Anterhaltungsblatt des Jorwärts Nr. 117. Dienstag, den 20. Juni. 1905 (Nachdruck verboten�) S71 flammen. Romatt von Wilhelm Hegeler» „Da sagte ich zu Grabaus: der"— Wolf lugte vor- sichtig in den Garten hinunter und fuhr dann mit leiserer Stimme fort—..na unten der Schwager Konrad, sagte ich, wäre doch eigentlich ein kolossales Rindvieh. Wenn der hier säße und man zeigte ihm all die Schönheiten, dann würde er nur den verdorrten Baum da sehen und darüber alles andere vergessen. Darauf guckt Grabaus mich an und sagt:„Von seinem Standpunkt hat er ja auch recht. Denn was ist die Welt schließlich anderes als unser eigenes Spiegelbild?" Na, ich war natürlich anderer Ansicht, und wie wir so hin- und herreden, sagt er schließlich zu mir:«Wenn ich in Deines Schwagers Haut steckte, dann würde mich auch der verdorrte Baum mehr interessieren als alles, was da grünt und blüht."— Ich hielt das für Stimmung und suchte es ihm auszureden. Wir sprachen dann von allen möglichen anderen Dingen und waren schon beinah wieder in der Stadt, ich hatte tapfer drauf losgeredet und dachte, er wäre nun ganz meiner Meinung, da bleibt er plötzlich stehen:„Wenn Sie die Wahrheit wissen wollen— nehmen Sie den verdorrten Baum, dann haben Sie mich." Ich lachte. Ja, mein Gott, ich ahnte doch nicht, daß er's ernst meinte. Da wird er blaß, und wie er nun den Hut herunterriß, liegt ihm der kalte Schweiß dick auf der Stirn. Er sagt:„Wenn Sie mich lieb haben, dann halten Sie das nicht für Geschwätz. Keinem Menschen Hab ich es gesagt. Aber mit mir ist es aus. Oder es ist wohl nie was mit mir gewesen. Ich war wohl so ein frühreifes Pseudogenie: die versagen, wenn es sich um wirk- liche Leistungen handelt. Heute weiß ich, daß ich nie was ge- leistet habe und nie was leisten werde."-- Das sagt er und hat dann von keinem Trost was wissen wollen. Ich kann Dir sagen, Life, die ganze Nacht bin ich den furchtbaren Eindruck nicht losgeworden. Am anderen Morgen wollte ich zu ihm. Aber ich Hab mich, weiß Gott, nicht getraut." „Du, Wolf," sagte Marie Luise, die sich aufgerichtet hatte und deren Gesicht vor Erregung glühte.„Höre, Wolf—" Sie ergriff ihres Bruders Hände und versuchte zu sprechen, aber ihre Stimme gab nur rauhe Flüstertöne her. „Ach Gott!" unterbrach er sie.„Jetzt bist Du auch noch so aufgeregt. Hätte ich's Dir doch nicht erzählt!" „Doch, doch! Das ist gut. Nur mußt Du mir einen Ge- fallen tun. Geh zu ihm und bitte ihn, daß er nicht ver- zweifeln soll. Sag ihm, in memem Namen bätest Du ihn. Verstehst Du?" Er nickte ängstlich. „Ja, ja, ich will's tun." „Er und an sich verzweifeln!— Vor ihm liegt ja die glänzendste Zukunft. Wenn er nur nicht aufhört zu streben. — Sag ihm, das wäre das größte Verbrechen. Er muß sich aufraffen. Hörst Du, er muß es Dir versprechen." Mit ihren heißen, trockenen Händen umpreßte sie die ihres Bruders. Große Tränen standen in ihren Augen. „Sag ihm, daß ich nie aufgehört habe, an ihn zu glauben. Und wenn er jetzt verzweifelt ist,— dann— sag ihm,— daß ich doch nur aus Liebe zu ihm—" Sie stöhnte plötzlich laut auf, und ihr Gesicht unter der Decke vergrabend, brach sie in wildes Schluchzen aus, das ihren ganzen Körper durchbebte. Regungslos, ohne einen Versuch zu machen, seine Schwester zu beruhigen, saß Wolf da. Während er mit entsetzten Augen in die sonnig blaue Luft starrte, hatte er das Gefühl, daß etwas unfaßbar Furchb bares mit schwerem Flügelschlag über� ihm dahingeftrichen war und bis dahin nie gekannte Schauer in seiner Seele zurück gelassen hatte. So verharrten die beiden, scheinbar ohne sich umeinander zu kümmern. Erst als im Garten die Stimme des Majors laut wurde, warf Marie Luise die Decke zurück und preßte ihr Taschentuch gegen die Augen. Ihr Körper zuckte noch immer zusammen von den starken Wellenschlägen� des Schmerzes. Wolf war aufgesprungen» währen? sein Schwäger sich erschrocken über die Weinende beugte. „Mein Herz, was ist Dir?" Ohne das Tuch von den Augen zu entfernen, streckte sie die Hand nach ihm aus und versuchte zu sprechen. Aber die zitternden Lippen vermochten keine Worte zu bilden. _„Sie hat sich sehr aufgeregt— wir wollen sie lieber allein lassen. Komm!" stotterte Wolf, indem er seinen Schwager am Arm ergriff und ihn die Balkontreppe hin- unterzog. Die beiden gingen durch den Garten, wo Doktor Plate» ihnen von der Trittleiter aus seine Säge zeigte, deren Zähne verbogen waren. „Vor drei Wochen habe ich das Ding gekauft," sagte er wütend.„Sechs Mark hat der Schund gekostet.