Anterhalluttgsblatt des Horwärts Nr. 103. Sonntag, den 28. Mai. 1905 Wachdruck verbalen.) 23] flammen. Roman von Wilhelm Hegeler. „Wurscht sagen Sie? Glauben Sie, daß es überhaupt etwas in der Welt gibt, was Wurscht ist? Daß nicht jeder kleinste Unterschied von Bedeutung ist?" Der so Plötzlich Angegriffene zog seine Stirn zusammen, so daß die Brauen fast die Augen verdeckten, und erwiderte in höhnischem Ton: „Mit demselben Recht können Sie sagen, daß alles Wurscht ist. Denn im Grunde kommt alles auf dasselbe hinaus." „Sie müssen nämlich wissen," sagte der Major lachend, «Wurscht ist der Lieblingsausdruck meines Bruders." „Ja, das ist wahr," bekräftigte Marie Luise.„Ich habe � schon immer gesagt, auf Deinem Grabstein müßte dermaleinst stehen:„Ob ich lebendig oder tot bin, das ist im Grunde ganz Wurscht." .Ist es auch." „Na," versetzte Grabaus,„gegen eine solche Auffassung der Dinge läßt sich schließlich nicht stresten. Aber glücklich macht die nicht." „Glücklich? Wer ist denn überhaupt glücklich?" „Ich!" sagte Wolf aufspringend.„Ich bin glücklich." „Du hast momentan ja auch Grund, nachdem Du Dich zu �den Fleischtöpfen Aegyptens zurückgefunden hast." „O, das ist—" „Ueberhaupt, wie alt bist Du eigentlich?" „Run mir kannst Du allzu große Jugend wohl nicht vor- werfen," mischte der Major sich ins Gespräch.„Aber auch ich muß sagen, wenn ich auf mein Leben zurückblicke: es gab ja trübe Stunden, trübe— Jahre genug. Aber trotzdem, etwa zu sagen, ich bin unglücklich gewesen, wäre einfach undankbar." „Wirklich? Auch wenn Du ganz ehrlich bist?" Nun entbrannte ein erbitterter Streit. Wie ein Mann standen alle zusammen und verteidigten das Leben gegen Doktor Platen. Wolf mit dem Enthusiasmus des jungen Menschen, dem ein wunderbares Zukunstsgefühl die Gegenwart verklärt, der Major trotz seiner Schmerzen und seiner im ge- heimsten trüben Stimmung aus ehrlichem Gerechtigkeitssinn, Marie Luise mit dem Bedürfnis der Frau, das Gute zu sehen und zu trösten, als könnte sie mit ihren lichten Worten dem Schwager die düstere Seele erhellen. Am eifrigsten von allen aber sprach Grabaus. Für ihn, der im berauschenden Hoch- gefühl seiner nach langem Schlummer frisch erwachten Kräfte in allem Unglück nur Störungen und Hindernisse sah, die er sich stark genug fühlte zu überwinden, war dieser morose Haß etwas an Wahnsinn Grenzendes. Er sprach mit leidcnschaft- licher Heftigkeit, ebenso extrem, ebensowenig aus nüchtern ab- wägenden Verstandesgründen wie sein Gegner. Die Seele erfüllt vom Glanz Marie Luisens, pries er die Schönheit der Welt wie jemand, der im hellsten Lichte steht zu einem, der sich ins Dunkle verkrochen hat, und triib mit den Augen blinzelt und über Finsternis und Kälte klagt. Aber er hatte gut reden. Der andere zerstörte mit dem Mehltau seiner Worte alle Bilderpracht, die er heraufbeschworen. Die Schönheit der Natur— jawohl! Doch wer näher zusah, sah den erbitterten Kampf ums Dasein. Die Lebensfreude des gesunden Menschen — jawohl! Aber wenn die Krankheit einen überfiel? Wenn das Alter kam? Der Glücksrausch gelingender Arbeit— jawohl! Aber der stumpffinnige Sklavendienst der Millionen, die sich ums trockene Brot abrackerten. Das Glück der Freund- schast, Ideale, Liebe, Aufopferung: herrliche Phrasen! Aber die Wirklichkeit? Betrug, Schwindel, Neid, Haß, Aus- beutung. Das war keine objektive Debatte mehr. Ohne es zu wollen, sagtm sich die beiden schließlich die schönsten Grobheiten. Der eine sprach von ödem Pessimismus, der andere von verlogener Schönfärberei. Vergeblich hatte der Major einzulenken ver- sucht. Schließlich schenkte er die Gläser voll und forderte die erhitzten Streiter zum Anstoßen auf. Aber noch ehe er trank, erklärte Doktor Platen mit zornrotem Gesicht: „Ich kann sagen, daß in meinem Leben nicht ein Tag war, den ich noch einmal durchleben möchte. Und wenn den Menschen nicht der gemeine Instinkt am Leben hielte—" Da ließ Grabaus das Glas sinken: „Und icb sage: wenn ich Heute krank würde, wenn alles Unglück der Welt über mich herunterbräche, so würde ich doch fortfahren, das Leben zu preisen, das dem Menschen Ent- wickelungsdrang in die Seele gelegt hat und ihn vorwärts treibt zu unbekannten Zielen." Dann wurde es schließlich still. Beim Abschied aber hatten beide, Grabaus sowohl wie Doktor Platen, das Gefühl, un» versöhnliche Gegner zu sein, die sich am besten aus dem Wege gingen. 