NnterhaltungsAatt des Horwärts Nr. 95. Mittwoch, den 17. Mai. 1906 (Nachdruck verbalen.) 151 flammen. Roman von Wilhelm Hegeler. Nach langem Schweigen sagte endlich Marie Luise: „Ja, Sie sprechen so und dürfen so sprechen, weil Sie ein Mann sind." „Sollte nicht jeder Mensch so sprechen?" „Nein, denn die Frau gestaltet sich nicht ihr Leben selbst. Sie nimmt es hin. Und sie muß dankbar sein, wenn eine gütige Hand es ihr gestaltet." Grabaus war stehen geblieben, und wie versunken auf den dunklen Seespiegel blickend, aus dessen Tiefe Silberfunken aufzutauchen schienen, sagte er: „Ach, gnädige Frau— wir sehen uns wohl kaum wieder. Da sollten wir in den wenigen Augenblicken nichts verschweigen. — Was ich eben gesagt habe— das alles-- vor einer Stunde, da habe ich noch die menschliche Gesellschaft verflucht. Da sehnte ich mich nach Einsamkeit— wie Sie. Denn die Einsamkeit ist ja so gut. Man wird frei und stark. Und doch— man wird auch arm. Mau glaubt nicht, weil man nicht sieht. Die Tür, die nie geöffnet wird, geht knarrig in der Angel. Und das Herz, das sich nicht immer wieder öffnet, schrumpft zusammen. Es ist leer und doch kein Platz darin." Er schwieg. Und nun Marie Luise anschauend, fuhr er fort mit einer Stimme, als wenn nicht er spräche, sondern etwas Stärkeres in ihm: „Auf eines kommt alles an, gnädige Frau: daß man die rechte Stunde und den rechten Menschen findet. Eine Stunde dieses flüchtige Ding— das kann zum ewigen Stern werden, der unser ganzes Leben erhellt." Sie antwortete nicht, ging auch nicht weiter. Schweigend standen sie einander gegenüber, ohne sich anzusehen, bis der übrige Teil der Gesellschaft zu ihnen stieß. Und als man bald darauf Abschied nahm, gab Marie Luise ihm stumm die Hand. 5. Grabaus hatte von seiner Frau einen Brief erhalten, daß zu Hause alle wohlauf wären. Gleichzeitig aber äußerte Frau Konstanze ihr Erstaunen darüber, daß er noch nicht ge- schrieben hätte, wie es ihrer Mutter und ihren Schwestern ginge. Er wäre doch hoffentlich gleich nach seiner Ankunft dort gewesen. Nun hatte Grabaus diesen ihm unangenehmen Besuch an- fangs verschoben und später einfach vergessen. Jetzt aber mußte er ihn schleunigst nachholen. Sein Schwiegervater, der königliche Hofopernsänger, oder vielmehr seine Schwiegermutter, Frau Konstanze Buchbinder — denn der Gatte kam eigentlich kaum in Betracht— wohnte am Schöneberger Ufer. Sic besaß nicht nur selbst vier Töchter, von denen nur die älteste verheiratet war, sondern hatte auch stets einige Töchter aus gut situierten Familien aus der Provinz in Pension, die Musik, Malerei oder sonstwas studierten oder sich einfach einen Winter über in Berlin amüsieren wollten. So war das Haus immer voller Damen. Der ehemalige Opernsänger war nahe an sechzig, ein auf- gcschivemmter, langsamer Herr, mit pustendem Atem und kleinen Aeuglein. Er war gleichzeitig ein Pantoffelheld und ein arger Tyrann. Doch eigentlich gehörte er überhaupt nicht zur Familie, sondern war in diesem Amazonenreich der einzige männliche Pensionär, der allen höchst überflüssig vorkam, auf den man aber eine Menge Rücksichten zu nehmen hatte. Nach- dem er mit glänzenden Aussichten begonnen, war seine Kunst allmählich in Fett und Alltag erstickt. Er brauchte sie nur noch, um den Musik treibenden Pensionärinnen Gesangstunden zu geben und Sonntagabends zum Tanz aufzuspielen. Dies Stundengeld, dazu eine kleine Pension aus irgend einem Fonds waren das einzige, was er zur Bestreitung des Haushalts beitrug. Die ganze Last der Sorgen hatte von jeher auf seiner Frau geruht. Mit neunzehn Jahren ein hübsches Mädchen mit kleiner Mitgift, aber großen sentimentalen Rosinen im Kopf hotte sie den gefeierten Sänger aus reinster Neigung geheiratet. Doch Neigung. Mitgift, Senttmentalität, das alles wurde von der harten Wirklichkeit entsetzlich schnell zermahlen. Fron Konstanze hatte selbst kaum die Kinderschuhe abg�treift, als sie sah, daß der Vater ihrer Kinder ihr größtes Mnd sei. Da er in seinem Künstlerschlendrian alles Geld vertat, hatte sie mit der Not zu kämpfen und nmßte sich endlich entschließen, die Pension einzurichten. Die Töchter wuchsen heran und wurden dank ihrem Einfluß verständige, nüchterne Menschen; die drei älteren, Helene, Frau Grabaus, die zweite und Berta machten ihr Lehrerinnenexamen, während die jüngste, leichtsinnigste und hübscheste, es nur bis zur Kindergärtnerin brachte. Das frühe Sorgen für sich hatte den Mädchen eine vorzeitige Selb- ständigkeit gegeben, und wenn sie die Autorität der Mutter noch bis zu einem gewissen Grad anerkannten, für ihren Vater hatten sie nicht den geringsten Respekt. Und dies Gefühl ihrem Vater gegenüber übertrugen sie auf die Männer überhaupt. Sie stellten