— Das kommt aber, weil heutzutage alles fabrikmäßig hergestellt wird." Während der Major etwas wie eine Antwort murmelte, fiel Doktor Platens Blick auf Wolf. „Bist Du krank?" fragte er ihn erstaunt, Aber dieser ging weiter, als wenn er nicht gehört hätte. Und in Wirklichkeit hatte er den Sinn der Worte auch nicht erfaßt. Er war einfach betäubt. Es war ihm ergangen wie einem Soldaten auf Vorposten, der nach dem Feind ausspäht, bald vor einem Baumstrunk, bald vor einem Findling er- schrocken anschlägt, doch sich immer wieder überzeugt, daß er sich geirrt hat. Plötzlich aber springt er von einer Kugel töd- lich getroffen in die Luft und fällt mit dem Gesicht ins Gras... So iminerfort grübelnd und doch gänzlich ahnungs- los war Wolf von dieser Erkenntnis getroffen worden, als ein einziges Wort, die eine verzweiflungsvolle Gebärde seiner Schwester ihm ihre unüberwindliche, zerstörende Leidenschaft verraten hatte. Jeglicher Fassung beraubt war seine arme, wirre Seele, nur die eine Tatsache leuchtete darin, grell und doch unbegreiflich. „Nun— was hat sie so erregt?" Wolf fühlte, wie sich die Hand seines Schwagers auf seine Schulter legte, er hörte dessen Stimme, deren ruhiger, beherrschter Ton doch von so viel Angst und Sorge durch- zittert war. Als nun der Major stehen blieb und ihn erwartungsvoll ansah, fragte er, nur um noch einige Augenblicke Zeit zu ge- Winnen, was denn der Arzt zu dem Befinden seiner Schwester gesagt hätte? "„Ach, Tu weißt doch, wie das mit ihm ist. Je weniger er sich auskennt, desto mehr Worte macht er. Aber er fühlt selbst, daß das alles nur Phrasen sind.— Der objektive Befund ist ja nicht so schlimm, darin stimmen auch die Professoren überein. Nur diese absolute Schwäche! Es ist gerade, als wenn sie den Willen zum Leben verloren hätte.— Aber was hat sie so erregt?" Einen kurzen Augenblick zögerte Wolf noch. Aber kaum hatte er dann zu sprechen begonnen und das wiederholt, was er der Kranken erzähtt hatte, als ihm sofort freier und leichter zumute wurde. Denn er spürte geradezu die Nähe seiner Schwester, und diese absolute Zuversicht, daß alles, was sie sagte oder tat, das Richtige sei, ergriff ihn mehr und mehr. Die beiden hatten auf einer Bank vor einem Flieder- und Goldregengebüsch Platz genommen. Der Major saß vorn- übergeneigt und strichelte mit seinem Krückstock im Sande, Auch nachdem Wolf zu Ende war, hörte er damit nicht auf, gerade als wenn die nervöse Hand von selbst hin- und her» schnellte. Doch plötzlich richtete er sich empor und sah seinen Schwager an. Voll unsäglichen Grams war sein Blick. „Also so steht's mit Deinem F.eund?" warf er kurz, mik zerbrochener Sttmme hin.„Du mußt hingehen, verstehst Du— und ihm sagen, er sollte uns doch wieder besuchen.— Ich würde mich sehr freuen— und auch Marie Luise— auch ihretwegen sollte er kommen— hörst Du?" Wolf hatte sein Gesicht abgewandt und vermochte mik aller Gewalt nicht die innere Bewegung zu verbergen. Brütend betrachtete ihn der Major, als wenn er sich über diesen Mangel an Selbstbeherrschung wunderte. f Dann berührte er sacht die zusammengeballte, zuckende Hand und sagte; _ Fa, mein FungS. Las Re'chse ffu finden, ist manchmal M schwer.— Wir aber, meine ich, müßten alles tun, damit sie Nicht noch mehr leidet. Denn wer weiß— wie lange wir sie Noch behalten. Hinter den Gebüschen kam langsam Doktor Plcrten heran, gogernd, indem er manchmal stehen blieb und umdrehen zu »vollen schien, dann sich aber doch wieder einige Schritte näherte. „Sprecht Ihr von Deiner Frau?" fragte er.-„Meine Ansicht ist, daß sie möglichst bald fort muß. Nach Davas oder St, Moritz." Als der Masor eine abwehrende Bewegung machte, fuhr er in stiller Wut fort: »Ich sage Dir, das ist das einzig richtige. Auf das Psychische ist gar nichts zu geben. Das ist eben der Unsinn, daß Du immer darauf Gewicht legst, was sie sagt." Ohne seinem Bmder zu antworten, wandte der Masor sich an Wolf: „Ich will mit ihr sprechen. Warte Du hier!" Dann ging er ins Haus. Doktor Platen aber stampfte zornig mit dem Fuß auf. „Schick sie nur weg, dann wird sie schon kuriert!" Und während er sich forttrollte, murmelte er noch in der- bissenem Grimm: „Ein Elend ist das mit diesen Weibern! Die sind sa alle total verrückt—" Als Wolf dann nach einer Weile ins Haus gerufen wurde, fand er dort Schwester und Schwager still bei- sammen. Von dem, was geschehen war, wurde nichts erwähnt. Marie Luise erhob sich bald, um sich zu Bett zu legen. Als dann auch Wolf Abschied nahm, sagte ihm der Major, er wolle selbst an Grabaus schreiben, daß er willkommen sei. Diesen Brief erhielt Grabaus am nächsten Abend. Nach einem ftrrchtbaren