Anterhalwngsblalt des Horwärts Nr. 102. Freitag, den 26. Mai. 1905 (Nachdruck verboten.) 221 flammen. Roman von Wilhelm Hegeler. Seit vierzehn Tagen befand Grabaus sich wieder in Jena. Äeußerlich war alles wieder im alten Gleis, innerlich aber-- das Feuer, das sich damals in seiner Brust entzündet hatte. brannte weiter, strahlte heller und heller und erleuchtete den ganzen Umkreis seines Lebens. Wenn ehedem trübe und helle Stunden abgewechselt hatten, je nachdem ihm die äußeren Um- stände günstig oder widrig waren, so wandelte er jetzt wie in einem ewigen Licht. Alles glückte ihm über die Maßen. Er hatte sich vor dem Wiedersehen mit seiner Frau gefürchtet. Aber Frau Konstanze war nach seiner Rückkehr wie ausgewechselt. Der Umstand. daß der allmächtige Geheimrat sich für ihren Mann verwenden wollte, ließ ihr dessen Karriere als gesichert erscheinen, und als nach einigen Tagen gar ein Brief von Grabaus' Vater eintraf, worin dieser schrieb. Wohlbold hätte sich sehr freundlich über Heinrich ausgesprochen und etwas von einer bevorstehenden Ueberraschung verlauten lassen, da hielt Frau Konstanze die Berufung ihres Mannes als ordentlicher Professor nach Preußen für ausgemachte Sache. Und während sie, die Beine weit gespreizt, auf ihrem umfangreichen Schoß die beiden Kinder schaukelte und bald das eine, bald das andere herzte. rechnete sie ihm vor. wieviel Gehalt er dann bekommen würde, wieviel Umzugsvergütung, wieviel Wohnungszuschuß und. später einmal, wieviel— Pension! Ein Mann mit Pensions- bcrechtigung war in ihren Augen das Muster der Vollkommen- heit. Pappi war jetzt der große Mann in der Familie, selbst Mammikind merkte mit feinem Instinkt, daß eine gewaltige Veränderung eingetreten sei. und behandelte die Manuskripte ihres Vaters, die sie früher schonungslos beklext hatte, mit achtungsvoller Scheu. Grabaus aber, in dem Gefühl, daß jetzt, wo er sich inner- lich von seiner Frau losgesagt hatte, er desto mehr für ihr äußeres Wohlergehen sorgen müsse, stürzte sich auf die Arbeit mit so freudiger, kampfbereiter Hast, wie ein Landmann, der in der Ferne ein Gewitter drohen sieht und den Rest der schönen Ernte noch vorher in die Scheuern bringen will. Auch in ihm schien ganz unmerklich in der Stille der verflossenen Jahre eine reiche Ernte herangewachsen zu sein, er fühlte es drängen und regen in seiner von der Fülle wie auseinander gepreßten Brust, und die Gedanken lösten sich ab mit solcher Leichtigkeit, wohlgestaltet in Prangender Schwere wie der reife Ueberfluß von den Fruchtbäumen der Gärten. Außer zahl- reichen kleineren Arbeiten, die ihm vor allem schnellen Verdienst sichern sollten, begann er ein größeres Werk, an das er sich lange nicht herangetraut hatte. Jetzt aber, wo er es mutig unternahm, schien es längst auf ihn gewartet zu haben, und er schrieb daran, nicht wie einer, der dem fernen Ziel zustrebend, zugleich ängstlich bedacht ist, daß er sich nicht verirrt, sondern als wenn er von einer unsichtbaren Hand geführt, geradenwegs diesein Ziel entgegenliefe. Auch in seinem Kolleg erlebte er eine freudige lieber- raschung. Denn trotzdem der Gegenstand, den er behandelte, dem allgemeinen Interesse fernlag, hatten sich weit mehr Stu- denten eingefunden als in den vergangenen Jahren. Und Grabaus sprach gleich in den ersten Vorlesungen mit solchem Feuer, wußte das engbegrenzte Gebiet so mit dem großen Ganzen menschlichen Wissens zu verweben, daß seine Zuhörer ihm nicht nur jedesmal Beifall spendeten, sondern daß sich in den nächsten Stunden auch noch immer mehr Hörer einfanden, statt daß, wie es sonst üblich, die Bänke allmählich leerer wurden. So flogen die Tage dahin. Werkeltage, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht mit Arbeit angefüllt, und doch eine fest- liche Zeit, eine Zeit höchster Spannung, glücklichsten Gelingens. Ergriffen war er ganz und gar von jenem Feuer, das jedes Teilchen seines Wesens zur höchsten Kraft entflammte und bis in die letzten Tiefen alles Dunkle, Trübe und Zweifelhafte ver- zehrte. 8. Am Büß- und Bettag machte Grabaus mit Wolf den ersten Besuch in Weimar. Seine Frau war durch eine Erkältung behindert, und er hatte sie nicht gedrängt mitzukommm. Sie fanden den Major als Pasienten auf dem Sofa liegen. Ischias, sein altes Leiden, das ihn schon mehrere Winter schwer geplagt hatte und seinerzeit auch der Grund seines Abschiedes gewesen war, hatte ihn wieder ergriffen. Außer dem Major und seiner Frau war auch dessen Bruder, ein Arzt, anwesend, der mit im Hause lebte. Doktor Platen oder Onkel Rudolf, wie er von den Familienmitgliedern genannt wurde, hatte außer gewissen ge- meinschaftlichen Familienzügen, die man erst nach längerer Kenntnis der Brüder entdeckte, gar keine Aehnlichkeit mit dem Major. Die aufgeworfenen Lippen über dem struppigen, grau melierten Bart gaben seinem Gesicht einen brummigen Aus- druck. Tiefe Querfalten durchschnitten die mächtige Stirn, deren Wandung aus einer noch härteren und festeren