Nnttthaltungsblatt des Horwärts Nr. 108. Dienstag, den 6. Juni. 1905 (Nachdruck verboten.) LS) flammen. Nomcm von Wilhelm Tegeler, .Ich danke Ihnen," murmelte Grabaus. Marie Luise zuckte leicht zusammen und sagte: „Sie wollen wegen des Briefes mit mir sprechen, Herr Doktor, den Sie an mich geschrieben haben. Denn das ist es ja, was uns trennt. Ich habe ihn meinem Mann gezeigt, und er sagte, Sie würden wohl nie wieder darauf zurück- kommen. Er würde zwischen uns begraben sein, wenn Sie zur Besinnung gekommen wären." „Er sollte auch begraben sein." „Dann ist es ja gut.— Wollen wir dann nicht nach Hause gehen?— Ich gebe Ihnen den Brief zurück, Sie der- nichten ihn— und alles soll sein wie früher?— Ist das nicht das beste?" „Ich kann nicht," erwiderte er leise.„Es kann ja doch nie mehr werden, wie's war. Nie kann zurückkehren, was verloren ist. Das Neue muß kommen, so oder so.— Als ich Ihnen den Brief schrieb, gnädige Frau, da dachte ich, Sie würden ihn lesen, ihn still für sich bewahren, ihn— ich finde das richtige Wort nicht—ihn verstehen, ihn billigen— doch auch das ist nicht das richtige Wort.--" „Ihn billigen?" „Ich mußte das einfach schreiben. Als ich den Brief in den Kasten steckte, da sagte ich mir selbst: morgen um diese Zeit wirst Du in ihren Augen vielleicht ein elender, verächt- licher Mensch sein. Und doch habe ich ihn abgeschickt. Ich mußte einfach." „Sie mußten nicht. Wenn Sie auf den reinen Menschen, der in Ihnen lebt, gehört hätten, dann hätten Sie ihn nie geschrieben." Ohne auf den Weg zu achten, waren sie durch stille Straßen gegangen und befanden sich nun in der Belvedere- Allee. Dunkle Gestalten gingen an ihnen vorüber, die mit kleinstädtischer Neugier ihre Gesichter zu erkennen versuchten. Eine Straßenbahn brauste plötzlich heran und überflutete sie mit grellem Licht. Da blieb er nervös stehen: auf den ver- schneiten Park deutend, der sich zu ihrer Linken in weißem Dämmerlicht ausbreitete, sagte er: „Wollen wir nicht hineingehen? Dort ist es wenigstens still." „Ich gehe nicht in den Park um diese Zeit," versetzte sie herb.„Sagen Sie mir, bitte, hier, was Sie noch zu sagen haben." „Ich will es versuchen. Und es wird wohl das letzte sein, was zwischen uns gesprochen wird.— Sie müssen wissen, aus tvelcher Stimmung dieser Brief geschrieben ist. Dann werden Sie ihn— nicht billigen, aber vielleicht milder beurteilen.— Ich habe meine Frau sehr geliebt. Ach, nicht bloß geliebt, sondern sie auf ein so hohes Piedestal gestellt, daß. auch wenn ich aufrecht stand, sie noch immer hoch über mich schwebte. Tann aber merkte ich, daß ich mich geirrt hatte. Sie ist das nicht, wofür ich sie gehalten habe. Sie ist nicht besser, noch schlechter als tausend andere Frauen— eine gewöhnliche Natur. Und da glaubte ich, daß mein Leben verpftischt wäre. Nicht meine Karriere, sondern das. was eigentlich das Wertvolle im Leben ausmacht. Mit ihr zu- lammen stürzte ich selbst von dem Piedestal meiner Selbst- schätzung. Ich verlor den Glauben an mich. Mein Kopf mochte ja gut sein. Die Gedanken, die er zeugte, tüchtig und stark. Aber der ganze Mensch— was taugte der? Zeig mir die Menschen, die Dn anzuziehen die Fähigkeit hast, darnach will ich Dich schätzen. Und ich schätzte mich nach meiner Frau, deren Liebe ich errungen hatte. Sehen Sie, in dieser Stimmung bin ich Ihnen begegnet.