ihnen zwar eifrig nach, hielten sie im Grunde aber für herzlose, egoistische und etwas untergeordnete Wesen, die kraft Gott weiß welchen Vorurteils eine Macht und Stellung besaßen, welche eigentlich den Frauen gebührt hätte. Für Sonntag mittag hatte Grabaus sich angesagt. Die ganze Gesellschaft saß bereits bei Tisch, in dem langen, schmalen, düsteren Berliner Zimmer. Durch das breite Hoffenster fiel eine traurige, sonnenlose Dämmerung und mischte sich mit dem gelblichen Licht der Hängelampe. Man war bei der Suppe. Der Professor, der sich seine Serviette in den Halskragen ge- steckt und in ihrer ganzen Breite über die Brust gelegt hatte. ließ gerade den Löffel sinken und sagte: „Eure Suppe—" „Was paßt Dir denn an der Suppe nicht?" fragte Frau Konstanze ziemlich unwirsch. „Eure Auguste, die is wohl wieder mal liebeSkrank." „Aber, Papa— Auguste ist doch überhaupt am Ersten gegangen. Die jetzige heißt Lina," korrigierte die jüngste Tochter, Fränzchen, ihren Vater. „Auguste oder Lina, meinste, daS wär'n Unterschied? Das is ganz egal. Jedenfalls habt Ihr die Suppe mal wieder versalzen.— Du, übrigens Heinrich, da is mir doch neulich was Komisches passiert. Das muß ich Dir mal erzählen—" Aber sobald der Professor das Wort erzählen aus- gesprochen hatte, fing seine Frau leise an zu summen, was ein Zeichen war. daß er aufhören sollte. Denn oft genug waren seine Geschichten für die Ohren der jungen Damen durchaus nicht geeignet. Sie wackelte unruhig mit dem Kopf und machte kaum hörbar„Sm— smm," als wenn sie eine kleine Fliege nach- ahmte. „Da ging ich neulich die Potsdamerstraße lang und will mal rüber—■ weißte, da bei Loeser u. Wölfs. Aber kaum bin ich mitten drin zwischen den Fuhrwerken, als mir doch ein Droschkenkutscher mit seiner Deichsel in den Rücken fährt. Ich mich umgedreht und sage:„Kerl, glauben Sie denn, ich hab'n eisernes Kreuz aufm Buckel?" Das war doch Geistes- gegenwart, was? Kennste übrigens—" Aber jetzt war aus der kleinen Fliege bereits ein großer Brummer geworden. Kennste den Unterschied zwischen'nein eisernen Kreuz und'nem Hauskreuz?" „Summ— summm." „Na, ich erzähl Dir das'n andermal.— Haste nu eigent- lich genug tranchiert, Mama? Sieh mal, das Stück scheint mir ja ganz vernünftig, das könntste mir immer mal geben" Er bekam denn auch das Stück und wurde endlich still. Unten am Tisch saßen die jungen Mädchen, die drei Töchter und vier Pensionärinnen. Lene erzählte von einer Radpartie, die sie am Morgen gemacht hatte. Es war herrlich gewesen. Das Laub der Eichbäume an der Beelitzhofer Chaussee hatte in der Sonne so goldig geschienen. Dabei waren sie ein Tempo gefahren— himmlisch! „War denn Hornemann mit?" fragte Berta, die zweit- jüngste. „Selbstredend." „Wieso denn selbstredend? Er hätte doch verhindert fem können." �_.., „Na weihte," erwiderte Lene vorwurfsvoll.„Er und xcy, wir sind Wette gefahren. Aber ich kann Euch sagen, Kinder. das strengt an. Ich hatte überhaupt keine Puste mehr." Sie lachke mit ihrem breiten, treuherzigen Mund, und ihre schwarzen, gutmütigen Augen funkelten vor Vergnügen. Heute war ihr Lebensschifflein hoch oben, morgen lag es viel- leicht tief unten— das wechselte ab, je nachdem der Mann, den sie gerade liebte, ihr oder einer anderen den Hof machte. „Radelst Du auch?" fragte Grabaus seine Schwägerin Berta. „Radeln?— Nein!" entgegnete diese mit dünnem Lächeln. „Sie hat Angst, es könnte ihre Figur verderben," sagte Fränzchen schnell, mit ihrer Backfischfrechheit. Erstens das. Und zweitens finde ich es überhaupt un- weiblich." „Du kannst es bloß nicht. Das ist der ganze Witz," meinte Lene. „Ach— wirklich? Als ob sich Herr Grabowsky nicht schon zehnmal erboten hätte, es mich zu lehren. Aber ich mag einfach nicht. Ueberhaupt ist das Radeln für Damen schon längst aus der Mode." „Wer ist denn Herr Grabowsky?" „Herr Grabowsky ist ein sehr netter und gediegener Mann." erklärte Frau Buchbinder ihrem Schwiegersohn. „Assistent vom Hofrat Lechner. Du wirst ihn heut abend kennen lernen. „Wie kann man sich nur für einen Zahnarzt inter- essieren?" sagte Lene kopfschüttelnd. „Warum nicht? Nicht wabr, Fräulein Niekchen?" Mit etwas boshaftem Lächeln wandte Berta sich dabei an eine Pensionärin, eine ziemlich häßliche Holsteinerin. Diese wurde rot und lachte verlegen, wobei sie ihre Zähne zeigte, die krumm und schief wie ein alter Staketenzaun standen. „Es kommt doch gar nicht darauf an, was einer ist, sondern wie er ist." „Ich dachte: was er hat," meinte Fränzchen. „Das sind ja nette Ansichten!" sagte Grabaus halb scherz- hast, halb entrüstet. ' Ach, Fränzchen, erklärten nun die anderen Schwestern, die ließ sich überhaupt kein x für ein u machen, die dachte ganz modern, ganz amerikanisch. „Na, Kinder, ist doch auch wahr, von Luft und Liebe kann man nicht existieren. Wenn ich als Frau auch noch pekuniäre Sorgen habe» sollte— I" Fränzchens schnippisches Backfischgesicht war plötzlich ganz ernsthaft geworden, förmlich entrüstet über eine solche Zu- mutung. „Tja,'ne Vorderwohnnng von fünf Zimmern im Westen — drunter tun wir's überhaupt nicht. Was, Fränze?" meinte Berta. „Elektrische Beleuchtung muß auch dabei sei».