann unter der Einwirkung der inneren Erdwärme destilliert sei und sich durch Risse und Sprünge in die überlagernden Schichten erhoben habe. Unter den undurchlässigen Schichten habe es daim Halt gemacht, bis sich ein neuer Sprung oder Riß bildete, der ein weiteres Steigen in die höheren Schichten ermöglichte. Bei seinem Eindringen in die oberen, bereits kälteren Schichte» hat es sich dann endlich kondensiert. Ueber den eigentlichen Ursprung des Petroleums, ob es organischer oder anorganischer Natur sei, gibt diese Annahme gar keine Aufklärung. Von dem östlichen Petroleum unterscheidet sich das kalifornische dadurch. daß es keinerlei Paraffin enthält; man findet statt dessen vielfach Asphalt und ähnliche Körper. Das kalifornische Produkt enthält weniger Wasser- stoff, aber mehr Kohlenstoff und brennt daher auch mit mehr rauchender Flamme. Dadurch ist die Verwendung zu Schmieröl angezeigt und zur Sttaßenasphalticrung. Man begießt die Straßen einfach mit rohem Petroleum, wobei sich die Eigentümlichkeit ergibt, daß es d«» Besireben hat, die Okerfläche deS StrahenkörperZ eben zu gestalten, fie auszuglätten. Die derart hergestellten Ströhen besitzen eine glatte, este, gleichförmige Oberfläche ohne jegliche Möglichkeit der Staub- mtwickelung. Man hat es hier wohl mit einem passenden Material mr Stratzenbefestigung zu tun, das in seiner Einfachheit den Technikern willkommen sein wird.—(„Globus".) Theater. s. s. Freie Volksbühne: Metropol- Theater, Hedda Gabler", Schauspiel in vier Aufzügen von Henrik �bsen.— Was bei diesem Stück besonders auffällt, das ist die Geschlossenheit der Szenenführung. Der Dialog ist natürlich und doch voll zwingender Konzentration. Nichts zerfahrenes, keine allzu kleinliche Naturnachahmung, die höhere Wahrheit des Lebens ist darin. Diese Gestalten, der gutmütig-dumme Privatdozent Tesman, der immer um seine Karriere sorgt und dennoch ein gutes Herz hat, der berechnende Streber Gerichtsrat Brack, die gute Familientante, die Mutterstelle an Tesman vertrat, der sorglos sein Leben weg- »verfende Lövborg, der an der Seite einer sorgenden Frau Besinnung gewinnt, endlich Hedda Gabler selbst, die in sich wie einen Stachel die Ueberflüssigkeit ihres Standes fühlt, aber nicht die Kraft hat, selbst etwas zu sein— dies alles sind Typen. Typen, denen man immer wieder begegnet. Dennoch geht ihnen nicht die packende Lebenswahrheit ab. Sie sind auf die Fühe gestellt als lebende Menschen, als Einzelpersönlichkeiten, die ihr Schicksal, das in sie gelegt ist, vollenden. Besonders fein ist die über allem schwebende Ironie, die dem Dichter gestattet, seine Personen so objektiv zu sehen, daß sie eigent- lich über Sympathie und Antipathie stehen. Sie ziehen an uns vorbei. Der Vorhang hebt sich, und wenn das Stück vorüber ist, haben wir in ein Leben hineingesehen, dessen absolute Notwendig- keit uns einleuchtet. Diese Kühle und Ferne der Betrachtung ist m unserer heutigen Zeit gerade unter den dramatischen Dichtern von erheblichem Wert. Leicht lassen sie sich dazu verführen, das Schicksal ihrer Menschen zu tragisch zu nehmen, so daß wir eine Distanz zwischen Geschehen und Fiibl-,, finden. Hier ist Tragik und doch eisige Ruhe. Ibsen sieht eben de.- Beruf des Dichters nicht darin, mitzu« klagen, sondern zu ergründen. Und darum sind diese Studien nach dem Leben geradezu bewunderungswürdig. Mit wenig Strichen setzt er einen Charakter hin. Er läßt frühere Geschehnisse halb- verhüllt. Er schöpft nicht die Tiefen allzupedantisch aus. Aus Licht und Schatten setzt sich dieses plastische Bild zusammen. Eine grinimige Kritik ist in Ibsens Stücken. Hedda Gabler ist Generalstochter. Ihr Stand ist Tradition. Sie findet nicht den Weg zu eigenen: Sein, selbständiger Taten. Solche Personen, Typen einer absterbenden Kultur, bringen Unglück, da sie ab- geschnitten sind von der Vergangenheit