-- Aber nun müssen Sie das Wenige, was ich Ihnen noch zu sagen habe, ruhig an hören. Wollen Sie?" „Sprechen Sie nur!" erwiderte Marie Luise mit gepreßter Stimme. Wieder waren Sie an eine belebte Straße gelangt. Schweigend gingen sie nebeneinander her und bogen dann wie in stiller Uebereinkunft in die schmale, dunkle, menschen leere Gasse An der Ankerwand ein, wo sie sich von neuem dem Park näherten. „Als ich an dem ersten Abend in Berlin von Ihnen Ab- schied nahm und durch den Tiergarten nach Haus ging, da hatte ich das Gefühl: wenn Du die Achtung und die Freund- schaft dieser Frau gewinnen könntest, so wäre das für Dich mehr, als wenn die Universität oder der Staat oder ich weiß nicht was auf der Welt Dich mit Ehren überhäufte. Diese Frau hat es in ihrer Macht, den Glauben an Dich wieder herzustellen. Den Glauben an Deine Persönlichkeit." Er war stehen geblieben und umfing mit weiten, durstigen Blicken den Äbendhimmel, an dem in rötlichem Dunst zwischen schlanken, hochstrebcnden Pappeln der Mond schwebte. Tief unter ihnen lagen Wiesen in grauer Schneedämmerung, und feurig umhaucht breitete sich das Gewirr der Baumkronen. „Als ich den Brief schrieb, gnädige Frau, da wußte ich wohl, daß wir einander nie gehören könnten, daß ich Ihnen nie mehr sein würde, als ich heute bim Aber wollte ich das denn? Es hat sich kein unreiner Gedanke meiner Liebe bei- gemischt. Sehen Sie, darauf kommt's ja nicht an, das Glück zu besitzen. Wenn man nur glauben darf, man hätte es be- sitzen können.� Wenn man nur glauben darf: nicht Du, nicht Du bist zu niedrig und elend, um die Geliebte zu gewinnen, sondern die ewigen Sterne haben es nicht gewollt. Was ist Wirklichkeit? Glauben ist alles.— Darum habe ich ge- schrieben: damit ich einmal in meiner einsamen Stube hinaus- blicken könnte auf eine Nacht wie diese und mir sagen, daß ich ans fernen Bahnen, wohin kein Schicksal, kein Zwang mehr reicht, mit Ihnen wandeln könnte, Herz an Herz.— Das war meine Schuld, Marie Luise, und nun verzeihen Sie mir." Er ergriff ibre Hand, die willenlos, weich in seiner lag. „Verzeihen Sie mir!" „Ich verzeihe Ihnen." „Bin ich kein elender, niedriger Mensch?" Sie schüttelte stumm das Haupt, während Tränen über ihre Wangen rannem „Marie Luise— Marie Luise—" Noch immer hielten ihre Hände sich umschlungen. „Sehen Sie den Park dort!" flüsterte er.„Wir wollen hineingehen. Diese eine Stunde! Dann wird, was wir ge- träumt haben, zur Wirklichkeit—" Groß und fragend sah sie ihn an und richtete dann den Blick auf den Park. Und ihr war, als erkennte sie ihn nicht mehr, dessen Bäume doch schon ihrem Kinderohr gerauscht hatten, aus dessen Wegen sie ihr Lebelang gewandelt war, der nun aber fremd dalag wie ein verwunschenes Land. In mattem Silberglanz standen Busch und Baum, und aus dem hochgiebeligen Gartenhaus auf weitem Schneeplan. das sonst um diese Zeit ganz finster lag, schimmerte geheimnis- volles Licht. Größer schien alles, weiter und so still, wie sie es nie gesehen. „Gehen wir, Marie Luise! Gehen wir!" Aber unbeweglich wie versunken stand sie da. Ein Früh- lingsabend stieg ihrem inneren Gesicht auf. Ein weicher Frühlingsabend. Da war sie ganz allein auf diesen Wegen geschlendert, auf den schmalen Wiesenpfaden, an den buschigen Ufern der Ilm. Hatte nicht gewußt, was sie dort suchte, und doch nicht heimkehren können... Dem Weinen nah, wie überwältigt vom allzu starken Drängen junger Kraft, vom süßen Vorgefühl kommenden Blühens und erwachender Schön- heit schien alles in dieser milden Stunde: die tauigen Sterne, die weiche Erde, die murmelnden Wellen und der klagende Vogel. Schwer war die Luft. Und schwer, erfüllt von un- geweinten Tränen, lautlosem Jubel und schlummernden Lieb- kosungen war auch ihr junges Herz, das der Drossel in den hohen Baumkronen lauschte und sich bangte nach einem, den es nicht kannte, und der doch schwer in ihren Armen hing und sie immer weiter und weiter auf diesen verschlungenen Wegen führte. „Gehen wir, Marie Luise! Gehen wir!" Während sie so stand und sann und das webende Flüstern hörte, da war ihr, als ginge alles, wonach sie sich damals ge- sehnt, jetzt