Unterhallungsblatt des Horwärls Nr. 99. Dienstag, den 23. Mai. 1905 (Nachdruck verboten.) 19] flammen. Roman von Wilhelm Hegeler, Grabow kehrte wieder um und fragte teilnehmend: Er kehrte wieder um und fragte teilnehmend: „Geht's Ihnen jetzt besser?" Sie rieb sich die Augen, gähnte herzhaft, dann sagte sie ziemlich vergnügt. „Mir scheint, ich Hab ganz fest geschlafen.— Ach. hören Sie, morgen muh ich spielen. Da kommen Sie doch hin? Bitte, bitte, kommen Sie." Grabaus überlegte. „Tch habe mich mit einem Freund verabredet." „Nehmen Sie den doch mit! Ich schicke Ihnen zwei Billetts.— Nachher speisen wir zusammen und plaudern noch ein bißchen.— Ich mag nicht gleich nach Haus fahren, aus dem Theater." „Ja, wenn ich meinen Freund mitbringen darf? Er ist ein lieber, guter Mensch." „Gibt es das— gute Männer?" fragte Maggie elegisch. Aber dann sprang sie auf und sagte enthusiastisch:„Ja, ja es gibt, Sie sind ein solcher. O, ich danke Ihnen. Sie haben mich wunderbar getröstet. Sie haben ernsthaft mit mir ge- sprachen. Und das brauch ich! Alle behandeln mich, als wenn ich ein leichtsinniges Ding wäre, wie ein Kind. Aber Sie— nicht wahr— Sie nehmen mich ernst?" „Ja," antwortete Grabaus und konnte doch ein leises Lächeln nicht unterdrücken. Maggie gab ihm die Hand. Dann cjing er. Nie in seinem Leben war Grabaus beim Ankleiden so sorgsam vorgegangen, nie war er zugleich so verzagt gewesen wie heute. Er kämmte sich Bart und Haar, wusch sich zum drittenmal die Hände, beschaute sich mit hochaehaltmem Licht im Spiegel wie ein junges Mädchen. Doch Plötzlich stellte er das Licht beiseite und setzte sich gedankenschwer auf einen Stuhl. Was ist das alles? dachte er. Bin ich denn ein Geck? Glaube ich denn, daß ich ihr besser gefalle, wenn ich mich wie ein Affe herausputze? Wozu gehe ich überhaupt dort hin? Was einmal schön war, kehrt nie zum zweitenmal so wieder. Menschen umringen sie, sie mriß die Weltdame spielen, und ich — ich werde steif, verschlossen und tief entäuscht sein. Der eine Augenblick damals hob uns Plötzlich empor, aus aller llmwelt, aller Konvention, llnd wenn ich sie sehen will, wie sie wirklich ist. dann sollte ich lieber in den Tiergarten gehen und in die Sterne sehen. Es klopfte, und der junge von Hellen trat ein. Grabaus sprang auf. „Nun, schon gestiefelt und gespornt?" „Ja. So weite Wege lassen sich schwer abschätzen, llnd ich wollte lieber zu früh als zu spät kommen. Aber beeilen Sie sich, bitte, nicht. Wir haben noch Zeit genug." Er legte den Mantel ab, und da die beiden Rohrstühle mit 5kleidungsstücken und Tüchern bedeckt waren, setzte er sich behaglich auf den Bettrand. Die wenigen Tage hatten ihn schon verändert. Sein Gesicht sah förmlich aufgeblüht aus und zeigte besonders jetzt, nachdem er sich den ganzen Tag in den Parks von Potsdam umhergetrieben hatte, die frischesten Farben. „Na," fragte Grabaus,„wie fühlen Sie sich denn im Frack? Ist das nicht ein bißchen ungewohnt?" � „Angewöhnt und— ach Golk, was sind wir Menschen doch für Scheinwesen. Ich stehe nun mit meiner Wirtin so intim, gehöre förmlich zur Familie. Jeden Morgen kommt sie zu mir herein, räumt auf, klagt ihr Leid, fragt mich lim Rat. Als ich krank war, hat sie mich gepflegt. Und ihre Kinder— na, die betrachten meine Bude einfach als ihr Reich, spielen da, bringen sich Besuch mit, klettern auf mir herum. Aber heute ... Ehe ich ging, wollte ich noch was essen und schellte. Die Wirtin kommt herein. Aber wie sie mich im Frack sieht, stellt sie förmlich erschrocken die Lampe auf den Tisch. Das Kleinste läuft mir entgegen, aber die ältere Schwester weist sie zurück. „Biste verrückt, willste'n Herrn schmutzig machen?" sagt sie. Sonst war ich immer der Onkel, jetzt wurde ich plötzlich dep Herr. Was aber das Dümmste war, ich selbst sah sie in diesem Moment mit anderen Augen an. Nie warm mir die armen Würmchen so schmutzig und verwahrlost vorgekommen.— Ich Hab mich geschämt, hinterher." „So ist der Mensch. Wir werden inmier ein wenig, was wir scheinen.— Aber hören Sie mal, ich habe mich da ver» leiten lassen, mir so ein neumodisches Ding von Krawatte zu kaufen, einen Selbstbinder. Kennen Sie sich mit dem Zeug aus?" „Das habe ich, Gott sei Dank, noch auf der Schule ge» lernt," erwiderte Wolf lachend.