Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 115. 85) 30 dp flammen. Freitag, den 16. Juni. ( Nachdrud verboten.) Roman von Wilhelm Hegeler. Der Major zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und wies darauf hin, indem er selbst ebenfalls Plaz nahm. Setz Dich! Sprich Dich doch offen aus." " Aber als sein Bruder, ohne der furchtbaren Erregung Herr werden zu können, heftig sich schnaubend auf und ab ging, fuhr er fort: Du meinst, ich soll die Augen aufmachen? Aber ich fehe ja alles ebensogut wie Du. Ich weiß so gut wie Du, daß Marie Luise Gefassen an Doktor Grabaus findet und gern mit ihm verkehrt. Nur auf die Beurteilung dieses Verkehrs kommt es an. Ich kann nichts Schlimmes drin finden." " Dann hab ich nichts weiter zu sagen." CaOder hast Du vielleicht etwas bemerkt, was sie in einem falschen Licht erscheinen lassen könnte? Du weißt ja selbst, eine wie arglose Natur sie ist." Es hat überhaupt keinen Zwed, mit jemandem zu sprechen, der um die Sache herumredet und nicht verstehen will." Und was ist nach Deiner Meinung der Kern der Sache?" Du's. ,, Daß die beiden ineinander verliebt sind. Nun weißt Mich geht's ja nichts an aber-" Erwartungsvoll sah der Major seinen Bruder an, erregt und innerlich bebend auch er, trotz der großen Ruhe, mit der er gesprochen hatte. aber Sprich doch! Was ist denn?" Mich geht's ja nichts an Und in unzusammenhängenden Brocken kam nun alles heraus, was er wußte, das, was Frau Grabaus ihm erzählt und das, was er selbst beobachtet hatte. Wenn aber der Major versuchte ihn zu unterbrechen, begann er zornbebend feine Stimme zu erheben und wiederholte: Mich geht's nichts an. Meine Frau ist sie ja nicht. Mach, was Du willst." Nachdem der Major das anfängliche Erschrecken überwunden und sich das Gehörte klar gemacht hatte, war er immer ruhiger geworden und verfolgte nun den Aufgeregten mit stillen, aufmerksamen Blicken. Er sah, wie dieser unter dem lang gehegten Argwohn gelitten hatte, und mit aller Stärke regte sich in ihm das Gefühl brüderlicher Zuneigung. Bu gleich aber erkannte er, flarer als jemals zuvor, wie fremd Sie sich innerlich geworden, wie in aller Stille die Richtungen ihres Empfindens auseinander gegangen waren. Und aufleuchtend wie ein heller Schein kam ihm zum Bewußtsein, daß dies Marie Luisens Werk sei. Mit einem Mal glaubte er, deren Nähe zu spüren, und das Vertrauen zu ihr durchdrang ihn mit einer Süßigkeit ohnegleichen. " Als Doktor Platen dann geendet hatte, fragte er: Was meinst Du nun, das ich tun soll?" " Das fragst Du ein Offizier?" entgegnete dieser auffahrend. Wenn ich nun dente, daß dem Offizier hier kein Urteil zusteht?" Einen Augenblick stutte Doftor Platen, und über seine vor Aufregung fast hülflosen Züge, die dem Weinen nahe schienen, glitt zuerst der Ausdruck eines jähen Entsetzens, dann aber ein Lächeln hin. Ach so- so" murmelte er. Und so beleidigend war dies Lächeln, daß der Major einen Augenblick seine Beherrschung verlor und bebend fragte: Was heißt das? Was heißt das dies Lächeln?" Donnerwetter!" schrie Doktor Platen. Entweder trittst Du als Mann auf und sehst den Herrn vor die Tür, oder -na ja dann läßt Du's eben stillschweigend geschehen. Aber was Drittes gibt's nicht." " Ja! Doch! Es gibt etwas Drittes.". Und das ist?" " 1905 Du würdest es nicht verstehen. Oder wenn Du's verständest glaub mir, dann wärst Du glücklicher. Ja, ich weiß, Marie Luise liebt ihn, aber ich weiß auch, daß sie gegen diese Liebe ankämpft. Soll ich nun das, was sie ganz allein aus sich heraus tun kann, ihr mit Gewalt abtroßen? gesprochen. Heut kann ich's einfach nicht mehr. Denn heut" Vor ein paar Jahren noch, da hätte ich vielleicht wie Du „ hast Du Dir soviel blauen Dunst vorreden lassen." Doch nun war die Erregung gänzlich aus dem Major gewichen. Nenn Du's blauen Dunst," entgegnete er ruhig. ch finde, daß mein Leben dadurch klarer geworden ist. Es gibt mehr als ein Entweder- Oder. Ja, fast möchte ich glauben, dies Entweder- Oder gibt's überhaupt nicht.