in Erfüllung. Noch einmal huschte der Eindruck eines düsteren Zimmers in ihr auf, der Gedanke an ihren einsamen Mann, der sie erwartete. Doch war das nur wie ein schnell verlöschender Schein. Während sie von seiner Hand — 480— pch W gezogen fühlte, umsMke ein rätselhaftes Lächeln ihren Mund, und aus dem feuchten Schimmer ihrer Augen brach die Frage: Was tu ich nur? Sie wehrte sich und gab doch nach und hatte dabei das süße, schwindelnde Wohlgefühl eines schnellen tiefer und tiefer Sinkens. So gingen sie vorsichtig die schmalen Erdstufen am steilen Wiesenhang hinunter. Er ging voran, sich immer besorgt nach ihr umblickend. Und als sie ausglitt, ergriff er ihren Arm. „Gehen wir, Marie Luise! Gehen wir!" flüsterte er m bebendem Jubel. Immer schneller eilten sie nun die Treppe hinab. Erst unten gingen sie langsamer. Arm in Arm, stumm und wie verloren in einer anderen Welt. Als das hohe Buschwerk zu Ende war, und der Blick sich auf die weite Schneefläche er- öffnete, mit einzelnen mächtigen Baumgruppen, und dahinter die hochragende Säulenwand der Pappeln, über der jetzt klar und silberblank der Mond schwebte, blieb er stehen und sagte: „Mein Gott, ist das nicht schön?! Sind wir nicht jung, Marie Luise?— O Marie Luise, Marie Luise! Seitdem ich Ihren Namen gehört, ehe ich Sie noch gesehen, da saß ein Vogel in meiner Brust, hat immer gesungen„Marie Luise— Marie Luise" und dann an meinem Herzen gepickt. Süß war's und weh tat's. Und da wußte ich, daß ich Sie lieben würde." Wie trunken blieb er mit schmerzerregtem Ausdruck vor ihr stehen und bat: „Ich möchte Ihre Augen ohne Schleier sehen. Der Schleier hat mich schon immer gestört." (Fortsetzung folgt.x JVaturmlTcnrchaftUcbc Ocbcr licht. Von Curt Grottewitz. In den letzten Jahren hat sich die zoologische Forschung mit neuem Interesse Afrika zugewandt, nachdem sie lange Zeit zuvor eine grohe Gleichgültigkeit gegenüber dem schwarzen Erdteile gezeigt hatte. Gewiß zieht besonders die schöne, reiche und grotzartige Säugetierwelt Afrikas immer wieder die Aufmerksamkeit einzelner Forscher auf sich, und noch die jüngsten Schilderungen und Auf- nahmen Schillings haben bewiesen, daß selbst heute noch dem Leben der großen, genugsam bekannten Tiere in ihrer afrikanischen Wildnis neue Seiten des Interesses abzugewinnen find. Aber freilich, in den, fortschreitenden Gange der Wissenschaft handelt es sich nicht um solche, wenn auch noch so interessante Schilderungen einzelner Tiere. Die Säugetierwelt in ihrer Gesamtheit, ihre Abstanimung und ihre Herkunft will der Zoologe kennen lernen, und da schien ihm Afrika kein Gebiet zu sein, das besondere Aufmerksamkeit verdiente. Heute zwar sind viele große Tiergruppen ganz auf das äthiopische Gebiet beschränkt, Fluß- Pferde, Rhinozerosse, Giraffen, Okapi, verschiedene Antilopengruppen und Klippschliefer. Würden wir nach dem heutigen Stande der Tier- Verteilung urteilen, so müßten wir Afrika einen großen Anteil an der Erzeugung von Säugetiertypen zuerkennen, ganz abgesehen davon, daß in ihm auch Elefanten. Menschenaffen. Raubtiere und andere Gruppen, die es mit Südafien teilt, in nicht geringerer, eher in lebhafterer EntWickelung vorhanden sind als in Asien. Allein es ist seit langem bekannt, daß alle die Tiere, die heute Afrika eigen- tümlich find, oder doch wenigstens in ihm eine große Rolle spielen, früher auch in Asien, ja selbst in Europa, womöglich bis in den Norden hinauf vorkamen. Vom Elefanten, vom Rhino- zeros, vom Flußpferd, weiß jeder, der nur ein wenig über die Tierwelt des Eiszeitalters gelesen hat, daß diese großen Tiere ehemals in Mitteleuropa gelebt haben. Aber auch von der Giraffe, dem Okapi, den Antilopen, den Klippschliefern hat man fossile Vcr- wandte in