Nnterhattungsblatt des'Vorwärts Nr. III. Freitag, den 9 Juni. 1905 (Nachdruck verboten.) 811 flammen. Noman von Wilhelm H e g e l e r. „Sage mal, liebe Frau, wie kommst Du eigentlich dazu, mich auszuspionieren? Du untersuchst meine Taschen, was ich eines anständigen Menschen einfach unwürdig finde. Du läßt Dich von Deinem eigenen Kinde auf einer Lüge ertappen und fühlst nicht mal das Beschämende und Verderbliche. Sitzt da. als wenn Du über mich Gericht abzuhalten hättest—" „Soll ich die Briefe zerreißen?" unterbrach sie ihn. „Nein, gib sie her!" „Da!" Sie schleuderte sie ihm förmlich hin. Er nahm sie ganz gelassen an sich. „Ich werde sie selbst zerreißen oder aufbewahren, wie mir das eben richtig erscheint.— Aber ich kann Dir sagen, Kon- stanze, das ist nicht die Art, um Dir meine Achtung zu er- halten. Deine—" „Aso Du liebst dies Weib!" stieß sie heraus.„Also Du liebst sie! Hab ich das doch geahnt!. Also deshalb fährst Du ewig nach Weimar. Deshalb müssen wir ewig den jungen Hellen einladen. Jetzt bist Du ertappt." Kopfschüttelnd sah er sie an und erwiderte nur: „Schämst Du Dich nicht?" „Und ich muß hier die Abende allein sitzen. Deine Wäsche flicken, mich für Dich abrackern, mich mit dem Dienstmädchen herumärgern. Ich Hab Dich hundertmal gebeten, Du sollst ihr kündigen. Aber nein, dazu bist Tu zu feinfühlig. Das leidet Dein gutes Herz nicht, so ein Frauenzimmer, daß sich Abend für Abend mit ihrem Schatz herumtreibt, auf die Straße zu fetzen. Nun versteh ich Deine Sympathie. Du bist ja selbst einer, der solche Geschichten macht." „Konstanze, sei still! Um Gottes willen, sei still!" bat er ganz entsetzt.„Wenn sie Dich draußen hört!" „Dann soll sic's nur hören? Das ist ja ihre eigene Schande, die sie zu hören kriegt.— Ich sage Dir, das hat ein Ende, diese Reisen nach Weimar. Von heute an fährst Du nicht mehr hin. Um nüch hast Tu Dich zu kümmern. Ich bin Deine Frau. Mich hast Du geheiratet. Und wenn ich Dir nicht mehr gefalle, dann ist das nicht meine Schuld. Ich kann nicht in seidenen Unterröcken herumlaufen wie Deine Frau Major. Ich habe keine Parfüins von Roger und Gallet. Ich habe Kinder bekommen, und die haben meine Figur der- dorbcn. Aber ich sage Dir, das laß ich mir nicht mehr bieten. Von heute ab wirst Tu tun, was Deine Pflicht ist. Tu bist niciil Mann und—" Grabaus drehte sich um und ging in sein Zimmfcri Heiße Tränen rannen über sein Gesicht.-- Von nun an wiederholten solche Eifersuchtsszenen sich fast jeden Tag. Oft, wenn Grabaus ganz gleichgültige Angelegenheiten mit seiner Frau besprach, unterbrach sie ihn und sagte:„Na- türlich, was kümmert das Dich. Du hast ja nur die andere im Kopf." In seinem ehrlichen und empfindlichen Herzen sagte er sich, daß er wirklich nicht frei von Schuld ihr gegenüber sei. Wenn er sich nicht genug um sie bekümmert hatte, so wollte er das nun durch doppelte Güte und Aufmerksamkeit nach- holen. Aber sie stieß ihn zurück. „Tu doch nicht so! Geh doch lieber zu Deiner Liebsten." Weihnachten beschenkte er sie so frcigiebig, wie es sich eigentlich mit seinen Mitteln gar nicht vertrug. Doch als sie das prächtige Seidenkleid gewahrte, war ihre erste Antwort: „Damit willst Du mich wohl ködern? Aber so dumm bin ich nicht." Tann freilich prüfte sie die schwere Seide und freute sich in dem Gedanken, wie ihre Bekannten sich über dies Kleid ärgern würden. Nach den Weihnachtsfcricn fuhr Grabaus wieder regcl- mäßig zu den Vorträgen nach Weimar. Aber er blieb nie nichr bei Platens über Nacht. Er hatte einfach Furcht vor seiner Frau, Furcht davor, daß sie dann wieder diese abscheu« lichen Anschuldigungen gegen Marie Luise erheben würde. Wenn sie deren Namen nur aussprach, gleichgültig, in welchem Zusammenhang, dann fröstelte sein Herz, und seine Nerven erbebten in Widerwillen und Angst. � Da Frau Konstanzcns Eifersucht sich mit der Zeit einiger» maßen gelegt zu haben schien, so führte er endlich einen Plan aus, der schon längst eine gesellschaftliche Notwendigkeit war: er lud das Ehepaar Platen, den Doktor und Wolf zu einer Mittagsgesellschaft ein. Bisher hatte der Major seiner Krankheit wegen nie kommen können, jetzt aber, in diesen trockenen, frosthellen Tagen ging es ihm auffallend besser. Von dieser bevorstehenden Gesellschaft war zwischen Grab» aus und seiner Frau bei Tisch öfter die Rede gewesen, und die Kinder befanden sich daher, als die erwarteten Gäste kamen, in nicht geringer Aufregung. Elsbeth war die Artigkeit selbst, sie machte vor jedem einen Knix und setzte sich dann mit dem ernsthaftesten Gesicht auf einen Stuhl, indein sie von Zeit zu Zeit ihre Schürze glattstrich und ihre Arme so hielt, daß man die silbernen Knöpfchen der Kleiderärmel sehen konnte. Der Bube aber spielte vor lauter Verlegenheit den wilden Mann. Anfangs war er unter den Tisch gekrochen. Als man ihn dann rief, kam er, die Füße einwärts setzend, angehumpelt, warf sich zur Begrüßung auf die Erde und streckte die Beine in die Luft. Die Mutler drohte ihm mit dem Stock, der Vater aber nahm ihn beim Arm und sagte, er sollte nun endlich verniinftig sein und guten Tag sagen. Da deutete er mit kläglicher Miene auf seinen Mund und stieß unartikulierte Laute aus. „Ach so, Du bist mal wieder stumm?" sagte Grabaus, der dies Spiel schon kannte.