Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 97. Freitag, den 19. Mai. 1905 17t flammen. (Nachdruck verboten.) Roman von Wilhelm Hegeler. „Wissen Sie was, wir gehen in ein Gast! und plaudern noch ein Stündchen," sagte Grabaus zum Bruder Marie Luisens, den er im Geist schon„Bruder Wolf" nannte, so hatte der junge Mensch es ihm angetan.„Es ist doch zu erstaunlich! Gestern lernte ich Ihre Frau Schwester kennen und heute Sie. Dahinter steckt doch mehr. Und das wollen wir ergründen." In dem Lokal saß Wolf von Hellen verträumt und be- fangen Grabaus gegenüber, ebenso stumm, wie er vorhin be- redt gewesen war. Doch jener ließ sich nicht irre inachen. So viel wie diese Puppe Berta hoffte er auch noch zu können. Und seinem warmen, aufrichtigen Freundschaftston gelang es auch bald den Verschlossenen aufzutauen. Erst schüchtern, dann aber mit unaufhaltsamer Macht, als wenn er lange schon nach einem Menschen, dem er sich anvertrauen könnte. Verlangen gehabt hätte, gab Wolf sich ihm hin, erzählte ihm, wie er lebte, woran er litt, womit er kämpfte, was an widerspruchsvollen Kräften in ihm rang. Und mit wachsendem Entzücken nahm Grabaus wahr, welch ein prächtiger, feiner und aufrichtiger Mensch da zum Vorschein kani.£?in Mensch, würdig der Bruder Marie Luisens zu sein. Seit zwei Jahren lebte Wolf von Hellen in Berlin, hatte ursprünglich das harmlos leichtsinnige Studentenleben seiner Bekannten geteilt, bis eines Tages halb der Zufall, halb innerer Drang ihm den Blick für das soziale Ringen der Zeit geöffnet hatte. Und in einer Stunde war er wie umgewandelt worden. Er zog sich aus dem Kreis seiner Bekannten voll- ständig zurück, mietete oben im äußersten Norden in einem Hinterhaus ein Zimmer, dessen nackte Häßlichkeit er jetzt mit wie beschämten und doch so eindringlichen Worten beschrieb, den weißlichen Schimmel an den Wänden, den feuchten Moder- geruch, die sonnenlose Finsternis. Lange Zeit hatte er die früheren Bekannten, die über seine Pläne lachten, ganz ge- mieden, seine Wirtin, eine gnvöhnlichc Arbeiterfrau ohne Kenntnisse, aber mit feinem Empfinden und Bildungsdrang war fast der einzige Mensch gewesen, mit dem er ein Wort wechselte. Ganz wie ein Proletarier lvollte er leben, mit einer i?ahre,. Selbstzerstörungswut bemüht, alles, was vom Sohn aus gutem Hause, von dem im warmen Nest Verhätschelten in ihm steckte, zu zerstören. Riesenhaft erdrückend stand vor ihm der Koloß des Elends, ungeheuer fast wie die Welt selbst, und er selbst fühlte sich so schwach. Wo die Hand anlegen? Wo beginnen? So hatte er über ein Jahr gelebt, aber immer wieder waren Tage gekommen, wo es ihn einfach wie eine wilde Gier packte. Dann lief er hinaus, in den Tiergarten, ins Grüne, ging irgend einem Mädchen nach, dessen Lachen ihm wie Er- lösung klang. Sder er öffnete die geschlossene Kiste, holte ein Buch hervor, und wenn er drin las, dann war es, als wenn mit übermäßiger Gewalt ein anderer Mensch in ihm erwachte, ein unterdrückter, geknechteter Gefangener. Und dann war ihm, als sei dieser Mensch eigentlich er selbst. Im vorigen Winter hatte ein Bekannter ihn in das Buch- bindersche Haus eingeführt. Und diese Abende waren seine einzige Freude, sein Zusammenhang nrit der früher ängstlich gemiedenen Welt. Aber die Fahrten nach dein Westen kamen ihm wie Fahnenflucht vor. Der bessere Rock, den er dann anzog, schien ihm wie ein Raub an anderen. Und immer rang noch unentschieden die Frage, wohin er sich wenden sollte? Immer lauter wurde das Drängen seiner gewaltsam unter- drückten Natur, und doch kämpfte er init bangen Zweifeln, ob sie recht hatte? Ob er ein Recht hatte zum Genuß, zur Freude, in einer Zeit, wo so viele darbten? „Nun," sagte Grabaus,„wenn nian deshalb kein Recht auf Freude haben sollte, weil so viele leiden, dmm müßte die Freude ans alle Ewigkeit ans der Welt verbannt werden. Denn Leid und Elend wird es immer geben, in dieser oder jener Form." „Aber wenn ich mich freuen will, dann muß ich den Jammer vergessen. Und ist das nicht feige, einfach das Auge verschließen und dem Leid entfliehen? „Das kaiin feige sein. Aber es braucht es doch nicht zu sein. Wenn Sie draußen im Freien sind— so einen wunderschönen Somniermorgen stellen Sie sich vor— die Felder prangen gelb und grün— nnm da wissen Sie ganz genau, in dieser selben Stunde wälzen Kranke sich schlaflos in ihrem Bett, erwarten Sterbende den Tod. Wird aber dieser Gedanke die Freudigkeit verbittern, die Sie mit jedem Atemzuge trinken? Sie wissen, auch in dieser Minute gibt es nnend- liches Leid, und müssen sich dennoch freuen. Denn Leiden ist nicht das einzige Prinzip des Lebens, die Freude ist ihm gleichberechtigt. Und der gesunde Mensch muß beides können: das Leid ertragen und das Glück genießen." „Ja, wenn man zum Genuß da wäre." „Ach wo. sondern weil man zum Kmnpf da ist. Weil man seinen Mann stehen soll. Deshalb braucht's Fröhlichkeit. Ich glaube, daß keine Zeit so sehr der fröhlichen Menschen bedürfte wie gerade unsere. Denn nur aus fröhlichem Herzen kommen Schaffenslust und Tatenkraft." Versunken hatte der junge Mensch zuerst Grabaus ange- starrt, bis seine Augen heller und heller glänzten, und er vor Freude ganz errötete. Eine lange Weile schwieg er, dann lagte er: „Das alles— gefühlt Hab ich das ja auch. Ich hab's mir oft gesagt. Aber mir selbst glaubte ich eben nicht.