9. Wie die Morgensonne über einer schlummernden Landschaft war in Grabaus die Liebe aufgegangen. Den grauen Himmel überläuft ein schimmernder Hauch, bis dahin unsicht- bare Wölkchen beginnen durchsichtig zu erglühen, Nebel zer- teilen sich, und aus dem weißwogenden Dunst erhebt sich das prangende Grün der Wiesen, der schwere Goldsegen reifenden Korns. Was eben noch ungefüge tote Massen waren, gliedert sich nun zu tausendfachem Leben. Da erschreckt dich nicht mehr die dunkle Waldwand, sondern tausend Bäume regen sich und an jedem Baum tausend Blätter, von denen jedes seinen eigenen Glanz, seine eigene Flüstersprache hat. Auf den Wiesen funkeln Millionen Gräser, Millionen Blumen wenden ihre Kelche dem Lichte zu. Ein Chor lauter und leiser Stimmen erfüllt den weiten Raum vom schüchternen Zirpen der Feldgrille bis zum schmetternden Gezwitscher der Lerche in blauer Lust. Ein so vielgestaltiger Reichtum ist in wenigen Augenblicken aus schwarzem Nichts entstanden, daß dieser alltägliche Vorgang des Sonnenaufganges uns immer als ein Wunder erscheint. Ebenso war in Grabaus die Liebe erwacht, wie der junge Tag, wie die aufgehende Sonne, wie der wunderbarste und doch natürlichste Vorgang von der Welt. Wenn ihm in dieser Zeit ein vertrauter Freund, der um sein Geheimnis wußte, Vorwürfe gemacht hätte, so hätte er ohne Arg im aufrichtigsten Glauben geantwortet:„Wie kann das etwas Schlechtes sein, was mich besser, stärker, mutiger und reicher macht? Wie kann die Liebe sündhaft sein, die die Liebe zu allen Menschen in mir steigert, die mich aus dem gemeinen Alltagskram herausreißt und meiner Sehnsucht Schwingen gibt, um sich zu höchsten, reinsten Zielen zu erheben?!" Er, ein verheirateter Mann, liebte die Frau eines anderen. Nie konnte er sie erringen. Aber trachtete er danach? Er durfte von sich sagen, daß er sich in der Nähe Marie Luisens keusch und rein fühlte wie in der Nähe seiner Schwester oder Mutter. Er begehrte nichts und erstrebte nichts. Er war beglückt von der Hoffnung, sie in ferner oder kürzerer Zeit wiedersehen zu können. Und sein Verlangen war schon fast gestillt, wenn sie in der stillen Arbeitsstube vor sein Auge trat, im Glanz des Festes, wie er sie an jenem Abend gesehen hatte, wenn er sich ihre Worte wiederholte und in stummer Zwiesprache mit chv austauschte, was sein Inneres bewegte. Hell schwebte ihr Bild ihm vor. einen verklärenden Schein auch über die ergießend, die ihr nahe standen. Er hatte sich in Wolf verliebt, weil er ihr Bruder war, und gewann auch den Major immer lieber, zu dem er aufblickte voll Sympathie und Bewunderung, llnd wenn etwas wie Neid oder wie ein Wunsch sein Herz beschlich, so war es doch kein wirklicher Neid und kein wirklicher Wunsch. Es war, wie man wohl auf Märchenwesen neidisch ist, oder wie man sich wünscht fliegen zu können, ein Gefühl, dem das Bewußtsein der Unmöglichkert jeden Stachel nimmt. Noch überwoa das Glück alles, seine Liebe glich hellem Morgenglanz, nicht sengender Mittagsglut. Aber seitdem er in Weimar Marie Luise wiedergesehen hatte, drängte sich ihm immer und immer wieder eine andere Vorstellung auf. Er sah sie im Lichtschein der Lampe sitzen, wie beim Sprechen ein rosiger Blutschimmer ihre, zarten Wangen färbte, wie ihre Augen aufftrahlten, er sah sie durch die hohen Räume schreiten, in diesem leichten, schwebenden Gang, von ihrer Kraft und Jugend förmlich getragen. � Dann sah er den Major, dessen an diesem Tage so blasses Gesicht um die Augen von unzähligen kleinen Fältchen durchfurcht war, der trotz seines tapferen Lächelns einen so kranken, müden, hin- fälligen Eindruck gemacht hatte. Und dann der Schwager— In seiner finsteren Ecke wie ein zusammengekrummtes Ur- Waldtier hockend, knurrig, mürrisch, Unbehagen und dumpfes Grauen verbreitend. So. in dieser Umgebung stellte sich Grabaus jetzt Marie Luise vor. Und wenn er nun an sie dachte, ergriff ihn manch- mal ein plötzlicher Tumult, ein Gefühl rasender Angst, und in seinem Innern spielte sich folgender Vorgang ab. Er trat auf sie zu, ergriff ihre Hand und flehte sie an, zu fliehen. Sie mühte fort! Sie konnte hier ja nicht glücklich sein! Sie muhte ja zugrunde gehen! Schmerzliches Mitgefühl und gleichzeitig bebende Furcht vor diesen wild drängenden Stimmen seines Inneren mischte sich jetzt in seine Gedanken. Dazu wurde seine Sehnsucht, sie wiederzusehen, immer ungestümer. Mit Ungeduld zählte er die Tage. Und tausend Fragen über ihr Los richtete er in grüble- rischen Stunden an sie. Das war nicht mehr stumme Zwiesprache mit dem lichten Schatten seiner Phantasie, sondern ein banges Fragen, auf das er mit qualvoller Ungewißheit Antwort von ihr erwartete. In dieser unruhevollen Stimmung erhielt er ein An- erbieten, über daS er zu anderen Zeiten vielleicht etwas gering- schätzig gelächelt hätte, das er jetzt aber ohne langes Besinnen annahm. Weimar ist bekanntlich die Stadt der Mädchenpensionate. Es gibt deren über hundert dort. Mehrere Vorsteherinnen