„Dann muß ich Dich also operieren." Er legte ihn über und niachte auf seinem Rücken die Be- wcgung des Aufdrehens wie bei einer Puppe. Sofort sprang der Junge auf und schrie: „Guten Tag, Ihr lieben Leute." Dann gab er allen artig die Hand. Nur zu Doktor Platen wollte er nicht. „Warum sitzt Du denn in der Ecke? Warst Du unartig?'� fragte er. „Komm nial her, Bubi!" rief Marie Luise ihn.„Wir haben uns doch so lauge nicht gesehen. Was hast Du denn Schönes gemacht?" „Gemacht?" fragte er zögernd und wurde rot.„Das er« zählt man doch nicht!" Tics gewisse Verhalteue, doch höchst verständnisvolle und vergnügte Lächeln, das Erwachsene gewöhnlich haben, wenn Kinder etwas Unpassendes sagen, schwebte auf den Gesichtern der übrigen, während Frau Konstanze ganz unglücklich ausrief: „Nein, mit dem Jungen ist es nicht zum Aushalten! Er kommt doch nie mit anderen Kindern zusammen. Dabei steckt er voll Ungezogenheiten." „Die erben die Jungs von den Herren Vätern," sagte der Major. „Bubi, wenn Tu nun fein artig bist, dann haben wir euch auch was Hübsches mitgebracht." Dabei zeigte Marie Luise auf ein kleines Paket, das sie in der Hand hielt. Die Augen des Jungen leuchteten. Er rief seiner Schwester: „Komm, Elsbeth, Du sollst auch artig sein." Dann machten sich beide Kinder daran, die Schokoladen- Herrlichkeiten auszupacken. Grabaus aber war im stillen seinem Jungen dankbar für dessen Unartigkeit. Dadurch war man wenigstens über die ersten frostigen Augenblicke des Empfangs weggekommen.- Deiui Frau Konstanze hatte sich bei der Begrüßung ihrer Gäste init einer wahrhaft königlichen Würde und Kühle umgeben. Und etwas sorgenvoll sah er dem Mittagessen entgegen, aber dies verlief wider Erwarten gut. Der Major unterhielt die Hausfrau auf eine so reizende Weise, daß diese einfach austauen mußte. Es war bei ihm weniger Klugheit als angeborene Güte, die ihn befähigte, aus andere Menschen einzugehen. Wer mit ihm sprach, der fühlte sich nach kurzer Zeit immer ein wenig zufriedener und in seinem Selbstgefühl gestärkt. Als man aufstand, war Frau Konstanze von ihrem Nachbar entzückt, doch um so intensiver fühlte sie den Haß gegen Marie Luise. Während die Herren in Grabaus Zimmer eine Zigarre rauchten, setzten die beiden Frauen sich in den Salon. Der Bube war von der neuen Tante so begeistert, daß er von ihrem Schoß gar nicht mehr herunter wollte. „Hast Du auch Kinder?" erkundigte er sich. „Nur einen großen Jungen. Aber der ist fort." „Er gefiel Dir wohl nicht?" „Doch. Aber er ist auf einer Schule. Mit vielen anderen großen Jungen zusammen." „So-?" „Hättest Du wohl Lust, mit mir zu kommen?" »Ja— sagte er ganz zufrieden.„Wenn der Vater auch mitkommt." „Und die Mama doch auch? Ohne Deine Mama hieltest Du's doch nicht einen Tag aus, Du dummer Bubi," erwiderte Marie Luise lachend. Frau Konstanze aber schien sich zu ärgern. „Der Junge macht Ihr ganzes Kleid kraus, gnädige Frau," sagte sie.„Geht Ihr jetzt mal zu Anna? Kinder gehören überhaupt nicht in den Salon. Ganz geschwind, Junge, sonst hole ich den Stock." Nachdem sie die beiden hinausbefördert hatte, sagte Marie Luise: „Müssen Sie glücklich sein, Frau Doktor, mit zwei so reizenden Kindern." „Gewiß," versetzte diese trocken.„Ich finde, eine Ehe ohne Kinder hat überhaupt ihren Zweck verfehlt." Ein leiser Schreck durchfuhr Marie Luise, nicht ihrer selbst wegen, sondern weil sie dachte, Frau Grabaus würde ihre Taktlosigkeit bemerken und sich dann schämen. Aber diese lehnte sich breit in ihren Stuhl zurück und sagte plötzlich mit drohendem Gesicht: „Ich würde mich zum Beispiel nie scheiden lassen, da könnte passieren was will." „Um Himmels willen, das wäre ja auch schrecklich?" „So, finden Sie, gnädige Frau? Dann stehen Sie wohl nicht auf dem modernen Standpunkt?" „Wieso?" „Na, heutzutage sind Ehescheidungen doch an der Tages- ordnung. Aber ich bin für so was nicht zu haben. Da könnte mein Mann machen was er will. Ich habe ihn ge- heiratet, und so lange ich lebe, gehört er mir. Das kann sich eine jede merken." Einen kurzen Augenblick hatte Marie Luise das Gefühl, aufstehen und das Zimmer verlassen zu müssen. Ohne daß ein Zug ihres Gesichts sich bewegte, blickte sie die Frau an, die langsam mehrmals nickte, als wenn sie ihre Worte noch be- kräftigen wollte. Dann sagte sie: „Das müßte doch ein trauriges Gefühl sein, wenn man feinen Mann nur durch Zwang an sich kettete." „I, das ist doch überall so." „Vielleicht— obwohl— mir sind solche Ansichten noch nie begegnet." „Ach?