— Ein Jahr wollte ich dort leben. Ganz untertanchen. Die Zeit ist längst vorbei. Und eigentlich warte ich nur auf einen letzten Anstoß. Auf einen Menschen, der— nun eigentlich habe ich immer gehofft, es müßte jemand wie Sie komnien, der mir recht gibt. Ist das nicht merkwürdig, daß ich gerade Sie kennen lerne?" „Ich hab's doch gesagt, es ist mehr als Zufall!" antwortete Grabaus übermütig.„Und dabei habe ich das Gefühl, als hätten wir uns schon längst gekannt, seit langen, langen Zeiten schon. Es gibt eben Stunden, die nicht nach Minuten zählen, und Menschen, die— na, kurz und gut, wenn Sie wollen-- ich möchte gern Ihr Freund sein." „Ob ich will?" fragte Wolf, indem er Grabaus Hand er- griff.„Ach Gott"— und plötzlich gab ein strahlendes Lächeln seinem Gesicht eine frappante Aehnlichkeit mit dem der Schwester—„als ich vorhin von Hause fortging, da wußte ich doch: heute abend passiert mir noch etwas Gutes." Ein langes Stück Weges begleitete Grabaus noch seinen neuen Freund, und als er dann endlich Abschied nehmen wollte, kehrte dieser wieder nut um. Und das wiederholten sie mehrere Male. Immer tauchte etwas Neues ans, über das sie sich aussprechen mußten. Der Morgen begann schon zu grauen, als sie endlich wirklich auseinander gingen. Grabaris hatte dem jungen von Hellen zugeredet, mit seiner alten Wohrnrng auch gleich Berlin selbst zu verlassen. Warum wollte er sich einmauern in dieser Steinwüste, wo es so schwer war, unter dm Millionen ein Paar wirkliche Menschen zu finden? Er forderte ihn auf, mit nach Jena zu kommen. Dort konnte er ihm behülslich sein, wem» Wolf außer seinen juristischen noch andere allgemein wissenschaftliche Kollegs hören wollte. Und diese freudig aufgenommene Anregung war, che sie auseinander gingen, schon zum festen Entschluß geworden. Von der Schwägerin Berta, überhaupt von der Bnchbinderschen Familie hatten die beideil nicht gesprochen. Aber Grabaus hatte das Gefühl, daS fei auch gar nicht nötig, sein Freund würde schon vo» selbst loskommen. Doch etwas anderes erfuhr Grabaus, was ihn höchlichst interessierte. Wolf erzählte ihm, seine Schwester wollte nächsten Sonn- abend mit ihrem Gatten ein Fest im Reichstag besuchen. Grab- aus hatte vorgehabt, schon Dienstag zu reisen. Jetzt aber stand ihm fest, noch zu bleiben und Marie Luise an diesem Abend wenigstens aus der Ferne zu sehen. Und wie er dann in seinem schmalen Hotelbett lag und das Licht ausgeblasen hatte, da war das letzte Bild, das ihn inl dämmernden Halbtraum umschwebte: ein marmorner weiter Saal, Menschengedränge, Musik und funkelnde Lichter. In der Menge die Schönste aber, die Strahlendste, in der aller Glanz, alle Schönheit zusammenfloß: Marie Luise. Und ev selbst, hinter eine Säule gelehnt, in ihrem Anschauen ver- loren— wie ein armer Bengel, der von der dunklen Straße draußen den hellen Festglanz mitgenießt, sehnsuchtverzchrt, dem Weinen nah und doch erfüllt von heißem Glück. 0. Nm nächsten Morgen erhielt Grabaus diesen Brief: «Lieber Freund, kommen Sie bitte heut nachmittag zum jtee. Ich bin von allen verlassen und totunglücklich� Gruß. Ihre Maggie Thön.— Bitte, bitte! Kommen Sie bestimmt." Gegen fünf Uhr fuhr Grabaus also in die Neustädtische Kirchstraße. Auf sein Schellen öffnete Marjischka vorsichtig einen Türspalt und ließ ihn erst, nachdem sie ihn mit ihrem mißtrauischen Zigeunergesicht prüfend betrachtet hatte, ein- treten. „Ach, Sie sind's!— Ich werd's dem gnädjen Fräulein sagen, daß Sie gekommen sind. Dann wird sie vielleicht auf- stehen." „Liegt sie denn zu Bett?" „Seit zwei Tagen. Sie will überhaupt nicht mehr auf- stehen. Sie sagt: Wozu? Der Doktor war auch schon da." „Ist sie denn krank?" „Nu, krank nich jrade. Sie hat Herzkrämpfe gehabt. Der Doktor sagt,'s Herz wäre ganz jesund. Nur zu sehr strapßiert. LZ ja kein Wunder." (Fortsetzung folgt.x (Nachdruck verboten.) Von Paris nack kUxclorf. Von Wilhelm Holzamer. Auch so was ist möglich. Unter Umständen sogar lustig. Und auch nützlich kann es sein. Aber es seien des Lebens holde Möglich- leiten nicht mit Nützlichkeiten belastet. Besonders zur„schönen Maien- zeit, wo alle Knospen sprangen" und— Rixdorf für ein paar Stunden lang des Lebens Ziel und Ende geworden ist. Manchmal gerät der Mensch auf die schiefe Ebene und weiß nicht wie. Und ist nian dann einmal ins Rutschen geraten, so rutscht man mit Jugend-Bubenlust weiter. Alles wiederholt sich. im Leben. Als Buben haben wir bei diesen Rutschpartien unsere Hosen am Treppengeländer des Schulhauses und unsere Stiefelsohlen auf den roten Sandsteinplatten des Viaduktes hängen gelassen. WaS uns jetzt dabei hängen bleibt, nun, das weiß jeder. Es gilt uns weit mehr: aber schließlich, im ganzen genommen, mehr wert als«in Hosenhintern und ein paar Stiefel- johlen ist's auch nicht. Und Schuster und Schneider wollen auch leben— und alles läßt sich flicken. Von Paris reißt man sich los wie von einer Geliebten..Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe." Da hilft die reinlichste Klassikerreinigung nichts. Es ist ein verteufeltes Nest, Paris. Es tut einem immer wieder die Arme auf. Und immer wieder sinkt man hinein. Ich schlage drei große Kreuze. Und es ist doch nur ein Abschied auf Zeit, nicht auf Ewigkeit. Aber es hat mir einmal einer gesagt, es ist schwerer— in der Liebe— einen Abschied auf Wochen als auf immer zu nehmen. Er mag recht haben. Paris ist aber die Stadt der Liebe. Im ganz schamhaften Sinne ebenso wie im schamlosesten.(Aber andere Städte sollen in der Schamlosig- keit noch schlimmer sein!) Ich spreche von der Liebe im schamhaften Sinne. In den Champs Elysees blühen die Kastanien, die mit den weißen, hohen Kerzen und den großen, hohen Kronen, blühen die Tulpenbäume und die Rhododendron, blühen die Narzisien und Hyazinthen und Tulpen, die Vergißmeinnicht und Sttef- Mütterchen, blüht die Schönheit. Hier sind sogar die Menschen schön, die allüberall— ich spreche nicht von Berlin besonders— so häßlich sind. Hier sind die Kinder so schön und die Ammen, die Damen und die Auchdamen— hier ist die Lust erstillt von Dust und Schönheit, von Grazie und Glanz, von Buntheit und Leuchten, und hier ist das Leben Fülle in Vildhaftig- keit und Bildkräftigkeit und überraschendem Bildlvechsel. Und hier wird man von Vielen einer und gehört zum Ganzen, und hier ist man allein unter Vielen, ein genießender Beobachter und hält den Bettler am Wege reicher als alle Reichen in der Welt— anderswo. Die Geliebte Paris blickt mit ihren schönsten Blicken, die funkeln und wachsen und leuchten und glühen und ruhen auf dir, wie in Reinheit, wie in Wahrheit, wie in Innigkeit. Und du glaubst an sie und sie halten dich fest... Es sind die Straßen der Arbeit. Sie sind voller Winkel und Ecken, voller Düster und Verborgenheit. Unheimlich, häßlich, ab- stoßend. Und du willst ihnen entfliehen. Aber sie halten dich fest. Sie sehen dich an mit traurigen Augen und fordern dein Mit« leid, deine Hülfe, deinen Zorn. Sie beleidigen deine menschliche Würde und du klagst sie an bei der Würde der Menschheit. Sie Snd wie Gift und Wunden, sie find ivie Brandmal und Schande. nd du bist machtlos und trostlos, und hast nicht Wort, nicht Tat, nur Verachtung und Haß, nur Leid und Ekel. Du willst ihnen ent- fliehen, und sie fragen dich warum. Und sie haben noch tausend andere fragen und Rätsel, um dich, um die Einrichtungen der Welt, um das eben. Fragen alle nur um sie selbst, Fragen, die daS Schwerste enthalten und Gröbste, das Feinste und Innigste, das Unheimlichste und schönste, Fragen von Menschenrecht und Menschlichkeit. Und die Großstadt tut thre traurigen, düsteren Augen aus und sieht dich nur an— rührt nicht Arm, nicht Finger nach dir und hält dich doch fest. Sie wird deine verachtete, sündige Geliebte— und wirst dich hin und her zwischen deiner und ihrer Schuld und stößt dich von sich und hält dich dennoch fest. Schmerzlich fest. Mit harten. schweren Ketten. Wo du dich losreißest von der Schönheit, bleibt dir ein Traum, der wie die Einnerungen der Jugend dich begleitet. Wo du ich vom Elend lösest, bleibt dir eine Erkenntnis, die dir"wie ein Brand- und Sklavenmal aufgedrückt ist, daß du unter ihr leidest... Und du gehst über die belebten Boulevards, wo die Menschen sich drängen, und die Ereignisse des Lebens aus aller Welt verkündet werden. Du meinst den Herzschlag dieses großen Organismus zu belauschen, der nur Geschäft ist und Geschäftigkeit, Wissen und Wollen, Streben und Wettlauf, in jedem Sinne, im geistigen wie materiellen und du fühlst dich mit eingeschaltet in diesem Kreislauf und fühlst dich genährt und belebt von diesem Pulsschlag und meinst, du müßtest leblos werden und erstarren, wenn du dich von ihm entfernen und lösen wolltest. Und Paris wird eine reife Frau, die alles gewähren kann, was du von ihr forderst. die alles besitzt, an Reiz und Reichtum, was du auch von ihr fordern mögest— und die so viel zu geben und zu gewähren vermag, als ob sie eine Mutter wäre. die dich wie ein Kind an ihre Brust nimmt. Aber es ist nicht immer nährende Kraft in dieser Brust— oft ist sie leer, und oft ist Gift in ihr. Aber eS ist eine Mutterbrust, und wir sind Kinder... Draußen weint die Nacht. Diese Riesenraupe Eisenbahn kriecht durch sie hin. Ihre tausend Augen starren in das Dunkel. Sie zieht sich zusammen und streckt sich, sie schnauft und pustet— und überstteckt mit einem Male Meilen und Meilen. Ein Priester betet sein Brevier, ein alter grauer Jude nickt müde ein, eine fleine Bonne blättert ihr Fahrscheinheft nach Warschau durch und zuckt dann und wann schmerzhast zusammen, weil sie zu enge Stiefel an hat, und die beengten Füße die Nachtbeqnemlichkeit fordern. Zwei Belgier welschen ihren Dialekt, und eine Frau ißt Apfelsinen und Kuchen, Bonbons