Knochen- masse zu bestehen schien als bei anderen Menschen. Er war kleiner als sein Bruder, von gedrungener Gestalt und ge- beugter Haltung. Im Gehen oder Stehen pflegte er meist die Hände auf den Rücken zu legen und auf seine Stiefelspitzen zu schauen. Blickte er aber jemanden an, so geschah es mit solcher eindringlichen Kraft, daß dem Betroffenen vor diesem stummen Beobachter wohl unheimlich werden konnte. Als die Besucher ins Zimmer traten, erhob dieser Mann sich aus einem Lehnstuhl in der finstersten Ecke des Zimmers, ergriff beim Vorstellen mit seiner ungefügen Rechten eines jeden Hand und quetschte ihm die Finger zusammen, daß sie krachten. Dann setzte er sich wieder stumm in den Lehnstuhl. In der ganzen Zeit vor und während des Essens sprach er kaum dreimal, und das war mehr ein Gebrumme als zusammen- hängende Worte. Aber immer wieder in kürzeren oder längeren Zwischenräumen spürte Grabaus die durchdringende Last seiner Blicke, und so befangen machte dieser schweigsame Beobachter ihn, daß darüber das Glück, die geliebte Frau wieder zu sehen, ihm gar nicht rein zum Bewußtsein kommen wollte. Vergeblich mühte er sich ab, fröhlich zu sein. Immerfort mußte er denken: was für ein unheimlicher Mensch! Was will er nur? Was geht in ihm vor? Wie kan.i Marie Luise es nur in seiner Gesellschaft aushalten? Nach dem Essen machte man einen Spaziergang. Rauh- reif bedeckte Baum und Busch, und der weite Rasen breitete sich wie eine silbergraue Decke von zartestem Südcitplüsch. Nach einigen vergeblichen Versuchen war es Grabaus gelungen, mit Marie Luise hinter den anderen zurückzubleiben. Da sagte er, als wenn diese Bemerkung ihm schon lange auf der Zunge ge- brannt hätte: „Was für ein eigentümlicher Mensch, Ihr Herr Schwager!" „Man muß Geduld mit ihm haben," erwiderte Marie Luise mit einem Lächeln.„Er ist kein Mensch, der auf den ersten Einbruch wirkt. Aber je uäher man ihn kennen lernt, desto lieber gewinnt man ihn." „Das mag wohl sein. Einstweilen aber muß ich offen sagen, werde ich aus ihm nicht klug. So etwas von Schweig- samkeit!" �, „Er ist von Natur verschlossen, und dann hat er auch viel Schweres durchgemacht. Vor einigen Jahren sind ihm beide Kinder an Diphtherie gestorben. Seitdem hat er seinen Beruf aufgegeben und will überhaupt von der ganzen Medizin nichts mehr wissen."„ � „Also ist er Witwer!" sagte Grabaus erstaunt.„Und ,ch hielt ihn für den richtigen eingefleischten Junggesellen." „Er lebt von seiner Frau geschieden. Auch das hat wohl dazu beigetragen, ihn niederzudrücken.— Sehen Sie, er ist ein Mensch für die Stunden der Not. Dann lernt man seins treue Seele schätzen. In anderen Stunden freilich--" Sie brach ab, doch als wenn es ihr unmöglich wäre, von diesem Menschen, der sie offenbar seit langem viel beschäftigt hatte, loszukommen, fuhr sie nach wenigen Schritten fort: „Ich glaube, daß Menschen, die selbst nicht glücklich sind, auch andere nicht glücklich inachen können. Sein Hauptunglück aber besteht darin, daß bei ihm der Verstand die Quellen seines Gemütes verstopft hat. Verstehen Sie, was ich meine?" „Ich glaube." „Ich meine, der Verstand hat immer einen etwas bosA» Blick. Wenn man mit dem Verstand allein das Leben bs» krachtet, was sieht man? Berechnung, Niedrigkeit, Elend, den Tod als schließliches Ende. Das Auge des Gemütes muß dies Bild korrigieren. Wir Frauen sind den Männern gewiß geistig unterlegen. Aber das eine haben wir voraus. Wir sehen mehr mit der Seele. Weniger scharf, aber vielleicht im ganzen desto richtiger. Glauben Sie nicht?" »Sehen wir denn je etwas allein durch den Verstand? Das Gemüt ist doch immer dabei beteiligt. Die Begriffe des Verstandes sind farblos, Farbe und Ton, ob hell oder dunkel, gibt den Bildern immer erst das Gemüt." «Auch das ist wieder wahr," entgegnete Marie Luise. „Nun schließlich, was hat es für einen Zweck, Ihnen meinen Schwager lang und breit zu schildern! Am besten machen Sie sub selbst ein Bild von ihm. lind freuen würde es mich, wenn Sie sich vielleicht im Laufe der Zeit mit ihm anfreunden könnten. Das wäre gell für ihn, denn er ist viel zu einsam und auch—" „Gut für Sie," fragte Grabaus. „Offen gestanden ja. Auch gut für meinen Mann und mich. Denn— Sie werden es vielleicht nicht glauben— er hat auf uns beide einen ganz außerordentlichen Einfluß aus- geübt. So still, so zurückhaltend, so wortkarg er ist, allein durch seine Gegenwart wirkt er, wie soll ich sagen?