— Sollte es in Offizierskreisen wirklich besser sein?" „Wollen wir das Thema nicht lieber fallen lassen?" er- widerte Marie Luise mit liebenswiirdigem Lächeln.„Ich habe noch nie daran gedacht, daß mein Mann je aufhören könnte, mich zu lieben, oder daß ich je aufhörte, ihn zu lieben." „Wirklich?" murmelte Frau Konstanze, die nichts mehr zu sagen wußte. Als dann bald darauf alle sich zum Kaffee versammelten, war Marie Luise gesprächig und heiter, wie wenn nichts ge- schehen wäre. Innerlich aber fror und bebte sie an allen Gliedern. Noch begriff sie nicht, welche Wirkung das. was geschehen war, auf sie ausüben würde. Sie fühlte sich nur beschmutzt, beleidigt und hatte den Wunsch, dies Haus jo schnell wie möglich zu verlassen. Von den Männern ahnte niemand etwas von dem Vor- fall. Grabaus wunderte sich wohl, daß auf dem Gesicht Marie Luisens die Farben so schnell wechselten, da sie sich aber leb- Haft an der allgemeinen Unterhaltung beteiligte, war er der Üeberzeugung, daß dieser Tag einen über alle Erwartung Vlatten und. harmonischen Verlauf genommen hätte, Auf dem Weg zum Bahnhof hatte der Major seine Frau untergefaßt. „Gott sei Dank," flüsterte sie, während sie sich an ihn preßte,„daß wir bald wieder zu Haus sind." „Wie fühlst Du Dich denn?" fragte er besorgt. „Nicht besonders. Ich habe ein bißchen Kopfschmerzen. — Aber die werden schon vorübergehen. Und Du?" „Sehr gut. Sehr gut. Ich habe mich vortrefflich unter- halten. Weißt Du, unser Freund gefällt mir immer besser, Aber seine Frau— na, sie mag wohl ihre verborgenen Vor- züge haben." Hinter den beiden gingen Grabaus und Wolf, während Doktor Platen und Frau Grabaus die letzten waren. Doktor Platen hatte infolge des langen Stillsitzens kalte Füße und einen heißen Kopf bekommen, so daß er sich in der übelsten Laune befand. Den ganzen Tag über war er bei den Ge- sprächen der anderen schweigsam gewesen, jetzt aber stritt er sich im Geiste mit allen herum und teilte ingrimmige Antworten aus/ (Fortsetzung folgt.x lNachdruS verboten.) Die Zwerg-RalTcii. ES find jetzt rund fünfzig Jahre her, daß in der Feldhofner Grotte, einer kleinen zwischen Düsseldorf und Elberfeld gelegenen Höhle des Neandertals iin diluvialen Lehm Reste eines menschlichen Skeletts gefunden wurden, die in der wissenschaftlichen Welt, ja weit darüber hinaus einen langdauernden Streit entfachten. Namentlich die Schädelstücke des„Neandertalers" wurden zu einem wahren Zankapfel der Parteien, und namentlich die Autorität Virchows war es, die die richtige Deutung des Fundes auf Jahrzehnte hinaus verhinderte. Der große Zweifler gab sein Verdikt dahin ab, daß mau es in dem Nea ndertal m,e n s ch e n lediglich mit einer viel- geprüften Persönlichkeit, einem grchtbrüchigen Greise zu tun habe, keinesfalls aber mit dem Vertreter einer wilden Urrasse. Er mußte es erleben, daß sein Urteil als völlig irrig abgetan wurde, daß man in Belgien und später in Kroatien Schädel auffand, die ganz die gleichen Eigentümlichkeiten zeigten wie der Neander- taler. Diese Eigentümlichkeiten bestehen darin, daß das Schädel» dach viel weniger gewölbt ist. als bei dem Schädel der jetzt lebenden Menschen, daß die knöchernen Augenbrauenwülste mächtig hervor» springen, und daß die darüberliegende Stirnpartie(„Stirnglatze") das Gesicht wie das Visier eines Ritterhelms überragt, sodaß also der Schädel einen wilden, ja geradezu tierischen Eindruck macht. Der Straßburger Anatom Schwalbe, der 1900—1902 den Reandertal- schädel untersuchte und glänzend beschrieb, erwies, daß wir es in dem Neandertaler zweifellos mit einer älteren, rückständigen Aus- prägungsform des Menschen zu tun, daß der Neandertaler sich weit von allen heutigen Menschenrassen entfernt, die sich selbst in ihren extremsten Formen(Australneger— Europäer) viel weniger von ein- ander unterscheiden, als die tiefststehend e Rasse vom Neandertaler und daß wir also nach dem Brauche der Wissenschaft diesen Neandertaler als eine besondere Art der Gattung betrachten müssen. Was Schwalbe für den Schädel nachwies, vermochte später der Heidelberger Anatom Klaatsch auch fiir die übrigen Skelcttreste des Neandertalers nach- zuweisen: auch hier zahlreiche Eigenarten, die da? Bild einer wilden Urrasse vervollständigen.