„Wenn Sie erlauben-- halten Sie bitte mal den Kopf hoch!" Nach allen Regeln der Kunst band er ihm die Krawatte um, worauf Grabaus sich recht ermutigt ein letztes Mal im Spiegel besah. Da es in der Tat noch ziemlich früh war, bestellte er eine Flasche Wein und ein paar Butterbrote. Während sie sich stärkten, geriet ihr Gespräch im Nu auf Dinge, die weltenweit von dem ablagen, was sie heut abend vorhatten. Als Wolf dann nach der Uhr sah, war eine Stunde vergangen, und war es höchste Zeit. Sie zogen schon die Mäntel an, da sagte Grabaus: „Wie wär's, wenn wir überhaupt nicht hingingen? Wir suchen uns irgend ein stilles Lokal und plaudern da gemütlich weiter?" „Aber— ich habe meiner Schwester versprochen zu kommen und dann— möchte ich auch gerne Fräulein Thön wiedersehen." „Kommt die denn auch hin?" „Sie sagte wenigstens—" „O dann!" lachte Grabaus. „Ach es ist nur— wir sprachen doch an den: Abend über Grillparzer. Und da ist mir noch etwas eingefallen, was ich ihr gerne sagen möchte." „Kommen Sie! Kommen Sie! Uebrigens war's nur Scherz, wir gehen natürlich hin." Schnell eilten sie die Straße hinunter und schwangen sich dann in eine Pferdebahn. Stattliche, höchst dekorative und würdige Diener nahmen ihnen am Eingang des Reichstages die Karten ab. Die Garde- robenständer waren bereits überfüllt. „Hat's schon angefangen?" fragte Grabaus. „Nein, aber es muß gleich beginnen," erwiderte die Garderobenfrau. Klopfenden Herzens eilten die beiden die Treppe hinauf. Leuchtend weiß lag die Wandelhalle vor ihnen mit den Marmor- säulen und Wänden. Das Gewimmel der Menschen verschwand fast in diesem gewaltigen Raum. Ein Gefühl der Kleinheit ergriff Grabaus. Plaudernde Gruppen standen hier und dort, alte, häßliche Damen in kostbaren, geschmeidestrotzen- den Toiletten, bei denen die Schleppe gut machen mußte, was das Gesicht verdarb, junge Frauen mit rosigen Wangen und Schultern, deren Gewänder nur wie ein natürlicher Schmuck ihrer selbst erschienen, Herren im Frack mit künstlich inter- essanten Mienen, Offiziere in ordensgeschmückten Uniformen, Es war das erstemal, daß die Reichstagssäle für eme öffent» liche Festlichkeit hergegeben waren. Aber die umherstehende, plaudernde, auf- und abwogende Menge schien sich hier schon ganz zu Haus zu fühlen. Selten, daß irgend ein Beschauer eine Meinung äußerte.„Sehr nett, sehr hübsch."„Hat auch 'ne schöne Stange Geld gekostet." Den meisten lag offenbar an der Wirkung ihrer Person in diesen Räumen viel mehr als an der Wirkung der Räume selbst.__ In einer Ecke entdeckte Grabaus unversehens den Ministe- rialdirektor Wohlbold. Ganz unscheinbar sah er aus zwischen all dem glänzenden Getier, mit dem kurzen Ordenskettchen auf dem Frack. Wie immer steckte die eine Hand in der Hosen- tasche, und Grabaus sah vor sich den riesigen Hausschlüssel, mit dem sie spielte. Wohlbold sprach lebhaft mit emeni älteren Herren, geschäftliche Angelegenheiten wie es schien, seine Augen lagen halb geschlossen in dem groben, undurchdringlichen Ge- sickst, nur als eine hübsche, tief dekolletierte Frau dicht an ihm vorbeiging, verklärten sie sich, wie der Blick eines Fein» schmeckers, dem unverhofft ein leckerer Bissen auf die Zunge Plötzlich klopfte jemand Grabaus auf die Schulter.' � u—'n Tag?'n Tag! Du noch hier? Ich denke, Du füorst längst wieder in Deinem Nest." Er erkannte Fritz Gebhard, schüttelte ihm die Hand, aber ehe er noch etwas antworten konnte, war der Maler schon wieder verschwunden. „Wir sehen uns ja noch!" rief er ihm nach. Grabaus hatte seinen Arm unter dm Wolfs gelegt, die beiden schoben sich durch das Gewühl, indem sie eifrig umher- spähten. Auf einmal erblickte Grabaus Marie Luise. „Dort hinten steht Ihre Frau Schwester. Wollen Sie sich nicht begrüßen?" „Aber natürlich, wenn ich nur wüßte, wo?" entgegnete Wolf harmlos. Sie mußten einen weitm Bogen machen, um dorthin zu gelangen. Viele Reihen von Stühlen, Menschen, die sich hier besonders drängten, trennten sie von der Gruppe, in der Marie Luise sich befand. Endlich hatte Wolf seine Schwester erkannt, Grabaus folgte ihm langsam, blind für alles, was ihn um- gab, nur die eine, noch ferne Gestalt sehend. Mit jedem Schritt, den er sich ihr näherte, schlug sein Herz gewaltiger. Während der letzten Tage hatte er auf den Straßen immer die Balltoiletten anschauen müssen, die in den Auslagen der eleganten Modeläden prangten. Früher war er an solchen Schaufenstern achtlos vorbeigegangm, jetzt aber zogen sie ihn magnetisch an. In Weiß, in Rosa, in Fraise, in Creme, in allen möglichen Farbm und Stoffen hatte Marie Luise dann feiner Phantasie vorgeschwebt. Als er sie nun aber wirklich sah, in dem Kleid von türkisblauer Seide, aus dem weiß wie der Marmor der Wände, doch tausendmal zarter, ihre Schultern herauswuchsen, um den Hals ein schmales Sammetbmrdchm, mit einem einzigen großen Brillant darauf, da hatte er äugen- blicklich das unumstößliche Gefühl, daß sie ein anderes Kleid gar nicht hätte tragen können. Wolf begrüßte Schwester und Schwager. Und jetzt reichte Marie Luise auch Grabaus die Hand. Dieser machte nur eine tiefe Verbeugung. Sagen konnte er kein Wort. Mit auf- richtiger Freude schüttelte der Major ihm die Rechte. „O, das ist ja ausgezeichnet! Nun können wir Ihnen schon hier gleich danken.