— gewissermaßen wie ein großes Fragezeichen. Man kommt vergnügt nach Hause, man hat was Schönes gesehen, eine Freude gehabt, eine Hoffnung erfüllt einen, man ist vielleicht ein bißchen übermütig und dann— allein sein unbewegliches Gesicht, sein mißtrauischer Blick macht, daß die Hoffnung einem plötzlich zweifelhaft erscheint, die Freude weniger schön. Sehen Sie, auf uns beide hat er geradezu niederdrückend gewirkt. Lange Zeit haben wir es uns verschwiegen, dann gestanden wir es uils gleichzeitig. Ilnd das war vor allem der Grund, warum wir mal einige Zeit verreist sind." „Aber wird er jetzt nicht wieder dieselbe Wirkung aus- üben?" „O," sagte Marie Luise,«jetzt, wo ich seinen Einfluß kenne, weiß ich auch ein Mikkel dagegen. Ich lackze ibn einfach aus." Denselben Abend nock> hatte Grabaus Gelegenheit, Doktor Platcn näher kennen zu lernen, indem er in einen Disput mit ihm geriet. AIS sie nach Hause gekommen waren, hatte Grab- aus seine Freude über die schöne Wohnungseinrichtung geäußert. Besonders der Empircsalon Marie Luisens gefiel ihm gut, und als er hörte, daß die meisten Möbel alte Erbstücke aus ihrer Großeltern Zeit, andere aber von ihr selbst auf Auktionen zusammengekauft seien, steigerte sich seine Bewunderung noch. In der Freude seines Herzens spendete er das Los etwas wahllos und reicklich, denn alles, was nur irgendwie mit dieser angebeteten Frau zusammenhing bekam in seinen Augen fjöheren Wert. So fand er mich eine Miniature, aus die sein Blick fiel reizend. Sie hing in einer etwas versteckten Ecke und war aus einiger Entfernung gesehen von guter Wirkung, aus der Nähe freilich und bei hellerem Tageslicht mußte ein geübtes Auge sofort erkennen, daß die Einaillemalerei mir ziemlich ungeschickt war. Onkel Rudolf mochte sich über diesen unangebrachten Enthusiasmus ärgern. Als man nun gleich darauf ins Zimmer des Majors ging, und Marie Luise mit Hülfe eines langen Wachsstockes die Kerzen in dem bronzenen Kronleuchter ansteckte, äußerte Grabaus wieder seine Freude. „Ist das hübsch, gnädige Frmi. daß Sie nicht Gas brennen. Dies— bald bätte ich gejagt— dies natürliche Licht ist doch. tausendmal schöner." Darauf brummte Doktor Plate», der wieder krummbucklig und mit hochgezogenen Knien in seinem Lehnstuhl saß, ziemlich unwirsch: „Das ist doch ganz Wurscht, was für Licht man brennt." Grabaus aber, lebhaft angeregt und gegen Doktor Platen überhaupt kriegerisch gestimmt, schoß förmlich auf ihn los. (Fortsetzung folgl.l (Nachdruck verboten.) pariser �eitungsmacde. ii.„ Zu den Einnahmen der Pariser Zeitungen auS dem Straßen- verkauf der Nummern und zu den. wie gesagt, sehr gering« fügigen Aboimementsgeldern treten die Erträgnisse des Siinoncen- teils und der sogenannten„publicite occulte", das ist der»der- schämten Reklame". DaS reelle Annoncengeschäft ist für die Pariser lvlätter offenbar sehr schwierig; die Fabrikanten und Händler, die ihre Waren anpreisen wollen, haben die Qual der gar zu großen Auswahl: um ihr Geld nicht mitzlos zu verschleudern, müssen sie eine sorgsame Prüfung der Leserzahl der verschiedenen ZeiUmgen und ihrer Kauffähigkeit ihren Jnseratenailfträgen voraufgehen lassen. Da sich ein Leserkreis aber erst im Verlaufe einer längeren Zeit gewissermaßen konsolidiert, so kann man annehmen, daß ein Pariser Blatt in den ersten Jahren seines Bestehens überhaupt ans keine nennenswerten Jnseratenanfträge rechnen darf. Ist es einmal nachweislich in den Kreisen des zahlungsfähigen Publikums gut eingeführt und weit verbreitet, dann kann es aller- dings erhebliche Gewinne erzielen. Bei cinzeliien Pariser Journalen beziffert sie sich ans täglich 5000 Frank und noch mehr. Dem „Figaro" bringen z. B. sein« kleinen Anzeigen, die Stellengesuche, Wohmuigsaiizeigen, Gcheinnnittel-Annonceii, Ankündigungen von Masseusen und dergleichen zumeist sehr eindeittigen„Gewerbe- treibenden" jährlich ungezählte Tau sende ein. Ans dem Nummern- verkauf könnte er sicherlich nicht den fiir deutsche Zeittmgsverhälwisse geradezu fabelhaft erscheinenden LnxuS seines Rcdakti onspalastes in der Dronotstraßc bestreiten— es fragt sich sogar, ob dazu die oben geschilderten Einkünfte aus dem Annoncenteile ausreichen, oder ob er noch auf andere Arien der Geldgewimumg angewiesen ist. Wie in allen bürgerlichen Zeitungen, so ist auch in den Parisern die Unabhängigkeit des redaktionellen Teiles immer durch die Rück- sichten ans die Anuoncenseiten gefährdet. Von einen, besonders krassen Fall der Jnserateuallmacht erzählt Herr Mille folgendes: Vor ungefähr zwanzig Jahre» veröffentlichte eine Pariser Zeitung einen Roman von Sar Pöladan, in dem die großen Kainhäuser scharf mitgenomnwn winden; flugs stellten sie den Direktor vor die Wahl, entweder die Publikation des Romans sofort zu unter- brechen oder aus ihre Aiinoncen für die Zukunft zu verzichten. Der Roman wurde mitten im lausenden Kapitel abgebrochen; ob sein Ende je das Licht der Tag« erblickt hat, meldet der Chronist nicht Ter Pariser steht im allgemeinen auf dem Standpunkte, daß alle Zeitungen käuflich und gekauft sind. Höchst intereiiant ist nun zu sehe», was Herr Mille, der als Mann vom Bau die Dinge sehr genau kennt, dagegen zu sagen weiß. Hier seine eigenen Worte: „Es ist eine falsche Auffassung deS Publikums, daß alle Zeitungen gekauft seien. Mindestens muß es sich doch lohnen, sie zu kaufen.. Na, also I Was die verschämte Reklame anlangt, so sind darunter nicht jene Notizen zu verstehen, die zwar im redaktionellen Teile der- öffenttichl werde», aber der ganze» Art ihrer Fassung nach sich als Annoncen darstellen. Hier wird der AnSnahmepreiS von 25 Frank für die Zeile lediglich für die Ankündigung an einem besonders beachteten Platz des Blattes bezahlt. Auch die„Einnahmen aus den, Handels- teil" rechnet Herr Mille nicht zur verschämten Reklame.