hatten sich nun zusammengetan und richteten an Grabaus das Ersuchen, seine Vorträge über die klassische Zeit der deutschen Literatur, die er während des Ferienkurses gehalten hatte, in Weimar zu wiederholen. Das angebotene Honorar war freilich gering, und er hatte dcowegen einen kleinen Disput mit seiner Frau, die nieinte, er könnte durch Schreiben auf leichtere Art mehr Geld verdienen. Seinen eigentlichen Beiveggrund ahnte sie nicht, sondern glaubte, ihn lockte die Aussicht, vor einem Kreise so vieler niedlicher Mädchen zu spreche». Er ließ sie bei ihrer Ansicht und setzte seinen Willen durch. Was er heimlich gewünscht und doch kaum zu hoffen ge- wagt hatte, traf ein: Mari? Luise äußerte den Wunsch, diese Vorträge mit anzuhören. So fuhr er denn jeden Sonnabend nach Weimar herüber, verbrachte den Abend nach dem Vortrag bei Platens und blieb, da der Major ihn niemals fortlassen wollte, oft genug die Nacht über. Ten Doktor Platen traf er bei diesen Gelegenheiten eigentlich nie, oder wenn schon, so war es, wie Tag und Nacht'ich treffen. Alle Unruhe, alle Angst, alle Vorsätze, diese ganze innere Wirrnis, die Grabaus befiel, wenn er allein war, verschwand in Marie Luijens Nähe. Ihre heitere und doch stille Art, die innere Klarheit, die von ihr ausstrahlte, besänftigte ihn und machte ihn zu einem glücklichen, wunschlosen Menschen. In dieser Zeit bekam Grabaus einen Brief des Gebeim- rats Wohlbold, der ihn aufforderte, zu einer Unterredung nach Berlin zu kommen. Einige Tage vor seiner Abreise gingen er und Marie Luise vom Vortrag abends nach Hause. Den Tag über hatten Regen und Schnee friedlich mit- ciiiarder abgeivechselk, bis nun bei sinkender Nacht der Schnee den Sieg davontrug. Lustig kreiste der weiße Wirbeltanz um die Laternen, und mit heimlichem Vergnügen beobachtete Grab- aus, wie sich bald eine Flocke auf Marie Luisens blonde Locken, bald auf ihre Wimpern, einmal sogar auf ihre roten Lippen setzte, wo sie aber gleich zerschmolz. Dann aber fiel ihm auf, daß sie so schweigsam und wie in Gedanken dahinschritt, und als sie in der Nähe des Hauses waren, fragte er schließlich: „Sic sind so schweigsam, gnädige Frau. Hat Sie irgend etwas verstimmt?" „Fch mache mir Sorgen wegen meines Bruders." „Warum?" „Haben Sie ihn in der letzten Zeit öfter gesehen?" „Vor ein paar Tagen noch." «Ist Ihnen da nichts aufgefallen?" „Nein.— Er war wohl etwas still—" „Er hat mir nämlich einen ganz merkwürdigen Brief ge- schrieben. Wenn Sie wollen, so gebe ich ihn Ihnen nachher." „Was stand denn drinn?" fragte er besorgt. „Iä. was stand nicht alles drin!" sagte sie mit halbem Lächeln.„Mehr als ein ruhiger Mensch mit einem Mal fassen kann. Aber das eine ist mir klar geworden. Er hat sich verliebt." „Was?!" „Ja— verliebt in eine Schauspielerin." lFortsetzung folgt.) Ausstellung des deutfchen KtinftUrbundcs. I. Tie dekorativen Bilder. Als Charakteristikum der diesjährigen Ausstellung im neuen Gebäude der Sezesston fällt das Hinstreben zum Dekorativen auf. Nicht nur, daß die beiden einzigen Künstler, die einen Saal für sich haben, vom Bilde, das einen beliebigen Ausschnitt der Natur dar« stellt, weg zu großen farbigen Eindrücken streben, auch im einzelnen macht sich das Uebcrwiegen der großzügigen dekorativen Richtung bemerkbar. Es läßt sich kaum ein größerer Gegensatz denken als H o d l e r und K l i m t. Beide haben einen Saal für sich. Hodler ist boden- ständiger, eigenwilliger, kräftiger. Man merkt das Vaterland, die Heimat, die Schweiz. Aber auch bei Klimt ist die Abhängigkeit von der Umgebung merklich zu verspüren. Auch er ist bodenständig. Freilich wurzelt er in der Großstadt. Und es ist bedauerlich, daß er nur die schwächliche, überbildete Seite der Kultur darstellt. Das Parfüm, das den Klimsichen Bildern entströmt— man mutz mit Fug und Recht so reden—, hat etwas Künstliches, Süßliches. Man denkt bei dieser Kunst an die weibischen Launen einer Mode- dame. Auch die kindische Prätenfion, das Zerfahrene und doch etwas vorstellen Wollende, diese ganze Halbheit des innerlich hohlen Charakters paßt dazu. Frankreichs symbolistische Kunst, die Art des Belgiers Khnopfs erscheint hier in noch flauerer Manier. Was Klimt nicht abzusprechen ist, das ist ein spielend nervöses Farbengcsühl. Er müßte Stoffe erfinden, für das Kunstgewerbe tätig sein. Aber seine Gesichter sind trivial und ohne Leben. Der mosaikartige, farbig reiche Untergrund, der das Targestellte in eine ganz andere Sphäre rückt, enthält dekorative Werte. Er liebt die raffinierten Kontraste. Solch einen farbigen Hintergrund läßt er von einer zartgraucn Wand einsahen. Festeren Boden verraten seine Porträts. Auch da wird er ja leicht schcmatisch, und