„Wir werden ihn", sagt Klaatsch,„als ein seiner Zeit, seinen Kämpfen und Bedürfnissen angepaßtes Wesen zu beurteilen haben, das, selbst ein Tier unter Tieren, sicherlich m vielen Fähigkeiten dem modernen Menschen überlegen war." ES lag nun nahe, den nunmehr richtig gewürdigten Neandertal- menschen in Beziehung zum Stammbaum des Menschen zu bringen, und Schwalbe schloß denn auch den Neandertaler eng an den auf Java 1891/94 von dem holländischen Militärarzt Dubais gesimdenen „Affen von Trinil" an. dem man in der ersten Entdecker- freude, wie sich der Leser erinnern wird, den Namen „?itKscMitdroxus erectus", das heißt der aufrechtgehende Affenmensch, gegeben hatte und den man damit als einen dlrekten Vorfahren des Menschen ansprach. In der Tat zeigt auch der Schädel des Affen von Trinil eine ansehnliche Uebereinstimmung mit dem des Neandertalers. Er ist gleichfalls auffallend lang, die Augenbrauenbögen springen stark hervor, die Stirn ist zurückfliehend. Untersuchungen des Oberschenkelknochens haben ferner ergeben, daß dieser Affe auftecht gehen konnte nach Menschenart, wenngleich Du- bois neuerdings meint, der Affe dürste doch wohl auch auf Bäumen gelebt haben. So war denn Schwalbe der Ansicht, der kitllso» sutbropus Dubois' sei der direkte Vorfahr des Neandertalmenschen gewesen, der Neandertaler also das letzte Entwickelungsprodukt dieser Affenart. Aber die Unterschiede zwischen den heute lebenden Menschen- raffen und der Neandertalrasse erschienen dem Forscher doch so be» trächtliche, daß er sich nicht entschließen mochte, die heutigen Raffen vom Neandertaler abzuleiten. Er sprach vielmehr die Ansicht aus. die heutige Menschheit müsse von einem anderen, fteilich noch nicht bekannten, tertiären Menschenaffen abstammen. Die Schädelfunde in Belgien(Sph) und Kroatien(Krapina) find oben bereits kurz erwähnt worden. Von diesen Funden nun, be- sonders den in Krapina gemachten, sollte Helles Licht in die dunkle Frage nach der Stellung des Neandertalers, nach der Urrasse ge- warfen werden. Ein Teil der Krapinaschädel ließ sich ohne weiteres dem Neandertaler zur Seite stellen, ein anderer Teil aber brachte die überraschende und wertvolle Tatsache, daß zu jener Zeit bereits zweierlei im Skelettbau ziemlich verschiedene Menschenarten vorhanden waren. Die letzterwähnten Schädel find bereits breiter und höher, als der an tierische Vorbilder ge- mahnende Neandertaler, sie stehen bereits den heutigen Schädeln beträchtlich näher. Aus der Schweiz, aus Frankreich und England, wurden dann Schädelsnnde bekannt, die sich den Kaprinaschädeln an- reihen ließen, und kürzlich fand man in einem Grabhügel bei Kiew neben dem Skelett eines Pferdes und vereinigt mit skytischen Waffen zwei Schädel, von denen ein ziemlich gut erhaltener männlicher genau den Neandertal-Thpns mit den stark hervorragenden Augen- brauenbögen und der zurückfliehenden Stirn widerspiegelt. Halten wir alle diese Funde zusammen, so ergibt fich daraus, daß, wie oben betont, bereits im Diluvium verschieden ausgeprägte Menschen- formen vorhanden waren, und daß ferner die Neandertalrasse swenn wir das Wort beibehalten wollen) noch über das Diluvium hinaus weiter gelebt hat. Ja, Kollmann meint sogar, daß die niedrige Schädelbildung beispielshalber der heutigen Friesen darauf hindeute, daß gewisse Eigentümlichkeiten des Neandertalschädels sich, wenn auch gemildert, vielleicht bis zum heutigen Tage erhalten haben. Der Platz des Neandertalers ist also in der d i r e k t e n Vorfahrenreihe des heutigen Menschen, sei es, daß fich über den Neandertaler hinaus die höher gewölbte Kopfform ent- wickelt habe, sei es, daß der Neandertaler nur einen Rückschlag in tierische Zustände, das Resultat einer Nawrzllchtung darstelle. Damit dürfte die Neandertalfrage endgültig entschieden sein. In jüngster Zeit sind nun in die Abstammungsfrage oder präziser ausgedrückt, in die Frage nach der Heranbildung der heutigen Menschheit aus den Affenvorfahren ganz neue Gesichts- punkte hineingetragen worden. Namentlich der Basler Anatom Kollmann ist eS, der die gleich zu erörternde Hypothese mit großem Eifer verteidigt. Die EntWickelung der Wirbeltiere beherrscht das allgemeine Gesetz des Empor st eigens von kleinen Formen zu größeren. Da nun die Entwickelung des Menschen zweifellos auf der gleichen Linie liegt, müssen wir auch hier das Emporsteigen von kleinen Formen zu größeren als möglich und jedenfalls wahrschein- lich annehmen. Schon seit ein paar Jahrzehnten weiß man, daß in der jüngeren Steinzeit, jener Zeit also, die unmittelbar der geschichtlichen voraufging, beispielshalber in der Schweiz neben großen Menschenrassen auch Zwerg-Rassen(Pygmäen) gelebt haben. Die Zwcrgmythen in unseren