Mnterhallungsblatt des Dorwärts Nr. 107. Sonntag, den 4. Juni. 1905 tR achdruck verbaten) 271 flammen. Roman von Wilhelm Hegeler. Die gelben Flämmchcn leckten naschhaft an der neuen Nahrung, aber als wenn ihnen das kalte, frische Holz nicht schmeckte, züngelten sie sogleich wieder zurück, um dann gierig noch länger die heißen Zungen auszustrecken. Plötzl.ch knallte ein geborstenes Scheit laut mif und war im selben Augeirblick von der feurigen Lohe wie mit einem roten Mantel ganz umhüllt. Der Major richtete sich auf und starrte versunken in die Glut, sah das Holz auftauchen und wieder verschwinden, sah es bersten und verschlungen werden von diesen gefräßigen Flammen. Er stützte den Kops auf und bedeckte die Augen mit der Hand. Und vor seinem inneren Blick stand der Wald. in dem diese jetzt fast in Asche versunkenen Scheite einst große, feste Bärime gewesen waren, die den Winden getrotzt, die tief ins Erdinnere ihre Wurzeln gestreckt hatten. Aber die Flamme kam und fraß sie auf. machte sie zu Asche.--- Und da kam ihm zum Bewußtsein: so wie die Bäume in langsamen Jahrzehnten stark und groß geworden waren, so waren in seiner Brust, in jeder Menschenbrust. Meinungen. Satzungen, Schätzungen gewachsen, hatten sich tief festgewurzelt und allen Stürmen getrotzt. Aber die Flammen kamen und fraßen sie alle ans, machten sie zu Asche— alle. Ehrlichkeit, Treue, Stolz, Würde— alles, wovon sein Weib gesprochen hatte. Er bäumte sich auf und krümmte sich, hielt mit den Händen die Lehnen umpreßt und biß die Zähne zusanunen. Alles, was er sich vor einem Jahr geschworen hatte, rief er sich ins Gedächtnis. In diesen bitteren, düsteren Stunden, die sich lang dehnten, wie schlaflose Nächte, da hatte, wenn er auf dem Sofa liegend seine Frau mit den Blicken verfolgte, wie sie dahinschritt, von ihrer jungen Kraft getragen. Glück ausstrahlend und an sich ziehend, dc hatte ein gerechter und reiner Mensch in ihm sich gegen sein eigen Fleisch und Blut empört und ihm bewußt gemacht, daß es llimrenschlichkeit und Frevel sei, dies junge Geschöpf an sich zu binden, ein- zukerkern mit dem Kranken. Tas hatte sich ihm anfgcdrängt wie eine Pflicht und eine Gerechtigkeit, die stärker und ewiger war als alle von Mensche» erfundenen Pflichten und Ge- rcchtigkeiten. Er hatte ihr das gesagt und es ihr»viederholt, wie sehr sie sich auch dagegen auflehnte. Nun aber war dies gekoimnen, dies Furchtbare, das er nie geahnt hatte, das An- glück brachte über ihn und noch mehr über sie. Ter ganze Mann lehnte sich auf, schiittelte sich und wehrte sich dagegen init krampfhaften Schauern wie gegen die kalten Fmrstgriffe des Todes selbst. Und wie nun über dem veraschten Holz noch letzte Jlämmchen hüpften und letztes Knistern sprühender Funken im Kamin verklang � da hatte er wirre, blitzartige Bilder. Er sah sich selbst groß und massig aufgerichtet— ritsch, ratsch riß er den Brief entzwei, und mit totblassem Gesicht schlich der andere hinaus.— Ein schneeweißer Wald, zwei richten die Pistolen gegeneinander, der andere fällt, und er selbst steigt in den Wage».— Plötzlich sah er Marie Luise als blutige Leiche.— Dann sich selbst, die rote Lache floß über seinen Rock, entsetzcnsstarre Menschen uinstandeir ihn, Blut, Blut, Blut sah er überall. Er rieb sich die Augen, preßte die Hände dagegen, aber nur»reue blutige Diirge tauchten auf, als wenn Blut aus seinen Augen selbst flösse. Bon Entsetzen vor sich selbst er- griffen, schauerte er zusammen. Und da— i» dem Lehnstuhl, in dem er so oft gesessen hatte, und dessen Nachbildung der Major ihnr zu Weihnachten machen lassen Wollte, sah er Grabaus selbst sitzen. Er saß da, und während er mit leuchtenden Augen Marie Luise anblickte, sprach er mit ciirein aufgeregte»», fließerrden Ton. In diesem Toir, über den der Major sich so oft erstaui»t hatte, und er sprach»nieder diese langen, zusamiirenhängendei» Sätze, über die er ebenfalls ge- staunt und inmrchmal gelächelt hatte. Er sprach— als wenn ein gedrucktes Buch plötzlich zu sprechen begöillie. Ter Major hatte ihm gelauscht und war warm geworden und hatte sich gefreut wenn er etwas verstand. Aber iin Inner»» hatte er wohl auch gelächelt und gedacht: wie das wohl wäre, wenn einer der Leutnants beim Liebesmahl so zr sprechen anfinge? Uird wie er nun das alles so de»»tlich vor sich sah, da er- griff ihn ein Gefühl plötzlicher Erlösung. Es war wie ein» Aufatmen, fast wie ein inneres Lachen. Es»var wie eine bessere Erkeniitnis dieses Menschen, der rein und keines Schlechten fähig, mit seinem offenen Gesicht plötzlich vor ihm stand, und es war auch ein leises lleberlegenheitsgefühl, als »venn das alles,»vas er ihm zugetraut hatte, gar nicht iin Bereich der Möglichkeit für diesen Menschen läge. 11. Als Grabaus wenige Tage später den kleinen Saal in Weiinar betrat, wo er seine Vorträge hielt, waren schon alle Plätze besetzt. Nur der Stilhl Marie Luisens»var leer.