außeraftikanischen Erdteilen gefunden. Und diese Funde Waren es, die das Interesse für die aftikanische Tierwelt so außer- ordentlich erleichtern. Man mußte annehmen,— und Blanford hat diese Ansicht im Jahre 1890 genauer auseinandergesetzt—, daß die Säugetiere, die heute in Aftika leben, vom Norden her eingewandert find, daß sie hier ein sehr günstiges Gebiet vorfanden, in dem sie sich reich entwickeln konnten, während sie im Norden ausstarben oder doch hier in ihrer Bedeutung zurückgingen. Die Einwanderung sollte in der zweiten Hälfte der Tertiärzeit, und zwar gegen Ende der- selben erfolgt sein. Allerdings war vorher schon einmal eine ge- ringe Einwanderung erfolgt, von der noch die eigenarttge Tierwelt Madagaskars Kunde gibt. Diese Insel war aber dann noch in der Frühzeit der Tertiärperiode von Aftika getrennt worden und hat bis jetzt die uralten Säugertypen. Halbaffen, eigenarttge Insekten- sresser, Zibetkatzen und andere ursprüngliche Formen unverändert behalten, während diese auf dem Kontinent den Einwanderern der späteren Terttärzeit erliegen mutzten. Die Sahara bildete damals als Meer ein unübersteigliches Hindernis für die direkte Besiedelung Aftikas mit Säugetieren von »uropa aus. Die Einwanderung erfolgte daher von Nordasien über Kleinasien. So kommt es, daß wir noch heute in letzterem Gebiete manche sonst auf Afrika beschränkten Tiere finden. Diese Ansicht Blanfords von der Einwanderung der afrikanischen Tierwelt von Norden her, eine Ansicht, die auch früher schon von Huxley und A. R. Wallace ausgesprochen worden war, fand allgemeine An« nähme, bis sie im Jahre 1900 durch eine andere stark in den Hintergrund gedrängt wurde. In diesem Jahre trat nämlich H. F. Osborn mit der Meinung hervor, daß Afrika eine selbständige Tierwelt ausgebildet habe, und daß diese von hier erst nach Norden gewandert sei, um eine Zeitlang in Europa und Asien zuzubringen, dann aber hier wieder zu verschwinden, nach dem die Verhältnisse ungünstig geworden waren. Von nun an be- gann das Interesse der Zoologen für Aftika sich wieder zu er» wärmen. Höchst wichttge Entdeckungen erfolgten. Interessant war zunächst die Auffindung einer neuen giraffenähnlichen Tiergattung, des Okapi, auch die Entdeckung des Waldschweines, die erst kürzlich erfolgt ist, zeigt, daß Afrika gar manche Tierform befitzt, die Ueber- gänge zu ftüheren ausgestorbenen oder weit seitwärts stehenden Formen darstellt. Das aftikanische Wildschwein, von dem schon Stanley erzählen gehört hatte, stellt eine Verbindung her zwischen dem Wildschwein und Flußschwein einerseits und dem sehr seltsam geformten Warzenschwein, das in zwei Arten in Aftika vertteten ist. Der schwarze Erdteil ist ohne Zweifel daS Entstehungszentruni einer ganzen Reihe von Tiergattungen, allein eS fragte sich doch noch, ob er auch wirklich neue große Typen zur Ausbildung gebracht habe. Da wurden nun im Farzum Egyptens eine Reihe fossiler Tiere gefunden, die aus der Frühzeit des TerttärS stammten. Diese hochbedeutsamen Funde förderten eine Menge Vor- sahrcn der Rüsseltiere zutage, über deren Abstammung man bisher völlig im Zweifel geweien war. Jetzt wurde es offenbar, daß die heuttgen Elefanten, die Mastodonten und andere Rüsselttere des Spättertiärs von primittven Huftieren des Eocäns<1. Abschnitt des Tertiärs) abstammten. Zugleich wurde auch eine Verbindung zwischen Rüsseltieren und Sirenen, den„Seekühen", hergestellt und außerdem auch der Zusammenhang der elfteren mit den Klipp- schliefern wahrscheinlich gemacht. Die letzteren bilden trotz ihrer geringen Zahl eine selbständige Säuge-Ordnung im heuttgen zoologischen System, eine Gruppe ebenso abgeschlossen wie Paar- hufer, Unpaarhufer, Rüsselttere usw. So konnte denn nunmehr Aftika zum