Tage saß er an seinen: Arbeitstisch vor leeren Blättern. Draußen därmnerte es. Tie feurigen Ströme der untergehenden Sonne erloschen, und Dunkelheit lagerte sich über das Zimmer. Aber während die Nacht schwärzer und tiefer wurde, bereitete sich in seiner Seele ein neuer Tag vor. Mochte der Sonnenstrahl, der das Bild Garlyles an der Wand hell hatte aufleuchten lassen, die Erinnerung an diesen Mann geweckt haben, der durch Finsterniffe und Trübsalsqualeu den Weg zu den Sternen gefunden chatte— in feiner verzweifllrngsvollen Seele war ein Licht entzündet, schwach schimmernd noch, und ahnungsvolles Regen frischer Kräfte war zu spüren. Da brachte das Mädchen den Brief, welchen sie still- schweigend ans den Tisch legte. Weil ihm die Handschrift fremd war, ließ er chn liegen, um den so lang entwöhnten Stimmen nachzulauschen. Erst als er dann die Lampe an- steckte, öffnete er das Schreiben. Aber kaum hatte er es ge- lesen, als er dm Kopf auf den Schreibtisch warf und laut auf- schluchzte. Es war ein kurzer, ungelenker Brief, geschrieben von jemand, dessen Geist in allen anderen Verrichtungen gewandter war als in der, seinm Gedanken und Empfindimgen Aus- druck zu verleihen. Aber in dieser keuschen Verschlossenheit lag ausgesprochm: die Größe der Liebe und Güte dieses Mannes, der unverwundbare Glaube an seine Frau und das Vertrauen in den, dem sich ihr Herz zugewandt hatte. Und während Grabaus der einst so wilden, begehrlichen Stimmen feiner Leidenschaft gedachte, fühlte er sich gedemütigt und auf die Knie gezwungen vor diesem Manne, der seine Frau mehr liebte als sich selbst. Den Tag darauf schon fuhr er nach Weimar. Marie Luise lag auf ihrem Nuhebett, als er die Veranda betrat. Niemand war bei ihr. Sie streckte ihm ihre weiße, schmal gewordene Hand hin, und wie sie die seine schwach umpreßte, entrang sich ihr ein einziges Wort:„Ach Du!" Wortlos saßen sie dann beisanunen, wie geblendet einer vom anderen, als wäre nach langer, banger Nacht Plötzlich hellster Sonnen- schein über sie hereingebrochen und machte sie fast blind. Sie brauchten Zeit, um zu sich zu kommen. Dann erst erkannten sie sich wirklich. Vergessen waren nun die eigenen Schmerzen, vom Leid des anderen fühlte sich jeder tief ergriffen. Als nach einer Weile der Major eintrat, sprang Grabaus auf und wollte etwas sagen. Aber er vermochte kein Wort herauszubringen. Er spürte nur zitternd den Händedruck, mit dem dieser ihn fest und unentrerßbar ins Herz zu schließen Wen. Als sie dann am Lager der Kranken saßen, sagte der. Major mit seiner gütigen Stimme: -„Herz, min mußt Du aber auch gesund Eerdeii.* Und Marie Luise umfing die beiden mit einem grenzen, losen, glückseligen Blick. „Nun werd' ich gesund. Ich versprech' es Euch!" Etwas Neues, ein heiliger, reinerer Glanz lag von nun ab über dem Verkehr der beiden. Lange Stunden verbrachten sie in innigster Vertraulichkeit, ganz allein, von niemandem! beobachtet. Aber als wenn unsichtbar ein dritter zugegen wäre, vermieden sie jede sinnliche Annäherung. Kaum daß sie sich die Hand gaben beim Kommen und Gehen. Und nicht bloß zwischen ihnen allein, auch zwischen Grabaus, dem Major: und Wolf schien nun eine noch tiefere Innigkeit und Herz, lichkeit zu bestchen. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verdoteu.) Hermann lUtigg. München, 13. Juni. Der Dichter Hermann L i n g g g't an Herzlähmimg heute gestorben.— Es lag etwas Feierliches, Großes um seine Gestalt gebreitet. Diesem Eindruck konnte sich niemand, der, wie der Berfaster dieses Aufsatzes, des Glücks des persönlichen Umgangs mit Lingg teilhastig ward, entziehen. Er gemahnte an einen Barden der germanischen Vorzeit. Das, was die Griechen Vates. d. i. Seher, Priester, Dichter in einer Person nannten, war ihm eigen. Wie ein Priesteramt faßte er den Beruf des Dichters auf. In feinem Auge lag wirklich jener„schöne Wahnsinn", von welchem Shakespeare im .Sommernachtstranm" seinen unsterblichen Ausspruch getan. So hat Franz Lenbach einst den Siebzigjährigen gemalt. Und wer ihn gekannt, wer ihm daheim, in der rückwärts gelegeneu Studier- und Arbeits» klause. oft stundenlang gegenüber gesessen hat, auf jenem Divan, den prachtvolle Löwenfelle als Geschenk indischer Verehrer bedeckten, dem wird jener Anblick unvergeßlich bleiben und er muß dem Maler bekunden, wie meisterlich er des Dichters geistige Züge getroffen hat. So reich min Linggs Schaffen, so einfach, schecnbar ohne die Katharsis äußerlicher Mühen und Kämpfe vollzog sich sein Dasein. Hermann Ludwig Otto Lingg war am 22. Januar 1820 zu Lindau im Bodensce als Sohn eines Rechtsanwalts und Rotars geboren. Nachdem er das Gymimfinm seiner Vaterstadt absolviert hatte, bezog er die Universität München» nur sich für ein Brotstudium, die Medizin, vorzubereiten. In diese Zeit fällt sowohl sein erstes dichterisches Schaffen, als auch, seine erste Reise nach Italien und, über Berlin, eine Wanderung an den Rhein. Zurückgekehrt, wurde Lingg Assistenzarzt an der neu errichteten Poliklinik in München und kam 1840 als Militärrmterarzt IL Klasse zu der Kommandantschaft in Augsburg, dann nach Würz- bürg und Sigmaringen. 