- Siehst Du, wie Mann und Frau miteinander stehen, das kann niemand anders beurteilen. Kein anderer kann da hineinsehen. Nur eins will ich Dir sagen. Das Beste, was ich von Marie Luise gelernt habe, ist der gütige Blick, mit dem fie alles ansieht. Sie glaubt an das Gute in den Menschen. Daß ich das von ihr gelernt habe, empfinde ich als mein größtes Glück. Und ich müßte ein elender Kerl sein, wenn ich ihr gegenüber diesen Glauben verleugnen wollte." Doktor Platen erwiderte eine Weile nichts. Erst nach längerem Schweigen brummte er: Lehr Du mich die Weiber kennen. Egoisten und Kinder sind sie alle zusammen. Aber mich geht's ja nichts an." In düsterer Stimmung verharrten die Brüder, in dem Gefühl, daß zwischen ihnen beiden keine Verständigung, kaum der Major hinausgehen, um sich nach seiner Frau zu er ein ferneres Zusammenleben mehr möglich sei. Grade wollte kundigen, als die alte Magd eintrat und aufgeregt erzählte, daß die gnädige Frau vor einer Weile ganz heiß und fieberhaft nach Haus gekommen wäre. Während Christine ihr beim Mantel bemerkt, und die gnädige Frau hätte ihr gesagt, daß Auskleiden behilflich gewesen sei, hätte sie Blutflecken an dem diese von einem Blutsturz herrührten. Ehe dann Christine sie ins Bett gebracht, wäre sie ohnmächtig geworden. Der Major eilte hinauf. Als er ans Bett trat, lächelte Marie Luise ihn an und murmelte: Mußt Dich nicht beunruhigen. Es ist weiter nicht schlimm." t Da das Sprechen ihr große Mühe machte, drang der Major nicht in sie, sondern fragte seinen Bruder um Rat, der ihn auf dem Treppenabsatz erwartete. Dieser erklärte, daß sich für den Augenblick nichts tun ließe, schickte aber doch nach Eis und Kamphor und ließ einen anderen Arzt holen, der auch nach kurzer Zeit erschien. Marie Luise glaubte bestimmt, daß sie noch in dieser Nacht sterben würde. Während an ihrem Bett Gestalten und flüsternde Stimmen vorüberhuschten, lag sie in dämmerndem Traumbewußtsein, umschwebt von leichten, seligen Gefühlen. Vieles von dem, was Marie Luise in dieser letzten, endgültigen Aussprache gesagt hatte, wurde Grabaus erst nach mehreren Tagen klar. Wohl hatte er all ihre Worte gehört, aber sie waren in seine Seele gefallen gleich Samenförnern, die erst aufgehen müssen, um ihr eigentliches Wesen zu entfalten. Das aber schien ihm der hauptsächlichste Sinn und nhalt des Gesagten: entweder besaß er wirklich die Kräfte, deren er fich rühmte, dann konnte niemand sie ihm rauben, noch irgend eine Ungunst des Schicksals ihr Wachstum endgültig verhindern. Wenn er aber behauptete, diefer Frau zu bedürfen, um der zu werden, der er sein möchte, so war das einfach ein Zeichen, daß er nicht eine aus sich selbst leuchtende Sonne, sondern nur ein Trabant war, der von erborgtem Glanze lebte. Ueberhaupt kam ihm jest zum Bewußtsein, welch ein Wahnsinn es gewesen war, von ihr ein solches Opfer zu fordern. Und wenn seine Gesichtsmuskeln nicht erstarrt gewesen wären, wie sein Herz zerborsten und klanglos geworden war, so hätte er wirklich hell auflachen müssen über die wirre Einfalt seiner Lidenschaft. Denn das eine schien ihm sicher: ihre Liebe war im Grunde doch nur ein Spiel gewesen, ein Spiel freilich, der Wahrheit täuschend ähnlich und von Marie Luise selbst dafür gehalten. Nachdem ihr mancherlei vom — 458— Schicksal geschenkt, doch eins versagt war: das Blühen der tiefsten und geheimsten Wurzeln ihres Wesens, hatte sie für einen vergänglichen Augenblick den höchsten Glücksrausch, Weib sein zu dürfen, wie eine kurze Ekstase genossen, hatte in einer Stunde, die mehr Traum als Wirklichkeit war, das enge Netz der Ilmwelt zerrissen und war davongeflogen in überirdische Ferne, wo auf unerreichbar steilem Gipfel Sehnsucht und Er» füllung liebevoll umschlungen thronen. Dann freilich hatte sie, kluger und nüchterner als er, den Weg in die irdischen Verhältnisse zurückgefunden. Indem er sich sagte, daß es so sei, wollte er sie weder schmähen noch erniedrigen. Denn wenn er verlangte, daß sie alles, worin sie gewurzelt Hatto, verlassen sollte, hätte sie da 'nicht fragen können, wo denn der Boden wäre, in den er sie pflanzen wollte?� Was hätte er da antworten können? Nachdem er an jenem Abend nach Haus gewankt war wie jemand, der einen schweren Sturz getan hat, und mehrere Tage in betäubtem und gleichsam schlaftrunkenem Zustand verbracht hatte, erwachte er eines Morgens zu neuem Leben. Ja, nach der furchtbaren Erregung der letzten Wochen, nach diesem vergeblichen Gespensterkampf mit ungewissen Ahnungen und vagen Zweifeln, mit nebelhaften Aengsten und triigerischen Hoffnungen kani jetzt eine eiskühle, wohltuende Starrheit über ihn. Er wollte weiter arbeiten und seines Lebens Bauwerk errichten, so breit, hoch und kühn, wie es in seinen Kräften stand. Noch war die Nachwirkung seines freudig gehobenen Selbstbewußtseins zu lebendig, und die Ueberzeugung, ein trotziger Verächter jeglichen Liebesgrams zu sein, zu tief in ihm gefestigt, als daß er im Ernst hätte glauben können, eine Frau vermöchte sein Leben zu zerstören. So nahm er denn die Feder zur Hand, und niit seiner steilen Gelehrtenschrift schrieb er da weiter, wo