„Wenn man Bilanzen veröffeiitlicht oder eine Emission anzeigt", so sagt er viel- mehr,„dann hat man einen legitimen Anspruch darauf, daß die Jnteresienten eine der Länge der Notiz und der Bedeutung des Geschäftes entsprechende Summe auf den Tisch der Zemmg legen." Man glaubt einen der bekannten Dresdener Haudelsredaklcure zu lernehinc», weim man diese Worte liest I Anerkemiciiswert ist daran höchstens die Uugenierlheit, mit der sie ausgesprochen werde»; aber ue ist nicht aus einen besonders großen moralischen Mut des Herrn Mille zurückzuführen, sondern auf die Tatfache, daß sich dieser Zustand der Dinge in der Pariser bürgerlichen Presse beim schlechtesten Willen Vicht verheimlichen läßt.— Was min eigentlich die„ver- schämte ReName" ist, sagt Herr Mille nicht. Geschäftsgeheimnis I Es ist übrigens mich ohnehin bekannt. Schauspieler und Advokaten, Händler und Agenten, Bankiers und Rcstaurateure, Aerzte und Apotheker, Abgeordnete und Senatoren, kurzilm Angehörige jedes Standes und Gewerbes opfern in Paris der feilen Presse ihren Obolus, u n durch mehr oder weniger geschickt gemachte und plazierte Notizen ihren Ruhm ins Volk tragen zu lasse». Die verschiedenen Blätter haben geradezu ihre Spezialitäten: eine Hochzeit in dem vornehmen Viertel von St. Germain würde deS rechten Glanzes entbehren, wenn nicht die Rainen der hervorragendsten Gäste im „Figaro" oder im„Ganlois" veröffentlicht würden, und die 1000 Frank- Kokotte nnirde ihr Geschäft verderben, die nicht im„Gil Blas" be- kannt gäbe, daß sie ihren Sommer in Trolwille oder Aix-leS-BainS zu vervruigeii gedenke. Kein Kkasienregiincnt ohne Korruption. Geheimfonds und Spitzelgelder find notwendige Requisiten der„gottgewollten Ordmmg". In der ftanzöfischei» Republik stehen der Regierung sogar größere Geheimfonds zur Bersiigung, als in inanchen monarchischen Staaten; wenigstens find im Staatsbudget größere Beträge dafür ausgeworfen worden. Vermutlich deshalb, weil die Republik weniger Orden und gar keine«dclspatcnte zu vergeben hat und daher mehr mit Barzahlung arbeiten muß. Herr Mille bestreitet aber, daß auS den Geheimfonds in einem neimenswerten Betrage Zuschüsse an die Pariser Blätter fließen. Es gäbe zwar, so sagt er. einige Zeitungen, die monatlich bestimmte Subveirtionen beziehen, aber das seien in der Regel nur solche Jomnale, die niemand liest: die Geheimfonds würden buchstäblich in Hundertfranknoten verschleudert und zwar für frühere untrrgeordiwte DienstleistiMgen. UeberdieS feien die jonrnalistischen Stipendiaten der Ministerien allgemein bekannt. In den Wahlzeite» würden vorzugsweise die Provinzialzeitungen, und zwar die oppositionellen, mit Partcigeldern gespickt. Aber neben den Bestechungsgeldern der Regierung gibt es noch privatt Subventionen. Da fleckt's besser:«Als der Kampf um die Schutzzölle in Frankreich begann, hatten gewisse Industrielle ein mehr oder»ninder lebhaftes Interesse an der Umgestaltung der Zolltarist. Da könnte es wohl sein, daß sie einige Organe für das interessiert haben, was sie selbst interessierte. Unter den heutigen Wirtschaft- lichen Verhältnissen in der zivilisierten Welt ist es fast unmöglich, dofe in einem solchen Falle eine Zeitung denen, die zu ihr kommen, nicht sagen sollte:„Ihr verdient Geld, wenn wir für Euch kämpfen — gebt uns einen Teil davon* 1 So Herr Mille. Er hängt dann diesem offene» Eingeständnis der gesellschaftlichen Notwendigkeit schamloser Korruption ein Feigenblatt vor, indem er meint, eine Re- daktion dürfe natürlich nicht gegen ihre Ueberzeugnng schreiben: ein berühmter Zeitungschef habe einmal gesagt:„Man darf fich immer nur für das bezahlen' lassen, was man auch ohne Bezahlung geschrieben haben würde!* Warum aber darf man'S, ncht anders machen? Herr Mille weiß auch dafür einen durchschlagenden Grund anzustihren;»Ein« Zeitung, die diese Vorsicht nicht wallen läßt, ruiniert sich rotsicher!"— Ich glaube fast, ivenn uns ein Eingeweihter aus der deutschen bürgerlichen Presse einmal die Mache enthüllen wollte, so würde er ungefähr gerade so schreiben müssen, wie Herr Mille aus Paris.