Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 89. Sonntag, den 7. Mai. 1903 (Nnchdaick verboten.) 9] flammen. Nomon von Wilhelm Hegeler. „Woruin ist dos so?" fuhr der Maler fort.„Mit der Kunst wie nüt der Liebe. Ein Rausch, der nie wiederkehrt. Ich sehe ein Motiv, eine Landschaft, einen Menschen, bin frappiert, Tag und Nacht schleppe ich's im Kopf mit mir herum, wenn ich davor trete, fange ich an zu zittern. Ich muß es malen. Gut, ich tu's. Wenn das Bild so wird, wie ich ge- wollt habe, dann ist das Motiv für inich erledigt. Ich mag's kaum noch ansehen. Es widert mich an, bestenfalls ist es niir gleichgültig. Manche malen zeitlebens dieselben Bäume, be- nutzen dasselbe Modell. Ich nicht, llud mit der Liebe geht's mir ebenso. Eine Frau, die ich gehabt habe, ist wie ein leer- getrunkenes Glas. Ohne Reiz, ohne Duft, ohne Frische.— Ach, erobern, das ist schön. In Ruhe besitzen, das ist Philister- glück. Hab ich nicht recht?" „Höre," sagte Grabaus mit einiger Heftigkeit,„ich kann das wirklich nicht beurteilen. Wenn wir jetzt Indianer oder Malayen von ihren Sitten erzählten, so könnte mich das kaum fremdartiger berühren als das, was Du mir erzählst. Ich kann mir einfach kein Urteil erlauben. Aber das muß ich allerdings sagen: etwas indianisch und barbarisch kommt mir Deine Art zu lieben vor." Ter Maler lächelte nur und erwiderte: „Vielleicht bin ich ein Barbar." „Was Tu vom Motiv sagst," fuhr Grabaus fort,„auch das stimmt nicht mal ganz. Malst Du denn wirklich nur den Baum, den Fels, das Wasser? Nein, die Luft malst Du, die Spiegelung, die ewig wechselnde Stinimung. Und so ist der Mensch doch auch wandelbar! Gib Deinem Herzen nur einen Stoß, geh morgen zu Maggie, sei gütig und verständnisvoll, so wirst Du eine ganz neue finden. Tausend Maggies kannst Du finden, wenn Du nur treulich suchst. So wandelbar ist der Mensch." „Ja, ja, so wandelbar, so wandelbar!" wiederholte der Vialer.„So wandelbar bin ich aber auch, daß das, was mir heute gefiel, inich morgen kalt läßt. In mir lebt eben ein anderes Bild. Und wenn ich morgen zu Maggie hingehe, dann steht die andere zwischen mir und ihr." „Mein Gott, das arme Ding weint sich die Augen aus, wen« Tu nicht wiederkommst." „Und doch ist es das beste, auch für sie. So quäl ich sie ntir mit meiner Gegenwart. Sie fühlt, daß ich sie nicht mehr liebe, und grämt sich. Aber wenn sie weiß, daß sie mich verloren hat, dann wird sie acht Tage weilten. Dann aber nach acht Tagen wird sie das leere Herzenskänimerchen wieder öffnen und einen anderen hineinlassen." „Glaubst Du?" „Sicher!" Ich bin weder der erste noch der letzte. Auch sie ist ein wandelbarer Mensch. Gott sei Dank!" Schweigend gingen sie die nächtigen Straßen hinunter. Aber vor dem Hoteleingang blieb Gebhard noch stehen und sagte: „Höre, Du niußt die Frau Platen kennen lernen. Dann wirst Tu alles verstehen und mir nicht mehr böse sein. Sie ist eine Frau, die man lieben nmß. Wer irgend nur Empfindung hat, muß über sie alle anderen vergessen. Willst Du?" „Aber wie ließe sich das machen?" „Auf die einfachste Art von der Welt. Uebermorgen ist sie bei der Gräfin Borcke. Du kennst doch das Haus der Gräfin?" .„Nie davon gehört." „Ach, dort ist'ne Art jour fix. Sie selbst ist Thcosophin »nid hat ein offenes Haus für Raren aller Art. Kommst Du mit?" Grabaus sagte zu. „Die paar Stunden werden©ich nicht reuen. Abgesehen von ihr triffst Du auch'ne ganze Menge amüsanter Leute dort. Es werden Vorträge gehalten. Also Donnerstag tun halb vier. Ich hol Dich ab. Einverstanden?." „Einverstanden." „Dann gute Nacht." „Gute Stacht und"— Grabaus hielt seinen Freund noch am Aermel fest—„denk noch mal an Maggie. Sie ist so reizend! Vielleicht grünt die Liebe doch noch mal." Uber der Maler schüttete den Kopf. Er trat auf die Straße zurück, und wie er mit der Hand den letzten Gruß winkte, hörte Grabaus ihn murmeln:„Marie Luise— Marie Luise." Nachdenklich stieg Grabaus die Treppe hinauf. Nachdem er die Kleider abgeworfen und sich aufs Bett ausgestreckt hatte, überkam ihn das Gefühl, von der ungeheuren Fülle der Ein- drücke fast erdrückt zu werden. Das Licht erlosch, schon wollte er schlafen, da murmelte auch er noch, im halben Dämmern des Traumes: „Marie Luise— Marie Luise." Eine seltsame Musik lag in diesem Doppelklang:„Marie Luise— Marie Luise." In dem neumodisch und elegant tapezierten, mit einem zerschlissenen Ledersofa, einem runden Tisch und einer Anzahl schlechter Stühle ausgestatteten Vorzimmer des Ministeriums warteten bereits drei Besucher, als Grabaus eintrat. Am Kamin stand mürrisch dreinschauend ein schwarzer Herr, von dem ein starker Jodoformgeruch ausging. Er schien fort- während mit seinen Nägeln zu