man denkt an die Künste eines Feuerwerkers, der mit brillanten Effekten verblüfft. Aber die Art, große Gegensätze zu sehen, etwa das Schwarz eines Pelzes und Hutes so dekorativ dominieren zu lassen oder ein weißes Kleid apart von grünem und grauem Hintergrund sich ab- beben zu lassen, zeigt ii> der leichten, geschmackvollen Handhabung Charakter. Ans diesem letztgenannten Bilde ist auch das Gesicht wesentlich frischer und natürlicher. Es ist gut, daß dieses Bild hier ist. Sonst würden viele Besucher denken: Dekorativer Stil ist nur verhüllte und frech betonte Unfähigkeit, dem Natürlichen zu folgen. Aus der Enge der Großstadt, in der die Kunst einer kleinen Anzahl mißleiteter, überbildeter und hohler Individuen dient, so daß man nur noch mit Mühe das Eigene daran erkennt, führt uns Hodler in die sreie Natur. Sein Hintergrund ist das weite Land, das Gebirge mit den lachenden Farben, wo alles deutlich greifbar vor einem steht und doch fern ist. Prachtvoll groß und in heller Klarheit stellen sich die Farben hin. Und die Form ist hart, charakteristisch, nicht verführerisch schmeichelnd. Wie klar und hell ist das Licht, das seinen dekorativen Gemälden entströmt. Sie schaffen Raum und erweitern den Eindruck für das Auge. Er wertet das Gesehene um, er gibt keine Modcllstudien. Die Stellung ist bei ihm nicht Pose, sondern Konzentration. Das Eigentümliche bei ihm ist: seine Geberdcn, Stellungen, Grup- pierungen wirken nicht gemacht, trotzdem sie äußerst hart die Grenze der Karikatur zu streifen scheinen. Das ist das Zeichen dafür, daß hier ein echtes Empfinden das Gestalten leitet. Mit starler und lühncr Naivität stellt er seine Jünglinge und Frauen, gibt diese Bilder:.Jüngling vom Weibe bewundert" oder einfach:„Em- psindung". Sc genau er in seinen Gruppierungen ist— manchmal spitzen sich die Räume wie von Kulissen begrenzt zu, und in der Mitte steht die Figur, oder die Menschen selbst stufen sich regel- mäßig entsprechend in Abständen ab—, so ist er doch in anderen Dingen wieder frei, ja leicht. Dadurch kommt in die eigentümlich jugendliche Starrheit Leben, in die Begrenztheit Unendlichkeit. Den bildhaften Eindruck umreißt er deutlich und hart, dahinter aber setzt er lichte Blumen, regelmäßig und doch zwanglos, und der unendliche Raum der Natur dehnt sich endlos vor dem Blick. Es ist in dieser Hinsicht bezeichnend für Hodler: er hat die strenge Komposition mit der Freiheit gepaart. Er gibt feste Vorstellungen und erschöpft sich doch nicht. Darum kann man seine Werke lange anschauen. Neben der steifen Geberde merkt man bei Hodler immer das gründliche Studium nach der Natur. Das sind Menschen, die er sah, Bauernburschen, Mädchen seines Landes, deren harte, eckige Linien, deren steifes Haar, deren sehnigen Körper er naiv übernahm. Seine dekorative Note ist so ursprünglich. Sie ähnelt in ihrer Aeußerung der Gothik, und dennoch empfindet man dies nicht als Archaismus, als Stilübernahmc, weil man fühlt, der 5tünstler empfand vor seiner Natur so, dachte nicht an vergangene Kunst- epochcn. Dahinter merkt man das sichere zeichnerische Können. Hodler macht nicht die Unfähigkeit zum Ausgangspunkt. Er flunkert nicht. Darum traut man seinen Linien und Formen, die die härteste Wirklichkeit durchscheinen lassen, ohne diese zu kopieren. Nicht nur das zeichnerische Gerippe entnahm Hodler dem Ge- präge seines Landes, auch die Farbcnwelt ist lokal begründet. Diese leuchtenden Blumen, dieser helle Fels, dieser blaue Himmel, diese Eiskuppcn, das alles ist unmittelbare Umgebung für ihn und grüßt ibn alle Tage. Neben diesen kollektiv vertretenen Künstlern finden wir andere, die in einzelnen Bildern ihre besondere, zum Dekorativen hinneigende Art bekunden. Weicher als Hodler und natürlicher als Klimt ist Ludwig v. H o f m a n n. Seine farbenfrohen Szenen führen in ein Traum- land. Dort blühen seltsame, blütenüberladene Bäume, schillernd m aller Pracht exotischer Farben. Auf dämmernden Abendwiesen liegt die letzte Sonne, breit und warm. Ein blauer See ladet zu kühlem Bade. Dort auf der Wiese tanzen die Mädchen und schlingen einen übermütigen Reigen. Kein Gewand beengt ihre Glieder. Eine wohlige Wärme umkost den Körper. Sie eilen davon, haschen sich und kommen wieder. Dann stehen sie sinnend am Baum, und eine schwere brütende Stille liegt über der Natur, zu der sie gehören, wie Tiere und Blumen, natürliche Wesen dieser Umgebung. Sie find uns fremd und dennoch gehören sie zu uns. Sie sind die von Erdenlust befreiten Geschöpfe unserer Phantasie. Eine frühere Zeit träumte sich Götter und Göttinnen in die Natur; in jedem Baum sah ein Gott. Wir träumen uns nur von allen Fesieln befreite Menschen. Denn