er bereits vor Wochen abgebrochen hatte. Auch seine Vorlesungen, die er während der letzten Zeit nur wie im gewaltsanien Erwachen aus einem wahnähn- lichen Zustande hatte halten können, nahm er mit angesporntein Eifer wieder auf. Und es schien fast, als wäre er durch all die Erschütterungen geradezu gefestigt worden. Denn wenn früher die Studenten in ihrer jugendlichen Skepsis über manchen Ucberschwang, manche mehr hochgestimmte als tief geschaute Aeußerung ihres Lehrers gelächelt hatten, klang es jetzt im Fluß seiner Rede plötzlich hier und da wie das Raunen eines aus tiefsten Gründen der Menschlichkeit hervorbrechenden Quells. Sein Vortrag war konziser, seine Stimme härter und voller geworden, mit metallischem Klingen rollten eherne Worte. Seiner Frau gegenüber war Grabaus von einer ruhigen Unnahbarkeit und den Kindern ein gerechter, wenn auch etwas teilnahmloser Vater. Nie schien es eine Zeit der Unklarheit und des Streitens gegeben zu haben, alles ging seinen ge wohnten Gang, und der ganze Tumult der letzten Wochen, wo die Ehe der beiden in ihren Grundvesten erschüttert schien, hatte äußerlich nur das höchst unwichtige Resultat gezeitigt, daß er, sehr zum Bedauern der zahlreichen enthusiastischen Backfische, seinen Vortragskursus in Weimar abbrach. So schien die Veränderung seines Wesens eine Rückkehr zu früherer Gesundheit zu sein, und er selbst war erstaunt, wie leicht er sich in den Lauf der Dinge gefügt hatte. Erst als das Wintersemester zu Ende ging, spürte er, während die weichere, tauige Luft das Nahen des Frühlings anzeigte, eine schnelle Abnahme seiner Kräfte. Es kostete ihn einen immer größeren Aufwand an Energie, seine Pflichten in der ge» wohnten Weise zu erfüllen. Doch hoffte er, daß ein kurzes Ausruhen während der Osterferien ihn mit neuer Spann- kraft versehen würde. Nun aber geschah etwas Ueberraschendes: der einmal ab- gespannte Bogen schien seine Elastizität verloren zu haben. Jeden Tag sagte er sich, daß er seine Vorträge für das Sommersemester ausarbeiten müsse, aber es war ihm kaum möglich, den Inhalt eines Buches zu begreifen, geschweige denn selbst einen Gedanken zu bilden. Während durch das geöffnete Fenster die dufterfüllte Frühlingsluft hereinströmte, mitsamt der ganzen frohen Regsamkeit von nah und fern, dem Vogelgezwitscher, dem hellen Kinderjubel, dem Hü und Hott der Fuhrleute, hockte er, dem Lichte abgewandt, zusammen- gesunken auf seinem Stuhl wie ein Kranker und schalt sich einen Tagedieb und unnützen Schmarotzer. Doch eines Morgens, als im flutenden Sonnenschein ihm fühlbar wurde, wie alles, vom wiehernden Pferd draußen bis zu den Millionen kleiner wirbelnder Stäubchen, im frohen Daseinsrausch er» zitterte, ging er in den Garten und nahm den Spaten zur Hand, um allen Gram und alle Unlust zu begraben- Und wie ein Betender mit seinem Auge die in der Morgenluft! dampfende Erde llmfangend, erflehte er, sich wieder eins fühlen zu dürfen mit der wohltätigen Natur, gleich allen Kreaturen. sFortsehung folgt.) K-oleu. Von E. Preczang. (Nachdruck verboten.) Er mußte selbst darüber lächeln. Fast nie hatke er an seinen Geburtstag gedacht, und war's ihm zufällig einmal am rechten Datum eingefallen, dann hatte er alles Grübeln zur Seite geschoben mit dem instinktiven Gefühl, daß er keine Ursache habe, den Gedenk- tag seiner Geburt zu feiern oder auch nur Betrachtungen daran zu knüpfen. Heute wollt's ihm nicht gelingen. Er konnte es anstellen wie er wollte— immer kehrten die Gedanken darauf zurück, und eine innere Stimme schien zu flüstern: Fünfzig Jahre l Fünfzig Jahre I Machte es die Zahl, daß er nicht davon loskommen konnte? Aber was war denn für ein Unterschied zwischen dieser und der Dreißig oder der Vierzig? Er sah keinen. Das Leben ging seinen automatischen Gang und zertrat eine Hoffnung, eine Erwartung, eine Illusion nach der anderen. Oder war in den tiefsten und dunkelsten Gründen seiner Seele doch noch ein glühender Funke verborgen gewesen, der nun leise knisternd aufflackerte? Fünfzig Jahre! Fünfzig Jahre! Er schlug nach den Fliegen, die ihn umsummtcn und hartnäckig waren wie die unruhigen, nervösen Gedanken. Ter Kopf sank in die aufgestützte Hand; die Augen richteten sich zum Fenster, wo ihnen zwischen hohen Mauern hindurch ein winziges Stück Himmel ward. Dort stand unbeweglich eine schwarzgraue Wolke. Die Lippen preßten sich um die Pfeifenspitze und in mächtigen Schwaden stieg der Tabaksdampf auf und erfüllte die kleine Stube mit bläulichem Qualm. Bald war das spärliche Mobiliar nur noch in dämmerhaften Umrissen zu erkennen: der viereckige Tisch, das Lcdcrsofa, zwei Holzstühlc, von denen einer als Waschtoilette diente, ein Bett mit einer altersschwachen blauen Decke, ein wagerecht an der Wand an- gebrachtes Brett mit schwarzlackiertcn Gardcrobenhakcn und einem dünnen geblümten Vorhang; schließlich ein kleines Bücherregal, das in seinen oberen Fächern einige abgenutzte Bände, Hefte und Zeitungen, in seinen unteren Abteilungen einen Spirituskocher, eine Pfanne, einen Wasserkessel, Tasse, Teller und eine Zigarrenkiste mit Messer, Gabel und Löffel enthielt. An den Wänden wallte der Tabaksdampf hinauf und bräunte tiefer die aus illustrierten Journalen geschnittenen Bilder, die mit gelbköpfigen Nägeln auf der Tapete befestigt waren. Wahllos schienen die Bilder angebracht, wie sie dem Besitzer in die Hände gekommen. Landschaften aus allen Weltecken, charaiteristische Porträts, das Volk bei der Arbeit im Felde und in der Fabrik, Tier- bildcr. Nur die Frau fehlte: die liebende und träumende Frau wie das hoffende Mädchen. Und noch etwas: Blumen, die etwa als Hauptzweck im Bilde festgehalten waren. Beides hätte man zu Zeiten zerknüllt vor dem Ofen finden können. Ein Klopfen an der Tür schreckte den Nachdenklichen hoch. .Herein!" Die Nachbarin vom gleichen Flur, die hier hin und wieder„nach dem Rechten" sah, wie sie sagte, und gänzlich unbeauftragt einige der notwendigsten Hausfraucnpflichtcn übernommen hatte, trat herein. „Wo sind Sie denn eigentlich, Herr Macke?" Er brummte nur. „Können Sie's denn aushalten in solchem Qualm? Und Sie Fenster knallefest zul Dabei ist das schönste Wetter draußen!" Sie riß die Flügel auf.„Mit Gewalt sollen Sie sich doch nicht die Schwindsucht holen!" Er lachte.„Ich Hab' nicht dran gedacht, Frau Strele." „Woran S i e zu denken haben, das möcht' ich auch gern wissen!" „Ich auch." Er stand auf und reckte sich:„So'n Unsinn. Es ist ja alles egal. Wissen Sie was, Frau Strele, wenn Sie ein- kaufen gehen, bringen Sie mir doch drei Flaschen Bier mit." „Bier?" Sie schlug die Hände zusammen.„Das ist ja noch gar nicht dagewesen! Und ich kenne Sie doch schon an die zehn Jahre. Was ist denn tos?" Er lachte leise:.Ich will meinen Geburtstag feiern. Ist das nicht komisch?" „Komisch? Wieso? Na, da gratuliere ich auch schönstens l Da erfährt man doch endlich mal—" .Was Sie schon lange wissen wollten?" „Ja, aufrichtig gesagt, Herr Macke. Jeder Mensch freut sich doch, daß er geboren ist. Und ich sage mir: je mehr sich mitfreuen, desto besser ist's. Wie alt sind Sie denn?" „Fünfzig." „Fünfzig Fahrer Ich hält Sie älter geschätzk. Mit dem grauen Kopf und den Falten. Na, Sie mögen ja manches durchgemacht haben." „Durchgemacht?" Er schüttelte nachdenklich den Kopf.„Nichts Besonderes, Frau Strele. Jedenfalls nicht soviel wie Sie, die Sie /auch noch für zwei Kinder zu sorgen haben. Ich bin doch ganz pllein." „Eben deshalb I" sagte sie und nickte recht kräftig einige Male, indem sie ihm einen Blick zusandte, der als halb vorwurfsvoll, halb Mitleidig gedeutet werden konnte. Dann ging sie. Macke sah ihr nach. Die Pfeife war ausgegangen, er stopfte sie von neuem und wanderte rauchend, unruhig in der Stube umher. Bor den Bildern blieb er stehen und betrachtete sie. Es fiel ihm auf, wie verräuchert sie waren. Sein Blick ging über das Sofa, den Tisch. Im Bezug des ersteren klafften breite Risse, ein Bein des letzteren war lose und die Politur der Stühle war abgeschabt. Zum ersten Male bemerkte er das alles, und ein unbehagliches Gefühl be- schlich ihn. Fünfzig Jahre... fünfzig Jahre... Er war ans Fenster getreten und blickte nach dem kleinen Himmelsfleck. Die schwarzgraue Wolkcnmauer sank mählig hinab, lichte Bläue tauchte an ihrer Stelle auf, gleich muhte die Sonne hindurchgehen, wie sie immer tat, wenn sie die Mittagshöhe längst überschritten hatte. Dann fielen ihre Strahlen goldig auf die lange Häuserreihe, die jetzt noch grau und gleichförmig im Schatten standen. Wie die einfachen, schmucklosen Häuser dort sich glichen, so ähn- sich waren die Tage der letzten zehn Jahre einander gewesen. Wie er auch nachdachte: keiner trat als etwas Besonderes hervor, keiner hatte sein eigenes Gesicht. Sonntage, Wochentage, Festtage,— in dieser von blauem Tabaksdunst erfüllten öden Stube waren sie färb- los, lautlos verdämmert, wenn er nicht bei der Arbeit war, einer eintönigen, automatischen Arbeit, die er gleichgültig verrichtete, da er doch nun einmal auf der Welt war und leben muhte... Die Nachbarin trat mit den Flaschen ein. Er bemerkte sie erst, als sie dicht hinter ihm stand und eine Flasche