kämpfen, die er bald abbiß, bald rieb, bald betrachtete. Am Fenster saß mit weit vor- gestreckten Beinen und verrutschter Halsbinde ein alter Herr, der bei seiner Magerkeit ein ganz unmotiviertes Bäuchlein hatte, wodurch ein gewisser Zwiespalt in seine Erscheinung kam. Das Bäuchlein verriet Behaglichkeit und manchen guten Trunk, während die Hagerkeit sowie das gefurchte Gesicht von strenger Pflicht und erstem Lebenswandel zeugten. Der dritte der Wartenden trug im Gegensatz zu den beiden anderen, die im Frack waren, einen saloppen Gehrock. Er hatte eine Mappe in der Hand und spazierte ungeduldig auf und ab. Eine gewisse prahlerische Ungezwungenheit in seinem Wesen deutete an, daß er sich hier zu Haus fühlte. Bei seinem Hin- und Herrennen war er dem am Fenster Sitzenden auf die Füße getreten, die dieser erschrocken einzog... „Ents— chuldigen Sie!" „Bitte, bitte, macht fast gar nichts." Der alte Herr erhob sich nun schwerfällig, nannte seinen Namen und fügte hinzu: „Sie sind wohl auch S— chulmann?" „Ne, ne, ums Himmelswillen! Seh' ich so aus? Ich bin V. janz harmloser Journalist." „So— so. Ach, ents— chuldigen Sie, es hat doch seine Richtigkeit, daß die Sprechstunde von zwösf bis eins ist?" „Na ja, so quasi. Das heißt auf Deutsch, von eins an- gefangen. Vor eins kommt der Geheimrat nie. Nach zwei schon eher." „Aber das ist ja s— chrecklich. Ich warte schon seit halb zwölf hier, llin zwei Uhr kommt der Herr Ministerialdirektor manchmal?" „Tja, lieber Gott, der Mann hat eben auch zu tun. Sehen Sie mal, wenn einer sozusagen die ganze Bildung der Monarchie zu befummeln hat—" „Es war alles so sonderbar. Der Diener wußte von char nichts. Und dabei habe ich mich doch bei dem Herrn Ministerialdirektor anchemeldct." „Anmelden hat jar kein'n Zweck,'ne Weile wird's wohl noch dauern." Nach einiger Zeit wurde die Tür wieder geöffnet, und in untadligem Frack trat ein lebhafter Herr ein, der allen sehr vernehmlich guten Tag wünschte. „Ents— chuldigen Sie—" wandte sich der Direktor wieder an den Journalisten.„Sie kennen den Herrn Ministerial» direklor wohl näher?" „Wie meine Westentasche." „Er soll wohl ein etwas s— chroffer Herr sein?" „Das is nu janz verschieden. Wenn ihm was nich paßt, kann er allerdings höllisch eklig werden." „O, ich glaube, das ist wohl nur eine kable oanvenue," warf jetzt der lebhafte Herr ein.„Verzeihen die Herren, wenn ich mich für einen Abwesenden in die Bresche werfe." s�r. machte eine kurze Verbeugung, wobei er sich durch seinen kecken Schnurrbart fuffc und nannke seinen Namen. Dann schüttelte er dem Direktor die Hand und sagte:„Es freut mich, einen Kollegen begrüßen zu können. Ich kann Sie der- sichern, unser Ministerialdirektor ist die Liebenswürdigkeit in persona. Ich hatte mehrere Male die Ehre, von ihm empfangen zu werden. Zuletzt noch vor vier Wochen. Da hat er mich sogar aufgefordert, mit ihm zu frühstücken." «Haben Sie's getan?" fragte der Journalist,� „Leider war der Herr Ministerialdirektor verhindert." „Js er immer." „Na, schließlich ist das doch auch zu viel verlangt. Aber über Mangel an Entgegenkommen und Liebenswürdigkeit kann man sich wirklich nicht beklagen. Natürlich gehen diesen hohen Herren tausend Dinge durch den Kopf. Deshalb muß man sein Anliegen immer wiederholen. Nur nicht locker lassen! Ich bin jetzt das vierte Mal hier in derselben Sache." „Und ich habe hier Szenen erlebt. Ei weh!— Uebrigens davon abgesehen, alle Achtung!'nen klareren Kopf finden Sie selten." „Und einen mit weitherzigeren Ideen ebensowenig," fügte der lebhafte Herr hinzu. „Na, das nu jrade. Sehn Se mal, der Mami is vor allem Beamter. Der sieht eben jeden drauf an: paßte mir in meinen Kram oder nich? Ideen sind dem janz schnuppe. Vor allem will er Ruh haben in der ollen Postkutsche— denn bei dem heutigen Kurs—" „Chott, da haben Sie recht. Ter neue Kurs— ultra montes, ultra montes—" „Ny ja, erst übers Wasser und deim über die Berge." (Fortsetzung folgt.ji (Nachdruck ucvdolcn.) Verden Werder, das eine Meile westlich von Potsdam auf einer Havel-- inscl gelegene Städtchen, ist augenblicklich wieder der Zielpunkt Tausender Berliner Ausflügler, die sich an der prächtigen Baum- blute erfreuen wollen. Mit jedem Schritt, der uns vom Bahnhos an kleinen, meist einstöckigen Häusern, von denen eine große Anzahl auf dein Firmaschilde die Bezeichnung„Fruchtsastpresserei" trägt, vorbei in das eigentliche Fruchtgefilde führt, wächst das Erstaunen und Entzücken über die selbst für den Nichtpomologen auf den ersten Blick als Gartenkulturcn erster Qualität kenntlichen Anlagen, die mitten aus dem märkischen Sande gleichsam hervorgezaubert zu sein scheinen. Und vollends die Aussicht vom Wachtelberge über die