— kleines Feuilleton. em. Diskretion. AnS dem schiefergranrn Himmel kommen feit dem frühen Morgen, der unmerklich in den von Drmstichleiern fast verhüllten Tag übergeht, mit großer Gleichförmigkeit dünn« Regen- striche, die allmählich durch Schirm und Hut dringen. Menschen sammeln sich an deir Haltestellen der elektrischen Bahnen und warten geduldig, bis ihre Linie kommt. Meist ist sie natürlich überfüllt, so daß selbst der mitleidigste Schaffner keinen Passagier mehr unter- bringen kann. Eine in Schwarz gekleidete Dame, hager, mit magerem Geficht nnd MauSaugen, hat bereits dreimal„ihre* Bahn an sich vorbeifahren sehen müssen, ehe es ihr gelingt, endlich von einem blonden pausbackigen Schaffner ans dem Hinterperron, wo fich bereits sieben Passagiere besinden, gezogen zu werden, was sie ihm mit einem Sechser vergütet: sie darf nach zwei Stationen sogar im Wagen Platz nehmen, Leute steigen aus, und sie schießt auf einen Wink des Schaffners wie ails einer Kanone gejagt durch die beiden dichten Reihen auf ein bescheidenes Plätzchen zu. Kaum hat sie fich einigermaßen eingerichtet, das Kleid zurechl gezogen, einen Wehmuts- vollem Blick auf ihre kotbedcckten Schuhe geworfen, den Hut in die gebührende Richtung gebracht, als sie durch eine sachte Berührung am Arm sofort wieder aus dem Gleichgewicht gebracht Ivird. Sie schreckt auf. sogleich aber erscheint auf ihrem Gesicht die lebhastest« Freude, und mit stürmischen Händedruck begrüßt sie die neben ihr sitzende Dame, die körperlich den größten Gegensatz zu ihr bildet, denn sie ist so üppig in Gesicht, Armen und Brusl, daß man sie im- bedingt fett nennen muß. Selbst die Lider hängen schwer und dick über den blaßblauen Augen, und unter den Augen haben fich kleine dicke Wülste gebildet, so daß die starke Dame nur wie durch einen Spalt noch sehen kaim. „Nein, meine Liebe", beginnt die Hagere hochbeglückt, die Freude spritzt ihr förmlich au? den Augen,„daß ich Sie treffen muß, ist ja reizend!* Und wieder schlingt fich ihre dürre Hand, unter deren welker Haut man die blauen Adern deutlich sieht, um die friste ihrer Bekannten.„Ach Gott, wenn Sie wüßten, wie nnch's ver- langt, Sie mal zu sehen! Wie oft habe ich nicht zu meinem Mann gesagt:„Ich muß mm aber unbedingt zu Frau Völker gehen. Ob die überhaupt noch lebt?* Und die Hagere versucht scherzhast zu lachen. Dir Fette freut sich ebenfalls, wenn auch nicht so geräuschvoll, und bemerkt halblaut mit ihrer Baßstimme, die aus der tiefsten Tiefe der Brust heraufzudringen scheint:„Auch ich. meine Liebe, dachte oft daran— aber nicht wahr, die Entfernungen in Berlin? Das kann man selbst von ferner besten Freundin nicht verlangen. Sie am Görlitzer Bahnhof und ich in Tempelhos! Das ist zu viel. Und außerdem— was alles dazwischen kommt I* Die Fette seasst so vernehmlich, daß die Augen der Hageren ganz irre vor Reugier werden.„WaS man aveS erlebt— es ist nicht olles Gold was glänzt!* Durch diese philosophische Bemerkung ist die menschliche Anteilnahme der Hageren aufs höchste gereizt, und sie scheint im Be- griff bor lauter Erregung in die Höhe springen zu wollen. „Nicht möglich, meine Liebe", sagt sie. halb bewußtlos vor Neu- gier,„nicht möglich!" Die Fette nickt, so daß ihr Doppelkinn in vollster Plastik sichtbar Ivird:„Doch, doch— gerade will ich mal wieder umschaucu. was es bei Rockels gibt. Sie kennen sie doch auch?" _ Ob die Magere sie kannte! Nnttirlich. Frieda Rockel geborene Weißmanu war ja mit ihrer Tochter Ottstie zusammen eingesegnet worden und zur Tanzstunde gegangen, dann hatte sie dies« glänzende Partie gemacht und den Banlbuchhalter Rockel geheiratet, ehe die anderen alle überhaupt verlobt waren. Die Magere zitterte vor Spannung. WaS gab es denn bei Rockels? Gutes sicher nichh das fühlte sie. „Wissen Sie", begann die Fette, zufrieden mit der» Eindruck, den ihre dunklen Andeutungen auf die Freundin gemacht hatten, es kann eincrn nicht gleichgültig sein, wenn man das sieht. Wenn Frieda auch nur eine entfernte Berwandte ist. Ich habe ihr innner gesagt: „Frieda, bedenke den Schritt wohl. Nachher ist eS nicht mehr zu ändern." Ra. sie hat sich nicht dran gelehrt, dachte gewiß, ich be» neide sie um ihr Glück, und ist mitten in das Unglück reingesprungen. Wirklich, wenn man das so steht, ist man froh, daß man seine Töchter noch behütet mrd wohlbehalten zu Haus hat." «Nun, was ist denn bei Rockels?" fragte die Mageren mit merk- sicher Ungeduld. Die Fette schüttelte abweisend den Kopf:„Darüber kau» man nicht sprechen, meine Liebe. Das ist diskret. Es gibt gewisse Fälle. wo Schweige» geboten ist. Und hier siud's noch Verwandte-- wenigstens halbe Verwandte!" „Glauben Sie, meine Liebe, daß ich nicht schweigen kann?" fragte die Mageren im Flüsterton. Ich dächte, Sie ieuam mich doch dafür. Mr können Sie doch alles sagen, alles; ich bin stumm wie ein Fisch— loie ein Grab." Die Fette sieht sie einen Augenblick prüfend und fragend an. dann entschließt sie sich. Was nutzt ihr denn alle Wisicnschast. wein» sie sich nicht mitteilen kann? Uud sie muß ihr Herz doch auch mal ausschütte». Aber sie läßt sich noch eine Weste bitten, schüttelt aber inuncr schwächer den Kopf, bis sie endlich zustimmeird nickt:„Aber auf Diskretion, meine Liebe, kein Wort darf über Ihre Zunge lommeu!" Und als die Magere das energisch versichert, deginnt sie endlich mit einer allgemeinen Betrachtung:„Hochnmt kommt vor den Fall. Da sieht man's wieder. In der ersten Zeit hat sie großspurig getan. Nicht hinhören konnte man mehr. Na endlich— kam denn die nackte Wahrheit'raus. Sie hatte keine» andern und kam zu mir. Die Trauen haben kein Ende genommen. Aber es ist schsießsich auch ein Skandal, wie's dieser Rockel treibt. Gott, cm den Männern ist ja überhaupt nicht viel. Man hat sein Kreuz nnt ihnen. Das wissen Sie so gut wie ich. Aber alles hat doch seine Grenze! Bei Rockel nicht." Sie machte eine Pause, um ihrer Elitrüstuilg Herr zu werden. „Ja. ja, die Männer." stmmlte ihr die Hagere bei,„alle sind sie über einen Kanmr geschoren". «Etwa? Geld hat die Frieda mit bekommen," fuhr die Fette fort,„nicht viel, ein paar Tausend Taler— mm da gehen sie hm und suchen sich'ne Einrichtung an?