öffnete, um zwei Gläser zu füllen und mit ihm anzustohen. Dabei wünschte sie ihm gute Gesundheit und ein langes Leben. Und ehe er antworten konnte, war sie hinaus. Macke muhte vor sich hinlachen. Ein langes Leben l Als ob er es nicht schon viel zu lange trug— dieses„Leben"! Als ob er es nicht immer verachtet und gehatzt. Immer? Die letzten dünnen Tabakswölkchcn ringelten sich zum Fenster hinaus. Ein feiner Duft kam hinterher und lieh den Verbitterten aufmerken. Gleichzeitig wallte etwas aus tieffter Tiefe in ihm empor: eine Erinnerung; eine traumhafte, noch in Schleier gehüllte Erinnerung, die sich schmerzhaft zu seinem Herzen drängte. Er sah sich plötzlich um: auf dem Bücherregal, in einer ein» fachen Vase standen drei Rosen: eine dunkelrote in der Mitte, je eine gelbe zu ihren Seiten. Frau Strele muhte sie eben hereinge- schmuggelt haben.■ Ein feiner Zug, der durch die Tür drang, trug stärker den Duft zu ihm. Er sog ihn ein, die Augen auf die Blumen gerichtet— und wie von einer jähen Hand weggerissen, fielen die Schleier von der aufquellenden Erinnerung. Er sprang auf und kramte aus dem untersten Fach des Bücher- rcgals eine verstaubte Schachtel hervor. Aus den wenigen Briefen suchte er einen heraus. Dann nahm er eine Brille aus der Tisch- schublade, setzte sie auf und begann zu lesen. Eine verblahte gelbe Schrift wars, auf brüchigem, grauem Papier. Nur wenige Worte: „Lieber Karll Morgen, zu Deinem zwanzigsten Geburtstag, treffen wir uns schon um zwei m der Kirche— Du weiht jal Sei vielmal gegrüht und geküht von Deiner treuen Liese." Er holte die Vase näher heran. Jal Wohl genau so hatte der Strauh ausgesehen, den er der Liese am anderen Tage an die Brust gesteckt. Und dann waren sie aufs Land gegangen und selig und lustig gewesen bis zum Abend. In aller Deutlichkeit stand jener Tag jetzt vor dem geistigen Auge des Grübelnden. Jede Einzelheit tauchte empor; jeder Blick und Händedruck, jeder Kuh. Und wie er es nun betrachtete, erhielt alles eine andere Bedeutung und er sah die Lüge aufleimen von Anfang an. Und diese Lüge zertrümmerte noch an demselben Abend all seine Hoffnung und Jugend, hemmte die volle EntWickelung seiner Mannes- kraft, machte all die Pläne zunichte, die er und Liese wenige Stunden vorher spielend erdacht, griff mit roher Faust in das Beste seines innersten Menschen: in das gläubige Vertrauen dem Nächsten gegen- über. In ein Tanzlokal waren sie zum Schlüsse gegangen, er mit einigem Sträuben, denn das Tanzen war nicht seine Sache. Trotzdem versuchte er's, Liese drängte mit aller Macht dazu. ES ging auch, bis zu den schwierigeren Tänzen. Da war er angerannt worden und hingestürzt... Bon dieser Erinnerung an verlieh ihn sein Gedächtnis. Ec sah mir noch Liese in den Annen eines anderen dahinwalzen und ihm böse Blicke zuwerfen. Wie er nach Hause gekommen, wnhte er nicht. Er fand sich an: anderen Morgen angekleidet auf seinem Bett. Und noch am selben Tage kam ein Brief von Liese: eine kalte Absage. Er zerrih das Papier in Wnt und Schmerz. Im ersten Augenblick dachte er sogar an die Pistole; aber er schreckst endlich doch davor zurück in dem Bewußtsein, daß sie, die Schuldiae. dieses Opfer nicht wert sei. Verwinden konnte er das Erlebnis nicht. Wohl dauerte der Schmerz um die Verlorene nicht allzu lange, sobald nur erst wieder der kühle, wägende Verstand zu seinem Recht gekommen. Aber ein schmerzhaftes, allgemeines Mißtrauen blieb zurück, eine seelische Wunde, die die Wirklichkeit der träumenden Illusion geschlagen. Noch nach Jahren, wenn er ein hübsches, unschuldig und ehrlich scheinendes Mädchen sah, hätte er's ihm ins Gesicht schreien mögen: Lüge! Lüge I— Zu jäh, zu gewaltsam war die Erfahrung über ihn gekommen; sie erschütterte seine ganze Natur und warf sie aus dem blinden kindlichen Glauben in das äuherste Extrem: in den absoluten Zweifel. Später wandelte sich die Empörung in Gleichgültigkeit. Und weiter milderte die Zeit das Gestühl kalter Ablehnung und lieh ihn zu einem stillen Dulden kommen, das für sich selber nichts mehr forderte und wünschte. Nur zuweilen fühlte er es schmerzhaft, daß da innen etwas abgestorben sei, dem keine Macht der Welt wieder zum Wachstum verhelfen könne... Macke hielt noch immer den Brief in der Hand und starrte auf die Rosen. Das Gestihl grenzenlosen Verlasfenseins kam über ihn— so stark, wie er es in den letzten dreißig Jahren nie gespürt. Es machte ihn unruhig und unsicher und trieb ihn im Zimmer umher. Und immer wieder kehrte er zu den Rosen zurück, betrachtete sie und sog ihren Duft ein. Er muhte denken, wie