mehrere Meilen lange Linie, die in weißen, mit dem Rosa der Pfirsiche durchwebten Blütenschimmer getaucht ist, findet wieder nn- zählige Bewunderer, Bei diesem köstlichen, dem Auge und Gefühl gleich wohltuenden Blick kommt aber wohl nur wenigen zum Be- wutztsein, daß das Bliitenmeer zugleich einen- bedeutenden Wirtschaft- lichcn Faktor repräsentiert, nicht nur für die Bewohner des Städtchens selbst, sondern auch für die Hauptstadt in dessen Nähe, die Werder als ihre Qbstkammer betrachtet, und als solche bezeichnen kann. Gerade jetzt, da die Baumblüte in vollster EntWickelung steht, dürften einige Taren über Werder und seine Bewohner, sowie über den Obst- verkehr von Werder nach Berlin interessieren. „Stadt Werder," wie ihr Chronist Ferdinand» Ludwig Schöne- mann in einem 1734 erschienenen Buche erzählt,„liegt auf einer „gänzlichen Insel"; diese umfaßt 46 Morgen, Zur Sommerzeit, wenn das Wasser zurückgetreten, kann man die Insel in einer Stunde umschreiten; sie aber zu umfahren, sei es in einem Kahn oder einer Schute, dazu sind zwei Stunden erforderlich. Ein solches Umfahren der Insel an schönen Sommerabenden gewährt ein besonderes Per- gnügcn, zumal wenn des Echos halber die Fahrt von einem Wald- Hornisten begleitet wird." Der Chronist hat hier eine romantische -Anwandlung, die wir hervorgehoben haben wollen, weil sie in seinem -Buche die einzige ist. Ter Boden der Insel ist fruchtbar, größtenteils fett und schlvarz. Was die Entstehung der Stadt angeht, so heißt es, daß sich die Bewohner eines benachbarten Wendendorfes, nach besten Zerstörung .durch die Deutschen, vom Festlande auf die Insel zurückgezogen und hier eine Fischerkolonie gegründet hätten.„Doch beruht," wie Schöncmann hervorhebt,„die Gewißheit dieser Meinung bloß auf einer unsicheren Ueberlieferung." Unsicher vielleicht, aber nicht unloahrscheinlich. Das umliegende -Land wurde deutsch, die Havelinsel blieb wendisch. Die Gunst der Lage machte aus dem ursprünglichen Fischerdorfe bald einen Flecken i(als solchen nennt es bereits eine Urkunde aus dem Jahre 1317), und abermals 166 Jahre später war aus dem Flecken ein Städtchen geworden, dem Kurfürst Friedrich II. bereits zwei Jahrmärkte bc- willigte. So blieb es im allmählichen Wachsen, und seine Jnscllage wurde Ursache, daß keine Rückschläge erfolgten, und Stadt Werder- alle Zeitcnwirrcn durchmachen konnte, ohne die Kriegsrute zu «npfinden, die für das umliegende Land wie für alle übrigen Teile ter Mark Brandenburg oft so hart gebunden war. Der dreißigjährige Krieg zog wie ein Gewitter,„das nicht über den Fluß kam", an Werder vorüber; die Brücke war„weislich ab» gebrochen", jedes Fahrzeug geborgen und versteckt, und wenn der scharf eintretende Winterfrost die im Sommer gewährte Sicherheit zu gefährden drohte, so ließen sich's die Werderaner nicht verdrießen» durch beständiges Aufeisen der Habel ihre insulare Lage wieder her» zustellen. So brachen nicht Schweden, nicht Kaiserliche in ihren Frieden ein, und es ist selbst fraglich, ob der„schwarze Tod", der damals über das märkische Land ging, einen Kahn fand, um vom Festlande nach der Insel überzusetzen. Das war der Segen, den die Jnsellage schuf, aber es hatte auch Nachteile im Gefolge und ließ den von Anfang an vorhanden ge- wesenen Hang, sich abzuschließen, in bedenklichem Grade wachsen. Man wurde eng, hart, selbstsüchtig; Werder gestaltete sich zu einer Welt für sich, und der Zug wurde immer größer, sich um die Mensch- heit draußen nur insoweit zu kümmern, als man Nutzen aus ihr ziehen konnte. Diese Exklusivität hatte schon in den Jahren, die dem dreißigjährigen Kriege vorausgingen oder mit ihnen zusammenfielen, einen hohen Grad erreicht. Aus Aufzeichnungen aus jener Zeit berichtet Fontane, dieser vortreffliche Schilderer der märkischen Zeit, folgendes:„Die Menschen hier sind zum Umgange wenig geneigt und gar nicht aufgelegt, vertrauliche Freundschaft zu unter- halten. Sic hasten alle Frenrden, die sich unter ihnen niederlassen, und suchen sie gern zu verdrängen. Vor den Augen stellen sie sich treuherzig, hinterm Rücken sind sie hinterlistig und falsch. Von außen gleißen sie zwar, aber von inwendig sind sie reißende Wölfe. Sie sind sehr abergläubisch, im Gespenstersehen besonders erfahren, haben eine kauderwelsche Sprache, üble Kindcrzucht, schlechte Sitten und halten nicht viel auf Künste und Wissenschaften. Arbeitsamkeit und sparsames Leben aber ist ihnen nicht abzusprechen. Sie werden selten krank und bei ihrer Lebensart sehr alt." War dies das Zeugnis, das ihnen von 1626 oder 36 ein unter ihnen lebender„Stadtrichter", also eine beglaubigte Person, aus- stellen mußte, jo konnten 156 Jahre weiterer Exklusivität im Guten