1849 beim Ausbruch des dänischen Feld- zuges hoffte er vergebens mitzugehen, umßte aber nach Passau. Hier brach ein Nervenleiden aus, das sich während eines vierwöchigen BiwackierenS bei Donauwörth bis zum Verfolgungswahnsmn steigerte und Linggs Verbringung in die unweit Cannstatt gelegene Heil- anstatt Winnenthal, Ivo auch Lenan einige Zeit verbracht hatte, not- wendig machte. Glücklich genesen, kehrte der Dichter nach München zurück. Da seine Nerve» aber den Lärm nicht vertrugen, so zog er sich auf ein Dorf bei Lindau zurück und nahm später, pensioniert, seinen bleibenden Wohnsitz in München, wo er sich verheiratete und, ausgestattet mit einer ihm gewährten Pension, im eigenen Heim an der Nhinphciiburgerstraße fortan seine dichterische Tätigkeit ent- faltete. Bislang war ihm das Glück, für seine Schöpfungen einen Ver- leger zu finden, versagt geblieben. Das sollte nun anders werden. Ein Freund, der Bibliothekar Fernbacher bei der Hof- und Staats- bibliothek, sandte Linggs Gedichte mit einer Empfehlung an Gcibel und dieser fand ihn» für dieselben in Cotta den Verleger. Das Buch nmchte Aufsehen und Linggs Dichterlaufbahn war nun ent- schieden. Inzwischen hatte er aber auch an einem Werk fort- gearbeitet, das für ihn von grundlegender Bedeutung ward. Es war„die Völkerwanderung". Schon während feiner Münchener Universitätsjahre hatte er den Plau hierzu gefaßt gehabt, und zwar sollte die grandiose Dichtnng in Ottavo rime, für welche Stropheu- fornr er durch Luiz de Cmnoens„Lufiaden" Anregung empfing, geschrieben werden. Nicht auf einmal war der Plan zu dem Epos entstanden, sondern„Itne ein großer Stromlaus aus den ihm zufließenden Wassermengen, Bächen und Quellen, aus dramatischen Ansätzen, Episoden und Szenen. Allmählich gestattete sich das Epos. Es gruppierten sich die Massen um deu einheitlichen Gedanken. Eine andere Einheit als die des Gedankens konnte nicht ohne Zlvaug stattfinden. Der einzige Theoderich stand als erster der Helden iu der Mitte der Dichtung, doch nicht so überragend, um einziger Mittelpunkt des Ganzen zu fein. Auch stillte ja seine Laufbahn nur einen kurzen Zeitraum aus. DaS Unbewußte, der in der Phantasie schlafend gelegene Untergrund, das dämmernde Werdeir, das alles lag als Erlebtes, als Bor- bereitung der Dichtung in Lingg. Den Schauplatz, Italien, kannte er ja aus eigener Anschauung und die mächtige Einwirkung des Geschauten mußte sich hier zu glanzvollen Schilderungen verdichten. An anderes war CS mit der italienischen Versgattung. Oft hat man Lingg zum Vorwurf gemacht, daß er für sein Epos die Oktave gewählt. Me hätten sich aber die Recken Marich, GeiseriS, Odoaker im Hexameter ausgenommen, oder wie die Schilderungen aus dem üppigen Leben Roms oder eines zierlichen Landfitzes im griechischen Baustil in der Nibelungen» strophe l Beide Versmaße abwechseln zu lassen, hätte, meint Lingg, die einheitliche Fassung des Gedichts beeinträchtigt; in der Oktave dagegen konnte die ruhig fließende Breite des Hexameters und der stürmische Fortdrang der Nibelungenstrophe vereinigt werden. Mehr als jede andere Strophe war die Oktave geeignet, die wuchtigen Quadern eines Epos wie die Völkerwanderung zu tragen. Kampf der alten, untergehenden Welt mit einer neuen, werdenden I Der Aufeinanderprall zweier Weltepochen, der des römischen Heidentums und der siegenden Christenheit, der Barbaren des Nordens in ihrer Heldengröße gegenüber der hinwelkenden Schönheit des antiken Lebens, welche Fülle von Gestalten bot sich dal Und welcher Reichtum landschaftlicher Schilderungen vom Nordlicht über den Steppen mid den Klippen der mitternächtigen Meere bis zu den glücklichen Inseln des Südens, vom Hochgebirge bis zu den verlassenen Riesenbauten am Saume der Wüste l" Das ist nach eigenen Worten LiitggS dichterisch« Perspektive. Und so kam dann das Werk zustande, von den, der Dichter in seiner Auto- biographie„Meine Lebensreise" bescheiden, aber im Bewußtsein eigenen Wertes sagt:„Ein Buch mehr auf der Welt, ein