— das Modernste selbstverständlich. Frieda war selig. Wie bei einer Funsin wird's bei ihr aussehen, dachte sie. Wie's mit der Bezahlung wird, darum kümmert sie sich nicht. Ra— Rockel zahlt was an, fimfhundett Morl— da» hört sie später— die hat er sich aber auch erst geborgt. Das war Anfang nnd Ende. Mehr hat der Händler nie zu sehen gekriegt. Dem ist nach drei Monaten, als er keinen Pfeimig mehr bekam, die Geduld gerissen und er hat die Möbel wieder genommen. Da saß denn Frieda nm, in den leeren Stuben. Sie können sich die Blamage denken!" Die Hagere ist einen Augenblick sprachlos, dann erst findet sie Worte:„Und die Mitgift?" Die Fette lächelt höhnisch.„Futsch! Sie haben doch natürlich 'ne Hochzeitsreise machen müffen, durchaus und durchaus.— Nach der Riviera, in Monaco hat er gespielt— alles veripiell. Gerade soviel Geld hatten sie noch, daß sie nach Haus« depeiwieren konnten um Reisegeld. Za, der Rockel, da? ist einer. Erst hieß es doch, er hat scchstaiisend Mark Gehalt. Keine Spur. DaS heißt, eigentlich hat er so viel, aber dreihundert gehen jeden Monat weg— Schulden abzahle», die dringendsten. Natürlich ivird immer zugePumpt. Run haben sie wieder eine Einrichtung. Nicht so fem wie dir erste. Na. wer weiß, wie lange sie die behalten—. Ich sage Ihnen, nteine Liebe. Frieda fitzt immer wie anf'm Pulverfaß. Wenn s klingelt, fährt sie zusammen— dockt einer kommt mit'ner Rechnung— uud Geld ist nie da. Alles auf Pump, Essen, Trinken. Kleider, alles, alles...* .Oranienplatz!* schreit der Schaffner und die Hagere schießt empor.„Wie schrecklich, meine Liebe, wie schrecklich I Adieu, adieu, auf Wiedersehen!" Dir Fette legt den Fingrr auf den Stund. „Natürlich, nattiitich," sagt die Hagere: sie denkt bloß an daS Gesicht, das ihre Tochter Ottilie machnc wird, wenn sie ihr von der Frieda erzählt.„Ich bin stumm wie ein Grab!*— cTc. London unter dem Mikroskop.«London unter dem Mikroskop! Was soll das bedeuten?" so plaudert John P. Lord in einer englsschcn Zeitung.«Diese größte Stadt der Welt ist nicht nur bevölkert mit Myriaden von Wesen, die wir sehen, die Straßen sind nicht allein erfüllt von zahllosen Tieren, Vögeln, Insekten, die wir bemerken, sondern dem bloßen Auge verborgen gibt es außerdem! noch eine Bevölkerung Londons, die so zahllos, so unermeßlich ist, daß die Phantasie sie sich unmöglich vorstellen kann; ja noch mehr, die Kleidung eines Menschen kann den Aufenthaltsort einrr Anzahl! von ledenden Organismen bilden, die großer ist als die ganz« ficht- bare Bevölkerung von zehn Weltstädten. Laßt uns einige von diesen winzigen Wundern unter daS Mikroskop nehmen l Wir wandern ans unserer Suche nach diesen nicht jedem sichtbaren Wesen eine staubige Straße entlang, die nach der City führt Es ist ein windiger Tag und die Staubwolken wirbeln uns ins Gesicht. Wir greisen«in wenig von dieser Masse aus nnd legen es unter das Milrvskop. Da sehen wir dann sehr viele Teilchen verschiedensten Materia! s, kleme Holzsäserchen, Kohlenstaubchcn, die der Dunst der Schoinstrinc her- geweht, und dann viele kleine Flecken, die selbst unter der nrädstigm Linse noch fast unsichtbar find. Uns aber interessieren dies« Fleckchen'. Wir legen sie nach den Regel« der Kunst in ei« Substanz, die süu das Wachstum von Mikroben günstig ist, und wenn wir nach«in paau Tagcu nachschauen, was finden wir da? Dies« Fleckchen sind un« geheuer gewachsen; sie bilden nun förmliche Kolonien von Lebewesen, die sich zusehends vermehren. Wir töten nun ein kleinstes dieser «Organismen durch Hitze, machen es durch einen Farbstoff deutlicher sichtbar, und dann sehen wir, daß diese scheinbar sc harmlosen Flecken aus einer ungeheueren Anzahl von Mikroben bestanden, die zum großen Teil ungefährlich, zum großen Teil aber auw höchst gefährlich sind. Und nun gehen wir weiter hinter einer Dame her deren lange Schleppe den Boden fegt. An einem solchen Bakterienfänger haften immer sehr viele Mikroben; wir machen also zmmchst einmal den Rock keimfrei, um zu beobachten, was er während eines einzigen kurzen Ganges alles auflesen wird. Eine Kleinigkeit des vom Kleid «utgenommenen Staubes legen wir dann wieder unter die Lupe, und nun sehen wir Mikro-Organismen von der Art des„Diplococcus" und finden solche Bazillen, die Tuberkulose erregen und auf die Straße durch die üble Angewohnheit des Spuckens gelangt