- Während er langsam daran vorbei ging, ohne weiter einen Blick darauf z»» tun, verdichtete sich die erwartungsvolle Un- ruhe, die aus dem Heiintveg in ihin gewogt hatte, zu einem stacheligen, bitteren Schinerz, der sich ihin tief ins Herz grub. Während er das Manuskript a»lfschlug und noch einen Augen- blick zögerte, um seine Gedanken zu sammeln, flüsterten be- schwichtigrnde Stimmen ihin zu:„Kann sie nicht krank sein, verhindert?" Aber er glaubte dicfen Stimmen nicht, so»»dern »var überzeugt, sein Brief sei Schuld darai», daß sie nicht ge- kommen»var. Denn die Liebe zu dieser Frau, die ih»n so viel Stolz und Mut eingeflößt hatte, hatte ihn in gleichein Maß ängstlich, deniütig und unsicher feiner selbst gen»acht. Schon hatte er seinen Vortrag begoni»cn, als sich die Tür noch einnial öffnete lind Marie Luise eintrat. Mit raschen, festen Schritten ging sie zu ihrem Platz. Er schrak zusanimen, obwohl er ganz ruhig fortfuhr zu rede», wie man vor dem Erscheinen eines Menschen erschrickt, den man am aller- lveiügsten erivartet hat. Von Zeit zu Zeit flog sein Blick für einen kurzen Moment zu ihr herüber. Und nun störte ihn eins: sie hatte ihren Schleier»licht abgenoliiinen. Dieser nichtige Uii»staild schien ihm eil» sicheres Zeichen, daß eine Wolke zwischen ihnen läge. Nach Schluß des Vortrages be- grüßte er sie vor der Tür auf der Straße, sie reichte ihm freundlich die Hand, fragte, wann er zurückgekommen wäre, und fügte dann, wie um ihren eiligen Abschied z»» erklären, hi»»zu, sie hätte noch Weihnachtsbesorgnngen zu n-.achen, ob er nicht den Abend bei ihnen verbringen»vollte, ihr Mann würde sich sehr freuen, ihn wiederzusehen. Er dankte, indem er vorgab, nach Haus zu müssen. Iin Laiise der nächsten Woche wurde er mit Wolf zu- samnion bei Plateiis eingeladen. Aber auch ern diesem Abend sah er Marie Luise nicht einen Augenblick allein und wechselte nur wei»igc gleichgültige Worte mit ihr. Sic»var sehr still, so daß die Männer das Gespräch fast allein führten. Den Sonnabend darauf sprach Grabaus so matt und wirr, daß nach Schluß des Vortrages eine»nitlcidige Pensionsvor- steherin auf ihn zukam und ihn fragte, ob er Kopsschmerzen hätte? Sie e»»psahl ihm Aspirinpulver, das ganz gefahrlos und von unfehlbarer Wirkung»väre. Eine ältliche Llchreriir aber sagte ihm auf den Kopf zu, daß sein ganzes Nebelbefinden von kalten Füßen herkäme, Kopfarbeiter litten fast alle an kalten Füßen. Er sollte Strümpfe aus Eiderdaunwolle tragen. Auch nannte sie gleich die Adresse eines Geschäfts, in dem er »velche bekommen könnte. Als sich diesen beiden»»un noch eine dritte alte Dame zugesellte, e»»psahl Grabaus sich»veniger böslich als schnell und eilte Marie Luise nach. Erst lief er ein Stück die Straße rechts, dm»»» wie ein vcrirrter Jagdhund links hinunter, bis er endlich ans der gegeniiberttcgenderr Seite Marie Luise gewahrte. Wieder wurde sie von dem Mädchei» begleitet.� Er grüßte und fragte, ob er einige Schritte mitkommen dürfte? „Hmiinel, haben Sie mich erschreckt�" „Verzeihen Siel— Aber darf ich ein Stückchen mitgehen?" „Ich muß Besorgungen inachen, und dabei sind Männer imnier ein bißchen unbcqucin," erwiderte sie lächelnd.„Wollen Sie nicht lieber»neinem Mann Gesellschaft leisten? Ich komme auch bald heim." „Ich habe auch Besorguirgen zu inachen, g»»ädige Frau." Er sprach mit dieser verzweifelten Hartnäckigkeit ei»»eI Menschen, der sich ins Wasser gestürzt hat und entschlossen ist, enttveder das andere Ufer zu erreichen oder zu ertrinken. „Sie wollen auch Einkäufe inachen?" „FaKohl. Mir rieten zwei Pensionsmütter, ich sollte mir Eiderdaunsocken für meine kalten Füße und Aspirinpulver für meinen heißen Kopf besorgen.— Ich mutz wie ein Idiot gesprochen haben. So fühl ich mich auch. Nicht wie ein Idiot, sondern— feit acht Tagen fühl ich mich einfach wie im Fieber." „Aber dann sollten Sie sich wirklich ins warme Zimmer setzen und nicht hier auf der kalten Straße herumlaufen. Ich will Ihnen die Sachen gern besorgen." „Gnädige Frau, daß Sie mich verhöhnen, ist nicht schön." „Mein Gott, das wollte ich wirklich nicht," versetzte sie erschrocken.