wie Bösen keinen wesentlichen Wandel schaffen. Und in der Tat/ unser mehrfach zitierter Chronist bestätigt um 1734 nur einfach alles das, was Stadtrichter Jrmisch(dies war der Name des um 1626 zu Gericht Sitzenden) so lange Zeit vor ihm bereits niedergeschrieben hatte. „Die Bewohner von Werder," bestätigt Schönemann,»suchen sich durch Verbindung unter einander zu vermehren und nehmen Fremde nur ungern unter sich auf. Sie sind stark, nervig, abgehärtet. sehr beweglich. Sie stehen bei früher Tageszeit auf und geben im Sommer schon um zwei Uhr an die Arbeit; sie erreichen 76, 86 und mehr Jahre und bleiben bei guten Kräften. Ihre Kinder gewöhnen sie zu harter Lebensart. Im frühesten Alter werden sie mit in die Weinberge genommen, um ihnen die Liebe zur Arbeit mit der Muttermilch einzuflößen. Die Kinder' werden bis zum achten oder neunten Jahre in die Schule geschickt, lernen etwas lesen, wenig schreiben und noch weniger rechnen. Tie meisten bleiben- ungesittet; das kommt aber nicht in Betracht, weil ihnen mehr an dem Gewinn gelegen ist. Viel natürliche Fähigkeiten sind bei ihnen nicht an- zutreffen, und sie halten fest an. Alten. Sie lieben eineit springenden Tanz und machen Aufwand bei ihren Gastmählern. Im übrigen aber leben sie spärlich und sparsam und suchen sich durch Fleiß und Mühe ein Vermögen zu erwerben." Welche Stabilität durch anderthalb Jahrhundertel Im übrigen-, wenn man festhält, wie tief der Egoismus in aller Meuschettnatui: überhaupt steckt, und daß es zu alledem zwei„Fremde", zloei„Zu- gezogene" waren, die den Werderanern die vorstehenden, gewiß nicht all zu günstig gefärbten, Zeugnisse ausstellten, so kann man kaum behaupten, daß die Schilderung ein besonders schlechtes Licht auf die Inselbewohner würfe. Nach dem dreißigjährigen Kriege wurde schon Kern- und Stein- obst gebaut, für das damals, wie heute noch, Berlin der Absatzmarkt war. Hierauf deutet auch«in Patent vorn 26. Juni 1693 hin, durch das den Obstproduzenten statt des Verkaufsplatzes auf dem Molken- markte eine Stelle am Ufer der Spree zugewiesen wird. Seit jener Zeit mehrte sich die Anlage von Obstbergen von Jahr zu Jahr, so- daß gegenwärtig das ganze für Obstlultur- bebaute Areal gegen 7666 Morgen betrögt. Der Obstbau bildet für die mehr als 6666 Einwohner die Hauptnahrungsquelle, ja die meisten Handwerker» sowie die dort zahlreichen Fischer sind zugleich„Weinbergsbefitzcr", und zurzeit der Kirscheueritt« steht tagelang manche Werkstatt leer, denn alles befindet sich im„Weinberge". Was verständnisvolle, energische Arbeit einem sonst mageren Boden einer Sandwüste abzuringen vermag, dafür bieten diese Obst- anlagen und die trefflichen Früchte, die in ihnen wachsen, den besten Beweis. Die Anlage des in Kultur zu legenden Landes ist nach den uns gemachten Angaben folgende: Nachdem das Land 2% Fuß tief„rajolt" worden ist, werden die Bäume in Reihen, 16 und 18 Fuß von einander entfernt, gepflanzt, teils bunt durcheinander, teils nach den Obstsorten gesondert. Zwischen den Baumreihcn stehen, ebenfalls reihenweise, die Johannisbeer- und Himbeersträucher, auf niedrigem Boden auch Stachelbeeren; ebenso, besonders an beiden Seiten der Grenzsteige, die Erdbeeren. Hin und wieder steht zwischen den Baumreihen auch noch ein Pfirsichbaum; Tomaten und Kürbisse, sowie Kartoffeln und Bohnen zum Hausgebrauch werden in die Dunglöcher gebracht. Große Sorgfalt wird auf die Düngung der- wandt, die nach einer besonderen Methode— der Werderaner nennt fie.Dungeinbuddeln"— geschieht. Ter Dünger muß das Meiste tun, denn bekommen die Bäume, wie die Besitzer sagen,„nichts unter die Fiitze," so hört gar bald Wuchs und Tragbarkeit auf. Der Weinbau ist gegen den Obstbau fast ganz zurückgetreten. Die Haupternte bilden jetzt die Kirschen; geraten diese in einem Jahre nicht, dann gehört das Jahr zu den schlechten. Die Kirsch. sorten, die meist aus dem Kern« gezogen werden, sind sehr der- schieden. Von den ersten Kirschen, die auf den Berliner Markt kommen, kostet die Tiene, ein rundes, nach oben erweitertes Holz. gefäß, das 8— 10 Liter enthält, 4— 5 M., der spätere Durchschnittspreis beträgt 1�—2 M. Nach Hamburg werden sie etwa 14 Tag« lang geschickt, bis die 14 bis 20 Tage später reifenden Kirschen aus den Vierlanden nach Harnburg kommen, und der Transport von Werder aus nicht mehr lohnend ist. An Baumobst finden sich außer- dem Aepfel und Birnen in sehr verschiedenen, oft sehr schönen Sorten, in reichlicher Menge; ebenso werden Pflaumen, auch sehr viel in edleren Sorten, gebaut. Sehr viel Fleiß wird seit einigen Jahrzehnten auf die Kultur der Pfirsiche verwandt; denn da ein Pfirsichbaum bei uns höchstens eine Lebensdauer von 10 Jahren hat, so