diese Frauen sind Frauen unseres Geschlechts. So schön wie sie sind die Menschen, wenn sie frei und glücklich sind. Immer wieder gießt Hofmann den ganzen paradiesischen Zauber seiner Farben über diese Welt. Ein Menschenleib ist ihm genau so viel, wie eine Blume ein Baum. Ein Sehnen überall, eine lachende, fröhliche Bewegung zueinander und voneinander. Er hört das Rauschen hoher Wipfel, das Branden blauer Wogen tönt ihm tief in den Sinn. In dem befreiten Spiel der Glieder spürt er ein Auf- jauchzen. Der Sonne Licht empfindet er instinktiv als leben- spendend. Und nichts ist sc schön, als von allen Hüllen befreit zum Bade hinabzusteigen in den Waldsee; der Himmel liegt blau über dir; verschwiegen senken sich die Zweige. Da kommen die Ge- fährtinncn. Schon beginnt das Spiel, das Lachen, und die Wogen spritzen auf. Trockener und bewußter ist S t r a h t m a n n. Zwei Bilder legen von seinem Können Probe ab. Das eine hat einen Stich ins Komische, Burleske, wie man ihn bei Strahtmannschen Bildern häufig findet. Er hat eine Neigung, in den Gesichtern Karikatur zu finden. Er übertreibt gern diese Note noch. Und so kommt manchmal, da er nie ins Triviale verfällt, ein grandioser Humor heraus, der oft grotesk und befreiend wirkt. Auf dem einen Bilde, „Vollsauflauf" betitelt, gibt er eine Polizistcnpickelhaube inmitten aufgeregter Gesichter. Das Sujet ist ihm aber gleich, der Titel ver- pflichtet zu nichts. Tatjächlich interessierte es ihn nur, um die silbern leuchtende Spitze des Helmes eine Kollektivsammlung von allerlei Typen zusammen zu bringen, und man lacht schon, wenn man nur den ungeheueren Fleiß sieht, den er an diese Arbeit verschwendet hat. Hier dieses Haar, diese hochstehende Nase, dieser vorsintflutliche Kapotthut, der aussieht wie eine Clownsmütze— man kann überall umhersuchen und wird überall ettvas finden. Als ruhender, ironischer Mittelpunkt die Helmspitze. Man sieht nur die Spitze, aber die Haltung ist brillant ersaßt, daß man das Gesicht, ja die ganze breitbäuchigc Gestalt zu sehen vermeint. Die„Salome" zeigt Strahtmann noch entschiedener dekorativ. Ein reifes, prächtiges Werk. Man vergißt ganz das Dargestellte und sieht nur die Darstellung. In der Mitte steht ein nackter Körper. Salome, nur mit Geschmeide im rotblonden Haar und rotgoldenen Schuhen an den Füßen. Sie hebt das tote Haupt des schwarz- bärtigen Johannes hoch empor. Ringsherum stehen Typen des Hofes, Würdenträger, Dienerinnen. Nicht das ist das Bcwundcrns- werte, daß sich der Maler so tief eingelebt hat in asiatische Pracht. Man lasse diese Gegensätze alle aus sich wirken: das eigentümlich starre Grauiveiß des Körpers, dem oben und unten, am Kops und an den Füßen, nur wenig Farben angefügt sind. Gegen diese Härte der glatte, funkelnde Marmorboden. Als Hintergrund ein hellgrüner Hügel, auf dem lveiße Blüten verteilt sind, rechts noch blauer Himmel. Tann über dem Bilde ein Gewirre wc inroter Zweige und Blätter, halb Pflanze, halb wie Tiere sich verschlingend. Dazu die eigentümlichen, harten Physiognomien. Und alS Abschluß eine wahrhaft märchenhaste llebcrfülle kleinster Kostbarkeiten, die auf das subtilste eingefügt sind. Man sehe sich die Turbans an, die Ketten, die Umhänge und Mäntel, die Ringe, die Schuhe, die durch- brochenen Gewänderl Ueberall ein so verschwenderisckier Reicbtum ■icm Metall, Steinen und Stoffen I Und dennoch nicht überladen! Dennoch nicht protzig I Sondern das Ganze märchenhasl bunt wirkend wie ein alter Teppich. Die Wirklichkeit des Targestellten verschwindet beinahe ganz. Man sieht nur diese raffinierte und mit emsigster Geduld zusammengefügte Farbigkeit der Motive. Wie wunderschön flicht sich solch ein Gehänge durch das Haar, legt sich iber die SchulternI Wie natürlich schmücken die stumpfblassen Rosen das Kleid! Man bedauert, daß solch ein Künstler nicht zu großen dekorativen Arbeiten herangezogen wird, der eine solche Märchenwelt in vollster, farbigster Gegenständlichkeit vor uns er- stehen läßt, dem sich das Gegenständliche wiederum zu so ruhig glitzernden, kühlen und fernen Farben verflüchtigt. Das große, dekorative Gemälde von Erler:„Johannisnacht" symbolisiert das alte, volkstümliche Treiben, das an die heidnische Vergangenheit noch erinnert. Das Bild ist dreigeteilt. Links und rechts prasseln die gelben Flammen in die Höhe. Das große Mittel- seid zeigt eine stille Wasserfläche in abendlichem Licht. Weit dehnt nch der Horizont, an dem nur hier und da Lichter erscheinen. Eine )ohe Gestalt schwebt über dem Kahn, dessen Spitze sichtbar wird. Die ganze Komposition zeugt von sichcrem Stilgefühl. Es ist alles frei in den Raum gestellt und doch richtig an seinem Platz. Freiheit und Regel find gut vereint. Sehr schön wirkt die blasse Atmosphäre» die alle Farben grau umhüllt, als flöge der Rauch der Scheiter» Haufen umher. Dadurch erscheinen alle Figuren unwirklich und fern. Und eine geheimnisvolle Stille breitet sich aus, zu der dio stumpfen und äußerst fein gewählten Farben gut passen. Dia breitslächige Behandlung hebt alles Bedeutsame eindringlich hervor» Auch hier weicht die plastische Gegenständlichkeit einer leichten Ver- hüllung, die die Dinge selbst wie hinter einem Schleier erscheinen läßt, ohne daß ihre Sichtbarkeit dadurch erheblich leidet. Diesen Ausgleich der Farben und Formen kommt dem ruhigen Gesamt-! eindruck zugute.