— Ach, elektrisches Licht überm Bett haben— zu himmlisch!" „Ne, nun seht bloß die Jöhre!" Ter alte Herr prustete förmlich vor Lachen.„Wer neben ihr im Bette liegt, das—" „Sum— summ— summm—" Das war schon keine Hummel mehr, fondern ein brummender Bär. Auch die jungen Mädchen taten sehr chokiert und saßen alle mit ernsten, steifen Gesichtern da. Es dauerte eine ganze Weile, ehe die Unterhaltung wieder in Gang kam. Nach dem Essen plauderte Grabaus eine ruhige Stunde mit feiner Schwiegermutter. Nachdem er ihr Interesse an Frau und Kindern befriedigt hatte, brachte sie von selbst das Gespräch auf künstlerische Dinge. Denn in einem verborgenen Fleckchen ihrer sorgenerfüllten Seele lebte noch immer die Sehnsucht und die Freude an der Kunst. Sie hatte kein Geld, Theater. Konzerte oder Ausstellungen zu besuchen, keine Zeit, Bücher zu lesen, aber sie liebte doch, wenigstens davon zu hören und darüber zu sprechen. Gegen Abend tauchten die jungen Mädchen wieder auf, die sich inzwischen wieder umgekleidet hatten. Lind dann dauerte es nicht lange, da begann die Schelle fast ununter- brochen zu gehen, und ein junger Herr nach dem anderen trat ein. Wie fast jeden Sonntagabend gab es zum Anfang musikalische Vorträge, denn die gesangesfreudigen Pen- sionärinnen wollten natürlich ihre Fortschritte zeigen. Dann wurde Tee und Butterbrot gereicht. Tarauf begann der Tanz. In wunderlicher Stimmung saß Grabaus auf seinem ein- amen Stuhl und fchaute dem Auf- und Niederwogen zu. In eine Gedanken an Marie Luise, in seine hohe, reine Stimmung, die wie träumerisches Ruhen unter funkelndem Sternenhimmel, an tiefen, blinkenden Wassern war, wie Schweben in stiller Klarheit, wie Klingen derselben milden, holden Melodie— in diese weltferne Stimmung mischten sich erst leise, dann stärker und stärker Erinnerungen längst der- gangener Zeiten. Lebendig wurden die Sonntagsabende, die auch er hier als Student verbracht hatte. War heute nicht alles wie einst? Der alte Mime am Klavier, Tänze paukend. und am kurzen Stummel einer erloschenen Zigarre saugend, und Frau Buchbinder, die immer ängstlich hin und her eilte, wie eine Gluckhenne um ihre Küchlein, das Dienstmädchen. das abwechselnd ein Tablett voller Gläser mit Bier und Selterswasser hereintrug. Und die Gäste! Dieser Herr Grabowsky! War nicht auch damals ein eleganter, melancholi- scher Zahnarzt umhergeirrt, mit so elegischem Gesicht, als wenn er alles Weh, das seine Patienten je ausgestanden hatten, nachempfände? Und die beiden Einjährigen, die immer zu- sammen tuschelten und sich von Zeit zu Zeit den Schweiß von der Stirn trockneten. l Fortsetzung folgt. X (Nachdruck verboten.) Marendäuser in alter �eit. Unter den mancherlei neuzeitlichen Erscheinungen des sozialen Lebens spielt bekanntlich auch das.Warenhaus' eine hervorragende Rolle. Wollte man jedoch diese großen Bazare als eine spezielle Errungenschast unseres Zeitalters ansehen, so wäre das ein Irrtum. Vielmehr gilt das Wort des weisen Ben Akiba— wenn anch mit gewissen Einschränkungen— auch auf diesem Gebiete. Kauf- und Warenhäuser kannte man nämlich bereits in früheren Jahrhunderlen, jedoch war ihre Bedeutung, Gestalt und Einrichtung eine Ivescntlich andere als heutzutage. Mischer schreibt in seiner„Geschichte des deutschen Handels" von 1792:„ES war bei den Deutschen seit den ältesten Zeiten im Gebrauche, in jeder Handelsstadt ein öffentliches Kaufhaus an dem Marktplatze zu erbauen, dem sie allerlei Namen, als: die Wage, der Packhosi die Halle, der Stahlhof, das Kontor gaben, und einige Rechtsgelehrte haben die Existenz eines solchen Gebäudes für den Beweis an- genommen, daß ein solcher Ort im allgemeinen Handelsplatz (emporhun) gewesen wäre. Sie sagen, ein solches Gebäude sei nicht allein das Rathaus gewesen, sondern das öffentliche Versammlungshaus der Kaufleute und zugleich der gemeine Stapelplatz und die Niederlage, wo allerlei Gewerbe betrieben und alle Gattungen von Waren, besonders über See und aus den Strömen zusammengeführt und täglich abgesetzt worden wären. Wenn der- möge kaiserlicher oder landesherrlicher Verleihung eine Stadt mit dergleichen Gebäuden versehen war, so hielten sie dieselbe für ein Gmporium und sprachen ihr das jus emporii zu." Nun, diese interessante Notiz ist nicht stei von