eS jetzt wohl sein würde, wenn es damals anders gekommen wäre. Oder ob er das Glück nicht doch noch erreicht hätte, wenn er das mit der Liese nicht so schwer genommen. Alle waren sie ja gewiß nicht so. Der Grübelnde kam zu keinem Resultat. Ein stischer Luftzug drang ins Fenster. Macke blickte hinaus und bemerkte, wie der dunkle Wolkenfleck zu zerfliehen schien und an seiner Stelle plötzlich die Sonne hervorblickte. Sie vergoldete die graue Häuserreihe und lieh die Fenster funkeln. Nicht lange. Bald hatte das große Gestirn den kleinen Raum durchmessen und alles war wie vorher. Macke sah zufällig auf den Brief in seiner Hand. Auch er war grau— und die Schrift so gelb mtd bläh, daß sie im Widerspruch nnt dem Inhalt zu stehen schien.„Deine treue Liese." Er nmhto jäh auflachen. Ach. wie billig waren doch solche Worte I Worte überhaupt I Wie Wenige nahmen's genau mit dem, was sie sagten l Und diese Wenigen, die die Tat für das Wort wollten, das waren die Dummen, die Leidenden, die verzichten muhten, während die Welt mitleidig lächelte über die kindlichen Toren.... Macke zerrih den Brief und lieh sich auf den Stuhl am Fenster nieder. Ein dumpfes Gefühl der Befangenbeit meldete sich in: Kopf und schreckte ihn auf. Von den Rosen kam's wohl. Die erfüllten jetzt mit starkem Dust das ganze Zimmer. Macke ergriff sie in einem jähen Aufivallen des Zornes und lieh sie aus den: Fenster falle::. Dann schloß er dieses, trank, wie um die eigenen auffteigenden Zweifel zu betäuben, schnell ein Glas Bier und zündete sich von neuen: d:e Pfeife an. In mächtigen Schwaden breitete der Dampf sich aus und spielte in bläulichen Spiralen um den grauen Kopf. Der nickte heftig vor sich hin: ja, es war gut so l Was auch die Welt sagen, was die Nachbarin denken mochte, was auch im eigenen Innern gegen ihn aufzustehen schien— es war gut so.., es war gut so... kleines feiriUetou. hl. Die„Stadt der Wahnsinnigen". Eine der merkwürdigsten Einrichtungen in Europa stellt das Städtchen G h e e l bei Antwerpen dar. Es ist buchstäblich eine„Stadt der Wahnfinnigen", in der diese friedlich bei einander wohnen, in den Strohe:: umherschlendern, in den Cafes Erfrischungen::ehn:en und ihrem Tagewerk oft vielleicht mit mehr Verstand nachgehen als viele würdige Bürger, die im Rufe stehen, gesund an'Körper und Geist zu sein. Die Stadt beherbergt etwa 1500 Irre, die von den Bewohnern als Pensionäre aufgenommen worden sind; es sind jedoch nur harmlose Kranke. denn die gefährlichen kommen in die weiter abliegenden Dörfer oder in die Anstalt. Man sucht auf die Kranken nur moralisch ein- zuwirken, und es find in der Tat manche Heilungen der Güte und dem Takte der Bewohner zu verdanken. Die Preise für„Un- schuldige", so sagt man in Gheel, schwanken zwischen 240 bis 2400 Mark jährlich, je nach dem Grade des LuxuS, den der Kranke bean- spracht. Wieviel er aber auch zahlt, er wird immer von der Fannlie. bei der er wohnt, verhätschelt. Die Bewohner von Gheel verstehen sich auf die Behandlung von Verrückten ganz ausgezeichnet; das ist die Folge jahrhundertelanger Erfahrungen, die vom Vater auf den Sohn überliefert werden. Der Kranke ist wirklich der Gast deS Hauses. Er bekommt den Lehnstuhl und den besten Platz bei Tische. er genießt die meiste Aufn:erksan:keit, und so lernt er immer mehr den Wert der Achtung schätzen, die man ihm zollt, und bemüht sich daher, seine Krankheit zu meistern, un: seine Vorrechte nicht zu verwirken. Selbst die Kinder in Gheel sind an den Umgang mit Irren gewöhnt. Man sieht sie, wie ein englischer Besucher der 460 Medizinisches. in@. SZ. pis Stadt schreibt, zu Dußenden, wie sie Hand in Hand mit" großen, besser wirken würde), der hohe Baryton Hermann Jacobs und robusten Männern gehen und vertraulich mit ihnen schwagen. Ja, die Bässe Theodor Hieber und Friedrich Hoberg ihre oft versorgt der Kranke das Baby des Hauses; meist ist er ein vor- Anerkennung. züglicher Pfleger. Natürlich wimmelt es in Gheel von Kaisern", Königen", Königinnen"," Millionären"," Päpsten",„ Erzbischöfen", Paschas" usw. Die Bewohner der Stadt gehen willig auf diese hr. Gegen Sodbrennen. Das Sodbrennen ist eine überHirngespinste ihrer unglücklichen Gäste ein. Ein König" erzählt aus häufige Begleiterscheinung vieler Magenkrankheiten, die sich allen eben Angekommenen, daß er zwei linke Beine habe und dem als brennende und krakende Empfindung äußert, welche vom Magen entsprechend seine Stiefel und Hosen machen lassen müsse. in die Speiseröhre aufsteigt und mit faurem Aufstoßen verbunden Ein anderer alter Herr, der sich für