sind. Diese unheimlichen Wesen liegen nun auf der Straße, und sie lauern nur darauf, um in die Lunge von Personen zu gelangen, die für die Krankheit eine leichte Disposition haben und nun der schrecklichen Krankheit verfallen sind. Ganz ähnlich diesen Mikroben sind auch die Keime, die die jetzt so viele Opfer fordernde Genickstarre hervor- rufen. Wir gelangen nun nach dem großen Mittelpunkt des Londoner Lebens, der St. Pauls-Kathcdralc. Wird die Gottlosigkeit dieser Bazillen so weit gehen, daß sie auw in die heiligen Mauern der Kirche einzudringen wagen? Wir nehmen etwas Staub von einer der Bänke im Schiff. Aber ach. wir begegnen auch hier unserem alten Bekannten, dem„Diplocoecus" und wir stoßen noch außerdem aus lange Fäden, die wir allmählich als aus lauter kleinen Stäbchen bestehend erkennen. Diese Stäbchen sind die eigentlichen„Bazillen", »ind diese hier gefundenen sind ziemlich harmlos. Aber gleich an einem anderen Staubteilchen sehen wir den Bazillus„Anthracis", den Milzbrandbazillus, dann den Tuberkel-, den Diphtheriebazillus. Also auch in der Kathedrale kein Frieden vor diesen unheimlichen Bakterien I Nun nehmen wir noch etwas Staub von einem der eisernen Löwen am Grabe Wellingtons. Wiederum finden wir die sonderbaren Stäbchen, wenn auch von verschiedener Form, und unter- suchen sie. Wir färben sie, und nachdem wir sie deutlich gesehen, setzen wir sie einer scharfen Säure aus, die sie wieder bleicht. Nur die Tuberkelbazillen behalten ihre Farbe. Doch deshalb, weil wir iiberall Tuberkelbazillen finden, brauchen wir uns noch nicht zu be- unruhigen, denn einmal vermag der Bazillus nur auf prädisponierte IMenschen einzuwirken, und dann gelangt er nicht gleich in die Lunge. Doch nun ist es Zeit zum Lunch geworden; wir begeben uns in ein Cith-Restaurant, und während wir auf das Essen warten, sehen tvir uns einmal eine Tischdecke an. Dem bloßen Auge erscheint sie sehr sauber, aber das Mikroskop entdeckt Dinge auf ihr, die wir uns nicht hätten träumen lassen. Auf der glatten Platte sehen wir nun unendlich viele kleine runde Kugeln, die„Coccen", eine der einfachsten Formen unter allen Mikroben. Die meisten unter ihnen sind freilich harmlos, aber unter der wimmelnden Unmenge bemerken wir doch immerhin drei Krankheitserreger. Das könnte uns wohl den Appetit zum Lunch verderber., aber wir müssen uns mit dem Ge> danken trösten, daß auch auf dem Anzug des Kellners Millionen von kleinsten Lebewesen sind, und daß etwa ein frisch gewaschenes Tischtuch die Möglichkeit einer Ansammlung von„Coccen" nur noch erhöhen würde. Wir fliehen also vor den Bazillen und steigen in ein Coupe erster Klasse der Stadtbahn. Sind wir nun unsere Feinde los? Aber keineswegs! Wir untersuchen die Polster, und wir be- xegnen hier dem furchtbarsten Feinde, der wir bis jetzt noch nicht angetroffen. Es ist der„Staphhlococcus Pyogenes Aureus", und er bringt allerlei Arten von Geschwüren und Abscessen hervor, setzt sich in geringfügigen Wunden fest und richtet dort großes Unheil an. Doch kommt dieser Bazillus nur selten vor, und er schien sich gerade die Stille eines Coupes erster Klasse ausgesucht zu haben. Damit wollen wir aber auch die kurze und so ergebnisreiche Jagd nach Bazillen beenden, die wir während eines einzigen Tages unter- nommen haben.- Wir haben wenigstens zehn ganz verschiedene Arten von Bakterien kennen gelernt; nicht alle sind gefährlich, einige sogar nützlich, und die ganz großen Feinde der Menschheit sind doch nur gering. Diese Wiikroben sind eigentlich nur Wesen, die auf der Niedrigsten vegetativen Stufe stehen. Nur ihre Tätigkeit entschuldigt es, wenn man von ihnen wie von Tieren spricht."— ri. Röntgenstrahlen und Insekten. Die Röntgenstrahlen sind dem menschlichen Auge direkt nicht wahrnehmbar, und gerade darum, weil sie dies nicht sind, machte es ja so ein gewaltiges Aufsehen, als die merkwürdigen und in ihrer Wirkung so vielfach nützlichen Strahlen uns durch indirekte Methoden erkennbar gemacht wurden. Aber hier zeigt sich wieder, daß in gewisser Hinsicht die Leistungsfähigkeit unserer Sinnesorgane von derjenigen relativ niedrig stehender Tiere übertroffen wird. Bekanntli-b gibt es Insekten, die imstande sind, Tone zu hören, die wegen ihrer schrillen Höhe uns Menschen im- bemerkbar sind; so sckieint es auch, daß Insekten,— vielleicht nicht alle, tvohl aber gewisse Jusektenarten— die Röntgenstrahleii ganz ebenso wahrnehmen, wie Sonnenstrahlen. Wenn man nänilich Fliegen in einen Kasten bringt, der zur Hälfte durch direkt einfallendes Sonnen- oder gutes Lampenlicht beleuchtet, zur anderen Hälfte aber dunkel gehalten wird, so begeben sich sämtliche Fliegen sofort in den beleuchteten Teil des Kastens. Daran ist an sich nichts auf- fallendes, denn es ist auch sonst bekannt, daß Fliegen sich im Licht behaglicher fühlen, als im Dunkeln. Wenn man nun aber statt der Sonnenstrahlen Röntgenstrahlen in die eine Hälfte des Kastens fallen läßt, so bleibt diese für uns eben