— Aber sagen Sie mal, haben Sie schon Platz? jEs wäre doch nett, wenn wir beisammen blieben. Uebrigens— erlauben Sie--" Eine Menge Namen, mit Titeln und Würden belastet, umschwirrten die beiden, die sich blindlings nach rechts und links verneigten. „Wolf, vielleicht könntest Du noch ein paar Stühle er- gattern," sagte der Major zu seinem Schwager, nachdem das Vorstellen erledigt war. Während dieser sich diensteifrig zu suchen anschickte, wandte Marie Luise sich an Grabaus. Unmerkliche Befangenheit lag in ihrem Ton, als sie nach kurzem Zögern sagte: „Seltsam, dies Zusammentreffen mit meinem Bruder." „Ja— seltsam," erwiderte er mit verlorenem Blick. lFortsetzung folgt.)! (Nnchdnlck verboten.) Huö blutigen j�aientagen. ii. In der Fieberglut des Kampfes, so kann man erklärend und ent- fchuldigeud sagen, wird der Sanfteste zum Scheusal; da lebt die Bestie im Menschen auf und treibt ihn zu unerhörtester Gewalttat. Aber die Truppen der Versailler„Ordnungsmänner" haben nicht nur während des Kampfes vandalisch gehaust, sondern gerade nach dem Kampfe ihre schimpflichen Rache-Orgien gefeiert. Un- beteiligte und wehrlose Menschen haben sie zu Hunderten aus reiner Blutgier hingeschlachtet. Und die Formen eines gesetzlichen Der- fahrens haben sie schließlich in der niederträchtigsten Weise nur vorgeheuchelt, um ihren bestialischen Trieben immer neue Opfer zu verschaffen. Man mutz jeden Gefühles für Recht und Gerechtigkeit bar sein, wenn man die Schlußkapitel aus Lissagarays„Geschichte der Kommune" liest, ohne vor Empönuig über die Untaten der »Ordnungsmänner" aufzuschreien l Hören wir einiges, was Ginisth aus dem Munde eines Mannes Vernahm, der jetzt französischer Konsul im Orient ist, im Jahre 1871 aber als Gefangener der Versailler zuerst nach Satory, dann weiter geschleppt worden war. Er befand sich in einem Zuge von Ge- ßangenen, der der von Truppen unter dem Befehle eines Majors von den reitenden Jägern nach Versailles eskortiert wurde. Dieser Major machte sich zuerst das Vergnügen, seine Gefangenen gewissermaßen zu sortieren: er stellte sie in Gliedern zu vier Mann auf, innncr so, baß die besser gekleideten möglichst unsichtbar gemacht wurden, kam <3 ihm doch darauf an, die Kommunekämpfer als den„Whub der Kcsellschaft"«scheinen zu lassen. Auch Frauen gab es unter den Gefangenen, ja sogar ein armes Ding von fünfjährigem Mädchen wurde mitgeschleppt! Als ein Bürger namens Dauban. der später ein gehässiges Buch über die Kommune geschrieben hat, das sah, bat er, empört über so viel Unmenschlichkeit, ihm das Kind anzuver» trauen; aber er wurde brutal zurückgeschleudert, und der jammer» volle Zug ging weiter. Von Zeit zu Zeit ritt der Major die Reihen entlang und schrie den Gefangenen zu, daß der geringste Laut des Unmutes oder die kleinste Auflehnung mit einem Revolverschuß be- antwortet werden würde! Erst in Passy, auf halbem Wege nach Versailles, wurde eine kurze Rast gemacht und aus je zwei Mann ein Brot ausgeteilt. Dann ging's wieder vorwärts. Hinter Saint-Clond konnten die meisten sich kaum mehr aufrecht erhalten; es entstand ein Gemurmel in den Reihen, man rief:„Halt! halt!" Der Major warf seinen Gaul herum, griff nach seinem Revolver und schrie:„Der erste, der das Maul aufmacht...l" Aber auch diese Drohung verfing nicht mehr; in den gequälten Menschen erwachte der Geist der Revolte... Da brach ein Dutzend Gendarmen aus irgend einem Bersteck heraus zur Verstärkung der Bedeckungsmannschaften. Ein Gefangener, dessen Kräfte zu Ende gingen, stürzte nieder und konnte nicht wieder auf- kommen... Ein Unteroffizier riß ihn seitwärts heraus und zer- schmetterte ihm den Schädel durch einen Pistolenschuß... Ein Schrei des Entsetzens ertönte aus den Gliedern.,. Wester,,, Wester... Endlich am Tore von Versailles. In dem Hirn des Majors schien eine ganz besondere Idee aufzutauchen. Ein scharfes:„Halt!"' Dann ein anderes hartes Kommando:„Auf die Knie bor Versailles!" Erstarrt standen einen Augenblick die Ge- fangenen, dann aber muhten sie auf die Knie herunter, mußten sich in den Staub erniedrigen und der„Hauptstadt der Ordnung Abbitte leisten." „Auf die Knie vor Versailles!".