Sagen und Märchen dürften die letzte Erinnerung der lebenden Menschheit an diese vorgeschichtlichen Pygmäen sein. Allgemach ist es dann gelungen, den Nachweis zu er- bringen, daß diese Zwergrassen, diese kleinen Menschen- raffen, über die ganze Erde verbreitet waren, und es noch bis heute sind. Auf Ceylon und Cclcbes haben die Vettern Sarasin, auf Java Kohlrugge, auf Borneo Nieuwenhuis, auf Neu-Guinea Winter, Robinson und Hagen, in Zentral-Afrika�j Stuhlmann. Johnston u.s.s. Pygmäenvölker entdeckt. Für die Südsee-Rassen ist jedenfalls die Abstammung von einer zwerghasten Urrasse heute so gut wie erwiesen, und auch für den afrikanitchen Kontinent kann es als ziemlich gewiß gelten, daß die Urbevölkerung ein hellfarbigeres Pygmäcngemisch war. Johnston beschreibt in seinem kürzlich er- schienenen Werk über Uganda die Pygmäen des großen Kongo- Urwaldes folgendermaßen':„Manche dieser affenähnlichen Leute haben eine schmutzig-gclbbraune Farbe, der Bartwuchs ist Ziemlich reichlich, der Körper ist nahezu ganz bedeckt mit einem einen, gelblichen Wollhaar, das auf große Entfernungen nicht be- merlbar ist, aber doch ausreicht, um die gelbliche Hautfarbe noch zu verstärken. Die Augen liegen tief, die überhängenden Augenbrauen treten außerordentlich hervor. Die Oberlippe ist länger als sonst bei Negern. Das Kinn ist zurückweichend, die Kiefer stehen schräg aufeinander." Das find, wie Kollmann betont, lauter primitive Merkmale, die mit unserer Vorstellung von einer Uebergangssorm gut übereinstimmen. Uebcr die Pygmäen von Neu-Guinea sagt Winter, der frühere Administrator von Britisch-Neu-Guinea:„In Gestalt und Haltung sahen sie affenähnlicher aus, als irgend ein anderes menschliches Wesen, das mir jemals zu Gesicht kam," und er macht besonders auf die Füße aufmerksam, die„kurz, breit und dabei außerordentlich dünn und flach waren und lange, dünne, schwach aus- sehende Zehen hatten, wie man fie sonst bei den Eingeborenen nicht findet. Die Barugi versicherten uns, daß diese Zlverge auf festem Boden nicht ordentlich gehen könnten, und daß ihre Füße bei einem solchen Versuche bald zu bluten anfingen. Die Füße der Leute standen auf dem Boden wie Holzfiiße." Es wird nach dem hier Mitgeteilten kaum überraschen, daß sich in dem Schädel- und Sielettbau dieser jetzt lebenden Zwergrassen über- raschende Uebereinstimmung mit dem Schädel und Skelett der vor- geschichtlichen europäischen Pygmäen ergeben hat. Viel merkwürdiger rst die Entdeckung, daß es, soweit die Menschheit bisher gemessen •) Es mag daran erinnert sein, daß auch in Kamerun und Deutsch-Ostafrika Zwergvölker entdeckt worden sind. Auch die Busch- männcr in Deutsch-Südwestafrika gehören hierher. werden konnte, drei rassenhaft verschiedene Körper« höhen gibt, die abgegrenzt und festgelegt innerhalb des Menschengeschlechts auftreten. Rekrutenmessungen in Frankreich, Deutschland, Italien, den Vereinigten Staaten, Schweden und Britisch-Jndien haben das ergeben. Es sind dies Körperlängen, die um 1,70 Meter, um 1,60 Meter und endlich um 1,40 Meter herum schwanken. Die Brünetten Europas gehören beispielshalber zu der zweiten, zahl- reichsten Gruppe. Parallel zu der Körperlänge bewegt sich die Schädel« größe und damit die Menge des Gehirns. Alle diese Tatsachen und Erwägungen zusammen gehalten, lassen nun Kollmann zu der Annahme kommen, daß die P Y g- m ä e ii Europas, Asiens, Afrikas und Amerikas die Grund- läge, die Urrasse oder Primitivrasse sind, auf deren Boden sich die großen Rassen entwickelt haben.„Zuerst war diese Urbevölkerung— so darf man annehmen— aus dem Stamme der Menschenaffen vielleicht im astikanischen oder indischen Tropengürtel hervorgegangen, um sich dann als solche, dem Wandertrieb und der Slot gehorchend, über die ganze Erde zu ver- breiten. Es kam also nicht zur Entstehung der großen Rassen in erster Reihe, sondern zu der Entstehung kleiner, pygmäenhaster Urbewohner. Sie verbreiteten sich allmählich über die Erde, und ein Teil ihrer Nachkommen entwickelte sich(dank günstigerer Ernnhrungsverhältnisse) in den verschiedenen Weltteilen zu den großen Nassen, wie wir sie heute sehen, der Rest der Pygmäen aber dauert neben den großen Rassen noch heute aus.") Dem Gesetze der Entwickelung von kleineren Formen zu größeren entsprechend, wäre die zweite Form derjenige Teil deS Menschengeschlechts, dessen Körperhöhe um 1,60 Meter herumliegt, und die letzte wären die Großen mit 1,70 Meter und mehr. In Europa wären beispielsweise die nordischen Völkerrassen von hohem Wuchs nach dieser Auffassung das jüngste Glied der fortschreitenden Entwickelung." Seiner Hypothese und dem mehrfach erwähnten Entwickelungs- aesetz gemäß, betrachtet