und den Zusammenhang mit der Gegenwart und der Zukunft nicht mehr finden kömren. Darum ist ihre einzige Hülfe das Machtbewußtsein. Sie spielen mit allem Ernsten und stürzen sich schließlich selbst voller Verzweiflung ihrem Ende entgegen. Bei Hedda ist dieses Schicksal noch komplizierter, weil sie Weib ist. Ihr brennender Ehrgeiz, ihre nur in Flackerfeuer sich verzehrende Tatkraft geht unter. Sie ist zur Untätigkeit ver« dämmt, als Anhängerin einer alten Zeit. Das einzige, was noch zu ihren Gunsten spricht, ist die klare Erkenntnis dieser ihrer kulturellen Ueberflüssigkeit, so daß sie sich schließlich den Tod gibt. Die Aufführung war fast in allen Teilen befriedigend. Die Schauspieler verstanden es, das Typische der Gestalten mit persön- kichcn Niiancen zu umkleiden und zu bereichern. Gerade Ibsen stellt ' ja dem darstellenden Künstler große Aufgaben, da er nicht mit klein« lichen Angaben den Charakter beschwert. Der Höhepunkt lag im dritten Akt, der sich zu beinahe antiker Größe erhob in dem Moment, ols Lövborg zusammenbricht. Noch ein Schritt weiter, noch ein wenig Lebensfreude mehr, dann wären die Gestalten noch fteier geworden, und man würde an Shakespeare denken können.— Musik. Die Eröffnung eines neuen Berliner Opernunternehmens, der Wolzogen-Oper, war das Ereignis des vorgestrigen Abends (Montag). Die Vorstellung bestand aus drei unterhaltenden Stücken. Das dritte war eine Dankrede des Direktors, dem das Publikum mit entsprechender Bereitwilligkeit entgegengekommen war. Wenn wir diese Rede unterhaltlich nennen, so sei dadurch nicht verkannt, daß sie aufs beste ernst gemeint war. Emst von Wolzogen will der Stadt eine Komische Oper geben und will dabei die Operette aus ihrer jetzigen Versumpfung herausretten. Dazu kam ein Appell an die Nachsicht, da ja vorerst nur Versuche gemacht werden könnten usw. Wer da weiß, von wie vielerlei fremdartigen Einwirkungen eine Theaterleitung abhängig ist, wird dem nur lebhast zustimmen und das neue Unternehmen soweit fteudig begrüßen. Es ist aber doch merkwürdig, daß gerade die Hauptsache des ersten Abends und seine hauptsächlichste Uuvollkommenheit nicht etwa ein fremdartiges Un- glück, sondern echt Wolzogensch waren. Die angebliche komische Oper„Die Bäder von Lucca" kann als eine„Erlösung der Operette" höchstens in Einzelheiten bezeichnet werden. Im übrigen ist dieses Bühnenstück eine Aneinanderreihung von Stückchen, welche die Descendenz aus dem Ueberbrettl nicht verleugnen. Das Thema lag in dem zweiten Bande der„Reisebilder" von Heinrich Heine vor: ein Ursprung, der einer wirklichen dramatur- gischen Kraft bedurft hätte, um diese Wahl zn rechtfertigen. Die «erantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Druck und Verlas: Musik stammt von dem. noch neulich charakterisierten. Bogumll Z e p l e r. ES finden sich in ihr manche nicht belanglose Leistungen, namentlich auf dem Gebiet einer lustigen Polyphonie. Im übrigen geht es so althergebracht zu. daß der örtliche Geist des Thalia« Theaters ebenso wenig endgültig überwunden war, wie die innere Ausstattung des Hauses durch die jetzige Renovierung. Dagegen darf das erste Stückchen, mit welchem das ganze Unter- nehmen eröffnet wurde, als ein recht glücklicher Griff bezeichnet werden. Das„UrteildesMidas".ein Festspiel des Klassikers Wieland, behandelt einen Sangesstreit zwischen den Gottheiten Pan und Apollo. Der vielgeschäftige König Midas ist Richter und erteilt dem Pan für seine gewürzte naturalistische Kunst den Kranz, während Apollon mit seiner andersartigen ernsten Kunst zurückstehen muß. Apollon rächt sich dadurch, daß er dem Midas zwei lange Ohren wachsen läßt. Das Publikum merkte natürlich nicht, daß es mit seiner kühlen Aufnahme dieses Werkes und seiner lebhafteren Be- grüßung des Pan. wollte sagen, des Werkes von Wolzogen und Zepler, selber König MidaS spielte. Die Musik zu jenem Einatter stammt von einem, seit längerem in Fachkreisen wohl angesehenen, jungen Berliner Komponisten. Hans Hermann. Sie ist von einer auffallenden Vornehmheit und Reichhalttgkeit im einzelnen, und namentlich die Ouvertüre ver- dient volle Beachtung. Man darf nur nicht von allen alles ver- langen. Auch Hermann erhebt sich nicht etwa zu irgend welchen großen Höhepunkten, und eine besondere Fähigkeit zum Humor, der gerade hier am Platze sein würde, scheint ihm abzugehen.