—_ Ernst Schur. kleines Feuilleton eg. Wie sie einexerziert wurden. Früher hatten sie fröhlichen gearbeitet. Mit Lust und zeitweiligem Humor, die das öde Schreiberleben, durchleuchteten. Mitunter lief durch das langgestreckte Bureau, in dem an die zwanzig Mann vor ihren Pulten saßen, ein herzhaftes Lachen von einem Ende zum anderen. Die Ursache gab meistens der alte Schämferling, Bureaudiener und„Faktotum" des Hauses seit undeutlichen Zeiten. In seinem grauen Kopf hockten die Schnurren wie ein Nest voll junger Spatzen beisammen. Und er ließ sie fliegen, wo's nur anging. Deshalb mochte ihn ein jeder. Auch der Chef, der sich übrigens selten sehen ließ und meist eine Treppe tiefer in seinem Privatkontor saß. Ter frühere Bureau- Vorsteher tat keiner Fliege etwas und ließ die„jungen Leute"— einige nannten kaum noch ein Haar ihr eigen— gewähren, lachte selber mit und liebte im übrigen die Ruhe. Die erste Unannchm- lichkeit. die er allen seinen Kollegen bereitete, bestand in seinem Tode. Vor acht Tagen hatten sie ihn begraben; aus einem Mittags- schläfchen, das er regelmäßig hinter einem Aktenschrank einnahm, war er einfach nicht wieder aufgewacht. Ein Neuer kam, woher: wußte niemand. Aus dem Personal hatte der Chef ihn nicht ge- nommcn. Schon das verstimmte. Diese Verstimmung wuchs sich zu heimlichem Groll aus, als Herr Bodrick. der Neue, immer mchu seine Hanpteigenschaft. eine forcierte Schneidigkeit, heraussteckte. Wollte irgendwo ein Lachen hoch, dann blitzten gleich daneben die kalten, scharfen Augen auf und wiesen zur Ruhe. Die„Privat- Unterhaltung" wurde verboten. Wie ein schwerer Druck legte sichs auf alle. Unlust, Zorn erwachten und förderten nicht gerade die Arbeit. Auch in Schämferling gärte eS. Aber er sagte nichts. Nichts mehr. Seüie Schnurren froren ein, seine Witzworte ver, siegten. Eine schwüle Atmosphäre breitete sich im Bureau aus. Bodrick merkte den heimlichen Widerstand, fühlte sich isoliert und wurde gereizter. Tag für Tag gab eL Wortwechsel. Endlich verkündete er mit lauter, scharfer Stimme, die bis in den ent- ferntesten Winkel drang:„Ich werde sie schon einexerzieren, meine Herren!" Ein entrüstetes Murren durchlief den Raum. Sckiämferling heftete gerade Akten in der Nähe des Gewaltigen und lächelte. „Was lachen Sie?— Siel..." Bodrick klopfte ihm mit dem Lineal auf die Schulter.„Warum Sie lachen?" Schämferling drehte sich mit einem Ruck herum und sah dem Zornigen groß i» die Augen. Tann sagte er:„Ach, wissen Sie, das ist so eine alte Angewohnheit von mir. Unter Ihrem Vorgängen waren wir häufig lustig. Und wenn mir jetzt einer das ZivcrchseA kitzelt, muß ich immer noch lachen. Wenn Sie das nicht wollen, müssen Sie auch nicht kitzeln. Nämlich: es sind so alte Herren hier — denen werden Sie den Parademarsch kaum noch beibringe». Da- zu haben wir zu steife Beine, verstehen Sie, junger Mann?" „Ich werde Ihnen schon Beine machen!" „Ausgeschlossen," sagte Schämferling.„Sie gehen ja selber auf Stelzen." Ein glucksendes Lachen an allen Pulten. „Ruhe!" schrie Bodrick.„Und Ihnen, Sie altes Inventar, verschaff' ich ganz schnell Beine. Sie sind entlassen. Sofort I" „Eilt nicht." Schämferling heftete seine Akten weiter.„Ich exerziere nicht mehr, Herr Korporal." „Gut! Ich hole den Chef." Bodrick eilte hinaus, die Treppe hinab und kam mit dem Chef wieder herauf. Ter machte ein ticfunglückliches Gesicht:„Aber, Herr Schämfer- ling, was sind das für Geschichten. Sie haben Ihren Vorsteher be- leidigt." „Stimmt nicht, Herr Justizrat. Er hat mich beleidigt." „Einen Bureaudiencrl" sagte Bodrick. „Wie? Ja, wer soll denn daraus klug werden?" seufzte weinerlich der Prinzipal.„Bitten Sie ihn wenigstens um Ent- schuldigung,.Herr Schämferling." „Warum denn?" fragte der.„Ich Hab' dem Herrn ja nichtJ getan." „Er oder ichl" bcharrte Bodrick.„S o kann es nicht weiter gehen." „Na, da hören Sie's doch!" Ter Prinzipal seufzte tief. „Wer mich beleidigt, hat sich zu entschuldigen," behauptete Schämferling.