mancherlei Ver- Wechselungen. F scher hat zunächst die ehemaligen Kauffahrerhöfe im Sinne, die hier und da im Auslande von deutschen Kaufleuten angelegt wurden als kräftige Stützpunkte ihrer kommerziellen Unternehmungen. Weil nämlich der Handel in früheren Zeiten weit mehr als heutzutage die persönliche Teilnahme des Kaufherrn erheise�te, so bedurfte dieser nicht nur einer größeren Niederlage für seme Ware,?, sondern in Ermangelung von passenden Herbergen auch eines Gebäudes, in dem er für die Dauer seines Aufenthaltes Quartier nehmen konnte. Beiden Zwecken dienten eben jene mittelalterlichen Kauffahrerhöfe, in denen die buntgestaltigen Warenballe» abgeladen wurden, mn dann in den zahlreichen Speichern und Kellern der magazinartigen Halle untergebracht und dann daselbst verkauft zu werden. Im europäischen Norden waren„der deutsche Hos" zu Nowgorod, das sogenannte„Kontor" zu Brügge und die bereits Anno IIb? von Kölner Kaufleuten erbaute.Gildehalle" zu London am be- deutendsten, während im Süden der hansische Hof in Venedig als „?ouäaoo ckoi Dsäsoein" bezeichnet, viel von sich reden machte. Seine Borbilder befanden sich im fernen Orient und waren große, mehrstöckige Bauten mit burgartiger Befestigung, deren geräumige Kammern oder Gewölbe abendländischen Kauf- lenken gegen einen gewisien Mietzins pachtweise seitens der zuständigen Regierung überlassen wurden. Diese westasiatischen Empörten belegte man im einzelnen mit der Bezeichnung„kouckaoti", was soviel wie Magazin. Bude. Gasthaus usw. bedeutet, und zwar entsprach ein solch vorübergehend ausgesuchtes KaufmannSheim etwa dem heutigen Hotel, das vorwiegend von Handlungsreisenden in Anspruch genonimeu wird. Venedigs k'oockaoo enthielt außer zahl- reichen Lagerräumen und KaufmannSläden die Wohnungen für deutsche Handlungsherren und diente zugleich als Herberge für Reisende und Pilger. Dieses venezianische Magazin war so dicht mit Waren aller Art angefüllt, daß es angeblich die Bedürfnisse von ganz Italien zu befriedigen vermochte. Während deS Monats Januar 1511 z. B. hatten deutsche Großhändler in Venedig für 140000 Dukaten Spezereien, Zucker und andere Waren angekauft. Gegenstände der Ausfuhr nach Deutschland waren hauptsächlich Gewürz«: Feigen und allerhand Südfrüchte, Pfeffer, seidene Tücher und Decken, sowie kostbare Gewebe auS Seide und Goldfäden. Dagegen brachten deutsche Händler dorthin außer der metallischen Ausbeute ihrer Bergwerke auch Leder, Hornwaren, wollene Zeuge, Leinwand und Pelzwerk. Ein deutscher Pilger, der im Jahre 1497 in der Venediger Warenhalle logiert hatte, berichtet:„Die Kausleute erzählten mir. daß dieses Kaufhaus täglich der Herrschaft von Venedig an Zoll und Abgaben lOV Dukaten freies Geld einbringe, abgesehen von allen Waren, welche dort gekauft und gut bezahlt würden." Grundverschieden von dieser oder jener ausländischen„Faktorei" alten Stils war jedoch„ein öffentliches Kaufhaus an dem Markt- platze"— um mit Fischer zu reden—, wie es zu mittelalterlichen Zeiten fast in jeder besseren Stadt anzutreffen war. ES entbehrte einmal deS oben gedachten HerbcrgscharakterS und war außerdem nicht den fremden Kommerzien gewidmet, sondern bildete eine be- sondere Einrichtung zur schnelleren Erledigung des damaligen größeren Binnenhandels und diente gleichzeitig als Ver- fammlungslokal der einheimischen Kaufleute. Weil unter diesen ehemals die Tuch- und Schnitwarenhändler sAs-wimtsaicksr) an Rang und Reichtum hervorragten, so hieß das zünftige Gebäude meist„Gewandhaus", z. B. in Leipzig, wo heute noch die Gewandhauskonzerte berühmt sind. Normale städtische Kaufhäuser zerfielen in der Regel in zwei Stockwerke, deren jedes sich aus einer Anzahl„Kammern" zusammensetzte, doch war in manchem.�svant- hüse" auch wohl ein ungeteilter Raum zu finden, die sogenannte „Halle", in der den dabei in Betracht kommenden„Geschäftsleuten" bestimmte Verkaufsplätze angewiesen waren, denn in den an- grenzende» Lagerräumen befanden sich stets allerhand„Artikel" für den regen Ab- und Umsatz aufgespeichert. Anfänglich baute man diese geräumigen Kauf- und Warenhäuser, die schon für das 13. Jahrhundert nachweisbar sind, überall auf Herr- schaftlichen Grund und Boden, denn wie der mittelalterliche Stadtherr schon in karolingischer Zeit oft als Eigentümer des Marttes erscheint und von den herbeigezogenen Verkäufern einen gewissen Zins er- hob— noch heute heimst der stets bedürftige Stadtsäckel das so- genmmte„Standgeld" der Markthändler ein— so begegnet er uns auch einige Jahrhunderte später meist als Besitzer des öffentlichen Kaufhauses. In einer so ansehnlichen Stadt wie Halle a. S. ist es erst Anno 1323 in die Hand der kommunalen Behörde übergegangen. wie überhaupt um