und dürre Pflaumen und schmatzt wie ein junges Ferkel, das sich gütlich tut. Ich lehne in die Ecke und beobachtete und sinne, denk Schönes und Häßliches und geh an der Schnur vergangener Tage zu neuen Tagen und fühl sich alles runden, zu Leiden oder Frende— und schlafe ein in ein sanfteres Sein, wo das Rasseln der Räder und Sausen und Stampfen, Schnaufen und Stoßen der Maschine eine liebliche Melodie und ein wogender Gesaug wird. Die Sterne der Hören verblassen, einer nach dem anderen— und die Nacht weint. Der rauschende Regen klingt in meinen Schlaf. Im ersten Morgengrauen wach ich auf. Feme hebt sich's von den Hängen. Blässe Schleier. Leise zittert's und schwebt's, flimmert's und flattert's um helles Birkcngrün und dunkles Grün der Tannen. Durch die ruhenden Felder ttäumt der Bach. In den gezogenen Furchen blutet der Morgen. Ferne, an den verdämmerten Hängen, steigt seine Röte auf Die bunten Dörfer schweigen. Fragend ins Land sieht von den Türmen der blinkende Hahn. Ein früher Bauer geht übers Feld, den geraden, verlorenen Weg, der von Einsamkeit zu Einsamkeit führt. Zu uns heran drängen sich die gedehnten Wiesen in ihrem stischen Grün.'Schwarze Kühe weiden auf ihnen. Hohe Schornsteine ragen auf, dunkele Hügel drohen. Geballter Rauch verhüllt den Seidenglanz des Morgenhimmels. Fabrik an Fabrik, aus breiten Schloten schwelen die roten Flammen. Unheimlich lecken ihre glühenden Zungen ins Leere, die Räder sausen, die Maschinen knurren. Wir fahren durch das„schwarze Land". Da ist keine Ruh. Da sind die Menschen stetig an der Arbeit. Breite Gestalten bewegen sich wie Ameisen geschäftig. Harte, gleichgültige Blicke sehen zu uns her. Die Arbeit ist hier gigantisch. Gigantiich der Fleiß, die Kraft, der Mut, die Ausdauer, das Werk der Menschen. Die kleine Bonne hatte dem Priester nach seinem Brevier die Karten gelegt. ES sollte die Zeit vertrieben werden. Jetzt steht er da in seiner schwarzen Soutane und dem aufgebogenen Jcsuitenhut und sieht hinaus ins fchivarze Land, wo die Menschen die Erde durchwühlt und sich unter« tan gemacht haben. und Berge aufgehäuft haben, wie di» Natur an ihren Schöpfungstagen, unheimlich, unftuchtbar- furcht« bar.„Das ist gewaltig wie die Pyramiden," sagt er zu mir.„Ja, und leider sind's auch Begräbnisstätten, nur in einem anderen Sinne," erwidere ich ihm.„Das Leben ist schwer," fällt die Kleine ein— und ich fahr' nach Warschau, oh la la!" Der alte Jude reibt sich die wunden Augen und sieht die Kleine an und sagt:„Sie sind jung, Fräulein, man muß viel aushalten. Wenn man'S nur kann, wenn man's nur kann, ja I" Und wir können uns alle nicht des Morgens freuen, der strahlend heraufgestiegen ist. frühlingsschön auch hier in dem schwarzen Lande, wo die Menschen die Schächte ins Dunkel graben, daß es Licht werde. Denn es muß doch alles sein für das Lichts und zu Licht und Morgen strebt doch alles. * «Deutschland, ein Frühlingsmärchen"— wenn man sich jetzt den Heinrich Heine vom Montmartre-Friedhof holen und zur Seite setzen könnte I Strahlender wächst der Tag, blühender wird das Land, heiterer blickt die Natur. Die Berge und Hügel rücken heran, die stillen Bäche und Kanäle begleiten uns, die Thäler grüße» zu uns ber Birken und Pavveln sieben im Glan? der Sonne blau ist der — ööY Himmel, und Weiße Wölkchen schäfem über ihn hin. Von den Höhen blicken die Dörfer herab, die spitzen Türme, die stolzen Villen, an flachen Ufern tummeln sich muntere Kinder, fern klingt eine Glocke, im SonntagSputz gehen die Menschen zur Kirchenfeier. Belgien ist durchfahren— ein freundlicher deutscher Zollbeamter hat uns den ersten Eindruck des Vaterlandes nicht verekelt, er war höflich— die ersten deutschen Worte schnitten nicht gar zu scharf ins Ohr. Aachen, die alte Kaiserstadt grüßt herauf aus ihrem Tale, in dem sie sich behaglich dehnt. Köln erspähen wir, und dem Rhein erschließt sich das Herz. Er ist geblieben, wie er war. Ich bin geblieben, wie ich war. Ich werd' wie ein Kind, wenn ich ihn wiedersehe. Ich war Kind mit ihm, ich bin Kind geblieben für ihn. Das Rheinkind, das sich seiner Liebe gar nicht schämt, gar nicht schämt, wie einfältig es ist und weichmütig— und herzhast seine Träne zerdrückt. Was schiert mich jetzt Pickelhaube und deutsche UnHöflichkeit, Polizeivorschrist und schnarrende Beamtenstimmen— Rhein,' ich grüße dich! dich liebt man anders, wie Paris. Dies« Liebe ist anders, die stört nicht die Zeit, die ändern nicht die Ereignisse, mit der ist man verwachsen in fruchtbarer Innigkeit. Die läßt man nicht, die bleibt bei einem in der fremde, in Freud und Leid, Mutter und Schwester, Freundin und Geliebte. Die verliert sich nicht, sie bildet das Wesen und bewurzelt es. Die ist selbst stärker als unsere Schwärmerei— die erträgt das Belächeln. .Deutschland, ein Frühliugsmärchen"— Heinrich Heine fände die Worte dafür. Durch Industrieland, durch Heideland, durch Fluß- land, durch Gebirge und Ebene in den Sonntag hinein, der voll des Frühlings ist. Selbst Rixdorf wird einem da zum Eldorado, sogar Berlin wird schön. Wie steuten wir uns, wenn wir das Treppengeländer herunter« genltscht und die roten Sandsteinplatten des Viadukts hinunter« geglitten waren. Muß eS den» immer aufwärts gehen? Auch ab- wärts ist einmal schön. Und es ist nur einmal Frühling im Jahre, wie man nur einmal jung ist. So sitze ich in Rixdorf wie ein Maikäfer vor grünenden Bäumen. Und die inich belächeln, wissen gar nicht, wie behaglich so ein Maikäfergefühl ist. In dem ist die Welt überall neu zu ent- decken.