so dunkel wie die andere, von der überhaupt jede Art von uns bisher bekannt gewordenen Lichtstrahlen sorgfältig ferngehalten wurde. Werden�dann aber in den so vor- bereiteten Kasten Fliegen hineingebracht, so versammeln sie sich eben- so prompt in deni von den Röntgenstrahlen getroffenen Raum, wie sie sich vorher in den von Sonnenstrahlen beleuchteten Teil deS Kastens begeben hatten. Dafür scheint keine andere Erklärung zu existieren als die, daß dem Fliegenauge die Röntgenstrahlen ebenso sichtbar sind, wie uns die Sounenswahlen. Aus der Pflanzenwelt. Ilc. Wolfsmilch. Von den Rainen und Bahndämmen, von Wald- und Wiesenrändern grüßen uns jetzt allenthalben grüne fuß- hohe Büsche mit weithin leuchtenden gelben Dolden; die Zypressen- Wolfsmilch. Jedes Kind kennt die Pflanze und vor allem ihre Eigenschaft, bei der geringsten Verletzung weißen Milchsaft austreten zu lassen, der als giftig etwas übermäßig gefürchtet wird. Schmale lange Blätter besetzen die Stengel, bis sie sich plötzlich in einen dolden- artigen Blütenstand auflösen. Jeder der Stiele trägt am Ende zwei breite rundliche Blättchen von gelber Farbe, dann teilt sich der Stiel in weitere Blütenträger, die abermals von ähnlichen gelben Blättchen gestützt werden. Diese Blättchen sind umgewandte Laubblätter, die die fehlenden Blumenblätter ersetzen und dem ganzen Blütenstande durch die vereinte Fernwirkung ihrer gelben Farbe den Eindruck einer großen Blume verschaffen. Derartige Blüteneinrichtungen, die in ihrer Wirkung natürlich auf Insekten berechnet sind, nennt der Botaniker Schau-Apparate. Innerhalb der letzten dieser farbigen Schaublättchen stehen die eigentlichen Blüten, klein und unscheinbar, doch auffallend gebaut und mit eigentümlich halbmondförmigen An- hängsein. Der Milchsaft durchzieht die Pflanze in langen verzweigten Röhren, die keine Scheidewände haben; jede Röhre stellt daher eine einzige verästelte Riesenzelle dar. Die Milchröhren zwängen sich überall zlvi sehen die benachbarten Gewebe ein, so daß man sie schon mit den Fäden eines Pilzes verglichen hat, der einen fremden Or- ganismns überfällt. Der Milchsaft selbst ist eine sogenannte Emulsion, ähnlich wie die echte tierische Milch, nämlick ein Gemenge von Tröpfchen und Kvrperchen, die in einer wässerigen Grund- flüssigkeit schweben. Es finden sich im Milchsaft u. a. Salze, Eiweiß- körper, Zucker, bei der Wolfsmilch auch Stärkekörner. Wie der In- halt, so wechselt auch die Farbe des Milchsastes bei verschiedenen Pflanzen; so ist er bei dem bekannten Schöllkraut unserer Zäune und Hecken gelb wie die Blüten dieser Pflanze. Man benutzt den Saft der Wolfsmilch zum Beizen von Warzen; das Kraut schineckt sehr gut den bunten Raupen des Wolfsmilchsschwärmcrs.— Technisches. t. A l u m i n i u m p a p i e r wird seit einiger Zeit in Deutsch- land angefertigt und für die Benutzung an Stelle des alten Stanniol empfohlen. Es handelt sicki nicht um das sogenannte Blattaliiininium, sondern um wirkliches Papier, das mit Aluminiumpulver überzogen wird und besonders günstige Eigenschaften für die Haltbarkeit von Nahrungsmitteln besitzen soll, zu deren Einwicklung es benutzt wird. Chemische Untersuchungen haben gezeigt, daß das Aluininiumpapier nur wenig fremde Stoffe enthält, nur zuweilen bis 2 v. H. Eisen, Arsenik oder giftige Metalle sind nicht darin enthalten. Daraus geht hervor, daß die zur Herstellung des Papiers benutzten Aluminiumpulver verhältnismäßig rein sind und nur zuweilen Tonerde enthalten. Der Grundstoff ist ein künstliches Pergament, das durch Behandlung von Papier mit Schwefelsäure erhalten wird. Die Blätter werden aus- gebreitet und auf der einen Seite mit einer dünnen Schicht einer Lösung von Harz in Alkohol oder Aether versehen. Die Verdunstung wird durch einen Luftstrom beschleunigt und dann das Papier er- wärmt, bis sich das Harz wieder etwas erweicht hat. Dann wird das Aluminiuinpulver aufgestreut und das Ganze unter starken Druck gebracht, damit das Pulver auf dem Papier festgcpreßt wird. Der so geschaffene metallische Ueberzug wird weder von der Luft noch von fettigen Körpern angegriffen. Das Aluininiumpapier ist weit billiger als Stanniol und wird letzterem jedenfalls ein sehr ernster Nebenbuhler werden, wenn es nicht brüchig ist und wenn es den Flächen der Gegenstände, zu deren Packung es benutzt werden soll, genau folgt.— Humoristisches. — I n der Religio ns stunde. Lehrer:„WaS weißt Du vom König Solomon?" Schüler:„Der hat Spruch gemacht, Herr Lehrer."— — Kindermund. Der Vater bringt eine Elektrisiermaschine mit nach Hause, um sie den Kindern zu zeigen. Er erklärt dieselbe und schließlich sagt er:„Sehet, Kinder, jetzt ist der Strom stark ge- nug, den größten Ochsen tot zu schlagen I" Da schreit die Kleinste entsetzt:„Papa, Papa, greif' nicht hin!"—(„Jugend".) Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 28. Mai. Verantwortl. Redakteur: Franz Nchbein, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin L W.