„Soviel Hab' ich von der Justiz schon gelernt, Herr Rat— in den zwanzig und einigen Jahren, die ich bei! Ihnen bin." Der Justizrat stand wie auf Kohlen und zog sich immer mehr Vach der Tür zurück:„Machen Sie die Sache doch unter sich aus, meine Herren. Ich habe wirklich keine Zeit." „Es bleibt also bei der Entlasiungl" stellte der Vorsteher fest. Und Schämferling behauptete:„Keine Idee." Der Justizrat hatte schon die Hand auf der Türklinke, als odrick sagte:„Hier must überhaupt frisches Blut herein, Herr Rat. Die Leute parieren nur widerwillig. Mehr Disziplin und Schneid! Ein grenzenloser Schlendrian ist in Ihrem Bureau eingerissen. Ich glaube, mein Vorgänger hat die Zügel nicht straff genug gezogen." „Das ist mir wirklich bis da nicht aufgefallen." Der Chef ließ die Türklinke los. Ein alter kahler Kopf tauchte plötzlich neben ihm auf:„Wir sollen auf unsere alten Tage noch Rekrutenmanieren lernen, Herr Rat?" „Ich verstehe Sie nicht, Herr Mohn." Der Rat war ratlos. ».Ja, meine Herren, ich weist wirklich nicht..." Seine Brillen- gläser richteten sich von einem zum anderen. „Nun," sagte Mohn,„der Herr da ist im Unrecht, und Schämfer- ling hat recht." „Die Sache ist erledigt!" „Das heistt, Sie lassen den alten Mann hinauswerfen?" «Mein Gott, Herr Mohn, was soll ich denn nur in dieser un- erquicklichen Sache tun?" Er rctirierte wieder zur Tür. „Das müssen Sie wissen, Herr Rat. Mir ist jetzt klar ge- worden, was w i r tun sollen. Meine Herren," Mohn wandte sich laut an seine Kollegen,„dieses war nur das Vorspiel. Schämfer- ling mutz als erster dran glauben. Nachher kommt das„frische Blut" herein, und wir spazieren hinaus. Beugen wir vor. Die Korporalsfuchtel über unserem Haupte— das patzt meinem kahlen Schädel sowieso nicht. Ich Hab' genug von dem neuen Regiment. Ich gehe. Die Duckmäuser können hierbleiben. Adieu, Herr Rat." Ein Dutzend Hände griff nach den Hüten. „Aber, Herr Mohn,— aber, meine Herren I" Der Chef lief bestürzt von einem zum anderen. „Er oder wir!" „Herr Meier— Sie auch? Herr Hoffmannl Herr Henzel" „Er oder wir!" „Ja. was soll ich denn da machen?" jammerte der Chef. „Lassen Sie die Gesellschaft nur wandern!" Bodrick keuchte. „Vorwärts marsch!" Mohn stellte sich an die Spitze.„Tritt halten. Augen rechts, links steht der Korporal." Sie marschierten hinaus. Sprachlos lietz der Prinzipal es geschehen. Dann sah er sich in dem fast leeren Bureau um:„Sie haben mir da eine schöne Ge- schichte angerichtet!" „Er hat uns einexerziert!" sagte Schämferling, der eben als Letzter hinausging. Bodrick lehnte bläh an seinem Pult. „Was nun?" Der Chef trat auf ihn zu.„Etwas Derartiges ist mir in meiner dreitzigjährigen Praxis noch nicht vorgekommen. Sie haben sich autzerordentlich beliebt gemacht in der kurzen Zeit Ihres Hierseins! Jetzt sorgen Sie weiter, bitte!" Bodrick stotterte etwas. „Wie?" Der Rat wurde wütend.„Ja, was zum Kuckuck Und er stürzte hinaus, den anderen nach.— ie. Plakate und Annoncen sind keine Erfindung von heute und gestern. Im Altertum bedienten sich die Behörden für feierliche Bekanntmachungen der Ausrufer und Herolde, und auch die Kauf- leute benutzten dasselbe Mittel gegenüber dem Publikum. Griechische Knnfleute hatten ihre eigenen Ausrufer oder eigentlich Sänger, denn diese Leute, die gewöhnlich in Begleitung von Musikanten durcki die Straßen ginge», mußten die Waren in Versen und Gesängen an- preisen. Bei den Römern wurden Ausrufer nanientlich zur Anzeige von Festen und Gladiatorenspieleu, aber auch zur Ankündigung eines Ver- kaufs ausländischer Waren angewandt. Schon im fernsten Altertum kannte nian die geschriebene Annonce. Es sind ägyptische Papyri aus den Ruinen von Theben erhalten, die wenigstens drei Jahr- taufende alt sind und solche Annoncen darstellen. Vor einigen Jahren wurde in den Trümmern von Herkulaneum eine Plakatsäule entdeckt. Diese Säule war ganz mit Papyrusblättern bedeckt, die eins auf das andere geleimt waren und Programme öffentliwer Schaustellungen der verschiedensten Art enthielten. Die römischen Kansleute brachten vor ihren Läden Tafeln an, auf die niit rotem Wachs Gegenstände aufgenialt waren, die in einer deutlichen Beziehung zu der feilgehaltenen Ware standen. Mai, hat in Pompeji ein Wirtshausschild gefunden, auf dem ein Soldat dar- gestellt ist, der ans einem Schlauch trinkt, ferner das Aushängeschild einer Bäckerei, auf dem ein Bäckergeselle Brot knetet. In Rom wurde auch die literarische Reklame erfunden. Martial nahm keinen Anstand, feine dichterischen Gaben in den Dienst des Zahnarztes Cascclio und des Parfümeurs Cosinus zu stellen. Im Mittelalter war es in vielen Ländern verboten, daß die Kaufleute sich gegen- seitig Konkurrenz machten. Nur die