muß man darauf bedacht sein, in den ersten guten Jahren reiche Ernten zu erzielen. Dies erreicht man durch stark verdünnte Jauchdüngung, die man dem Baume täglich geben kann. Schon Mitte Oktober werden die Psirsich- bäume, nachdem der Stamm mit Dung umgeben ist, in Rohr, und zwar sehr tief, eingebunden, denn der Rauhreis schadet ihnen un- gemein. Diese Umhüllung behält der Baum, bis er blühen will, und selbst während der Blüte werden bei zu erwartenden Nacht- frästen die Bäume noch geschützt. Die Aprilosenbäume, die nur in 5— 6 Jahren eine Ernte versprechen, finden sich sowohl in den Bergen als auch an den Spalieren der Häuser, werden aber nicht gedeckt, da sie selbst in der Blüte noch ziemlich hart gegen Kälte sind. Die Tiene Pfirsiche wird je nach der Güte mit 3—10 M. bezahlt. An Aprikosen werden in günstigen Jahren über 5000 Ticnen, 1—2 Schock Früchte enthaltend, verkauft; die Tiene erzielt einen Preis von 5— 20 M. Johannisbeeren gedeihen ebenfalls vorzüglich; man findet selten so volltragende Büsche wie hier; einige Besitzer ziehen bis 400 Tienen, die Tiene wird mit 1—2 M. bezahlt. Auch Stachelbeeren werden viel in verschiedenen Sorten gebaut und im frischen Zustande nach Berlin geschickt. Erdbeeren benutzt man zur Einfassung der Wege und zur Bepflanzung der Grenzen. Die Tiene bringt, je nach der Zeit, einen Preis von 2— 12 M. Himbeeren werden sehr viel und zwar, wie bemerkt, in Reihen an- gepflanzt, und liefern große Erträge. Tie Tiene kostet in der Regel 9—12 M. Zum Verkauf als Schnittblumen zieht man: Mai- blumen, Narzissen, Rosen, weiße Lilien, Primeln usw. lieber die Höhe des Gesamtbetrages der Obsternte läßt sich nichts genaues bestimmen, da die Zufälligkeiten der Witterung eine zu große Rolle spielen; so beförderte die Werdersche Obstzüchterci-Gcnoffenschaft allein im Jahre 189S 60 000 Zentner, 1896 80 000 Zentner, 1897 59 000 Zentner, 1898 50 000 Zentner, 1899 35 000 Zentner aus dem Wasserwege nach Berlin. Für den Obstverkaufsplatz in Berlin in der Nähe der Torotheenstädtischen Markthalle zahlt die Ge- nosscnschaft, die gegen 500 Mitglieder zählt, jährlich 20 000 M. Miete. Manche Leserinnen, die am Werdcrjchen Obsthandel ein spezielles hauSwirtschaftlichcs Interesse haben, werden sich noch der früheren, bis zum Jahre 1851 üblichen Beförderung durch die sog. Schuten erinnern. Dies« Schuten wurden meist durch Ruder fori- bewegt, denn der Wind war nicht immer günstig. Ihre Anzahl betrug gegen 15— 20. Nachmittags 2 Uhr stieß die Flottille voin Lande ab, und ein Steuermann suchte dem anderen den Vorrang .abzugewinnen, denn das Obst, das zuerst in Berlin eintraf, wurde am besten bezahlt. So entstand eine förmliche Wettfahrt von Werder bis Berlin. Vorn in der Spitze des Bootes saßen auf drei Ruderbänken sechs Frauen resp. Mädchen und„pätzten" aus allen Kräften eine Meile weit. Dann wurden sie von sechs anderen abgelöst und sanken, durchnäßt von Schiveiß, todesmatt vor Er- schöpfung, auf ihren Bettsack nieder. Die kalte Nachtluft,— denn die Fahrt währte bis zum Morgen— Sturm und Ungewitter strichen über die Erhitzten weg, die schäumenden Spritzwelien über- schütteten sie, ja oft mußten sie in den kalten Septembcrnächten längs der Spree im nassen Wicsengrase mit bloßen Füßen gehen, den Kahn an der Leine ziehen. Da wurden selbstredend Krank- Helten erzeugt, und die Schwindsucht grub den meisten unter der Weiblichen Bevölkerung«in frühes Grab. Das alles ist jetzt anders geworden, besonders für die Frauen, die nach wie vor das Obst zum Verkauf bringen, weshalb man auch in Berlin selten Männer aus Werder sieht und bei der Be- Zeichnung„die Wcrderschcn" nur an den weiblichen Teil der Be- völkerung denkt. Jetzt findet keine Ueberstürzung mehr statt, ein solides Schiff schleppt täglich das Obst nach Berlin. Von drei Uhr ab bietet der Einladcplatz in Werder das Bild eines Hascnlebeus, und mit solcher Emsigkeit, Ordnung und Pünktlichkeit wird gc- arbeitet, daß Punkt sechs Uhr das Schiff, mit bis zu 6000 Ticnen geladen, vom Lande stößt, um seine Fahrt nach Berlin anzutreten. Auf dem Verdeck sitzen die Frauen, strickend, nähend, plaudernd und singend, und finden für die Nachtfahrt in den Kajüten ihr ge- schütztes Lager. Mit einer gewissen Sehnsucht sehen unsere Berliner Haus- frauen der Ankunft der„Werderschen" entgegen. Sie bringen uns als erstes Obst Kirschen, deren unbestrittene Oualität der Werder- schen Ware weithin«inen wohlbegründeten Ruf verschafft ha� die aber«iner ganz besonderen Wertschätzung sich bei den Berlinerst erfreuen. Davon zeugt auch der große Andrang zu den Verkaufs» ständen der„Werderschen", die es vortrefflich verstehen, die Er» Zeugnisse mit fast Berliner Zungenfertigkeit an den Mann«r» will sagen an die Frau— zu bringen... I. Wirfst; kleines Feuilleton. tu. Das Geschenk.