den Papst in Rom ist. Namentlich tritt es dann auf, wenn der Magensaft start salzhält, meint, er könne zum Himmel fliegen, im Augenblick säurehaltig ist, vor allem bei der Krankheit, die man als Magensei er nur zu dick. Sein Wirt ist scheinbar erbötig, ihm bei faftfluß bezeichnet. Dabei kann sich das Sodbrennen bis in den einem Fluge aus einem Fenster des zweiten Stocks zu helfen; aber Rachen hinaufziehen, und die sauren Massen werden im Munde geer warnt ihn doch, er könnte fallen und sich den Hals brechen, schmeckt. Außer bei Magenkrankheiten stellt sich das Sodbrennen worauf der Papst" lieber bis nach dem Tee" wartet. Ein jüngerer auch bei Erkrankungen der Speiseröhre ein, endlich gibt es auch rein Mann sucht immer nach einem Beil; er lebt in dem Wahn, er sei nervöse Formen von Sodbrennen. Wenn sich bei manchen Patienten plöglich so stark geworden, daß er den Türeingang abhauen müsse, regelmäßig nach dem Genuß von gewissen Speisen, wie Obst, um ein und ausgehen zu können. Ein anderer wieder bittet die Salat, Fett, Süßigkeiten, Sodbrennen einstellt, so müssen eben diese Fremden in den Straßen Gheels tränenden Auges um Schutz gegen Speisen gemieden werden. Im übrigen dient zur Abstumpfung der einen schrecklichen Riesenschmetterling, der ihn angreifen und fein überschüssigen Säure am besten der Gebrauch von Alfalien, der Gehirn effen wolle. Wieder einer hält sich für ein Samenkorn Magnesia und des doppeltkohlenfauren Natrons. und bittet, man möchte ihn doch in die Tasche stecken, damit ihn der Wind nicht fortbläst. Vor kurzem war einer der„ Unschuldigen" schrecklich aufgeregt, weil er sich für ein Senftorn hielt und glaubte, die Vögel würden ihn verschluden. Sein Wirt beruhigte ihn aber und meinte: Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß Sie sicher sind, da die Vögel nur Hanfsamen essen." In den Wirtshäusern in Gheel sind die Wirte sehr höflich und rüdsichtsvoll gegen die Unschuldigen", gehen auf alle ihre Launen ein und führen anscheinend ihre wildesten Wahnideen aus. Es ist ein merkwürdiger Anblick; aber es ist wirklich rührend, wie schonend, taktvoll und wohlwollend die Leute mit den Unglücklichen umgehen. Das gänzliche Fehlen jeden Zwanges würde die modernsten Frren ärzte in Erstaunen sezen. Nervenärzte aus der ganzen Welt kommen denn auch nach Gheel, Kranke aus aller Herren Länder werden dorthin gebracht. Alle Aerzte, die dort gewesen sind, haben einen tiefen Eindruck von der Wirksamkeit der Behandlung empfangen, die sich nur auf Freundlichkeit und Tatt beschränkt. Musik. 1 Aus dem Pflanzenleben. u. Pflanzen, die nur in der Nacht duften. Bes kanntlich zeigen Pflanzen in der Nacht ganz andere Lebensbedingungen als am Tage; während sie am Tage Sauerstoff aus- und Kohlen fäure einatmen, und so die Luft für uns Menschen, die wir Sauerstoff zur Einatmung gebrauchen, verbessern, verhalten sie sich in der Nacht gerade umgekehrt, atmen also Kohlensäure aus und verderben hierdurch die Luft für uns Menschen; daher rührt die ungünstige Wirkung von Blumen, die während der Nacht im Schlafzimmer vers bleiben, auf das Wohlbefinden der Menschen in diesen Schlafzimmern. Dieser Unterschied zwischen dem Tages- und Nachtleben der Pflanzen ist eine Folge der An-, respektive Abwesenheit des Sonnenlichtes; das Licht ruft chemische Prozesse hervor, die in Abwesenheit des Lichtes eben nicht eintreten. Außer der Veränderung in den Atmungsvorgängen der Pflanze wirkt die Sonne aber auch auf das Duften der Pflanzen; so duften die Linden am Abend, wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist, viel fräftiger als in der Mittags Die neuzeitliche Mufit hat die Mannigfaltigkeit der älteren Ton- glut. Es gibt aber auch Pflanzen, die am Tage überhaupt nicht systeme zugunsten einer starren Einförmigkeit der Tonarten auf- duften, bei Nacht aber einen sehr kräftigen Duft aussenden. Die gegeben, gleichwie unsere Sprachen ihren formalen Reichtum immer Nachtviole ist wegen dieser Eigenschaft schon lange bekannt. Vor mehr abschleifen. Wo jedoch ein Komponist einen altertümlichen einiger Zeit fand sich, daß eine Pflanze, die man überhaupt für Stoff zu behandeln hat, dort liegt eine Neuverwertung alter Ton- duftlos hielt, da man sie nur am Tage beobachtet hatte, bei Nacht gebilde nahe. So ist uns Weber in seiner" Turandot" sehr stark duftet. Diese Pflanze gehört zu den sogenannten Did chinesisch gekommen; so hat A. B. Mary seinen" Moses" pflanzen und sie hat den wissenschaftlichen Namen Crassula laetea. im Oratorium primitive Konfolgen singen lassen; so hat Diese am Tage