Kollinann denn auch den Affen von Trinil, der nach Berechnungen Dubois' 1,70 Meter groß gewesen sein dürste, nicht als den Stammvater des Menschengeschlechts. Der Affe, von dem wir unseren Stannnbaum herzuleiten haben, soll ein kleines Wesen von etwa 1 Meter Höhe gewesen sein, schon mit guten Körperverhältnissen und aufrechtem Gange, ein naher Ver- wandter des heutigen Schimpansen oder Gibbon. Und dieser Affe muß auch schon den gewölbten, hohen, menschenähnlichen Schädel besessen haben. Aus den schönen Arbeiten des verstorbenen Sclenka wissen wir nämlich, daß die Schädel junger Menschenaffe» denen menschlicher Kinder„erschreckend", ja zum Verwechseln ähnlich sind. An solchen Schädeln fehlen noch alle Knochenleisten, die später das Tierische so stark zum Ausdruck bringen. Der Raum für das Gehirn ist groß, die Stirn nicht platt und zuriickfliehcnd, sondern erhebt sich erst steil in die Höhe, um dann in schöner Wölbung dem Scheitel zu folgen. Erst in den ersten Lebensjahren bilden sich an dcni Affcnschädel die tierischen Merkmale mehr und mehr aus, die diese Menschenaffen uns als„wilde Wurzel- und Seitentriebe, als blinde Ausläufer des gemeinsamen Stammes er- scheinen lassen. Ausläufer, die nicht mehr entwickelungsfähig waren und sind". Was wir hier vortrugen, ist die neueste, wissenschaftlich wohl be- gründete Hypothese über den Ursprung des heutigen Menschen- geschlechts. Noch ist sie nur eine Denkmöglichkeit, wie sich die Mensch- heit wohl entwickelt haben könnte; aber diese Denkmöglichkeit unter- stützen so viele neuerlich bekannt gewordene Tatsachen, daß man hinfort mit der Zwerg-Rassen-Hypothese ernstlich wird rechnen müssen.— Adolf Heilborn. kleines Feuilleton. Ilc. Wilder Rosmarin. Auch in den kalten Waldmooren ist es nun Frühling geworden. Unter niedrigen Moorkiefern leuchten weiß» blühende Büsche eines niedrigen Strauches hervor, dem Volke als wilder Rosmarin, noch besser aber den Hausfrauen als Mottenkraut bekannt. Aus den dicken schwammigen Polstern des Torfmooses, die die rotblühenden Zlveiglein der Moosbeere überspinnen, erheben sich die bis etwa drei Fuß hohen Büsche, sparrig verzweigt und an den Enden der stärkeren Aeste mit einem Büschel weißer, sehr stark, aber durchaus nicht unangenehm riechender Blüten abschließend. Schmale lange Blättchen, fast wie Nadelholzblättcr gestaltet, bekleiden die Aeste. Sehen wir aber näher zu, so finden wir, daß es mit der Schmalheit eine eigene Bewandtnis hat. Der Rand der Blätter ist nämlich an den Seiten nach unten umgerollt. Beim Aufrollen der Blätter zeigt es sich, daß sie erheblich brester sind, als der ober- flächlichc Anschein lehrt. Während die Blätter oben glatt und grün sind, erscheinen sie auf der Unterseite mit einem dichten rostbraunen Filze überzogen. Die mikroskopische Betrachtung zeigt ferner zahl- lose Spaltöffnungen, wie sie die Pflanzen zum Transpirieren brauchen. auf der Unterseite der Blätter eingesenkt, während sie den glatten ") Um Irrtümern vorzubeugen, sei hier erwähnt, daß die häufig in Panoptiken gezeigten Zwerge und Riesen nichts mit diesen Zwerg- raffen und großen Nassen zu schaffen haben. Derarttger Zwerg- und Riesenwuchs wird durch gewiffe Knochen- und Nervenkrankheiten hervorgerufen. Oberseiten fehlen. Der Filz und die Umrollung der Blätter, die der Wotmiiker in dieser Form und Art Rollblätter nennt, schützen die Spaltöffnungen vor Nässe in ausgezeichneter Weise. Tauchen lvir n innlich einen Zweig ins Waffer, so bleiben die Unterseiten unbenctzt und die vom Filz und der Umrollung zurückgehaltene Luftschicht er- glänzt unter Wasser wie Quecksilber. Zahlreiche Moorpflanzen haben solche Rollblätter, so die Moosbeere, die Gränke. auch unser Heide- kraut, dann die alpinen Rhododendren oder Alpenrosen, mit denen unser Mottcnkraut sogar recht nahe Verlvandt ist. Der Schutz, den die Rollblätter den Spaltöffnungen gewähren, haben die betreffenden Pflanzen sehr nötig. Feuchter Dunst lagert über den Mooren, wie Aber alpinen Höhen lange Zeiträume hindurch, und er würde in kurzer Zeit die Pflanzen und ihre Atemborrichtungen durchnässen, wenn die Nollblätter ihnen nicht ausgezeichnete Dienste leisteten. Sobald einmal die Sonne durchbricht und der Nebel zerreißt, sind die Spaltöffnungen sofort wieder dienstbereit.