Buch, das jedenfalls länger dauern wird, als das Leben dessen, der es ge- schrieben hat." Seit 1868 lag das Epos vor uns, in der Gestalt. die wir heute kennen. Es zerfällt in 23 Gesänge, im Umfange von zusammen 2570 achtzciligen Strophen oder 20 560 je dreipaang und je einpaarig untereinander gereimten Versen! Ein Riesenwerk also in des Wortes höchster Bedeutung I Es mochte weniger an Linggs dichterischem Gestaltungsvermögen gelegen haben, als wohl mehr an der Sprödigkeit des Stoffes, wenn es nicht ge- lang, durchweg jene künstlerische Höhe zu bewahren, die die Musik der Oktave an sich schon erheischt. Andererseits war es auch nicht die Schuld des Dichters, wenn sein Werk kein VolksepoS wurde und wenn es erst 1892 die zweite Auflage erlebte, also eigentlich mehr Bewunderer, als Leser fand. Dennoch wird eS den Namen seines Schöpfers auch noch späteren Generationen vermitteln. Lingg ist wohl der bedeutendste Epiker des vorigen Jahr- Hunderts. Üeberhaupt liegt die Stärke seiner Kraft und Begabung auf dem Gebiete der Epik und der epischen Lyrik. Wohl hat er neben mehreren Bänden novellistischer Prosadichtungen auch eine ganze Reihe höchstbeachtenswerter historischer Dramen geschrieben und mit heißem Bemühen um die Palme deS erfolgreichen Dramatikers gerungen. Allein es fehlt diesen der eigentliche dramatische Nerv, das glaubhaft gemachte Aufeinanderprallen von Gegensätzen, sowie zumeist die den Hörer oder Leser tiefer und nachhaltiger interessierender Charakterisierung der Gestalten und die Klar- heit der Vorgänge. Lingg ist zu sehr Lyriker, als daß er den Kampf um die Bühne siegreich behaupten konnte. Aber auf dem ihm eigenen Gebiete: wie groß ist er da und welchen verschwenderischen Reichtum an Stoffen und Formen streut er da aus, welche tropische Pracht und Fülle und welche Tiefe und Weihe der Gedanken und Einpfindungen entströmen da seiner Brust! Mannigfach also sind die als Sammelwerke unter bedeutungsvollen Namen wie„dunkle Gewalten"(dreizehn kleinere lyrisch-epische Er- Zählungen),„Schlußsteine",„Lyrisches",„Schlußrhythmen'.„Jahres- ringe" dargebotenen Poesien. Ein großartiger Vildersaal der Welt- geschichte tut sich hier auf. Bis huiem ins Ultimo thulo sagcn- nmnebelter Vorzeit schweift seine mächtig erregte Phantasie. Mit visionärem Blick greift er Gestalten der Sage und Geschichte heraus und stellt sie. nmbrandet von der Woge des Geschicks, umtost von unheimlich wirkenden Raturmächten oder im Kampf mit Göttern und Menschen genießbar plastisch vor uns hin. Niemals gibt Lingg alltägliches im trivialen Sinne versifizierender Geschichts- klitterer. Immer steht hinter den Stoffen die zwingende Kraft des schöpferischen Gestalters, dem wir, ob wir wollen oder nicht, folgen muffen. Wühlerischer Schmerz hat an seiner Wiege gestanden, tiefe tragische Weihe entströmt seinen Versen. Nur selten, ja fast me, schlägt der Poet ein heiteres lächelndes Auge auf; und so kommt es, daß wir immer gefaßt sind, ernste, dunkle Klänge zu vernehmen. ES gehört femer zu Lingg's Eigenart, daß er nicht bloß das Geschick und die Tragik der geschilderten Gestalten, sondern auch sich selbst und fem inneres Erlebnis im Spiegel der ganzen Welt und Menschheit erschaut. Sonach wird man bei ihm reine Sttmnnmgslyrik, die um ihrer eigenen Musik willen und zur Freude der Komponisten da ist. fast vergeblich suchen. Er bietet beinah durchweg lyrische Gedankenfracht bei kühnstem Metapher- und Bilderschmnck, ohne freilich auch immer deren poetische Auflösung bewältigt zn haben. Seiner vulkanischen Glut und Kraft liegt alles Kleinliche im Wege. Sie stürzt darüber hinweg, vermag aber selbst das Eisige zu durchglühen, die Starrheit schmelzend zu beleben. Denn es ist, bei aller so zu sagen„historischen" Art, doch schließlich das deutsche Gemüt, das überall durchbricht. Linggs überreiche Raturlyrik beweist es. Innig und schön ist die Naturwelt im jahreszeitlichen Wechsel in ihren Be- Ziehungen zum Menschen gewiß vou zahllosen Poeten besungen worden, inbrünstiger, apokalyptisch-gewaltiger nie, als von Lingg. Als Beispiel hierfür diene sein Gedicht„Nachtslille't Wer einsam wacht, Kennt das heimlich« Leben Im Schweigen der Nacht, Ihr stilles Weben: Wie die Sorge nagt, Wie der Totenwurm zimmert, Me das Menschenherz zagt Und das Elend wimmert; Wie verborgen rinnt Aufs Ktssen die Träne, Wie den Flug beginnt Die Nachtphaläne. Wie das Raubtier schleicht« Wie von den Pfaden Der Sterne reicht Herüber em Faden, Und wie vom Lauf Des einen zum andern Herab, hinauf Die Seelen wandern. Lmggs Dichtungen, ssagie ich