„Ich meinte es im vollen Ernst." „Gnädige Frau, woran ich krank bin, das ist— weil etwas zwischen uns liegt, weil ich fühle, daß Sie nicht mehr wie früher zu mir sind. Ich weiß auch den Grund. Sie haben ja recht. Aber lassen Sie uns einmal, dies eine Mal, offen darüber sprechen. Dann, wenn Sie's für nötig halten, will ich gern gehen— für immer." Ohne zu antworten, setzte Marie Luise den Weg fort. Sie kamen an einem hell erleuchteten Laden vorbei, und hier im Lichtschein begegneten sich beider Blicke, ihr banger, unent- schlössen fragender Blick ruhte eine Sekunde lang auf seinem verzweifelten, blassen Gesicht und den fahlen, flehenden Augen. „Einen Moment I" Dabei wandte sie sich um, holte Geld und einen Zettel hervor und gab dem Mädchen Instruktionen, in welcher Weise es die Besorgungen auszuführen hätte. Während das Mädchen nach dem Markt zuging, setzten die beiden in der entgegengesetzten Richtung ihren Weg fort. lFortsetzung folgte GroKe berliner Kunstausstellung. II. Kunstgewerbe. Architektur. Plastik. Illustratoren- und Schwarz-Weißausstellung. Man kann verfolgen, wie allmählich in die Räume des Aus- stellungspalastes, wenn auch widerwillig, ein neuer Geist einzieht. So zwar nicht, daß die alten Herren zugeben, daß sie zurückgeblieben sind und nun nachholen müssen. � Es wird lustig immer weiter unter offizieller Führung gegen alles Moderne gescholten. Wer sich aber der Räumlichkeiten erinnert, wie sie vor einigen Jahren noch waren, wird sehen können, wie die modernen Rauniprinzipien, speziell die Lehren der geschmackvollen Dresdener Ausstellungen, sich Geltung verschafft haben und verschaffen. Es gilt eben, der bösen Kon- kurrenz der Städte München, Dresden, Darmstadt zu begegnen, und da helfen alle Schutzmaßregeln nichts. Man braucht nur von dem alten, öden Kuppelraum am Eingang rechts und links zu sehen, dann bemerkt man einmal einen Lesesaal, bei dem der Versuch einer neuen Raumgestaltung gemacht wurde. Die praktischen grünen Korbmöbel finden Aufnahme. Und rechts liegt der große Architektur- saal, in dem die Architekten ihre Rechte vertreten. Er ist zwar überflüssigerweise mit Sprüchen hoch oben an den Wänden versehen und auch sonst nicht gerade vorbildlich. Er zeigt aber wenigstens Ansätze und Versuche. Eine weitere Neuerung sind die in diesem Jahre hergestellten Räume für Kunstgewerbe, der Werkring mit einem großen Mittelraum, dessen Anlage von Endel! geschaffen ist, mit sich anschließenden Abteilungen, dann die von Professor Grenander hergestellte Kojcnabteilung und eine Anzahl Innen- räume, die sich um einen Gartenhof gruppieren. Gerade das Hereinziehen der Gartenanlage, das stärkere Betonen des Kunst- gewerbes, zeigt deutlich den vorbildlichen Einfluß Dresdens. Auch beginnt sich die Abneigung gegen die immensen Markthallensäle bemerkbar zu machen, und so hat man mit dem Versuch begonnen, einige Säle, die im mittleren Raum liegen, in vier Kabinette zu teilen, die sich um eine mittlere Rotunde gruppieren. Hier ist sehr sparsam gehängt worden, man denkt, es müßten alles Meisterwerke sein. Das find sie aber meist ganz und gar nicht. Einige dieser Kabinette sind speziell für Kleinplastik verwandt worden, die hier eine gute Aufstellung findet. In den mit unauffälligem Stoff ver- kleideten, niedrigen Räumen heben sich diese Arbeiten gut ab, und e? ist damit eine Abwechselung geboten. Auch sonst versucht man, neuere Lehren der Raumgestaltung sich zunutze zu machen. Man stimmt Wand und Boden in ihrer Verkleidung zu einander. Frei- lich, um oft nur schreiende Kontraste zutage zu fördern. Das Auge ist noch zu sehr auf rohe, grelle Wirkungen, die laut schreien, ein- Seschult. Die Wände sind durch einfaches Gebälk, das eine neue iarbe erhielt, grau oder grün zum Beispiel, geteilt and gegliedert. So ist das Resultat überraschend. In die geheiligten Räume zieht das moderne Kunstgewerbe ein, das lang verpönte. Man sieht, eS geht nicht länger so, will man nicht den Markt verlieren. Was alles Reden nicht zustande bringt, dazu zwingt die Praxis. An diesem Erfolge des Kunstgewerbes wirken die Frauen, wie wir hier sehen, auch mit. Freilich, ohne erhebliche Neuschöpfungen zu geben. Aber wenn man auch die originalen Künstler hier nicht findet, so ersteuen wenigstens diese Versuche in Stickereien für Kiffen und Vorhänge von Florence Höfel und Mathilde und Elsa Hube». Fleischer stellt seine schon im Kunstgewerbemuseum gezeigten farbenschönen Babiks aus. Von A. Diener sind dekorative Auf» Näharbeiten zu erwähnen. Der Geist, der aus dem Saal spricht, den die Architekten sich geschaffen haben, redet nicht aus allen baukünstlerischen Schöpfungen, die hier zur Ausstellung kommen. Da finden wir immer noch die alten Stile an der Arbeit. Der eigentliche, prinzipielle Wagemut fehlt, und wenn etwas Neues gegeben wird, so haftet ihm zugleich etwas Ueberlegenes, Sicheres an, das nicht aus eigenem Suchen kommt, sondern aus der Ueberlegung, daß es nun an der Zeit ist, den neuen Stil zu„benutzen", wie es mit den alten geschah. In der Ausstellung wechseln alte Bilder, Reiseflizzen, die der Architekt von alten Bauten für sich herstellte, Abbildungen von Entwürfen und schon fertig gestellten Plänen. Im ganzen ein reiz- volles Bild. Und da außerdem noch einige plastische Nachbildungen vertreten sind, so ist es den Veranstaltern wenigstens gelungen, ihre Werke in einer dem breiteren Publikum entgegenkommenderen