— — Die Zunahme der Blitzgefahr in Deutschland. Im Elektro- technischen Verein machte Dr. O. Steffens von der Deutschen See- warte in Hamburg in längerem Vortrage Mitteilung von den Er- gebnissen seiner sich auf das gesamte Deutschland erstreckenden Unter- suchungen über die Blitzgefahr, welche sich den das Königreich Baheru betreffenden Arbeiten W. v. Bezolds anschließen. Vor allem hat sich der Vortragende den beiden Hauptfragen zugewandt, welche Unterschiede in der Blitzgefahr, d. h. in der Gefährdung des einzelnen Gebäudes, die verschiedenen Gegenden aufweisen, und ferner wie es sich mit der Gefährdung der Baulichkeiten in einem längeren Zeit- räum(betrachtet wurden die Jahre von 1354— 1901) verhält. Was die erstere Frage betrifft, so erwies sich die bisherige Kenntnis über das Maß der Blitzgcfahr in den einzelnen Teilen Deutschlands völlig unzureichend, sogar zum Teil irreführend. Man war bisher genötigt, sich bei der Beurteilung der fraglichen Verhältnisse an eine von dem Direktor Kästner der öffentlichen Fcucrverstchcrungsanstalten ent- worfene Karte der geographischen Verteilung der Blitzschläge, welche zu Schadenersatz führten, zu halten. Auf Grund dieser Karte gc- langte man vielfach zu irrtümlichen Ansichten, indem mau übersah, daß ganz selbstverständlich die meisten Blitzschäden überall dort ent- stehen müssen, wo die meisten Gebäude zu finden sind, also z. B. im Königreich Sachsen und in der Provinz Westfalen, wo die starke Rauchentwickelung für die zahlreichen Blitzschäden verantwortlich gemacht wurde. In Wahrheit sind jedoch die zahlreichen Gebäude, welche in diesen Industriezentren vorhanden sind, die Ursache für die unverhältnismäßig große Zahl von Blitzschäden. Man muß des- halb stets die Zahl der in einem Lande vorhandenen Gebäude in Betracht ziehen. Hierbei ergab sich, daß die ganze nördliche Zone Deutschlands annähernd gleich stark durch Blitze gefährdet ist, in- dem in Oldenburg, Hannover, Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Pommern, Ost- und Westpreußen vor. je 1 Million Gebäuden etwa 350 jährlich vom Blitze getroffen werden. Weniger gefährdet als Norddeutschland ist die mittlere Zone, am geringsten Süddeutschlaich. Baden, Württemberg, Bayern und Hessen sind alle merklich gleich stark, jedoch nur halb so stark gefährdet wie Norddeutschland. Als Ursache dieser Erscheinung läßt sich unter anderem die nach Süden zunehmende Bodenerhebung anführen. Ferner ist die Gefahr der Gebäude, vom Blitze getroffen zu werden, in dem untersuchten Zeitraum der letzten 50 Jahre keines- Wegs stets die gleiche geblieben. Vielmehr Zeigten sich eigentümliche, gesetzmäßige Schwankungen von OVbjähriger Tauer, so daß es fort- dauernd wellenartig auf- und abgeht. Dieser wellenartige Verlauf zeigt merkwürdige Beziehungen zu der jelvciligen Zahl der Sonnen- flecken, welche die Entladungen zwischen Wellen und Erdoberfläche in bestimmter Weise zu beeinflussen scheint. Weiterhin zeigt sich, daß sich die ganze Wellenlinie innerhalb des betrachteten 50jährigen Zeitraumes immer mehr anhebt, so daß eine anhaltende Zunahme der Gefahr zu konstatieren ivar. Von 1850 bis 1360 kamen jährlich auf je eine Million Gebäude in Deutschland 90 Fälle von Blitz- schäden vor. Diese wuchsen allmählich— von Jahrzehnt zu Jahr- zehnt gerechnet— auf 116, 189, 254 und schließlich auf 318 Fälle an. Die Ursachen dieser hochinteressanten, auch in wirtschaftlicher Hinsicht wichtigen Erscheinung sind noch wenig aufgeklärt. Alle bis- herigen Erklärungsversuche für diese schon früher für einzelne Teile Teutschlands nachgewiesene Tatsache erwiesen sich als nicht stichhaltig. Dagegen mehren sich die Anzeichen, daß die Ursachen in atmosphä- rischcn Bedingungen zu suchen sind.—(„Techn. Rundschau.") en. Auf der Platiujagd. Von allen im großen Maßstab benutzten Metallen ist das Platin jetzt das kostbarste geworden. Physik und Chemie und die mit ihnen in Zusammenhang stehenden Industrien haben ihren Verbrauch an Platin derart gesteigert, daß man von einer wahren Platinnot zu sprechen berechtigt ist. Der Umstand, daß die einzigen ertragreichen Platinminen auf russischem Boden, nämlich im Ural, gelegen find, spricht nicht dafür, daß die Ausbeute in nächster Zeit eine größere werden wird. Es liegt daher nicht nur im besonderen, sondern auch im allgemeinen Interesse, wenn jetzt die LandeZuntcrsuchung der Vereinigten Staaten beschlossen hat, über die nutzbaren Schätze von Platin innerhalb ihres Gebietes eine Art von Inventar aufnehmen zu lassen. Um zu einem ver- wertbarcn Ergebnis zu gelangen, ist der Vorschlag gemacht worden, von allen Plätzen, wo das Vorkommen von Platin durch frühere Ver- Verantwortl. Redakteur: Franz Rehbein, Berlin.