öffentlichen Ausrufer durften dem Publikum Verkäufe anzeigen. Andererseits hat keine andere Zeit das Mittelalter an Reichtum der Aushänge« schilder übertroffen. Die Straßen hatten damals gewöhnlich keinen Namen, die Häuser keine Nummern. Man bedurfte daher anderer Kennzeichen, und das Ivaren eben die Schilder der Bürger- Häuser und Kaufläden und an den Adelshäusern die Wappen. In Frankreich machte ein Edikt Heinrichs EL die Gasthausschilder zu einem Zwang. Diese Schilder waren oft wahre Meisterwerke der Schmiedekunst, andererseits auch häufig naive Rätselbilder, die ein» fach auf die Außenwand deS Hauses gemalt wurden. Im all- gemeinen aber bestanden sie aus großen Blechtafeln, riesigen Händen. Schlüsseln und anderen eisernen Gegenständen. Es kam nicht selten vor, daß sie durch einen starken Wind heruntergeweht wurde» und Fußgänger erschlugen oder verwundeten, so daß sie stellenweise durch die Behörden abgeichafft wurden und durch Blechschilder an der Mauer ersetzt werden mußten. Das erste Beispiel einer Sammlung von Annoncen war ein Nachrichtenblatt des Adressenbureaus, das 1629 Theophraste Renaudot in Paris gegründet hatte. Die Sache hatte einen folchen Erfolg, daß Renaudot schon zwei Jahre fpäter eine „Gazette de France" als erste französische Zeitung gründete und auch bereits von der sechsten Nummer an der Reklame zur Ver- fügung stellte. Das erste Beispiel eines Inserats war die Empfehlung eines Mineralbads. Das erste gedruckte Plakat stammt auS dem Jahr 1484 und wurde von Jean du Pro hergestellt, dem außerdem das Verdienst zukommt, den Holzschnitt in die Buchdruckern eingeführt zu haben. Jenes Plakat ist noch dadurch eigenartig, daß es für das Domkapitel in Reims ausgeführt wurde, um den„Grand Pardon de Rotre Dame" anzuzeigen. Auf der Oberseite des Plakats war die thronende Jungfrau mit dem Jusnskind auf den Knieen dargestellt, daneben die päpstliche Tiara mit den � Schlüsseln von St. Peter und das königliche Wappen mit den drei Lilien. Der Holzschnitt ist nicht ohne Geschick ausgeftihrt.— Humoristisches. — Vergeßlich..... Also das neue Stück war von Ihnen?.. Da haben wir'mal wieder so recht herzlich ge- lacht!" „Gelacht?? In meinem Trauerspiel??" „Oder haben wir geweint, Rosa?"— — Die„höhere Tochter".„Adieu, Mutter, leb' wohl I Wenn i' heimkomm' vom Institut, nacha bring' i' Dir auch a' Bil- düng bei!"— — Einteilung. B a u e r:„ D i e z w e i Ferkel Iver'n fett g'macht für d' Steuer, die zwei müssen's Schulgeld bringen für d' Bub'n, und mit den drei ander'n da fang' ich an' Prozeß an mit mei'm Nachbar!"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Der finnische Senat beschloß, dem Dichter Juan! A h o auf die Dauer von zehn Jahren ein Jahresgehalt von 3000 M., dem Schriftsteller I. H. Erkko eine lebenslängliche Pension von jährlich 2209 M. zu gewähren.— — Arno Holz und Oskar Jerschke sind mit einem neuen D r a ni a so weit, daß das Werk de» Bühnen im Laufe des Sommers zugehen dürfte.— — Oskar Wildes vieraktigcs Drama„Ein idealer Gatte" hatte bei der Uraufführung im Residenztheater zu München Erfolg.— — DieTell-Aufführungenin Altdorf werden auch in diesem Jahre stattfinden. Auf den 9. Juli ist eine außerordentliche Eest- und Jubilänmsvorstelluug angesetzt, deren Reinerttag der chiveizerischen Schiller-Stiftung zugewendet wird. Am 23. Juli beginnen die ordentlichen acht aufeinander folgenden Sonntags-Vor- stellungen.— — Die Berliner S e c e s s i o n bittet uns um Aufnahme folgender Zeilen: Durch eine große Anzahl von Anfragen aus dem Publikum veranlaßt, ob wir in diesem Jahre keine Ausstellung ver- anstalten, machen wir hierdurch bekannt, daß die IL A» s st e l l u n g des Deutschen Künstlerbundes mit unserer diesjährige» Secessions-Ausstellung identisch ist und auch im neuen Seccssious- gebäude, Kurfürstendamm 293/299, stattfindet, das in späteren Jahren die Secessions-Ausstellungen beherbergen wird. Es findet also in diesem Jahre keine separate Ausstellung der Berliner Secession mehr statt.— — Der Kun st verein für die Rhein lande und Westfalen hat im letzten Verwaltungsjahr 166 425 Mark ein- genommen und 42 472 Mark ausgegeben. Die Mitgliederzahl ist auf nahezu 11 999 augewachsen.— — Eine neue Warte zur Beobachtung der Erscheinungen des Erdmagnetismus wird zu Eskdalemuir in Schott- land errichtet.— — Ein„Weinbeißer". I. Trojan erzählt ,n der „National-Ztg.":„Unterwegs überhörte ich mir die hundcrtzwei» unddreißig probierten Weine mit ihren besonderen Eigenschaften, und es stellte sich heraus, daß ich sie bis auf zwei oder drei alle wohl im Kopf hatte."— Verantwortl. Redakteur: Franz Rehbein, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin 21V.