-.. Wester,.. Weiter... Es ging durch die Straßen der alten französischen Königsstadt. Dort drängte sich der Bourgeois» pöbel an die Gefangenen heran, bespie und beschimpfte sie, über- schüttete sie mit Steinwürfen und Stockschlägenl Die Dreckseelen von„Ordnuugsbrüdern" wollten ihre Rache haben. Als der Zug vor dem Schlosse angekommen war, beschloß der Major eine Wiederholung seiner Eruiedrigungsprozedur. Ein neues „Halt!" Dann:„Auf die Knie vor Ludwig XIV!" Und begeistert, besessen, applaudierte die entmenschte Bourgeoishorde, als sich die Gefangenen unter dem Zwange der Kolbenstoße und Bajonettstiche wieder wie zur Anbetung niederwerfen mußten! Wer Lissagarays Schilderungen gelesen hat, weiß, wie es in den Masscngefängmsscn herging, in denen man wahllos die Opfer der losgelassenen Soldateska zusammengepfercht hatte, bevor man daran ging, sie niederzumetzeln. Der Regen weichte im Lager auf Satory den lehmigen Boden auf; die Nächte waren fürchterlich; niemand durfte sich auch nur erheben; die Kälte und das Fieber schüttelten die Gefangeneu— die geringste Bewegung nur, und die Schildwache schoß blindlings in den Haufen hinein! Eines Morgens, so erzählt der oben schon genannte Konsul Herrn Ginisty, kam ein Gendarmerie-Offizier in Begleitung eines Priesters und durcheilte suchend die Reihen der Gefangenen. „Er ist ein prächttger Mensch," so hörte der spätere Konsul den Priester sprechen,„bei St. Peter auf dem Montmartre war er Küster... Er mußte auS der Kirche flüchten und eilte zu seiner Schwester in die Valoissttaße... Ganz sicher ist er nur aus Versehen verhaftet worden, oder es liegt eine Verwechselung vor..." „Na, das werden wir bald haben, Herr Pfarrer, der Schaden soll rasch wieder gut gemacht werden." entgegnete eifrig der Offizier. Plötzlich stieß der Priester einen Schrei aus. „Ach, der Unglückliche!" Er hatte den Küster von St. Peter gefunden. Der aber lag kalt und steif, lang ausgestreckt am Boden und war tot. In der Stirne hatte er ein kleines Loch. Man riß ihm das Gewand auf..» arff der Brust trug er sein Skapulier... In der Nacht hatte er sich einmal aufgerichtet, und man hatte auf ihn geschossen... »* » „Wer hat je einen einzigen Gefangenen in Paris unter der Regierung der Kommune gepeinigt? Welche Frau ist umgebracht oder insultiert worden? Welcher dunkle Winkel der Pariser Gefäng» nisse hat eine einzige der tausend Torturen verborgen, die zu Ver- sailles am hellen Tage stattfanden?" *»* Die Soldschreiber des Kapitalismus scheuen die historische Wahrheit wie glühendes Eisen. Sie werden forffahren, ihre Lügen und Verleumdungen über die Pariser Kommune zu verbreiten._ Im Herzen des Proletariats aber leben die Helden und die Opfer jener blutigen Maientage fort! kleines Feuilleton. 'dg. Manne.„Zum Donnerwetter, was ist denn hier Kassiert?� Des Vaters Stimme dröhnte durch das ganze Haus und schreckte die Familienglieder in den entlegensten Ecken auf. Die Mutter sprang vom Flickkorb so hastig auf. daß alle Strumpfpacken übereinander und durch das ganze Zimmer trudelten; die beiden Gymnasiasten ließen die Schularbeiten, Erna brach ihre Cernyschen Etüden mit einem schrillen Mißakkord ab, selbst die Köchin kam herbeigelaufen. noch mit dem Handtuch und einer halbnassen Terrine in der Hand. »Nu seht Euch mal die Bescherung anl" Des Vaters Augen flammten, und sein Gesicht war braunrot. Die Mutter und die anderen stießen fast gemeinsam einen Ruf der Entrüstung aus. Es war in der Tat„eine Bescherung", Die Divandecke, vom .Sofa gerissen und durch die ganze Stube geschleift, hatte sich um einen Nippestisch gewickelt und ihn umgerissen; die kostbare Vase lag in Scherben, der schone Rosenstrauß, der darin gestanden, war ge- knickt und entblättert, auf dem hellen Smyrnateppich aber hatte das Wasser einen großen dunklen Fleck gezeichnet." „Das war Manne," sagte Erna, nachdem, sich der erste Schreck gelegt. Sie sagte es in einem Ton. daß es ebensogut heißen konnte: „Na, gebt Euch drein l" Der Vater warf ihr einen vernichtenden Blick zu:„Jawohl, das war Manne; ja, das war sie mal wieder. Eure elende Töle! Wo ist es denn überhaupt, das Vieh? Komm mal her— du verdammter Köter I" Der Zorn übermannte ihm. Er griff nach dem Lineal auf dem Schreibtisch und wandte sich nach dem Wohnzimmer; aber da erhob sich plötzlich eine Mauer— sechs Hände streckten sich ihm entgegen, ein Zetergeschrei brach los: „Ach