Weise als bisher zu vereinen. Bisher war die Architekturabteilung eine langweilige Ecke, und der Laie ging schnell daran vorbei. Im allgemeinen kann man zugeben, daß die Baukunst sich zu entwickeln strebt, daß sie nicht mehr ausschließlich Stilnachahmung betreibt und daß nicht mehr so viel Ueberfluß an Ornamenten stört. Die Flächenwirkung an Häuserfronten beginnt Anhänger zu finden. Besonders dem Mietshaus kommt allmählich dieser neue Gedanke der Einfachheit und Ehrlichkeit zugute. Dagegen scheinen die Theater, Regierungsgcbäude und Kirchen immer noch pomphaft, protzig sein und in Stilwut schwelgen zu müssen. In dem anschließenden Saal dieses rechten Flügels, der Architektur, Kunstgewerbe umfaßt, hängen dekorative Malereien, Kartons zu Mosaiken, Glasfenstern und Gobelins. Wenig ist hier zu holen. Der„germanische" Fries von Koch(2249) sieht aus, als wäre der„große Stern" vorbildlich gewesen. Gerade in diesem Saal empfindet man die Rückständigkeit der Künstler. Sie haben keinen Sinn für große Raumwirkung. Sie haften noch am Gegen- ständlichen und geben symbolische Darstellungen, den Tierkreis z. B. (als Deckendekoration). Die farbige Wirkung ist viel zu bunt, wie z. B. Seligers Plenarsaal im Landgericht I, auch hier überwiegt das Gegenständliche, und die dekorative Gesamtwirkung wird damit ertötet. Es wird kein einheitlich ruhiger Eindruck erstrebt. Die Motive häufen sich und meist sind es nur vergrößerte und ver- gröberte Bilder, die wir zu sehen bekommen. Die Plastik spielt auf der Ausstellung immer noch eine schlimme Rolle. Es ist Berliner Plastik zum größten Teil. Die Mehrzahl der Bildhauer, deren Werke hier zur Annahme kommen, glauben immer noch, es genüge, wenn die schon über Gebühr ausgeschlachteten Motive immer noch einmal ausgeschlachtet werden. Diese Motive erben sich wie eine Krankheit fort. An einer gebrochenen Säule lehnt ein trauriges Mädchen. Oder ein Kindchen faltet die Hände und hinten hat es Flügel. Seit geraumer Zeit ist auch ein Faun oder Pan beliebt, ihm wird ein nacktes Mädchen gesellt, er spitzt dann süßlich den Mund, und sie lächelt verschämt. Und das ist danu: Liebeswcrbung. Wer weiter vorgeschritten ist, sieht sich nach moderneren Vorbildern um, die andere schon festgelegt haben. So begegnet man jetzt überall einem kleinen Stier, der ruhig in seiner Kraft dasteht. Es fällt einem da Hildebrand, Tuaillon und Gcyger ein. Die ganz Bescheidenen spekulieren nur auf die Instinkte eines unkünstlerischen Publikums und machen putzige Dackeln oder der- gleichen. Man könnte diese Galerie noch leicht vermehren, und ich deute einige„Schönheiten" noch an. An einem durchaus richtig und genau vierkantig gearbeiteten Kreuz ist ein Mädchen in Auflösung hingesunken. Ein überlebensgroßer Schlächter mit dem Gesichte eines Knaben hält eine Posaune in der Hand und stellt— einen Engel für Gravelotte dar. Dicht daneben kniet wieder ein kleiner „Genius" und hält bescheiden eine große, große Medaille, auf der ein Porträt sichtbar ist. Das Schlimmste aber leistet diesmal E b e r l e i n, und es ist wirklich unfaßbar, daß so etwas erlaubt ist. Diesmal muß Goethe herhalten. Eberlein hat den Mut, ein zänkisches, verärgertes Scheusal, das vor Wut beinahe Krämpfe kriegt und blöde glotzt, einen Theaterbösewicht schlimmster Sorte als„den sterbenden Goethe" hinzustellen. Dagegen wirkt die andere Arbeit,— hier gibt Eberlein einem Klischee-Goethe einen Schädel in die Hand und schreibt darunter die betreffenden Worte über Schillers Schädel— nur trivial, sie beleidigt wenigstens nicht. Eberlein hat es überhaupt mit den Versen, er liebt die Poesie. Und darum stellt er eine theatralische Gruppe hin, ein Weib, einen Jüngling, überlebensgroß. Der Jüngling macht eine ermunternde Handbcwcgung und kennzeichnet sich durch ein schnell umgeworfenes Bärenfell rls Germane, während daö Frauenzimmer eine phrygische Mütze auf hat und also Frankreich darstellt. Und darunter schreibt Eberlein: Ein Kulturideall Deutschland fordert Frankreich auf, mit ihm vereint zu dem hohen Ziele der Menschheit weiter zu schreiten! Am Boden krümmt sich neben einer Schlange ein ächzender Bösewicht. Diese mit Unfähigkeit sich paarende Ideenarmut— eine anders Arbeit: Gottvater haucht Adam den Odem ein, ist gleichwertig—- ist nicht mehr zu übertreffen. Es bleibt daher nur noch übrig, die wenigen Arbeiten zu flizzieren, die einigermaßen ein künstlerisches Wollen dokumentieren. Eine Bronzegruppe„Nach dem Sündensall" zeigt vorteilhafte Grohenverhältniffe. Er schreitet hin, fle folgt ihm, lehnt sich an, gebückt. Eine gute Flächenbehandlung des dunklen Materials siillt hieran auf, die die kleine Gruppe dennoch groß erscheinen läßt. DaS Werk ist von S ch m i dt-K e st n e r(1363). Ein Relief von Böres(1215) ist auffallend weich behandelt. Die Figuren treten