„Ich für mein Teil bin auf der Fahr», wenn sie Hochzeit machen", sagte Benno, der Reisende, und streckts sich behaglich aus auf dem Sofa. „Du wirst Dich doch wohl wenigstens melden", mahnt» di» Mutter.„Der Bräutigam ist immerhin Dein Koufin—" „Aber jewiß I Auf ne Ansichtskarte fall s mir nicht ankommen. Viel Glück und besten Gruß, basta l Ich werd' se sojar frankieren. Aber damit ist meine Teilnahme an der Familjenfestlichkeit erledigt." „Du hast es gut", seufzte Lina, die Schwester.„Unsereiner zerquält sich schon wieder feit' vier Wochen den Kopf, was er an- ziehen und was er schenken soll. Und wenn die Hochzeit noch wenigstens in der besseren Verwandtschaft wäre l Nein, wieder ist eö die andere, die—" „Lina", mahnte die Mutter.„Es kann doch nicht jeder so gut gestellt sein wie wir!" „Gut gestellt ist jut!" lachte Benno.„Aber wenn Euch die Freite so schmerzhafte Haare macht, weshalb geht Ihr denn über- Haupt?" „Hin müssen wir l" die Mutter sagte es mit entschiedener Stimme.„Es heißt so schon, wir seien eingebildet, dünkten ,in? was Besseres und dergleichen. Als ob wir in dem Punkt nicht die liberalsten Anschauungen hätten I Aber Lina hat ganz recht: in unserer besseren Verwandtschast gibts viel seltener Hochzeiten und Taufen." „Alte Sache." Benno lachte.„Die jebildeten Leute— als wie icke zum Bleistift— haben'ne Aversion dagegen. Aber Ihr könnt doch zufrieden sein damit: Desto billiger wird ja die Chose. Lina zieht ihr Weißes an und jeht als frischgcwaschener und auf Neu je- plätteter Engel—" „Hör auf, ja?" Lina zog die Stinw kraus.„Am Ende geh ich mit'n Waschkleid zur Hochzeit! Könnte mir gerade passen! Ich soll wohl hinter mir herreden lassen?" „Nein, Benno, das geht nicht." Die Mutter schüttelte entschieden den Kopf.„Wir müssen doch immerhin etwas auf uns halten und zeigen, wer wir sind und was wir sind. Gerade diesen einfachen Leuten gegenüber." „Ueberhaupt wo Knebels auch hinkommen rief Lina. Ja. Knebels! Na, Du kennst sie doch! Die machen immer wer weiß was her und möchten jeden anderen ausstechen. Diese aufgeblasene Gesellschaft! Man wird sich von ihnen doch nicht ein- fach beiseite schieben lassen. Gewiß: mir ihrem Geldsack können wir's nicht aufnehmen— mein Gott, wir haben eben andere Leute nicht bewuchert—, aber was Geschmack und Eleganz anbetrifft, da sollen sie uns erst mal etwas vormachen. In der Beziehung, lieber Benno, kann Deine Mutter und kann Deine Schwester wirk- lich noch alle Tage die Konkurrenz aushalten!" Sie trocknete sich erregt das glühende Gesicht. „Wenn's Euer Portemonnaie man aushalten kann!" Benno sagte es trocken.„Mr soll's recht sein." Die Mutter erblaßte iun einen Schatten; Lina wurde dunkelrot und warf der Mutter einen bedeutsamen Blick zu. Dann sagte sie zögernd:„Mit der Kleidung würde es sich ja allenfalls noch machen lassen. Aber, Benno, bedenke auch das Ge- schenk! Wir können doch nicht mit leeren Händen hinkommen." „'n Küchenrahmen mit n paar Kochlöffeln kost't ja nicht alle Welt!" „Ich glaube gar!" Die Mutter sprang entrüstet auf.„Du mutest uns wohl gar zu—" „Wirklich großartig von Dir, Benno!" lachte gekränkt die Schwester. „Oder'ne Suppenterrine, blaugeblümt. Ist auch nicht teuer. lleberhaupt: ES gibt ja so viele nützliche Sachen, die kein Vermögen kosten." „Warum nicht gar'ne Nachtlampe für fünf Groschen?" höhnte die Mutter. „Auch das," sagte Benno.„Jedenfalls etwas, das die jungen Leute gebrauchen können." „Ach, dieser traurige Nützlichkeits-Standpunkt!" spottete Lina» „Man sieht doch:'n Kaufmann bleibt'n Kaufmann I" „Ja, tvas dachtet Ihr denn eigentlich? Wallt Ihr der jungen Frau vielleicht'n paar verjoldete Holzpanlinen dedizieren? Oder 'n persische» Teppich für den Salon, den se nich haben?" „Es würde sich schon etwas finden, wenn Du nur mit Dir reden ließest." „Ich? Laß ich nicht immerzu mit niir reden? Streng ich nicht,»einen Jeist sogar außerjewöhnlich an?" „Ach, Deinen„Jeist", den können wir entbehren!" Lina wurde ungemütlich.„Sage uns lieber, wieviel Du beisteuern willst!" ,Beisteueru? 1" Benno schnellte empor, blickte mit komischz «nisetzter Miene erst die Schwester, dann die Mutter an und liest sich seufzend wieder fallen.„Jute Nacht l Ich must schlafen; ich bin ,nüde!" Er schnarchte schon. „Siehst Du, Mama!" Lina weinte fast.