mindesten als das Eni- Wickelungszentrum für die Rüsseltiere, Klippschliefer, und vielleicht auch der Sirenen gelten. Hatte es diese große Typen zur Ausbildung gebracht, so konnten auch die Nashörner, Giraffen, Flußpferde, Antilopen und andere bedeutsame Tierformen hier ent- standen sein. Kurzum Aftika war nicht mehr das träge Gebiet, in das sich im Norden entstandene Tiere verirrt hatten, es war ein lebenspendender, neue Formen erzeugender Erdteil geworden, der mit seiner Schöpferkraft selbst den Norden bereichert hatte. Es wird nun allerdings dieser Wertschätzung Aftikas von neuem ein großer Stoß dadurch versetzt, daß der englische Forscher R. Lydekker, ein namhafter Zoolog und einer der besten Kenner der afrikanischen Tierwelt, sich vor einigen Monaten in einer Ab- Handlung in„Ouarterly review" gegen die Theorie Osborns ge- wandt hat. Lydekker erkennt an, daß Aftika der zu ihm em- gewanderten Tierwelt Gelegenheit bot, sich mannigfalttg zu differenzieren, er gesteht auch zu, daß die großen Gruppen der Rüssel- tiere und Klippschliefer in Afrika entstanden sind. Aber er kann dem schwarzen Erdteil doch keinen Einfluß auf die erste Ausbildung der großen Säugetiere zuerkennen. Die Rüsseltiere stammen von ursprüng- lichen Huftieren desEocäns ab, und die Klippschlieferstanden damals noch in enger Beziehung zu Rüsseltteren und Huftieren. Aber die ur- sprünglichen Huftiere selbst, von denen sie abstammen, diese Huf« ttere, die wir im frühesten Eocän Nordamerikas, Europas und Asiens finden,»vir suchen sie in Afrika vergebens. Wären sie hier gewesen, so müßten sie heute noch in Madagaskar zu finden sein, das sich in der Frühzeit des Tertiärs vom Konttnent loslöste. Allein diese nsel besitzt zwar Halbaffen, sehr primitive Raubtiere und Insekten- esser in Formen, wie wir sie aus dem frühesten Terttär der nörd« lichen Erdteile kennen. Aber es besitzt kein einziges Huftter irgend- welcher Art. Offenbar trennte sich Madagaskar von Afrika los, ehe die Huftiere bei ihrer Einwanderung nach Aftika so weit nach Süden vorgerückt waren. Die letzteren gelangten vielmehr nur nach dem Norden des schwarzen Erdteils, und hier gingen aus ihnen die Rüsselttere und Klippschliefer, vielleicht auch die Sirenen hervor. Das geschah noch in sehr ftüher tertiärer Zeit. Später erst in der zweiten Hälfte de? Tertiärs erfolgte eine neue große Einwanderung. Jetzt kamen alle die vielen Tiergruppen nach Afrika, die wir heute fast ganz auf diesen Erdteil beschränkt finden. Daß diese Tiergruppen spät eingewandert sind. geht nicht mir aus ihrem Fehlen auf Madagaskar hervor, sondern es folgt auch daraus, daß wir in den nördlichen Erdteilen eine ganz stufenweise EntWickelung verschiedener Stämme, so der Pferde und Wiederkäuer finden, wahrend uns ähnliches von keinem Tierstamm Afrikas bekannt ist. Selbst die Kamele und Antilopen sind erst nach Aftika eingewandert. Die Vorfahren der Flußpferde, Nashörner, wohl auch der Zebras, sodann diejenigen der Giraffen, Okapis, der ver- chiedenen Anttlopentypen, sind in terttären Ablagerungen Europas und Asiens nachgewiesen. Wir müssen also annehmen, daß sie von hier nach Aftika eingewandert find. Die Anttlopen sind bekanntlich in dem dunklen Erdteile in zahlreichen Formen vertteten, fie haben sich hier so reich entwickelt, daß man annehmen möchte, hier sei ihre ursprüngliche Heimat. Nun gibt eS aber auch in Indien eine Antilope, das Nilgai. das mit den Sltesten aftikanischen Typen nahe verwandt ist. Es ist eine Regel der Tierverbreitung, daß diejenigen Arten, die weit von ihrer Heimat hinwegwandern, sich sehr der« ändern und sich in viele Typen zerspalten, während die zurück- bleibenden ihre alten Formen bewahren. Ist also Afrila der Ent« stehungsherd der