— Wäre alles, was uns an jener Stätte bevorsteht, wenigstens von der Künstlerschast jenes Komponisten gettagen, so würden wir allerdings hoffen dürfen, einer befferen Blüte der heiteren Theatermusik ent- gegenzugehen. Die Direktion hat im ganzen ein vorzügliches Personal zu- sammengebracht, und namentlich die Gesangsleistungen waren weit besser, als auf dem gewöhnlichen Operettenniveau. Es würde zu- viel sein, die Namen aller Beteiligten zu nennen, und einige heraus- reifen heißt doch nur wieder, das schon begünsttgte noch einmal egünstigen. Trotzdem ist es wohl keine Ungerechtigkeit, wenn wir die Trägerin zweier Hauptrollen, Thekla Hanig, besonders rühmend hervorheben. Das zweite Stück scheint geradezu einer Person zuliebe geschrieben zu sein: der Frau Direttor. Elsa Laura v. Wolzogen spielte und sang eine originelle Tänzerin mit einigen originellen Kunstgriffen und mit einer anerkennenswerten Bemühung, etlvas ganzes zu geben. Möglich, daß sich die Künst- lerin unter derartigen günstigen Umständen besser entwickeln wird, als es so vielen unter ungünstigen möglich ist. Alles in allem: das neue Unternehmen soll um so fteudiger begrüßt werden, als ja in solchen Fällen die Ungunst des Publikums das künstlerische Niveau drücken, seine Gunst es erhöhen kann.— so. Humoristisches. — Keine Menschen. In einer Hotelpension kommt eine Gräfin mit dem Wirt in Streit.„Gnädige verzeihen," sagt der höfliche Mann,„aber ich muß für Ansprüche aller Art vorbereitet sein. Zu mir kommen so viele Menschen..." „Wir sind keine Menschen," schnaubt ihn die Gräfin ent- rüstet an.— — Beruhigung. Mann(zu seiner Frau, die in einer „Othello"-Vorftellung nach der Erwürgung der Desdemona weint): „Beruhige Dich, sie hätte schließlich ja doch nur Mischlinge zur Welt gebracht."—(„Jugend.") Notizen. — D i e Dramen Liliencrons, im 14. Band seiner sämt- lichen Werke vereinigt und vom Dichter nochmals durchgefeilt, beenden die bei Schuster u. Loeffler erschienene Gesamtsausgabe seines Schaffens. Der Band umfaßt fünf Bühnenwerke, von denen vier bereits erschienen waren, das letzte jedoch hier zum erstenmal im' Druck vorliegt. Es ist ein„Drama aus den Kolonien"; betitelt „Pokahontas": seine Heldin ist eine Indianerin. Das Werk war ursprünglich für Hugo Wolf als Operndichtung angelegt.— — Lothar Schmidts neue Komödie„Die Lebenden" ist vom Lu st spielhaus erworben worden.— —„Salome", die neue Oper von Richard Strauß, wird Anfang Oktober am Dresdener Hoftheater die Urauf- führung erleben.— — Eine Opern- und Operettenschule errichtet das Zentraltheater. Aufnahmemeldungen täglich von 12—2 Uhr im Theaterbureau Alte Jakobstr. 30.— — Das Anzengruber-Denkmalist vorgestern in W i e n enthüllt worden. Es ist ein Werk von Hans Scherpe.— t. Ein neuer Ausbruch des Kilauea. Der Vulkan Kilauea auf den Hawai-Jnseln ist, wie die New Dorker„Science" erfährt, nach einer Ruhezeit von dreizehn Jahren von neuem tättg geworden. Schon in der letzten Febmarwoche erschienen frische Lava- ströme, die durch ein leichtes Erdbeben angekündigt wurden. Mitte März berichtete das„Vulkanhaus", von dem aus die Beobachtung des Vulkan? geleitet wird, daß sich ein großer Lavasee gebildet hätte, und daß ein schweres Gerumpel und häufige Explosionen daS Bevor- stehen eines neuen Ausbruches anzeigten.— Vorwärts Vuchdruckerei u.VcrlagzaMalt Paul Singer.Berlin S.W.