diese Zeit so manche Verlaufshalle auf Kosten der Bürgerschaft entstand— das aufgewendete Kapital wurde durch den ständig erhobenen„Grundzins" wieder gedeckt—, wobei aber die gewerblichen Koichorattonen schon als besonders dabei interessierte Konkurrenten mit ihnen auf den Plan traten. Natürlich handelte es sich nicht ausschließlich um großartig angelegte„Tuchhallen", wie z. B. in Brügge(1234), Löwen<1317) oder Mecheln(1340), sondern mau errichtete auch wohl ein„Leinwandhaus"— Breslau vermochte noch vor etwa 40 Jahren ein solches aufzuweisen—. ein „Schuhhaus"(Nürnberg), ein„Waidhaus"(Görlitz) und neben Brot- und Schlachthäusern auch häufig ein Getreidemagazin oder„Korn- haus"(Bern). Zuweilen bildeten auch das Rathaus und das Kauf- aus ein und dasselbe Gebäude, so in Bremen von 1229 bis ins 5. Jahrhundert hinein, und in Hagen; ja, in Liegnitz waren Rat-, Kauf- und Tanzhaus unter einem Dache vereinigt. Wurde doch überhaupt in den öffentlichen Kaufhäusern, die auch fremden Händlern gegen Entrichtung des festgesetzten Standgeldes zugänglich waren, nur unter ständiger Aufficht des städtischen Rates der übliche Ver- schleiß gestattet, und noch manche„Wage" in der unmittelbaren Nähe alter Rathäuser zeugt deutlich von der ehemaligen kaufmännischen Betriebsamkeit an dieser heute weniger lebhasten Stätte. Für den eigentlichen„Krämer", der sich in mittelalterlichen Tagen streng vom Großkaufmann unterschied, war damals der gegenwärtig noch sehr bekannte Laden oder„Gadem" erforderlich, deirn mit dem sogenannten„Kleinhandel" durste sich niemand im öffentlichen Kaufhäuse befassen. Nach alten Bildern zu urteilen, war der ehemalige Krämerladen weit einfacher als der letzige: das Gewölbe schloffen gegen die Straße zwei horizontale Holzflügel ab. von denen im geöffneten Zustande der eine nach unten fiel und bei horizontaler Lage sogleich den geeigneten Platz zum Ausbreiten der feilzubietenden Waren bot, während der andere, oben befestigt, hin- reichenden Schutz gegen ungünstige Witterung gewährte. Das obere Stockwerk— ein weiteres hatte dieses Kaufhaus„im verjüngten Maßstäbe' nicht aufzuweiten— sprang überdies ebenfalls dachartig hervor. War dieser Vorbau noch auf besondere Säulen gestützt, so entstanden die nach italienischen Mustern eingerichteten „Lauben", wie sie hier und da heute noch erhalten sind. Geringere Krämer besaßen nur stehende Buden, mit denen sie sich überall, wo der Verkehr stärker flutete, irgendwo einnisteten, um das RathauS herum, zwischen den Pfeilern der Kirche, an den Brücken- eingängen und ähnlichen Stellen. Größere Städte hatten auch wohl besondere.Krämerstraßen" oder Plätze„unter den Krämern" auf- ? uweisen, die mit ihren feststehenden Kaufhäusern geringeren Um- anges einen ständigen Jahnnarkt bildeten, wie zum Beispiel in Erfurt auf der.Krämerbrücke". Daß es nn 13. Jahr- fiunbert auf dieser schon recht bunt herging, berichtet Pro- effor Alfted Kirchner mit folgenden Worten:„Wonach sich unser Herz sehnt, hier können wir es haben, und das Seltenste, das Fernste zuerst. Fremde Tuchstoffe, Berwer und Dirdendei, Samt und Seide gibt es sowie duftige Spezereien, Wachs, süßer Kandit, Zuckermehl und Muskattn, Büchsen mit Pfeffer, Safran und Ingwer, und was mag noch alles im Hintergrund der dunkele» Gewölbe verborgen sein! Ist e« doch hie und da, als wenn des Orients Schätze aus dem Füllhorn eines Zauberers ausgeschüttet werden, so liegt es voll von Schmucksachen aller Art. von blinkenden Steinen und Korallen, buntfarbigem Glasschmuck und echten Perlen. Schöne Verkäuferinnen setzen uns durch ihre phantastische Kleidung und überreichen Geschmeide auf den Bazar der fernsten Lande, und schüchterne Sprödigkeit ist ihr Fehler nicht, indem sie ihre Kostbarkeiten der neugierigen Welt. die hier ohne Unterlatz die Brücke auf- und niederzieht, laut an- preisen."— F. K u n z-. kleines Feuilleton. m. Rückgratsverftümmungrn der Schulkinder. Die Rückgrats» Verkrümmung ist eine der häufigsten gesundheitlichen Schädigungen. die wir an Kindern beobachten. Im allgemeinen macht man sich keine rechte Vorstellung von ihrer Verbreitung; eS ist deshalb nötig, einige Zahlen anzuführen. Dr. Eduard Ouirsfeld in Rumburg, der im Verlaufe von mehreren Jahren nahezu 8000 Schulkinder sehr genau untersucht hat, macht folgende Angaben: beim Schulantritt hatten nur 63,85 Proz. der Knaben und 67,92 Proz. der Mädchen eine normale Wirbelsäule; alle anderen waren mehr oder weniger schief gewachsen. Nun weiß man seit langer Zeit, datz die Hauptursache der Wirbelsäulenverkrümmung in einer allgemeinen Schwäche deS Körpers zu suchen ist. Aber die außerordentliche Häufigkeit dieser Lageveränderung der Wirbelsäule drängt doch immer wieder zur