— Klcince Feuilleton. es. Die zweite Ausstellung des deutschen Künstlerbundcs wurde am Donnerstag der Presse zugänglich gemacht. Zum erstenmal findet die Ausstellung in Berlin statt und zwar wird das neue Gebäude der Sezession am Kurfürstendamm damit eröffnet. Die Anlage ist so, daß das Ausstellungsgebäude zurückliegt. Hallengänge umrahmen von beiden Seiten den Vorplatz. Das ganze macht architektonisch einen freien und großen Eindruck; einfach sind die Linien der Fenster und Balusttaden. In jeder Etage zieht sich ein Balkon um die ganze Front herum. Allerdings, es galt, mit dem Raum zu geizen, der nicht allzu reichlich zur Verfügung stand. Innerhalb dieser Beschränkung aber ist das Mögliche geleistet worden. Augenscheinlich legt ja auch die Sezession keinen allzugroßen Wert auf die Mitwirkung der Architektur. Das Gebäude soll als solches nicht hervortreten. Es dient nur als Mittel, indem es den Bildern, die die Hauptsache sind, auf die sich daS Augenmerk konzenttieren soll, Raum und Unterschlupf gewährt. In dieser Be« ziehung hält sich die Sezession frei von dem modenien Bestteben, ein Gesamtbild der Künste zu geben. Sie will ihren Bildern das Hauptinteresse erhalten. Was an Kunstgewerbe vorhanden ist, ist verschwindend, ein gestickter Wandteppich und kunstgewerbliche Gegen- stände der Wiener Werkstätte, Arbeiten in Silber, Gold, Leder, Holz und Papier von Joseph Hof mann und Koloman Moser. Die Architettur fehlt ganz. Und Jnnenräume sind auch nicht ver« treten. Damit stellt sich die Sezession in Gegensatz zu dem modernen Ausstellmigspriiizip, das nach ihrem Auftreten aufkam und das namentlich in Dresden mit großem Geschmack ausgestaltet wurde. Für die SaHe selbst ist das förderlich. ZwerfelSohne wird die Sezession in späteren Jahren einmal auch diesen Schritt machen, sowie die Verhälttnsse es ihr gestatten. Wie die Dinge jetzt stehen, kann mait hier in geschmackvoller Umgebung eine Reihe guter, ja vorzüglicher Bilder sehen. Die Wandbekleidung ist grün, der Boden- belog graublau. Die Bilder präsentieren sich auf diesem Hinter- grund gut. Die Räunie sind nicht so groß, daß sie die intime Wirkung töten, andererseits nicht so klein, daß für größere Bilder der Ueberblick mangelt. Man sieht daS einzelne Werk, und man hat von jedem Saal einen ganzen Eindruck, der sich dank der guten Anordnung schnell einprägt. Es siitd im ganzen neun Säle, die sich um einen großen Haupt- saal, der in der Mitte liegt, gruppieren. Der Grundriß ist denkbar einfach. Der Plastik ist der hintere Längssaal gewidmet. Dort über- wiegt Kl i n g er mit drei Büsten, einem Entwurf zum Brehms-Denkmal und drei Arbeiten in Marmor und Bronze. Einige plastische Arbeiten sind noch in die anderen Säle verteilt, so Gauls Löwe und Adler. Außer diesen sind noch Hahn, Hildebrandt, Heine, Stuck und T u a i l l 0 n mit plastischen Werken vertteten. Die Bilder sind so gehängt, daß sich ein Gesamtbild der heute schaffenden, modernen Künstler ungefähr ergibt. Die Trennung nach Städten ist nicht beibehalten worden. Es entspricht dies den Grund- sätzen des Bundes, der eine Einheit darstellen wM. Manche Bilder kennt man schon, ja man hat sie schon auf früheren Jahres« ausstellungen gesehen. Sogar aus Priva, besitz kommen einige Werke Im allgemeinen begegnen einem die altbekannten Namen und der Wert der Ausstellung liegt in dem stettgen, ruhigen Fortschreiten in dem Ausbauen des Neuen, in dem Erreichen eines achtbaren All« gemeinniveaus. Daß dabei immer noch sogenannte Schlager sich breit machen, ist anscheinend nicht zu vermeiden. K o r i n t h liefert solche immer wieder. Es ist ein gutes Zeichen, daß man ruhig daran vorübergeht und auch da noch die rohe Verve immerhin anerkennt. Liebermann tritt zurück. Auch er leiht zwei Bilder, die schon im Besitz(der Bremer Kunsthalle) find. her. Leistikow gibt einige feine, teils schon bekannte Arbeiten. Landschaften, v. Hofmann ist mit einer ganzen Reihe bunter Mädchenszenen, Skizzen in farbenfroher Manier vertteten. Der Wiener Maler Klimt stellt eine große Anzahl dekorativer Arbeiten aus. Gute Porträts sind von Kalchreuth, dem Vorsitzenden des Bundes, zu sehen. Landschaften und Porträt? von Trüb ner, Werke von Uhde, Thoma, Slevogt, er« gänzen die Reihe der bekannten Namen. Neben diesen marschieren eine Anzahl weniger bekannter Künstler auf, die beweisen, daß eine Schule sich allmählich aus« bildet, die den Lehren der Sezession folgt. Dieser Gedanke der Propaganda ist diesmal besonders ausgesprochen worden. Im Vor« wort des Katalogs heißt es:„Wir wollen versuchen, für die Ge» danken, die wir m der Kunst für die richtigen ballen, auch durch andere Unternehmungen zu wirken. Deren erste soll die Gründung einer Stätte in Florenz für freie Künstler werden." Gemeint ist damit die Künstlerkolonie Villa Romana, die der deutsche Künstler» bund in Florenz angekauft hat.