Antilopen, so ist es wenig verständlich, wieso das Nilgai in einem fremden Gebiete, in das es eingewandert ist, fich nicht weiter entwickelte. Andererseits wäre es ganz natürlich, daß die Antilopen. wenn fie von Indien kamen, in Afrika eine neue grofee EntWickelung nahmen. Aber noch ein ge- wisser Umstand spricht dafür, daß die Antilopen aus Asien kamen. Es sind nämlich nicht nur fossile Vertreter der primitivsten afrikanischen Antilopen in Indien und China gefunden worden, sondern auch des Nilgais selbst. Dadurch wird es zur Ge- wißheit, daß das Nilgai nicht aus Afrika eingewandert ist, und es wird außerdem sehr wahrscheinlich, daß überhaupt die Antilopen aus Asien stammen. Gewiß ist der dunkle Erdteil noch zu wenig paläontologisch erforscht, als daß wir schon genau abwägen könnten, was es in tierschöpferischer Weise geleistet hat. Aber es erscheint doch jetzt schon ziemlich ficher, daß wenigstens der Hauptanstoß zu der großen Entwickelung der Säugetiere, wie sie in der Frühzeit der Tertiärperiode stattfand, nicht von Afrika ausgegangen ist.— Kleines feuilleton. h. g. Sonnenkringel. Wo Licht ist, da ist auch Schatten, und wenn die Sonne scheint, so malt sie die Konturen der undurchsichtigen Gegenstände im Schattenbild auf der Erde ab. Einen Peter Schle- mihi, der ohne Schatten auf Erden wandelt, läßt die Physik nicht zu, und soviel Physiker ist schließlich jeder, daß er das weiß. Jeder hat auch oft genug die Beobachtung gemacht, daß die Sonne, wenn sie in den Morgen- und Abendstunden nahe dem Horizont steht, viel längere Schatten wirst, als wenn sie in der Mittagsstunde die Gegenstände scheitelrecht trifft. Weil es bekannt ist, daß man im Schatten durch den Schatten werfenden Gegenstand vor den Strahlen der Sonne geschützt ist. sucht auch der Wanderer in der Sommerhitze den kühlenden Schatten der Bäume, aber obgleich jeder schon aus diesem Grunde unzählige Male den Schatten der Bäume beobachtet hat, zeigt fich hierbei wieder, wie ungenau im allgemeinen die Menschen beobachten: denn nur die wenigsten haben bemerkt, daß gerade beim Schatten der Bäume eine auffällige Erscheinung zu sehen ist. Im allgemeinen stellt der Baumschatten keine ununterbrochene dunkle Fläche vor, sondern er ist von hellen Stellen unterbrochen, die bei dichtbelaubten und eng aneinanderstehenden Bäumen nur in geringer Zahl auftreten, bei einzelnstehenden und schwachbelaubten aber so häufig sind, daß helle und dunkle Stellen vielfach ungefähr gleiche Flächenstücke bilden. Das weiß nun schon das Kind, daß diese hellen Stellen durch die Zwischenräume zwischen den Baumblättern veranlaßt sind, aber weder das Kind noch der Erwachsene macht sich klar, daß der Umriß der hellen Flecken durchaus kein Abbild der Blattlücken darstellt, wie man es eigentlich erwarten müßte. Erst wenn man die Leute darauf auf- merksam macht, werden sie gewahr, daß diese Lücken ganz genaue, wie mit dem Zirkel hergestellte Kreise oder an einander gereihte Kreisbogen sind. Die Baumblätter selbst sind nicht derartig ge- staltet, daß ihre Ränder Kreise oder Kreisbögen bilden. Und selbst wenn die Blätter gewisser Bäume oder Sträucher bogenförmige Umrisse besitzen, kommen auch fie nicht für die Gestaltung der bogenförmigen hellen Schattcnuntcrbrcchungen in Betracht; denn die an verschiedenen Zweigen, in verschiedenen Höhen gewachsenen Laub- blätter find doch nicht so regelmäßig angeordnet, daß sie einailder gerade überdecken, und daß eine gerade Verbindungslinie vom Erdboden nach oben gezogen, überall Blattränder trifft, sondern je nach der Länge und Biegung der Zweige und der einzelnen Blattstiele ragen die Blätter regellos und ungeordnet bald mit größeren, bald mit lleineren Teilen an einander hervor, und die wirllich