kaum heraus aus der dunklen Fläche. Ein Studienkopf von Darsow(1227) zeigt harte, strenge Züge, die Tönung unter. stützt den Ausdruck. Ein gleichfalls getönter„Studienkopf" von L e p k e(1297) ist zwar etwas übertrieben in der Charakterisierung, zeigt aber wenigstens einen Willen. Die einfache Kraft eines männ- lichen Kopfes hat Otto(1335) gut in Holz nachgebildet. Ernst und sachlich sind die Arbeiten von Splieth(1374/75). Eine alte Frau, Ermländerin, eine Arbeit, die mehr ist, als eine bloße Abschrift. Fein ist auch die grauweiße Tönung. Gut ist ebenfalls der griechische weibliche Torso. Ein Kugelspieler von Ep le r(1240) zeigt leichte Linien in den Konturen und eine gut abgewogene Haltung in dem nack vorn geneigten Körper des Knaben. Von Felderhoff(1244) gefällt eine sachliche, schlichte Statuette, die Brahms sitzend darstellt. Anerkennung verdient auch die Knaben- gruppe von Götze(1252):„Vor dem Bade". Der eine will ins Wasser schreiten, der andere sitzt. Das Spiel der sich überschneiden- den Linien ist reizvoll. Von der soliden Genrekunst M a i s o n s geben die hiesigen Proben keine rechte Vorstellung. Höchstens der Neger, die Negerin, Faun mit Gans wären zu nennen. Es sind noch einige Kinderbüsten anzuführen. Hier hält der Stoff den Bildner von Uebertreibungen zurück. Eine Dreikindergruppe von Pagels(1336), eine Bildnisbüste von Mißfeldt(1329) und die gelblich getönte Büste von Schau ß(1355). Desselben Künstlers Elfenbeinarbeit„Siesta" ist farbig nicht uninteressant. Etwas bläßlich und verschwommen wirkt jedoch das Kinderrelief in Wachs. Am meisten Befriedigung gewährt noch Lewin-Funcke 1(1293— 1301). Er hat Gefühl für Linien und Form. Sein„Am O-uell" hebt den Körper rein und plastisch von dem gleichmäßig glatten Hintergrund ab, und es ergibt sich ein angenehmes Spiel von Licht und Schatten. Auch die„Tänzerin" hat diese leichte, graziöse Art. Apart wirft die kleine Bronzestatuette einer Reifen- spielerin. Und das Brunnenmodell hat schon um seines eigenartigen Vorwurfts willen das Interesse für sich. Auf einem viereckigen Block sitzt ein Knabe und langt hinüber nach dem als Ausfluß dienenden Faunkopf. Auch hier berührt die freie Linienempfindung, das Raumgefühl angenehm. Uebersieht man die Leistungen der Plastik noch einmal: zwischen den beiden Extremen schwankt diese Kunst, sie haftet einmal zu sehr am Modell, was sich namentlich bei den Porträtbüsten zeigt, die oft geradezu kindlich-unkünstlerisch wirken. Andererseits verführt sie ein mißverstandener Idealismus zu einem hohlen verblasenen Schema, zu allegorischen Darstellungen, zu pomphaften Ueber- treibungen. Als Anordnung neu ist die Aufstellung der Kleinplastik in zwei der neugeschaffenen kleinen Kojen. Als Raum wirken diese Kojen gut und bringen auch die Arbeiten gut zur Geltung. Hier versucht sich Hügel an Tierdarstellungen, ohne jenen Stil annähernd zu erreichen, der Gauls Schöpfungen eigen ist. Am besten ist ein Pelikan. Der große Eingangsquersaal schadet mit seiner blauen Bekleidung der Plastik, und der durch nichts unterbrochene Raum breitet um die Werke eine gähnende, hülflose Leere, die ihrer Wirkung nicht zugute kommt. Der abschließende Saal der Anlage, der ebenfalls der Plastik gewidmet ist, nimmt wieder zu diel Arbeiten auf. Ab und zu sind plastische Arbeiten auch in die Bildersäle verteilt. Nur kurz kann auf die Illustratoren und auf die Schwarz- Weißausstellung verwiesen werden. Der„Verband der Illustratoren" bringt immer frisches Leben nach dem Lehrter Bahnhof. Hier sehen wir die Originale zu den Illustrationen unserer Witzblätter, der „Fliegenden", der„Jugend", der„Lustigen Blätter". Der„Simpli» cissimus" fehlt leider. Hier herrscht die Gegenwart, und selbst die Künstler, die künstlerisch von der Vergangenheit zehren, dürfen nur insoweit dieser folgen, als ihre Mittel noch verständnisvolle Lieb- Haber finden. Das Leben, das diese Künstler nachbilden, mahnt hier immer wieder zur Gegenwartstreue, Gegenwartsliebe, und soweit modernere Art in Frage kommt, zur Satire und Karikatur, wie wir das an manchen Blättern sehen. Darum erfrischt ein Gang durch diese Räume. Und da von den Alten bis zu den Jungen alles ver» treten ist, so ist die Auswahl eine mannigfaltige, und immerfort wechselt der Eindruck. Die Techniken der Schwarz-Weißkunst sind in letzter Zeit der- schiedentlich bereichert worden, und auch die Art des Ausdrucks, so- zusagen die Handschriften der Künstler, werden immer lebendiger, mannigfaltiger. Die Wirkung dieser Kunst ist eine vornehme. Vor- nehm deshalb, weil sie sparsam wirtschaftet, mit den bloßen Gegen- sähen Schwarz und Weiß operiert und damit alles herausholt, die Plastik und Farbigkeit. In dieser Beschränkung zeigt sie ihre Be- deutung. Man darf diese Arbeiten eigentlich nicht in Massen sehen wie hier. Dann verlieren sie, werden scheinbar monoton. Sie müssen allein, für sich hängen, in stiller Ecke oder verschlossen in Mappen liegen, so daß man zu ihnen erst geht, wenn man Lust und Stimmung dazu hat. In solchen Stunden zeigen sie ihre stille, tiefe Schönheit. Wir können den Weg von der einfachen Nachbildung, Das bei der Treue die Hauptsache ist, bis zur künstlerischen Ge- Haltung, die das Technische virtuos beherrscht, an vielen markanten Beispielen hier verfolgen.