„IS hab's Dir gleich . gesagt: es ist ihm ganz egal, und wenn wir in Lumpen gehen und wenn wir mit'ncr elenden Kaffeekanne hinkommen,— er ist für nichts z» haben. Nie! Er hat's ja schon inimer so gemacht. Und wir können uns den Kopf. zerbreche� wie wir die Ehre der Familie hochhalten!" „Sei still, mein Kind. Ich Hab' noch meine Trauringe, die kann ich ja versetzen. Mein Seliger mag's mir im Grabe verzeihen!" Sie brauchte sehr geräuschvoll das Taschentuch. Lina auch. Aber Benno schnarchte ungerührt. Nach einer Weile wgte Lina:„Es hilft nichts, Mama, wir .nisscn auf einen anderen Ausweg denken. Benno ist ein Egoist. Haben wir denn nicht noch irgend etwas im Hause, das wir der- schenken können? Etwas Austergewöhnliches?" „Ich denke auch schon darüber." Die Mutter hielt den Kopf in die Hand gestützt.„In der Numpelkammcr steht noch ein runder Tisch, aber dem fehlt ein Fust. Wenn man ihn reparieren und ans- polieren lieste?" „Das würden sie ja sehen, Mama. Wo keine Politur ist, unter der Platte, ist das Holz schon ganz schwarz. Und dann ist's auch nichts Besonderes." „Vielleicht der alte Kronleuchter? Aber nein, der niiistte so gut wie neu gemacht werden." „Wei'stt Du was", Mama?" Lina sprang auf.„Auf dem Boden steht doch noch das Papageibauer! Wir brauchcn's doch nie mehr; denn für einen Papagei hat ja Benno selbstverständlich kein Geld. Wenn wir es aufbronzieren, ist es wie neu und macht einen grostartigen Eindruck. Kein Mensch sieht ihm sein Alter an! Da haben wir etwas Seltene? und Schönes— und es kostet nur ein paar Groschen für Brynze. DieArbeit machen wir selber. Past malauf, damit machen wir Aufsehen!" Benno unterbrach sein Schnarchen:„Und was. meinst Du, soll das junge Ehepaar da'reinsetzcn? Sperlinge vielleicht oder junge Gänse?" „Ach, sei Du doch still! Mögen sie'reinsetzen, wa? sie wollen! Die Hauptsache ist: Ivir haben ein feines Hochzeitsgeschenk und brauchen uns vor unserer besseren Verwandtschaft nicht z» blamieren!" „Höhöhö, bessere Vcrwaiidtschaft!" Benno war wieder ganz wach.„Weistt Du auch, was die anderen sagen werden? Ich meine die. die nicht zu der besseren Verwandtschaft gehören? Sie werden sagen: Das Bauer schenken se uns, aber den Vogel haben se be- hatten!"... — Die Tcinpcrciizlcr-Flnnilic. Der„Pfälzer in Amerika" gibt folgende Anekdote wieder; Ein fröhlicher Pfälzer wanderte vor etwa fünfzig Jahren in Amerika ein und besuchte seinen in der Nähe von Lnucaster, Pa., ansässigen Onkel. Neben dem reichen Sonntags- mahl stand anstatt der gewohnten Weinflasche ein Wasserglas. Der Deutsche machte einige Bemerkungen darüber, die mau ihn', kurz mit der Erklärung abschnitt:„Mir sein halt Tcpercnz, bei uns dcrs kce' Troppe Schpiritus ins Haus."— Nach dem Essen zog sich der Bauer znni Mittagsschläfchen zurück, die Mädchen gingen in die Sonntags- ichule und die Jungen in die Scheune. Plötzlich rief die Tante den deutschen Vetter in die Küche und zog verstohlen eine Flasche Kirschengcist aus dem Wandschrank und sagte:„Knuiin, trink— mci' Alter is so schtreng Teinpercnz, dost ich nix merke losse derf, aber aiwr kriegt mitunter Leibweh."— Zehn Minuten später ruft der Alte den Vetter in seine Stube, schliestt eine Kiste auf, in welcher ein Bier-Galloneilfästcheu schlummert, schenkt ein und sagt:„Trink herz- Haft, wenn N'.er aach Temperenzler sinn, uusern gute Troppe halte Hier doch, aber die Alt' derf's»et wisse."— Etwas später geht der Gast nach den Ställen, dort schleppen ihn die Söhne des Farmers in eine dunkle Ecke, ziehen eine Flasche ans dem Stroh mit den Worten:„Vetter, trink,'s is guter Bourbon, aber sag's de Alte net, die sein verrückte Temperenzler."— Medizinisches. hr. Die Verhütung des vorzeitigen Haar- a u S f a l l e S. Neben der Erblichkeit und gewissen Erkrankungen der Kopfhaut spielt zweifellos die unzweckmästige Behandlung der Kopfhaut selbst oft die Hauptrolle bei der Entstehung des vorzeitigen Haarausfalles. Gerade in der Absicht, das Haar besonders zu pflegen und zu schonen, werden oft die unzweckmästigsten Methoden angewandt, die dann das Gegenteil von dein erreichen, was beab- . sichtigt wurde. Von groster Wichtigkeit ist die Bürste, ungeeignete Bürsten können die Haare gewaltsam herausreisten, ebenso ist der unterschiedslose Gebranch von Franzbranntwein und von Haarwässern mit Spiritus manchmal vom Uebel. Letztere sind nur dann am Platze, wenn das Haar recht fett ist, nicht aber bei trockenem und sprödem Haar. Für den vorzeitigen Haarausfall ist manchnial die unzioeckniästige Behandlung der Kopfhaut im Kindes- alter anznschulden. Die gesunde Kopfhaut des Kindes soll nicht zu häufig, nicht täglich, gewaschen tvcrden, Ivenn sie zu wenig fett ist, must man sie mit Olivenöl einreiben. Der Haarausfall ist ge- wöhnlich init einer übermäßigen Schuppenbildung verbunden, und diese Schuppen müssen in erster Linie entfernt werden. Bei der Schuppenbildung besteht gewöhnlich eine zu starke Absondening von Fett, es kann aber auch, worauf der Berliner Derniatologe