nein, nicht hauen, Papal Du darfst Manne nicht hauen!" „Oskar, Du rührst mir den Hund nicht an! Du wirst immer gleich so grob.. „Gar nicht grob genug werden kann man! Solche Töle, solche elende!" „Oskar, Deine Roheiten.. „Papa, das ist ja empörend! Das arme, kleine Tierl" „Papachen, ach Papachen, laß doch man Manne zehn!" „Max, bring den Hund weg, damit er ihn nicht kriegt!" Max hatte den Gedanken der Mutter offenbar schon erraten bevor sie ihn ausgesprochen: aus dem entferntesten Teil der Wohnung hörte man seine angstvolle Stimme schrillen:„Manne, Männchen, Teckclchenl Herrchen will hauen! Komm doch, Teckelchcnl" „Papachen, Papachen I" Hans umklammerte des Vaters Knie. Der Vater schlenderte das Lineal auf den Schreibtisch zurück und warf sich in einen Sessel... „Dann macht meinetwegen, was Ihr wollt. Ihr seid ja ver- rückt mit Eurer Töle!" „Unsere Töle? Das ist Deine auch,.'' „Jawohl... ja— al" „Wer hat ihn denn ins Haus gebracht. Du oder ich?" „Und wer kann sich nicht von ihm trennen, Ihr oder ich?" „Jawohl, D u könntest es natürlich, Du wärst so roh,'n Hund wegzugeben, den man lieb hatl" „Wenn das Schandvieh alles verdirbt und kaput macht! Vorige Woche zerkratzt es die Betten, gestern knabbert es die Türen an, heute die Vase und die Decken— aber jetzt kommt er raus!.. „Jawohl, jetzt kommt er raus!" Die Augen der Mutter be- gcmnen gleichfalls zu sprühen: „Er soll auch raus, schon bloß, um ihn vor Deinen Roheiten zu schützen." „Meine Roheiten— ist gut!" Der Vater lachte krampfhast. Erna schrie auf:„Rein. Mama, Männe darf nicht weg! Wenn mein Männechen wegkommt, dann sterbe ich." .Sie preßte das Taschentuch vor's Gesicht. »Verrückt bistel" sagte der Vater wütend. „Oskar, nun brutalisiere uns auch noch, wie Du den armen Hund brutalisieren willst." Die Mutter schlug die Hände zusammen.„Was kann denn überhaupt das Tier dafür? Solch armes Tier tut nur, wie es klug ist. Wer hat denn die Salontür aufgelassen, daß er reinkam? Das war doch wieder das Schaf, die Auguste." „Wer, ich? Die Köchin stemmte in ihrer Entrüstung die Hände so hastig in die Seiten, daß die Terrine auf den Fußboden kollerte und in hundert Scherben sprang. „Und nun- schlagen Sie auch noch meine Terrine kaputt, Sie Gans!" Die Mutter machte eine Bewegung, als wollte sie ihr ins Gesicht springen.„Meine echte Terrine! Ach meine echte Terrine! Die werden Sie ja bezahlen... Sie, Sie niederträchtige Pute.. „Nanu? Am Ende auch noch ausschimpfen?" Das Mädchen reckte sich:„Schimpfen Se doch Ihre olle Precktöle, die mit ihre Kommodenbeenel Der Herr hat ganz recht..." „Was? Sie wollen sich hier auf den Herrn berufen? Sie,,, Sie... Oskar, was hast Du denn mit dem Frauenzimmer?,,. Oskar I? Du..." �„Aber Maricchen!" Der Vater hielt sich die Ohren zu.„Das ist ja zum Verrücktwerden I" „Jawoll," brummte die Köchin. „Auguste, ich verbitte mir Ihre Frechheiten! Ich..." Sie kam nicht weiter. Aus der Nebenstube drang plötzlich ein jämmer- liches Geheule. Max kam herbeigestürmt mit allen Zeichen höchsten Entsetzens:„Mam— rnoo... Mam— maa.... wo ist der— der Manne? Uh... hu... hu! Der Männe... ist ja... weg!" „Um Himmels,,, was?" Sie stürzten alle wie elektrisiert auf den Jungen zu. „Der Männe ist Weg-I" Um Gottes willen, nein... der Hund.,, er wird doch nicht...?" Auch der Vater sprang auf. „Manne!" schrie Erna und stürzte davon, kam aber scbon nach wenigen Sekunden mit wildem Schlugen zurück:„Männe ist weg.._. natürlich... die Auguste hat die Korridortüre aufgelassen! Uh, Männe, mein... Männe...' Sie warf sich, von einem Wein» krampf geschüttelt, auf den Divan. Die Jungens stimmten ein. Der Vater griff nach seinem Hut:„Aber, dann doch man schnell weg... suchen!... Was heult Ihr denn herum, hier, rasch!... rasch!. So was können Sie auch nur, Sie Gans." Er gab dem Mädchen, das ihm nicht schnell genug Platz machte, einen Schubs. daß sie an den Ofen flog Auguste schrie auf.„Aber dies is ja doll! Ooch noch hauen lassen, um son Biest! Ick zeije Ihnen an! Sie... det derfen Sie nich..." „Halten Sie's Maul! Sie... sonst bekommen Sie noch eine." Die Mutter nahm Sie am Arm und schubste sie in die Küche hinaus, „Einem den Hund weglaufen zu lassen, unfern guten Hund—- unfern!" Sie schluchzte. „Mama," wimmerte Erna,„wer weiß, wo er hinkommt, an, Ende wird er geschlachtet!" „Manne!" heulten die Jungens in den herzzerreißendsten Tönen. „Manne!,.. Manne!„.." «Auf der Straße und auf dem Hofe ist er nicht." Der Vater kam wieder herauf und warf den Hut auf den Tisch, er sah aus, als wollte er selber weinen. „Wer weiß, wo der ist." „Vielleicht hat ihn schon'n Auwmobil gerädert." „Oder der Schindcu hat ihn..." „Nein, nein, den stehlen sich Hundediebe, der wird gc- schlachtet.,." „Vor allen Dingen werden wir ihn annoncieren," sagte der Vater.„So, ich schreibe gleich die Annonce: Ein gelber, schöner und liebenswürdiger Teckel, auf den Namen Männe hörend, ist ent- laufen... Es kann auch an die Litfaßsäulen: Wie viel Belohnung bieten wir? Ich beule, fünfzig Mark." „Ja, ja; fünfzig Mark. Aber paßt mal auf, wir kriegen ihn nicht wieder." Die Mutter begann zu weinen.„So hübsch und lieb, wie er war.. „So drollig," schluchzte Erna. «Ja, unser Männe, unser Teckelchenl" Der Vater seufzte schwer und stützte den Kopf in die Hand. Dann horcht er plötzlich auf: „Aber hört doch mal, da.. „Ja, hört doch mal!" Alle Köpfe flogen in die Höhe. „Da blafft ja Männe!" „Er kratzt an der Korridortür!" „Manne!... Manne!... Unser lieber Manne!" Im Triumph, auf seinen eigenen Armen, trug Papa den Hund in den Salon. „Du Racker! Du Ausreißerl" „Wie kannst Du den fortlaufen, Du Schlinget?" „Wenn sie Dich nun geschlachtet hätten?" „Aber diese Nacht schläfst Du bei mir," jauchzte Erna. „Nein, bei uns," schrien die Jungen. „Als ob der überhaupt wo anders im Bett bleibt als wie bei Vätern," lachte Mama glückselig. „Wo bist Du denn bloß gewesen, Männe?" „Wo wird er'n gewesen sein," brummte Auguste, die mit Wischtuch und Besen hereinkam.„Bei seine Braut in de dritte Etage. Der und Werners Mops, dett wird ja ne Sorte werden!" „Auguste, jetzt seien Sie aber mal endlich still und führen Sie nicht solche Reden vor den Kindern." Der Vater warf ihr einen verweisenden Blick zu:„Hier haben Sie überhaupt dreißig Pfennige, holen Sie ein Ende Leberwurst für Männe— weil der liebe Kerl bloß wieder da ist!"— en. Eigentümliche Blitze. Ein Gewitter erzwingt sich schon die Ausinerksainkeit jedes Menschen, der nicht gerade fest schläft oder sehr emsig beschäftigt ist. Dennoch ist es nicht leicht, wirkliche Beobachtungen dabei zu machen, namentlich bezüglich der Blitze, da man die Zeit nach dein Orte ihres Erscheinens nie mit Sicherheit voraussehen kann. Aus dem gleichen Grunde ist auch das Studium der Blitze mittels der Photographie von Zufälligkeiten abhängig. So komint es, daß unsere Kenntnis über die verschiedenen Eigen» schasten der elektrische» Entladungen in der Atmosphäre noch einer Vermehrung bedarf. Manche Blitze, besonders die von großer Helligkeit, scheinen eine gewisse Zeit stehen zu bleiben und erst all« mählickj zu verlöschen. Sehr häufig ist dieses Phänomen nicht gerade sichtbar. Jin allgemeinen zeigt es sich nach sehr glänzen den Linien- blitzen. Man sieht dann ans dem dunkelen Hintergrunde des Himmels ein Bild des Blitzes selbst, der genau die Stelle einnimmt, wo dieser niedergezuckt ist. Die Farbe des Blitzes ist ein grünliches oder rot- lichcs Gelb und verliert sehr rasch ihren Glanz. Man könnte glauben, daß diese Erscheinung lediglich eine Art von Augentäuschung sei, ein nachhaltiger Eindruck des plötzlichen Lichts auf die Netzhaut des Auges. Touchet, der über diesbezügliche Beobachtungen jetztandie Pariser Akademie der Wissenschaften berichtcl hat, versichert jedoch, daß dem nicht so sei. indem er das Nachbild auf der Netzhaut neben dem Nachglanz des Blitzes selbst hat unterscheiden können. Da? Nach» leuchten eines Bliyes kann ein bis zwei Sekunden dauern und treffend mit dem Schweif eines Meteors, mit dem einer Rakete oder er sie zum zweitemual moralisch hinaus mit dem Effekte, daß die Edle nun endlich von Liebe überwunden in seine Arme stürzt. Zum letztenmal wird sie, und zwar ohne Widerruf, in, dritten Akt heraus- geworfen, da nämlich Rudolf sie nun wirklich zu lieben glaubt(als ob er dazu fähig wäre I), es aber alsobald trotz seiner Theorie ganz unerträglich findet, daß sie vor ihm noch anderen angehört haben kann. Ihr Geständnis macht ihn melancholisch, das persönliche Zusammentreffen mit dem Mann, der sie besaß, bringt ihn in blinde Wut. Emma, die sich inzwischen als Musterexemplar von Tugend und aufopfernder Liebe entpuppt, hat sich unter diesen Umständen auf des Autors Geheitz aus dem Fenster zu stürzeu. Hans Pagah, Marie-Glümer, Rudolf Bernauer und Alexander Ekert mühten sich in den Hauptrollen umsonst. Der Beifall, der ja nie bei den Premieren fehlen darf, klang dünn und mutlos, ein Teil des Publikums machte seinen Gefühlen durch Zischen Lust.— dt. Humoristisches. — Kathederblüten veröffentlicht die„Tägl. Rundsch.'. Wir setzen einige hierher. „Ich werde nächsten Sonnabend wiederum eine Rcpetition an- stellen, und zwar in der Art, wie ich mich überzeugt habe, daß es gar nicht geht. Ihre Arbeit ist ohne Aufmerksamkeit und Löschblatt ge- macht. Ihre Arbeit fängt gleich bannt an, daß Sie am Ende den Punkt weglassen. Wenn ich auf dem Gange gehe und den Lärm höre, sollte ich gar nicht denken, daß ich in Sekunda bin.(Gelächter.) Worüber lachen Sie denn, etwa über mich, ich wüßte nicht, was sonst hier lächerlich wäre. Sie sprechen ja wie ein dreijähriges Kind, das noch nicht spreche» kann I Holzapfel, wenn Sie mit mir reden, so schweigen Sie I Nun stehen Sie wieder am Fenster, wenn nachher einer heraus- fällt, so ist es wieder keiner gewesen. Sie sind nicht wert, neben den anderen Schülern zu sitzen; setzen Sie sich zu mir. Käse ist geronnene Ochsenmilch. Aus der Monarchie Alexanders des Großen entstanden drei Reiche, die sich im östlichen Teile des Mittelländischen MeereS bildeten. Da ich meine Schüler noch nicht recht kenne, wird jeder, den ich bezeichne, mir seinen Namen nennen, also: Decker, wie heißen Sie?— auch Ulit dem Nachleuchten des Fadens einer Glühlampe nach Unterbrechung des Stromes verglichen werden. Auch das Ex- periment wäre heranzuziehen, wonach ein Stück Kreide nach der Berührung durch einen elektrischen Funken eine eigentüm- liche Phosphoreszenz erkennen läßt. Die Erklärung wird vielleicht durch die Tatsache gegeben, daß manche Blitze aus mehreren Entladungen entstehen, die nach einander dieselbe Bahn verfolgen. Die Zwischenräume zwischen diesen einzelnen Entladungen betragen gewöhnlich etwa Vio Sekunde, stehen also fast an der Grenze der Wahrnehmbarkcit durch das Auge. So erklärt sich das eigentümliche Zittern des Lichts, das durch einen Blitz hervor- gerufen Ivird und nach der früheren Annahme auch der Schein des Nachleuchtens. Touchet behauptet allerdings, daß diese beiden Erscheinungen nichts mit einander zu tun haben. Das Zittern des Lichts sei der schnellen Aufeinanderfolge mehrerer Entladungen zu- zuschreiben, das Nachleuchten aber werde dadurch bewirkt, daß durch den Blitz die Bestandteile der durchschlagenen Luft vorübergehend ins Glühen versetzt werden. Nach vielen' Ver- suchen ist es Touchet gelungen, für diese Ansicht einen Beweis durch photographische Aufnahmen zu erhalten. Der von ihm Photo- graphierte Blitz, der sehr hell war und von dem erwähnten Leuchten gefolgt wurde, zeigte auf der Platte längs seines Verlaufs ein leuchtendes Band, dessen Entstehung wohl nur durch eine tatsächliche Erscheinung, nämlich durch das vorübergehende Glühen der benach- karten Lust erklärt werden kann. Besondere Studien über diese Frage haben übrigens schon früher L. Weber in den Sitzungs- berichten der Preußischen Akademie der Wiffeuschaften und B. Walter in, Jahrbuch der Hamburgischen Wissenschaftlichen Anstalten ver- öffeutlicht.— Theater. Neues Theater.„Künstler". Ein Stück aus der Wiener Bohäme in drei Slkten von Josef Holtzinger.— Die Direktoren Karl und Theodor Rosenfeld, die das Neue Theater für die Sommermonate gepachtet, brachten am Sonnabend nach einiger Verzögerung durch die Zensur das neue Stück, das man in englischer Manier die ganze Spielzeit hindurch zu wiederholen denkt, heraus. In, Winter gab es genug Premiren von Dramen, denen es besser gewesen wäre, sie hätten nie das Bühnenlicht erblickt, aber kaum etwas so Verstimmendes wie diese sommerliche Novität, für die hoffentlich— schon in Rücksicht auf die guten schauspielerischen Kräfte des Ensembles wäre das zu wünschen— bald ein Ersatz geschafft sein wird. Ganz sicher' laufen in der Boheme nicht lauter so witzige und erfindungsreiche Gesellen, wie Murger sie in seinen liebenswürdig heiteren Skizzen geschildert hat, umher, aber dieses Maß von Nüchternheit, dieser radikale Mangel an Temperament, Geist, Phantasie, dessen Holtzingers Bohemieus sich befleißigen, ist ganz gewiß kein Gattungsmerkmal. Oder, sollte es am Ende für manche Gruppen der Boheme- weit typisch sein— hinter dem Pseudonym, heißt es, stehe ein junger Bildhauer, dem man Kenntnis der Künstlerkreise also doch von vorn- herein wird zutrauen dürfen—, nun so hätte, wenn dergleichen über- Haupt dargestellt werden sollte, dieses geisttge Defizit der geschilderten Personen durch den Stil der Darstellung ausgeglichen werden müssen. Eine in die Tiefen bohrende Psychologie kann auch aus langweiligen und leeren Subjekten Interessantes herausholen, eine ori- ginelle Beleuchtung in dem Banalen verborgene Züge des x.enschlich Bedeutsamen uns schauen lassen. Aber hier befindet sich die Darstellung al pari mit dem fatalen Niveau der Personen, und die primittv unbehülfliche dramatische Technik, charakteristisch unter anderem in der Art, wie alle Augen- blicke, je nach Bedarf, die Menschen zur Tür hinein« und heraus- befördert werden, trägt ihrerseits nach Kräften dazu bei, den Ein- druck des Zerfahrenen zu verstärken. Noch erheblich trister als um die Intelligenz ists um den sitt- lichcn Zustand dieser Bohemiens bestellt. Der Maler Schmitz, der Trottel, der, als ihm ein Fräulein im Spaß aus seiner Hand weissagt, er werde durch Selbstmord endigen, plötzlich in Hypochondrie verfällt und sich beeilt, die Prophezeiung wahr zu machen, nimmt sich neben der sttimpfen Roheit der übrigen beinahe noch sympathisch aus. Da gibt es einen Bildhauer, einen versoffenen Kerl und Schürzenjäger, der sich durch die Arbeit seiner armen schwindsüchtigen Konkubine erhalten läßt, und das Bruderpaar Lehner— der eme, ein flapsiger Bengel, der die Mädchen, denen er den Kopf verdreht hat, mit ausgesuchtem Hohn behandelt, aber ihre Gelder gern in die Tasche steckt, der andere, der Held des Schauspiels, ein kalblütig zynischer Verstihrer, übel gelaunt, Verteidiger der„freien Liebe für Mann und Weib", der, auf die Probe gestellt, zu einem grillig eifersüchtigen Tyrannen wird. Dieser Unischlag, der zu dem„Künstler"- Thema in keiner inneren Ve- ziehung steht, aber, fein entwickelt, wohl interessieren könnte, wirkt in der plumpen Art, wie er gezeichnet ist, so peinlich wie die ganze übrige Liebesgeschichte. Schon die unVergleich« liche Brutalität der Werbeszene im ersten Akte macht jede Anteilnahme an den weiteren tragisch aufgeschminkten Wendungen un- möglich. Die in Rudolf Lehuer platonisch verliebte Sängerin, an deren senttmentale Tiraden wir später allen Ernstes glauben sollen, laßt sich da wie ein Hund von ihrem Angeschärmten behandeln. Er weist ihr die Tür, wenn sie ihm nicht zu Willen sein tvird. Sie geht und kehrt im Augenblick, als wäre nichts gewesen, wieder, dann wirft Berantvzgrtl. Redakteur: Franz Rehbein, Berlin.— Druck u. Verlag: Notizen. — Moderner Zeitungsbetrieb. Das Blatt„Daily Mail" wird, wie die„Vossische Zeitung" berichtet, fortan in Paris fast zur selben Stunde erscheinen, wie in L o n d o n. Da- durch gewinnt der Verleger vor seinen Londoner Konkurrenten einen Vorsprung von acht Stunden. Und da nun„Daily Mail" in Mar- seille vor allen englischen Zeitungen und zu rechter Zeit anlangt, um noch mit einem Postdampser abzugehen, den die Konkurrenten nicht mehr erreichen, so gewinnt sie für Aegypten, Indien, Australien und Neu-Seeland sogar mehrere Tage.— — Eine Handelsakademie f ii r Frauen wird in F r e i b u r g in der Schweiz eröffnet. Vorgesehen sind zwei Studienjahre, denen eine Vorbereitungsklasse vorangehen wird. Das Programm hält sich an das der höheren Handelsschulen in Deutschland.— — Der„Verein für deutsches Kuu st ge werbe" in Berlin erläßt ein Preisausschreiben, das zwei bisher wenig beachtete Aufgaben unserer Wohnungsaus st attung zum Wettbewerbe stellt, nämlich Farbe und Teilung von Wand, Decke und Fußboden, also der Flächen, die unsere Zimmer begrenzen. Für Preise und Ankäufe stehen mehr als 2000 M. bereit. Die Ein- liefernngsfrist läuft mit dem 24. Juni d. I. ab; die Bedingungen sind von der Geschäftsstelle des Vereins, Berlin V/. 9, Bellcvue- stratze 3(Künstlerhaus) kostenlos zu erhalten.— — Der Maler und Graphiker Richard W i n ck e l ist als Lehrer an die Kunstgewerbeschule in Magdeburg be- rufen worden.— — Der Preis des Radiums ist derart gestiegen, baß für Viooo Gramm 400 M. bezahlt werden. Bis jetzt sollen überhaupt nur 15 Gramm des Stoffes erzeugt worden sein.— — Ein Viertel Dutzend Ehrenerklärungen gibt Heinrich Klopp in Wettendorf im„Jsenhagener Kreisblatt" auf ein« mal ab. Heinrich Klopp schreibt:„Die Beleidigungen gegen die vier Bauern in Steimbke nehme ich hiermit zurück und erkläre hiermit, daß die Bauern keine Pferde, sondern rechtliche Bauern sind."— Ferner:„Die Beleidigung gegen den Vorstand der Kuhkasse z« Steimbke nehme ich hiermit zurück und erkläre hierdurch, daß die Vorstandsmitglieder keine Esel, sondern Vorstandsmitglieder der Kuhkasse sind."— Ferner:„Die Beleidigung gegen Fräulein Emma Könecke nehme ich hierdurch zurück und erkläre hierdurch, daß Fräulein Emma Könecke keine stattliche Kuh, sondern ein braves Mädchen ist."—_ Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer ö-Co., Berlin LW,