—. Ernst Schur, Kldned Feuilleton. sr. In Vertretung. Herr und Frau Kandels saßen beim Morgenkaffee, als Anna, das Mädchen, aufgeregt ins Zimmer trat, einen Brief in der Hand:„Ach Gott, gnädige Frau, ich krieg' da eben'nen Brief: mein Bruder ist heut zu Besuch in der Stadt—* „Und nun möchten Sie gern frei haben? Ja, was meinst Du» Emil?" „Ich enthalte mich der Stimme. Immerhin: wenn es ein Bruder ist,— es i st doch ein Bruder, Anna?" Er blinzelte vergnügt. Anna wurde rot:„Aber ganz gewiß, Herr Kandels. Sie werden doch nichts schlechtes von mir denken?" „Schlechtes?" Sie lachten alle drei. Und Frau Kandels sagte: „Gehen Sie nur, wenn's auch bloß ein Cousin sein sollte oder ein Stiefbruder. Ja, mir paßt es eigentlich famos. Ich bin heut grab zum wirtschaften aufgelegt. Was meinst Du, Emil?" „Wir können ja mal im Restaurant essen, gewiß." „Im Restaurant?" Frau Kandels war sehr empört.„Nein, daraus wird nichts. Oder willst Du mir mein ganzes Vergnügen verderben? Grade auf's Kochen freue ich mich. Es gibt Spargel- suppe, Huhn und jungen Kopfsalat. Das verachtest Du doch sonst nicht?" Kanders hatte sich mit einem Blick auf die Uhr erhoben:„Ver, achten? I wo. Aber— Donnerwetter!— Da fällt mir ein: ich werde ja gar nicht zu Tische kommen können. Es liegt eine furcht- bar eilige Arbeit im Bureau." „Pfui, Emil! Meinst Du, ich durchschaue Dich nicht? Ich will's Euch heute aber gerade mal beweisen— ja, Ihnen ebenfalls, Anna! Lächeln Sie nur so heimtückisch!" „Ich lache doch nicht!" behauptete Anna mit plötzlich zusammen- gezogener Stirn.„Wann muß ich denn wieder zu Hans sein?" „Wann Sie wollen. Nehmen Sie meinetwegen den Haus» schlüsscl mit. Das bißchen Wirtschaft erledige ich im Handumdrehen." „Abwaschen kann ich ja, wenn ich wieder da bin." „Haben Sie keine Angst! Ich lasse Ihnen nicht ein Tüpfelchen übrig. Heute will ich mal so tun. als ob ich Sie wäre. Ich glaube» ich stelle mich doch etwas geschickter an. Kein Kompott-Tellerchen soll zerbrechen. Und etwas schneller als bei Ihnen wird's auch gehen, hoffe ich." „Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe?" zitierte ihr Mann. „Du sei still, ja? Du wirst Dich ja überzeugen. Sie auch, Anna." „Na ja." Anna nickte gleichmütig.„Aber um acht bin ich doch wieder da. Mein Cousin reist um sieben schon ab." Kanders hatte schon den Hut auf:„Ihr Cousin, nicht wahr?" „Mein Bruder—" „Ach so. Na, adieu, Lotte. Ich komme also." Ein Seufzer. „Du findest ein schönes braunes Huhn auf dem Teller!" Di« Gattin rief's ihm noch auf dem Flur nach. Und zu Anna:„Ziehen Sie sich nur gleich an, damit ich freie Bahn kriege." „Die Hühner müssen noch gerupft werden." „Gehen Sie, ja? Machen Sie sich nur keine Sorgen um mich, Ich werde schon fertig!" „Na ja," sagte Anna, begab sich in ihre Kammer, zog sich um und klopfte noch einmal an die Tür des Speisezimmers, wo Iran Kanders eben die Lektüre der Zeitung beendigte.„Sie werden nicht fertig bis um eins, gnädige Frau. Ich will doch lieber—" Frau Kanders lächelte hoheitsvoll:„Ich heiße doch nicht Anna." Und während die letztere sich verabschiedete und die Wohnung verließ» begann Frau Lotte den Kaffeetisch abzuräumen. Dann band sie pH eine riesige Schürze um und stürzte sich in die Arbeit. Zuerst ging trotzdem alles in vornehmer Ruhe vor sich; all- mählich wurde sie nervöser, später hastete sie. Dabei bemerkte sie gar nicht mehr, wie schnell die Zeit verging. Mit Erstaunen hörte sie dann die Schritte ihres ManneS auf dem Flur.„Bist Du eS schon, Emil?" Ein roter Kopf streckte sich ihm auS der Küchentür entgegen.„Du kommst ja so früh heute." „Früh? Es ist einhalbzwei Uhr." „Unmöglich! Und ich Hab' noch nicht mal gedeckt. Aber gleich, Warte nur einen Augenblick." Kanders setzte sich ins Speisezimmer und wartete. Einen Augenblick und noch einen, bis eine halbe Stunde herum war und die kleine Stutzuhr auf dem Kaminsims zwei schlug. Da hustete er. „Ja ja!" Gereizt kam's aus der Küche. Dann eilige, hastende Schritte. Gleich darauf ein Klingen und Klappern, ein Aufschrei_— ein halbweinendes:„Siehst Du, das kommt von Deiner Treiberei!" Dann schob Frau Lotte die Scherben mit dem Fuße zur Seite; „Es waren nur leere Teller." Kanders rührte sich nicht, sondern sah mit steifem Ernste auÄ dem Fenster. „Bitte!" Es war gedeckt. Mit erhitztem Gesicht, in dem sich einige schwarze Fingertupfen zeigten, lief die junge Frau ein und aus.