vorhin, sind stets der ganzen Mensch- heit zugewandt. Nicht rückschauend allein weilt seine Muse bei dem historisch Gewordenen; sondern eS entspricht der Sendung des echten Poeten, daß er auch die Erscheinungen seiner Zeit, also die Prozesse des Werdenden. Neuen aufmerksam verfolgte. Das soziale Elend und Wehe der Besitzlosen ist nicht an Lingg vorbeigegangen, ohne des Dichters anteilnehmenden Schmerz zu erregen. Man lese sein er» schüttelndes.Lied an die Armen": „Ihr Armen mit dem dürren Stab. Der nimmer glüht und blühet, Ihr geht die Erde auf und ab, Verzehrt und abgemühet, Ihr hoffet leinen Sonnenschein Und fürchtet keinen Regen, Gedeiht das Korn, gerät der Wem, Für euch isfs doch kein Segen. Das Jahr sei noch so früchtereich, Bleibt euer Elend doch sich gleich. Wann esset ihr euch satt an Brot? Ja, wenn die Steine blühen!—> Ihr säet Müh' und erntet Not. Und euer Feld find Mühen. Mit Distel, Dorn und Hagebutt Blüt euer Garten immer, Und euer Weinberg steht auf Schutt. Und euer Gott ist Glimmer; Mit Wolken deckt die Nacht euch zu, Und Staub und Tau sind eure Schuh'. Ihr ließet gern beim Festgelag Vom Sticht den Schwelger gleiten; Ihr wolltet nichts, als Tag für Tag Ein Leben euch erstreiten. Der Marder hat sein fich'reS HauS» Der Hamster hat sein Essen; Nur euch verfolgt und stößt man anS, Nur ihr seid ganz vergessen. Ja, groß ist euer Reich und weit, So daß eS schier gen Himmel schreit." Er preist die Wahrheit und Gerechtigkeit; und der Siebzigjährige donnert die Gemeinheit nieder. Denn der Mann und Dichter hat es stets mit der Freiheit gehalten. Sie war sein Jugendidcal gewesen, und der Abglanz von ihm blieb in seinem Herzen. Als„Gemen gltter Taten" ericheinen ihm: der Völkerfriede, die Hülfteiche Bruder» liebe, die vereint kämpfende Forschung und Wissenschaft, die Poesie und die Künste. Sie werden„für ein künfttges Geschlecht Mensch» lichkeit und aller Völkerbünde höchstes Gesetz und erstes Recht" be- gründen. Des Dichters Glaube an dies goldene Zeitalter der Menschheit ist unerschütterlich; die nachfolgende Strophe aus dem Gedicht„Dodona" klingt wie ein Vermächtnis des Toten an djö Lebendigen: „Von Aegyptens Pyramiden Bis zu Delphis Priestcrin, Bis zu Ganges' Tempelfrieden Henriche einer Lehre Sinn: Trost zu spenden. Schmerz zu lindern, Licht zu wecken weit und breit, Freiheit allen Erdenkindern, Freiheit, Liebe, Menschlichkeit." __ ErnstKreowski. Kleines Feuilleton. — Tie Tragödie eines Arztes, lieber die letzte Lebenszeit deI dieser Tage in Breslau verstorbenen Chirurgen Mikulicz be- richtet das„Neue Wiener Tagblatt": Gerade jenes Leiden, das er slü häufig siegreich bekämpft hatte, gegen das er eine neue, sinnreiche. bewährte Operationsmethode angegeben hatte, sollte seinen Unter» gang herbeiführen. Einem Magenkrebs sollte er zum Opfer fallen,. er, den unzählige Patienten aus aller Welt wegen dieses Leidens um Rat gefragt hatten. Es war vor Weihnachten. Im Hause des berühmten Chirurgen. rüstete man freudigen Gemütes zum schönen Familienfeste. Auch! der Meister selbst machte seine Einkäufe, besorgte die großen und kleinen Ueberraschungen und war so ruhig und gefaßt, daß keiner aus seiner Umgebung, selbst das von Liebe geschärfte Auge seiner nächste» Angehörigen nicht, merken konnte, daß innerlich im Herges fceS Erhalters der Familie die traurigste» Gedanken zurückgehalten Verden muhten, zurückgehalten mit der ganzen Wucht eines Mannes, S>er sich vorgenommen hat,„seinen Liebe» das schöne Fest nicht zu verderben". Denn damals hatte Mikulicz schon seine Diagnose gestellt. Er wußte schon, welches Leiden an seiner Lebenskraft zehrte. Und er war ein bewährter Diagnostiker! So verlebte er das schöne Fest im Kreise der Seinen, vielleicht mit dem sicheren Bewuhtsein, den letzten Weihnachtsabend mitzumachen. Wie sollten die Seinen auch erkennen, dah er eine solche fürchterliche Diagnose an sich gestellt hatte, wenn er sich so zu beherrschen wußte? Viel- leicht, daß er ein weni« weicher, ein wenig zärtlicher, ein wenig gerührter gewesen als gewöhnlich? Einige Tage nach dem Feste fuhr er nach Wien zu seinem treuen Freunde Eiselsberg. Beide waren aus Billroths Meister- schule hervorgegangen. Beide wußten, daß sie sich im Ernstfalle aufeinander verlassen konnten. Als die erste Begrüßung der beiden Freunde vorüber war, zeigte sich Mikulicz als der echte Chirurg, der nicht viel Worte und Aufhebens macht, sondern gleich auf das Wesentliche der Sache eingeht. Er spracb zu seinem Kollegen:„Du mußt mich operieren!" Eiselsberg mußte die Diagnose seines Freundes und Berufsgenossen bestätigen, und schon am 4. Januar fuhr er in Begleitung zweier Assistenten nach Breslau, um Mikulicz zu operieren. Auch eine Tragödie der Freundschaft. Welche Selbst- deherrschung gehörte dazu, dieses Werk zu wagen! Aber während der Operation schon s-ch er, daß es zu spät war. Der Kranke reiste nach dem Süden, nach der Riviera. Von einer Heilung— das wußte er— war keine Rede mehr. Vor vier Wochen kam Professor Mikulicz noch für einen Tag nach Wien, um seinen Freund und Ärztlichen Berater Eiselsberg aufzusuchen. ES war ihre letzte Be- gcgnung. Dann fuhr er nach Breslau, seiner zweiten Heimat, wo ihn der Tod von seinem schweren Leiden erlöste.