Saalfeld hinlveist, der zuerst systematische Fettgehalt- Unter- suchungen des Haares vornahm, bei der Schuppenbildung das Haar zu wenig Fett enthalten. Je nach dem Ausfall dieser Unter- suchung mnst dein Haar entweder Fett zugeführt oder das über- mästige Fett beseitigt werden. Ein gutes Mittel zur Entfernung der Kopfschuppen ist Waschen des Kopfes mit Seifenwasser, bei starker Fettbildung kann man auch Schwefelseife oder Seifenspiritus an- wenden. Ist die starke Abstostung der Kopfschuppen mit übermästiger Trockenheit der Kopshaut verbunden, dann ist der Gebranch der Teer- seife anzuraten. Bei jungen Mädchen bildet die Bleichsucht oft die Ursache des übermäßigen Haarausfalls: selbstverständlich mnst diese alsdann durch innerliche Mittel bekämpft werden.— Humoristisches. — Gefährlich. Sekretär(zu einem neu eingetretenen Assistenten, der das fällige Blatt voin Abreißkalender»imnit):„Sie da können S' schön'reinfallen, wenn S' gleich am ersten Tag dem Herrn Vorstand seine ganze Arbeit wegnehmen!"— — Ein Phlegmatiker.„Warum haben Sie mich denn eingeseift?.. Ich wollt' mir ja einen Zahn ziehe» lassen!"— — Protest. In einem Dorfe soll beim Bürgermeister eine Erbschaft geteilt werden. Während der Verhandlung entsteht Streit und bald ist eine Rauferei im Gange, in die man auch den Bürger- meister hineinzieht.„Laßt mich aus I" ruft er—„Ich erb' ja gar nicht mit!"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Der Katalog der PariserNationalbibliothek. Der„Franks. Ztg." wird geschrieben: Das Riescnuntcrnehmcn eines gedruckten alphabetischen Generalkatalogs nach Namen der Verfasser, das man seit einigen Jahren in der Pariser Nationalbibliothek in Angriff genommen bat, schreitet rüstig weiter. Soeben ist der ein- nndzwanzigste Band des Katalogs erschienen, und damit sind die beiden ersten Buchstaben des Alphabets fertiggestellt. Man nimmt an, daß für den gesamten Katalog rund hundert Bände nötig sein werden, und da vier Bände, von denen jeder durchschnittlich 9000 Nummern verzeichnet, jährlich erscheinen, hofft man ihn etwa ums Jahr!924 vollendet zu haben. Die neu hinzukommenden Bücher— es sind etwa 2ö 000 im Jahre— werden alsbald durch Nachtrüge dein Katalog eingereiht. Von diesem gewaltigen Werk, das auf die Initiative deS vor kurzem zurückgetretenen Generaldirektors der Nationalbibliothek Leopold DeliSle hin unternommen wurde, erschien der erste Band im Jahre 1897. Die französische Regierung hat zur Deckung der Kosten einen jähr- lichen Veitrag von 20 000 Frank bewilligt. Selbstverständlich wird auf einen Absatz im Buchhandel nicht gerechnet, beträgt die Zahl der Silbskribentcu doch kaum 30.— — D i e Deutsche Schiller- Stiftung verfügt derzeit über cm Gcsamtvermögc» von 1 937 327 Mar! und 239 551 Kronen. An Pensionen und Unterstützungeu deutscher Dichter und ihrer Witwen und Waisen konnten im Jahre 1901i rund CO 000 Mark ausgegeben werden.— — Im Künstlerhause treten heute Vorstand und Preisrichter deS Volks- Schiller-Preises zu einer Sitzung zusammen, in der zum erstenmal die Verkündigung des Preises erfolgen soll. Ter Volks-Sckiillcr-PreiS wird in der Höhe von 3000 Mark für das beste in dem Zeitraum von drei Jahren durch Aufführung, Druck oder handschriftliche Einreichung bekannt gewordene Drama verliehen.— — Die Zahl der Lehrer an den Universitäten des Deutschen Reiches beträgt in dem soeben begimicnden Sommersemester insgesamt 3115. lieber die Hälfte, 1570, entfallen auf die philosophische Fakultät und die besonderen Naturwissenschaft- lichen Fakultäten. Die Zahl der Prillatdozenten ist auf 913 gewachsen. Nicht gerechnet sind hierbei die 33 Lehrer am Orientalischen Seminar in Berlin, ferner 42 an der Berliner landwirtschaftlichen Hochschule, 27 an der gleichen Anstalt in Poppelsdorf bei Bonn und 25 Lehrer an der Akademie in Posen.— — Vorgeschichtliche Funde sind neuerdings unweit der adriatischen Küste Italiens bei Manfred onia(Apnlien) gemacht worden; bemerkenswert sind darunter ein Kupferschmelzofen mit Zubehör, Gerät und Schniclzstückcn, menschliche Schädel, Fischgeräte und Henkel, Griffe usw. mit Tierfiguren. Man glaubt in diesen Resten Zeugen einer aus dem Orient eingewanderten Kultur vor der Bronze- zeit erblicken zu sollen.— — Eine nette Bescherung. Untern: 4. Mai wird au» New Jork gemeldet: Durch einen Schreibfehler eines Gerichtsbeamten wurde eine Frau Klara Russell in Omaha von ihrem Sohne ge- schieden und ihr die Erziehung ihres Gatten zugesprochen. Frau Russell muß eine neue Scheidungsklage einreichen, um eine rechts- gültige Trennung ihrer Ehe zu erreichen.— Kcrantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Vuchdruckerei u.VerlagZanstaltPaul Singer&So.,8ttlinSW,