— Druck u. Verlag: suche bekannt geworden ist, Proben von Erz und Sand einzufordern und zu prüfen. Die Proben sollen planmäßigen Experimenten unter» warfen werden, und man hofft umsomehr auf einen Erfolg, als sich! dabei nicht nur die besten Mittel zur Gewinnung des Platins an den verschiedenen dafür in Frage kommenden Stellen, sondern auch die Möglichkeiten der Abscheidung anderer wichtiger Metalle ergeben werden, z. B von Gold, Zirkon, Iridium, Ruthenium usw., die mit dem Platin gemeinschaftlich vorzukommen pflegen. Unter diesen Umständen würde der Platinbergbau durch die Nebenerzeugnisse möglicherweise auch dann noch lohnend fein, wenn er sich für sich allein nicht halten könnte. Zunächst wird die geologische Landes- Untersuchung alle Besitzer von Erzminen zur Einsendung von Proben ihrer Erze auffordern und dabei sicher Entgegenkommen finden, weil der Nachweis von Platin den Eigentümern der betreffenden Stellen nur Vorteil bringen kann. Nach den bisherigen Kenntnissen findet sich Platin innerhalb der Vereinigten Staaten in Kalifornien. Oregon, Idaho, Montana, Wyoming, Carolina, Georgia, Pennsyl- vanien, New Dork und in Alaska, außerdem ist es aus Canada, Mexiko. Mittelamenka und Südamerika angezeigt worden.— Astronomisches. — Die photographierten Marskanäle. Der „Franks. Z." wird geschrieben: Mars steht jetzt abends bei Dunkel- werden schon im Südosten im Sternbilde der Jungfrau(ganz in der linken Ecke des Sternbildes nach der Wage zu), und man er- kennt ihn dort sofort an seiner roten Farbe. Er wird, da er in ziemlicher Nähe bei der Erde steht, bereits eiftig beobachtet, namentlich von den mit großen Instrumenten ausgerüsteten amerikanischen Sternwarten, und hier besonders von dem Marsforscher L o w e l l. Ihn, und seinem Assistenten L a m p l a n d ist es jetzt auch zun, ersten- mal gelungen, von dem Kanalsystem des Mars Photographien zu erhalten, die den leicht sichtbaren Nilo Syrtis. aber auch die gewöhn- lichen Kanäle, Thoth, Cerberus, Helicou, Styx, Chaos und andere wiedergeben. Im ganzen sind mehr als zwanzig Photographien erzielt worden. Die Wichtigkeit der photographischen Festlegung der seinen Marsgebilde liegt darin, daß ihre Realität damit wahrscheinlicher wird. Noch jüngst hat der italienische Marsforscher C e r il I l i in Teramo eine längere Studie veröffentlicht, deren Resultat kurz war, alle Wahrnehmungen auf unserem Nachbarplaneten für Augentäuschung z» erklären. Eine Anzahl dunkler Flecke, die nahezu auf einer geraden Linie liegen, solle das Auge in eine genau gerade Linie hineinverlegen, und, indem eS die zwischenliegenden Lücken übersieht, solle es den Eindruck einer zusammenhängenden geraden Linie, eines„Kanals" erhalten. Die Photographie ist nun weit objektiver als das Auge, das so leicht Täuschungen unterliegt, und es ist deshalb eine starke Stütze für die Wirklichkeit wenigstens einiger„Kanäle", daß es zum erstenmal auf dem Flagstaff-Observatorium in Arizona gelungen ist, sie zu photographieren.— Notizen. — Ernst H a e ck el läßt die Vorträge, die er vor kurzem in Berlin gehalten hat, unter dein Titel„Der Kampf um den E n t w i ck e l u n g s g e d a n k e n" bei Georg Reimer, Berlin, als Buch erscheinen. Preis 2 M.— — Die Romauschriftsteller Richard zur Magede und Robert Kohlrausch haben ein modernes, vicraktiges Drama geschrieben, das nach der weiblichen Hauptfigur den Titel„Monika von Warran" führt.— — Das Wiener Konservatorium hat ein Defizit von 100 000 Kronen. Man will die Zahl der Freistellen vermindern. Stifter und Gründer sollen auf ihre Vorrechte verzichten. Das Institut besteht beinahe hundert Jahre.— — An Stelle des verstorbenen Bildhauer? Heinrich Epler ist der Bildhauer August H udler zum Vorsteher des Aktsaales au der Dresdener Kunstakademie ernannt worden. Hudler stammt aus Oberbayern. Eine Wiedergabe seines schönen Bildwerks„Ruhender Mann" brachte die„Neue Welt" im Jahrgang 1004, Nr. 27.— — Die Japaner haben fünf Geologen nach der Mandschure' gesandt, die besonders nach Moutanschätzen forschen sollen. Aehnliche Untersuchungeniwerden im nächsten Frühjahr in K o r e a vorgenoinmen werden.— o. Eine Ausgrabung der Sphinx. Unter der Leitung des französischen Gelehrten Maspero, dem ein Stab ausgezeichneter Aeghptologen untersteht, werden auf Veranlassung der ägyptischen Regierung demnächst Arbeiten unternommen werden, um den Sand wegzuräumen, der sich seit Jahrhunderten um die Pyramiden ge- lagert hat und auch einen Teil der Sphinxe in ihrer Rachbarschaft bedeckt. Angefangen wird mit der kolossalen Sphinx, die sich in der Nähe der Eheopspyramide befindet. Sie mißt 47 Meter und ist fast ganz unter dem Wüstensand begraben. Die Ausgaben werden aus 75 000 Fr. geschätzt. Man erwartet, daß man bei den geplanten Ausgrabungen wichtige Altertümer zutage fördern Ivird. Es ist übrigens nicht das erstemal, daß mau den Versuch macht, die Pyramiden und Sphinxe von dein Wüstenstaub zu befreien.— Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSaustaltPaul Singer 8cCo..Berlin S W.