— Theater. Berliner Theater. Sondervorstellung.„Geben und Nehmen." Schauspiel inlö Aufzügen von MartinLangen.— Das Stück zählt zur dramatischen Anklageliteratur und hat in dieser Eigenschaft die leelsorgerische Aufmerft amkeit der Zensur auf sich gezogen. Da der Autor deu willkürlichen Streichungen dieses literarischen VormundschastsgerichteS sich nicht unterwerfen wollte, ließ er das Dranm unverkürzt vor einem geladenen Publikum aufführen. Leider erfüllten sich die günstigen Vorurteile nicht, die jeder Eingriff der Zensur hervorruft. Die Anklage wächst nicht mit stummer packender Gewalt auS dem lebendigen Gemälde mensch- licher Zustände und Leidenschaften hervor, sie ist von der retho- rischen Manier. Der Autor nutzt die Personen, um durch sie als Mundstück die Reden, die er auf dem Herzen hat, den Hörern zu verkünden. Aber auch hierbei ver- fährt er nicht gerade sehr geschickt. Die Rede, auf welche wesentlich das ganze Stück zugeschnitten scheint, der leidenschaftliche Ausbruch Emilie Günthers gegen die reiche Dame und die gesamte hartherzige Sippe der Reichen, wird durch die dramatische Situation, in der Langen die beiden gegenüber stellt, nicht Ivie durch eine Resonanz verstärkt, vielmehr der Wirkung nach so gut wie aufgehoben. In dieser Situation— die Dam» bittet das aus dem Hause gejagte Mädchen fußfällig, als Amme zu ihrem kranken Kinde zu kommen— klingen die wilden Worte Emiliens wie leere polternde Tiraden. Der Schlußakt aber, von dem man nach dem Vorhergehenden dann eine nachdrückliche Zuspitzung und Zusammenfassung der Tendenz erwarten sollte, bringt statt dessen nur die betrübliche Nachricht, daß das Babi der übrigens sehr menschenfreundlichen Fabrikantenfrau aus Ammenmangel nun tat- sächlich gestorben ist. Man weiß nicht, was der Ausgang soll. Vielleicht, daß der Verfasser dem Gedanken Ausdruck geben wollte, daß der harte Egoismus der Besitzenden, den Haß der unterdrückten Klassen schürend, hierdurch rückwirkend auch über solche, die von jenem HerrschastsegoismuS frei sind, Leiden verhänge. Aber ganz ab- gesehen von der Belanglosigkeit solcher Nebenwirkungen, die mit Babis Tode endigende Ammengeschichte ist jedenfalls so ausgetüftelt verzwickt, daß sie als einigermaßen anschauliche Illustration dieser Thema? nicht gelten kanfi. Die Verlegenheiten, welche das Ammenproblem dem Hause Briiggemann berettet, ebenso wie die Ausbeutung der Kon- junluir durch die klassenbewußte Emilie baben über- Haupt einen unwillkürlich komischen Beigeschmack. In der ganzen Stadt ist nach Versicherung des Autors nichts Passendes zu finden, und Emilie, die frühere Dienerin, an die man sich in der Angst gewendet, antwortet mit einem hochpolittschen Ultimatum: Sie will nur nähren, wenn der Herr die Forderungen seiner streikenden Arbeiter bewilligt. Dem Fabrikanten leuchtet der Vor- schlag zuerst auch ein, indessen als in letzter Stunde ein Telegrainm lebendigen Milchcrsatz von außerhalb her annieldet, triumphiert er tückisch und schickt die Arbeiterdeputation ohne Antwort nach Hause. Neuer Konflikt! Die Amme wird erst nachmittags eintteffen. Doch das Kleine kann nach der Mutter Meinung ohne Lebensgefahr nicht mehr so lange warten. Das ist die Einleitung zu der bereits erwähnten großen Szene. Die Dame kniet vor Emilie, die, entrüstet über die Weigerung des Fabrikanten, ihr den lang zurückgehaltenen Haß ins Gesicht schreit, nach welcher Absage dem Kindchen nichts anderes übrig bleibt. aM schleunig, bevor die Retterin von auswärts an- langt, das Zeitliche zu segnen. Verantwortl. Redakteur: Franz Rehbein, Berlin.