Untersuchmig der Frage, ob nicht auch noch andere Ursachen mit- wirken. Das ist um so wahrscheinlicher, als sich herausgestellt hat, daß neben muskelschwachen Mädchen gerade die muskelstarken Knaben sehr oft unter Skoliose(Rückgratverkrümmung) leiden. Dazu bemerkt Dr. Ouirsfeld erklärend, datz jeder Arzt die Beobachtung machen könne, wie die Pflegepersonen alle schwachen Kinder, aber auch gerade die muskelftäftigen Knaben ausschließlich auf dem linken Arm ftagen, um sich die rechte Hand zur Arbeit ftei- zuhalten; das Kind liegt dann in der Regel mit seinem Kopf auf der Brust der Pflegeperson und sein Körper beschreibt nach außen einen leichten Bogen. Dieses stete Tragen der Kinder auf einem Arm ist die Ursache vieler Fälle von Skoliose.„Es genügt nicht, zu sagen, das Knochengerüst des KindeS ist zu schwach, daher milffen Skoliose» entstehen. Hier wird ent- schieden Ursache und Wirkung verwechselt: Besserung der sozialen Verhältnisse, Jnslebenrufen von Krippen in allen größeren Orten, Belehrung der Bevölkerung über Kindererziehung und Kinder- ernährung— und die Skoliose ist zur Seltenheit gemacht!" Gegen diese Darlegungen wird sich nicht? enuvenden lassen; sie stimmen durchaus mit denen anderer Aerzte überein. Aber Dr. Quirs- seid vergißt, wie alle anderen Gelehrten, die sich mit der Frage beschäftigt haben, auf einen Punkt besonders aufmerksam zu machen, daö ist auf die Art und Beschaffenheit der nächtlichen Lager- stätten der Kinder. Hätte jedes Kind, wie es aus hygienischen und sittlichen Gründen durchaus zu verlangen wäre, seine eigene Lagerstätte, als die nur ein ordentlich zusammengesetztes und ge- machte« Bett angesehen werden kann, dann würde die Rückgrats- Verkrümmung zweifellos viel seltener auftreten. Aber wie steht eS damit? Der Stuttgarter Stadtarzt Dr. Gastpar hat im Auftrage des Gemeinderates eine Enquete aufgenommen, die sich auch auf die häuslichen Verhältnisse der VolkSsckmlkinder bezog. Dabei ivurde festgestellt, daß 3.6 Proz. der untersuchten Kinder überhaupt nicht in Betten schliefen, sondern sonstwo in der Wohnung, meist auf den»„Sofa". Nicht einmal die Hälfte der Kinder hatte ein eigenes Bett: 5,9 Proz. schliefen bei den Eltern im Bett. 40,6 Proz. schliefen mtt Geschwistern gleichen Geschlechts, 6 Proz. mit Geschwistern anderen Geschlechts zusammen. Fast ein ganzes Prozent der Kinder schlief bei fremden Personen deS gleichen Geschlechts I Da auch noch tvenigstens ein Drittel sämtlicher Kinder in überfüllten Räumen nächttgen mutz, so kann man sich nicht wundern, daß nur 15,7 Proz. allen Anforderungen in gesund- heitlicher Beziehung entsprachen, während die anderen 84,3 Proz. irgend einen gesundheitlichen Schaden hatten! Unter diesen Schäden steht die Rachitis mit 44,2 Proz. obenan; bei diesen rachitischen Kindern ist die Gefahr der Rückgratsverlrümmung ohne weiteres gegeben. Die schauerlichen Wohnungsverhältnisse des Proletariats ver- wüsten geradezu die Gesundheit des heranwachsenden Geschlechtes! Sie nöttgen es. die Nachtruhe in Formen zu suchen, die nicht dazu dienen können, den Körper nawrgemäß zu entwickeln, sondern geradezu Mißbildungen herbeiführen. Daher müssen wir immer und immer wieder auf Verbesserungen im Wohnungswesen drängen.— Kunstgewerbe. vs. A u S st e l l u n g neuer Wohnräume bei Wertheim. Unter Leitung von Prof. C. Stoeving findet bei Wertheim eine Aus- stellung neuer Wohnräume und neuen Krinstgewerbes statt. Eine ganze Reihe von Künstlern sind daran beteiligt. Eigentlich haftet solcher Ausstellung immer etwas Zufälliges an, das bei einem Warenhaus beinahe WeNlosigkeit wird. Diese Zimmer sind alle mit einem großen Aufwand an Kosten hergestellt. Was soll ein Waren« Haus mit so teueren Sachen? Das Ziel wäre, gerade billige, moderne und gute Sachen herzustellen, da könnte das Warenhaus etwas tun. Es müßte gerade gezeigt werden, daß höchste Einfachheit, Bequem« lichkeit und Billigkeit sich verbinden läßt, und datz ein so angeferttgteS Stück auch schön ist. Die Formen dürfen nicht überladen fem. dls Farben sich nicht willkürlich vordrängen und da« Arrangement dürfte nicht so künstlich sein. Ohne viel Schwierigkeit mutzte eine Herstellung in der Fabrik für Massenbedarf möglich sein. Der Stil mützte sich danach richten. und nach diesen Gesichts- punkten lietze sich wohl etwas Brauchbares schaffe». So aber wird man daZ Gefühl nicht los, dntz diese Jnuenräume wohl ganz nett anzusehen sind, aber ihren Schöpfern nicht erhebliche Ehre'machen. Den» man denkt zugleich, wenn jemand so aus- schließlich sich mit Wohnungskunst beschäftigt, mützte Besseres, Brauchbareres herauskommen. Ost aber ersetzt Prätension und Künstelei die vernünftige Tätigkeit, und man kommt zu der Ansicht, ohne