in der Tat ganz duftlose Pflanze sendet in der Nacht Meyerbeer seinen Wiedertäufern im„ Propheten" einen alten Kirchen- fogar einen starken, dabei aber durchaus nicht unangenehmen Duft ton gegeben; so charakterisiert Beethoven seinen„ Dantgejang eines aus, dessen Charakter zwischen dem Duft der Nelken und dem des Genesenen" und Weber seine Wolfsschlucht durch eine uns fremd- Jasmins eingereiht werden kann. Man braucht übrigens, um diesen artige Stufenfolge. Wer Pfahlbauern singen läßt, sei's ernst oder Duft zu genießen, nicht Nachtschwärmer zu werden, sondern es geheiter, hat eine prächtige Gelegenheit, in neuer Weise elementar zu nügt, die Pflanzen längere Zeit ins Dunfle zu stellen. werden. Wilhelm Freudenberg ließ sich diese Gelegenheit entgehen, als er den Text von Joh. Laufs nach Fr. Th. Vischer zu der tomischen Oper Die Pfahlbauer" tomponierte. Das Wert wurde unseres Wissens bereits 1877 aufgeführt. Jezt hat die Wolzogen Dper es vorgestern( Mittwoch) neu herausDer Allgemeine Deutsche Sprachberein hat eine neue gebracht und sich damit äußeren Erfolg und inneres Verdienst er Breisarbeit ausgeschrieben: Die Anschauung Goethes worben. Allerdings ist schon für den Tert die Pfahlbauernschaft von der deutschen Sprache. Die Arbeiten sind bis zum mehr nur dramatischer Vorwand. Von diesen Seebewohnern wird ein römischer Weinreifender gefangen genommen. Des Häuptlings Jahre 1906 an den Vorsitzenden des Sprachbereins, Geh. Oberbaurat Gattin Urhigidur will ihn für ihre Tochter haben. Trotzdem wird Sarrazin, Berlin, einzureichen. Es sind zwei Preise( 1000 und 500 M.) er zum Opferaltar geschleppt. Doch im legten Augenblide gelingt ausgesetzt.es ihm, die Wilden und schließlich auch ihren Seedrachengott seinem Weingott opfern zu laffen." 19 Der Komponist, seit Jahrzehnten als solcher und als Dirigent ob seines ernsten Wirkens wohlangesehen, hat zu jenem Libretto eine Mufit gemacht, vor der man nur alle Achtung haben fann, wenn man auf die eingangs erwähnten Ansprüche und selbst auf die Nuancen einer Urwelttomit, auf eine etwaige Scheffel- Sprache in Musil, verzichtet. Wie er seine entrüsteten Chöre, seine Streit Quartette und dergleichen durchführt; wie er die( kanonische") Kunstform des futzessiven nachahmenden Einsatzes seine vornehmen Themen ( zum Beispiel das des Mädchenchores zu Beginn des zweiten Aufzuges) verarbeitet: das ist zwar nichts zum Nachträllern, doch um so mehr zum Anhören und zum Verfolgen der feinen Einzelheiten. der Stimmen handhabt; wie er Notizen. Jn Neumünster ist ein Verein für ländliche Volkshochschulen für Schleswig Holstein gegründet worden. Boffart, Intendant der Münchener Hoftheater, tritt am 1. Dktober von seinem Amte zurück. in -Der nächste Deutsche Geographentag findet 1907 Nürnberg statt. -Bei der Spaltung der Wiener Sezeffion waren „ die Großen" das treibende Element. Ausgetreten sind bis jetzt: Klimt, Architekt Otto Wagner, Roller. Moser, Hofmann, Moll, Bernazit, Auchenthaller, Orlit, Wegner, insgesamt 15 Mann. Der Botanische Garten zu Schönbrunn( Wien) besigt ein Unikum: ein Exemplar der Fockea capensis. Der Stamm der Pflanze ist eine findstopfgroße, steinharte Masse, die zur Regenzeit 8weige treibt. Die Pflanze stammt aus dem Kap land. Bolzogens neues Unternehmen dürfte sich damit in der bereits gewonnenen Gunst nachhaltig befestigen. Um so eher wird dies ges lingen, wenn für bessere Regie und Maschinerie gesorgt wird. Das c. Die größte direkte Photographie, die je gemacht Kleine Orchester hielt sich unter Erich Band verhältnismäßig worden ist, wird seit einigen Tagen in Chicago ausgestellt. Es ist recht wacker. Sein lautes Klingen und manche Mängel der ein Bild des„ Propheten" John Alexander Dowie, das 2,40 Meter Aussprache bei Solisten und Chor stören allerdings das zu 1,30 Meter mißt; und zwar ist es ein diretter Abzug von einer Verständnis oft fehr. Abgesehen davon sind insbesondere tüchtige ebenso großen Platte, feine Vergrößerung. Zur Aufnahme war ein Materialien von Gesangsstimmen zu rühmen. Nennen wir in erster besonderer Apparat nötig, das Gestell und die Schalen mit den ver Linie die Altistin Therese Saat, so verdienen doch auch die schiedenen Bädern waren außergewöhnlich groß und 15 Personen Sopranistin Katharina Angelo, sodann der Tenor Surt waren bei der Entwickelung und dem Abziehen der Mammut Weber( der bei gleichmäßigerem Ausspinnen seiner Töne noch Photographie" tätig. H Verantwortl. Redakteur: Franz Rehbein, Berlin.- Drud u. Verlag: Borwärts Buchdruderei u.Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW,