Anterhaltimgsblatt des Vorwärts Nr. 101. Donnerstag, den 25. Mai. 1905 21] flammen. (Nachdruck Bcidulcit.) Roman von Wilhelm Hegeler. „Wie reizend die beiden tanzen!" sagte Marie Luise. „Ach, bin ich froh, den Jungen wieder tanzen zu sehen. Das hätte ich nie geglaubt. Und so vergnügt! Er strahlt ja vor Glück." „Ich glaube, Sie tanzten auch gern, gnädige Frau." „Ja, mit Vergnügen," erwiderte sie und erhob sich schnell. „Ach, und ich bin ein so miserabler Tänzer—" „O, versuchen Sie's nur. Es geht gewiß. Nach diesem Walzer muß es gehen. Das ist mein Lieblingswalzer. Den kennen Sie doch?" „Ich muß zu meiner Schande gestehen—" „Den Walzer aus dem„Freischütz" kennen Sie nicht? klnd wissen nicht die reizende Geschichte, wie Weber ihn kom- Homert hat?" „Nein." „Er batte schon die ganze Oper fix und fertig. Nur ein Walzer fehlte ihm noch. Aber uicht der leiseste Takt wollte ibm dazu einfallen. Wie er nun ganz verdrießlich in seinem Zimcr auf und abrennt, tritt seine Wirtin, Madame Nudelbeck ein. Da fängt's auf einmal an, in ihm zu klingen, er faßt die dicke'alte Dame um die Taille, dreht sie herum und singt da- zu immer:„Mutter Nudelbecken— Madame Nudelbecken — Mutter Nudelbecken." Das war die Melodie.— Versuchen Sie's nur." Während sie mit geschicktem Griff ihre Schleppe aufraffte, legte er bebend seine Hand um ihren schönen Leib. Er mochte ein ungewandter Tänzer sein, doch wenn in diesem Augenblick Marie Luise von ihm gefordert hätte, auf turmhohem Seil zu tanzen, auch das hätte er mit Meisterschaft gekonnt. Er war nicht mehr er selbst, sondern ein Wesen von unbegrenzt gesteigerter Kraft, das Mut und Geschick einfach zu allem in sich fühlt. So glitten sie dahin über den köstlich glatten und wie nachgiebigen Marmorboden. Marie Luise hatte den Kopf leicht auf die rechte Schulter geneigt, und während um ihre geöffneten Lippen ein strahlendes Lächeln lag, summte sie in leisem Ton zu der Musik:„Mutter Nudelbecken— Mutter Nudelbecken— Mutter Nudelbecken." Er hielt sie fest umschlungen und hatte das Gefühl, nicht daß er sich drehte auf festem Untergrund, sondern daß er höher und höher schwebte mit dieser leichten Gestalt, und daß die Menschen ferner und ferner unter ihm verschwanden. Er hatte von selbst nicht aufhören können, und als die Musik dann ab- brach, schwebte er weiter mit ihr dahin, bis Marie Luise endlich langsam niit ihm zur Erde heruntersank und in der Nähe ihres Gatten anhielt. „O," sagte sie tief aufatmend,„und Sie wollen ein schlechter Tänzer sein?" „Kind, Kind," drohte der Major,„das war ja ein nimmer endender Tanz!" Grabaus verneigte sich tief, und, war es Zufall, war's seine Einbildung: als er sie losließ, spürte er einen kurzen, leisen Druck ihrer Hand. In diesem Augenblick traten gerade mehrere Menschen heran, so konnte er verschwinden, ohne daß es auffiel. Wie im Traum ging er an den Lenken vorüber, kam durch den Nebensaal, in welchem Kellner die jetzt leeren Tische ab- räumten, in ein Zimmer, wo an grün bezogenen Tischen in bequemen Ledersesseln Gruppen mit einander plauderten, geriet in ein anderes Zimmer und scheuchte dort ein einsames Liebes- paar aus zärtlicher Unterhaltung, schritt dann durch eine von selbst sich öffnende Tür in einen dunklen, holzgetäfelten, nur durch einige Kerzen erhellten Raum. Es war der Sitzungs- saal des Reichstages. Auf den ersten besten Stuhl setzte er sich nieder, gerade dort, wo die Linke ihren Sitz hatte. Der weite, dämmernde Raum mit dem schwach schimmernden Oberlicht von Milchglas und hier und dort ein zitternder Reflex auf dem Polierten Eichenholz, die leeren Galerien und die Verlassenheit dieser vielen, vielen Sitze, dazu die Stille, in der doch erregte Worte noch zu schwirren schienen— das alles war seltsam und fast geheinmisvoll. Er hatte die Arme aufgestützt, die Hände u inpreßten den Kopf. So starrte er von Schauern durchrieselt vor sich hin: ein Mensch, der in Gefahr ist, daß ein Uebernraß im Innern tobender Kräfte das feste Gefüge seiner Persönlichkeit zersprengt. Man sagt, die Chicagoer Weltausstellung sei durch den Druck einer Kinderhand auf den elektrischen Kontaktor eröffnet worden. Im Augenblick, wo dieser schwache Finger die Drähte verband, begannen die Maschinen zu arbeiten, die Räder zu schnurren, die Hämmer zu sausen: die Turbinen zu kreisen, die Wasser ihre gischtigen Fluten zu ergießen— in diesem Augenblick wurden Millionen schlumniernder Menschenkräfte wach. Und so war es auch in Grabaus. Der Händedruck Marie Luisens hatte sein Inneres aufgerührt und in Bewegung ge- bracht, daß alles, was fest und unverrückbar gewesen, jetzt in Fluß geriet. Es gab nichts Festes, nichts Unmögliches, nichts Unerreichbares mehr. Sein Ehrgeiz, sein Amt, sein Weib, seine Kinder, Marie Luise, ihr Gatte: alles dies, was soeben noch so sicher dagestanden hatte, verwandelte sich nun in Nebel und Rauch. Mit leuchtenden Bildern stieg eine neue Welt empor. Er lehnte sich zurück, breitete die Arme ans und flüsterte kaum ihm selbst vernehmbar ihren Namen. Und in diesem Saal, der so viel weithin schallende Reden vernommen hatte, waren wohl noch nie die Worte aus so inbrünstigem Herzen gekommen 7. „Wissen Sie, Bruder Wolf," sagte Grabaus zu dem jungen von Hellen, indem er ihn unterfaßte,„ein ganz kolossaler Kerl müssen Sie werden. Wenn man eine solche Schwester hat, wie die Ihre, die einen so liebt— Aber nun erzählen Sie weiter. Also was tat Ihre Schwester nach dem Tode Ihres Vaters?" Die beiden Freunde hatten an diesem Sonnabendnach- mittag von Jena aus einen längeren Spaziergang unter- nommen und schritten jetzt munter durch einen lehmigen Hohl- weg deni nahen Walde zu. Es herbstete schon stark. In den Schlehdornhecken dunkelten die schwarzen Beeren. Letztes Glühen der Abendsonne brach durch den grauen Nebeldunst und ließ die roten Kronen einer fernen Kirschbaumallee wie brennende Büsche aufflammen. In dem welligen Terrain erhoben sich gleich riesigen Maulwurfshügeln Strohmieten, und in der Ferne warf lautlos und schemenhaft eine Wind- mühle ihre Flügel durch die Dämmerung. „Ja, nach dem Tode nieines Vaters—" begann Wolf, unterbrach sich aber gleich und fragte:„Aber langweilt Sie daS auch nicht? Ich hnb's doch schon mal erzählt." „Nein, nein, durchaus nicht," sagte Grabaus ungeduldig. „Also mein Vater starb gerade, als er Minister werden sollte. Er hatte schon längst die Geschäfte geführt, seine Er- nennung sollte veröffentlicht werden, da bekam er zu seinem Asthma eine Lungenentzündung, und in acht Tagen war er tot. Nun nuissen Sie wissen, was das in einem kleinen Residenz- ncst bedeutet. Eben waren wir noch die ersten Leute in der Stadt, plötzlich wurden wir nichts. Es war einfach, als wenn in einem Hause alle Lichter ausgelöscht werden und man im Dunkeln sitzt. Ich selbst, damals noch ein dummer Schuljunge, merkte den Unterschied. Na, eines Tages sprach ich darüber mit meiner Schwester: es wäre doch jetzt alles so anders, da sagte sie zu mir:„Höre mal, Wolf, Du mußt mal ganz ver- ständig sein. Wir werden jetzt wohl noch manches herunter- schlucken müssen. Denn Papa hat gar nichts hinterlassen. Wir sind einfach arme Leute. Aber deshalb mußt Du doch immer den Kopf recht hoch tragen und wahnsinnig stolz auf Deinen Vater sein, denn er war doch der erste Mann in der Stadt. Aber für Mama ist das schrecklich. Sie darf um Gottes willen nichts merken. Wir müssen ihr einfach Komödie vorspielen." Ich sage:„Wie fangen wir das aber an?"„Das werd' ich schon machen," meint sie.„Nur mußt Du mir ein bißchen helfen. Vor allem immer recht vergnügt zu Haus sein und der Mama rechte Freude machen, gute Zeugnisse bekommen usw. Im übrigen, wenn Du jetzt Deine Anzüge ein bißchen besser schonen könntest, so wäre das sehr erwünscht. Das andere will ich schon besorgen."— Und wie sie dann den ganzen Haushalt eingerichtet hat, das war einfach kolossal. Ich glaube, manch- mal hat sie nicht mehr aus noch ein gewußt. Aber gemerkt hat man nichts davon. Immer war sie fidel. Ja, einmal hat Mama zu mir gesagt:„Wenn ich Life uicht besser kennte» sa würde ich wahrhaftig glauben, sie hätte kein Herz. Da trägt sie Trauerkleider, aber von Trauer merkt man nichts."— Also wir schränkten uns aufs äußerste ein, ohne daß Mama es recht merkte. Wenn sie sich auch manchmal wunderte, dann lachte meine Schwester und sagte: es wäre doch so viel gemütlicher. Der Diener wurde gleich entlassen, damit war Mama ja auch ganz einverstanden. Aber daß auch die Jungfer gehen sollte, wollte ihr gar nicht in den Kopf. Da hat meine Schwester sie jeden Morgen selbst frisiert. Und so machte sie's mit allem. Ich hatte französische Privatstunden. Die gab sie mir nun. Sie hat manchmal selbst gekocht und gebügelt. Und dabei müssen Sie bedenken, daß sie noch vor kurzem das gefeiertste Mädchen gewesen war.— Und dann sollte die erste Etage ver- mietet werden. Hätte Mama gewußt, daß das der Miete wegen geschah, sie wäre todunglücklich gewesen. Aber Marie Luise sprach immer davon, es wäre ihr so gruselig, sie mit Mama allein im Hause, ohne ein männliches Wesen,— ich zählte damals noch nicht— daß Mama schließlich selbst auf die Idee kam. Und als dann mein Schwager erschien, mit dem Life schon längst unterhandelt hatte, da war Mama ganz beglückt und meinte, es sei ihr Werk." „Verkehrte Ihr Herr Schwager lange bei Ihnen, ehe Ihre Frau Schwester sich mit ihm verlobte?" „Beinahe ein Jahr. Das war eine riesig nette Zeit. Ich weiß noch, wie er das erste Mal ganz feierlich zum Tee geladen wurde. Später kam er dann immer öfter. Ich konnte ihn riesig gut leiden. Er nahm mich immer für voll, das tat mir natürlich sehr wohl. Eines Tages fragte mich meine Schwester, wie mir der Major eigentlich gefiele? Ich lachte und sagte: „Meinst Du, ich hätte nicht längst was gemerkt? Ich weiß alles." Sie wird ganz rot und sagt:„I, Du dummer Beugel, was hast Du gemerkt?"„Na," meine ich,„das ist ja doch ganz klar, daß der Major— wir nannten ihn untereinander nämlich immer den Major— es auf Mama abgesehen hat." Da fährt meine Schwester zusammen und sagt nur:„Du bist wohl verrückt." Und dann rennt sie hinaus.— Mir war wohl ein bißchen komisch zumut. Aber von der eigentlichen Sache hatte ich keine Ahnung. Aber zwei Tage darauf sagt meine Schwester zu mir— in einem Ton, den ich nie vergessen werde: „Wolf, der Major hat heute um meine Hand angehalten. Ich habe ihn sehr lieb und habe ja gesagt." „Nun, und Sie? Was machten Sie darauf?" „Ich? So plötzlich kam mir das, und ich war so ver- wirrt, daß ich meiner Schwester einfach um den Hals fiel und furchtbar heulte. Und dann bin ich herausgelaufen. Wissen Sie, im Garten hatten wir nämlich einen Birnbaum. Einen prachtvollen, großen Bauin. Die Birnen taugten freilich nichts. Auf den war ich früher schon immer gern geklettert. Aber den Tag bin ich bis in die äußerste Krone gestiegen und Hab' da angefangen, mich zu schaukeln. Ich dachte, fliegste runter, dann fliegste. Aber nur die Birnen vrasselten herunter, und der Baum hat bis in die Wurzeln gebebt. Daß jemand meine Schwester heiraten wollte— der Gedanke war mir so ungeheuerlich. Und nun noch der Major! Ich war ja noch ein dummer Bengel, aber ich hatte doch schon ein dunkles Gefühl, wie gewagt, eigentlich wie unnatürlich eine solche Ehe war, denn mein Schwager ist doch an die dreißig Jahre älter als ineine Schwester. Nun, und doch ist alles gut gegangen. Denn sie sind beide miteinander glücklich." Sie hatten die Höhe erreicht. Ein schmaler Fußpfad führte am Wald entlang. Hohe Ginsterbiische streiften ihre Hände und ließen kühle Tropfen darin zurück. Am fernen Horizont schwebte im grauen Gewölk gerade über einer einsamen empor- ragenden Fichte der dunkelrote Vollmond, wie eine seltsame rote Mohnblüte am schwarzen Stiel. Ein weiter Blick er- öffnete sich ihnen über tiefe Täler zu fernen, schwarzen Wald- rändern. Ter Weg bog ab und führte sie in den Wald, der so finster war, daß die beiden einander kaum erkannten. Da sagte Grabaus plötzlich, als wenn er sich selbst Antwort gäbe auf viel verschlungene, einander widersprechende Gedanken: ,Und seltsam bleibt es doch." „Ach," erwiderte Wolf mit ahnungsloser Bestimmtheit, „seltsam ist es doch nur für Fernstehende, für Leute, die nur die Tatsachen kennen, daß ein Mann von zwciundfünfzig eine junge Frau von einundzwanzig geheiratet hat. Aber wer die beiden kennt, wer weiß, wie innerlich jung noch mein Schwager ist, und wer die Natur meiner Schwester kennt, der weiß, die beiden müssen glücklich sein. Scherl Sie, meine Schwester ist ein so glücklich veranlagtes Wesen. Eigentlich ist sie wunschlos. Lassen Sie sie in eine vergnügte Gesellschaft kommen, dann ist sie die Fröhlichste von allen. Sie haben Sie doch auf dem Reichstagsfest gesehen. Mer sie braucht keine Feste. Zu Haus in der Stille fühlt sie sich ebenso wohl. Sie weiß sich überall einzurichten. Eigentlich ist sie ein Mensch, der ganz für andere lebt. Und wenn sie eine Schwäche hat, so ist es diese, daß sie immer noch für andere sorgen muß. Damals nach meines Vaters Tode, als wir doch niit jedem Groschen rechnen mußten, da hatte sie noch ein ganzes Rudel armer Teufel, denen sie half. Einen Schulkamerad von mir, der seine Eltern verloren hatte, haben wir ins Haus genommen. Dann war da ein früheres Mädchen, für das ist sie wochenlang herumgelaufen, um ihr eine Stellung zu verschaffen. Und dann— ach, ich weiß das alles nicht mehr. Mir schwebt bloß ihr Gesicht vor, wie sie immer strahlte, wenn sie für andere Leute was erreicht hatte." Ein gut Stück Weges waren sie schweigend weiter- gegangen, als sie an eine Lichtung kamen. Ter Mond war inzwischen höher gestiegen und leuchtete silberblank durch die Wolkenschleier, die eilig in mannigfachen Gebilden unter ihm dahinflogen. Irgend woher aus einem der tiefen Täler klang dann und wann vernehmbar Abendläuten. Vor ihnen glonun aus unsichtbarer Tiefe ein schwacher Lichtflimmer und deckte den Himmel mit rötlichem Schein. Grabaus wies darauf hin. „Das kann Weimar sein." Sie standen beide versunken. Da klang aus weiter Ferne ein jubelnder Aufschrei durch die dämmernde Stille, der Pfiff einer Lokomotive. Eine rote Schlange glühte auf, von weißen Krönchen umschwebt, ringelte sich eilends dahin und war hinter Bergen verschwunden. Aber fröhlich wie jubelndes Lachen ließ sie noch ein paar Mal den Lockruf erschallen. Hei, hei, hei! Und wie mit fortgerissen von diesem Ruf war Grabaus in einem Nu nach Weimar getragen. Er öffnete die Tür eines großen Hauses, trat in ein Zimmer, wo aus dem Lichtschein einer Lampe, die auf einem kleinen Tischchen stand, Marie Luise sich erhob und verwundert den abendlichen Gast anschaute. Er ging chr entgegen, ergriff demütig ihre Hand und sagte etwas — er wußte die Worte nicht deutlich, doch der Sinn war der: „Ich bin sehnsuchtsvcrzehrt und mich dürstet nach Ihrer Näbe, Marie Luise. Ich möchte einer Ihrer Bettler sein, gegen die Sie so gütig sind." Sie aber streckte liebreich die Hände aus und ließ ihn an ihrer Seite sitzen. lFortsetzung folgt.)' pariser �eitungsmacke. L Man hat unser Zeitalter das Maschinenzeitalter genannt. Ebenso- gut könnte man es das Zcitungszeitalter heißen. Seit durch die Erfindung der Rotationsdruckmaschine die technische Vorbedingung der raschen Herstellung großer Auflagen täglicher Blätter gegeben worden ist, hat sich der Charakter deS literarischen Lebens der zivi» lisierten Nationen von Grund ans gewandelt: an die Stelle der Buch- und Broschürenproduktion ist die Zeitungsfabrikation getreten. Das hat seine oft erörterten Schattenseiten. aber auch seine hellstrahlenden Lichtseiten. Jedenfalls können wir uns unser Leben ohne die tägliche ZeitungSlektüre schlechterdings nicht mehr vorstellen. Äußer einer allgemeinen Stockung des Verkehrs— z. B. infolge des Eisenbahnerstreiks— wirkt nichts so unmittelbar auf die Masie der Bevölkerung, wie das Nicht- erscheinen der Zeitungen, von ganz großen katastrophalen Ereignissen (Krieg, Erdbeben zc.) natürlich abgesehen. Nicht mit Unrecht sagte einmal ein österreichischer Parteigenosse:»Solange bei Euch in Deutschland am 1. Mai noch eine bürgerliche Zeitung erscheint. glaubt die Bourgeoisie nicht an den Ernst der Maifeier: mit der einen Tatsache des Ausbleibens der Zeitungen aber würdet Ihr sie davon überzeugt haben." Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß die Zeitungen in demokratischen Ländern einen weit größeren Einfluß ausüben, als in den bureaukratisch- reaktionär regiertcit. Aber auch die völlerpsychologischcn Unterschiede, die Rasten- und Bildnngs- Verschiedenheiten der Nationen spiegeln sich in ihrem ZeitnngSwescn wieder. Die deutsche Jouritalistik hat ihre Besonderheiten und Eigenarten, ebenso loie die englische und amerikanische; und das ZeitungSwesen dieser wesentlich germanischen Völker ist von dem der romanischen erheblich unterschieden. Die New Uorker Zeitungen werden ebenso wie die Berliner oder Madrider auf Rotations- Maschinen gedruckt, die vielleicht gar aus derselben Maschinenfabrik stammen, alle verwenden gleichermaßen das leichte und billige Holz- Papier, sind»Druckerschwärze auf Holzpapicr", und doch bestehen charakteristische Unterschiede zwischen ihnen. Einen hervorragenden Platz in der Zeitungsfabrikation der Welt hat immer die Pariser behauptet, und es ist deshalb nicht un- intereffant, einmal einen Blick hinter ihre Kulissen zu Iverfen. Ein Redakteur des großen, deni französischen Auswärtigen Anite he- sonders nahestehenden Tageblattes„La Temps"(»Die Zeit") gibt uns dazu durch einen Artikel in der„Internationalen ölono- mischen Rundschau" Gelegenheit. Dort untersticht Herr Pierre Mille besonders eingehend die geschäftliche Seite der Zeitungs- fabrikation, indem er die Herstellungkosten und die Ein- künfte eines Pariser Blattes nachrechnet. Dieses Exempel unterscheidet sich von der Kalkulation einer deutschen Zeitung dadurch wesentlich, daß die Pariser Blätter ohne Ausnahme nur ganz wenige feste Abonnenten haben, vielmehr ihren Ahsatz fast auslchließlich im Einzelverkauf auf den Straßen und in den Kiosken suchen müssen. Dadurch hat das ganze Pariser Zeitungsgeschäst mehr und mehr den Charakter der reinen Spekulation angenommen. Das Schema einer Renlabilitätsrechnung ist leicht entworfen: gesetzt eine Zeilung verkaufe täglich eine Auflage von 100 000 Exemplaren, die ihr auf je 1 Centime zu stehen kommen und für die sie je 3'/, Centimes von den Händlern eiimimmt; sie hat dann täglich einen Nettogewinn von 2200 Frank, das macht im Jahre ungefähr 875 000 Frank Gewinn. In Wirklichkeit stellen fich die Dinge freilich etwas anders. Es gibt auch in Paris nur ganz wenige Blätter, die einen täglichen Verkauf von 100 000 Exemplaren erzielen, und die Herstellung auch der Sou-Blätter, d. h. der für 5 Centimes feilgebotenen, übersteigt wohl inuner 1 Centime für das Exemplar. Als Mindestetat für die Redaktion setzt Mille folgendes an: 1 Chefredakteur mit... 12 000 Frank Gehalt 1 Redaktionssekretär mit.. 8 000 4 Redaklenre a 6000 Frank 24 000 2 Mitarbeiter mit großen Namen, sogen..Tenöre", die einen oder zwei Artikel in der Woche schreiben. 10 000.„ ür Reporter..... 12 000 elegraphenagenturen. 15 000 Kassierer....... 4 000 Kosten des BnreauS, der Boten, Porti usw.... 12 000„„ Miete......■. 6 000„ 105 000 Frank Ein solches Redaktionsbudget bezeichnet man aber in der Pariser Journalistik als„Hnngcrleider-Budget". Große Blätter rechnen mit ganz anderen Summen: der.Temps", der„Figaro", das„Petit Journal" sKleine Journal) geben 800 000— 1 000000 Fr. für ihre Redaktionen aus. Als Anatole France, der feinste Stilist Frankreichs, noch am„Figaro" mitarbeitete, bekam er pro Jahr 50 000 Fr.(40 000 M.) für die Verpflichtung, an jedem Montage dem.Blatt einen Artikel zu liefeni. Während des Dreystlsskandals wechselte der„Figaro" ins klerikal-antisemitisch-reaktionäre Lager hinüber: Anatole France schloß sich mehr und mehr den Sozialisten an, und heute kann man seinen Namen in der von Jaurss herausgegebenen „Humanits" lesen. Zu den Redaktionskosten kommen die Kosten der technischen Her- stcllimg, die mit den Ausgaben für das Papier zusammen mindestens 300 000 Frank ausmachen. Bei einem Gesamtbudget von rund 400 000 Frank pro Jahr muß eine Pariser Zeitung täglich wenigstens 40 000 Exemplare glatt verlausen, um überhaupt nur auf die Kosten zu kommen. Aber wie lange dauert es, bis ein nengegründetes Blatt diese Ziffer des regelmäßigen Absatzes überhaupt erreicht! Man hält es schon für einen großen Erfolg, wenn eS nach einem Jabre ungefähr so weit ist. Die Fachmänner der Pariser Journa- listik beziffern deshalb das notwendige Anlagekapital für ein mittel- großes Tageblatt, das nur vierseitig erscheint, auf eine Million; ein großes Blatt mit eineni reicheren Kunstteil und gutem Depeschen- dienst kann aber mit weniger als drei Millionen nicht gegründet werden I Ist es einer solchen Zeitung gelungen, sich die Gunst des Publikums zu gewinnen und etwa 100 000 Exemplare ani Tage abzusetzen, dann ist es allerdings auch eine wahre Goldgrube und kann das Aulagekapital mit 20 oder mehr Prozent verzinsen. Zu diesen Goldgruben gehört beispielsweise das„Journal". Sein Besitzer war einer der schlimmsten Spekulanten zur Zeit des großen Panamarununels. In loenigen Jahren hatte er sich 12 bis 15 Millionen zufammengcjobbert. Als dann der große Krach kam und der Untersuchungsrichter an die Arbeit ging, als Lefseps und zahlreiche andere Finanzgrößen ihre Paläste mit dein Gefängnis vertauschen mußten, glaubte er seine Millionen nicht anders ver- teidigen zu können, als daß er einen Teil davon zur Gründung eines großen Blattes verwandte, um damit die öffentliche Menumg zu seinen Gunsten nachdrücklich bearbeiten zu lassen. Und siehe da: tvaS er als eine Art Versicherungsprämie zu opfern gesonnen war, das erwies sich als die vorzüglichste Kapitalsanlage; mit Hülfe seiner eitnng rettete er nicht nur seine Millionen, sondern fügte ihnen ün aufe der Jahre noch ein rundes Dutzend hinzu.— (Nachdruck verboten) Die flu sterkalle im Kapltol zu Masbmgton. Zu den großen Wundern des Kapitals in Washington gehören gewisse akustische Erscheinungen in verschiedenen«älcn. Am be- rühmtestcn ist die Wispergalcrie unter der hohen Kuppel. Ich habe mich selbst überzeugt, daF e' genügt, auf der Galerie unter dem Kuppelgemälde ganz leise einige Worte zu flüstern, uin sich einer Person an der gegenüberliegenden Seite sehr gut verständlich zu machen. Man bedenke, daß die Rotunde einen Durchmesser von 97 Fuß besitzt! Nicht minder merkwürdig wc.c aber früher auch die Akustik in der alten Repräsentantenhalle, der gegenwärtigen„Statuary Hall", einem der prächtigsten Säle des Kapitals von halbkreisförmiger Grundfläche. Diese Halle ist von herrlichen korinthischen Säulen umschlossen, mit einer Halbkuppel überwölbt und enthält die Stand- bilder von 27 berühmten Amerikanern. Nun erfahre ich aus einer amerikanischen Zeitschrift, daß die Akustik dieses Raumes unabsichtlich zerstört worden sei. Das ist außerordentlich bedauerlich, aber es ist doch interessant zu kon- statieren, wie dies geschehen konnte. Die alte Holzdecke mußte durch eine neue ersetzt werden. Um nun die allen Besuchern interessante Flüsterhalle zu erhalten, ließ der Beamte, der mit der Neu- konstruktion betraut war, die Größcnverhältnissc der Decke aus- messen, um sie möglichst getreu aufs neue zu rekonstruieren. Trotz dieser Eigenschaft ging die schallbrcchende Wirkung des Raumes angeblich fast vollständig verloren. Man will daraus schließen, daß die architektonische Akustik ein vollständiges Rätsel bilde und daß man ein solches Phänomen nicht vorher zu bestimmen vermöge. Das ist aber durchaus unzutreffend; gerade die zahlreichen und ziemlich mannigfachen akustischen Erscheinungen, wie auch die merk- würdige Form gewisser Säle lassen kaum einen Zweifel offen, daß die Architekten des Kapitals ihre akustischen Wunder auf Grund eifriger Studien absichtlich geschaffen haben. Unter dem Titel „Whispering Gallcries" wird denn auch im„American Dictionary of Architecture" vom Jahre 1899 ausgeführt: „Flüstcrgalerien� entstehen gewöhnlich durch Zufall, können jedoch auch ohne Schwierigkeit vorher berechnet werden. Sie existieren in zwei Hauptartcn, den schallsammelnden und den schall- leitenden. Bei der ersten Art wird der von der Quelle ausgehende Schall von irgend einer koickaven reflektierenden Fläche aufgesangen und wieder in den entsprechenden Brennpunkt konzentriert. Eines der besten, bequem zugänglichen Beispiele dieser Art bildet die Statucnhalle, die alte Kamnicr des Repräsentantenhauses im Kapital zu Washington. Die Decke derselben bildet einen beträchtlichen Teil einer Kugclfläche, deren Zentrum nahe dem Fußboden ist. Steht man im Zentrum der Kugel, so hört man sein eigenes Flüstern zu sich zurückkehren. Wer auf einer Seite dieses Punktes steht, kann, besonders mit zur Decke gekehrtem Gesicht, mit einem anderen auf der anderen Seite des Zentrums ziemlich entfernt Stehenden im Flüstertone sprechen. Für jede Stellung des Sprechenden existiert ein korrespondierender Punkt, der das Flüstern mehr oder weniger deutlich sammelt. Die Decke ist glatt, jedoch so bemalt, daß sie wie tiespanncliert aussieht. Wäre die Decke in Wirklichkeit kassetticrt, so wäre die Zurückwerfung eine unregelmäßige und der Effekt be- deutend vermindert. Die für eine Wispergalerie am besten geeignet» Forui ist die, bei loclchcr die reflektierende Fläche einen sehr be» trächtlichcn Teil der Fläche eines Ellipsoids bildet, das als Brenn» punkte die beiden Stellen hat, zwischen denen eine Verbindung statt- haben soll." Diese Abhandlung wurde zu einer Zeit geschrieben, als von Abänderungen überhaupt noch nicht die Rede war, und sie trifft den Nagel auf den Kopf. Die neue Decke unterscheidet sich, wie Wallace C. Sabine mitteilt, von der alten in zwei Beziehungen. Sie ist nicht aus Holz, sondern aus Gipsmörtel auf Eisengerüst. Dieser Umstand allein hatte der Flüstergalerie keinen Schaden gebracht, denn Gipsmörtel auf Eisen ist sogar ein noch besserer Reflektor als Holz. Aber er gestattet eine bessere architektonische Ausarbeitung, und die vormals nur gemalte Kassettierung der Decke ist auf der neuen im Relief nachgebildet, was zur Folge hat, daß die Flüstcr- galerie bedeutend an Effekt abgenommen hat. So ist dieser Fall, weit entfernt ein Beweis für die Unbercchenbarkeit architeklonischer Akustik zu sein, im Gegenteil eine Bestätigung der absoluten ver- nunftgemäßen Genauigkeit derselben. Den Grund, weshalb das Kassettiercn der Decke diese Wirkung haben muß, erklärt Wallace C. Sabine in folgender Weise: Die konkaue Decke sammelt den Schall genau so in einem Brennpunkt, wie dies bei einem Hohlspiegel mit dem Licht geschieht. Genau so, wie ein Zerschrammen des Spiegels da» Lichtbild trübt, trübt auch das Pannelicrcn der reflektierenden Wand das im Brennpunkt ge- sammelte Geflüster, denn Täfelung, Pfeiler oder Säulen auf einer Wandfläche sind für den Scholl dasselbe, was eine Schramme auf der Spiegelfläche für das Licht ist. Daß aus das Licht schon eine ganz feine Schramme wirkt, während bei der Akustik die „Schrammen" schon die Größe von Säulen und Pfeilern haben müssen, liegt an der verschiedenen Länge der Licht- und der Schall- wellen. Die Wellenlänge, wie sie dem Abstand von Kamm zu Kamm bei einer Wasscrwoge entspricht, beträgt bei dem Lichte etwa ein fünfzigtausendstel Zoll, beim Schall für den gewöhnlichen Klang einer ManneSstimme dagegen mehrere Fuß. Aus diesem Grunde hat eine große Säule oder ein Pfeiler denselben Einfluß auf den Schall einer Männerstimme, wie ihn die kleinste Schramme auf den Lichtreslcx hat. So ist nun der große akustische Spiegel der Statuenhalle durch die Kassettierung getrübt, welche die früher glatte Oberfläche unterbricht. Gegen diese Schlußsolgerung hat man eingewendet, daß die Schallwellen einer Männerstimme ja mehrere Fuß lang, die Kassettierung dagegen nur wenige Zoll tief und daher unwirksam sind. Hierauf ist zu erwidern, daß zwar die vollen, runden Töne einer Männerstimme und mit einiger Beschränkung auch einer Frauenstimme, eine lange Schallwelle haben, daß aber ein Flüsterton ganz anderen Charakter trägt. Die Töne, aus welchen sich ein Flüstern zusammensetzt, sind sehr hoch und von sehr geringer Wellenlänge, so daß Unregelmäßigkeiten, welche das Sammeln voller Sprechtöne nicht stören würden, eine Flüstergalcrie völlig vernichten.— F. Hd. Kleines feuilleton. ss. Tee-Surrogate. Engländer und Holländer haben den Tee zuerst eingeführt. Im Jahre 1041 nannte Patin den Tee noch eine „impertinente Neuheit", der französische Arzt Jonquet dagegen neun Jahre später ein„Göttcrkraut". Man hat es jetzt schon fast ver- gessen, daß es noch viele andere Pflanzen gibt, die ganz ähnliche Eigenschaften besitzen wie der aus China stammende Tee und nur den großen Fehler haben, weit billiger zu sein. Man kann den Tee einigermaßen erschöpfend desinieren als ein aromatisches, mehr oder weniger zusammenziehendes und anregendes Getränk, da-Z auf die Verdauung wirkt und den Säftekreislauf befördert. Getränke mit solchen Tugenden könnten wir uns aber auch durch andere Gcivächse verschaffen. Wenn wir den bekannten Kamillentee außer acht lassen, so wird der eigentliche europäische Tee durch das Köhler- traut oder den guten Ehrenpreis lVsrouios, okflcinaiis) geliefert, wovon man frische oder getrocknete Blütenspitzen in einer Dosis von 80 Gramm auf ein Liter Wasser anwendet und einen Tee von zwar bitterem, aber sehr aromatischem Geschmack erhält. Der französische oder griechische Tee stammt von dem in Südfrankrcich heimischen Salbei sSulvia offiomalis), von dem sowohl die Blütenspitzen wie die Blätter gebraucht werden; dieser Tee hat ein starkes und an- genehmes Sironia, einen etwa? pikanten Geschmack und sehr an- regende Eigenschaften. Weiter hergeholt ist der Mexiko- oder Jesuitcntee, der von einer mexikanischen aber auch in Südeuropa verwildert vorkommenden Art unseres Gänsefußes(Cheno- podiurn arnbrosioides) bereitet wird, einer sehr aromatischen Pflanze von ähnlichen Eigenschaften. Der OSwego- oder Penn- fylvanische Tee ist ein Erzeugnis der Monarde, einer schönen Schmuckpflanze von eigentlich mexikanischem Ursprung, die man zu- weilen wegen ihrer prächtigen roten Blüten auch in unseren Gärten antrifft; ihre Blätter ergeben einen angenehmen Geschmack. Eine weitere Teepflanze ist die GanUKsi-ia procurnbens, die auch als Tee- beercnstrauch bezeichnet wird und in Nordamerika heimisch ist, aber auch bei uns gezogen wird. Das ans den starkriechenden Blättern bereitete Getränk wird Kanadatee oder Bergtee, roter Tee und end- lich Neufundlandtee benannt. Zur Vervollständigung der Liste seien genannt: der Arabische oder Algerische Tee, der Brnssatee von der auch in Deutschland vorkommenden Bärentraube, der Neu- hollandtee, der Sibirische Tee von einer Art des Steinbrechs und der Königskerze, der Appalachentee und der Paraguay- tee von einer nordamerikanischen beziehungsweise südamerikanischen Art der Stechpalme und der falsche Camara-Tee aus Brasilien von einer Art der amerikanischen Pflanzengattung des Wandelröschens. In ähnlicher Weise werden endlich noch die Blätter des nordischen Brombeerstrauchs(Rubus arcticus), des Achtblättcrigen Silberwurz (Diyas octopetala) und der sogenannten Mahalcp- oder Weichsel- kirsche benutzt. Wie mau aus dieser Aufzählung ersieht, ist eine große Auswahl von Pflanzen zur Teebereitnng verfügbar, und fast jedes Land könnte seinen eigenen Tee haben, wenn es sich an eine Heimat- liche Pflanze halten wollte. Die anregenden Wirkungen dieser ver- schiedencn Teesortcn auf den menschlichen Körper sind natürlich wechselnd, und es käme darauf an, solche Pflanzen auszusuchen, die sich in dieser Hnfficht besonders empfehlen. Neben dem chinesischen Tee haben die größte Verbreitung zurzeit wohl die römische Kamille und die Yerba-rnatö(Paraguay-Tee) gewonnen. Medizinisches. Irr. Badekuren i in K i n d e s a l t e r. Air und für sich eignen sich alle Bäder für Erwachsene auch für Kinder, der Grund, warum für das Knideralter nur eine geringe Anzahl von Bädern von praktischer Bedeutung sind, liegt darin, daß für Kindcrbädcr besondere Einrichtungen notwendig sind, die nicht überall getroffen werden können; auch ist die Anzahl der für Badekuren in Betracht kommenden Krankheiten iin Kindesalter überhaupt eine ge- ringe. Bei diesen handelt es sich meistens um die Cut- wickelnngsstörungen: allgemeine Schwäche, Blutarmut, Drüsenleiden, Englische Krankheit. Skrophulose und Gelenkleiden. Für diese Krankheiten bilden die Sool- und Seebäder das wichtigste Kurntittel, sie kräftigen die Haut, stärken die Nerven, regen den Stoffivechsel an und bringen daher Anschwellungen zur Aufsaugung. Professor Heubner in Berlin erinnerte jedoch in seinem Vor- trage auf dem Balneologen-Kongreß daran, daß die Sool- bäder eine recht angreifende Kur darstellen, und daß blasse, magere und appetitlose Kinder nicht mit Soolbädern behandelt werden dürfen. Noch eine schärfere Kontrolle ist bei den Scebädenr notwendig, die verlängerte Soolbäder darstellen, und bei welchen neben dem Lteiz des Salzes die kühle Temperatur und die Be- wegung im Wasser als Heilfakror in Betracht kommen. Von Be-' deutung für das Kindcsalter sind dann noch die kohlensauren Sool- bäder bei Herzkrankheiten und die Schtvefelbäder bei Hautkrankheiten. Bei blutarmen Kindern sieht man Vorteile vom Gebrauch von Eisen- bädern. Neben den Bädern kommen bei den Kindern auch Luft- kuren und Aufenthalt in Sommerfrischen in Betracht. Gute Erfolge zeigen daher auch die ländlichen Genesungsstätten für Kinder. Für lungenkranke Kinder gibt es eigene Sanatorien, tvie die Schul- sanatorien in Mcran und Davos.