den Künstler, der seine Gegenwart durch Schnörkel und Ornamente und ivillkürliche Zutaten bekunden zu müssen glaubt. würde es besser gehen. Und eS bleibt zu verwundern, datz die Tischlervereinigungen nicht einmal auf die Idee kommen, ihrerseits, vielleicht unter künstlerischer Leitung, denkbar einfache, gute Möbel herzustellen zu billigem Preise, da dann der hohe Aufschlag, den der Künstler auf die Sachen legt, wegfällt. Jedenfalls ist schon jetzt zu sagen, datz der Erfolg dem zusallen wird, dem eS gelingt, zu billigem Preise moderne Möbel anfertigen zu lassen. Datz die? möglich ist, daran ist nicht zu zweifeln. Naturgeiuätz mutz dann ans den kostbaren Schmuck verzichtet werden. Aber die Tendenz der künstlerischen Entwickclung geht ja auch dahin, eine Sache, die für den täglichen Gebrauch bestimmt ist, einfach und sachgeniätz zu ge- stalten. Am ehesten erfüllt noch der erste Raum, die Küche von Herm. Haas diese Forderung. Er gibt dem Schränk, dem Tisch eine äußerst praktische und gefällige Form. Die Farbe gelblichbrnun, ist passend und schön. Hier sieht man am ehesten die Einfachhest und Sinngcinätzheil als leitendes Prinzip. All die anderen Räume aber, von Grenender, Huber, Wille, SKieving, Behrens, Koernig, Debschitz, leiden unter einem störenden. unmotivierten Allzuviel an Schmuck und Ornament. Kein Zimmer macht einen klaren, großen, einheitlichen Eindruck. Es sieht alles zusammengesucht, gequält, hingestellt aus. Gerade die Raum- Wirkung fehlt. Weder in Form, noch in Farbe merkt man die ein- heitliche Gestaltung.— Medizinisches. hr. Der Einfluß der Wasserbäder auf die Herzarbeit. Di« Ein- Wirkung der Bäder auf das Herz ist je nach der Temperatur eine grundverschiedene, man kann mit denselben das Herz üben, schonen und kräftigen, man kann dasselbe aber auch schwächen und ein kraukes Herz ernstlich gefährden. Die Wirkung des Bades äußert sich auf den Blutdruck und auf den Puls, sie ist auch abhängig von der Dauer des Bades und von irgendwelchen Zusätzen zu demselben. Im allgemeinen stärken kühle und kalte Bäder das Herz., während heiße Bäder dasselbe erheblich angreifen. Ueber die Einwirkung von Wasscrbädern auf das Herz hat neuerdings Privatdozent Doktor Stratzburger in Bonn im hydrotherapeutischen Institut daselbst inter- cssante Untersuchungen angestellt, deren Ergebnisse für das badende Publikum von hoher Bedeutung sind. Zu Beginn des kalten Bades steigt demnach der Blutdruck an durch Kontraktion der Gefäße, der Puls wird langsam und sehr gleichmäßig, dann erweitern sich wiederum die Gefäße und der Blutdruck sinkt. Im warmen Bad ist die Pulszahl erhöht, bei Bädern von 34— 38 Grad Celsius wird die Herzarbeit während des Bades in bescheidenem Maße vermindert. bei Bädern von 37— 40 Grad in mäßiger Weise vermehrt. Bei Bädern oberhalb 40 Grad wächst die Herzarbeit ganz außerordcnt- lich, weil bei heißen Bädern der Blutdruck erhöht und der Puls erhöht ist. und daher erhebliche Mehrforderungen an das Herz ge- stellt werden. Daher ist besonders Vorsicht mit Schwitzbädern nötig, am mildesten unter diesen sind noch die elektrischen Bäder und die Sandbädcr, weil sie die Schwcißvcrdunstung nicht hindern. Bei kohlensauren Soolbädern wird der Puls während des Bades mehr verlangsamt als bei einfachen Wasserbäderir. Bemerkenswert ist jedoch, daß Dr. Straßburger seine Untersuchungen ausschließlich an gesunden Menschen vorgenommen hat, seine Resultate können also nicht ohne weiteres auf Kranke übertragen werden.— Ans dem Pflanzenleben. kg. Die Bedeutung d e S Milchsaftes in den Pflanzen. Die Frage, ob der in nianchcn Gewächsen vorhandene Milchsast bei der Ernährung eine Rolle spielt, hat vor kurzem H. Kniep in der„Flora"(Bd. 94 S. 120) behandelt. Dieser Saft, wie er zum Beispiel beim Löwenzahn und bei den Wolssnulcharten bekannt ist, wie er aber auch außerdem bei anderen Kopsbllltlern, Mohngewächscn usw. vorkommt, ist in Röhren enthalten, die ähnlich wie andere Leitungsgeiäße die ganze Pslanze durchziehen. Kniep hat nun durch verschiedene Experimente festgestellt, daß die Milch« saftröhren keinen Nahrungssaft leiten. Bei der Feige, bei der Milch- saftröhren im Marke vorkommen, wurde an einer Stelle eines Astes ringsum alles Gewebe bis auf das Mark weggenommen. Unrer den Vorsichtsmaßregeln, die dabei angewendet wurden, hätte die Ennvickeluiig des über der„geringelten" Stelle liegenden AstteileS weitergehen müssen, wenn ihm die Milchröhren im Mark Nahrungsmaterial zugeführt hätten. Allein die Wcitereutivickeliing hörte auf. Nun ist aber merkwürdiger- weise im Safte von WolfSniilcharten Stärke beobachtet worden, und gerade diese Erscheinung hat am meisten zu der Meinung bei- Berantwortl. Ncdalteur: Franz Rrhbem. Berlin.