vorhanden gebliebenen Lücken, die in keiner Höhe des Baumes von Blattkörperteilen unterbrochen werden, haben die unregelmäßigsten Gestalten, die an alles andere eher, als an Kreisbögen erinnern. Aber durch die parttellen Ueberdeckungen der Blätter sind die verbleibenden Lücken nicht nur unregelmäßig ge- staltet, sondern auch sehr Hein geworden, man kann sie als Punkt- artig llein bezeichnen, so daß wenn durch eine solche Lücke die von der ganzen Sonnenscheibe ausgehenden Strahlen nach einer Rich- tung fallen, daneben nicht noch Raum bleibt für die nach einer anderen Richtung von der Sonne ausgesendeten Strahlen; es fällt also durch diese punktförmige Ritze nur ein einziges Bild der Sonne, und dieses Bild der Sonne ist es, das als heller Fleck im Blätterschatten auf dem Erdboden hervortritt. Die Erscheinung ist ganz ähnlich wie bei einer Eamora obKcnra, bei der vor der für das eintretende Licht angebrachten Oeffnung keine Sammellinse angebracht ist, sondern diese Oeffnung selbst nur punktartige Größe hat; quch diese bietet nur Raum für die nach einer Richtung hin von den draußen befindlichen Körpern gehenden Lichtstrahlen und läßt keine mehrfachen. einander zum Teil ver- deckenden und das Bild verwischenden Strahlcnbündel ein. Von der photographischen Camera kann man die Objekttvlinse entfernen und eine Blende mit nur Nadelsttch großer Oeffnung anbringen; man wird dann auf der Mattscheibe und auf der lichtempfindlichen Platte ein nicht ganz so scharf begrenztes Bild erhalten, wie wenn man die Linse anwendet, aber immerhin ein deutliches Bild. Die nach Sonnenuntergang brennenden Straßenlaternen entwerfen keine Bilder von sich selbst im Blätterschatten; denn sie sind dem Schatten werfenden Körper so nahe, daß die Strahlen, die von den verschiedenen Teilen der Gasflamme oder des elektrischen Licht» Vogens ausgehen, einander zum Teil überdecken, nach den ver« schiedensten Richttmgen geraten und dorthin gelangen, wo, nachdem sie so und so viele Blattlücken durchwandert haben, wieder ein letztes Blatt sich ihnen in den Weg stellt; von diesem entWersen fie dann ein dem Blatt selbst genau ähnliches Schattenbild auf dem Erdboden. Die Sonnenkringel dagegen sind wahrhafte Abbilder der Sonne.— — Der Anbau des Rhabarbers in England. Der Rhabarber ist in England und auch in Nordamerika weit mehr bekannt und be- liebt als in Deutschland. Einem Aufsatz, den der deutsche land- wirtschaftliche Sachverständige für Großbritannien und Irland in den Mitteilungen der Deutschen LandwirtschastSgesellschaft ver- öffentlicht, sei das Folgende entnommen: Die Blattstiele deS Rhabarbers finden in den genannten Ländern die vielseittgste Ver» Wendung im Einzelhaushalt wie in Speisewirtschasten und bilden besonders im Winter und ersten Frühjahr, wenn die Veerenfrüchte noch nicht zu haben sind, einen erwünschten Ersatz für diese; sie dienen zur Bereitung zahlreicher Nachspeisen(Puddings, Pies, Tarts), werden auch mit Zucker eingemachtz Nehbein, Kerlin.— Druck u. Verlag: Vorteil sein, möglichst wenig von Insekten, die ja meist fremden Blütenstaub herbeitragen, besucht zu werden. Nun machen aber, wie oft beobachtet worden ist, Honigbienen und Hummeln bei der Annäherung an eine Blüte sofort kehrt, wenn sie bemerken, daß diese schon von einem anderen Insekt besetzt ist. Detto hat sehr interessante Experimente angestellt, um die erwähnte Beobachtung zu prüfen. Er steckte getötete Bienen und Hummeln auf gewiffe Blumen und konnte feststellen, daß Insekten, welche an die Blumen herankamen, sofort abschwenkten, als sie diese besetzt sahen. Den- selben Erfolg bemerkte er, als er Blüten von Frauentränen auf andere Blumen steckte. Auch in diesem Fall wurden die betreffenden Blumen nicht von