„Der Zweck dieses Unternehmens� — so heißt eS in dem Katalog—„ist, talentvollen Künstlern Gelegenheit zu geben, eine Zeitlang in Ruhe an schönem Orte zu arbeiten und zugleich vor den in Florenz so reich vertreteneu Kunst« werken aller Epochen, aller Stile mit sich und ihrer Kunst zu Rat« zu gehen." Im Prinzip erscheint eS eigentümlich, daß die Sezession wieder daran geht, Jtalienpilger in der Kunst zu züchten. Die alte Richtung hat damit schon genug getan. Zudem erfreut sich der größte Teil der Sezessionskünstler der pekuniären Mittel, auS eigener Tasche sich diese Reise ohne Ueberlegung leisten zu können. Gerade der junge Nachwuchs, der in Bettacht kommen könnte, ist damit gut versehen. Und die älteren, die kämpfen mußten, sind zu Ansehen und Würden gekommen. Für wen also diese Institution gelten soll, ist eigentlich unklar. Mit diesem erneuten Hinweis auf die alte Verführerin „Italien" scheint kein glücklicher Griff getan zu sein, und eher hätte die Sezession auf das eigene Land veriveisen sollen und auf die Länder gleicher und aussteigender Kultur: Frankreich, England, Amerika. In dieser Ausstellung sollen sieben Künstler ausgewählt werden. Wir werden sehen, wen es treffe? wird, und späterhin werden wir sehen, lvas dabei herauskomurt. Der einzige, der einen ganzen Saal für sich erhielt, ist der Schweizer H o d l e r, dessen dekorative Entwürfe einen großen, mo» numentalen Zug zeigen. Im ganzen sind 231 Arbeiten ausgestellt. Davon 193 Oel- bilder, 3S Werke der Schwarz-Weitzkunst, 18 plastische Arbeiten, denen sich das Kunstgewerbe anschließt. Das farbenschöne Plakat von Tb. Th. Heine kündigt an, daß die Ausstellung vom Sonnabend ab allgemein zugänglich ist Bis dahin muß aber noch energisch gearbeitet werden. Vieles ist noch unferttg und macht einen provisorischen Eindruck.— ie. Chinesische Instrumente. In China wird auch Musik gemacht. aber sie ist auch danach. Auch beim besten Willen, die Kultur der Chinesen als eine hochstehende anzuerkennen, wird man sich kaum dazu entschließen können, die Chinesen auch in musikalischer Be« ziehung zu den gebildeten Menschen zu rechnen. Dabei haben sie sich gar nicht wemg mit der Musik abgegeben, wie die Fülle voa Instrumenten beweist, die im Reich der Mitte in Gebrauch sind., Da ist zunächst eine große Zahl von Schlaginstrumenten. Außei den Triangeln. Kastagnetten, die wie überall zur Hervorhebung des Taktes und des Rhythmus dienen, sind zunächst verschiedene Formen der Trommeln und Pauken vorhanden. Zu diesen sind groß? Platten mit breiten Rändern zu rechnen, die mit den Händen gc halten und gegen einander geschlagen einen betäubenden Lärm, geben. Nicht weniger stark wirken die chinesischen Trommeft» Die Tamboure kennen dort nur einzelne Schläge und kein« Wirbel, aber sie haben ein außergewöhnliches Taktgefühl. China ist auch die Heimat des Gong, der m einer runden Bronzeplatte mit erhabenem Rand besteht. Man unterscheidet ein männliches Gong. mit einheitlicher Fläche, und ein weibliches, mit einer Höhlung in der Mitte. Geschlagen wird es mit einem Schlägel; der Ton wechselt nach dem Durchmesser und der Dicke der Scheibe._ Die Chinesen besitzen in der Herstellung dieses Justrumeirts eine unerreichte Meisterschaft. Man findet kleine Gong« von nicht mehr a'S 12 Zentimeter Durchmesser, die beim Schlag mit einen, winzigen Hammer einen betäubenden Ton geben; diese Tonwellen haben al.ut für ein europäisches Ohr etwas schmerzhaftes, auch abgesehen Von der Stärke. Die Hausierer pflegen in den Straßen de. chinesischen Städte die Gongs zu benutzen, um die eutj« merksamkeit des Publikmiis auf sich zu lenken. Gongs von bettachtlubve Größe werden den Mandarinen vorauSgcttagen, und die Zahl e.t Schläge, die sich in bestiimnten Zeiträumen wiederholen, zeig. c«c Rang de? Beamten an. Glocken lverden gewöhnlich nur aus Guß- eisen hergestellt, nur in Ausnahmefällen mit einer Beimischung von Kupfer.' Das Eisen wird meist von alten Kocktöpfen genommen. Man kann sich denken, dag auch diese musikalischen Instrumente nicht besonders klangvoll sind. Die chinesischen Glocken werden in zwei Gruppen geteilt, in solche mit und ohne Flügel: erstere werden bevorzugt, weil die Leute glauben, daß die Schönheit des Tons durch diese Anhänge gewinnt. Auf der Oberseite der Glocke befinden sich immer eine oder mehrere Ocffnnngen, die den Schall aus der Glocke herauslassen sollen. Als enmial ein Missionar eine solche Glocke ohne Löcher giehen lieh, konnten die Chinesen gar nicht begreifen, wie sie überhallpt irgend einen Ton geben könnte. Unter den Blasinstrumenten ist eine Art von kleiner Orgel zu nennen, die ans einem Bündel von 17 Bambusrohren besteht. Sie gleicht mifcerlich