„Aber nun iß doch! Läßt es erst kalt werden. Nachher Heißt'S« ich bin schuld! Natürlich!" „Ich Hab' ja noch gar nichts gesagt." Kanders füllte semel» Teller halb mit Spargelsuppe und probierte vorsichtig.„Hast Dt» in die Bittersalzdüte gegriffen statt ins Kochsalz?" „Wenn die Suppe wirklich etwas bitter ist, so liegt's am Spargel. Uebrigens ist fie gar nicht bitter." „Na. denn nicht. Aber Deine Zunge ist bitter, Lotte. Lotte antwortete nicht. Dann sah fie den entsetzten Blick des Gatten auf die Hühner gerichtet.„Die gefallen Dir natürlich auch nicht, trotzdem Du noch keinen Bissen gekostet hast, wie?" Er sah fie besorgt an...Sag' mal, Lotte, bist Du farbenblind?" „Wieso?" Das klang drohend. „Du hast mir ein braunes Huhn versprochen. Aber was ich dort sehe, scheinen ungerupfte Raben zu sein— der Farbe nach." „Emil!" Lotte warf den Löffel hin. „Aber sieh doch selbst!" „Gewist, sie find dunkler als gelnöhnlich. Aber ich liebe das Knusprige. Es kann fa auch einmal nach meinem Geschmack gehen." „Sicher? Blast—", er tranchierte einen der Vogel,„dast Du für Holzkohle schwärmst—" er zupfte etwas auS dem Rumpf— „für.Holzkohle mit gebratenen Bettfedern—" „Emil!" Ein wütendes Schluchzen auf ihrer, ein krampfhaftes Würgen auf seiner Seite. „Na. last nur," tröstete er dann,„ich werd' mich am Spargel schadlos halten.— Donnerwetter!" Er zog etwas Langes und Zähe? aus den Zähnen.„Tu hast den Spargel zu schälen vergessen, Lotte." „Schälen? Spargel schälen?" Lottens Gesicht flammte.„Was soll man denn nicht noch an einen» so kurzen Vormittag machen? Da?" Sie schob ihm ostentativ den Salatteller hin.„Ich bin wirklich neugierig, was Du daran auszusetzen findest. Denn finden wirst Du natürlich etwas." „Nicht wahr? Man könnte wirklich beinahe misttrauisch werden. Aber der Salat ist gut—" „Also doch!" Ein triumphierender Blick. „Ja. Aber es wäre besser, wenn Du ihn ohne Kies gemacht hättest. Der. Salat muß nämlich gewaschen werden, liebe» Kind. Er knirscht dann nicht so zwischen den Zähnen." „Emil!" Lotte war aufgesprungen.„Du bist impertinent! Ja, impertinent geradezu!" Ein Schluchzen.„Wie wild habe ick, ge- arbeitet, und nun kommt so ein Mann— pfui pfui! Du solltest nur wissen, wo mir der Kopf steht!" „Ja." sagte der Unerbittliche,„das möchte ich gern wissen. Aber weine man nicht, Lottchen. Gib mir schnell meine obligate Tasse Kaffee"— er sah nach der Uhr—„ich komme heute wirklich zu spät ins Bureau." „Kaffee? Kaffee willst Du auch noch? Ja, meinst Tu denn, ich kann hexen?" „Nee, das meine ich nicht. Uebrigens geht's auch so. Adieu, Lotte." „Mir springt der Kopf!" Lotte warf sich auf die Chaiselongue. Die Tränen lösten die schwarzen Spuren im Gesicht aus und tränkten das weisse Taschentuch.— Als Anna um acht Uhr heim kam, sagte fie nur: „Ra ja." Dann fegte sie die Scherben fort, scheuerte die innen angebrannte Bratpfanne und wusch das Geschirr ab— bis so gegen Mitternacht. Zwischendurch legte sie der gnädigen Frau kalte Kom- pressen um den Kopf.— — Von der Milde der Machthaber. Aus Schangai, Ende April, wird der„Frankfurter Zeitung" berichtet: Die„North China Daily Wems" bringt ans K u e i l i n, der Hauptstadt der Provinz Kuangsi, folgende Mitteilung: Vor einiger Zeit gelang es den Rcgierungstruppen, eine grössere Abteilung von Rebellen bei dem Orte Tschongtu zu zerftreuen. Zwei Führer der Empörer kamen dabei um. was für sie ein sehr gnädiges Geschick war, denn einen dritten Häuptling, namens Lüh, der gefangen genommen wurde, erwartete ein schreckliches Los. Der G e n e r a Ig o u v e r n e n r T s e n hatte sich zu dieser Zeit gerade mit einem gewaltigen Gefolge auf de»» Weg nach Wutschou gemacht; doch als man ihm die Ge- fangennahme des lange gesuchten Lüh meldete, liest er seine ganze Kavalkade sogleich umkehren,»veil er die Hinrichtung des Häuptlings selbst leiten wollte. Der Gefangene wurde erst für eine Weile in einem engen Käfig eingesperrt gehalten. Tann führte man ihn auf einen weiten öffentlichen Platz, wo schon alle in der Stadt an- wescnden Mandarinen ssowic Zehntausende von anderen Leuten des blutigen Schauspiels harrten. Ties bestand nicht in einer ge- wöhnlichen Hinrichtung, sondern der Gcneralgouverneur hatte an- geordnet, dast an dem Unglücklichen der sogenannte„Cingtschih" zu vollstrecken sei. Wörtlich übersetzt bedeutet das.Zerhacke»» in zehn- tausend Stücke". Auf der Ahnentafel des Verurteilten wurde ein- getragen, dast die strenge Strafe als Sühne für die durch die Empörung umgekommenen vielen Menschen dienen solle. Für deren Seelen befahl der Generalgouverneur allen Priestern in sämtlichen Tempeln der Stadt sieben Tage lang zu beten. Es ist»lnnötig, auf die grausigen Einzelheiten der Hinrichtung einzugchen, wobei dem Verurteilten ein Glied»»ach dem andern abgeschlagen wurde. Trotz- dem entrang sich ihm kein Schrei, sondern er ertrug die Qualen standhaft und»rnt erhobenem Ha»lpte, bis auch dieses selbst siel. Der Anblick der langsamen Hinrichtung war so schauerlich, dass sich manche Zuschauer abwenden muhten, was bei Chinesen mit ihrer robusten Empfindung wahrlich etwas sagen will. Schliesslich brachten die Henker dem Generalgouverneur das Herz des Toten; erliest es öffnen und etwas von dem Blut in eine Teetasse laufen, woraus er die Tasse austrank! Zwei andere Man- darinen folgten seinem Beispiel, aber die übrigen dankten.