Insekten beflogen. Die Blüten der Frauen- tränen selbst sehen so aus, als ob ein Tier auf ihnen Platz ge- nommen hätte. Denn nur die sogenannte Lippe, ein Blatt der Blumeukrone, gleicht einem Insekt oder spinnenarttgen Tier. Es hat daher den Anschein, als ob die eigentliche Blüte klein sei und als ob sie von einein Tier befloge» sei. Vielleicht werden die Blüten von den Insekten überhaupt nicht als solche erkannt, möglicherlveise erscheinen sie ihnen nur als kleine Blätter, auf denen ein Tier sitzt. Jedenfalls ignorieren sie die Blüten der Frauen- träncir und diese bleiben dadurch vor der Ueberschüttung mit ftemdcm Blütenstaub bewahrt.— Humoristisches. — Slus der Kinderstube. Mutter:„Wenn Ihr jetzt fünf Minuten ganz ruhig seid, bekommt jedes von Euch ein Stück Torte." Der fünfjährige Erich(feuerrot im Gesicht):„Mama, därf m'r atmen?"— — Hebung.„Aeh, Sie biederer JebirgSbewohner, Sie haben uns ja janz prächtig von dem vermaledeiten Berg herunterjebracht I Haben halt Hebung drin, was?" „Ja, i war do ftüher Sennabna, dahav i a schoimmer die verirrten Viecher runter hol'n müssen!" („Jugend.") — Hei n> gezahlt. Ein berühmter Arzt hatte im Anfange seiner Laufbahn nnt großer Armut zu kämpfen und erzählte gern folgendes Geschichtchen aus dieser Zeit: Ich zog in ein kleines Provinzialstädtchen und mietete mir ein kleines Haus, in welchem vorher ein Schuhmacher sein Handwerk betrieben hatte. Gleich nachdem ich eingezogen war und nnt Geduld auf Pattenten lvartete, kamen fortwährend Leute, die anstatt zu mir zu kommen, die Adresse des ausgezogenen Schusters wissen wollten. Schließlich wurde mir diese fortwährende Enttäuschung ettvaS zu bunt, und ich fing an, meine Geduld zu verlieren. Eines Tages, als ich wiederum gerade nicht in der besten Laune war, sehe ich plötzlich ein Bäuerlein mit einen: Paar großer Wassersttesel auf mein Haus zukomnien und klingeln. Ich riß die Tür aus uud schrie ihn an:„Der Schuster ist ausgezogen!!!" Unbeirrt über nieine Heftigkeit, schaute mich der Bauer gut- herzig an und sagte:„Soooooo— wohnt er weit jetzt?" Ich nannte ihm die neue Adresse. Darauf er:„Was verlaufen Sie denn?" „Schafsköpfe!" schrie ich. „Donnerwetter! Muß aber Ihr Geschäft gehen I" sagte er. „Es ist nur noch einer aus Lager!"(„Tägl. Rundsch.") Notizen. — Eine billige Volks-Ausgabe von Mörikes sämtlichen Werken erscheint zum 1. Juli:m Verlag von Max Heffe in Leipzig.— — Das preußische Kultusministerium hat es den Lehrern zur Pflicht gemacht, auf die Pflege einer guten und leserlichen Handschrift bei den Schülern hinzuwirken. Es soll fortan allgemein sowohl in die gewöhnlichen Zeugnisse bis in die Ober- prima hin als auch in die Reifezeugnisse ein Urteil über die Hand- schrist des Schülers aufgenommen werden. Arbeiten, die schon bei der Einlieferung durch Flüchtigkeit oder Unordentlichkeit der Schrift auffallen, sind zurückzuweisen.— —„Störtebecker", eine Tragödie von Wolfgang Martens, ist vom LeipzigerStadttheater angenommen worden.— — Max Negers erstes Orchesterwerk, eine„Sinfonietta" in vier Sätzen, wird am t. Oktober in der Essener M u s i k a- lischen Gesellschaft die Uraufführung erleben.— — Der französische Minister des Unterrichts hat 30 000 Fr. zur Verfügung gestellt, womit junge Künstler ftan- zösischer Nattonalität, die nicht über 32 Jahre alt sind, mit Bettägen von 500 bis 1000 Fr. in ihrem Lebensunterhalt unter st ützt werden sollen. Voraussetzung ist. daß die betreffenden Wnstler in einem der beiden Salons ausgestellt haben, und ihre Werke Talent zeigen, das der Förderung würdig ist.— — Eine„Fünfpferdige". Einer von den Scherl-Leuten sah am 2. Juni in der Nähe von Gotha Korn schneiden.— Vorwärts Buchdruckerei u.Vcrlagsanstalt Paul Singer LcCo.,Berlin SW.