den tragbaren Orgeln der Hansierer aus unserem Mittelalter. Der Spieler hält das Instrument in den Händen und bläst die Lust durch ein Rohr ein. Die einzelnen Töne werden durch das Spiel der Finger aus einer Anzahl von Löchern hervorgerufen. Ein anderes Instrument besteht aus einem einzigen, etwa 15 Zenti- rneter langen Bambusrohr, das von einigen Löchern durchbohrt ist und als Mundstück ein noch größeres und weiches Stück Rohr besitzt. Diese Art von Oboe kostet in China nur wenige Pfennige und zeichnet sich durch einen schreienden Ton auS. Gewöhnlich stellt sie sich der Chinese selbst her. Da die Löcher oft mit mangelhaiter Genauigkeit angebracht werden, so läsit auch die Nein- heil der Intervalle gewöhnlich viel zu wünschen übrig. Dafür sind diese so laut, dasi zwei von ihnen ein Konzert von zwanzig Geigen mit Leichtigkeit übertönen könnten. Dann gibt es noch ein In- strument, das ziemlich genau unserer Querpfeife entspricht und auch aus BambuS hergestellt wird. ES befitzt oft noch eine besondere Oeffmtug. die mit einem Stück Goldschlägerhaut oder einem Stück Rinde von frischem Rohr zugeklebt werden kann und dann dem Ton etwas Durchdringendes verleiht. Eine andere Bambnsflöte erinnert durch einen mehr weichen Ton etwas an die Klarinette. Die chinesische Bioline besteht aus einem Zylinder an ein«« übermütig langen Griff. Als Saiten dienen gedrehte Seiden- fäden, die mit grosien Wirbeln aufgezogen lverden. Der Klang ist nicht inuner ohne Reiz, aber wegen der Beschaffeicheit der Saiten und wegen des kleinen ResonnanzkastenS dünn rmd scharf. Für Harmonie haben die Chinesen sehr wenig Verständnis. Ein Missionar erzählte, wie eine chinesisch« Kapelle einen Marsch spielen wollte, den sie von einer europäischen Kapelle gehört hatte. Der Erfolg war ivundcrbar, denn jedes Instrument spielte in einer anderen Tonart. Trotzdem schienen die chiuefischen Musiker mit ihrer Leistung sehr zufriedeu.— Theater. Schiller-Theater O..Der artesische Brunnen". Märchenposse mit Gesang und Tanz in vier Aufzügen von G u st a v R a e d e r.— Der traditionelle Glaube an die gute alte Berliner Poffe, die da vor sechs bis vier Jahrzehuten geblüht habe und dann durch einen entarteten geistlosen Rachwuchs verdrängt worden sei, ist schon durch frühere AuSgrabimgeu des Schiller- Theaters arg ms SBouIcn gebracht. Hört mau die Spähe, über welche unsere Bätcr mid Grotzmütter gelacht, beute wieder einmal von der Bühne, so scheint eiuon die Possenkost des damaligen Geschlechts, obwohl manchmal gesünder, so doch, was Geist mid Witz betrifft, ganz ühn- lich salzlos wie die im Adolf Erirst» Theater später aufgetischten Gerückte. Aber Raeders, eines BreslauerS,.Artesischer Brunnen', ein Theaierercilpris des Jahres 1345, nimmt sich, auch abgesehen von der Gemeinsamkeit des geistigen Defizits, der Art. dem Genre uack. nicht anders als ein zurückdatierter Adolf Ernst ar-.S. Das A>md O ist hier die Ausstattung. Das Märchenhafte, das der Titel verspricht, dient dem Verfasser nur als Vorwand, um eine möglichst große Menge hübscher Dekorationen, seltsamer Kostüme, weiblicher Hosen« statisteric, militärischer Paraden, bengalisch beleuchteter Gruppen, B»llcttS und seichter Couplets anzubringen. In größerem Umfange und mit entschiedener Verachtung alles inneren Zusammenhanges sind diese handfesten und bequemen HülfStrnppeir, durch welche die Mühe deS CrsindenS sich auf ei» Minimum reduziert, auch von den jüngeren Poffenfabrikantcn kaum mobil gemacht.— Ein Bater, der dem Sohne die Aiiserwühlte durchaus nicht heiraten lassen will, rmd ein dem häuslichen Pantoffelregiment ent» fiohener Hansknecht mit dem Stichwort:„Meine Mittel erlaubeil mir das b' lverden durch einen dem Brunnen entstiegenen Berggeist, ein Däiilchen in schmuckem Kiiappenkostüm, mitten durch das Brunueilloch und das Erdinnere hindurch nach Afrika zu den kämpfenden Arabern und Franzosen geführt. Ivo dann für Odalisken- tänze, weibliche Armeekorps u. dgl. m. splendid gesorgt ist. Dort treffen sich Bater und Sohn, es gibt Versöhnung und nach der Llück- kehr selbstverständlich die ersehnte Hochzeit, während der Hausknecht den Umweg über den Nordpol wählt und daselbst nütlen unter einer Eisbären-Gefolgschaf! von seiner reuigen bösen Sieben zurückerobert wird. Die spärlich eiilgestrenten.Witze' nlachteu den Eindruck grauen AltertmnS, sie können selbst vor füilfsig Kahren immöglich neu gewesen sein. An, ehesten hatte noch die Rordpolszene einen gewissen Schein von Munterkeit. Als mildernder Umstand für den lauleii Beifall des Publikums kann wohl die urwüchsige Komik S ch m a s o w s, die auch aus dieser durstige» Hausknechtsrolle noch überraschende Effekte herauszuholen Verantwortl. Nedatteur: Franz Nrhbriu, Berlin.— Druck u. Verlag: wußte, gelten. Fraulein T h a r a u. die den Berggeist in seinen mannigfachen Verwandlungen darzustellen hatte, erfreute in Spiel, Gesang und Tanz durch leichte Anmut.