— Druck u. Verlag: ! getragen, datz der Milchsast auch für die Ernährung von Bedeutung ei. Allein eS läßt sich durch Hungerkuren beweisen, daß dem nicht so ist. Wurden solche Pflanzen mit stärkehaltigem Milchsaft im Dunkeln oder in kohlensäurefreier Lust kultiviert oder wurde an ihren Keimlingen das Nährgewebe entfernt, so blieb doch der Stärke» gehakt in den Milchröhren derselbe. Er war also nicht zu Er« nährungszwecken verwandt worden. Es läßt sich auch sonst keine Abgabe von Stärkekörnern aus dem Milchsafte beobachten. Diese müssen also wohl in den Röhren selbst verwendet werden. Außer der Stärke sind keine Nährstoffe im Milchsast enthalten, über« Haupt lonmtt dieser nur in geringer Menge und wie be» merkt, nur bei manchen Pflanzen vor. In der Hauptsache sind es für die Ernährung nutzlose Stoffe, die in dem Milchsaft sich finden, vor allem Gummi. Harze und Alkaloide. Es sind aber auch keine Abfallprodukte, wie sie sich etwa bei dem Stoffwechsel der Pflanze naturgemäß bilden würden. Vielmebr ist aus der reichliche» Verwendung organischen Materials, aus dem der Milchsaft gebildet wird, zu schließen, daß derselbe eine besonders wichtige Bedeutung habe. Und diese ist nach Knieps Ansicht eine zwiefache. Einmal gibt der Milchsast, der bei jeder Verletzung der Pflanze sofort hervordringt, einen guten Wundverschluß ab, und so- dann dient er als Schutz gegen den Tierfraß. Er enthält viele giftige und widrig schmeckenden Stoffe. welche Tiere abschrecken. Durch ein Experiment lonnte diese Bedeutung des Milchsastes gezeigt werden. Eine Wolfsmilchart wurde durcb öfteres Anzapfen im Dunklen frei von Milchsaft gemacht. Die Pflanze wurde nun Acker- schnecken, die sie sonst nicht anrühren, vorgelegt und von ihnen der- zehrt. Es ist merkwürdig, daß in manchen Pflanzeufamilien nur eine oder einige Arten Milchsaftröhren besitzen, während sie den anderen fehlt. Indes kommt es häufig vor, daß diese verwandten Arten Sekretgänge besitzen, deren Absonderung eine ähnliche Be- deutung für die Pflanze hat, wie der Milchsaft.— Humoristisches. — Borsichtig. Junger Doktor:„ES lväre gut, wenn Sie Herrn Mayer nahelegen würden, daß er sein Testaineitt macht." Haushälterin:„O, das hat er schon getan, bevor er Sie hat rufen lassen, Herr Dostor."— — Verlockend. Kunde:„Können Sie mir jetzt einen Zahn ziehen?" Barbier(ingrimmig):„Emen Mord könnt' ich begehen, so wütend bin ich!"— — Schrecklich. Pantoffelheld(verspätet heim- gekommen):„Du kannst mir's glauben, liebe Amanda, ich wäre gern stüher gekommen, aber es guig nicht.— Der Herr Rat nötigte mich so freundlich, noch zu bleiben— aber ich sage Dir: Ich saß wie auf glühenden Kohlen!" „Was sagst Du?— M i t Deinen neuen Hosen?"— („Meggendorfer-Blätter.") Notizen. — Berliner Theaternachrichten.— Die Pacht- Sozietät des Deutschen Theaters hat die Auflösung der Gesellschaft zum 30. Juni beschloffen. Mit der Durchführung der Liquidation ist Paul Lindau betraut worden.— Ernst P i t t s ch a u vom Berliner Theater geht an das Burg-Theater in Wien.— Ferdinand Hell m'e sberger ist für das Opernhaus als Kapellmeister verpflichtet worden.— — I» Rothenburg o. Tauber wird daS historische Fest- spiel„Dieistertrunk" mit darauffolgendem Festzug und Feld- lager wie im vorigen Jahre am Pfingstmontag(12. Juni) zur Aufführung kommen.— — DaS Vermögen desVereins BerlinerKünstler beträgt gegenwärtig 946 877 M.— — Zu dem von der hessischen Regierung ausgeschriebenen Weit« bewerb um mustergültige Baupläne für Arbeiter- Wohnhäuser waren 237 Pläne auS allen Teilen Deutschlands eingeliefert worden. Den ersten Preis(1000 M.) erhielt A r t u r W i n k o o p, Lehrer der Baugewerbeschule in Darmstadt, den zweiten Preis(600 M.) Joseph Rings, stuck, arch. aus Honnef.— — Unter den Barben der Mosel ist die B e u l e n k r a n k h e i t ausgebrochen. Zu ihrer Bekämpfung hat der Landwirtschaftsminister Mittel zur Verfugung gestellt. Die Fischer werden aufgefordert, er« krankte oder verendete Barben, die in ihren Besitz geraten, zu sammelt» und dem Strommeister zu überbringen. Für jeden ein- gelieferten Fisch werden 20 Pf. gezahlt.— — Seit dem vorigen Herbst werden die Veilchenkulturen in verschiedenen Gegenden Sachsens von einer Krankheit heimgesucht. Nach den Untersuchungen HanS NeumannS in Dresden rühren die Auftreibungen, die man an der Pflanze wahrnimmt, von einem Pilze her, dem Veilchen-Stengelbrand.— — Die längste Strecke auf deutschen Bahnen, die ohne Aufenthalt durchfahren wird, ist im Sommerfahrplan di« Strecke Berlin-Hannover mit 263 Kilometer; im Wintersahrplan war es die der bayerischen Staatsbahn Müucheu-Nüruberg mit 198 Kilometer.—____ Vorwärts Buchdruckerci u.VerlagSanstalt Paul Singer LcCo..BerlinLW.