— Druck u. Verlag: Am eindrucksvollsten war noch die mit dieser Handlung nur S-anz lose verbundene Schilderung des Streikkomitees, das mitten in einer Beratung von dem junkerlich unverschämten Brüggemann sen. unterbrochen wird. Hier und dann noch in der Figur von Emiliens Vater, des Streikbrechers, der überall sonst feig kuschend, sich? zu Hause gelegentlich als großer Revoluttonär ausspielt, finden sich Ansätze einer interessanten Charakteristik, freilich eben nur Ansätze. So bleibt es z. B. vollkommen unverständlich, warum dieser Mann bei seiner niedrig praktischen Denkart die Tochter trotz des hohen Angebotes nicht zur Amme hergeben will. Die Brüggemanns mit Ausnahme des alten großschnäuzigen„Knuten- Pascha" sind samt und sonders blaß geraten; insbesondere auch der jung» Alfted, der zum Herold humanitärer Ideen ansersehene Haupttedner des Sttickes. Seine Ansprachen leiden unter einer höchst undramattschen Ausführlichkeit. Die Schauspieler nahmen sich ihrer Rollen mit redlichster Be- mühung an. P i t t s ch a u als Stammvater der Brüggemanns, Willi Roland als Vater Günther standen in erster Reihe. Aber auch die Herren St a r n b u r g(Fabrikant), Schindler(Hausarzt), Mischte und Weigert(Arbeiter) und Fräulein Ida Roland in der Rolle der geängsteten Mutter verdienten alle Anerkennung. Jenny Marba betonte wohl allzu kraß das Abstoßende in der Gestalt der Emilie.— dt Humoristisches. — Ein Kaffeehausscherz. Die Hamburger Fachzeisschrist „Küche und Keller" läßt sich schreiben: Der Mann, von dem hier die Rede fein soll, gehörte zu jenen unerschütterlichen Individuen. denen es Vergnügen macht, die Ruhe und Geistesgegenwart ftied« licher Kellner auf die Probe zu stellen. Vor kurzem betrat er ein Londoner Kaffeehaus und bestellte Kaffee. „Bitte, bringen Sie mir den Kaffee in einer Schale mit dem Henkel auf der linken Seite," sagte er zum Kellner.„Ich bin nämlich linkshändig und ich kann keine andere Schale benützen." „Jawohl, mein Herr," antwortete der Kellner..Ich werde sehen." Hierauf bemerkte man, wie er eiftigst mit dem Oberkellner sprach. Der Oberkellner näherte sich hierauf mit der Frage: „Was für eine Art von Schale wünscht der Herr?" „Eine Schale mit dem Henkel auf der linken Seite. Ich bin linkshändig." sagte ruhig, aber bestimmt der Gast. Der Oberkellner verschwand und kehrte bald darauf etwas ver« wirrt wieder. .Die Schale, die Sie wünschen," begann er zögemd... „Wie?" rief der Gast.„Glauben Sie, Sie können mir weis- machen, in einem erstklassigen Kaffeehause gäbe es kein solches Ding, wie eine Schale mit dem Henkel auf der linken Seile. Unsinn I Ich könnte auch unmöglich aus einer anderen trinken. Sie müssen ja viele solche Schalen haben?" „Gewiß," sagte der Oberkellner,„wir haben sie auch gewöhn- lich; aber ich bedauere, gestehen zu müssen, daß die letzte davon gerade diesen Morgen zerbrochen wurde." Daß er die Schale einfach hätte umzudrehen brauchen, um den Gast zu befriedigen und den.Witz' abzufangen, daran dachte er nicht.— Notizen. — Das Vermögen der Goethe-Gesellschaft be« trägt gegenwärtig 90 000 M.; davon gehen 10 000 M. für die Herder-Sttftung ab.— — In Dessau ist von der Behörde die Aufführung samt- licher Dramen Gerhart Hauptmanns verboten worden.— — Lothar Schmidts dreiakttge Sattre„Die heilige Sache" wurde vom Lustspielhau)e erworben.— —.Der Gaukler Unserer lieben Frau", die neue dreiaktige Oper von M a s s e n e t, geht als erste Novität der neuen komischen Oper an der Weidendammer Brücke in Szene.— — Im K ü n st l e r h a u s e Ivurde am Sonntag eine hol- ländische Ausstellung eröffnet. Vertreten sind unter anderen: ten Cate, Gorter, Krabbe, Ritsema, Therese Schwartze.— — Ein Kongreß zur Bekämpfung der Farben- und Malmaterialien- Fälsch un gen wird an, Mittwoch in München eröffnet Professor Dr. Raehmann aus Weimar wird„Ueber die Technik der alten Meister der klassischen Zeit, beurteilt nach mikroskopischen Untersuchungen von Bruchstücken ihrer Gemälde", Professor Dr. Fr. Linke aus Wien„Ueber die Wichtig- keit einer genauen und bestimmten Bezeichnung der Farben- und Malmittel", Professor P a l m i ö- München„Ueber die Farben- fälschung vom Standpunkte des Künstlers aus" sprechen.— — Der Tunnel der I u n g f r a u b a h n, der die beiden Felsenstationeir Eigerwand und Eismeer(3161 Meter) mit einander verhindet, ist an, Soimabend nachmittag durchgeschlagen worden. Der Tunnel ist 1350 Meter lang, 3,7 Meter breit und 4.35 Meter hoch.— � In Holland iverden in Zukunft die P o st ä ,n t e r Brief- marken der verschiedenen Länder des Weltpostvereins feilhalten. Die Maßnahme ist darauf zurückzuführen, daß mancher Briefschreiber bisher schriftlichen Anfragen nach dem Aus- lande gern eine dort gültige Freimarke für Rückantwort beigefügt hätte, wenn ihm eine solche Marke zur Hand gewesen wäre.— Vorwärts Buchdruckerei u.Vcr lagSanstalt Paul Singer L-To., Berlin 2 W«