— dt. Geographisches. rt. Die Wasserfrage in Süd Marokko. Der Süden von Marokko besteht seiner geologischen Natur nach ans weiten Devonschichten und Ablagerungen der Steinkohlenzeit. Die letzleren werden indes an Stellen, wo sie möglicherweffe Kohlenflötze bergen, von jüngeren Schichten überlagert. Diese alten Formationen ihrer- seits ruhen wieder auf noch älteren krystallinen Schichten, die jedoch an manchen Stellen Marokkos zutage treten und auch weile rhin in der Sahara im Verein mit dem devonischen Ton und den Stcinkohlenablageruiigen die Bodenoberfläche bilden. Die- selben Schickten setzen sich bis zum Oberlauf des Niger und dem Hinterland der Elfenbeiilküste fort und bergen dort sicher Gold. Die jüngeren Ablagerimgen, welche das Karbon in Südmarokko überlagern, find meist in der Kreidezeit entstanden�Jm Westen hat aber der Wind die Steinkohlenablagermigen gänzlich bloßgelegt und das Land zur vollständigen Wüste mit wauderirden Dünen gemacht. Der Aufenthalt des Menschen in diesen trockenen Gegenden deS marokkanischen Südens ist an das Wasser gebunden, das dort doch so außerordentlich selten ist. Im Süden von Algier und Tunis sind die Franzosen durch Anlegung von artesischen Brunneu weit in das Wüsteiigebiet vorgedrungen. Es fragt sich nun, ob der Süden von Marokko der Anlegung solcher Brunnen günstig ist. Räch den Ausführungen des Berg- Werks- Jngeuienrs D. Lewat in„La Nature" kommen als Schichten, die das Regenwasser durchdringen lassen, nur die Sandsteine der Devon- und Kreidezeit in Betracht, die von einander durch Lagen von Schiefer und Ton der Steinkohlenzeit getrennt werden, welche ihrerseits für Waffer undurchlässig sind. Undurch- lässig sind auch die alten kristallinen Schichten. Um zu Wasier zu gelangen, würden also artesische Brunnen durch die nudurchdring- lichcn Schichten zu bohren sein, um zu den waffersührcnden Schichten zu gelangen. Da die der Zeit nach aufeinander- folgende» Ablagerungen keineswegs immer über eiuauder lagern, sondern im Laufe der geologischen Epochen oft aus dem Gleichgewicht gebracht, steil aufgerichtet oder gar übergekippt worden sind, so muß vor der Anlage der Bruimen das Terrain erst genau sondiert werden. Am Fuße von Gebirgen braucht der Fels oft nur wenige Meter tief angebohrt zu werden, um eine künstliche Quelle zu erzeugeii, welche durch höher gelegene Wasierreservoire zwischen undurchdringlichen Schichten gespeist wird. Auf malichen Gebirge» kommen noch schöne Eichenwälder vor, aber die Hochplateaus, aus denen der Süden Marokkos zum größten Teile besteht, find dürr, sandig und trage» nur eine armselige Vegetation, von der sich Schafen, Ziegen und Kamele nähren. Die durchschnittliche Regeinnenge belrägt hier im Jahre nur 200 Millimeter. Die Wasserfrage ist also hier von größter Wichtig- keit. Leider ist aber das Wasser, das die bisher existierenden wenigen Bruimen liefern, von sehr schlechter Qualität. Das Regenwaffer, das in den Boden sickert, nimmt eine Menge von Salzen auf, die in de» Schichten enthalten sind. Wirtlich gut ist allein das Wasier, das nur durch die oberen, vom Winde auf- gehäuften Sandschichten gedriingen ist. Solches„Dünenwasser' ist nur leider sehr selten. Dagegen ist der Reichtum der tieferen Schichten an Wasser erheblich, und iiur bei Ausnutzung dieses Reich- tumS kann sich europäische Kultur hier im Norde» der Sahara ver- breiten. Die Bevölkerung, die mit ihren Herden bald hierhin, bald dorthin wandern muß und bei ihrem unsteten Leben zur Vagaboudage und Räilbereieii verführt wird, könnte sich bei regelmäßiger Wasser- Versorgung an größere Seßhaftigkeit gewöhne», die wiederum ihre rauhen Sitten mildern tvürde.— Hnuioristisches. — Augenlust, Fleischeslust und h offärtigeS Wesen. Der„Franks. Ztg.' wird geschrieben: Der Herr Euper- intendent hält Kirchenvisitation in einem kleinen Bauerndorf. Nach Prüfung der Jugend und beendetem Gottesdienst versammelt er den Kirchenvorstand, um das Ergebnis seiner Untersiichung zu verkündeu. Auf die gesetzlich vorgeschriebene Frage:„Rliii, wie sind Sie denn mit Ihrem Herrn Pfarrer zufrieden?' antwortet das Oberhaupt des Dorfes: „Meer sei joa met unserm Herrn Perner souweit seftirrel Oawcr ebbeS him mer doach ausjesetze. Er prerrigt immer doasselwiae: Bun der A u g e n l u st, Fleischeslust un dem hoffärtige Wese. Nu misse mir Bauern oawer die Aage vun froi ves speet uffhaale, sunst lamme mer net zoum Nierige. Des Aageuffhaale eß oawer doach kaa' Lust und kaa' Sünne.— Unn dann die F l e i s ch e s l u st I Riir Bauern hiins net iväi die Staadileut, mir kräie außer unserm biffe Schweineflaasch nur an de Festdoahe e wink groin Rendflnasch uff de Desch. Des eß doach geweß kaa' Snim nett.— Unn vum hoffärtige Wese se rerre I Su e Wese hu ick noach bei kam aauzige gesieh'. Wammer emool in die Staadt welle, foahril mer uff unser» Niest- un Poul- wähe. Der Herr Perner deht werklich gescheirer, uns däi drei Sache net immer wirrer Virzehaale I"— Die nächste Nummer des Uiiterhaltuiigsblattes erscheint am Sonntag, den 21. Mai. Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagiaiistaltPaul Singer LcCo., Berlin L�V.