— Technisches. — Druckwasserleitungen von Holz. In Kalifornien befinden sich ausgedehnte Wälder eines Rotholzbaumes, dessen Holz gänzlich frei ist von Kanten, Rissen und Harz. Der Baum wächst die Pacificküste entlang von der nördlichen Grenze bis San Fran- cisco und geht bis zu 10 und 12 Meilen ins Land hinein. Ein begrenzter Bestand an Bäumen ist südlich von San Francisco, wichtiger aber ist die Gegend im Norden. Hier sind gehauen 52 000 Acres, mit den übrigen 486 000 lvird der Bestand noch auf 1600 Millionen Fesimeter berechnet. Eine Schätzung, welche die jährliche Steigerung des gegenwärtig 8000 Kubikmeter betragenden Be- darfs in Rechnung zieht, gibt den Bestand als für hundert Jahre ausreichend an; von einer Forstwirtschaft zur Ergänzung des Bestandes ist keine Rede.— Die Verwendung des Holzes für Bauzwecke fing damit an, daß man Dachschindeln daraus fertigte. Nachher wurden Türen, Fenster und Gesimse davon gemacht, und jetzt besteht eine große Gesellschaft, die eS für den Bau von Tanks der größten Dimensionen und von Röhren verwendet. Man macht Abflußlcitungen, Kanalisationen, Berieselungen davon, aber auch Wasserleitungen, die unter Druck stehen. Es werden jetzt für Lynchbnrg 30 Kilometer dieses RohreS mit einem lichten Durchmesser von 75 Zentimeter verlegt, und die Excelsior Wooden Pipe Company hat lange zuvor eineWasserlcitung ansRotholz mit einem lichten Durchmesser von 150 Zentimeter für die Corncll-Hochschule in New Dork ausgeführt. Es ist sogar jetzt eine Gesellschaft dabei, die Konstruktion eines Rohres von drei Meter Durchmesser vorzunehmen, und die gleichmäßige und fehlerfreie Beschaffenheit des Holzes, die große Leichtigkert und ferner der erleichterte Transport in entlegene unwegsame Gegenden, welche mitunter auch für Fuhrlverk zu befahren sind, verschafft den Rohr- leitungen ans Rotholz immer größere Ausbreitung und Anwendung. Die Anfertigung dieser großen Röhren geschieht in kurzen Abschnitten aus Dauben, und zwar werden die einzelnen Dauben aus daS sorg- fältigste durch Maschinen egal ohne jede Abweichung hergestellt. Es wird zur Festlegung der unteren Hälfte der äußere Kreis durch muldenförmige Stücke hergestellt, die auf dem Fundament der Rohr- leitungen aufliegen, die obere Hälfte wird durch halbe Kreis- qucrschnitte der inneren Rohrweite gesichert, die als Lehrhölzer dienen. Nach dem Zusammenpassen werden die Rohre mit Band- eisen umwickelt. Wenn kurze Bogen herzustellen sind oder ivenn Zweigleitungen zu machen sind, so hilft man sich durch Einsetzen neuer Fassonstücke.—(„Technische Rundschau.") Humoristisches. — Ein P e s s i in i st. A.:„Sagen Sie, was ist denn eigentlich ein Trugschluß?" B.:„Das ist leicht erklärt. Wenn Ihnen z. B. eine junge Dame sagt, sie sei 21 Jahre alt und man Ivollte daraus folgern, daß sie im Jahre 1834 geboren sei."— — Die ivahre Frömmigkeit.„Mein Fräulein, man sieht Sie ja jetzt nie mehr Sonntags in der Kirche." „Jetzt brauchen wir's nicht mehr, Papa ist doch pensioniert."— — Auf einem Ball i n O st p r e u ß e n. Gymnasial- oberlehrer:„Freilcinchen, kennen Sie Sophokles?" Dame:„Jh nee, aber Kartoffelklccs."— („Lustige Blätter.") Notizen. — Homers„ I l i a s" ist von einem mohammedanschen Studenten am Kartoum College, Guleiman Vistani, ins Ära- bische übersetzt worden.— —©er Hart Hauptmann reist in diesen Tagen nach England. Die Universität Oxford will ihn zum„Ehrendoktor" machen.— — Die Dramaturgen Felix Holländer, Ephraim Frisch und Arthur Kasans gehen mit ihrem Herrn und Meister Reinhardt ans Deutsche Theater.— — Die Wiener Hofschauspielerin Amalie Schönchen, die zu den Anzengrnber- Spielen nach Berlin gekommen, hier aber nach der ersten Vorstellung erkrankt war, ist in ihrer Vaterstadt M ii n ch e», Ivohin man sie in den letzten Tagen gebracht hatte, gestorben.— — Der Ausschuß der Münchener Sezession hat be- schloffen, im Winter 1905/06 in den Räumen seines Ausstellungs- gcbäudes eine Reihe größerer S a m m e l a n s st e l l u n g e n von Mitgliedern zu veranstalten. Es soll damit der Versuch gemacht werden, in das moderne Ansstellungswesen etwas mehr Ruhe zu bringen, indem den Künstlern Gelegenheit gegeben wird, die Werke eine Reihe von Jahren ruhig ausreifen zu lassen und dann geschlossen als ein Ganzes vorzuführen.— Verantivoril. Redakteur: Franz Rchbein. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei u.BcrlagSanstalt Paul Singer L:Eo., Berlin S W-