—. Gesundheitspflege. ie. Eine Warnung bor Borsalbe. Dast die viel- benutzte und sonst als hannlos bekannte Borsalbe nicht immer un- gefährlich ist, lehrt ein von Dr. Dopfer in der„Münchener Medizi- nischen Wochenschrift" beschriebener Fall. Eine Frau hatte ihrem zweijährigen Kinde durch Uebergiesten mit Heister Milch eine Brai»d- wunde am rechten Unterarm zugefügt und wünschte vom Arzt zur schnelleren Heilung eine„Brandsalbe". Es wurde die gewöhnliche Borsalbe verordnet, die sich bisher immer auch bei Verbrennungen gut bewährt hatte. Es sollte täglich einmal ein mit der Salbe bestrichenes Stück Leinwand auf die Wunde gelegt werden. Räch wenigen Tagen wurde der Arzt zu dem Kinde gerufen, da es nach Gebrauch der Salbe am ganzen Körper einen fcharlachartigen R»ls- schlag bekommen hätte und schwer krank lväre. Die Untersuchung lehrte, daß die Brandwunde eine Ausdehnung von 12 Zentimeter Länge und 3 Zentimeter Breite besaß und sich vom Handgelenk nach dem Ellbogen hinzog. Ihr Aussehen war durchaus nicht bösartig. Tagegen war mit Ausnahme des Kopfes der ganze Körper mit einem scharlachähnlichen Ausschlag bedeckt, der an Händen und Füssen eine bläulichschwarze Verfärbung zeigte. Der Arzt bemerkte sofort, daß das Kind nicht mehr zu retten war. Die Erkundigung ergab, dast der Ausschlag bald nach Auflegen der Salbe aufgetreten war und zwar zuerst am Rücken und an den Oberschenkeln. Tann hatten sich Erbrechen und Durchfall eingestellt u»»d weiterhin ein schneller Ver- fall der Kräfte. Erscheinungen von Vergiftung durch Borsäure bei äusseren» Gebrauch find sehr selten tödlich ausgegrnrgen, doch steht der berichtete Fall nicht ganz einzig da, und daher sollte auch die gewöhnliche Borsalbe, die man ohne ärztliche Verordnung in jeder Apotheke erhalten kann, namentlich bei frischen Brandwunden von grösserer Ausdehnung besonders bei Kindern lieber nicht verwandt werden.— Huinoriftlsches. — Das Kennzeichen. Komitee-Mitglied(zu einen» R e»» t n er, früheren Schweinemetzger, der beim Kavalier-Rennen auch seine Pferde st arten lassen will):„Bedauere, dieses Nennen ist liur für Kavaliere offen Rentner:„Ja was bin dem» nacha ich? Ich tu' ja auch nix!"— — Einst»» l» d jetzt.„Sie kommen von» Herrn Direktor, Herr Doktor! Ist er krank?" „Nichts von Bedeutung I Ich habe ihn» eine Reise nach Kairo verordnet!" „Nack Kairo? Ter Mann scheint viel Geld zu haben—!" „Natürlich! Früher pflegte ich ihm für dieselbe Krankheit ein Brausepulver zu verschreiben!"— — Be st raste Wissbeaierde. Dame:„Sagen Sie'mal, wie heißt beim das nette Dörfchen da unten?" Bauer:„Hinterhacklhicklberg I" Dame:„Woher komint wohl der merkwürdige Name?" Bauer:„Jetz' so dumm hat mi' aber no' niemand g'rragt—(„Fliegende Blätter.") Notizen. — Der Ertrag der Werke Gottfried Kellers fällt zu gleichen Teilen den, Züricher Hochschutfonds und der eidgeuösfischen Winkelried-Stistung zu. Letztes Jahr bezifferte sich der unter diese beide»» Stiftungen zu verteilende Betrag ans ö7 788 Frank, davon rühre» 2172 Frank aus der Ausgabe des Briefwechsels Gottfried Kellers mit Storni her. � — Das von Luise Dum out und Gustav Liudemaun gegründete Düsseldorfer Schauspielhaus soll anr 14. Oktober mit einem Drama— des Engländers Stephan Phillips eröffnet toerden. llebersetzer des Stückes ist Paul Ernst, der Dramatrirg des Theaters. —„Der Schnurrbart". Operette in drei Akten von Georg Lerö, wird die nächste Nacheit des Neuen königlichen OperutheaterS sein.— — In München lvurde anr Donnerstag die S. i n t e r- n a t i o>r a l c K n ir st a u s st e l l« n g im Glaspalast eröffnet. Der Katalog weist 2330 Nummern auf, von denen 1880 auf Geinälde und Aquarelle entfallen.— c. Die Zwerge, die der ForschungSreiseude Harrison aus dem zentralafrikanischen Urwald mitbringt, sind bereits in England angelangt.— bl. In London wurden dieser Tage für eine Orchidee 18 812 Mark gezahlt. Als die Pflanze in diesem Frühling blühte, hatte sie Blumen-»md Kelchblätter mit einer reichen, leuchteliden roten Farbe, die in den Kelchblättern durch einen schnralen weissen Streifen geteilt war.— Berantwortl. Redakteur: Franz Rehbeii», Berlin.—Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSaustalt Paul Singer SeEo., Berlin LtV.